„So dermaßen berieselt mit russischer Propaganda“

Vor einigen Tagen telefonierte Donald Trump mal wieder mit Wladimir Putin. Die beiden verstehen sich schon länger nicht mehr so gut wie ehedem. Dennoch halten die anderen westlichen Staats- und Regierungschefs immer die Luft an, wenn der amerikanische mit dem russischen Präsidenten eine Stunde lang plaudert.

Zu Trumps Gunsten muss man auslegen, dass er sich von Putin nicht mehr einlullen lässt. Die Zeiten sind vorüber, da er übergroßes Verständnis für den Überfall auf die Ukraine aufbrachte. Vorbei sind auch die Tage der Demütigung, die Wolodymyr Selenskji über sich ergehen lassen musste. Die Ukraine darf nun sogar Patriot-Flugabwehrsysteme in Eigenproduktion herstellen; Trump erlaubt es.

In der vorigen Woche traf sich US-Außenminister Marco Rubio mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow in Manila. Sie redeten 90 Minuten miteinander. Lawrow, ein bekennender Zyniker, sagte hinterher zweierlei: Erstens, dass er nicht gerade optimistisch für das Verhältnis zur USA sei; und zweitens, dass er gerne zu den Vereinbarungen von Anchorage zurückkehren würde.

Diesen Wunsch kann man ihm nachfühlen. Im August 2025 hatte Donald Trump dem hochgeschätzten Wladimir Putin den roten Teppich ausgerollt. Er behandelte ihn bevorzugt, woraus der kaltherzige Gast die Schlussfolgerung zog, dass Trump ihm die Ukraine auf dem Präsentierteller überreichen würde.

Konkrete Vereinbarungen trafen sie damals in Anchorage nicht. Aber die Trumpsche Lässigkeit, mit der er sagte, Wolodymyr Selenskji sollte sich in sein Schicksal fügen, gefälligst auf Krim und Donbass verzichten und den Nato-Beitritt vergessen, ließen Schlimmes ahnen.

Vorbei, verweht, wie gut. Trump hat sich eines Besseren belehrt. Er spielt nicht mehr den Friedensrichter. Die Leichtigkeit, mit der er über anderer Staaten Kriege und Konflikte redete, ist ihm vergangen. Iran ist eben auch ein Lehrmeister für den Dealmaker, der keiner mehr ist.

Seit anderthalb Jahren ist Donald Trump im Amt. Irrsinnig viel ist in diesem Zeitraum passiert. Die Wirklichkeit hat ihn, wie noch jeden Präsidenten, unerfreulich eingeholt. Dabei fällt der Wandel im Verhältnis zu Putin besonders ins Auge.

Nun muss man mit Prognosen im Universum Trump vorsichtig sein. Was heute gilt, muss morgen nicht mehr gelten. Aber für die womöglich dauerhafte Desillusionierung in Sachen Putin spricht ein Ereignis, das sich in der vorigen Woche in Kiew zutrug. Im Mittelpunkt stand eine schillernde Figur aus der MAGA-Welt.

Sie heißt Laura Loomer, ist 33 Jahre alt, von Beruf Influencerin, die tief in Verschwörungstheorien eintaucht. 9/11? Ein „Inside-Job“ – ausgeführt nicht etwa von Osama Bin Laden, sondern von der Regierung George W. Bush. Am Tag der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 ging Loomer mit einer Burka bekleidet in ein Wahllokal und bat unter dem Namen Huma Abedin eine Mitarbeiterin Hillary Clintons um einen Stimmzettel. Mit provokanten Eskapaden und antiislamischen Tiraden kommt Loomer, die jüdischen Glaubens ist, auf X auf 1,8 Millionen Follower.

Als Donald Trump noch voller Bewunderung für Wladimir Putin war, wütete Loomer gegen die „Nazi-Todesschwadronen“ in der Ukraine und beschimpfte Selenskij als „bettelnden Nazi-Kollaborateur“. Sie legte großen Wert darauf, in Einklang mit dem US-Präsidenten zu hetzen und hatte sogar Zugang zum Weißen Haus. Angeblich reichte ihr Einfluss so weit, dass Trump nach einem ihrer Besuche einige Mitarbeiter entließ.

Da der Präsident sich einem Gesinnungswandel unterzog, folgte ihm Laura Loomer getreulich. Dazu begab sie sich nach Kiew;

sie nannte es eine Recherche-Reise.

Wolodymyr Selenskjis Leuten fiel auf, wer sich da im Lande aufhielt, weil Loomer auf X ein Video aus dem Zug nach Kiew postete. Tags darauf berichtete sie über einen nächtlichen Luftalarm, als russische Raketen in der Hauptstadt einschlugen und sie Schutz suchen musste.

Das nächtliche Erlebnis hinterließ Eindruck, über den Laura Loomer ihren Followern ergriffen erzählte. Dabei bevorzugt sie wie ihr Vorbild Unflat als Rhetorik: Sie komme sich wie „ein ziemliches Arschloch vor“, weil sie den Kampf der Ukrainer um Unabhängigkeit in den vergangenen fünf Jahren heruntergespielt habe, schrieb sie. „Einige von uns hatten die Dreistigkeit zu behaupten, Russland habe nicht Unrecht, weil wir der Lüge glaubten, die Ukraine sei ein Land voller Nazi-Sympathisanten“, fuhr Loomer fort. „Wir sind durch Russland so dermaßen mit Propaganda berieselt worden, ohne es überhaupt zu merken.“

Wen sie damit wohl meinte? Mit ihrem Präsidenten, der ihr zu ihrer  Läuterung gratulierte, steht sie jedenfalls wieder im Einklang. Reisen bildet eben.

Am Ende durfte Loomer  den ukrainischen Präsidenten sogar interviewen. Wolodymyr Selenskji hat verstanden, dass im Trumpschen Orbit Figuren eine Bedeutung zukommt, die außerhalb Amerikas nur schwer zu verstehen ist.

Donald Trump betrachtet die Ukraine nun in einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Wohlwollen. Denn sein Denken kreist  ausschließlich um das Mullah-Regime, wobei er sich die Frage stellt, ob er nicht doch wieder verheerende Generalangriffe auf Teheran fliegen lassen sollte.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ewige Kriege

Donald Trump setzt seine Offensive fort. Er lässt nicht nur Ziele entlang der Straße von Hormus bombardieren, sondern auch Kommandozentralen und Lager für Drohnen und Raketen im Landesinneren. Das klingt klinisch und rein, wie militärische Berichte eben so klingen, als würden dabei keine Menschen sterben, geschweige denn Zivilisten. 

Wladimir Putin war in der vorigen Woche mal wieder im Fernsehen zu sehen. Er inspizierte einen Kommandoposten und ließ sich Waffen vorführen. Er wirkte mäßig interessiert und wie üblich äußerst distanziert – ganz der Herrscher, der seinen Bunker nur widerwillig verlässt.

Immerhin lässt Putin seine Sprachrohre inzwischen von Krieg reden, anstatt von Spezialoperation. Nacht für Nacht regnet es ballistische Raketen und Drohnen auf ukrainische Städte.

In Iran und in der Ukraine toben zwei Kriege, die eigentlich kurzen Prozess mit ihren Feinden machen sollten. Es kam anders, wie es in Kriegen immer anders kommt. Als es Donald Trump dämmerte, dass er die Kontrolle verlor, weil Iran keineswegs klein beigab, wollte er unbedingt Frieden schließen. Man muss ihm zugute halten, dass er dem Mullah-Regime großzügige Angebote unterbreitete, inklusive vieler Milliarden Dollar an Aufbauhilfe.

Die USA waren bereit, klein beizugeben, aber es nützte nichts. In Teheran setzte sich die Fraktion durch, die den Krieg dem Frieden mit dem großen Teufel vorzieht.

