Iran tanzt Trump auf der Nase herum

Was lernt man aus den Kriegen der Gegenwart? Dass die Schwächeren die Klügeren sein können. Die Schließung der Straße von Hormus ist die stärkste Waffe, über die das Mullah-Regime in Teheran verfügt. Vermutlich war ihm selbst nicht ganz klar, wie wirksam ein paar Seeminen und ein paar Raketen sein können.

Donald Trump wiederum hörte entweder über Warnungen hinweg oder seine Entourage verfiel gar nicht auf die Idee, dass die Meerenge zu einem größeren Problem werden könnte. So suchen den Präsidenten Inkompetenz und Ignoranz heim, von denen er sich wohlig umgeben lässt. Der Stärkere kann auch der Dümmere sein.

Anders als in Russlands Krieg gegen die Ukraine ist der Stärkere hier auch brennend an einem Abkommen interessiert, mit dem der Krieg beendet werden kann. Der Schwächere, also Iran, flog zwar wie erhofft in Gestalt seines Außenministers Abbas Araghtschi nach Islamabad, aber gerade in dem Moment, in dem die US-Delegation unter Anführung von J.D. Vance los fliegen wollte, war  Araghtschi schon wieder auf dem Heimweg.

Wieder keine Verhandlungen, schon zum zweiten Mal angekündigt und dann wieder abgesagt. Nicht nur, dass der Iran sich Verhandlungen entzieht, er tanzt der Supermacht auch noch auf der Nase herum.

Dazu kann es kommen, wenn der Schwächere sich seiner Stärke bewußt wird und sie konsequent nutzt. Die Machthaber in Teheran haben Donald Trump studiert und bemerkt, dass er keine Strategie besitzt, weil er keine exakten Kriegsziele hat. Er will einen Deal haben und zwar möglichst bald. Ihm bleibt wenig Zeit, ihm schwimmen die Felle davon. Die Mullahs haben viel Zeit. Weder auf Wahlen noch auf nationale Gedenktage müssen sie Rücksicht nehmen.

Vermutlich schätzen sie die Lage richtig ein, dass die USA den Krieg nicht fortsetzen wollen. Und dass Trump einen Fehler begangen hat, wird weltweit Tag für Tag an den Zapfsäulen und den Versorgungsengpässen klar gemacht.

Was lässt sich noch lernen? Dass die USA 1 100 Langstreckenraketen abgeschossen haben, die eigentlich für den Konflikt mit China gebaut worden waren. Dazu kommen rund 1 000 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, die entweder von U-Booten oder Schiffen abgefeuert werden. Weiterhin 1 200 Flugabwehrraketen, Typ Patriot, mehr als vier Millionen Dollar pro Stück, sowie 1 000 ballistische Kurzstreckenraketen.

Knapp eine Milliarde Dollar verschlingt jeder Kriegstag, auch ein Grund, damit aufzuhören. Das Pentagon verlangt  200 Milliarden Dollar zusätzlich für dieses Haushaltsjahr, um das Arsenal wieder aufzufüllen. Im übrigen zeigt dieser Krieg, dass sich Amerika im Übermaß auf teure Raketen und Munition verlassen hat, vor allem in der Luftabwehr. Deshalb hat die Rüstungsindustrie jetzt den Auftrag, schnell billigere Waffen zu entwickeln, zum Beispiel Angriffsdrohnen.

Wie es Trumps Art ist, wird er sich anderweitig dafür rächen, dass ihm die Auseinandersetzung mit Iran entglitten ist. Die Nato ist jetzt das Feindbild, auf das er kompensatorisch zielt. Dem besonders widerspenstigen Spanien droht er mit Rausschmiss, als wäre das seiner persönlichen Entscheidung vorbehalten. Und allen anderen Mitgliedsstaaten droht er mit dem Entzug von jedem militärischen Schutz, was nicht ganz neu ist, aber durchaus glaubwürdig. 

Auch daraus ließe sich etwas lernen. Nach der gültigen Hierarchie ist der Oberbefehlshaber der Nato, zuständig für alle militärischen Operationen, traditionell ein Amerikaner. Wenn es denn so ist, wie es allem Anschein nach ist, dass Amerika andere Prioritäten setzt, um es milde zu sagen, und Europa sich selbst überlassen will, dann wäre es nur konsequent, wenn diese überragende Funktion auf mittlere Sicht an einen Nicht-Amerikaner überginge. Ohne Amerika hat die Nato 31 Mitgliedsländer. Da werden sich wohl respektable Kandidaten finden.

Und was lernt die Bundeswehr daraus? Der Bundeskanzler wünscht sich, dass sie zur stärksten konventionellen Armee auf dem Kontinent aufsteigt. Dafür hat sie sich erstmals in ihrer Geschichte eine Militärstrategie zugelegt. Dazu gehört ein „Fähigkeitsprofil“, in dem die Anforderungen für einen Ernstfall beschrieben werden. Panzer, Luftabwehr und Kampfflugzeuge sind unverzichtbar, schon wahr. Hunderte Milliarden Euro stehen dafür aus dem sogenannten Sondervermögen zur Verfügung. Sie wollen gut angelegt sein. Militärs haben die Tendenz, vergangene Kriege zu gewinnen und dafür Waffen anzuschaffen. Jeder nächste Krieg wird aber ein anderer sein.

Der Krieg der Ukraine gegen Russland hält ein paar Lektionen über Einfallsreichtum bereit. Die Ukraine ist ein Pionier im Herstellen billiger Drohnen gegen die ungleich größere Armee Russlands;  deren Software kann permanent erneuert werden. Daraus folgt zum Beispiel für die Bundeswehr, dass es auf die richtige Kombination klassischer Waffensysteme mit zahlreichen weniger kostspieligen und schnell ersetzbaren Waffen ankommt. Und egal ob teuer oder billig, krude oder elaboriert, hängt die Qualität von der Software ab. Das wirksamste System ist dasjenige „mit dem besten Algorithmus, der mit den besten Daten gefüttert wird und am häufigsten auf den neuesten Stand gebracht werden kann“, schreibt das britische Magazin „Economist“.

Zu Beginn des Krieges gegen Russland fiel der Einsatz von Drohnen noch nicht ins Gewicht; sie machten nur 10 Prozent der „Gefechtsverluste“ aus, wie Militärexperten das nennen, wenn die gegnerischen Soldaten dadurch sterben. Heute sollen Drohnen 70 bis 80 Prozent der Verluste verursachen. Dabei schwirren sie oft  teilautonom herum, berechnen eigenständig den Weg zum Ziel und umgehen geschickt Hindernisse, die sich unverhofft auftun.

Am Krieg in der Ukraine lässt sich auch studieren, dass Drohnen dazu beitragen, den Krieg zu verlängern. Denn so können die Schwächeren den Stärkeren standhalten oder ihnen zumindest schreckliche Verluste beibringen. Drohnen erlauben auch präzisere Schläge, während Streumunition, etwa von der russischen Armee bevorzugt eingesetzt, immer wieder wahllos Zivilisten tötet.

Vor ein paar Tagen sagte Präsident Wolodymyr Selenskji, dass ukrainische Streitkräfte erstmals in der Geschichte des Krieges ausschließlich mit unbemannten Systemen eine feindliche Stellung eingenommen hätte. Zum Einsatz kamen Bodenroboter und Drohnen; kein Infanterist war direkt daran beteiligt.

Natürlich ist es eine Utopie, dass eines Tages nicht Menschen gegen Menschen kämpfen, sondern der Krieg dem Aufeinanderprallen von KI-gestützten Apparaturen überlassen bleibt. Dieser Art Technologiegläubigkeit sollte ein Monopol der Oligarchen im Silicon Valley bleiben und nicht als Illusion die militärischen Strategen heimsuchen, die reale Ernstfälle definieren müssen.

Sicherlich werden in diesen Tagen in so ziemlich allen Generalstäben auf der Welt Schlussfolgerungen aus dem Anschauungsmaterial gezogen, das die Kriege gegen Iran und die Ukraine bereitstellen. So trostlos es ist, so folgerichtig ist es doch auch, dass erneut ein Wettrüsten beginnt, in China wie in Russland, in Amerika wie in Europa. 

