Für eine Handvoll Dollars

Donald Trumps schlechte Woche begann mit dem Friedensnobelpreis, den er wiederum nicht bekam, sondern eine südafrikanische Menschenrechtlerin, was er wütend „einen unauslöschlichen Schandfleck für das Land Norwegen“ nannte. Die Woche ging weiter mit einem Deal, den er mit Wladimir Putin einging, der die USA mit Millionen an Diesel-Kraftstoff beliefern wird, damit die Preise rechtzeitig vor den Zwischenwahlen in vier Wochen fallen.

Interessant ist ja immer, wen Trump für schuldig erklärt, wenn er wieder einmal das Gegenteil dessen tun muss, was er gerade angekündigt hatte. Für den hohen Diesel-Preis, der vor allem Farmer im mittleren Westen der USA belastet, sei Wolodymyr Selenskji verantwortlich, der schon oft hätte Frieden mit Russland schließen können, aber es „aus irgendwelchen Gründen“ unterlassen habe.

Kurz mal rekapituliert: Trump hebt Sanktionen aus Eigeninteresse auf, um Diesel-Kraftstoff von Russland zu bekommen und schiebt die Schuld auf die Ukraine, weil sie sich erfrecht, mit ihren Drohnen Raffinerien im Land des Kriegsgegners in Brand zu setzen. Und aus diesem Grund verlangt er nach einem neuen Präsidenten in Kiew.

Man muss sich gelegentlich vor Augen führen, mit welch bodenlos abwegigen Argumenten der Präsident der Weltmacht Amerika versucht, seine Macht zu sichern. Und so ideologisch aufgeladen, wie dieses Land nun einmal ist, sind Prognosen auch diesmal eher schwierig.

Am 3. November wählen die Amerikaner 435 Abgeordnete ins Repräsentantenhaus und 35 von 100 Senatoren. In beiden Häusern haben die Republikaner momentan die Mehrheit. Für den Präsidenten bedeutet dieser erfreuliche Umstand freie Bahn für jeden seiner Einfälle bis hin zum Iran-Krieg.

Donald Trump lässt jetzt die Puppen tanzen, um den Verlust der Mehrheit, womöglich in beiden Häusern, zu vermeiden. Erstens erklärte er die Zwischenwahlen zur Abstimmung über sich selbst – über den größten Präsidenten aller Zeiten, wie er sich selbst bezeichnet, weil es sonst niemand auf sich nimmt. Auch ohne diese Deklaration wäre die Wahl zum Referendum über den Präsidenten geworden, aber so stellte er sich freiwillig dorthin, wo er am liebsten steht: ins gleißende Rampenlicht.

Zweitens versprach er jedem Wähler, der ihm die Niederlage in vier Wochen erspart, 5 000 Dollar. Eine typische Trump-Idee: Jeder ist käuflich, auch jeder Wähler. Eine größere Verachtung der Demokratie ist kaum denkbar.

Drittens versprach er, eine Milliarde Dollar aus seiner persönlichen Kriegskasse, die ihm Mäzene füllten, für besonders umkämpfte Duelle zu investieren. Davon gibt es erstaunlich viele, sogar solche, die Republikaner traditionell mit großem Vorsprung errungen hatten. Die Gründe für eine Verschiebung der Verhältnisse zu Gunst der Demokraten sind unterschiedlich.

Im Süden, vor allem in Florida und Texas, wo legale und illegale Einwanderer in hoher Zahl leben, hat die Greif-Truppe der ICE mit ihren Massenverhaftungen Angst und Schrecken verbreitet. Die Hispanos, die mehrheitlich Trump gewählt hatten, sorgen nun dafür, dass plötzlich Demokraten in diesen konservativen Staaten eine Chance bekommen.

In Staaten wie Ohio und Michigan, die mal republikanisch, mal demokratisch wählen, hat der Bau von riesigen Rechenzentren, welche die KI-Giganten bauen wollen, zu Protesten geführt, die sich auch gegen deren Patron im Weißen Haus richten.

In den kalten Nordstaaten Wisconsin oder Vermont sind die hohen Energiepreise ein wahlentscheidendes Problem. Und überall ächzen die Menschen unter der Teuerung im Supermarkt. 

Dazu leidet Trump Popularität übergreifend an dem fahrlässigen Krieg gegen Iran. Dafür findet er weder eine überzeugende Begründung noch gelingt es ihm, ihn zu beenden. Deshalb sagt er heute, die Verhandlungen befänden sich auf gutem Wege und morgen, er werde Iran auf alle Ewigkeit auslöschen.

Währenddessen schickt Iran seine Schützlinge in Gestalt der Houthis vor, die gerade den Flughafen von Riad mit Raketen getroffen haben; 12 Menschen starben, 300 wurden verletzt Saudi-Arabien wird nicht aus eigener Kraft mit den jemenitischen Rebellen fertig, aber vor dem 3. November will Trump nicht intervenieren, wie er verlauten ließ.

Überall dreht sich die Welt um Donald Trump. Im Nahen Osten verliert die Weltmacht USA dramatisch an Einfluss auf die Ereignisse. Im eigenen Land führen die Rückwirkungen seiner Fehlleistungen dazu, dass seine Selbstherrlichkeit begrenzt werden könnte.

Die Demokraten können am 3. November mit ihrer Anti-Trump-Kampagne Erfolg haben. Gehen wir mal davon aus, dass sie in beiden Häusern des Kongresses die Mehrheit gewinnen: Dann könnten sie theoretisch Trump durch Impeachment abzusetzen suchen. Damit sollten sie aber vorsichtig sein, weil sie schon zweimal damit gescheitert sind.

Sind die Demokraten dann jedoch klug, beschränken sie sich darauf, die Korruption innerhalb der Familie Trump zu untersuchen. In Ruhe auszubreiten, welche Geschäfte allein in Saudi-Arabien bei Trumps Besuch zustande kamen, würde wahrscheinlich für große Unterhaltung und viel Ernüchterung sorgen.

Dazu könnten die Demokraten daran gehen, Kriegsminister Peter Hegseth absetzen. Dieser Kulturkrieger hat sich im Militär durch seinen Rassismus und seinen Machismus verhasst gemacht. Er servierte Schwarze auf höherer Kommandoebene ab und grenzte Frauen gezielt aus. Gegen Hegseth vorzugehen wäre schon aus Symbolgründen wichtig – Hegseth schlagen, um Trump zu treffen.

Für uns ist natürlich von Belang, wer sich unter den Demokraten bei der Zwischenwahl hervortut, so dass ihm oder ihr zugetraut werden kann, Präsident/in zu werden. Gegen Trump zu sein, mag diesmal als schlagendes Argument genügen. Um in zwei Jahren ins Weiße Haus einzuziehen, sollte sich jeder Kandidat und jede Kandidatin ein bisschen mehr einfallen lassen. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Im Getriebe verloren

Bärbel Bas tritt zurück und führt dafür private Gründe an. Dafür gebührt ihr Verständnis und Achtung. Wenn es gut geht, schweigen sogar die Gegner, die ansonsten kein gutes Haar an der Arbeit und Sozialministerin fanden. Dass die Häme in den sozialen Medien für einen Moment versiegen könnte, wagt man kaum zu hoffen.

Menschen, die politische Spitzenämter bekleiden, sind selten zu beneiden. Im Normalfall kostet sie die Anstrengung nicht nur Kraft und Energie, sondern auch Substanz. Wenn es nicht gut geht, führt der Aderlass zu Erschöpfung und Krankheit.

Ich weiß, dass menschliches Verständnis für die Riege Klingbeil/Merz/Bas nicht gerade mehrheitsfähig ist, aber sei’s drum. Natürlich ist Macht auch wie eine Droge, die über Schlafmangel und Dauerstress hinweg hilft. Fragt sich immer nur, wie lange. 

Dass Politiker oder Politikerinnen zurücktreten, kommt ständig vor. Jens Spahn ist das jüngste Beispiel, durchaus trostlos. Oder sie geben nach Niederlagen auf wie Robert Habeck. 