Wladimir Putin erhebt gar nicht erst den Anspruch, dass er etwas anderes will als Krieg Er strebt nach wie vor die vollständige Unterwerfung der Ukraine an. Fast hätte ihm Trump dazu verholfen. Inzwischen ist der Präsident aber davon abgekommen, Putin den Kopf von Wolodymyr Selenskji auf dem Silbertablett zu servieren.

Aus dem kurzen Krieg ist in der Ukraine ein langer geworden. Am heutigen Montag sind genau 1 607 Tage seit der Invasion vergangen. Da es der Ukraine gelingt, mit moderner Technologie Ziele auf der Krim und im russischen Hinterland zu zerstören, hat sie an Selbstbewusstsein gewonnen.

142 Tage alt ist der Krieg der USA gegen Iran, anfangs gemeinsam mit Israel. Die Waffen schwiegen auch in der Verhandlungsphase nie. Das Misstrauen zwischen Teheran und Washington ist riesengroß.

Nicht zufällig gibt es noch eine andere Rechnung für das Verhältnis der beiden Feinde. Sie lässt den Konflikt mit dem Jahr 1979 beginnen. Am 4. November 1979 stürmten radikale Studenten im Auftrag von Ajatollah Khomeini die US-Botschaft in Teheran und nahmen 66 Geiseln. Seither sind 17 060 Tage vergangen.

In Amerika reden Historiker deshalb vom „ewigen Krieg“ zwischen Iran und den USA. Sie wenden diesen Begriff auch auf die Ukraine an, da dieser Krieg jetzt schon länger anhält als der Erste Weltkrieg (1 567 Tage). Es sieht ganz danach aus, dass er auch den Zweiten Weltkrieg (2194 Tage) überdauern wird.

Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, ist ganz klar: die Unabhängigkeit des Landes, seine Selbstbestimmung und die Möglichkeit, sich nach Europa zu orientieren. Dieser Krieg hat fest umrissene Ziele und folgt einer überschaubaren Logik. Das gilt für beide Seiten.

Ziel und Zweck fehlen den USA in ihrem Krieg mit Iran. Konsequent gibt es auch keine überzeugende Strategie, sondern einen ständigen Wechsel der Tonlage und der Argumente. Die Mullahs sind für Trump mal Abschaum, mal imposante Profis. Auch als der US-Präsident noch auf Frieden bedacht war, verzichtete er nicht darauf, vernichtende Schläge anzudrohen. 

Da Trumps Geschichtsverständnis mit Trump beginnt, scheint ihm nicht gewärtig zu sein, in welchem Maß die Weltmacht USA sich seit geraumer Zeit immer wieder in Kriegen verlaufen hat. Der letzte begrenzte Krieg mit konsistenter Strategie und abgestuften Mitteln fand im Jahr 1991 statt. Es war der erste Golfkrieg.

Damals hatte Saddam Hussein Kuwait überfallen, um sich die Ölquellen anzueignen. Präsident George Bush sen. schickte eine Expeditionsarmee, die Saddam aus Kuwait vertrieb. Er verzichtete darauf, nach Bagdad durchzumarschieren, um den Diktator zu stürzen.

9/11 mit den Terror-Angriffen auf New York und Washington veränderte die Welt aus Sicht der Supermacht. George Bush jun. entsandte seine Streitkräfte zuerst nach Afghanistan und dann in den Irak. Er vertrieb die Taliban, er stürzte Saddam und sein Regime. Weder in Kabul noch in Bagdad kehrte jedoch Stabilität ein. Die USA konnten Kriege beginnen, aber langfristigen Frieden und einen solide verfassten Staat vermochten sie nicht zu bauen.

Der würdelose Rückzug der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak hätte Donald Trump zu denken gegeben, wenn er sich von Erfahrungen seiner Vorgänger beeindrucken ließe.

Dem Krieg gegen Iran fehlt ein wichtiges Kriterium: Bodentruppen, die vielleicht den Regimewechsel herbeigeführt hätten, um den es recht eigentlich ging. Ob „boots on the ground“ wirklich den entscheidenden Unterschied gemacht hätten, wissen wir nicht. Jedenfalls kann man die Theokratie in Teheran nicht allein aus der Luft zum Einsturz bringen.

Und wie geht es weiter, in Iran und in der Ukraine?

Solange die Hardliner in Teheran die Oberhand haben, bleibt Trump nur die Alternative, entweder weiterhin kontrolliert Krieg zu führen oder noch einmal großflächig zuzuschlagen wie in den ersten Tagen. Da die Meerenge bei Hormus gesperrt ist, leidet die Weltwirtschaft und damit auch Amerika. Der Mann im vergoldeten Weißen Haus erscheint ziemlich ratlos.

Die Ukraine beweist in diesem Krieg bewundernswerten Widerstandsgeist und enormes Talent zur Improvisation. Die Armee könnte sogar erheblich besser gestellt, wenn die Verbündeten konsequenter gehandelt hätten.

Die Deutschen reden nicht mehr über die Taurus-Raketen, die 500 Kilometer fliegen; sie fehlen der Ukraine. In der Opposition wollte sie Friedrich Merz liefern; als Kanzler schweigt er.. Dazu fehlt es der ukrainischen Luftabwehr an Patriot-Raketen, die sie jetzt aber in Eigenproduktion entwickeln darf. Das hat ihnen Trump erlaubt.

Irgendwann einmal wird sich Europa fragen müssen, warum es nicht früher schon mit noch mehr modernen Waffen und vor allem ohne Zögern den Überlebenskampf der Ukraine unterstützt hat. Denn wir wissen ja schon lange, dass dieser Krieg im Interesse Deutschlands, Polen, der skandinavischen Länder und der baltischen Staaten möglichst lange andauern soll. Denn in seinem Schutz können die Nato-Länder aufholen, was sie versäumt hatten. Und vor allem dürfte Putin nicht zum Krieg gegen den Westen aufrufen, solange die Ukraine widersteht.

In der Nacht zum Montag bombardierte die russische Luftwaffe wieder Kiew. Die amerikanische Luftwaffe griff Tunnel und Brücken im Süden an, nachdem zwei US-Soldaten bei iranischen Gegenangriffen in Jordanien getötet worden waren.

Diese Kriege, sie gehen weiter. Und das Sterben auch.

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Der einsame Wolf im Kreml

Im Russland des Wladimir Putin ist gerade etwas Erstaunliches passiert. Seine Höflinge müssen nicht länger behaupten, in der Ukraine finde nur eine militärische Spezialoperation statt, als wäre dieser Krieg, der seit ziemlich genau viereinhalb Jahren tobt, nur eine nebensächliche Übung, ein bedeutungsarmes Manöver. Nein, sie dürfen nun davon reden, dass Russland einen Krieg führt.

Die späte Anerkennung der Wirklichkeit hat Gründe. Die ukrainische Armee schickt Drohnen auf die Krim und ins Innere des Feindes, die erheblichen Schaden anrichten. Natürlich besitzt Russland die Lufthoheit, so dass Nacht für Nacht ukrainische Städte angegriffen werden, aber an der Front stockt der Vormarsch.

Viereinhalb Jahre. Dieser Krieg dauert jetzt schon länger als der Erste Weltkrieg. Wladimir Putin glaubte im Februar 2022 sicherlich nicht, dass diese Ukraine derart unnachgiebig für seine Souveränität kämpfen würde, geschweige denn dass die Wirtschaft seines Landes darunter leiden würde Und ihn überraschte offensichtlich auch die – relative – Konsequenz, mit der der Westen die Ukraine aufrüstet.

Was denkt Putin heute? Donald Trumps Verständnis hat er verspielt. Die Gefahr, dass die USA die Ukraine opfern, scheint gebannt zu sein. Aber wie geht es weiter?

Zu den Neuigkeiten dieser Tage gehört, dass ein russischer Oligarch Einblick in die russische Gedankenwelt gibt. Er heißt Andrej Melnichenko, gründet seinen Reichtum auf Düngemittel, die er weltweit vertreibt; er gilt als Russlands größter Industrieller. Er steht auf Europas Sanktionsliste.