Und natürlich werden die Strategen diesmal auch die Engstellen auf den Meeren und ihre Bedeutung für den Welthandel nicht unterschätzen. Davon gibt es ja einige auf allen Kontinenten, die sich wie Hormus sperren lassen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

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Chaos im Kopf

Inzwischen wird in amerikanischen Medien mit einiger Besorgnis gefragt, ob Donald Trump mental krank sei. Darauf folgt dann immer der Zusatz, nicht im klinischen Sinne sei die Frage gemeint, ob sein Geisteszustand problematisch geworden sei. Damit bauen die Autoren vor, dass sie mit Millionen-Prozessen überzogen werden.

Nun kann man einwenden, Trump war immer Trump, also sprunghaft und widersprüchlich, mit Vorliebe für Selbstbeweihräucherung, beleidigend in seinen Äußerungen und unstet in seinen Handlungen. Zu seinen Grundsätzen gehört es, immer einfach weiterzumachen, ohne sich umzudrehen, ohne sich je zu erklären, geschweige denn zu entschuldigen. Damit beherrscht er den Medienzirkus und dafür liebt ihn der unersättliche, inkonsistente Nachrichtenzyklus.

Und weshalb sollte ein Mensch, der demnächst 80 wird, seinen speziellen Charakter ändern wollen, mit dem er zweimal Präsident der Supermacht USA geworden ist? Von einem Reporter angesprochen auf die umlaufenden Andeutungen über seinem geistigen Zustand, antwortete Trump auf typische Weise. Er empörte sich nicht, er machte nicht einmal Witze, sondern deutete die Gerüchte einfach zu seinen Gunsten um: „Davon habe ich nichts gehört. Wenn es aber so ist, sollte es mehr Leute wie mich geben, denn bis ich kam, war unser Land ausgebeutet worden, im Handelsverkehr, überhaupt  in allem, und deshalb braucht es mehr Leute von meinem Kaliber.“

Der Normalfall auf dem Planeten Trump ist der Ausnahmezustand. Es ist nach wie vor ebenso faszinierend wie erschreckend, seinen Worten und Taten zu folgen.

Seit dem Krieg gegen Iran aber hat sich der Ausnahmezustand in einen Alarmzustand versetzt. Nichts hat sich an Trumps Verhalten und Rhetorik verändert, aber der Kontext ist neu.

Ein Krieg unterscheidet sich vom gelegentlichen Versenken angeblicher Schmugglerbooten, in denen Menschen sterben. Die Wirklichkeit in einem Krieg lässt sich eben nicht beliebig umdeuten. Sie lässt sich auch nicht bagatellisieren, wenn  US-Soldaten sterben (13 bisher) oder verletzt in Hospitälern liegen (200 bisher). 

Die Eile, die bei Trump immer der Gründlichkeit vorgeht, wirkt in diesen Tagen anders. Wie Flucht. Die hastig aufgezählten und dann wieder anders benannten Gründe für den Krieg sind Reaktionen darauf, dass auch dieser Konflikt Eigenleben entwickelt, weil zum Beispiel das überfallene Land nicht einfach klein beigibt wie Venezuela, sondern sogar Mittel und Wege zum Zurückschlagen findet.

Die üblichen Ablenkungsmanöver verfangen diesmal nicht.  So ist Unflätigkeit ein zuverlässiges Mittel in Trumps Arsenal, das Thema zu wechseln. Diesmal traf es den Papst. Zum Hohn für den Amerikaner im Vatikan stellte sich Trump dank Künstlicher Intelligenz als Lieblingsmensch von Jesus Christus dar. Beim ersten Mal redete er sich noch heraus, wie er es immer tut, wenn das Echo lau ausfällt. Dann aber wiederholte er die innige Vertrautheit mit Gottes Sohn erneut. Wieder löste er Betretenheit  unter seinen frommen Anhängern aus. 

Es war diese Folge von bigotten Ausfällen, die in den letzten Tagen die politisch durchaus explosive Frage nach seinem Geisteszustand auslöste. In der Kombination mit der wüsten Drohung, die iranische Zivilisation auszulöschen, blieb der erhoffte Themenwechsel aus. Zu viel Irrsinn im Stakkato. Hinterher relativierte Trump in einem Interview mit der „New York Post“ nicht etwa die Vernichtungsabsicht – im Gegenteil bestätigte er seine Vernichtungsabsicht: „Ich war entschlossen, es zu tun.“

Aber wie geht es in der Sache weiter, im Krieg gegen Iran, den ja auch Israel führte – recht eigentlich hat Benjamin Netanjahu seinen Buddy Trump dazu überredet, ohne dass der es je zugeben wird – , wobei ab jetzt der 47. US-Präsident alles im Alleingang regeln will?

Heute sollte das ergebene Trio Vance/Kushner/Witkoff mit der iranischen Delegation wieder Verhandlungen führen. Die bloße Tatsache, dass sie den Termin absagten, st ein Triumph der Selbstbehauptung. 

Trump liegt wohl wirklich an einem Deal, den er immer mal fast für abgeschlossen erklärt. Dass die US-Marine aber kurz vor dem Islamabad-Treffen ein iranisches Handelsschiff kaperte ist ein Beispiel für die Selbstsabtoage dieses Präsidenten, für das Chaos in seinem Kopf.

Auch der Umstand, dass die iranische Marine die Meerenge bei Hormuz nur kurz öffnete und dann wieder schlossen konnte, spricht Bände. Die Revolutionsgarden, die offensichtlich eine Militärdiktatur in Teheran errichtet haben, kennen nun ihre Stärke, die in der Strangulierung der Weltwirtschaft besteht.

Nichts hasst Trump mehr als das Eingeständnis, dass er ebenso wie seine Vorgänger in Vietnam, Afghanistan oder im Irak daran gescheitert ist, die Welt nach seinem Willen neu zu ordnen. Er wird viele Worte und noch mehr Tweets darauf verwenden, die Lüge vom umfassenden Erfolg für die MAGA-Jünger in Wahrheit umzudeuten.

Damit hat er schon begonnen. Gestern kursierte ein KI-Video, das damit beginnt, dass ein Vermummter an eine Wand sprayt: President Trump, please help. Darauf folgen Bilder verzweifelter, weinender Demonstranten. Und dann jagen Kampfflugzeuge über Teheran. Dazu dieser Text: Ich bin mit Euch. Ich werde für Euch kämpfen. Ich werde für Euch gewinnen. Nachzuschauen auf „Truth Social“, Trumps Kanal.

Jesus ist Trumps Freund. Trump ist der Freund der Iraner. Was kann in dieserso beschaffenen Welt schief gehen?

In der Wirklichkeit läuft die Zeit diesem Präsidenten davon. Am 4. Juli wird Amerika 250 Jahre alt. Ein Triumphbogen, der den Pariser weit übertreffen würde, soll dann von der historischen Größe Donald J. Trumps künden. Dafür muss er diesen Krieg und berechtigte Fragen nach seiner Geistesverfassung vergessen machen, was es auch immer es die Wahrheit kosten mag.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Bubenhafte Logik

Dass Iran die Straße von Hormuz sperrt, ist die stärkste Waffe in diesem Krieg, den Benjamin Netanyahu und Donald Trump machtvoll begonnen haben. Nun also, da die Verhandlungen in Islamabad blitzschnell gescheitert sind, will Donald Trump auch die Meerenge sperren lassen. Was soll das? Warum macht er das?

Weil dieses Mullah-Regime weder fällt noch klein beigibt. Weil der Krieg in Amerika unbeliebt ist. Weil er, Donald J. Trump, sich zwar weiterhin für das tollste Geschöpf hält, das je auf amerikanischem  Erdboden gewandelt ist, aber in irdischer Ratlosigkeit nach Auswegen sucht, die keine sind.

Die Verhandlungen in Islamabad sind gescheitert, aber irgendwie auch nicht. Denn Iran soll über den Katalog der Zumutungen noch einmal nachdenken, sagt Vizepräsident J.D. Vance. Wir befinden uns also in einem Zwischenzustand, in dem vielleicht bald erneut verhandelt wird, vielleicht aber auch nicht.