Nur eine Minderheit aber entzieht sich dem Getriebe aus freien Stücken. Franz Mündefering, das SPD-Urgestein, legte sämtliche Ämter nieder, um seine todkranke Frau zu pflegen, was nun wirklich aller Ehren wert ist. Allerdings sind Männer, die das Menschliche über das Berufliche stellen, eher eine Seltenheit. 

Jacinda Ardern war Premierministerin in Neuseeland, weltweite geachtet, national umstritten, wie das eben so ist. Sie legte überraschend im Januar 2023 ihr Amt nieder. Als Grund nannte sie Erschöpfung und dass sie nach Jahren der Krisenbewältigung „keine  Kraft im Tank“ mehr hatte.

Kurz darauf zog sich in Schottland die Regierungschefin Nicola Sturgeon zurück. Sie sagte, sie habe sich in der Politik als Mensch verloren. 

Bärbel Bas hatte eines der schwierigsten Ämter in der Regierung inne. Sie wirkte robust und kämpferisch. Ihre SPD schätzte sie besonders deshalb, weil manche ihrer Bemerkungen an die alte Klassenkampf-Rhetorik erinnerte. Im Binnenverhältnis mit dem smarten, aber sanften Lars Klingbeil war sie, geboren im tiefsten Ruhrpott, eine ferne Erinnerung an die Arbeiterpartei seligen Angedenkens.

Ihr Privatleben hielt Bärbel Bas privat, was sie ebenfalls ehrt. Dass ein Todesfall im engsten Familienkreis den Gedanken an den Ausstieg aus der Politik auslöste, ist für jeden, der kein Herz aus Stein hat, durchaus nachzuvollziehen. Wünschen wir ihr doch schlicht und einfach Kraft und Zuversicht für ihre Trauerarbeit. 

Veröffentlicht auf t-online.de, am Montag.

Wer ist der deutsche Andy Burnham?

Viele Sätze unter Freunden, beginnen heute so: Eigentlich müsste man. Eigentlich müsste man in eine Partei eintreten. Oder: Eigentlich müsste man eine neue Partei gründen.

Die Unruhe, die Sorge, das Unbehagen über die Wahlen, bei denen die Extreme Triumphe feiern und die Mitte zerrieben wird, hat längst ins Private übergegriffen.

Ein Bekannter, Anwalt von Beruf, ist schon vor zwei Jahren urplötzlich in die CDU eingetreten und mischt jetzt im Ortsverein mit. Natürlich hat er bei seinen Freunden darum geworben, es ihm gleich zu tun. Der Mann hat meine Bewunderung, denn nichts ist schwieriger, als sich im fortgesetzten Alter den Mühen der Ebene auszusetzen.

Bei der Wahl in Berlin haben meine Freunde und ich häufig darüber sinniert, wen man wählen soll – besser: Wen man noch wählen kann. Einige Sympathie zog Volt auf sich, aber ist es politisch sinnvoll, einer Partei, von der man weiß, dass sie unter fünf Prozent bleiben wird, gleichwohl eine Stimme geben? Unser Senior hat gesagt, ich mach’s trotzdem.

Am weitesten gehen Bekannte, die ernsthaft darüber nachdenken, eine neue Partei zu gründen. Nicht zufällig handelt es sich um FDP-Wähler, die nach neuen Ufern streben. 

Wer die Wahlergebnisse dieses Jahres betrachtet, kommt gar nicht an der Einsicht vorbei, dass der Parteienstaat, wie wir ihn kennen, moribund ist. Die FDP ist als erste Partei dran. Zwar ließ ihr man schon oft das Totenglöckchen läuten, sie war aber das Stehaufmännchen der alten Republik. Sie gehörte von 1949 bis 1989 jeder Regierung an und seither immer mal wieder.

Die Liberalen sind das erste Opfer der neuen Verhältnisse. Wolfgang Kubicki darf die Totenrede halten.

Der alte Parteienstaat ruhte vor allem auf den Säulen SPD und CDU. Beide verlieren ihre Funktion. Die Parameter, mit denen sie groß wurden – Wirtschaftswachstum, innere und äußere Sicherheit, sozialer Aufstieg – interessieren die Wähler nicht mehr im gleichen Maße. Auf ihre Lebenswelt kommt es ihnen an – wie sie wohnen, wie sie ihr Leben finanzieren sollen, wie hoch die Preise sind, wie sicher ihr Job ist. Und vom Staat verlangen sie, dass er für sie da ist, immer und überall.

Dass man unter diesen Umständen eigentlich eine neue Partei gründen müsste, wird gelegentlich auch öffentlich gesagt. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verabschiedete sich vor wenigen Tagen ein Herausgeber mit einem Leitartikel in den Ruhestand, der ein Aufruf war, eine neue Partei der Mitte zu gründen.

Wie könnte sie aussehen? Sie müsste aus der alten Mitte herauswachsen und Neues formulieren. Weder Friedrich Merz noch Markus Söder und auch nicht Jens Spahn könnten sie führen. Der nächsten Generation müsste die neue Führungsriege angehören. 

Emmanuel Macron hat es im Jahr 2017 vorgemacht. Er scharte eine Bewegung um sich, die den Konservativen und den Sozialisten das Wasser abgrub und der Rechten keine Chance ließ.

In Holland setzte sich vor kurzem eine neue zentralistische Koalition durch und wies die Nationalkonservativen um Geert Wilders in die Schranken. In Großbritannien sucht Andy Burnham gerade einen moderaten, menschenfreundlichen Zugang zu den großen Problemen seines Landes und belebt damit auch seine Labour Party.

In Deutschland formierten sich neue Parteien immer aus den alten Parteien. Die Grünen wie die AfD sind Abspaltungen. Die Linke ist ein Sonderfall, geboren als Nachfolgeprodukt der DDR. Volt sitzt im Europa-Parlament, das keine 5-Prozent-Hürde kennt.

Der alte Parteienstaat ist perdu, so viel ist klar. Die Parteien schrumpfen, verlieren an Bedeutung. Auf Menschen kommt es mehr denn je an, die ganz unterschiedlich sein können. Peter Tschenscher ist kein Charismatiker, aber er passt zu Hamburg, ein unaufgeregter, geradliniger Bürgermeister. Daniel Günther ist auch kein Mann mit großer Aura, aber mit seiner soliden Professionalität passt passt er zu Schleswig Holstein. Cem Özdemir wurde in Baden-Württemberg gewählt, obwohl er ein Grüner ist.

Der lebende Beweis für das Ende des herkömmlichen Parteienstaates ist die AfD. Sie ist eben nicht untergegangen wie die Republikaner oder die DSU. Sie ist trotz Ausgrenzung gewachsen und alle Vorsätze, sie zu minimieren, von Friedrich Merz bis Markus Söder, haben eher das Gegenteil bewirkt. Sie fleddert die CDU.

Was nun? Ja, auch Deutschland bräuchte einen Andy Burnham, der der Spaltung seines Landes entgegenwirkt und den inneren Zerfall seiner Partei vielleicht aufhalten kann. Es ist ziemlich egal, ob er der SPD oder der CDU angehörte, es wäre ein Segen, wenn es ihn gäbe.

Und vielleicht braucht Deutschland ja wirklich eine neue Partei, in die dann Menschen eintreten könnten, denen endlich Neues zu den ewigen alten Problemen einfällt – für ihre Partei, aber vor allem für ihr Land.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der Turm darf ruhig schwanken

In der Lausitz steht jetzt der höchste Windturm der Welt, 365 Meter hoch, gebaut von einem Ingenieur aus Dresden

Herr Professor Großmann, Sie haben den größten Windturm der Welt in der brandenburgischen Provinz, in Schipkau, gebaut. Was ging Ihnen durch den Kopf, als er am Montag endlich stand?

Als der Turm seine Weltrekordhöhe von 365 Metern erreicht hatte, empfand ich vor allem Stolz und Dankbarkeit. Stolz auf die außergewöhnliche Teamleistung und Dankbarkeit gegenüber allen, die dieses anspruchsvolle Projekt möglich gemacht haben. Gleichzeitig war da großer Respekt vor der technischen Leistung – und die Gewissheit: Wir haben die Fähigkeit, solche Innovationen zu verwirklichen.

