Also, wenn du Erfolg in der Politik haben willst, solltest du erst gar nicht versuchen, zu den Guten zu gehören. Du solltest die Charakterstärke aufbringen, zu den Schlechten gehören zu wollen. Dann musst du dein Wort nur halten, wenn es dir nützlich erscheint. Was auch immer du vorhast, umgarne stets deine Anhängerschaft, damit sie dir weiterhin Gefolgschaft leistet. Sei schlau und mache alle anderen dafür verantwortlich, sollte etwas schief laufen.
Diese Empfehlungen könnte Donald Trump demnächst an J. D. Vance weitergeben, der ihn bekanntlich beerben möchte. Sie sind die Summe seiner Erfahrungen und aus seiner Sicht die Garantie seines Erfolgs. Sie gehören zum Verhaltenskanon des Entertainers, der ihn so konsequent befolgte, dass er damit zum zweiten Mal ins Weiße Haus einziehen durfte und Amerika nach seinem Willen und nach seiner Vorstellung formt und die Welt auch.
In Wahrheit entstammen diese Ratschläge dem berühmten Buch „Der Fürst“, das Nicolò Macciavelli vor mehr als 600 Jahren schrieb, nämlich 1514. Seither ist er berühmt für seine Aufforderung zur Ruchlosigkeit. Dazu gehört, dass Macht alles zählt und Moral nichts. Daraus folgt, dass der Zweck die Mittel heiligt.
Donald Trump würde sich von Macchiavelli verstanden fühlen. Auch er verhüllt nicht seine Absichten. Er bemäntelt nichts, er sagt frei heraus, was er will. Er verfolgt seine Feinde und zum Feind werden auch ehrenhafte Amtsträger, die nur ihrer Pflicht nachkamen, aber dabei das Pech hatten, ihm in die Quere zu kommen. Er vergisst nichts und verzeiht nichts.
Pietät ist kein Kriterium für Trump. Als der weltbekannte Regisseur Rob Reiner („Harry und Sally“) umgebracht wurde, kommentierte er die Familientragödie – der Mörder war offenbar der Sohn – mit diesen Worten: Reiner habe an einer „massiven, unbeirrbaren und unheilbaren Erkrankung namens Trump-Wahn-Syndrom“ gelitten. Denn der Regisseur hatte gewagt, den Präsidenten stark zu kritisieren. Dafür verfolgte ihn Trump noch nach dem Tod.
Ein anderes Beispiel ist Trumps Umgang mit John McCain, der viereinhalb Jahre lang in Vietcong-Gefangenschaft gelitten hatte. McCain war ein Republikaner, wie Republikaner waren, bevor Trump sich die Partei unterwarf. Als er gegen Barack Obama als Präsident unterlegen war, hielt er eine beispielhaft honorige Rede auf den siegreichen Rivalen. Vielleicht aus diesem Grund äußerte sich Trump abfällig und nannte McCain hämisch einen „Loser“ – als wäre er selbst schuld daran gewesen, dass er, beide Beine und einen Arm gebrochen, von den Vietcong auch noch gefoltert worden war. Ruchlosigkeit, gesteigert durch Infamie.
Donald Trump ist ein Mensch, der keine Gegner kennt, die man respektieren könnte, sondern nur Feinde, die er vernichten will, egal ob lebend oder tot. Diesen Charakterzug hat er auf der Beerdigung Charlie Kirks, der ebenfalls umgebracht worden war, persönlich thematisiert. Kirks Witwe hatte vor Tausenden Trauernden gesagt, ihr Glaube verpflichte sie, dem Mörder zu vergeben. Trump sprach nach ihr und rügte ihren Großmut. Er sagte, für ihn blieben seine Feinde immer seine Feinde, die verfolgt werden müssten.
Wer zweimal amerikanischer Präsident wird, trotz oder wegen seiner charakterlichen Besonderheiten, macht etwas richtig. Eine Mehrheit der Wähler schätzt ihn, weil – und nicht obwohl – er so ist, wie er ist. Trump hat ihnen ja nichts vorgemacht. Deshalb ist er, wie er ist und zwar aus tiefster Überzeugung. Insoweit er der idealtypische Herrscher, den Macchiavelli zeichnet.
Der Nachteil, die Welt so zu betrachten, wie sie sich Trump darstellt, besteht in der Illusion, dass es ausschließlich auf die Führer ankommt. Der Iran-Krieg beruht auf der Fehleinschätzung, man müsste nur ein paar wichtige Leute umbringen und schon falle das Regime. Danach könnte Trump, wie er sagt, das Land gemeinsam mit einem gefügigen Ajatollah regieren.
Das Mullah-Regime mag wanken, aber es steht noch und es schlägt zurück. Auch deren Schützlinge, die Hisbollah und die Houthi-Rebellen, greifen Israel und die Staaten am Golf mit Raketen und Drohnen an. Und Iran versteht es, die Meerenge bei Hormuz so zu blockieren, so dass der Welthandel in Mitleidenschaft gezogen wird.
Es läuft nicht gut für Trump. Er verliert die Orientierung. Eigentlich ist er stolz darauf ist, dass seine militärische Macht so groß, so umfassend ist, dass Kompetenz und Erfahrung überflüssig werden. Nun lernt er, was er nicht hören wollte – dass Kriege sich anders entwickeln als gedacht und der Angegriffene sich wehrt.
Darin liegt ein Dilemma, denn jemand muss schuld an der Misslichkeit sein. Zum Beispiel die Nato, die ihm nicht an der Straße von Hormuz selbstlos zu Hilfe eilt. „Feiglinge“ nennt er sie und tobt wie Rumpelstilzchen. Friedrich Merz zog seinen besonders heiligen Zorn auf sich, weil er sagte, dies sei nicht der Krieg der Nato.
In seinem näheren Umkreis hat er Kriegsminister Pete Hegseth als Schuldigen schon mal vorsorglich gebrandmarkt. Er sei der erste gewesen, der gesagt habe, wir machen das, erzählt er. Nur Benjamin Netanyahu, der ihn tatsächlich zum Krieg gegen den Iran überredete, ist auf der sicheren Seite. Trump kann nicht ihn als Schuldigen an den Pranger stellen, weil er dann selbst als leichtgläubiger Büttel der Israelis da stehen würde.
Die zweite Amtszeit des Mannes, der bald 80 Jahre sein wird, ist ein einziges Experiment darauf, was Amerika mit sich machen lässt und was er mit Welt anrichten darf.
Was die Welt anbelangt, entscheidet der Ausgang des Iran-Kriegs über seine Präsidentschaft. Momentan redet er davon, dass die neue iranische Führung ihn um Verhandlungen anfleht, und zugleich verlegt er Spezialeinheiten in die Region. Wer ihn bewundert, hält es für Doppelstrategie. Wer ihn auch nur skeptisch sieht, folgert daraus, dass er nicht weiß, was er machen soll.
Machiavellis „Fürst“ ist bedenkenlos, aber kein Großmaul. Er tut das Nötige mit aller Brutalität und Konsequenz. Trump aber brüstet sich mit seinen grenzenlosen Gaben, doch damit ist er jetzt an Grenzen gestoßen. Wie sich andeutet und bald noch stärker zeigen wird, macht ihn diese Erfahrung noch gefährlicher – für Amerika und die Welt.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.