Der Krieg pausiert bis zum 22. April, wenn es bei der Vereinbarung bleiben sollte, es sei denn, sie gilt morgen nicht mehr. Prognostische Vorsicht ist bei den Übersprungshandlungen der Hauptperson jederzeit geboten.

Dass momentan nichts passiert, ist kein tragbarer Zustand für manische Menschen. In diesem Interim lässt sich Trump also einfallen, dass er genau das machen möchte, was diese Mullahs auch machen. Sie entscheiden darüber, wer die Meerenge passieren darf. Danach soll die Gegenkontrolle eingerichtet werden. US-Kriegsschiffe sollen exakt jene Handelsschiffe, die eigentlich durchfahren dürfen, daran hindern. Und was dann, wenn sie nicht anhalten – versenken?

Momentan fahren durch die Straße von Hormuz Schiffe, die entweder Iran gehören oder zu ihrer Schattenflotte zählen, die Öl auf internationalen Märkten unterbringen sollen, vorzugsweise in chinesischen Raffinerien. Daneben gibt es befreundete Staaten wie Indien oder Russland, die das Privileg der Durchfahrt genießen. Und dann gibt es einige wenige Schiffe anderer Nationalität, die neuerdings hohe Gebühren entrichten müssen, zwischen 120 000 und 250 000 Dollar pro Passage, bezahlbar entweder in Kryptowährung oder chinesischen Yuan.

Wie du mir, so ich dir, das ist die bubenhafte Logik, die hinter diesem neuesten Manöver steht. Da gibt es aber einen entscheidenden Unterschied, Unter der iranischen Blockade leidet die Weltwirtschaft. Daran ändert Trumps Blockade rein gar nichts.

Die Rastlosigkeit ist kein Zufall. Für ihn ist dieser Krieg in kürzester Zeit zu einem Problem geworden, das er loshaben will, aber nicht so schnell losbekommt. 

Da haben zwei weiße alte Männer einen Krieg angefangen. Der eine, Benjamin Netanyahu, wird in diesen Tagen 77, Trump im Juni 80. Netanyahu wollte den Krieg schon seit langem. Der Grund ist verständlich: Iran, das Land, das Israel von der Landkarte löschen möchte, soll die Bombe nicht besitzen. Israel verteidigt sein Monopol in dieser Region.

In Trump hatte Netanyahu endlich den idealen US-Präsidenten gefunden, den er glauben machen konnte, dass dieser Krieg spielend leicht zu gewinnen ist: Wir schalten den Ajatollah und einige andere Machthaber der Theokratie aus und schon fällt das Regime und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen.

Die Einträchtigkeit der beiden Kriegsherren ist jetzt vorbei. Trump möchte den Krieg abschütteln, irgendwie. Er versucht zu behaupten, der Sieg ist mein und damit gut. Aber die unerträgliche Leichtigkeit dieses Präsidenten scheitert an der Wirklichkeit. Seine größte Stärke wird diesmal zu seiner größten Schwäche.

Netanyahu mag schon befürchtet haben, dass Trump wieder wie beim Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025 plötzlich keinen Krieg mehr haben will. Der israelische Premier hingegen ist der Virtuose der permanenten Fortsetzung und des Mehr-Fronten-Kriegsführung, wie er gerade im Libanon unter Beweis stellt. Was aber ist dort das Ziel? Die Vernichtung der vernichteten Hisbollah? Vor allem wird dieses geschundene Land noch mehr geschunden.

Dass Netanyahu von Krieg zu Krieg eilt und noch lange nicht an Frieden denkt, ist offensichtlich. Trumps Fahrigkeit kam ihm entgegen. 20 Punkte umfasste der Plan für Befriedung und Wiederaufbau in Gaza. Schon vergessen?

Wir sollten kurz mal innehalten und Revue passieren lassen, welche  historische Chancen für eine Neuordnung im Nahen und Mittleren Osten verpufft sind. Es ist nur knapp ein Jahr her seit Trumps Triumphzug durch die Region. Die arabischen Potentaten am Golf, die eine größere politische Rolle anstreben, feierten ihn und beschenkten ihn überreichlich. In der Knesset feierte er sich und ließ sich feiern. 

Er war der Mann, der die israelischen Geiseln heimholte, welche sekundär für die rechte Regierung geworden waren. Er unterbreitete Vorschläge, wie und von wem Gaza, rasch wieder aufgebaut, regiert werden sollte. Er schien darauf aus zu sein, Netanyahu einzudämmen – keine Annexion des Westjordanlandes. In jenen Oktobertagen glomm zum ersten Mal nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden brutalen Krieg wieder ein Fünkchen Hoffnung.

Vergangen, verweht. Im Krieg gegen Iran steckt Trump im Treibsand fest. Warum sollte das Mullah-Regime große Kompromisse eingehen? Warum sollten sie auf Uran-Anreicherung, Langstreckenwaffen und die Kontrolle der Straße von Hormuz verzichten? Geschwächt und im eigenen Land verhasst haben sie unverhofft Zeit, die Trump nicht hat.

Er hat kaum gewonnenes Renommee verspielt. Die Herrscher am Golf kennen nun die absolute Unberechenbarkeit der USA und werden ihre Folgerungen daraus ziehen. Israel kann Krieg, aber Frieden? In dieser Region, die vor einer Neuordnung stand, die eine gewisse Stabilität verhieß, hat wieder die Gewalt die Hegemonie.

Und was macht Donald Trump in der Zwischenzeit? Meint er es ernst, müsste er Kreuzer und Zerstörer an Ein- und Ausgänge der Meerenge schicken, die eine Art Sperrkette bilden. Dann würden sie verdächtige Schiffe über Funk auffordern, ihre Identität, die Ladung und den Zielort anzugeben. Aufklärungsflugzeuge und Drohnen könnten aus der Luft Bewegungen zu Wasser beobachten.  

Das Gute an dieser abwegigen Idee wäre natürlich, dass der Krieg kaum weitergehen dürfte, falls sie verwirklicht wird. Denn die kleine Armada aus den USA wäre ja ein freistehendes Ziel für iranische Raketen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Hochschätzung des Mittagsschläfchens

Im Ohr noch das Gejammer von Autoren und Verlegern bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie sich die Büchertische in meiner Buchhandlung unter Neuerscheinungen biegen. Ein Meer an Romanen und Sachbüchern, unüberschaubar und anscheinend unversiegbar.

Ich behelfe mir damit, dass ich jeden neuen Krimi von John Grisham und  jeden neuen Roman von Ian McEwan kaufe. Dazu das eine oder andere Geschichtswerk, das ist es. Nebenbei schaue in die Feuilletons und ins Netz, damit mir nichts entgeht. Aber das ziellose Geschnatter bringt mich nur selten weiter.

Zu unserem Glück gibt es eine zusätzliche Gattung Mensch: die Literaturkritiker. Sie müssen Lotsen sein, dürfen gerne mal den Scharfrichter geben und altväterliche Milde sollte die Ausnahme sein. Nur Langeweile ist verboten.

Ich erinnere mich an Marcel Reich-Ranicki, für den Literatur eine extrem ernste Sache war, eine Überlebensstrategie. Für ihn hatten Bücher Fanal-Charakter und unter den Autoren hatte er Freunde. Einer von ihnen, Martin Walser, wurde zu einem Todfeind, als er abschätzige Bemerkungen über sein letztes Buch in einem neuen Buch bösartig heimzahlte, indem er es„Tod eines Kritikers“ betitelte. So ging es damals zu.

Für uns Heutige ist nun Denis Scheck eine Instanz. Er besitzt sogar fast ein Monopol, wobei Monopole immer problematisch sind. Wer bei ihm Lob erfährt und dann von Giovanni di Lorenzo oder Hubertus Meyer-Burkhardt wohlwollend im TV interviewt wird, hat gute Chancen, auf die „Spiegel“-Bestsellerliste zu kommen.

Obwohl Denis Scheck erst spät am Abend im Fernsehen auftreten darf, hat er seine Gemeinde. Weil es nicht viele seiner Art gibt, nimmt jeder, der mit dem Buchwesen verbunden ist, seine Urteile gespannt wahr. Dass er Missliebiges in die Tonne tritt, ist ein Akt, den man nicht gut finden muss. Das Geckenhafte seiner Erscheinung ist auch nicht nach  jedermanns Geschmack. Na ja.