Warum Schipkau, wo bis vor 30 Jahren noch Braunkohle abgebaut wurde?

Schipkau steht wie kaum ein anderer Ort für den Wandel unserer Energieversorgung. Wo früher Braunkohle abgebaut wurde, entsteht heute mit modernster Technologie neue Energie. Genau dieser Wandel macht den Standort für uns so besonders: Wir wollen zeigen, dass industrielle Regionen ihre Geschichte nicht hinter sich lassen müssen, sondern daraus die Zukunft gestalten können.

Der Aufbau zog sich über Tage hin, weil immer wieder Wind aufkam. Hatten Sie zwischendurch ernsthafte Sorge, dass es nicht klappen würde?

Die Spannung war wirklich mit Händen zu greifen, aber ernsthafte Sorgen hatten wir zu keinem Zeitpunkt. Wir haben seit vielen Jahren auf diesen Moment hingearbeitet, alles mehrfach berechnet und einen Sicherheitspuffer eingebaut. Unsere Berechnungsergebnisse ließen wir von Dritten prüfen – unter anderem vom TÜV Nord –, um Sicherheit und Gewissheit zu haben. Zudem kommt die verwendete Hebetechnik mittels Litzenhebern seit vielen Jahren zum Beispiel beim Brückenbau zum Einsatz. 

Wer lieferte Ihnen verlässliche Wetterdaten?

Wir nutzen die Daten von mehreren Wetteranbietern und wurden während der Hubarbeiten von Meteologix begleitet, das ist die Firma von Jörg Kachelmann, so dass sich ein ziemlich verlässliches Gesamtbild ergibt. 

Der Turm ist 365 Meter hoch. Worin liegen die Vorteile gegenüber normal hohen Windrädern? 

Mit 365 Metern erreichen wir Höhen, auf denen der Wind stärker und vor allem gleichmäßiger weht. Somit erhöht sich die Energieausbeute und ermöglicht auch an Standorten, die für herkömmliche Windräder weniger geeignet sind, eine wirtschaftliche Nutzung der Windenergie. Zugleich können wir mit weniger Anlagen mehr Strom erzeugen und damit die Flächennutzung reduzieren.

Wie haben Sie die Bedingungen auf dieser enormen Höhe erprobt?

Bevor wir mit dem Bau des GICON-Höhenwindturms begannen, haben wir in der Nähe des Standortes im Auftrag der Agentur für Sprunginnovation den weltweit ersten Höhenwindmessmast errichtet und ein Jahr kontinuierlich die Windverhältnisse in 300 Metern Höhe erfasst. Inzwischen verfügen wir über mehrere kalibrierte Geräte, mit denen wir die Windverhältnisse in 300 m Höhe vom Erdboden aus messen können.

Wie lange dauerte das ganze Projekt und wer hat es finanziert?

Das gesamte Projekt haben wir im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) durchgeführt. Die ersten Ideen, den Höhenwind zu nutzen, hat meine Firma GICON aber bereits vor rund 15 Jahren entwickelt. Es folgten die Beantragung von ersten Forschungsvorhaben und Machbarkeitsstudien sowie Anfang der 2020er Jahre eine Ausschreibung durch die SPRIND, woraufhin GICON beauftragt wurde, das Konzept des Höhenwindturms umzusetzen. Baubeginn war dann im Herbst 2024.

Das Maschinenhaus und der Rotor mussten von einer Plattform aus hochgehoben werden. Wie geht das technisch vonstatten?

Bei der Plattform handelt es sich um die sogenannte Litzenheberplattform in 220 m Höhe, von der aus die Teleskopierung des Innenturms gesteuert wurde. Die Komponenten – also Gondel, Generator, Nabe und Rotorblätter – wurden per Kran direkt vom Baufeld auf rund 170 Meter gehoben und dort montiert.

Wie viele Menschen, wie viele Gewerke haben in Schipkau zusammengearbeitet?

Allein von GICON waren mehr als 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit unterschiedlicher Intensität damit befasst, von der Genehmigung über die Planung bis zum Bau. Unsere circa. 40 Unterauftragnehmer waren mit rund 200 Mitarbeitern vor Ort.

Wie muss man sich Wartungsarbeiten demnächst am Maschinenhaus oder Höhenwindturm vorstellen und wer übernimmt solche Arbeiten in solcher Höhe?

Das Maschinenhaus ist wie bei normalen Anlagen über einen Lift erreichbar. Der Lift kann auch für den Materialtransport genutzt werden. In der Gondel befindet sich ein Kran, mit dessen Hilfe Werkzeug und Ersatzteile von der Umstiegsplattform in 220 Meter Höhe nach oben transportiert werden können. Zusätzlich befindet sich auf dieser Plattform ein Lastkran, der Material vom Boden  heben kann. Sollte im Extremfall ein Turbinenaustausch erforderlich sein, könnte der Turm auch wieder abgesenkt werden oder ein Turmkopfkran kommt zum Einsatz.

Gigantisch hohe Wolkenkratzer, etwa in Shanghai, sind so gebaut, dass sie schwanken können. Wie ist ihr Turm gesichert und wie ist seine Schwankungsbreite?

Der Turm hat eine maximale Schwankung an der Spitze von ungefähr +/- 1,5 Meter. Das ist für derartige Systeme völlig normal und wird in der Auslegung der Stahlstruktur berücksichtigt. Die Bewegung ist sogar gut für das System, weil so die Beanspruchung der Struktur geringer ausfällt, da ein Teil der Belastung in Bewegung umgesetzt wird. Das Ganze findet planmäßig im elastischen Biegebereich der Stahlkomponenten statt und ist Stand der Technik. 

Nach Schipkau pilgerten Interessierte aus aller Welt. Wo bauen Sie den nächsten Höhenwindturm?

Wir sind bereits mit mehreren Investoren und Interessenten in Gesprächen. Ganz konkret planen wir als nächstes einen kleinen Windpark bestehend aus 4 bis 5 Höhenwindtürmen in der Lausitz. Nachfolgend sollen etwa 100 Anlagen errichtet werden, in deren Bau wir den Lausitzer Mittelstand umfassend mit einbeziehen wollen. Dann ist ein weiteres Ausrollen mit 1 000 bis 2 000 Anlagen geplant. Wir haben das Potenzial allein für Deutschland mit rund 4000 Türmen ermittelt. 

Sie halten mehr als 100 Patente. Wie viele beziehen sich auf den Bau des Höhenwindturms?

Auf den Höhenwindturm beziehen sich aktuell zwei Patente, wir arbeiten aber bereits an weiteren.

Sind 365 Meter die ultimative Höhe oder ginge es noch höher?

Die Wahrscheinlichkeit bei 300 m Nabenhöhe zukünftig eine Gesamthöhe von 385 oder 390 m zu erreichen ist hoch, da aktuell eine Anlage mit „nur“ 126 Meter Durchmesser installiert ist. Standard für folgende Anlagen sind Durchmesser bis 170 oder 180 Meter, was diese neuen Rekordhöhen erlauben würde.

Wann findet die Einweihung Ihres Windturmes statt und wer kommt?

Die Einweihung wird am 19. November 2026 stattfinden. Es werden alle eingeladen, die zum Erfolg des Projektes beigetragen haben. Wer konkret als Ehrengast kommen wird, steht noch nicht fest. Es geht vor allem darum, den Erfolg mit den Beteiligten zu feiern.

Herr Professor Großmann, danke für diese Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Denken in langen Schwüngen

Als er die Gangway zu seiner 747 langsam hochging und sich, oben angekommen, noch einmal umdrehte und kurz winkte, da musste man sich zwangsläufig fragen: Was ging Xi Jinping durch den Kopf, nach zwei Tagen mit dem Donald Trump?

