Besuch in Hannover

Die Linke und der Krieg, das ist eine sehr lange, sehr unglückliche Geschichte, die sich gerne auch um Russland drehte. Im Ersten Weltkrieg spaltete sich die SPD in Patrioten und Pazifisten. Aus den Pazifisten ging die USPD und auch die Kommunistische Partei hervor, die in Russland seit 1917 ihr Jerusalem fand. Vor Hitlers „Machtergreifung“ hätte sich die deutsche Linke wieder vereinigen können, was sie aber nicht tat; im Gegenteil sahen sie im anderen den Erzfeind. So hatte Hitler freien Lauf und sperrte ins KZ, wen er aufgreifen konnte, Kommunisten wie Sozialisten und Sozialdemokraten. 

Die Kommunistische Partei existiert noch in Frankreich, aber nicht mehr in Deutschland, wo es zwar die Linke gibt, die jedoch eher harmlos und zudem herzlich miteinander verfeindet ist.. Geblieben ist die SPD in der Doppelgestalt von Patrioten und Pazifisten, von Russland-Verächtern (neuerdings) und Russland-Verstehern. Dafür sprechen einige Einlassungen vom Wochenende Bände. 

Mit besonderem Interesse habe ich die ausführliche Geschichte einer Reporterin der „New York Times“ nach ihrem Besuch bei Gerhard Schröder in Hannover gelesen. Seltsam genug, dass eine amerikanische Tageszeitung zu ihm vordrang und keine deutsche, aber egal. So viel vorneweg: Schröder geht nicht in Sack und Asche, im Gegenteil, „für mea culpa bin ich nicht zu haben“, sagt er.

Gern und viel erzählt er über seine unverbrüchliche Freundschaft zu Putin. Am 9. Dezember 2005, da war er seit 17 Tagen nicht mehr Bundeskanzler, bekam er einen Anruf von Wladimir Putin, der ihm den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Nord Stream mit der Frage anbot: „Hast du Angst für uns zu arbeiten?“ Hatte er damals nicht und hat er heute nicht. So spottet er über die Zumutung der SPD, er solle sich persönlich von Putin, dem Kriegstreiber, distanzieren. 

Kurz vor der Invasion traf der Gerd den Wladimir in Sotschi. Davon gibt’s ein Handy-Foto, das Schröder der Reporterin zeigt: Putin in rotem Eishockey-Dress, Schröder in Hemd und Jackett. Worüber sie geredet haben? Über Fußball, sagt Schröder in seinem Büro in Hannover. Ehrlich jetzt?

Ich kenne Schröder seit vielen Jahren. Seine Härte, sein Gleichmut, sein Durchstehvermögen haben mir imponiert. Die Schnoddrigkeit weniger, die im Alter noch zunahm. Nun ist daraus Gleichgültigkeit, gepaart mit Zynismus hervorgegangen. Der Mann, der immer Abhängigkeiten abschüttelte, ist gefangen in der Abhängigkeit von Putin, der ihn reich gemacht hat, worauf es Schröder zweifellos ankam, und für den er alles aufs Spiel setzt, was ihm ehedem wichtig war.

Seine Reise nach Moskau, ein Wunsch der ukrainischen Regierung, führte zu rein gar nichts. Grübeln über den Misserfolg? Fehlanzeige. Der Krieg? Ja, den verurteilt Schröder, aber nicht Putin, der ihn anzettelte. Die Gräuel von Butscha? Müssen untersucht werden, keine voreiligen Schlüsse. Und wenn russische Soldaten sie verübt haben sollten, hat sie Putin bestimmt nicht angeordnet, sagt Schröder im Brustton der Überzeugung.

Meint er, was er da sagt? Jedenfalls riskiert er den Bruch mit Putin nicht. Dafür wäre es für den dritten sozialdemokratischen Kanzler ohnehin zu spät.

Der amtierende Bundeskanzler gab dem „Spiegel“ ein Interview. Die Fragesteller machten sich die Vorwürfe des ukrainischen Botschafters zueigen und Olaf Scholz schmetterte sie allesamt ab. Dummerweise fragten sie nicht weiter, als der Kanzler seine Angst vor einem Atomkrieg wiederholte. Es wäre natürlich wirklich interessant zu wissen, ob sie vorgeschoben ist oder echt. Ich vermute, sie ist echt.

An Scholz lässt sich viel herumkritteln. Ja, arrogant wirkt er. Ja, er lässt manches Mal zu deutlich seinen Informationsvorsprung spüren. Doch eines kann man ihm schlechterdings nicht absprechen: seine Ernsthaftigkeit, die der Weltlage überaus angemessen ist. Ich finde es sehr merkwürdig, dass so viele Kommentatoren vergessen zu haben scheinen, dass Putin mehrmals mit dem Einsatz seiner Nuklearwaffen gedroht hat. Denn falls seiner Armee auch die Eroberung der Ost-und Südukraine misslingen sollte, wäre ihm durchaus zuzutrauen, dass er seine Drohung wahrmacht.

Zu oft hat der Westen in der Vergangenheit nicht richtig hingehört, was Putin sagte. Was aber dann, wenn er tatsächlich eine taktische Atomrakete abschießt? Wie würde die Nato darauf reagieren? Wo steht dann die Supermacht Amerika? Wo Deutschland?