Melnichenko ist kein Gegner des Autokraten im Kreml, er spielte bisher politisch keine Rolle. Das ändert sich jetzt. Was ihn zu einer Aufsehen erregenden Figur macht, ist die Tatsache, dass er seine Geschichte dem britischen Magazin „Economist“ erzählte. 60 Stunden lang hätten die Redakteure mit ihm geredet, schreibt das Magazin. Daraus entstand nicht nur eine Titelgeschichte, sondern Melnichenko schrieb dazu auch noch einen Essay, der in den Regierungszentralen des Westens aufmerksame Leser finden dürfte. 

Was Melnichenko erzählt und schreibt, sprengt nicht das System, das Wladimir Putin gebaut hat. Man kann sogar davon ausgehen, dass er kaum ohne Zustimmung des Präsidenten handelt, wenn er seine Thesen im „Economist“  vertrat. Das schmälert nicht die Bedeutung, im Gegenteil bekommen seine Ausführungen dadurch Gewicht.

Hier macht sich nicht etwa ein Oligarch wichtig, der gerade noch eher unbekannt war. Vielmehr stellt er Überlegungen an, die dem Westen zu denken geben sollten.

Der Krieg, beginnt Melnichenko seine Ausführungen, zeichnet sich dadurch aus, dass eine ökonomisch und technologisch überlegene Koalition – gemeint sind die USA und Europa – die Ukraine unterstützt, ohne direkt einzugreifen. Dieser Zustand sei auf Dauer unhaltbar, wobei er als Alternative direkte Intervention oder politische Übereinkunft sieht „Die Frage,“ so schreibt der Oligarch, „besteht nicht darin, ob dieser Übergang kommt, sondern wann und unter welchen Bedingungen:“

Melnichenko hat Quantenphysik studiert und nähert sich den Verhältnis des Westens zu Russland systematisch. Die Schlussfolgerung aus der Analyse kann man so ziehen: So lange wir nicht darüber reden, wie eine Sicherheitsordnung in Europa aussehen kann, und welchen Platz Russland darin findet, sind wir vom Frieden unendlich weit entfernt.

Das ist also aus heutiger Sicht die Utopie: Ein Friedensvertrag, der die Souveränität der Ukraine garantiert und Russland zurück nach Europa und in regelbasierte Verhältnisse zieht. Schön wär’s.

In der Gegenwart sieht Melnichenko vier Szenarios für die Zeit nach dem Krieg und nach einem Friedensvertrag, von denen er sagt, dass sie im Westen kursieren. Das stimmt.

Szenario 1: Ein gedemütigtes Russland verharrt ungebunden an der Peripherie des Westens. Daraus entsteht die Saat für Revanchismus. Russland ist nicht die Weimarer Republik, sagt Melnichenko, aber ein Friedensvertrag vom Typus Versailles würde vermutlich wieder den nächsten Krieg nach sich ziehen.

Szenario 2: Russland begibt sich in den Orbit Chinas. Es bekommt dann Zugang zu den Märkten, zur Technologie und zur Finanzwelt dieser Supermacht. Aber der Preis wäre zu hoch, findet Melnichenko: „Russland würde scheinbar die Gloriole einer Weltmacht behalten, aber in Wirklichkeit würde es zu einem Randbereich chinesischer Strategie herabsinken – zu einem Transitkorridor und einer Pufferzone.“ Russland wäre dann für China was die Ukraine für den Westen ist, sagt Melnichenko – ein Spielfeld für größere Mächte.

Szenario 3: Russland zerfällt in mehrere Teile. Die Folge wäre ein Kampf um das nukleare Arsenal, um Grenzen und Ressourcen wie Öl und Gas. Das Riesenreich wäre unregierbar. Kein Zweifel, dieses Szenario würde Hardlinern im Westen gefallen, aber für Melnichenko und auch für besonnene Gemüter in Europa wäre es der Alptraum schlechthin.

Szenario 4: Russland wird nach einem harten Friedensvertrag zur Festung: hermetisch abgeriegelt, in militärischer Dauermobilisation. In dieser Art Notstandsstaat könnte die Technologie, die Wissenschaft und das zivile Vertrauen in den Staat nicht gedeihen. Russland wäre zur Stagnation verurteilt.

Erstaunlich an diesem Text ist die Freimut, mit der dieser Oligarch argumentiert und Optionen aufzeigt. Der Krieg ist nach Russland zurück gekommen. Den Krieg aber nicht zu gewinnen, ist gleichbedeutend damit, ihn zu verlieren. Der einsame Wolf im Kreml hat sich ein Problem eingehandelt, das Donald Trump nun doch nicht für ihn lösen mag. 

Andrej Melnichenko sendet eine Botschaft an den Westen. Sie lautet: Seid vorsichtig mit euren Wünschen! Das Verdienst, das ihm zukommt, ist das Aufwerfen der entscheidenden Frage: Wie kann eine Sicherheitsarchitektur in Europa aussehen, die vermeidet, dass bald darauf, zum Beispiel im Baltikum, der nächste Krieg ausbricht?

Und daran sollten wir alle ein Interesse haben.

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Mit Trump, solange es geht

Der Gastgeber ist diesmal Recep Tayyip Erdogan. Er ließ vorher einige Hundert Menschen einsperren, die nicht so denken, wie er es möchte. Dafür bringt Donald Trump vermutlich Verständnis auf, denn er sagte, er nehme einzig aus Respekt für den türkischen Präsidenten zu diesem Nato-Gipfel teil.

Dass Trump jemandem seine Reverenz erweist, der ihn in seiner Handlungsfreiheit einschränkte, ist ungewöhnlich. Zu den Illusionen, die Trump in den Iran-Krieg trieben, gehörte ja, dass die Kurden die nötigen Bodentruppen stellen sollten. Dagegen verwahrte sich Erdogan und der amerikanische Präsident gab klein bei. Ohne Bodentruppen aber war das groß angekündigte Kriegsziel nicht erreichbar: der Wechsel des Regimes in Teheran.

Wenn sich die 32 Staats-und Regierungschefs morgen in Ankara versammeln, müssen sie über manches hinwegsehen. Eigentlich will die Nato ja auch ein Werte-Bündnis sein. Erdogan aber wirft seine politischen Gegner, die ihm bei Wahlen gefährlich werden könnten, vorsorglich ins Gefängnis. Wie in Autokratien üblich, sind in dieser Türkei Demokratie und Rechtsstaat Diener des Herrn und nicht Kontrollinstanzen. Seltsam Werte.

Erdogan dürfte dennoch als stolzer Gastgeber auftreten, der sein Land sogar als Modell für einen starken Staat anpreist. Kaum denkbar, dass ihn Emmanuel Macron oder Friedrich Merz für den ruchlosen Umgang mit der Opposition kritisiert. Das Objekt ihrer Sorge ist einzig und allein Donald Trump.

Was der Sinn und Zweck der Allianz sein sollte, fasste vor vielen Jahren der erste Generalsekretär, der Brite Hastings Ismay, in ein einem klassischen Dreiklang zusammen: Die Nato sei dazu da, die Russen draußen zu halten, die Amerikaner drin zu halten und die Deutschen nach 1945 unten zu halten. 

Die ersten beiden Zwecke gelten nach wie vor. Solange die Europäer sich nicht alleine verteidigen können, sind sie auf die USA zum Schutz vor Russland angewiesen. Folglich müssen sie den amerikanischen Präsidenten wie ein rohes Ei behandeln, um einen Eklat zu vermeiden, für den er immer gut ist. 

Trump trägt den Europäern, in Sonderheit dem deutschen Kanzler, immer noch nach, dass sie ihm in seiner Not nicht halfen. Dass er die Not, die Blockade der Straße von Hormuz, durch Ignoranz heraufbeschworen hatte und im übrigen weder die Nato noch die EU von seinem Vorhaben, Krieg gegen die Mullahs zu führen, informiert hatte, finder er wohl unerheblich.