Denis Scheck mag die erfolgreiche B-Ware nicht, so viel ist klar. Er verwarf Sebastian Fitzek („stupider und voyeuristischer Gewaltporono“) genauso wie Sophie Passmann und Elke Heidenreich. Und jetzt ist Ildiko von Kürthy dran. Bei ihrem Buch handle es sich um Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette, sagte er im Ton größtmöglicher Abscheu.

Peinlich wäre es für Denis Scheck gewesen, wenn sich niemand darüber aufgeregt hätte. So aber ist das Absehbare geschehen. Große, große Solidarität der Frauen, dazu teilt Ildiko von Kürthy Denis Scheck über „Die Zeit“ mit, dass sie ihn nicht mehr leiden mag und bedankt sich bei den Freundinnen für Wärme und Beistand. Wie lieb.

Ich bin Ildiko von Kürthy ein paarmal flüchtig begegnet. Ich habe auch keines ihrer Bücher gelesen. Aber das professionelle Marketing, das sie Buch für Buch aufzieht, ist nicht zu übersehen. Diesmal habe ich ein offenherziges Interview gelesen, in dem sie über die Seligkeit des Mittagsschläfchens und die Entspannung durch heraufziehende Altersmilde im 50. Lebensjahr sehr beredt Auskunft erteilt. Besser kann man ein Buch nicht promoten.

Nun ist der Terminus Geschnatter auf der Damentoilette Beleidigung auf das Feinste und Gemeinste. Männer sollten ja noch nicht mal heimlich so über Frauen denken, wie sie früher über sie geredet haben. Im nationalen Diskurs sollten wir besser unsere lernstarke Gender-Könnerschaft unter Beweis stellen.

Die öffentliche Schmähung einer Autorin in dieser No-Go-Qualität ist eigentlich nicht vorgesehen. Sie ist in diesem Fall natürlich unter dem Gesichtspunkt der allmählichen Verfertigung einer möglichst kampfstarken Provokation zu verstehen.

Beim Nachdenken über das Prinzip Geschnatter auf der Toilette fiel mir eine Episode aus der „Zeit“ ein, lange ist sie her. Damals war Helmut Schmidt Weltendeuter der Nation und tauschte sich gerne mit Ralf Dahrendorf aus, der ein herausragender Soziologe war. Sie redeten und redeten, wandelten über den Redaktionsflur und wollten sogar auf dem Ort menschlicher Erleichterung nicht auf den Austausch brillanter Gedanken verzichten. Das ging ungefähr so: China ächzt und wankt, die USA sind überbeschäftigt mit sich selbst und Europa ist das Weltkind in der Mitten – was meinen Sie, Helmut?

Das Geschnatter auf der Toilette kann also durchaus kulturvoll sein, soll damit gesagt werden. Worüber Autorinnen und ihre Geschlechtsgenossinnen dort reden, wissen nur sie. Vielleicht über die Kaltstellung von Hamas und Hisbollah? Vielleicht über die Gemeinheiten des Denis Scheck, den unsere Ildiko nicht mehr leiden mag? Wer weiß.

Ildiko von Kürthy ist beneidenswert, weil sie in ihren Bücher ihre Zeitgenossinen an ihrem Leben so teilhaben lässt, dass sie sich darin erkennen. Der rauschende Verkaufserfolg gibt ihr recht, weil im Kapitalismus nun mal Zahlen zählen. Dass sie ihre Neider hat, ist kein Wunder.

Männer werden in der öffentlichen Auseinandersetzung über das Geschnatter der Autorin weiterhin die Ausnahme bleiben. Sie fragt keiner. Ihre Meinung ist noch nicht mal Nebensache. Ihnen hängt der Schwefelgeruch des Maskulinen an. Die Freundinnen im Kürthy-Orbit ignorieren sie nicht einmal. Insgeheim könnten diese Männer deshalb zwei Gedanken befallen, wie eine kleine Umfrage ergibt. Beide haben mit dem Mann-Frau-Ding zu tun, sehr vorsichtig, versteht sich.

Erstens ist der Literaturbetrieb ohnehin in Frauenhand. Frauen lesen Manuskripte in den Verlagen, senken oder heben den Daumen. Sie bevorzugen Frauen, zumal unter den Käufern die Käuferinnen überwiegen. Ein selbstreferentieller Betrieb also. Muss nicht stimmen, kann aber. Und ist ein eigenes Instrument in der polaren Geschlechterwelt.

Zweitens fehlt ein Genre unter den Büchern, die sich auf den Büchertischen biegen. Es handelt sich um den Selbsterfahrungsbericht alternder Männer, die noch einmal Kinder zeugen, also etwa Peter Maffay oder Mick Jagger oder auch Konstantin Wecker. Womöglich finden sich da geschlechterübergreifende Gemeinsamkeiten, vielleicht treffen sie sich ja sogar mit ildiko von Kürthy in der Hochschätzung des Mittagsschläfchens.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Läuft Orbáns Zeit endlich ab?

iktor Orbán ist eine verhasste Figur in der Europäischen Union und unter seinen Gegnern in Ungarn. Sie nennen ihn korrupt und parasitär. Und sie hoffen, dass er nach der Wahl am nächsten Sonntag Vergangenheit sein wird.

Die Chancen scheinen gut zu stehen. Orbáns Gegenspieler Peter Magyar liegt in den Umfragen weit vorne, aber dieser Vorteil muss nicht heißen, dass er am Ende auch gewinnt. Denn Orbán hat sein Land derart auf sich ausgerichtet, dass ihm Wege offenstehen, die Wahl zu seinen Gunsten zu manipulieren. Schließlich hat er Schlüsselstellen in Regier und Verwaltung mit seinen Leuten besetzt, die einen Machtverlust verhindern könnten.

Seit 16 Jahren regiert Viktor Orbán das kleine Ungarn mit seinen 9,4 Millionen Einwohnern. Vier Amtszeiten hat er hinter sich. Er ging vor, wie Rechte vorgehen, sobald sie an der Macht sind, sei es in Israel oder der Slowakei oder den USA: Er baute den Rechtsstaat um, auch die Medien, Schulen und Universitäten. Er schränkte die Bürgerrechte ein und seither weiß jedermann, dass Loyalität gegenüber dem System Orbán sich auszahlt, während Gegnerschaft in den Ruin führen kann.

Alte und neue Freunde bedachte der Patron mit Staatsaufträgen, so dass es ein einfacher Klempner aus dem gemeinsamen Heimatdorf Felcsút in kurzer Zeit zum Milliardär bringen durfte.

Deshalb geht es in der Wahl am 12. April um einiges. Gewinnt tatsächlich Peter Magyar mit seiner Partei, die nicht zufällig „Respekt und Freiheit“ heißt, kehrt Ungarn vermutlich auf einen europa-freundlichen Kurs zurück, so wie Polen unter Donald Tusk. Damit wäre ein ständiges Ärgernis ausgeräumt, das Orbán sogar zu offenem Verrat trieb. Sein Außenminister machte es sich zur Gewohnheit, nach Brüsseler Ratssitzungen über die Ukraine den russischen Kollegen Sergej Lawrow brühwarm zu informieren.

Viktor Orbán ist der Beelzebub Europas. Interessant ist allerdings, dass er in seinem Leben weite Wege gegangen ist, die gar nicht dorthin zu führen schienen, wo er heute steht. Zum Beispiel studierte er mit einem Stipendium der Soros-Stiftung Jura. George Soros stammt aus Ungarn, machte in den USA ein Vermögen und richtete unter anderen in Budapest eine Stiftung ein, die eine eigene Universität gründete und NGOs unterstützte. Er ist ein Mäzen, der seinem Heimatland Gutes tun wollte.

Einer der Studenten, die ein Stipendium erhielten, war also der junge Viktor Orbán. Nach dem Examen wurde aus ihm ein Nachwuchspolitiker mit langen Haaren, der in den Schlachtruf einstimmte: Russki, go home! Die Besatzungsmacht sollte abziehen und Ungarn endlich freigeben. So dachten viele Landsleute und daher war mitnichten abzusehen, was aus diesem Viktor Orbán werden würde.