Ich finde, dass der eine oder andere Politiker, der sich im Schnellstudium zum Ukraine-Fachmann und Panzer-Kenner hinauf katapultiert hat und jetzt schnellstens schweres Bundeswehr-Gerät liefern möchte,  kurz mal innehalten und die Folgen bedenken sollte. Bedenke deine Mittel, ist ein gutes militärisches Motto, vor allem für Zivilisten wie Anton Hofreiter, die den Kanzler für seine Zurückhaltung aufs Schärfste maßregeln. 

Kriege sind immer unberechenbar. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen, sagen Militärs selbstironisch. Fast immer kommt es anders als vorgesehen. Konventionelle Kriege, die Atommächte wie Russland führen, sind absolut unberechenbar. Geht es auf dem Schlachtfeld nicht recht voran, bleiben ihnen andere Möglichkeiten. 

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland. Normalerweise findet dann in Moskau eine Parade statt, in der die militärischen Schmuckstücke vorbeirollen. Man kann sich gut vorstellen, dass Putin bis dahin im Osten und Süden der Ukraine Triumphe vermelden will. 

Bis dahin wird auch die Bundesregierung ihren Beschluss verkünden, nun doch Panzer etc. zu liefern. Der Druck in Deutschland und Osteuropa ist einfach zu groß, das wird auch Olaf Scholz einsehen. Er ist kein Pazifist, eher ein Patriot, und vielleicht auch deshalb nicht so hurtig im Umdenken wie die Grünen in seiner Regierung.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Die den Krieg nachspielen

Momentan überbieten sich einige Politiker darin, der Ukraine schwere Waffen zu liefern, so dass man sich doch sehr wundern muss. Anton Hofreiter gehört zu den größten Dränglern, selbstverständlich ironiefrei und reflexionslos. Selbstironie wäre angebracht, weil er gestern noch auf einem ganz anderen Dampfer unterwegs war, natürlich im ultimativen Kommandoton, der ihm eigen ist. Und Selbstreflexion könnte er von Robert Habeck lernen, wenn er wollte oder könnte.

Zur neuen Haltung gehört auch, dass jedermann dem Kanzler sofortiges Handeln abverlangt. Viele Leute wissen heute vieles besser und das sehr markig. Hatten wir gestern noch 80 Millionen Bundestrainer, so haben wir heute nicht ganz so viele Bundeskanzler, aber schon sehr viele. Das Reden ist ja auch folgenlos, das Handeln aber nicht. Wäre ganz schön, wenn mancher mal innehielte und sich kantianisch fragen würde, ob die Maxime seines Schwadronierens als Maxime des Handelns taugen könnte.

Schon jetzt sind wir Kriegspartei. Passiv zwar, aber den Unterschied machen ja vielleicht nur wir. Und seltsamerweise gibt der Botschafter der Ukraine den rotzigen Ton vor, dem Politiker à la Hofreiter dankbar aufnehmen. Unter anderen Umständen hätte die deutsche Außenministerin den Botschafter längst ins Amt einbestellen und ihn zur Mäßigung ermahnen müssen. Auch unter den obwaltenden Umständen wäre es nötig, da seine beleidigenden Rundumschläge, diesmal gegen Siegmar Gabriel, längst überhand genommen haben.

Der Bundespräsident hat sich für seine Fehleinschätzungen entschuldigt. Okay. Von Gerhard Schröder haben wir länger nichts mehr gehört oder gesehen. Ist kein Schaden, obwohl eine Erklärung nach dem Besuch bei Wladimir Putin fällig gewesen wäre. Egal, der Absturz des ehemaligen Bundeskanzlers zur persona non grata ist eh beispiellos. Für Entschuldigungen oder dergleichen ist es viel zu spät. Auch alte Freunde sind ratlos. Und die SPD, die schlecht beraten war bei ihrem Feldzug gegen die Agenda 2010, ringt nun die Hände und versucht, Schröder perteimitgliedsmäßig loszuwerden. Der späte Gerhard Schröder teilt das Schicksal des späten Helmut Kohl, inklusive erheblich jüngerer Frau, die sich für PR zuständig fühlt und den letzten Nimbus pulverisiert.

Auch Manuela Schwesig steht unter Rechtfertigungszwang. Die Fouchés dieser Tage werfen ihr den Einsatz für Nord Stream 2 vor. Tatsächlich hat sie getan, was sie tun musste, als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, dem es an Industrie gebricht. Die Pipeline nach Lubmin fand sie vor, hat sie nicht erfunden und auch nicht der Bundesregierung aufgenötigt, deren Bundeskanzlerin nicht zufällig ihren Wahlbezirk in diesem Bundesland hatte. Wirklich vorzuwerfen bleibt Manuela Schwesig die seltsame Stiftung von Gnaden von Gazprom, doch das war schon der verzweifelte Versuch zu retten, was kaum noch zu retten war.

Wilde Tage. Die Waffen, welche die Ukraine noch nicht hat, erreichen sie wohl kaum noch vor der Offensive in der Ostukraine. Dort findet der reale Krieg statt, den so viele Großstrategen hierzulande nachspielen, unbedacht und fahrlässig.

p.s. Unser Justizminister Buschmann sagt, die Lieferung von Panzern ist kein Kriegseintritt. Ich liebe die Rechtswissenschaft, sie unterscheidet genau, egal wie falsch sie damit liegt.