Wie man Trump kennt, wird er die Europäer deshalb mit bösartigen Bemerkungen überziehen. Neben Merz erregte besonders der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez seinen Zorn. Nicht nur verurteilte Sanchez den Krieg, er sperrte auch noch US-Militärbasen in Andalusien für den Einsatz gegen Iran. Er ging weiter als alle anderen, die Trumps Vorgehen für keinen genialen Einfall hielten.

Aus Trumps Sicht ist die Nato ein Bündnis, das Amerika ausnutzt, während Amerika nichts davon hat. Deshalb droht er immer wieder damit, diese unnütze Institution zu sprengen. Dass es nicht so weit kommt, ist die Sorge vor jedem Gipfel. 

Immerhin versteht sich Trump momentan nicht als Sprachrohr des russischen Präsidenten. Schon länger war ihm der Krieg in der Ukraine keinerlei Erwähnung wert, geschweige denn dass seine beiden Allzweckdiplomaten Witkoff/Kushner in Moskau vorstellig geworden wären.

Trump hat weniger Verständnis für Wladimir Putin, weil die russische Offensive erstaunlicherweise steckengeblieben ist und die Ukraine sogar militärische Ziele auf der Krim und Ölanlagen im russischen Hinterland angreift. Die Nato hat vor, der Ukraine über die nächsten zwei Jahre eine Mindestfinanzierung von 140 Milliarden Euro für militärische Aufrüstung zuzusagen. Mal schauen, ob es so weit kommt.

Mehr als vier Jahre lang dauert dieser Krieg schon. Wenn er mindestens noch zwei Jahre weiterginge, dann wäre das durchaus im Interesse der Nato. Der Krieg verschafft ihr Zeit zur eigenen Aufrüstung für den Fall der Fälle, dass Putin oder sein Nachfolger irgendwann zum Beispiel das Baltikum angreift und die USA sich aus diesem Krieg heraushalten.

In der Zwischenzeit versucht sich die Nato in einer Doppelstrategie. Sie bemüht sich, einerseits, europäischer zu werden. Und sie ist, andererseits, darauf bedacht, dieses Trump-Amerika so lange wie möglich in der Nato zu halten, damit es nicht schnell und in großem Umfang Soldaten, Kampfjets und Kriegsschiffe aus Europa abzieht.

Seit 77 Jahren gibt es die Nato. Ein amerikanischer Präsident hat sie ersonnen, aus eigenem Interesse, was in Vergessenheit geraten ist. Dass sich ein Bündnis, das sich bewährt hat, wandeln muss, versteht sich von selber. Wie die neue Nato an Durchschlagskraft gewinnen kann, muss sie jetzt schnellstens herausfinden.

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Auf die Kinder der Einwanderer kommt’s an

Wer wird Weltmeister? Julian Nagelsmann meinte, seine Mannschaft habe das Zeug dazu und auch Thomas Tuchel glaubte, dass seine englische Mannschaft mal wieder an der Reihe sei. Nach den bisherigen Auftritten tritt hier wie dort Ernüchterung ein.

Ich habe auf Spanien getippt, mal schauen. Bei einer Umfrage nach der Gruppenphase erweist sich allerdings Frankreich als Favorit. Da Ousmane Dembélé zu meinen Lieblingsspielern gehört, hätte ich wenig dagegen.

Zu den hochgeschützten Außenseitern gehören Portugal und Japan. Allerdings ist nach aller Erfahrung nicht zu erwarten, dass eine der weniger etablierten Mannschaften dieses Turnier gewinnen wird.

Die erste WM fand im Jahr 1930 in Uruguay statt. Seither haben rund 80 Länder an insgesamt 22 Weltmeisterschaften teilgenommen. Aber nur acht von ihnen gewannen dann auch am Ende. Es sind Brasilien (5mal), Deutschland (4mal), Italien (4mal), Argentinien (3mal), Frankreich (2mal), Uruguay (2mal), dazu Spanien und England je einmal.

Warum ist dieser Kreis eigentlich so klein? Welche Erklärung gibt es dafür, dass immer die gleichen Länder gewinnen? 

Das britische Magazin „Economist“ hat untersucht, welche Gründe sich für den Gewinn der Weltmeisterschaft finden lassen. Dafür wandte das Magazin eine Methode an, die für das Schachspiel erfunden wurde. Sie ist nach dem Physik-Professor Arpad Elo benannt.

Elo-Punkte werden so vergeben: Spielen zwei Mannschaften gegeneinander, werden auf der Grundlage der Spielstärke Punkte vergeben. Gewinnt zum Beispiel Deutschland gegen Nordirland , dann gibt es nur wenige Punkte, weil alles andere als ein Sieg eine Überraschung wäre. Gewinnt aber Deutschland gegen Frankreich gibt es viele Elos, denn Frankreich liegt in der Rangfolge vor uns.

Doch welche übergeordneten Kriterien finden sich für den Erfolg, der zum Titelgewinn führen kann? Gehören Wohlstand und Größe eines Landes dazu? Und wie wichtig ist etwa die Durchschnittsgröße der Spieler?

Amerika ist ein reiches Land, aber Sportarten wie Football, Baseball und Basketball sind dort noch immer weitaus beliebter als Fußball. Die Monarchien am Golf geben irrsinnig viel Geld für den Sport aus, aber Katar und Saudi-Arabien hängen weit zurück hinter den besten Fußballmannschaften, wie die Vorrunde gerade zeigte.

Die Größe eines Landes spielt eine Rolle, doch nicht die entscheidende. Denn sonst hätten Indien und China die besten Teams.

Was die Körpergröße anbelangt, liegt das Ideal bei 1,81. Jamal Musiala liegt drei Zentimeter darüber, während Florian Wirtz und Josua Kimmich fünf Zentimeter darunter liegen.

Die Ausnahme von der Regel ist der Torwart, der gut dran ist, wenn er 12 Zentimeter größer als 1,81 ist wie Manuel Neuer.. Auch die Mittelstürmer dürfen gerne höher ragen: Kai Havertz ist 1,93, Erling Haland sogar 1,95. Dass aber Größe nicht alles erklärt, beweist Deniz Undav mit 1,79, der in kein Raster passt, was ihn auszeichnet.

Ich mag begründete Zahlenspiele. Die Konstitution von Spielern wirkt sich ja aus. Mit körperlich kampfstarken Mannschaften wie Ekuador und Elfenbeinküste taten sich unsere Filigrantechniker richtig schwer, wie wir Zuschauer leidvoll mitansehen mussten. Werden sie mit Paraguay, das mindestens ebenso robust auftritt, besser fertig?

Gehen wir weiter in unserer Untersuchung. Richtig interessant wird es, wenn wir Geographie und Tradition miteinander kombinieren. England erfand das Spiel mit dem Fußball, Brasilien erfand das schöne Spiel mit dem Fußball.

Nicht zufällig wirken die europäische Ligen von Portugal bis England als Magneten für Talente, Investoren und Zuschauer. In Europa arbeiten 200 000 Trainer, unvergleichlich mehr als in Asien. In Europa findet sich auch das beste System der Auslese an Nachwuchstalenten, die in Akademien ausgebildet werden. Und vor allem in die englische Premier League fließen viele Milliarden Euro aus den Golf-Staaten und aus Amerika.

Die Untersuchung birgt auch Beruhigendes für liberale Demokratien. Es ist nämlich so, dass die Offenheit einer Gesellschaft als notwenige Bedingung für sportlichen Erfolg gelten kann. Die französische Mannschaft besteht zum Beispiel fast ganz aus Kindern von Einwanderern. Kylian Mbappés Vater stammt aus Kamerun. Ousmane Dembélés Vater kommt aus Mauretanien, die Mutter aus Mali.