Er fädelte sich in die Politik ein und sah wohl ein Vakuum, das er füllen wollte. So wurde aus ihm ein glühender Nationalist, der George Soros zum Staatsfeind Nummer 1 erklärte und seine Vorliebe für Russland entdeckte.

Ungarn kämpfte nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Imperialismus wie die anderen Nachbarländer auch mit den wirtschaftlichen Folgen, die der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus mit sich brachte. Dazu gehörte, dass fast eine Million Ungarn ihr Land verließen. Ein Aderlass in jeder Hinsicht – sozial, politisch wie wirtschaftlich.

Die Reaktion darauf ist der Bunker-Nationalismus Orbánscher Prägung, wie er uns heute begegnet. Orbán definiert Feinde, gegen die er dann intensiv mobil macht. Das begann mit Soros, ging weiter mit Brüssel und konzentriert sich jetzt seltsamerweise auf die Ukraine. Im Wahlkampf behauptet Orbán, die Opposition sei anti-ungarisch eingestellt und werde viel Geld in die Ukraine schicken.

Orbán hatte über viele Jahre mit seiner trotzigen Ideologie Erfolg, weil er seinen Anhängern, die vor allem jenseits der Städte leben, eine Identität anbot: Ihr seid die Guten, ihr seid hiergeblieben, während so viele treulos weggegangen sind, und ich kümmere mich um euch.

Dabei mutet besonders sein Verhältnis zu Russland merkwürdig an. Es wird verständlich, wenn man es als Reaktion auf den blutig niedergeschlagenen Aufstand von 1956 versteht. Die Konsequenz, die Orbán zieht, ist ein Nie-Wieder. Nie wieder soll sich diese furchtbare Niederlage wiederholen, die das grosse Russland dem kleinen Ungarn beibrachte. Aus diesem Grund erscheint ihm Anbiederung an Wladimir Putin und offener Verrat an der EU als geeignetes Mittel.

Für Orbán ist die EU die Kuh, die sich melken lässt. Anders gesagt schöpft er die Rechte aus, Gelder aus den Strukturfonds einzustreichen und schert sich nicht um Pflichten. Das Umstülpen der Demokratie veranlasste die EU, Milliarden Euro zurückzuhalten, die Ungarn eigentlich zustanden. 

Sollte Orbán aber an der Macht bleiben, sollte die EU die Konsequenzen ziehen. Sie müsste sich allerdings dazu durchringen, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, das ein parasitäres Mitgliedsland wie Ungarn ausgeschlossen werden kann.

So weit muss es nicht kommen. Die Hoffnungen ruhen auf Peter Magyar. Dieser Mann ist mitnichten ein Neuling, ein Unbekannter oder ein Amateur. Denn bis vor zwei Jahren gehörte er selbst der Fidesz an, Orbáns Partei und Machtinstrument. Seine Frau war Justizministerin. Die beiden waren lange Zeit ein prominentes Power-Paar, ließen sich 2023 aber scheiden. 

Magyar gehörte dem System Orbán lange an und profitiert von ihm.  im Jahr 2024 legte er jedoch sämtliche Funktionen nieder, inmitten eines Skandals um einen Pädophilen, der begnadigt werden sollte. Wogegen er heute ankämpft, kennt er also aus eigener Erfahrung. Auch die Tricks, die Orbán zur Machterhaltung anwenden könnte, sollten ihm geläufig sein.

Magyar geht im Wahlkampf nicht frontal gegen den Autokraten Orbán vor. Er  kritisiert die Folgen jahrelanger Herrschaft – die hohen Lebenshaltungskosten, die Inflation, die Günstlingswirtschaft. Er weiß, dass er nur dann gewinnen kann, wenn die Ungarn das System Orbán loshaben wollen. Momentan liegt seine Partei bei 58 Prozent, Fidesz bei 35.

Peter Magyar will zum neuen Kümmerer der Ungarn werden. Gut möglich aber, dass sein ehemaliger Mentor sämtliche Register zieht, damit alles beim Alten bleibt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Sei ruchlos, vernichte deine Feinde

Also, wenn du Erfolg in der Politik haben willst, solltest du erst gar nicht versuchen, zu den Guten zu gehören. Du solltest die Charakterstärke aufbringen, zu den Schlechten gehören zu wollen. Dann musst du dein Wort nur halten, wenn es dir nützlich erscheint. Was auch immer du vorhast,  umgarne stets deine Anhängerschaft, damit sie dir weiterhin Gefolgschaft leistet. Sei schlau und mache alle anderen dafür verantwortlich, sollte etwas schief laufen.

Diese Empfehlungen könnte Donald Trump demnächst an J. D. Vance weitergeben, der ihn bekanntlich beerben möchte. Sie sind die Summe seiner Erfahrungen und aus seiner Sicht die Garantie seines Erfolgs. Sie gehören zum Verhaltenskanon des Entertainers, der ihn so konsequent befolgte, dass er damit zum zweiten Mal ins Weiße Haus einziehen durfte und Amerika nach seinem Willen und nach seiner Vorstellung formt und die Welt auch.

In Wahrheit entstammen diese Ratschläge dem berühmten Buch „Der Fürst“, das Nicolò Macciavelli vor mehr als 600 Jahren schrieb, nämlich 1514. Seither ist er berühmt für seine Aufforderung zur Ruchlosigkeit. Dazu gehört, dass Macht alles zählt und Moral nichts. Daraus folgt, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Donald Trump würde sich von Macchiavelli verstanden fühlen. Auch er verhüllt nicht seine Absichten. Er bemäntelt nichts, er sagt frei heraus, was er will. Er verfolgt seine Feinde und zum Feind werden auch ehrenhafte Amtsträger, die nur ihrer Pflicht nachkamen, aber dabei das Pech hatten, ihm in die Quere zu kommen. Er vergisst nichts und verzeiht nichts.

Pietät  ist kein Kriterium für Trump. Als der weltbekannte Regisseur Rob Reiner („Harry und Sally“)  umgebracht wurde, kommentierte er die Familientragödie – der Mörder war offenbar der Sohn – mit diesen Worten: Reiner habe an einer „massiven, unbeirrbaren und unheilbaren Erkrankung namens Trump-Wahn-Syndrom“ gelitten. Denn der Regisseur hatte gewagt, den Präsidenten stark zu kritisieren. Dafür verfolgte ihn Trump noch nach dem Tod.

Ein anderes Beispiel ist Trumps Umgang mit John McCain, der viereinhalb Jahre lang in Vietcong-Gefangenschaft gelitten hatte. McCain war ein Republikaner, wie Republikaner waren, bevor Trump sich die Partei unterwarf. Als er gegen Barack Obama als Präsident unterlegen war, hielt er eine beispielhaft honorige Rede auf den siegreichen Rivalen. Vielleicht aus diesem Grund äußerte sich Trump abfällig und nannte McCain hämisch einen „Loser“ – als wäre er selbst schuld daran gewesen, dass er, beide Beine und einen Arm gebrochen, von den Vietcong auch noch gefoltert worden war. Ruchlosigkeit, gesteigert durch Infamie.

Donald Trump ist ein Mensch, der keine Gegner kennt, die man respektieren könnte, sondern nur Feinde, die er vernichten will, egal ob lebend oder tot. Diesen Charakterzug hat er auf der Beerdigung Charlie Kirks, der ebenfalls umgebracht worden war, persönlich thematisiert. Kirks Witwe hatte vor Tausenden Trauernden gesagt, ihr Glaube verpflichte sie, dem Mörder zu vergeben. Trump sprach nach ihr und rügte ihren Großmut. Er sagte, für ihn blieben seine Feinde immer seine Feinde, die verfolgt werden müssten.

Wer zweimal amerikanischer Präsident wird, trotz oder wegen seiner charakterlichen Besonderheiten, macht etwas richtig. Eine Mehrheit der Wähler schätzt ihn, weil – und nicht obwohl – er so ist, wie er ist. Trump hat ihnen ja nichts vorgemacht. Deshalb ist er, wie er ist und zwar aus tiefster Überzeugung. Insoweit er der idealtypische Herrscher, den Macchiavelli zeichnet.