Der Kontrast ist nicht zu übersehen. Xi ist der ultimative Machtpolitiker, kalt und entschlossen. Er räumt weg, wer ihm im Wege steht. Parteichef ist er seit 14 Jahren, Staatspräsident seit 13 Jahren. Das nennt man Kontinuität.

Donald Trump versuchte seinen Gast mit Grandezza zu beeindrucken. Persönlich erschien er auf dem Rollfeld, als Xi anreiste, ein seltener Akt der Auszeichnung. Er lud die KI-Bosse von OpenAi bis Meta zum Galadinner und führte Xi durch das Nationalarchiv, um ihm die Gründungsdokumente der hiesigen Demokratie zu zeigen.

Die USA feierten gerade ihren 250. Geburtstag. Über diese Zahl kann ein chinesischer Alleinherrscher wohl nur amüsiert schmunzeln. Denn Xi denkt in langen historischen Schwüngen. Als die Siedler in Amerika im 19. Jahrhundert vom Osten nach dem West zogen und chinesische Zwangsarbeiter die Eisenbahn bauen halfen, da gehörte dieser Umstand zu den Demütigungen, die China zuteil wurden und sich in sein Gedächtnis einbrannten.

Was heute vor sich geht, ist die große geschichtliche Korrektur. China beansprucht wieder seinen Platz im Zentrum des Weltgeschehens, den es seit dem 3. Jahrhundert vor Christus innehatte. Dabei peilt Xi das Jahr 2049 an. Dann existiert das kommunistische China, von Mao Zedong begründet, 100 Jahre lang. Xi Jinping hat deshalb das Jubiläum als Zielpunkt für die Erfüllung des „historischen Traums“ definiert. Bis dahin soll das Land wieder zur stärksten, reichsten und technologisch führenden Nation der Welt auferstehen.

Was hält ein Mann, der in solchen Kategorien denkt, von einem Mann wie Donald Trump?

Es ist nicht einmal zynisch zu glauben, dass Xi der Geschichte dankbar dafür ist, dass sie ihm gerade heute einen Präsident von diesem Schlage gegenüber gestellt hat.

Schon wahr, Donald Trump hat seine Partei ebenso im Würgegriff wie Xi seine. Kein Zweifel, dass auch er sein Land nach seinem Willen und seiner Vorstellung autoritär formen will. Dass ihm die Gerichte gelegentlich in die Arme fallen, passt ihm überhaupt nicht, muss er aber anerkennen.

Außenpolitisch aber ist Trump ein Ausbund an Unstetigkeit, an Wankelmut, an Widersprüchlichkeit. Man muss nur kurz in seine Rede vor der Uno reinhören, in der er Iran mit Vernichtung drohte, zugleich aber auf Diplomatie hofft. Dabei zeigte er offen seine Verachtung für internationale Institutionen wie die Uno, bei der er gerade auftrat.

Wo Xi langfristig denkt und plant, springt Trump hin und her. Wo Xi Mittel und Etappen auf dem Weg zum Ziel definiert, weiß Trump nicht, was er will.

Als Xi 2012 auf der Weltbühne auftrat, war Barack Obama Präsident. Schon damals ließ er die Verbündeten in Europa wissen, dass sich das Zentrum der Geschichte nach Asien verlagern müsste. Schon damals wollte er sich vorrangig dem Systemkonflikt  mit China widmen. Deshalb sollten sich die USA aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückziehen, was Obama wegen des Krieges in Syrien und der Anarchie in Libyen misslang.

Trump startete als Isolationist – Amerika zuerst und sonst nichts. Keine schlechte Voraussetzung für die überfällige Orientierung nach Asien, die auch er sich vornahm. Dann jedoch begann er den Krieg gegen Iran und kommt jetzt nicht mehr heraus.

Gibt es bessere Nachrichten für eine aufsteigende Weltmacht, als dass die amtierende Weltmacht in Schwierigkeiten an alten Schauplätzen der Geschichte feststeckt?

Die andere Besonderheit, welche die USA unter Trump entwickelt hat, ist das Verprellen von Verbündeten. Die Projektion der Macht, die amerikanische Präsidenten vornahmen, beruhte jedoch auf dem politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluß in Europa und in Asien.

Ist eigentlich ein US-Präsident gut beraten, wenn er die Grundlagen für den historischen Aufstieg seines Landes zur Weltmacht, willkürlich zerstört?

Es gibt den klassischen Leitsatz, dass Länder keine Freunde, sondern Interessen haben. Im Interesse der USA wäre es, wenn sie alte und neue Verbündete um sich versammelte, gerade wenn sie einen Konflikt mit China für unvermeidlich halten.

China hat auf mehreren Kontinenten ein Netz von ökonomischen Abhängigkeiten gesponnen. Zu seinen historischen Rivalen, vor allem aus den Kriegen im  20. Jahrhundert, gehören Südkorea und Japan. Wenn diese Länder sich nicht mehr ihre auf große Schutzmacht USA verlassen können, müssen sie Konsequenzen ziehen, kein Zweifel. 

Welche sie ziehen, hängt auch davon ab, was auf Taiwan passiert. Auf die Insel flohen nach 1945 die Truppen von Tschiang Kai-Shek, die im Bürgerkrieg gegen Mao unterlegen waren. Daraus entstand eine Demokratie unter amerikanischem Protektorat. Auf Taiwan erhebt aber das kommunistische Festland Anspruch. Bis 2049, so muss man vermuten, will Xi die Wiedervereinigung erzwingen. 

Für diesen Wunsch hat Donald Trump Verständnis gezeigt, auch eine wichtige Zäsur. Wie verhalten sich seine Nachfolger im Konfliktfall? Liegt es in ihrem Interesse, Taiwan preiszugeben?

Als sich Xi zu den Ergebnissen seines Besuches äußerte, da sagte er, er wisse die „konstruktive strategische Stabilität“ zu schätzen. Was meint er damit? Dass sich China in dieser Weltlage stabil und konstruktiv entwickeln kann, während die USA wenig konstruktiv mit anderem beschäftig ist. 

Veröffentlicht auf t-online.de, am Montag.

Ich will der Größte sein und ich bin es

Als vor ein paar Tagen die Air Force One gelandet war, da konnte man Donald Trump vor einem Plakat sehen, auf dem stand „Kennedy Center abgerissen“. Natürlich war das kein Zufall, denn die Journalisten auf dem Rollfeld und die Fotografen sollten unbedingt sehen, womit er sich gerade beschäftigte.

Das Kennedy Center steht in Washington und ist das nationale Kulturzentrum der USA, der Inbegriff von großer Kunst. Es wurde 1971 eröffnet und nach dem ermordeten Präsidenten John F. Kennedy benannt. Dort treten Stars der Oper, des Schauspiels, der Comedy, der klassischen Musik und der Pop-Kultur auf. Und jährlich werden Größen des Geschäfts ausgezeichnet – von Bob Dylan und George Clooney über Led Zeppelin bis zur Opernsängerin Renée Fleming.

Donald Trump passte die Ausrichtung dieser ehrwürdigen Institution ganz und gar nicht: zu liberal, zu unabhängig, keine Trump-Freunde, die da gefeiert wurden. Er feuerte den Vorstand, übernahm selbst den Vorsitz und besetzte das Kuratorium mit Gefolgsleuten. Und dann ließ er das Center umbenennen – in „Donald J.Trump und John F. Kennedy Center of the Performing Arts“, wie der Titel in voller Schönheit lautet

Diesen unbändigen Ehrgeiz, sich an die Großen der Nation zu hängen, müssen wir Normalsterblichen nicht verstehen. Er steckt tief in seinem narzisstischen Gemüt und deshalb ist er ruhelos auf der Suche nach Selbsterhöhung. Zum Glück behielt ein US-Bundesrichter die Nerven und sorgte mit seinem Urteil dafür, dass der Name Trump wieder entfernt werden musste.

Der 47. Präsident der USA nimmt Niederlagen schwer. Er sinnt dann auf Rache, Er sagte, nun habe er kein Interesse mehr am Kennedy Center, das ohnehin nichts tauge – es sei sterblich. Seit Juli ist es geschlossen; offiziell soll es renoviert werden. Aber Trump spielt mit dem Gedanken, das Gebäude, das sich ihm verweigerte, mit der Abrissbirne zu behelligen.