Mit Real gefreut, mit Chelsea getrauert

Gestern habe ich mir das Rückspiel Chelsea gegen Real angeschaut. Bayern habe ich ignoriert, weil ich mir dachte, die machen das schon, die rächen sich, kommen eh weiter. Das interessantere Spiel war nun mal Tuchel gegen Ancelotti, Havertz/Werner/Rüdiger gegen Kroos/Alaba. Ich wusste gar nicht, zu wem ich halten sollte, was mir wirklich selten passiert. Ich finde Thomas Tuchel großartig und werde es Aki Watzke ewig nachtragen, dass er ihm kündigte – nach dem Pokalsieg, nach einer wirklich guten Saison mit einem entscheidend geschwächten Kader.

Beim Hinspiel hatte mir Real imponiert und der Sieg war gerecht, wenn auch der schreckliche Fehler von Torwart Mendy ein Tor mehr bescherte, als gerecht gewesen wäre, aber so ist Fußball eben, Fehler werden sofort bestraft. Und genau dieses Tor führte am Ende zum Ausscheiden Chelseas.

Auch das Rückspiel zeigte Fußball in Reinkultur. Zwei großartige Trainer, zwei großartige Mannschaften. Technik und Leidenschaft. Taktik und explosiver Individualismus. Auch beim 3:0 fühlte ich mich noch nicht sicher, denn diesmal hielt ich zu Chelsea, das das Spiel so beherrschte wie Real das in Chelsea beherrscht hatte. Selbst als das 3:2 in der Verlängerung fiel, hinreißender Kopfball von Benzema, war noch nichts entschieden. In den letzten beiden Minuten hätte Chelsea zwei Tore schießen können. Unbedingt köpfte Havertz knapp an der Latte vorbei und dann schoss, ich glaube Mount, auch unbedrängt, aus sieben Metern neben das Tor.

Das Besondere an diesem Spiel waren die Alten. Kroos, 32, brillierte und war verständlicherweise sauer, als Ancelotti ihn in der 72. Minute auswechselte, wobei der junge Franzose Camavinga zeigte, dass er irgendwann Kroos ersetzen kann. Dann Benzema, 34: besser als Lewandowski. Und über allen Modrić, 36, der auf einzigartige Weise das Spiel macht, wenn Kroos draußen ist. Dieser Pass über 30 Meter mit dem Außenriss in Rodrygos Lauf: unfassbar!

Tuchel hatte seine Mannschaft blendend eingestellt. Werner rechtfertigte sein Vertrauen. Havertz: elegant wie immer, aber der Kopfball muss drin sein. Rüdiger: kraftvoll, ein herrliches Tor, aber vor Benzemas Kopfball rutscht er im Strafraum aus.

Auch Ancelotti imponiert mir. Immer ruhig, immer cool, auch beim 0:3, auch im Sieg. Was Zidane mit dieser Mannschaft nicht mehr gelang, nämlich das Optimale aus ihr herauszuholen, geling Ancelotti.

Endlich mal ein Fußballspiel, das anzuschauen eine reine Freude war. Am Ende habe ich mich mit Real gefreut und mit Chelsea getrauert.

Dazu passt doch, dass der Kleinstadtklub Villareal den großen FC Bayern besiegt hat. Nicht, dass ich die Niederlage nicht schade fände, aber die ewige Angeberei, die Nagelsmann nicht teilt, muss ab und zu bestraft werden, oder?

Mit Verlaub, mit dieser Regierung sind wir gut bedient

Ab und zu ist es sinnvoll, nach draußen zu schauen, um das Drinnen besser zu verstehen. Boris Johnson war in der Ukraine, spazierte mit Wladimir Selenskji durch Kiew, natürlich schwer bewacht, und behauptet, dass niemand so kompromisslos wie er an der Seite der Ukraine steht. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass er Flüchtende aus der Ukraine nur mit Visum ins Land lässt und sogar das Entgegenkommen preist, dass sie nicht persönlich auf dem Konsulat erscheinen müssen. Typisch Johnson, würde ich sagen, zynischer Clown, bereit zu jeder Show, damit die Partys in Downing Street während der Pandemie in Vergessenheit geraten.

Oder mal diese Überlegung: Was wäre eigentlich, wenn der Bundeskanzler Armin Laschet oder Friedrich Merz hieße? Wäre Deutschland dann besser dran? Glaube ich nicht. Ja, Olaf Scholz ist nicht der große Kommunikator, aber er ist im Stoff, ist kompetent, durchdenkt die Optionen und ist vertrauenswürdig, oder? Wie wäre es denn, wenn wir gelegentlich die Männer und Frauen, die uns regieren, bei ihren Stärken nähmen und nicht andauernd ihre Schwächen beklagten?

Robert Habeck vermag es, die Drangsal des auferlegten Pragmatismus im Verhältnis zum Wünschenswerten beispielhaft zu reflektieren und Annalena Baerbock hat den richtigen Ton sehr schnell gefunden. Dazu zeigt Christian Lindner, dass er auf der Höhe der Probleme ist. Also, mit Verlaub, wir sind gut bedient mit dieser Regierung.