Oder der spanische Wunderknabe Lamine Yamal: Er ist das Kind von Eltern aus Marokko und Äquatorial-Guinea. Oder Antonio Rüdiger: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, der Vater ist Berliner. Oder Felix Nmecha: Mutter Deutsche, Vater aus Nigeria.

Bleibt es dabei, dass offene Gesellschaft sportlichen Erfolg ermöglichen? Was aber wäre, wenn sie sich verschlössen?

Die Rechte in Deutschland, England und Frankreich ist ja auf Anti-Immigration gepolt. Björn Höcke, der Star der ganz rechten AfD, sagte verächtlich, dass bei dieser deutschen Mannschaft „aus jeder Pore die Regenbogenideologie quillt“, so dass er sich nicht mit ihr identifizieren könne.

Also, welches Land hat unter den gegebenen Umständen die besten Chancen, das Turnier zu gewinnen? Nach aller Erfahrung eine Mannschaft aus dem kleinen Kreis der acht schon mal Geadelten, wobei Italien gar nicht dabei  und Uruguay schon ausgeschieden ist.

Ich bleibe, weniger überzeugt als anfangs, bei meinem Tip: Spanien gewinnt. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der Verlierer diktiert die Bedingungen

Wo Donald Trump ist, dort ist Chaos. Er sät es. Chaos ist sein Lebenselixier. Und wenn er beschließt, Chaos soll nicht mehr Chaos sein, verursacht er neues Chaos.

Kurz zur Erinnerung: Gaza sollte sich schon längst im Wiederaufbau befinden, eine neue Regierung müsste lange schon für dieses kleine Gebiet am Mittelmeer zuständig sein. Stattdessen haben gerade mal wieder israelische Flugzeuge Angriffe auf das Trümmerfeld geflogen. Wann hat Trump zum letzten Mal seinen 20-Punkte-Plan erwähnt, den er als Durchbruch für dauerhaften Frieden in dieser gepeinigten Region feierte? Ungefähr vor einem halben Jahr.

Übrigens stammt der Plan aus dem September 2025. Seither ist nichts passiert.

Trump warnte damals auch Benjamin Netanyahu davor, das Westjordanland zu annektieren. Die Siedlungen aber wachsen. Die systematischen Übergriffe auf arabische Nachbarn, deren Häuser im Wege stehen, gehen weiter. Die Armee deckt die illegale Enteignung. 

Gestern begannen die Verhandlungen über das andere Chaos-Produkt, den Iran-Krieg. Erstaunlich daran ist, dass der Verlierer des Krieges die Bedingungen diktieren darf, weil der Sieger des Krieges unbedingt Frieden schließen will. So war es, nebenbei gesagt, schon einmal in der amerikanischen Geschichte. Der Vietnam-Krieg endete noch kläglicher, noch würdeloser.

In welch komfortabler Lage sich das Mullah-Regime neuerdings befindet, zeigt die erneute Schließung der Straße von Hormus. Zu den Voraussetzungen für die Verhandlungen, die 60 Tage dauern können, gehört die Waffenpause in Libanon. Warum sich Trump darauf einließ, bleibt sein Geheimnis.

Anders gesagt, trägt dieses Junktim zum Chaos bei. Iran behält sich vor, die Meerenge zuzumachen, sobald Gefechte im Libanon aufflammen. Am Samstag war es wieder so weit, und der Vorgang kann sich jederzeit wiederholen.

Dass Benjamin Netanyahu die Verhandlungen ablehnt, ist bekannt. Dass er gegen die Waffenpause, zu der er sich gezwungen sah, verstoßen würde, lag nahe. Auch die Hisbollah setzt sich über solche Zwänge hinweg und greift israelische Stellungen im Süden Libanons an.

Dieser Umstand ist interessant. Denn ohne Rückhalt in Teheran könnte sich die geschwächte Miliz nicht solche Freiheiten erlauben. Daraus lässt sich folgern, dass es zwei konträre Lager im Mullah-Staat gibt. Die eine Fraktion, die Revolutionsgarde als eigentlicher Machtfaktor, sieht keine Notwendigkeit zu Verhandlungen mit einem Feind, der Israels Existenz garantiert und die alte Elite eliminieren ließ. Die andere Fraktion vertreten Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf und Außenminister Abbas Araghtschi, das sind die beiden Verhandlungsführer in der Schweiz.

60 Tage sind für die Gespräche über ein Abkommen vorgesehen. Schon heute wissen wir, dass Donald J.Trump auf seine unnachahmliche Weise behaupten wird, das Abkommen sei das weltbeste, das je ein amerikanischer Präsident unterzeichnet hat. 

Für Freunde der Sachlichkeit dient das Abkommen von 2015 als Maßstab, verhandelt unter Barack Obama, über das iranische Atomprogramm. Danach sollte das nukleare Material nicht 300 Kilogramm und einen Anreicherungsgrad von 3,67 Prozent überschreiten. Die Anzahl der Zentrifugen für die Anreicherung des Uran war begrenzt und die Wiener Atomenergiebehörde durfte ihre Inspektoren zur Kontrolle in die Nuklearanlagen schicken.

Die Schwäche des kompliziertem Abkommens bestand in der zeitlichen Befristung auf 10 bis 15 Jahre. Der Bau der Bombe wurde so verzögert, aber prinzipiell nicht ausgeschlossen. Das Argument lautete, innerhalb dieser Frist könnten sich in Iran, dem die Sanktionen erlassen wurden, und im ganzen Nahen Osten die Verhältnisse zum Besseren verändern.

Obama ist bei sachlicher Betrachtung der Maßstab für Trump. Als der in seiner ersten Amtszeit das Abkommen 2018 kündigte, sagte er dazu, er strebe nicht nur „eine reale, umfassende und dauerhafte Lösung der nuklearen Bedrohung durch Iran“ an, sondern eine generelle Zurücksetzung Irans zu einer machtlosen Regionalmacht.

Große Worte. Immer wieder. Immer neue.

Noch mal kurz zur Erinnerung: Als Kriegsziele nannte Trump den Regimewechsel, die Aufgabe ballistischer Raketen, den Verzicht auf den Bau der Bombe. Jetzt heißt es aus dem Weißen Haus, die Sanktionen würden aufgehoben, ein 300-Milliarden-Dollar-Wiederaufbau-Programm stehe bereit. Dafür erklärt sich das Regime bereit, auf den Bau der Bombe zu verzichten, nicht aber auf die Urananreicherung. Sehr trickreich, dieses Vorgehen.

Der Sieger gibt viel, der Verlierer wenig. Verkehrte Welt.

Woran liegt dieses merkwürdige Gefälle? An der Unfähigkeit der Trump-Truppe um zwei Ecken zu denken, was die schlichteste Definition für Strategie ist. Der Grund dafür ist der Verzicht auf Kompetenz und das Übermaß an Maulheldentum.

Eine Strategie zielt auf eine Vorgehensweise, die wenigstens auf mittlere Sicht angelegt ist, und dient dazu, ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Dabei setzt sie geeignete Mittel ein, zum Beispiel militärische, für einen politischen Zweck. Strategie ist das Gegenteil von Chaos.

Für die USA verhandelt J.D. Vance in Bürgenstock. Da er ursprünglich gegen den Krieg mit Iran war, was ihn ja eigentlich ehrt, hängt von ihm ab, was am Ende herauskommt. Aber was kommt dabei heraus?

Ich möchte fast wetten, dass sich das Trump-Abkommen vom Obama-Abkommen im Kern nicht unterscheiden wird. Und Obama hatte es ohne Krieg und Chaos erreicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Verlierer gestärkt, Sieger geschwächt

Nehmen wir mal an, dass Donald Trump und die Mullahs in den nächsten Tagen ein tragfähiges Abkommen schließen und dann die Verhandlungen über die tiefenscharfen Probleme anfangen können. Was bedeutet das und was folgt daraus für die Verhältnisse im Nahen Osten?