Die Selbstherrlichkeit hat sich ja beim Abriss des Ostflügels am Weißen Haus bewährt. Trump redet nicht herum. Er sagt, was ihm durch den Kopf geht. Er macht, was er er sagt. Auch diesmal?

Ob wir wollen oder nicht, zwingt uns Donald Trump fast täglich dazu, uns mit ihm zu befassen. Nicht allein mit seiner welterschütternden Schaukelpolitik, sondern auch mit seinen neuesten Privateinfällen. Man muss nur seine Plattform „Truth Social“ lesen, denn dort stellt er sich so dar, wie er sich sieht und gesehen werden möchte.

Oft sind es Ergüsse in absurder Grandiosität. Da sitzt er hoch zu Ross neben George Washington, ebenfalls zu Pferde. Da steht er Aug in Aug mit den Kriegsgenerälen George Patton und Douglas Mc Arthur. Oder er zeigt sich als erhabener Kommandeur auf einem Flugzeugträger. Oder er tanzt enthusiastisch zu seinem Lieblingshit „YMCA“ beim Umbennen des Lake Ontario zu Lake America.

Natürlich sind diese Collagen von der Künstlichen Intelligenz erzeugt. Aber die Vorstellung ist schon gespenstisch, dass der Oberbefehlshaber der Supermacht nächtens im Weißen Haus etliche Stunden damit verbringt, seine macho-überladene Phantasie auszuleben, indem er in die Haut von Hulk Hogan schlüpft und dann Hulk Hogan im Armdrücken besiegt.

Woher kommt dieser Zwang zu unerschütterlicher Selbstvergrößerung? Ist das krankhaft oder nur selbstverliebt oder handelt es sich um einen Grenzfall? Darüber haben sich schon Psychologen und andere Experten mit mehr oder weniger Expertise gebeugt. Alle sind sich wenigstens so weit einig, dass es sich bei Donald Trump, 80, um einen seelischen Sonderfall handelt.

Von Richard Nixon weiß man, dass er Zwiesprache mit den Präsidenten-Portraits im Weißen Haus hielt, aber sie fielen in die Spätphase vor seinem Rücktritt und er hat immer bestritten, dass er diese Dialoge geführt habe. Von John F. Kennedy weiß man heute, dass er zahllose Affären hatte, aber erst nach seinem Tod haben wir davon erfahren.

Trumps Selbstfeier kann und soll sich jedermann live anschauen und darüber staunen. Bei all dem Irrsinn, den er stiftet, bleibt noch Zeit für seine Dorian-Gray-Selbstbewunderung. Es ist ihm außerordentlich wichtig, sich mit Jesus auf eine Stufe zu stellen. Und er will, dass wir wissen, wie großartig er von sich denkt.

Natürlich fällt auf, dass die KI-gestützte Selbstbeweihräucherung in letzter Zeit zunimmt, da ihm wenig zu gelingen scheint. Der Iran-Krieg, die Ukraine, der Konflikt mit Kanada, der Popularitätsabfall, Gaza, Grönland, Chinas Aufstieg: Vielleicht ist es einfach so, dass Donald Trump umso unermüdlicher an seinem Selbstbild arbeitet, je weniger ihm die Wirklichkeit ihm zu willen ist. Nur ist das Ausmaß an Überkompensation bedenklich.

Gut möglich, dass er die Zwischenwahlen im November verliert. Dann bleiben ihm noch zwei Jahre –und uns die beklemmende Notwendigkeit, ihn in der Wirklichkeit und in seiner Selbstverblendung ernst zu nehmen.

Merz stützen oder stürzen?

Da so ziemlich jedermann auf Friedrich Merz herumhackt, wollen wir zur Abwechslung versuchen, fair mit ihm umzugehen und die Bedingungen, unter denen er handelt, ohne Gefühlsaufwallung zu beleuchten.

Es hat in der deutschen Geschichte schon einige Kanzler gegeben, die ausgesprochen unpopulär waren und trotzdem weiter regieren durften. Das idealtypische Beispiel für den Gleichklang von Unbeliebtheit und langer Verweildauer im Amt, ist Helmut Kohl. Hätte Ungarn nicht rechtzeitig zum Bremer Parteitag 1989 die Grenzen geöffnet, hätte die CDU diesen Kanzler vermutlich auf ihrem Bremer Parteitag gestürzt.

Man konnte also früher im Dauerkrisenmodus überleben. Und heute?

Unter dem Schock der Wahl von Sachsen-Anhalt sind die erfreulichen Nachrichten aus der Welt der deutschen Wirtschaft untergegangen. Es sieht nämlich danach aus, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr 1,3 Prozent betragen wird. Dazu kommt, dass ausländische Investitionen um 50 Prozent auf 86 Milliarden Euro anwuchsen und der Export um 3,9 Prozent gestiegen ist.

Außerdem ist nicht zu übersehen, dass es in Deutschland 38 Unicorns gibt. Damit sind Startups gemeint, welche den Wert von einer Milliarde Euro in kurzer Zeit überschreiten. Im Juni sammelte zum Beispiel Neura Robotics, eine Firma, die beim Design von Industrierobotern Weltruf genießt, bei einer Finanzierungsrunde 1,2 Milliarden Euro ein. Zu den Investoren zählen zwei Weltfirmen, Amazon und Nvidia. Die Botschaft aus den USA lautet: Da tut sich was Tolles in Deutschland, lasst uns dabei sein.

Interessant an den deutschen Unicorns ist, dass sie den Ehrgeiz haben, auf Dauer die deutsche Wirtschaft zu retten, indem sie den Platz der Automobilbranche einnehmen. Sie denken groß und handeln groß. Im Tal der Tränen, in der unsere konventionelle Industrie steckt, sollte dieses Neue, dieses Zukunftsreiche nicht untergehen.

Nichts davon ist das Verdienst der Bundesregierung, schon wahr. In Normalzeiten kommen dem Kanzler aber der konjunkturelle Aufschwung und fröhliche Nachrichten aus neuen Industriezweigen zugute. Damit kann er sich dann brüsten und darauf hoffen, dass die Meinungsumfragen für ihn und seine Regierung besser werden. Aber wir haben keine normalen Zeiten.

In diesen aufgeregten Zeiten, in denen Medien und Parteien wie das Kaninchen auf die Schlange starren, die AfD heißt, tritt das Sachliche weit zurück. 

Friedrich Merz stammt aus der Zeit, als es genügte, die Wirtschaft anzukurbeln, damit die CDU Wahlen gewinnt. Und natürlich lebte er im Glauben, mit seiner Persönlichkeit könne er zusätzlich dafür sorgen, die AfD zu entzaubern. Er erlag einer Selbstüberschätzung und deshalb rechnet er sich das verheerend schlechte Ergebnis der CDU richtigerweise auch selbst zu.

Kein Zweifel, der Kanzler ist in einem Teufelskreis verfangen. Er ist so unpopulär, dass positive Nachrichten aus der Wirtschaft nichts daran ändern. Er regiert mit einer SPD, die bei Gegenwind wankt und am liebsten aus der Regierung weichen würde. Und seine eigene Partei wäre ihn verzweifelt gerne los.

Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wird die Existenzkrise der CDU noch verschärfen. Momentan liegt sie dort bei 7 Prozent. In Ostdeutschland löst die AfD die CDU als Volkspartei ab, kein Zweifel. Der vorherrschende Rechtspopulismus wird von Wut und Enttäuschung getragen, wogegen die CDU keine Gegenwehr findet.

Was tun? Die Brandmauer hat nichts genutzt. Im Gegenteil wirkte die Exklusion der AfD wie ein Schutzschirm, hinter dem sie sich einerseits radikalisieren und andererseits professionalisieren konnte. Geht es nach dem Kanzler, bleibt aber die Brandmauer bestehen. Selbst wenn er wollte, könnte er sie nicht einreißen. Merz und Brandmauer sind eins.