Auch bin ich erleichtert, dass der Moralismus in der Betrachtung des Krieges und den Mitteln seiner Beeinflussung allmählich nachlässt. Neulich saß die Grüne Marie-Luise Beck bei „Anne Will“ und sprach sich inständig für eine Flugverbotszone aus, unter dem Hinweis, das sie vom Militärischen nichts verstünde. Keineswegs steht sie allein mit ihrer Empfehlung, man müsse doch irgendetwas tun. Damit rückt pragmatisches Wirklichkeitsverständnis fast automatisch in die Defensive, wenn nicht in die Nähe mangelhafter Menschlichkeit. Man sollte aber schon wissen, was eine Flugverbotszone nach sich zieht, zum Beispiel einen dritten Weltkrieg. Kann man das wollen? Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen, heißt es bei Wittgenstein. Gute Maßregel.

Natürlich muss man ein Herz aus Stein haben, wenn man bei den Bildern von gefesselten toten Zivilisten oder Massengräbern nicht von heißer Wut ergriffen wird. Oder diese an Niedertracht beispiellosen Lügen aus dem Kreml –  wer würde Sergej Lawrow nicht am liebsten ins Gesicht springen? Dass der geschundenen Ukraine so viel geholfen werden muss, wie nur irgend möglich, versteht sich von selber. Gehört aber ein Embargo auf Öl, Kohle und Gas dazu?

Entscheidende Frage. Schlimmes Versäumnis, dass Deutschland auf Diversität der Energieversorgung verzichtet hat. Doch diese Abhängigkeit lässt sich nicht einfach abschütteln. Auf Kohle und Öl aus Russland können wir wohl auch auf kurze Sicht verzichten. Auf Gas können wir jedoch nicht so schnell verzichten, weil dann ganze Industriezweige wie Chemie/Pharma/Metall/Stahl/Elektronik/Auto/Anlagenbau in maximale Schwierigkeiten geraten. 

Die Teuerungsrate liegt ja jetzt schon hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Lebensmittel- und Energiepreise steigen weiter, was jeder Konsument am Geldbeutel merkt und etliche Konsumenten noch stärker merken als andere. Die negativen Auswirkungen lassen sich in Frankreich studieren, wo Marine LePen die Kaufkraft zum Mantra ihres Wahlkampfes macht und damit enormen Erfolg erzielt.

Kriege haben Auswirkungen, die sich überall niederschlagen, politisch wie wirtschaftlich. So ist das nun einmal. Das Ausmaß lässt sich begrenzen. Vor allem aber braucht es eine Regierung, welche die Nerven behält und dem Moralismus, so verständlich er auch ist, nicht nachgibt.

Wäre der Ukraine denn geholfen, wenn die politischen Auswirkungen eines Embargos Deutschland politisch so veränderten, wie sie Frankreich verändern? Stellen wir uns kurz mal vor, Marine LePen wird Präsidentin und die Regierung Scholz verliert den Rückhalt, den sie jetzt noch genießt: Damit wird die Europäische Union nicht nur dramatisch geschwächt, sondern sie zerfällt in ihre Einzelteile und auch die Nato büßt an Schlagkraft ein. Zur Konsequenz gehörte dann ebenfalls, dass die Ukraine plötzlich allein da steht, da die Aussicht, Mitglied der EU zu werden, minder attraktiv erscheint.

Und Wladimir Putin hätte erreicht, woran er überall auf der Welt arbeitet, in Syrien wie Libyen, in Serbien wie Ungarn wie in der Ukraine: die Schwächung des Westens in seinen wesentlichen Institutionen.

Die Zeiten bleiben finster. Die Offensive in der Ostukraine steht bevor. Das Land benötigt noch mehr Kriegsgerät und moralische Unterstützung, was denn sonst. Leider nur in dem Maße, das uns gegeben ist.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Meine Stadt, meine Alster

Hamburg. Schöne Stadt. Sauber, reich, traditionsbewusst, bürgerlich, arrogant. Mag ich alles. Hier kam ich im August 1980 an, ein Kind aus kleineren Verhältnissen, wusste nicht, was ich konnte, ob ich in dieser wunderbaren, arroganten, bürgerlichen „Zeit“ bestehen konnte. Gestern habe ich mit meinem Chef von damals telefoniert, Theo Sommer, genannt Ted, der beste Chef, den ich je hatte. Er verbreitete gute Laune, vor allem dann, wenn an einem Dienstag das Blatt auf den Kopf gestellt werden musste, weil Sadat ermordet worden war oder Maggie Thatcher die Falklands zurückerobern wollte. Als ich meine ersten Leitartikel schrieb, gab er mir immer das Gefühl: Ich weiß, Sie sind nervös, aber ich weiß, dass Sie das können, nur munter darauf zu. In seinem Kopf dachte er sich ganz bestimmt: Was er nicht hin kriegt, biege ich gerade. Aber nicht Zweifel säte er, sondern Vertrauen.

Gestern habe ich mit Ted telefoniert. Seine Stimme: die alte. Er sagte, er hätte sich im Alter weniger aufregende Zeiten gewünscht. Im Juni wird er 92. Er schreibt an seinen Memoiren. Ich freue mich darauf, ihn zu sehen und sie zu lesen.