Es bedeutet jedenfalls, dass die Waffen ruhen. Danach dürften Nachkrieg und Unfrieden herrschen, denn einen Frieden, der die Bezeichnung verdient hätte, ist in dieser Region nicht zu erwarten. Es bedeutet auch, dass die USA unter Donald Trump  Ordnungsmacht bleiben werden, aber Renommee verloren haben.

Die Staaten am Golf wissen jetzt, dass die USA ihnen nicht den Schutz vor iranischen Drohnen und Raketen bieten können, den sie sich erhofft hatten. Sie sind in der gleichen Lage wie die Europäer – sie müssen selbst schauen, wo sie bleiben, militärisch wie politisch. Und sie müssen für sich definieren, wo der Hauptfeind sitzt.

Wie es aussieht, fällt die Wahl unterschiedlich aus. Saudi-Arabien tendiert zu Israel als dem größten Problem für die Petro-Staaten, weil es ohne Rücksicht auf irgendein aktuelles oder potentielles Bündnis seine Interessen mit Kriegen an mehreren Fronten wahrt.

Die Emirate hingegen neigen dazu, Iran für die größte Bedrohung für ein irgendwie geartetes Gleichgewicht in dieser Region zu halten. Eine konzertierte Aktion von Ägypten über Jordanien bis zu Oman und die Öl-Staaten ist nicht zu erwarten.

Israel unter Benjamin Netanyahu ist die große Unbekannte in der Gleichung, die Donald Trump anstellt. Netanyahu machte Anstalten, Libanon so weitgehend zu besetzen, dass daraus bleibende Abhängigkeit hätte entstehen können. Zum Rahmenabkommen zwischen Iran und den USA zählt aber die anhaltende Waffenruhe im Libanon.

Was macht Netanyahu? Lässt er die Waffen für die Dauer der Verhandlungen, die auf 6o Tage angesetzt sind, wirklich ruhen? Wohl kaum, denn die Interessen Israels sind nicht mehr im Gleichklang mit den amerikanischen Interessen. Wie gestern wird er auch jede andere Gelegenheit zu Luftschlägen gegen die Hisbollah nutzen.

An der Grundkonstellation im Nähen Osten wird sich wenig verändern. Das Regime in Teheran, dass zwei Großangriffe innerhalb von weniger als 12 Monaten überstanden hat, wird selbstverständlich weiterhin auf Hegemonie in der Region bedacht sein. Es wird für einige Zeit mit dem Wiederaufbau im eigenen Land beschäftigt sein, schon wahr. Wenn aber die USA und ihre Verbündeten die wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen nach und nach aufheben und Iran wieder weltweit Öl exportieren darf, wird das Mullah-Regime ganz anders dastehen, nach innen wie außen – durchs Überleben gestärkt und ideologisch gekräftigt.

Für den Libanon verheißt diese Aussicht nichts Gutes. Die zivile Regierung bleibt machtlos. Im Süden hat sich das israelische Militär festgesetzt, wie schon öfter in den letzten 30 Jahren. Dieses kleine Land trägt die Bürde der ganzen Region: eine Million Menschen hat Israel aus dem Süden vertrieben; 400 000 Palästinenser leben seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern; 1,2 Millionen Syrer flüchteten vor dem Bürgerkrieg.

Der Libanon, ein herrliches Land, ist kein Land mehr, sondern ein einziges Flüchtlingslager. Ginge es mit einem gewissen Quantum an Vernunft zu, würde sich an diesen erbarmungswürdigen Verhältnissen etwas ändern.

Die ungeheuerlichen Leichtfertigkeit, mit der Donald Trump über Kriege anderswo schwadronierte, brachte ihn in die Schwierigkeiten, aus denen er sich jetzt befreien will, egal wie.. Man darf gespannt sein, worin sich das neue vom alten Abkommen unterscheiden wird, das einst Barack Obama mit Iran erreicht  und Trump mit großer Geste gekündigt hatte.

Sinnvoll wäre natürlich ein zweites Abkommen, das sich auf die gesamte Region bezieht. Es müsste den Wiederaufbau Gazas einschließen und auch die künftige Regierung im Küstenstreifen regeln. Natürlich wäre es angemessen, wenn die Golf-Staaten für die Finanzierung sorgten. Donald Trump hat schon länger nicht mehr seine Immobilien-Phantasie à la Riviera erwähnt. Wenn es schwierig wird, wendet er sich ab – das ist sein Muster.

Wer ganz kühn denken will, was im Nahen Osten allerdings schwer fällt, würde vorschlagen, dass die Region ihr Verhältnis zum Nach-Sadat-Syrien klärt. Dort spielen weder Iran noch Russland derzeit eine destruktive Rolle und dabei sollte es am besten bleiben. 

Die Verhältnisse in der gesamten Region sind seit dem 7. Oktober 2023 aufgewirbelt worden. Da an eine Großkonferenz aller Staaten zur Behandlung aller Großprobleme nicht zu denken ist, kommen allenfalls Teilabkommen in Frage. Davon ist wenig zu erwarten, zumal der US-Präsident den Krieg hinter sich lassen möchte und Iran davon den größten Nutzen haben wird.

Was aber sinnvoll wäre, zum Beispiel eine umfassende Regelung, angeleitet von einer Ordnungsmacht, die es ernst meint, geht im Irrsinn der Welt fast zwangsläufig unter. Wie wir Donald Trump kennen, wird er sich bald auf Kuba konzentrieren und vielleicht auf Grönland zurückkommen. Vom Nahen Osten dürfte er genug haben.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

„Du hast wohl den Verstand verloren“

Es waren einmal zwei Buddies, die sich prächtig verstanden. Der eine war der Einflüsterer, der den anderen wie eine Handpuppe behandelte. Der andere war der mächtigste Mann auf dem Erdenrund, der sich noch größer fühlt, als er ist, und darin schwelgte, jetzt auch noch einen schnellen Krieg zu gewinnen.

Die Buddies sind keine Buddies mehr. Donald Trump und Benjamin Netanyahu, der sich Bibi nennen lässt, trauen sich nichts Gutes mehr zu. Gestern sprach sich in Washington herum, dass Israel Telefongespräche abhörte, die US-Unterhändler mit iranischen Unterhändlern führte. Mehrere amerikanische Geheimdienste schrieben Berichte darüber, dass zum Beispiel Telefonate, die Steve Witkoff, Trumps diplomatischer Tausendsassa, mit Teheran führte, auf Netanyahus Schreibtisch landeten.

Nun ist es offenbar üblich, dass auch unter Freunden und Verbündeten jeder jeden abhört. Amerikanische Geheimdienste hören so ziemlich überall rein, wo in Hauptstädten Regierungschefs miteinander plaudern, sei es in Asien oder Europa. Barack Obama musste sich mal bei Angela Merkel fürs Belauschen entschuldigen.

Ob die Kanzlerin ernsthaft davon überrascht war oder sich in ihrem Misstrauen bestätigt fühlte, ist ihr Geheimnis geblieben. Im Gegenzug möchte man sich wünschen, dass der BND ähnliche Fertigkeiten besitzt. Wäre ja wichtig, etwa bei Wladimir Putin mitzuhören oder auch bei Donald Trump – oder am besten, wenn der eine den anderen anruft.

Dass Israel außerordentlich gute Geheimdienste hat, bewies er im Libanon, als er Pager und Walkie-Talkies der Hisbollah anzapfte und detonieren ließ. Und er wusste Bescheid, welcher Würdenträger sich wann an welchem Ort in Teheran aufhalten würde, um dann Bomben auf das Haus zu werfen. Dem Mossad muss man nach aller Erfahrung viel zutrauen.

Eine andere Qualität hat es natürlich, das Weiße Haus anzuzapfen. Eine Stellungnahme des Präsidenten, etwa auf X, steht noch aus. Aber man kann sich vorstellen, dass wieder ein Telefonat stattfindet, in dem der eine Buddie den anderen Buddie anbrüllt.