Damit stellt sich aber erst recht die Frage, wann sich in der CDU prominente Stimmen erheben und für Offenheit gegenüber der rechten Konkurrenz plädieren.

Jens Spahn traute man zu, dass er diese Rolle übernehmen könnte. Seine Doppelzüngigkeit, die Leihmutterschaft betreffend, bugsierte ihn aber ins Abseits. Trotzdem muss man es für möglich halten, dass eine Gruppe innerhalb der CDU in nicht allzu ferner Zukunft Spahn ins Zentrum zurückholt.

Wie geht es jetzt weiter? Die CSU will den Kanzler nicht stürzen, wie Markus Söder erstaunlich nüchtern sagte. Dieser Verzicht kann ihm, der sich für unwiderstehlich hält, nicht leichtgefallen sein. Auch von Hendrik Wüst ist keinerlei öffentlicher  Anspruch auf die Merz-Nachfolge zu vernehmen. Die Bedingungen ändern sich ja nicht dadurch, dass ein anderer Mensch Kanzler wird.

Friedrich Merz ist außenpolitisch ein guter Repräsentant Deutschlands. Dieses Verdienst wollen wir ihm zugutehalten. Besser fürs Land wäre es, hätte er innenpolitisch eine ähnlich sichere Hand bewiesen. Nun kommt er aus dem Teufelskreis so schnell nicht heraus. 

Bleibt er Kanzler, hat er noch zweieinhalb Jahre Zeit, Deutschland anders oder sogar besser zu regieren. Ob er die Gelegenheit dazu bekommt, wissen wir vermutlich nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die CDU und auch die CSU stehen dann erneut vor der Alternative, Friedrich Merz entweder zu stürzen oder zu stützen.

Und wenn sich nun mal keiner findet, der Kanzler sein will, sollten sie ihn stützen, was denn sonst.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ein Monstrum, 365 Meter hoch

Endlich mal eine gute Nachricht: In der brandenburgischen Provinz steht am 20. September ein Großereignis an, das weltweit Beachtung findet. Denn dort wird ein Windturm auf spektakuläre Weise  in luftiger Höhe zu Ende gebaut. 

In einem schönen Dresdner Altbau sitzt ein Mann und erzählt von seinem außergewöhnlichen Projekt, aber auf eine Weise, als handle es sich um etwas Alltägliches. Dabei läuft der Countdown, denn Ende September ist es so weit, der genaue Termin steht noch nicht fest, denn er hängt von Wind und Wetter ab. Dann wird er hochgezogen, der Windturm, auf stolze 365 Meter, höher als je eine Windenergieanlage an Land.

Auf den Weltrekord kommt es dem Mann hinter dem Schreibtisch nicht an. Er heißt Jochen Großmann, ist Ingenieur und Professor, 68 Jahre alt, hält mehr als 100 Patente. In seiner Firmengruppe werden Großprojekte erdacht, erforscht und marktfähig gemacht. Der Windturm, die enorme Höhe und das beispielhafte Verfahren, wie er entsteht, sorgt in der Branche weltweit für Aufsehen. So waren schon chinesische und indische Delegationen hier und ließen sich die Bauweise dieses Monstrums ausführlich erklären.

Der entscheidende Tag Ende September wird internationale Beachtung finden. Wenn alles wie geplant vonstatten geht, dann kann es gut sein, dass dieser Turm in vielen Ländern auf mehreren Kontinenten nachgebaut wird. Und darauf kommt es Jochen Großmann an: Dass sein Pilotprojekt serienreif wird.

Im Jammertal der deutschen Wirtschaft, in der sich Hiobs-Botschaften aneinanderreihen, wäre eine spektakulär gute Nachricht eine hochwillkommene Abwechslung. Sie könnte ausgerechnet aus der tiefen brandenburgischen Provinz kommen.

        1. Unten und oben

Die höchste Windenergieanlage wächst in Schipkau heran, einem Ort im südlichen Brandenburg, 50 Kilometer nördlich von Dresden gelegen. Bis vor 30 Jahren war diese Gegend von der Braunkohle geprägt. Zurück blieb eine Hochkippe aus der Erde, die riesige Bagger aufgeworfen hatten, um an die Braunkohle heranzukommen.

Damit dieser weiche oder locker gelagerte Boden wieder Last tragen kann, wurde er zuerst einem Standardverfahren unterzogen, das den schönen Namen „Rüttelstopfverdichtung“ hat. Damit nicht genug. Zusätzlich ließ Großmann 20 Meter lange Betonpfähle in das Erdreich bohren. In Kombination mit vier Fundamentalplatten bilden sie die Grundlage dafür, dass der Turm sicher stehen kann und die Hebelkräfte, die der Wind dort hoch oben ausübt, hier unten verteilt werden. Denn eines darf nicht passieren – dass der Turm kippt.

Wo vor noch nicht allzu langer Zeit diese riesigen Schaufelradbagger den Boden nach Braunkohle durchpflügten, entsteht jetzt also ein Windturm, der international für Furore sorgen soll. Wie ist das denn möglich?

                   2.  Der Höhenwindturm

Eine normale Windenergieanlage, wie sie heutzutage in vielen Landschaften zu sehen ist, besteht zumeist aus Stahlrohrsegmenten, die übereinander geschraubt werden, oder sie bilden ein Hybridturm, der aus vorgefertigten Betonringen im unteren Teil und Stahlrohren im oberen Teil kombiniert ist. Sie erreichen eine Höhe zwischen 200 und 250 Meter.

Der Höhenwindturm zu Schipkau weicht von dieser konventionellen Bauweise ab. Hier entsteht eine Stahlgitter-Konstruktion, die an den Eiffelturm in Paris erinnert. Da kein herkömmlicher Kran in der Lage wäre, das schwere Maschinenhaus und die Rotorblätter auf die Nabenhöhe von 300 Metern zu heben, besteht die Konstruktion aus zwei ineinander verschachtelten Stahlgerüsten. 

Da ist der feste Außenturm, ein breites, offenes Stahlfachwerk, das als statisches Stützgerüst dient; es reicht 167 Meter hoch. Und da ist der verschiebbare Innenturm, der im Inneren des Außenturmes sitzt.

Auf diesen Innenturm kommt es an. Er ist das Herzstück der Konstruktion. Ende September werden alle Augen auf ihn gerichtet sein.

Der Innenturm ist in Stabbauweise gebaut. Dabei wird das Tragwerk nicht etwa als geschlossene und durchgehende Wand gebaut, sondern aus vielen einzelnen, miteinander verbundenen Stäben zusammengesetzt und segmentweise zu einem Turm verbaut. Die einzelnen Elemente werden fast immer zu Dreiecken angeordnet. Das ist die stabilste geometrische Form, die sich unter Last nicht verschiebt oder verformt.

Rund 4000 solcher Profile sind hier verbaut worden. Der Turm besteht insgesamt aus rund 22 000 Einzelteilen. Sie werden mit rund 80 000 hochfesten Schrauben verbunden. Jedes Schraubfeld hat einen QR-Code. Die Monteure haben Handscanner, lesen den Code ein und ziehen mit ihrem Akkuschrauber dann die Schrauben wie vorgesehen nach. Übrigens wiegt ein Akkuschrauber 25 Kilo.

Jochen Großmann erfindet, projektiert, plant und überwacht solche Großprojekte. In Schipkau arbeitet er mit der beventum GmbH zusammen. Sie ist eine Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen, die viel zu wenig bekannt ist, denn, man glaubt es kaum, diese Bundesagentur ist dafür gegründet worden, radikale und bahnbrechende Erfindungen zu fördern. So eine radikale Neuerung ist der Windturm in der Brandenburger Provinz. 

Auf der Grundlage der Projektarbeiten in Schipkau, so stellt sich Großmann das vor, soll ein Weltkonzern entstehen. Sein Ziel ist es, 100 Windtürme in den nächsten fünf bis sieben Jahren überall auf der Welt zu bauen. Er weiß, wie es geht. Ein Konzern zur Zusammenarbeit wird sich unschwer finden lassen.