Früher fuhr ich gerne nach Berlin und kam gerne nach Hamburg zurück. Heute lebe ich ich gerne in Berlin und komme gerne zwischendurch mal nach Hamburg. Aus dem Hotelzimmer schaue ich auf die Außenalster, auf der ich segeln lernte. Gegenüber in der Fontenay 13 c hatten wir in den ersten Jahren gewohnt. Wenn ich aus dem Büro nach Hause kam, fuhr ich meinen Sohn Vincent im Buggy die Alster entlang. Für mich war es ein seelenerhebendes Erlebnis, um die Ecke zu biegen und Segelboote mitten in der Stadt zu sehen. Als ich selber segeln konnte, war ich fasziniert davon, dass die Geräusche der Stadt auf dem Wasser verschluckt wurden.

Zuletzt haben wir an der Elbe gewohnt, Höhe Strandperle. Über die Straße, den Weg hinunter, ein Glas Wein in der Hand, dann kam, hatten wir Glück, ein riesiges Containerschiff, voll beladen, und zwei Lotsenboote vorne und hinten bugsierten den Koloß elegant rückwärts zum Entladen.

Jetzt wohnen wir auch am Wasser. Aus der Haustür, um die Straßenecke, ein paar Stufen hinunter und schon bin ich am See. Bis Ende November bin ich reingegangen, morgens um 7, der Graureiher wartete mich ab und flog dann elegant über das Wasser, über dem Frühnebel lag. Einmal, ich trocknete mich gerade im Dämmerlicht ab, jagte ein Horde Wildschweine an mir vorbei. Sehr froh war ich, dass sie mich noch nicht einmal ignorierten.

Nun noch heute und morgen die alte Stadt, in der ich 37 Jahre mit Unterbrechungen in Bonn und Washington gewohnt habe. Nach Ostern komme ich wieder hierher und besuche Ted, den besten Chef ever.

Wahrheit und ihre Beugung

Gestern Abend habe ich mir „Maischberger“ angeschaut. Sie unterhielt sich mit dem ukrainischen Botschafter Andrej Melnyk, der seit dem 24. Februar einen Sonderstatus erreicht hat und wahlweise den Bundespräsidenten beschimpft oder die Bundesregierung aufs Schärfste kritisiert. Dieses Monopol hatte bislang Richard Grennel inne, der in Trumpscher Manier mit Unflat um sich warf.

Ein Land wird von einem größeren überfallen, begeht Kriegsverbrechen, legt Städte in Schutt und Asche. Da muss es auch einem Botschafter erlaubt sein, Forderungen zu erheben und Wünsche auszusprechen und Kritik zu üben. Wenn er dazu in diese und jene Talkshow eingeladen wird, nutzt er den Ausnahmezustand, wer könnte es ihm verübeln. Auffällig ist nur, dass er einerseits instrumentalisiert wird und andererseits auf ein derart schlechtes Gewissen stößt, so dass ihm angemessene Fragen erspart bleiben, weil sie niemand traut. Instrumentalisiert, weil er eingeladen wird, um seine Gravamina vorzutragen. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass die Herren Klingbeil/Söder etc. leise werden oder verdruckst vortragen, warum Deutschland kein Embargo einführt.

Diese Verlegenheit führt zu argen Verkürzungen der Wahrheit, die der Botschafter gepachtet hat. Es ist ja nicht nur so, dass wir mit Nord Stream 1 Putins Krieg finanzieren. Diese Pipeline führt bekanntlich durch die Ukraine und dafür bekommt sie auch jede Menge Gebühren bezahlt und zwar nicht zu knapp. Hat schon mal irgendjemand diese schlichte Gegenfrage gestellt? Nicht dass ich wüßte. Oder die Richtigstellung unseres Kanzlers, dass Putin an das Geld, das wir für bezahlen, momentan nicht herankommt. Sie ist einfach verebbt und wird als Argument nicht benutzt. Oder die Waffenlieferungen: Gabor Steingart, der seine Machete neuerdings stecken lässt, wies gestern darauf hin, dass die Ukraine mit Waffen aus Amerika geflutet wird, so dass dafür Deutschland keineswegs gebraucht wird. Stimmt. Also, aus welchem Grund dann lassen sich die Deutschen unverdrossen an den Pranger stellen? Amerika ist wichtig. Zumal das ukrainische Militär auch deshalb aufopferungsvoll kämpfen kann, weil es per Satellit über russische Stellungen und Truppenbewegungen informiert ist, vom CIA und möglicherweise von Militärberatern. Auch so ein Faktum, das beschwiegen wird.

Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit, heißt es. Nirgendwo stirbt sie derart umfassend wie in Russland, wo Lawrow und Putin abwegige Geschichten aus dem Wienerwald erzählen. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskji, den ich persönlich bewundere, tritt man gewiss nicht zu nahe, wenn man liebend gerne wüßte, wo seine Wahrheit endet und wo seine Beugung beginnt, denn er richtet sich ja immer wieder an das westliche Publikum, damit dessen Herz unverdrossen für sein Land pochen möge und so viele Staaten wie möglich die Sanktionen verschärfen und Schützenpanzer etc. liefern.

Wenn David gegen Goliath kämpft, muss man ganz einfach für David sein. Aber David muss schlau und listig sein und auch tückisch, denn wie sollte er sonst gewinnen. In seinen Mitteln kann er gar nicht wählerisch sein, er muss ja seinen Nachteil ausgleichen. Zumal Goliath Brutalität vorzieht und die Erde verbrennt, wo er kann. Aber was heißt das: Goliath darf den Krieg nicht gewinnen? Und wer sorgt dafür, dass er den Krieg nicht gewinnt? Oder anders gefragt: Welcher Sieg kommt einer Niederlage gleich?

