Im Land der frommen Männer

Sie sagen, die Vögel zwitschern wieder. Sie sind zurück in Kabul, es ist der zweite Sommer, in dem man sie wieder hört und auf den Bäumen im Garten sieht. Es ist ruhig in der afghanischen Hauptstadt. Kein anarchischer Verkehr mehr, kein wildes Gehupe und Geschrei. Es herrscht Stille. Totenstille.

Musik in der Öffentlichkeit haben die Taliban verboten. Bewaffnete Männer beherrschen die Stadt, die sie gemächlich mit ihren Pickups durchfahren. Die Tugendpolizei ist allgegenwärtig. Sie prügelt auf Sünder ein, zum Beispiel auf Männer mit einem Bart, den sie nicht lang genug wachsen lassen.

Mädchen dürfen nur noch sechs Jahre lang die Schule besuchen. Viele von ihnen werden gleich danach verheiratet, mit 13 oder 14, oft an wesentlich ältere Männer. Frauen sind ins Haus verbannt. Zum Einkaufen dürfen sie nur in männlicher Begleitung gehen.

Die Welt der Taliban ist das Monopol der Männer. Sie tragen Einheitskleidung liegt, sind im Shalmar Kameez gewandet: Dazu gehört eine weite, an der Hüfte lockere Hose, die an den Fußknöcheln von einem Band eng gehalten wird. Darüber tragen sie ein weites Hemd oder eine Tunika, die seitliche Schlitze für die Bewegungsfreiheit aufweist. Die Bärte sind lang, sie müssen runter bis auf die Brust reichen.

Fünf Jahre ist es her, dass die Taliban wieder die Herrschaft an sich reißen durften. In den deutschen Fernsehnachrichten spielen sie in diesen Tagen wieder die schrecklichen Szenen vom Flughafen ab, auf denen verzweifelten Menschen zu sehen sind, die niemand mitnehmen wollte.

Die USA hatten im Jahr 2001 eine Expeditionsarmee nach Afghanistan geschickt, um Osama Bin Laden für die Angriffe auf New York und Washington am 11. September zur Rechenschaft zu ziehen. Es dauerte allerdings zehn Jahre, bis Spezialeinheiten den Kopf von al-Quaida aufspürten und im pakistanischen Abottabad ermordeten.

Die anderen Nato-Länder, die kleinere und größere Kontingente an den Hindukusch schickten, unterstützten die USA. Insgesamt waren 150 000 Männer und Frauen der Bundeswehr über die 20 Jahre im Einsatz. 59 deutsche Soldaten starben.

Die USA wollten Demokratie in dieses arme Land tragen. Sie wollten dem Land ihren Stempel aufdrücken. Sie scheiterten genau so unrühmlich wie die Sowjetunion zuvor – und wie die Briten im 19. Jahrhundert oder Alexander der Große im 4.Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. 

Keinem der Invasoren gelang es, Afghanistan dauerhaft zu unterwerfen oder bleibend zu verändern. Insofern ist es konsequent, dass die Taliban wieder an die Macht zurückkehrten. Sie hatten versprochen, die gewonnenen Freiheiten, vor allem für die Frauen, zu achten. Wie zu erwarten war, taten sie das Gegenteil,

Der Anführer der Taliban heißt Haibatullah Akhundzada. Er residiert nicht in Kabul, das für ihn ein Sündenpfuhl zu sein scheint, sondern in Kandahar, der zweitgrößten afghanischen Stadt, die im Süden liegt. Hier wurde der Emir, wie sein Titel lautet, geboren und hier fühlt er sich wohl sicher. Ihn umgibt eine Privatmiliz.

Akhundzada ist geistlicher wie politischer Führer. Er hält regelmäßig Predigten im Radio, in denen er seinen Landsleuten seine Auffassung nahebringt, dass Frauenrechte ebenso wie nichtreligiöse Erziehung des Teufels Werk ist.

Der Emir hat die politische und wirtschaftliche Macht inne. Er verzichtete auf eine große Abrechnung mit den Stützen der alten Regierung, behielt einen größeren Teil der Beamten in den Ministerien und übernahm sogar das Computer-System, den Inbegriff der bösen Moderne aus Sicht der Taliban. Auch die Notenbank übernahm unter neuem Management etliche der Experten, so dass die Inflation begrenzt bleibt.