Der Nachteil, die Welt so zu betrachten, wie sie sich Trump darstellt, besteht in der Illusion, dass es ausschließlich auf die Führer ankommt. Der Iran-Krieg beruht auf der Fehleinschätzung, man müsste nur ein paar wichtige Leute umbringen und schon falle das Regime. Danach könnte Trump, wie er sagt, das Land gemeinsam mit einem gefügigen Ajatollah regieren.

Das Mullah-Regime mag wanken, aber es steht noch und es schlägt zurück. Auch deren Schützlinge, die Hisbollah und die Houthi-Rebellen, greifen Israel und die Staaten am Golf mit Raketen und Drohnen an. Und Iran versteht es, die Meerenge bei Hormuz so zu blockieren, so dass der Welthandel in Mitleidenschaft gezogen wird.

Es läuft nicht gut für Trump. Er verliert die Orientierung.   Eigentlich ist er stolz darauf ist, dass seine militärische Macht so groß, so umfassend ist, dass Kompetenz und Erfahrung überflüssig werden. Nun lernt er, was er nicht hören wollte – dass Kriege sich anders entwickeln als gedacht und der Angegriffene sich wehrt.

Darin liegt ein Dilemma, denn jemand muss schuld an der Misslichkeit sein. Zum Beispiel die Nato, die ihm nicht an der Straße von Hormuz selbstlos zu Hilfe eilt. „Feiglinge“ nennt er sie und tobt wie Rumpelstilzchen. Friedrich Merz zog seinen besonders heiligen Zorn auf sich, weil er sagte, dies sei nicht der Krieg der Nato.

In seinem näheren Umkreis hat er Kriegsminister Pete Hegseth als Schuldigen schon mal vorsorglich gebrandmarkt. Er sei der erste gewesen, der gesagt habe, wir machen das, erzählt er. Nur Benjamin Netanyahu, der ihn tatsächlich zum Krieg gegen den Iran überredete, ist auf der sicheren Seite. Trump kann nicht ihn als Schuldigen an den Pranger stellen, weil er dann selbst als leichtgläubiger Büttel der Israelis da stehen würde.

Die zweite Amtszeit des Mannes, der bald 80 Jahre sein wird, ist ein einziges Experiment darauf, was Amerika mit sich machen lässt und was er mit Welt anrichten darf.

Was die Welt anbelangt, entscheidet der Ausgang des Iran-Kriegs über seine Präsidentschaft. Momentan redet er davon, dass die neue iranische Führung ihn um Verhandlungen anfleht, und zugleich verlegt er Spezialeinheiten in die Region. Wer ihn bewundert, hält es für Doppelstrategie. Wer ihn auch nur skeptisch sieht, folgert daraus, dass er nicht weiß, was er machen soll.

Machiavellis „Fürst“ ist bedenkenlos, aber kein Großmaul. Er tut das Nötige mit aller Brutalität und Konsequenz. Trump aber brüstet sich mit seinen grenzenlosen Gaben, doch damit ist er jetzt an Grenzen gestoßen. Wie sich andeutet und bald noch stärker zeigen wird, macht ihn diese Erfahrung noch gefährlicher – für Amerika und die Welt.

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Diese verdammte Meerenge

Wenn jemand beständig Ultimaten stellt, ist er entweder sehr stark oder sehr schwach. Bis morgen soll Iran die Blockade der Straße von Hormuz aufheben. Wenn nicht, werde er, Donald Trump, Kraftwerke zerstören. Das größte ist das Damavand-Kraftwerk nahe Teheran.

Iran hält das Ultimatum für ein Zeichen von Schwäche und droht seinerseits mit Angriffen auf Energieanlagen in der Region. Damit ginge der asymmetrische Krieg in eine verschärfte Phase über – Israel wie die USA steigern ihre Luftschläge, während Iran die Weltwirtschaft lahmlegt, so dass sich die negativen Auswirkungen in möglichst vielen Ländern niederschlagen.

Die Preise an den Tankstellen in Europa und Amerika sind ja nur eine Folge der Blockade an der Meerenge von Hormuz. Zum Beispiel ist ganz Südostasien mit seinen 600 Millionen Einwohnern abhängig vom Öl, das durch dieses Nadelöhr transportiert wird. Auf den Philippinen muss die Regierung die Taxen – Motorräder mit Beiwagen und Kleinbusse –  hoch subventionieren, weil das Benzin so teuer geworden ist. In Laos haben inzwischen die Hälfte der Tankstellen und die meisten Schulen geschlossen, weil der Nachschub an Benzin ausfällt. In Vietnam werden die Angestellten zu Home Office angehalten. In Thailand müssen Geschäfte und Privatleute  die Klimaanlagen herunter drehen, um Energie zu sparen.

Die Golf-Staaten bekommen die Konsequenzen des Krieges, vor dem sie Trump vergeblich gewarnt hatten, gleich mehrfach zu spüren. Natürlich in erster Linie durch die Drohnen, die gerade eine Flüssigkeitsanlage in Katar trafen. Zusätzlich bleiben Touristen und Geschäftsleute aus, so dass die Tourismus-Industrie leidet. Und außerdem importieren die Länder am Golf 90 Prozent ihrer Lebensmittel, da sie so gut wie keine Landwirtschaft haben. Da die Schiffe nicht durch die Straße von Hormuz kommen, wächst hier ein bislang unbekanntes Problem heran.

Zum fahrlässigen Denken der Kriegsherren in Washington gehörte die Illusion, Iran werde die Straße von Hormuz aus Eigeninteresse nicht sperren. Schon einmal aus diesem Grund ist das Ultimatum das Eingeständnis eines Irrtums.

Rund 

Nun aber darf man eines nicht tun: Donald Trump zu unterschätzen. Zwar ist seine stärkste Waffe diesmal stumpf – nämlich sich selbst die Wirklichkeit so umzudeuten, dass er wie das Genie aussieht, als das er sich sieht, und dann die Botschaft unablässig auszustoßen. Dass die Benzin-Preise auch in Amerika steigen und sich eine Inflation abzeichnet, sollte der Krieg sich hinziehen, lässt sich schwerlich umlügen. 

Deshalb muss sich Trump etwas Spektakuläres einfallen lassen, damit er einen Sieg verkünden kann –  ein Äquivalent zu den Überraschungsmorden an Ali Chamenei und Ali Laridschani, den beiden Säulen der theokratischen Republik. Gehen wir die Optionen durch.

Erste Option: Im Persischen Golf liegt die Insel Kharg, wo iranische Öltanker beladen waren. 90 Prozent des Exports findet hier statt. Hält sich der US-Präsident an sein Ultimatum, könnte er Terminals und  Anlagen zerstören lassen.

Zweite Option: Als Entlastung und Ablenkung könnte Kuba dienen. Er glaube, dass er „die Ehre haben werde, Kuba in irgendeiner Form zu übernehmen oder zu befreien“, sagte er in typischer Trump-Manier.. Er könne mit dem Land dann machen, was er wolle, fügte er hinzu. Ein Genie eben, kein Dilettant.

Dritte Option: In einem gewagten Manöver könnten US-Spezialkräfte versuchen, das angereicherte Uran aus der Kernanlage in Isfahan zu stehlen. Von Japan wurde gerade eine Marine-Einheit, die für solche Missionen trainiert, in den Nahen Osten verlegt.

Eigentlich ist die Kuba-Option am ungefährlichsten. Die Verhandlungen laufen ohnehin derzeit. Gut möglich, dass Präsident Miguel Diaz-Canel zurücktritt und dass System unter einem Trump ergebenen Nachfolger erhalten bleibt, siehe Venezuela. Aber kann Kuba den unpopulären Krieg gegen Iran aufwiegen? Wohl kaum.

Zerstören die USA Kharg, geht der Krieg weiter, die Öl- und Gaspreise steigen höher, die Aktienmärkte könnten fallen und die Inflation hochschnellen. Die Folge dürfte eine deftige Niederlage bei den Wahlen zu Senat und Repräsentantenhaus im November sein. Trump stünde als Verlierer dar, was er mit allen Mitteln verhindern will.

Nur ein Scoop könnte dem Präsidenten helfen. Gelänge es wirklich den Marines, das Uran in Isfahan an sich zu nehmen, würde sich Trump hinstellen und sagen: Seht her, sie können keine Bombe mehr bauen. Das zu erreichen war mein Kriegsziel. Der Krieg ist vorbei. Ich bin der Größte.