Der Bundeskanzler hat diesen kryptischen Satz gesagt, um dem herrschenden Moralismus der Stunde zu relativieren. Auch das verstehe ich, aber wenn es sich nicht um eine Leerformel handeln sollte, muss Olaf Scholz rasch präzisieren, was er meint.

Finstere Zeiten ziehen herauf

Wer Olaf Scholz gestern Abend im ARD-Interview zuhörte, erlebte einen Kanzler, der bestens informiert und hoch besorgt ist. Er sprach von der Wiederkehr des Imperialismus, der mit Gewalt Grenzen verändern will. Also ist die Ukraine kein Einzelfall und wir müssen mit mehr rechnen – mit einer Ausweitung des Krieges, solange Wladimir Putin über Russland herrscht.

Deshalb schließt die Wiederaufrüstung der Bundeswehr zu Streitkräften, die den Namen verdienen, den Kauf eines mobilen bodengestütztes Systems zur Abwehr von Raketen, Artillerie und Mörsern ein – den berühmten „Iron Dome“, den Israel entwickelt hat und anwendet. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass der Kanzler und seine Regierung mit dem Schlimmsten rechnen und sich darauf einstellen.

Olaf Scholz betonte im Interview Mal um Mal, dass der Westen die Ukraine mit Waffen aller Art beliefert hat und weiterhin beliefern wird, auch Deutschland. Dazu versorgt der amerikanische Geheimdienst CIA die ukrainische Armee mit Satellitendaten in Echtzeit, wo russische Panzer sich bewegen, wo russische Raketenstellungen stehen und auf welchen Straßen die Armada der Versorgungsfahrzeuge unterwegs ist.

Alles richtig und wichtig. Damit ist aber auch gar nicht zu übersehen, dass der Westen mit seiner Vormacht USA in den Krieg verwickelt ist.

Dass die Nato weder eine Flugverbotszone einrichtet noch direkt  in diesen Krieg eingreift, weil die Ukraine nicht dem Bündnis angehört, ist eine feine, wichtige Unterscheidung. Dazu kommt die Vielzahl der Sanktionen, die Wirkungen entfalten, auch wenn das Embargo auf Öl, Gas und Kohle aus Rücksicht auf unsere von diesen Rohstoffen abhängige Industrie ausbleibt. Damit unterstützen wir die Ukraine in ihrer Verteidigung gegen einen Überfall, ohne in den Krieg einzugreifen.

Und was passiert aus Putins Sicht?

Aus Putins Sicht befindet sich Russland im Krieg mit Amerika. Amerika ist daran schuld, dass die Ukraine sich wehrt, dass womöglich 10 000 russische Soldaten gestorben sind, dass Verbände mit ihren Vorstößen in den letzten Tagen die Invasoren da und dort zurückschlagen können. Ohne US-Satelliten, ohne Panzer und Panzerabwehrwaffen aus dem Westen, hätte die Ukraine nicht schon fast fünf Wochen lang Widerstand leisten können. Und dazu hofiert der gesamte Westen den Präsidenten Wolodimir Selenskji, der per Video Reden an den Kongress in Washington oder an den Bundestag nach Berlin halten darf und dafür stehende Ovationen bekommt.

Diktatoren suchen immer die Schuld bei anderen. Bei finsteren Mächten im Ausland. Bei Versagern in der Armee und im Geheimdienst. Oder glaubt irgendjemand, dass Putin in sich geht und feststellt: Ich habe mich geirrt, ich habe Fehler gemacht, ich bin Irrtümern aufgesessen?

Ein Diktator, der nicht bekommt, was er haben will, ist doppelt gefährlich. Davon zeugen zerstörte Städte wie Mariupol. Die militärische Logik der stagnierenden Invasion ist Terror gegen Zivilisten, weshalb systematisch Raketen auf Krankenhäuser und Kindergärten, auf Hochhäuser und Wohnsiedlungen fallen. In Odessa richten sie sich auf Angriffe ein, Kiew ist schon seit Tagen im Ausnahmezustand. Lviv ist auch schon angegriffen worden. Das Prinzip Grosny heißt: Macht platt, was steht; vertreibt, wen ihr vertreiben könnt; tötet, wer sich nicht ergibt.

Wohin führt das? Vier Optionen bieten sich an.

1.) Der Krieg zieht sich hin. Stadt auf Stadt zerfällt. Zehntausende sterben. Dann könnte Präsident Selenskji, um das Töten zu beenden, das Angebot machen: Ich gehe ins Exil, wenn die Russen den Krieg beenden. Dann bekommt Putin doch noch, was er will: Er annektiert die ganze Ukraine und setzt in Kiew einen Quisling ein.

2.) Da Putin alte imperiale Größe anstrebt, bleibt er nicht in der Ukraine stehen. Da seine Armee erschöpft ist, kann die nächste Phase jedoch nicht konventionell ausfallen. Statt dessen zündet er wirklich eine Atombombe in der Atmosphäre als Zeichen seiner Entschlossenheit und richtet seine Erpressung zum Beispiel an Polen: Besser für euch, wenn ihr Nato und EU verlasst und euch uns unterwerft.

3.) Präsident Selenskji liegt womöglich mit seiner Behauptung nicht falsch, dass Berlin das Endziel ist. Dann wäre die Ukraine heute, was damals Spanien war: ein Exerzierplatz für größere Vorhaben, den Weltkrieg.