                  3. Was am 20. September vor sich geht

Als ich im Juni nach Schipkau kam, war der Generator schon da. Er lag auf der riesigen Baustelle, auf der ein Großkran und Mobilkräne in Betrieb waren. Wenn die Windenergieanlage einmal steht und die Rotorblätter den Generator drehen, soll er den Wind in elektrischen Strom umwandeln. Die Größenordnung ist spektakulär: Hier soll doppelt so viel elektrische Energie erzeugt werden wie mit konventionellen Windenergieanlagen. 

Das ist möglich, weil der Wind in 300 Meter Höhe stärker und gleichmäßiger weht. Turbulenzen treten weniger häufig auf. Für die Gewissheit, dass diese Bedingungen dort oben herrschen, sorgte ein Höhenwindmessmast, der im Jahr 2023 errichtet worden war. Er war ausgestattet mit Messvorrichtungen für die Geschwindigkeit des Windes, den Luftdruck und eventuelle Turbulenzen. „Wir haben sogar die Aktivitäten der Fledermäuse beobachtet und festgestellt, dass sie in den Höhen gar nicht mehr fliegen,“ erzählte mir ein Projektmitarbeiter auf dem Baufeld.

Am 20. September wird zunächst der Raupenkran zum Einsatz kommen. Er wird das Maschinenhaus und die Rotornabe auf einer Plattform in 165 Meter Höhe absetzen. In diese luftige Höhe hebt der Kran dann auch die rund 61 Meter langen Rotorblätter, die dann an der Nabe angebracht werden. Das Ganze – Innenturm inklusive Windenergieanlage und Equipment – wiegt 750 Tonnen.

Noch einmal gesagt: Dieses gigantische Manöver, bei dem alles sich nahtlos fügen muss und nichts schief gehen darf, spielt sich in einer Höhe von 165 Metern ab.

Am Maschinenhaus ist der Generator befestigt, der die einströmende Windenergie in elektrische Energie umsetzt. Dazu kommen Elektromotoren, die das Maschinenhaus so drehen, dass die Rotorblätter optimal im Wind stehen. 

Wie aber kommen Maschinenhaus und Rotoren auf die endgültige Höhe von 300 Meter? Mit der Litzen-Technik, wie Jochen Großmann geduldig erklärt. Das ist ein hydraulisches Hebesystem, das in der Schwerlastlogistik oder dem Brückenbau verwendet wird. Der Litzenheber besitzt hydraulische Spannbacken, die die Stahllitzen greifen und vorsichtig nach oben ziehen. Die Ingenieure nennen diesen entscheidenden Vorgang Teleskopieren, weil der innere Turm aus dem äußeren Turm herauswächst. Auch auf dieses Verfahren besitzt Großmann ein Patent.

Das hydraulische Hebesystem muss unbedingt synchron arbeiten. Jede Abweichung würde dazu führen, dass sich der innere Gittermast im Außenturm verkantet. Ende September wird es richtig spannend, draußen in Schipkau auf diesem riesigen Bauplatz.

Wie aber kommen die 365 Meter Höhe zustande, wenn doch die Nabenhöhe bei nur 300 Metern liegt? Man rechnet das senkrecht stehende Rotorblatt hinzu, das sind bis zu 65 Meter, also insgesamt 365 Meter.

                4. Das Ereignis

In Schipkau steht arm 20. September ein Ereignis bevor, das man getrost als historisch bezeichnen kann. Jochen Großmann nennt es lakonisch „den Hub“, um dem Vorgang das Dramatische zu nehmen. Wenn diese ingenieurtechnische Meisterleistung gelingt, kann Großes hieraus entstehen und Schipkau an vielen Orten irgendwo auf der Welt Schule machen.

Und vom Gegenteil, dass der Hub etwa misslingen könnte, wollen wir ausnahmsweise mal nicht ausgehen.

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Groß im Eskalieren

Die Herren Jared Kushner und Steve Wittkoff haben mal wieder in Moskau vorbeigeschaut und freundliche Worte mit Wladimir Putin gewechselt. Soviel man weiß, haben sie ihm diesmal nicht nach dem Munde geredet; das ist schon mal was. Der russische Präsident sicherte ihnen zu, dass er Kiew nicht bombardieren läßt, wenn sie zu Wolodymyr Selenskji weiterreisen.

Mit Russland ist es wie mit Iran. Der amerikanische Präsident würde beide gerne dazu überreden, vom Krieg abzulassen. Keiner von beiden hat Interesse daran, seinen Wünschen zu entsprechen.

Iran hat die Angst vor den USA verloren und Putin ist geübt im Ausweiten des Krieges, nicht in seiner Eindämmung.

Nicht zufällig ließ der russische Präsident gerade jetzt leugnen, dass eine neuerliche Massenmobilisierung bevorsteht. Im Sommer soll er beschlossen haben, 300 00 bis 400 000 Soldaten zu rekrutieren. In Russland sagt man dazu, sie würden „in den Fleischwolf geworfen“. Das Verhältnis auf den Schlachtfeldern ist momentan so, dass gar nicht so viele neue Soldaten an die Front versetzt werden können, wie dort starben.

Wann immer Donald Trump Gesandte vorbei schickt, kommt Wladimir Putin immer zum gleichen Ergebnis: Die USA handeln aus Schwäche. So war es auch, als kurz zuvor John Ratcliffe überraschend in Moskau aufgetaucht war. Ratcliffe ist der Chef der CIA und soll Putin davor gewarnt haben, ein Nato-Land anzugreifen. Dazu gab er ihm wohl eine realistische Einschätzung über den Stand des Krieges, die dem Kriegsherren (SICHER) nicht gefallen hat.

War Putin beeindruckt? Wohl kaum. Er hat ja auch davon gehört, dass die USA von nun an Europa sich selbst überlassen wollen, was ihm bestimmt gefällt. Wie aber sollte er da den Warnungen des CIA-Chefs Bedeutung beimessen?1

Die beiden Unterhändler Witkoff und Kushner waren erstmals seit Januar wieder im Kreml. Die USA sind bekanntlich anderswo beschäftigt. Wie sollte Putin jetzt noch darauf bauen, dass Trump ihm die Ukraine auf dem Silbertablett überreicht?

Was in Putins Kopf vorgeht, kann niemand wissen. Aber wo seine Interessen liegen, lässt sich ableiten.

Da der Krieg gegen die Ukraine im fünften Jahr steht, bekommt der große Oberbefehlshaber allmählich ein Problem. Dass die Ukraine mit ihren Drohnen die Schwarzmeerflotte auf der Krim dezimiert und im russischen Hinterland Ziele angreift, kratzt an seinem Image als überlegener Stratege, der heim ins Reich holt, was verloren gegangen war.

Gut möglich sogar, dass die stillschweigende Billigung der „Spezialoperation“, wie sie Putin unverdrossen nennt, langsam bröckelt. Das „Lewada Zentrum“, ein russisches Meinungsforschungsinstitut, das als unabhängig gilt, hat herausgefunden, dass 57 Prozent der Russen die Lage wegen der ukrainischen Drohnen im Hinterland als „angespannt“ bezeichnen.

Dazu kommt, dass die russische Elite, in Sonderheit die Oligarchen, unglücklich über die Dauer des Krieges ist. So bleiben sie von Geschäften mit dem Westen abgeschnitten. Manche von ihnen stehen persönlich auf der Sanktionsliste. 

Vor kurzem gab Andrei Melnitschenko, ein russischer Milliardär, in einem Essay für das britische Magazin „Economist“ Einblick in die Gedankenwelt der Elite. Er warnte davor, auf eine Niederlage im Ukraine-Krieg zu hoffen und die dauerhafte Schwächung Russlands anzustreben. Solche Gedanken schwirren also Oligarchen durch den Kopf.

Melnitschenkos Essay erregte wie erwartet Aufsehen. Er wird wohl kaum ohne Einverständnis Putins ins Leitorgan der westlichen Elite gekommen sein.