So ist es offenbar neulich zugegangen, als The Donald den Bibi zusammenfaltete, weil der nicht wollte, was Trump wollte. Davon wissen wir, weil dieser Präsident liebend gerne von seinen Großtaten erzählt. „You are fucking crazy“ habe er zu Bibi gesagt, ließ er uns wissen – „Du hat ja wohl den Verstand verloren.“

Das Buddiehafte ist im Gefolge des Iran-Krieges zerbrochen. Die Interessen laufen seit der Waffenpause, die am 8. April eintrat, nicht mehr synchron. Trump will unbedingt ein Abkommen mit den Mullahs abschließen und Netanyahu will unbedingt den Krieg fortsetzen, weil das Kriegsziel – Regimewechsel in Teheran – nicht erreicht ist.

Der Zynismus, der historisch dem Nahen Osten eigen ist, will es, dass keiner von beiden bekommt, was er anstrebt. Iran stellt Bedingungen, die Trump nicht erfüllen will – erst Ende der Sanktionen und dann später irgendwann Verhandlungen über das Atomprogramm. Trump sagt auf seine typische Weise, das wochenlange Hin und Her langweile ihn, was aber nur seine Frustration signalisiert, dass nichts so vorangeht, wie er es haben möchte.

Um die Schwäche zu überspielen, greifen US-Kampfflugzeuge gelegentlich Radarstationen oder auch Ziele auf iranischen Inseln im Golf an, woraufhin iranische Drohnen in Bahrain oder Kuweit einschlagen. Das ist kein Krieg mehr, das sind Scharmützel, aber ein verhandelbarer Frieden ist weit entfernt.

Indessen geht Israel auf einem Umweg gegen Iran vor. Seine Armee besetzt systematisch libanesisches Territorium im Süden, ebnet Dörfer ein, vertreibt eine Million Menschen und bombardiert Teile Beiruts. Die Besatzung dient dem Ziel, die Hisbollah als Machtfaktor im Libanon auszuschalten.

Das wäre gut für Israel, denn die Raketensalven auf seinen Norden blieben dann aus. Eigentlich wäre das auch für die zivile Regierung des Libanon gut, die um Einfluss kämpft. Die Hisbollah mag zwar erheblich geschwächt sein, aber eliminieren lässt sich sich genauso wenig wie die Hamas. 

Wie im Gaza lässt sich der politische Beweggrund für das militärische Vorgehen Israels im Libanon gut verstehen. Allein das Ausmaß der Angriffe und die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung spricht gegen Benjamin Netanyahu.

Das berühmte Telefonat, in dem er sich „fucking crazy“ beschimpfen ließ, ging darum, dass die israelische Armee nun auch Stellungen der Hisbollah mitten in Beirut angreifen sollte. Iran drohte damit, dann Israel direkt anzugreifen. Gestern Abend machten die Mullahs ihre Drohung wahr und feuerten Salven ballistischer Raketen los. Die Waffenpause ist zur Farce geworden.

Donald Trump will den Krieg los haben. Israel führt Krieg im Gaza, den Netanyahu gerade wieder bombardieren ließ, und im Libanon und würde am liebsten den Krieg gegen die iranische Theokratie konsequent weiterführen. Iran schlägt am Golf zu und nimmt den Krieg gegen wieder Israel auf.

Die USA verstanden sich mal als Ordnungsmacht im Nahen Osten und waren es auch. Das ist vorbei und Trumps Versuch, sie im Zusammenspiel mit Netanyahu wiederherzustellen, ist so gut wie gescheitert. Aber wo endet der Irrsinn und wozu führt er? 

So wie die entscheidenden Figuren in dieser Region vorgehen, lässt sich nichts Gutes erwarten.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was wird mit Merz?

Die FDP vertraut sich auf ihrem Niedergang, der sehr nach einem Untergang aussieht, Wolfgang Kubicki an. Der war bisher immer für einen flotten Spruch gut, für die kleine, gemeine Bemerkung, die auf den Charakter zielt, denn das Sachliche ist ja langweilig, nicht wahr?

Kubicki ist 74 Jahre alt und tief in der Bundesrepublik sozialisiert und politisiert worden. Für ihn ist Politik immer auch ein Spiel, ein Spaß, hoch die Tassen. Die Medien lieben Politiker wie ihn, die immer so tun, als seien sie unabhängig und wüßten deshalb genau, wie der Hase läuft. Kubicki war ein Außenseiter, als die Insider Hans-Dietrich Genscher oder Gerhart Baum oder auch Klaus Kinkel oder auch nur Christian Lindner hießen.

Jetzt ist nur noch Kubicki da. Und ausgerechnet er, der Stenz, der Provokateur, soll dem organisierten Liberalismus in Deutschland  Leben einhauchen.

Eigentlich fällt Kubicki politisch nicht weiter ins Gewicht, aber er macht uns auf ein Phänomen aufmerksam, das manches erklärt, womit sich seine Zeitgenossen herumschlagen. Denn wir sind an umgeben von Politikern, die aus einer geradezu heilen Zeit in unsere schwierige, wilde Gegenwart hereinragen.

Friedrich Merz wird im November 71. Auch er ist in der guten, alten Bundesrepublik im Kalten Krieg aufgewachsen, an den sich inzwischen schon manche mit innerer Rührung erinnern, und dann früh in die Politik geraten. Etliche der Schwierigkeiten, die ihm die Kanzlerschaft vergällen, erklären sich aus dem Verständnis von Politik, das er sich damals aneignete. 

In der Opposition war Merz in seinem Element. Da konnte er den Kanzler Olaf Scholz abkanzeln („Verdient das Vertrauen nicht“). Da kritisierte er die Kanzlerin Angela Merkel  („grottenschlecht“) in Grund und Boden. Opposition war eben Opposition. Und Regierung ist natürlich etwas ganz anderes. Und wenn der neue Kanzler Milliarden benötigt, dann muss eben die Schuldenbremse doch weg, was soll’s. 

In den Zeiten, als die Demokratie stabil war und der Kapitalismus intakt, konnte man Politik so machen: Was im Wahlkampf galt, musste später in der Regierung nicht gelten. Und im übrigen war das Land ökonomisch so stark, dass sich der nächste Aufschwung immer schon in der Krise anbahnte.

Das dritte Beispiel für die alte Bundesrepublik in dieser neuen wilden Zeit ist Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales sowie SPD-Co-Chefin, Jahrgang 1968. Ihr rutschen auch seltsame Sprüche über die Zunge, die sie älter erscheinen lassen, als sie ist. Dann klingt sie nach Klassenkampf und lässt überfällige Reformen als lästiges Übel erscheinen.

Bärbel Bas lebt noch aus dem Bewusstsein, dass die SPD eine historische Macht ist, die wie von selber durch Alter und Aura Strahlkraft besitzt. Friedrich Merz wirkt wie irritiert, dass dem Bundeskanzler nicht wie früher Autorität zuwächst, die ihm Schutz gewährt und den Medien eine gewisse Ehrerbietung abverlangt.

Wann die alte Bundesrepublik untergegangen ist, darüber lässt sich streiten. Am 1. Juli 1990 mit der Einführung der gemeinsamen Währung? Am 27. September 1998 mit der Abwahl Helmut Kohls? Man kann auch argumentieren, dass Angela Merkel, die sich ja an dem ewigen Kanzler schulte, die alte Republik über Gebühr verlängerte.

Das Alte wirkt noch nach, was denn sonst. Die gewohnten Reflexe lassen sich nicht von heute auf morgen abstellen. Friedrich Merz hat wohl einfach gehofft, dass die Wirtschaft auch diesmal schnell wieder anziehen und damit die Regierung zwangsläufig in der Gunst der Bürger steigen würde. War früher so, sollte auch heute so sein. Und in der Folge würde die AfD auf ein handhabbares Maß schrumpfen.

Nichts davon ist eingetroffen. Die Prognose für das Wirtschaftswachstum wurde soeben auf 0,5 Prozent reduziert. Das Steueraufkommen sinkt und die Ansprüche an den Staat steigen. Und die AfD kann die Ernte einfahren.