Wer ein Ultimatum ausruft, das binnen zwei Tagen erfüllt sein muss, sollte sich seiner Sache sicher sein. Ob Donald Trump nur blufft oder uns überrascht, wissen wir morgen um Mitternacht amerikanischer Zeit.

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Vor ihm kann man sich nur verneigen

Manchmal fragt man sich, wie lange der Mensch eigentlich kreativ sein kann, bis in welches Alter er neugierig bleibt und wie lange er etwas zur Gegenwart beitragen möchte – bis 75, 80, 85? Oft ist es ja so, dass der Körper zwar hinfällig wird, aber der Kopf intakt bleibt.

Jürgen Habermas war 90 Jahre alt, als er sein letztes großes Werk vorlegte,  Bescheiden nannte er es „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Ein Beitrag zur Genesis des Denkens, mehr nicht,so untertrieb er.Auf rund 2 000 Seiten führte er aus, wie Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft zusammenhängen. Die Rezensenten waren beeindruckt und stellten geradezu beglückt fest, dass er diesmal beim Entwickeln der Begriffe und Argumente sogar Rücksicht auf die Leser genommen hatte.

Ja, das war wirklich neu, denn in seiner Blütezeit erschwerte Jürgen Habermas es eher dem geneigten Publikum, seinen Gedankengängen zu folgen. Eine gewisse Verweigerung, verständlich zu schreiben, hatte Tradition in der Frankfurter Schule, von der er lernte und deren Nachfolge er antrat. Der Maßstab war Theodor W. Adorno, der das dialektische Denken gezielt verrätselte, so dass wir ihm kaum folgen konnten. Dennoch ahmten wir ihn nach, weil es so schön elitär wirkte. 

Habermas schrieb weniger manieriert, verlor aber auch den gemeinen Leser aus dem Blick. In einem späten Interview, sagte er fast entschuldigend, Zeit seines Lebens habe er ja eigentlich nur akademische Leser gehabt, eben andere Professoren, Doktoranden und philosophisch gebildete Lehrer. „Aber dieses Mal“, sagte Habermas, sei ihm „ein ganz anderes Lesepublikum begegnet – ganz allgemein nachdenkliche und Rat suchende Personen, darunter Ärzte, Manager, Rechtsanwälte usw. Sie trauen anscheinend der Philosophie noch ein bisschen Selbstverständigungsarbeit zu“. Diese Erfahrung beglückte ihn.

Faszinierend an Philosophen wie Habermas ist dieses auf Du und Du mit den Großen der Geistesgeschichte, von Platon über Montaigne zu Hegel, Marx, Weber und Freud bis in die Gegenwart. Kant, Rousseau und Kierkegaard tauchen in Habermas’ Kosmos wie gute Freunde auf und auch die meisten Gegner bekommen ihren Platz respektvoll zugewiesen. Nur wenige landen auf der Strafbank, zum Beispiel Arnold Gehlen (Der Mensch ist ein Mängelwesen) oder Martin Heidegger (Das In-der-Welt-Sein als wesenhaft Seiendes).  Habermas ging es allemal um Kommunikation und Diskurs – um Demokratie, Macht und demokratische Öffentlichkeit und ihr spannungsreiches Zusammenspiel.

Habermas, Jahrgang 1929,  hatte nicht nur in Deutschland seine Anhänger. An amerikanischen Universitäten wurde sein Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ innig analysiert. Er selber weilte öfter drüben und hielt Vorträge an Eliteschulen. Seine Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt gelesen. Auch in Japan wie in Italien wurde er ausgiebig rezipiert, Frankreich widmete ihmim Jahr 2014 einen eigenen Kongress. Seine Dankesreden widmete er, ein überzeugter Europäer, einem Plädoyer für mehr Europa.

Sein bekanntestes Buch war schon im Jahr 1962 erschienen: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Darin analysierte er das Entstehen der bürgerlichen Öffentlichkeit aus Salons, Lesegesellschaften und den Zeitungen der frühen Neuzeit. Die bürgerlichen Schichten jener Zeit waren Offiziere, Beamte und Akademiker. So meldeten sie im 18. Jahrhundert  ihren historischen Anspruch auf Emanzipation  von der Adelsgesellschaft und dem Feudalismus an.Habermas’ Blick zurück führte natürlich nach vorn in die Gegenwart, um deren Verständnis es ihm stets ging. Seine Prognose fiel damals eher pessimistisch aus, weil die Kulturindustrie mit ihren Massenmedien lediglich eine Scheinöffentlichkeit herzustellen schien.

1962, im Jahr, als Habermas’ Habilitationsschrift erschien, war Adenauer, steinalt, noch Bundeskanzler. Der Mauerbau lag nur ein Jahr zurück. Mehltau lag über der Bundesrepublik, in der etwa Richter und Staatsanwälte bruchlos aus der Nazi-Zeit in die Demokratie wechseln durften. Der Auschwitz-Prozess fand erst 1963 statt. Die 68er Bewegung, die Habermas heftig kritisieren würde, zeichnete sich noch nicht ab.

„Strukturwandel der Öffentlichkeit“: Dieser Titel prägte sich ein und der Autor musste über die Jahrzehnte immer wieder Stellung zur neuesten Zäsur in dieser Öffentlichkeit nehmen und machte es auch gerne, bis hin zu den sozialen Medien, in denen jeder Leser zum Autoren werden kann.

Habermas sah im Digitalen emanzipatorisches Potential genauso wie die Entfesselung zentrifugaler Kräfte, welche die demokratische Öffentlichkeit zersplittern könnten. Er sagte aber auch, ihn lasse die Dynamik der Netzdiskussionen eher ratlos als pessimistisch zurück.

Die Unentschiedenheit ließ ihm wohl keine Ruhe und deshalb schickte er ein Büchlein 2022 nach, das er „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ nannte. Darin fällt die Prognose wiederum pessimistisch aus.

Habermas  war das, was in Amerika „public intellectual“ heisst – ein Gelehrter, der regelmäßig bei wichtigen politischen Ereignissen in Zeitungen und Zeitschriften das Wort ergreift. Sein Biograph Stefan Müller-Dohm sagte von ihm: „Er kann gar nicht anders, das Intervenieren ist ihm auf den Leib geschrieben.“ Das galt für die Pandemie wie für Putins Angriffskrieg. Vor allem aber galt es für Debatten über die deutsche Vergangenheit.

Die berühmteste Debatte entspann sich im Jahr 1986 und ist als „Historikerstreit“ in die Annalen der Bundesrepublik eingegangen. Ihn löste der Historiker Ernst Nolte mit rhetorischen Fragen dieser Art aus: „War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ Nolte konnte so verstanden werden, als rechtfertige er den Holocaust in den 1940er Jahren mit Stalins Säuberungen in den 1930er Jahren.

Habermas holte in der „Zeit“ zum Gegenschlag aus und setzte sich mit Nolte und anderen konservativen Historiker grundsätzlich auseinander. Den gemeinsamen Nenner fand er in „apologetischen Tendenzen“, die zu einer „Art Schadensabwicklung“ führten. Die Öffentlichkeit schlug sich auf Habermas’ Seite. Die Sache war geklärt, der Historikerstreit zugunsten der linksliberalen Haltung zum „Dritten Reich“ fürs Erste entschieden.

Jürgen Habermas war einer, der das Schreiben dem Reden vorzog. Das Reden war ihm mühsam, was an einem Geburtsfehler lag, einer Gaumenspalte, an der er gleich als Baby operiert wurde. Vorsichtig deutete er an, dass er in der Schule gehänselt worden sei. Heute würde man Mobbing dazu sagen, was ihm widerfahren ist. Das nasale Sprechen war ihm geblieben und ebenfalls die Scheu vor öffentlichen Auftritten.

Wie fast alle Kinder war Jürgen Habermas in der HJ, der Hitler-Jugend, in der es ihm zufiel, Erste-Hilfe-Kurse zu organisieren. Eintritt zur HJ war Pflicht. Aus der Mitgliedschaft leitete aber ein Journalist in den 1980er Jahren im „Cicero“ ab, dass Habermas ein HJ-Führer und glühender Verehrer des Führers gewesen war. Der Eklat war da. Etliche Historiker wandten jedoch kühl ein, jemand mit einer solchen Beeinträchtigung hätte gar nicht HJ-Führer werden können.