Afghanistan war und ist ein bitterarmes Land. Bis ins Jahr 2020 betrugen humanitäre und Entwicklungshilfe noch vier Milliarden Dollar. Seither geben allenfalls humanitäre Organisationen noch Geld; im Jahr 2025 waren es 1,2 Milliarden Dollar. Hospitälern und Kliniken fehlt es am Nötigsten, denn die Taliban haben die Ausgaben für Gesundheit und Wohlfahrt stark gekürzt. Sie setzen andere Prioritäten, sie bauen Straßen zwischen den Städten und kaufen Waffen für das Militär und die Polizei.

Selbst wenn die Taliban wollten, könnten sie nicht die rasch wachsende Bevölkerung versorgen und ernähren. 45 Millionen Menschen leben jetzt im Land, zwei Drittel von ihnen sind jünger als 20. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt 2300 Dollar. Nur einige Staaten der Subsahara sind noch schlechter dran.

Viele afghanischen Kinder leben von Brot und Tee. Etliche Familien nehmen Schulden für ein Minimum an Lebensmitteln auf sich. Männer finden keine Arbeit, es sei denn, sie kennen einen lokalen Taliban-Anführer, der sie bevorzugt behandelt, zum Beispiel beim Bau von Sonnenkollektoren. Die Verhältnisse haben sich noch verschlechtert, weil sechs Millionen Afghanen, die nach Pakistan und Iran geflohen waren, zurückgehen mussten.

Die Taliban regieren unangefochten. Eine rivalisierende islamische Gruppe, die Attentate gegen das neue Regime ausführte, ist offensichtlich geschwächt. Dazu trugen übrigens bemerkenswerterweise die heimlichen Hinweise der US-Satelliten bei.

Der Westen hat die Taliban isoliert, die Reserven der Notenbank eingefroren und seine Hilfe zur Linderung von Hunger und Not auf ein Minimum reduziert. Aber wenn die einen sich zurückziehen, finden sich andere, die Lücke zu füllen.

Afghanistan ist geographisch von vielen mächtigen Ländern umgeben. Es grenzt an Pakistan im Osten und Süden, an Iran im Westen, an China im äußersten Osten. Russland hat traditionell Interesse daran, was sich in Kabul und Kandahar ereignet.

Afghanistan verfügt über viele Bodenschätze, von Lithium über Kupfer, von Eisenerz und Seltene Erden bis hin zu Kobalt und Gold. Auch Erdöl und Erdgas sind hier zu finden. Natürlich können die Taliban nicht selbst den Abbau organisieren, also müssen sie sich irgendwann für einen Helfershelfer entscheiden. Und dafür kommt dann natürlich eher China als die USA in Frage. Xi Jinping umwirbt die Taliban auf seine unnachahmliche Weise – freundlich und nachdrücklich.

Der Westen überließ Afghanistan vor fünf Jahren seinem Schicksal. Seither beherrschen die Taliban das Land auf barbarische Weise und sind außerstande, die Not der Menschen zu lindern, aus ideologischen und praktischen Gründen. Immerhin sind Krieg und Bürgerkrieg erst einmal vorüber.

Was soll der Westen tun? Die USA denken darüber nach, ob sie führende Taliban-Kämpfer von der Sanktionslist nehmen und natürlich denken auch humanitäre Organisationen darüber nach, ob sie dort weitermachen sollten, wo sie aufgehört haben. Es ist wohl wirklich an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu schauen und unliebsame Konsequenzen zu ziehen.

Wer, wie die Bundesregierung, straffällige Migranten nach Afghanistan abschieben will, muss Verbindung zu den Taliban aufnehmen. Wer China nicht das Monopol überlassen will, muss früher oder später über weitergehende Kontakte nachdenken, bis hin zur diplomatischen Anerkennung.

Die Natur hat ihren Frieden mit den neuen Verhältnissen schon geschlossen, sonst würden die Vögel nicht wieder singen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.