Nun ist Russland von Anarchie noch weit entfernt. Putin besitzt die wirtschaftlichen Ressourcen, um den Krieg weiter zu führen und verfügt dazu nach wie vor über den repressiven Sicherheitsapparat, der seine Macht absichert.

Von dem einsamen Mann im Kreml wird aber auch der Satz für den Fall des ausbleibenden Sieges im Krieg glaubwürdig zitiert: „Sie werden mich hängen.“

Im Umgang mit Krisen verbindet den russischen Präsidenten mit Donald Trump ein besonderer Charakterzug: Beide geben nie Fehler zu. Sie leugnen, was ihnen unterläuft, und ansonsten schlagen sie immer gewaltig auf Feinde ein, auch wenn sie gerade noch Freunde gewesen waren.

Die Spezialoperation dauert genau 1 656 Tage an, 1 000 Kilometer lang ist die Front. Der russische Vormarsch ist ins Stocken geraten. Die Ukraine schlägt fast nach Belieben zurück, muss aber auch Nacht für Nacht schwere Luftangriffe ohne große Gegenwehr erleiden, da ihr die Flugabwehrraketen ausgehen.

Wie soll das weitergehen? Donald Trump hat den Ehrgeiz verloren, in diesem Krieg Frieden zu stiften. Er wird seine beiden Unterhändler immer mal wieder nach Moskau schicken, aber das ist es schon. Sie können dann ihre Einschätzung schildern, in welcher Verfassung Wladimir Putin ist, der strategisch nicht besonders kluge Stratege. 

In Kiew waren Witkoff und Kushner zum ersten Mal. Das ist nur folgerichtig für die Priorität, die Trump gesetzt hatte: Mit Russland muss man rechnen. Russland hat eine Restspur an Einfluss an vielen Orten, versteht sich immer noch als Weltmacht, wenn auch amputiert.

Die Ukraine ist aber nicht mehr die vernachlässigbare Größe, die Trump in ihr vor kurzem noch sah. Sie wehrt sich entschlossen und  kreativ. Nicht zufällig kamen zur zweiten Gesprächsrunde in Kiew die Sicherheitsberater dreier europäischer Länder dazu: aus Deutschland, England und Frankreich. 

Wie aber geht es weiter in diesem Krieg? Russische Geheimdienste haben Alarm geschlagen. Die Zahl der Freiwilligen – vor allem Strafgefangene, Schuldner und Migranten – geht offenbar dramatisch zurück. Auf ihre Empfehlung geht die Zwangsrekrutierungen für 400 000 Soldaten zurück. Aber in der angespannten Stimmung fällt das militärisch Notwendige nicht mehr ganz so leicht.

Witkoff und Kushner können also noch öfter folgenlos in Moskau vorbeischauen. Denn solange der Krieg stagniert, kann Putin aus seiner Sicht gar nicht das Risiko eingehen, ernsthaft über Frieden zu reden. Deshalb eskaliert er – in der Ukraine wie im hybriden Krieg gegen Nato-Staaten.

Offenbar besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem echten und dem klammheimlichen Krieg. Vermutlich werden sich die Vorfälle in Nato-Ländern häufen, wenn Russland dort nicht vorankommt. Gut möglich, dass der Zufallsfund in Leipzig, die Drohnen über Finnland oder der Giftangriff auf eine Drohnenfabrik in der Slowakei nur der Anfang sind.

Der einsame Mann im Kreml hält uns in Atem. Kein Zweifel, dass er darin einen Beweis für seine Bedeutung sieht.

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Vieles wird sich ändern, aber wie viel?

Der Countdown läuft. Am kommenden Sonntag wählt Sachsen-Anhalt. 1,8 Millionen Menschen dürfen wählen. Ziemlich wenige Wähler werden ziemlich viel Wirkung erzielen.

In meinem Berufsleben habe ich jede Menge Landtagswahlen beobachtet und beschrieben. Die wenigsten waren spannend; fast immer ging es um überschaubare Belange ohne erhebliche Auswirkungen auf das große Ganze. Nur selten kam Spannung auf – wie im Jahr 1985 in Hessen, als Joschka Fischer zum ersten grünen Minister ernannt wurde.

Ein historisches Ereignis in Turnschuhen, international beachtet und kommentiert. Das alte politische System war vorbei, eine neue Zeit begann. Übrigens waren damals gerade mal sechs Jahre seit Gründung der Grünen vergangen.

Stellen wir uns kurz mal vor, die AfD, im Jahr 2013 gegründet, wäre sechs Jahre später in Sachsen, wo sie damals schon auf 27,5 Prozent hochschoss, in die Regierung gekommen und hätte Minister gestellt. Was wäre dann aus ihr geworden? Hätte sie sich entrümpelt und hätte sich eine Realo-Mehrheit entwickelt? Wäre die AfD respektabel geworden?

Wie wir wissen, kam es anders. Deshalb steht die AfD nun, 13 Jahre nach ihrer Gründung, vor der historischen Chance, nicht nur zu regieren, sondern sogar den Ministerpräsidenten zu stellen.

Ich kann mich an keine Landtagswahl erinnern, die vergleichbar ausgeleuchtet worden wäre. Ständige Meinungsumfragen schüren die Hysterie, die Sachsen-Anhalt umwabert. Eine Art Bürgerinitiative empfiehlt taktisches Wählen, wobei die Taktik darin bestehen soll, Grüne und SPD zu stärken, damit die AfD nicht mit 42 oder 43 Prozent plötzlich allein regieren kann.

Es stimmt, dass es auf die Wahlbeteiligung ankommt. Sie lag bei den letzten beiden Wahlen um die 60 Prozent, was nicht wenig ist, aber auch nicht viel. Der Durchschnitt aller Landtagswahlen liegt zwischen 65 und 70 Prozent. Sachsen-Anwalt kam 1998 einmal darüber, mit 71,1 Prozent. Und diesmal?

Sechs Tage noch und wir wissen mehr. Aber schon heute wissen wir, dass die AfD der Wahlsieger sein wird. Vielleicht holt die CDU auf den letzten Metern ein wenig auf. Aber sollten die Grünen nicht den Wiedereinzug ins Parlament schaffen, könnte es auch zum Patt kommen – SPD plus Linke plus CDU hätten dann so viele Sitze wie die AfD alleine.

Nichts scheint unmöglich zu sein in Sachsen-Anhalt. Aber wer soll dann mit wem regieren?

Auf jeden Fall ist die AfD auf dem Vormarsch, ob uns das gefällt oder nicht. Sie verändert die politischen Koordinaten, nicht nur im kleinen Sachsen-Anhalt. Die Frage wird am kommenden Sonntag nach der ersten Hochrechnung sein: Kann man einen derart klaren Wahlsieger von der Regierung fern halten?

Das politische System hat die AfD ausgegrenzt, anstatt zu versuchen, sie zu integrieren. Allzu lange herrschte die Illusion vor, die Partei am rechten Rand lasse sich klein halten, klein reden. Friedrich Merz machte sich mit der Kritik an Angela Merkel beliebt und glaubte wohl tatsächlich, dass er durch die Kraft seiner Persönlichkeit die CDU prinzipiell stärken und die AfD schwächen könnte. Irrtum.

Was aber passiert nach dem 6. September in Berlin? Ich möchte fast darauf wetten, dass Markus Söder zu den Ich-hab’s-immer-schon-gesagt-Besserwissern gehören wird. Es ist seine letzte Chance, sich noch einmal als Kanzler ins Spiel zu bringen und testosterongesteuerte Tatkraft zu fingieren, wie es seine Art ist.

Friedrich Merz wird wackeln, aber fällt er auch? Möglich ist es schon, sofern die CDU, wund gescheuert, den Aufstand wagt und Hendrik Wüst Anspruch auf die Kanzlerschaft erhebt. Oder lässt Wüst doch Söder den Vortritt und wartet lieber ab? 

Nach dem 6. September wird vieles anders sein, in Magdeburg wie in Berlin. Aber wie viel?

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