4.) Im inneren Machtzirkel des Kreml finden sich Verschwörer zusammen, denen Putin zu weit geht und ziehen ihn aus dem Verkehr. Da er mit Zusammenrottung rechnet, wie alle Alleinherrscher, und dagegen Vorkehrungen trifft, steckt in dieser Option wohl vor allem Wunschdenken.

Putin hat sich zu einem klassischen Diktator aufgeschwungen, der sein Land als Opfer einer Serie von Demütigungen versteht. Immer steckt Amerika dahinter, in der Ukraine wie in Georgien. Die Ausdehnung der Nato nach Osten ist aus dieser Sicht eine großangelegte Intrige und ein Verrat dazu. Jetzt aber ist Amerika schwach und machtlos: in Syrien, in Libyen, in Afghanistan. Und Europa ist nichts ohne atomaren Schutz der USA. Die Vertreibung Amerikas aus Europa wäre der ultimative Triumph, das umgekehrte 1989, die Revision der geostrategischen Katastrophe, wie Putin das Ende der Sowjetunion nannte.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich solche Überlegungen je anstellen müsste. Aber es gibt Grund zu weitreichenden Befürchtungen. Davon zeugte auch der eindrucksvolle Auftritt des Bundeskanzlers in der ARD. Finstere Zeiten sind heraufgezogen. Bleibt nur die Hoffnung, dass sich bald Unverhofftes zu unserer Erleichterung ereignet.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Klug, urteilssicher und amüsant

Natürlich hätte man von ihr gerne noch gewusst, was sie von Putin hält und ob sie glaubt, dass er es bei der Ukraine beläßt. Madeleine Albright gehörte zu den Menschen, die klare Meinungen ihr eigen nennen und damit nicht hinter dem Berg halten. Ihre Stimme war kraftvoll und vibrierte in den höheren Tönen. Damit erreichte sie Kultstatus, der ihr Gastauftritte bei den „Gilmore Girls“ und in „Madame Secretary“ bescherte. Natürlich war sie ein ernsthafter Mensch, gebildet, lehrte in Georgetown, war die erste Außenministerin der USA, aber sie war auch amüsant und nahm sich selber nicht blutig ernst. Schöne Charakterzüge. 

Mit Joschka Fischer verstand sie sich richtig gut. Sie mochte ihn, den Autodiktaten, der oft so angestrengt wirkte, weil er sich und der Welt unbedingt beweisen wollte, dass er so gut wie ein geborener Außenminister war. Sie wurde in Prag geboren, kam aus einer Diplomatenfamilie, bürgerlicher geht es kaum. Er stammte aus einer ungarischen Familie, weitaus kleinere Verhältnisse.

Vielleicht wirkte das Gegensätzliche weniger als das Gemeinsame: die Wurzeln in einem anderen Boden, die Flucht, und die nicht einfache Ankunft in einem anderen Land. Das Mütterliche in ihr richtete sich freundlich auf ihn aus und so wurde aus Madeleine und Joschka ein vorzügliches Tandem auf der Weltbühne. Sie sagte über ihn: „Er ist eine der klügsten und moralischsten Persönlichkeiten, die ich kenne.“ Dieses Urteil bildete sie im Kosovo-Krieg, den beide hochmodisch begründeten.

Ihre Eltern hatten 1938 gerade noch im letzten Augenblick die Tschechoslowakei verlassen und die kleine Madeleine wuchs in Amerika auf. Sie beriet etliche demokratische Präsidentschaftskandidaten, eher Verlierer, die heute vergessen sind, mit der Ausnahme Jimmy Carter. Sie pendelte zwischen Universität und Politik, die sie faszinierte und anzog. Sie war 58 Jahre alt und Bill Clintons Kandidatin für das Außenministerium, als sich ihr Leben im Jahr 1996 auf den Kopf stellte.

Ihre Eltern hatten ihr nie erzählt, dass sie jüdischen Glaubens waren und viele Familienmitglieder im Holocaust umgebracht worden waren. Dass erfuhr sie detailliert zum ersten Mal von einem Reporter der „Washington Post“. Er sei plötzlich an sie herangetreten „und zeigte mir eine List von Nazi-Opfern mit den Namen meiner Verwandten. Es war eine Sache, von meinen jüdischen Wurzeln zu erfahren, eine ganz andere, mit dem Horror des Todes in den Lagern konfrontiert zu werden“, sagte sie dem „Spiegel“ vor einem Jahr.

Vor knapp 30 Jahren waren Frauen in herausragenden Ämtern noch eine Seltenheit. Es war ziemlich schlau, dass sie daraus Symbolik schlugen. Margaret Thatcher setzte ihre Handtasche wirkungsvoll ein, zückte sie we ein Schwert und platzierte sie lautmalerisch neben sich. Madeleine Albright fiel durch ihre überdimensionierten Broschen auf, die sie maximal auffälligem Revers  trug. Angeblich verband sie damit politische Botschaften an jeweilige Gesprächspartner, was natürlich  Quatsch war, aber sie hat sich ganz bestimmt über die Beschäftigung der Journalisten mit Nebensächlichkeiten amüsiert.