Für all das wird am Ende der Kanzler verantwortlich gemacht, von den Wählern wie auch von seiner Partei. Weil er Versprechungen abgab, die er nicht einhalten kann. Weil er zu große Worte wählte, die sich nicht erfüllten. Weil er im Glauben lebte, die Bedingungen der alten Zeit seien auch die Bedingungen der neuen Zeit.

Das Rumoren in der CDU – und auch in der CSU – ist das klassische Vorspiel für das historische Ereignis am 6. September. Dann wählt Sachsen-Anhalt und wie es aussieht stellt danach die AfD den nächsten Ministerpräsidenten. Solche Ereignisse schlagen gerade deshalb wie eine Bombe ein, weil sie sich lange ankündigen. Und sie verursachen jede Menge Kollateralschaden.

Die CDU tut gut daran, sich vorher zu überlegen, ob sie dann den Kanzler auswechseln wird. Der Nachfolger wird jedenfalls nicht Markus Söder heißen, der sich besser auf München konzentriert, damit er bleiben darf, was er ist. Und die SPD wird, wie man sie kennt, in Panik geraten. Was macht sie dann – ihr Heil in der Opposition suchen?

Wolfgang Kubicki kann das Drama von der Seitenlinie betrachten. Auf ihn kommt nichts an, aber ein flotter Spruch wird ihm schon einfallen. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Hütet euch vor Wunschdenken

:Donald Trump ist nicht mehr so beliebt, wie er einmal war. Vor allem der Krieg gegen Iran irritiert sowohl seine Wähler als auch seine Anhängerschaft, die ihm ansonsten anhimmelnd ergeben ist.

Nur noch 39 Prozent aller Amerikaner finden ihn als Präsidenten gut. Nicht sehr viel, aber kurz mal innegehalten: Wenn 39 Prozent aller Deutschen mit Friedrich Merz zufrieden wären, würde er vor Dankbarkeit platzen. Und wenn, wie im Falle Trump, 85 Prozent aller CDU-Wähler unverbrüchlich hinter ihrem Kanzler stünden, würde über dieser Regierung die Sommersonne scheinen.

Donald Trump mag sich noch so oft widersprechen, seinen Launen nachgeben und Beleidigungen ausstoßen – die Welt muss ihn wohl bis zu seinem letzten Tag im Weißen Haus ertragen. Vor dem Wunschdenken, dass sich in den USA bald schon vieles ändern könnte, sollte man sich hüten.

An den herrschenden Verhältnissen dürften auch die November-Wahlen zu Repräsentantenhaus und Senat wenig ändern, selbst wenn sie wie erwartet für die Republikaner verloren gehen sollten. Dem Präsidenten steht es frei, mit Direktiven am Kongress vorbei zu arbeiten. So geht Trump schon die ganze Zeit vor, obwohl beide Häuser noch eine republikanische Mehrheit haben. 

Übrigens hat Trump dieses Manöver zum Ausschalten des Parlaments keineswegs erfunden. Das Recht leitet sich aus Artikel II der US-Verfassung von 1787 ab. Darin steht, dass der Präsident die Regierungsgeschäfte führen und dafür sorgen muss, dass die Gesetze getreulich ausgeführt werden. Jeder Präsident jeder Couleur zu allen Zeiten hat dieses Vorrecht zu seinen Gunsten ausgenutzt.

Trump setzt die Verordnung allerdings in beispiellosem Tempo und großer Reichweite ein. Mit einem einzigen Dekret setzte er zum Beispiel sämtliche Verordnungen seiner Vorgänger außer kraft, zuerst Barack Obamas, dann Joe Bidens.

Nicht das Instrument, sondern die Mittel ihres Einsatzes sind entscheidend. Obama etwa schützte im Jahr 2012 per Dekret Hunderttausende Illegaler vor der Ausweisung aus den USA. Trump aber ließ per Dekret allein bisher 622 000 Illegale ausweisen; rund 1,9 Millionen Menschen verließen das Land von sich aus, wie freiwillig auch immer.

Es ist diese würdelose Kompromisslosigkeit, die Trumps Anhänger  ebenso wie die konsequente Abkehr von der Ökologie erfreut. Er hat sie auch wie versprochen mit Steuerfreiheit für Trinkgeld und Überstunden bedacht. Der Präsident tut was für seine treuen Wähler und ihre Familien, das ist die Botschaft, die ankommt.

Dass der 47. Präsident der USA erstaunlich unangefochten bleibt, hängt natürlich auch mit der Schwäche der Opposition zusammen. Die Demokraten gewinnen zwar manche lokale oder regionale Wahl, wofür Zohran Mamdami, der erste muslimische Bürgermeister von New York, das bemerkenswerteste Beispiel ist. Aber auf nationaler Ebene sieht es weniger günstig aus.

Die Demokraten sind zwar an Zahl und Einfluss ungleich stärker als die SPD, aber sie wissen genauso wenig, wofür sie eintreten sollen. Am meisten hält sie Trump zusammen – vielleicht genügt das sogar im November 2026 bei der Kongress-Wahl für den Sieg. 

Aber mit welcher Strategie, und vor allem mit welchem Kandidaten, treten die Demokraten  im November 2028 bei der Präsidenten-Wahl an? Dass sich Kamala Harris, die Verliererin gegen Trump, wieder nach vorne drängt, ist kein gutes Zeichen.

So kann Trump konkurrenzlos seine Kreise ziehen und seiner Eitelkeit frönen. Sein Konterfei zieren jetzt schon sämtliche neue Banknoten; üblich war bisher, dass der jeweilige Finanzminister einfach unterschreibt. Trump will auch, dass Sondereditionen von US-Pässen sein Bildnis tragen.

Wenn Amerika am 4. Juli 250 Jahre alt wird, soll in Washington ein beispielloses Feuerwerk in den Himmel steigen. Daneben stehen zahllose spektakuläre Ereignisse an, die auf Trump zurückgehen, wie ja alles ihm zugeschrieben werden muss, was der Regierung einfällt. Und natürlich wird er an diesem Tag immer und überall im Mittelpunkt stehen, was denn sonst.

Bis zum Jubiläum wird wohl der gigantische Triumphbogen noch nicht fertig sein, der jetzt natürlich schon „Arc de Trump“ heißt, und sein Pariser Vorbild in den Schatten stellen soll. Donald J. Trump, der am 14. Juni 80 Jahre wird, arbeitet intensiv an seiner Verewigung.

Aus der Perspektive der Geschichte wird die Gegenwart sozusagen zum lästigen Übel. Angeblich steht eine Einigung mit Iran unmittelbar bevor, ohne dass Trump auf X Genaueres erklärt, während die Unterhändler der Mullahs wie gewöhnlich schweigen. Trump will so schnell wie möglich ein Abkommen, so viel ist klar. Aber welche Zugeständnisse macht er den Mullahs?

Fast vergessen ist schon wieder die Saat des Treffens mit Xi Jin Ping. Da stellte Trump mir nichts, dir nichts plötzlich Taiwan zur Disposition. Irrlichtern ist das Grundprinzip, Unberechenbarkeit die Maxime. Polen kommt gut dabei weg. 5 000 US-Soldaten schicken die USA nun doch dorthin. Der Grund? Trump schätzt den nationalkonservativen Präsidenten, welcher der Regierung Tusk das Leben erschwert.

Donald Trump ist eben Donald Trump, und er bleibt es auch. Nun gut, seine Beliebtheit ist vergleichsweise mager. Aber nehmen wir mal an, der Krieg mit Iran geht in Frieden über und die Amerikaner begeistern sich an den Jubiläumsfeierlichkeiten, in die ja auch noch die Fußballweltmeisterschaft fällt: Dann könnte sich das Land mit seinem Präsidenten wieder ein bisschen versöhnen. Ob es uns gefällt oder nicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.