Nach ihrer Zeit als Außenministerin schrieb sie Buch auf Buch, war gefragt und ließ sich gerne fragen, reiste umher und suchte Freunde wie Joschka Fischer auf. Ihre Bemerkungen über Putin waren stets von tiefem Misstrauen geprägt. Sie warf ihm falsches Spiel vor, traute ihm viel zu und ermahnte westliche Politiker zur Vorsicht im Umgang mit ihm und zu Klartext im Gespräch, das auch. Tja, sie war eben klug aus historischer Erfahrung. Die jungen Frauen an den heutigen Schalthebeln der Macht können von Madeleine Albright lernen, wenn sie mögen.

Am Mittwoch starb sie nach längerer Krankheit an Krebs.

Veröffentlich auf t-online.de, gestern.

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Der große Gescheiterte

Oskar Lafontaine ist der große Gescheiterte der deutschen Politik. Er wollte viel, war ungemein begabt, ein guter Redner, ein Menschenfänger in seinen besten Zeiten. Mit einer einzigen Rede fegte er einen Vorsitzenden hinweg, das war Rudolf Scharping, an den sich nur noch die Älteren unter uns erinnern, mühsam. Mit seinem Mangel an Begeisterung für die Wiedervereinigung war Lafontaine ein Solitär unter den führenden Sozialdemokraten und entzweite sich deshalb mit Willy Brandt, seinem Vorbild und Mentor.

Natürlich ist Lafontaine auch eine tragische Figur, weil eine geistig verwirrte Frau ihm ein Messer in den Hals rammte, das war am 25. April 1990. Er gönnte sich keine längere Rekonvaleszenz, sondern stieg bald wieder ins Geschäft ein. Dass er fortan noch misstrauischer gegenüber Menschen war, die es gut mit ihm meinten, dass er sich nicht nur innerlich, sondern äußerlich isolierte, hängt vermutlich mit der geringen Ruhezeit nach dem Attentat zusammen. 

Es ist seltsam, dass zwei herausragende Figuren deutscher Politik kurz hintereinander Opfer von Attentaten in der wilden Zeit rund um die Wiedervereinigung wurden, erst Lafontaine und dann am 12. Oktober 1990 Wolfgang Schäuble. So verschieden diese beiden politisch und kulturell auch waren, so gut verstanden sie sich als Schicksalsgenossen. Miteinander konnten sie offen reden, vielleicht haben sie sich sogar wechselseitig ein bisschen therapiert. Beide machten so schnell wie möglich wieder weiter mit der Politik, eigentlich vom Krankenbett aus. Beide kamen trotz der schrecklichen Zäsur in die Nähe des Kanzleramtes, das sie sich trotz alledem zutrauten, und scheiterten dann an einem Größeren.

Lafontaine scheiterte an Gerhard Schröder, den er nicht ganz ernst nahm, dem er sich überlegen fühlte. Lafontaine, nicht Schröder, war der Liebling der deutschen Linken in den Anfängen der Ökologiebewegung und auch der Medien, dem „Spiegel“ vornweg. Auch deshalb bewunderte der Gerd den Oskar, von dem er sich einiges abschaute. Und dann schaltete der Gerd den Oskar aus. Der Gerd wurde Kanzler und der Oskar sein Finanzminister. Das hielt der Oskar nicht aus und schon gar nicht durch. Am 11. März 1999 schmiss er hin, zog sich ins Saarland zurück. Ein Schock, nicht nur für die Regierung, sondern für das ganze Land. Und das passierte der Sozialdemokratie, in der sich Größere wie Brandt/Schmidt/Wehner miteinander arrangiert hatten und Solidarität ein Leitbegriff war, eher zu viel gebraucht als zu wenig.

Für Lafontaine gilt der Satz: Die wenigsten Menschen scheitern an ihrer Intelligenz, sie scheitern an ihrem Charakter. Andere traten vor ihm aus politischen Gründen von ihren Ämtern zurück, zum Beispiel Willy Brandt. Lafontaine aber genießt bis heute das Privileg, dass er hinwarf und nicht mehr gesehen ward.

Von da an ging es mit ihm bergab. Ein Rechthaber war er immer gewesen und wurde es jetzt umso mehr. Die Linke war für ihn das Instrument, die SPD klein zu machen, sie aus der Regierung zu hebeln und ihr irgendwann die Bedingungen fürs Regieren zu diktieren. Eine Zeitlang ging es ja auch gut. Die Linke wuchs, im Osten sowieso, aber auch im Westen. Rot-Rot-Grün schien sich zur Regierungsalternative auszuweiten. Was wäre das für ein Triumph gewesen! Was für eine Genugtuung hätte darin gelegen! Doch nichts ist daraus geworden.

Die Geschichte, weiß man seit Marx, wiederholt sich zweimal: zuerst als Tragödie, dann als Farce. Die Tragödie war die Entfremdung von der SPD. Die Entfremdung von der Linken war nur noch eine Farce, erwartbar und nicht einmal für die Linke ein Schock.  Immerhin hielt Lafontaine eine letzte Rede im saarländischen Landtag. Dort hatte er angefangen, dort hört er jetzt auf. 

Der Oskar ist jetzt Privatier, im Alter von 77 Jahren. Seine Memoiren vermisst niemand, aber er wird sie schreiben, was soll er sonst machen. Der Gerd, fünf Monate älter, reist umher und versucht seinen Ruf zu retten, von dem nichts mehr zu retten ist. So gesehen ist der Oskar heute besser dran.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.