In der Diffamierung lag der Versuch, einen kleinen Historikerstreit zu Lasten von Jürgen Habermas zu entfachen. Die Öffentlichkeit, über die er so viel nachgedacht hatte, schien auf der Lauer zu liegen, um dem weltberühmten Philosophen die klassische Verfehlung nachzuweisen, dass er ein fehlbarer Mensch war, der seine Vergangenheit verbog. Die Skandalisierung schlug aber fehl. Wie gut, wie verdient.

Jürgen Habermas lebte sehr lange unter uns, bis ins 97. Lebensjahr. Universal gebildete Gelehrte wie er sind eine übergroße Seltenheit. Vor ihm kann man sich nur verneigen. 

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Ist der Kipp-Punkt erreicht?

:Die Soldaten haben weiße Handschuhe an und bewegen sich feierlich  Schrittes. Sechs silberne Särge, umhüllt von der amerikanischen Flagge, tragen sie andächtig aus dem Frachtflugzeug heraus, vorbei am Präsidenten,  seinem Vize und seinem Kriegsminister, die salutieren. Die Angehörigen der Sechs stehen abseits auf dem Rollfeld in Delaware. Der jüngste Soldat starb mit gerade mal 20 Jahren.

Wir wissen nicht, wie viele Zivilisten In Iran bei den Luftangriffen ums Leben gekommen sind. Wir wissen nur, dass viele Kinder gleich zu Beginn getötet wurden, weil ihre Schule in der Nähe einer Militäranlage stand. Donald Trump behauptet deshalb, die Mullahs seien selbst für das schreckliche Ereignis verantwortlich. Das Regime, das die militärische Hegemonie in der Region anstrebte, hatte es im übrigen versäumt, Bunker in den Städten für den Fall der Fälle zu bauen, in denen sich ihre Bürger in Sicherheit bringen könnten.

Wir wissen aber genau, dass in den ersten Kriegstagen sechs amerikanische Soldaten in Port Shuaiba, einem Industriehafen in Kuwait, von iranischen Dronen getötet wurden. Dass es bald schon mehr sein werden, liegt nahe. Die Frage ist nur, bei welcher Zahl an getöteten amerikanischen Soldaten Donald Trump in Beweisnot gerät, dass dieser Krieg seiner Wahl unbedingt nötig war und die Opfer wert ist.

Donald Trump hält sich bekanntlich weder an Traditionen noch Konventionen. Er ist persönlich und kulturell, politisch und strategisch ein Unikum. Im Verblüffungseffekt liegt seine Stärke, aber wie immer liegt darin notwendigerweise auch seine Schwäche. Der Krieg gegen Iran ist eine Probe auf das Exempel, das seine Präsidentschaft auszeichnet.

In der jüngeren Geschichte Amerikas gingen Kriege zuerst in der Heimat verloren. So war es in Vietnam, im Irak und auch in Afghanistan. Anfangs waren diese Kriege populär, bekamen die Präsidenten den Rückhalt, den sie für den Einsatz brauchten. Dann kam ein Kipp-Punkt, der Krieg wurde unpopulär und der würdelose Rückzug musste beginnen.

Trumps Krieg gegen Iran war schon beim ersten Abschuss der Raketen unbeliebt. Die ganze MAGA-Ideologie bedeutet ja eigentlich, dass Amerika sich um sich selber kümmert und die Welt sich selber überlässt. Eingriffe, Interventionen, Kriege kommen darin nicht vor. Trump versündigt sich, so gesehen, an der Bewegung, die ihn trägt. 

Natürlich können sich Ideologien auch wandeln, zumal wenn der Anführer es will. Und natürlich kann aus Skepsis auch Unterstützung erwachsen. Voraussetzung dafür ist jedoch ein rauschender Erfolg, möglichst ein Blitzkrieg, in dem schnell sämtliche Ziele glänzend erreicht werden.

Das letzte Kriegsziel, nach einer ganzen Serie unterschiedlicher Verlautbarungen, heißt nunmehr bedingungslose Kapitulation – eine Anspielung auf den Anspruch der Alliierten im Zweiten Weltkrieg an Deutschland, der in Erfüllung ging.

Es ist verständlich, wenn eine Weltmacht in Erinnerung an seine goldene Zeit militärische Ziele in der Gegenwart bestimmt; Donald Trump ist ohnehin ein Anhänger grandioser Superlative. Auch George W. Bush bemühte damals bei der Invasion im Irak 2003 – begründet mit haltlosen Behauptungen –  den Vergleich mit 1945. Deshalb ist die Steigerung ins Historische immer auch ein Zeichen für den Mangel an konkreten Zielen.

Nicht zufällig sagte Trump relativ schnell, dass der Krieg länger dauern könnte und nannte vier Wochen. Nicht zufällig richtet sich das Weiße Haus, wie es heißt, auf 100 Tage ein. Und nicht zufällig arbeitet die Regierung an einem Programm, um die in die Höhe schießenden Benzinpreise einzudämmen. 

In diesen Tagen nehmen die Luftangriffe mit ballistischen Raketen auf die iranischen Städte noch zu. Israel und Amerika teilen das Land unter sich auf. Israel konzentriert sich auf den Westen und das Zentrum; dabei sind sie weiterhin auf „targeted killing“ aus – aufs Töten des Establishments. Die Kampfflugzeuge nehmen die Route über Syrien. Die US-Maschinen starten von Stützpunkten in Jordanien oder von den beiden Flugzeugträgern im östlichen Mittelmeer.

Die Generäle, die Trump vor großen Risiken warnten, argumentierten damit, dass Luftangriffe Kriege nicht gewinnen. Dafür braucht man „boots on he ground“ – dass aber die USA Bodentruppen entsenden, ist so gut wie ausgeschlossen. Was tun?

Präsident Trump hat in den vergangenen Tagen mit Kurdenführern in der Region telefoniert, um zu sondieren, zu welchen Bedingungen sie zu einer Bodenoffensive bereit wären. Angeblich hat die CIA schon vor Monaten damit gewonnen, kurdische Gruppen mit modernen Waffen auszurüsten.

Etliche Millionen Kurden leben in Iran, im Irak und in Syrien. Theoretisch könnten sie eine Bodenoffensive beginnen. Israels Luftwaffe bombardierte schon Militär-, Grenz- und Polizeiposten im Westen, um den Weg zu bahnen. Fragt sich nur, ob sich kurdische Truppen darauf einlassen und was sie sich davon versprechen dürften.

Die Erfahrungen der Kurden mit der Weltmacht USA sind allenfalls gemischt. Sie halfen beim Sturz Saddam Husseins und standen im Kampf gegen die Terrormiliz des Islamischen Staates bei. Sie genießen im Norden Iraks schwer erkämpfte Autonomie. Was können ihnen Benjamin Netanjahu und Donald Trump außerdem bieten, damit sie sich, untereinander zerstritten, zu einer schlagkräftigen Bodentruppe vereinen, um den beiden Kriegsherren den Sieg zu schenken?

Eigentlich ist natürlich die Reihenfolge falsch. Dass allenfalls eine Bodenoffensive zum Erreichen der Kriegsziele führen kann, konnte man im Weißen Haus auch vor dem 28. Februar wissen. Also wäre es sinnvoll gewesen, schon vor Kriegsbeginn vorzusorgen, anstatt danach. Gut möglich, dass der Mangel an Weitsicht und pragmatischer Vorbereitung zum Verhängnis wird. Die Aussicht, Ali Chamenei und andere Chargen der Theokratie bei einer Zusammenkunft töten zu können, war für Netanjahu und Trump zu verlockend, um Bedenkenträgern Gehör zur schenken.

So bleibt es bei gewaltigen Luftangriffen auf iranische Städte und iranischen Gegenangriffen mit Drohnen. Der Krieg entwickelt sich folgerichtig und dauert wohl länger, als es sich Trump vorstellt. Das Regime in Teheran denkt nicht ans Aufgeben. Je länger der Krieg dauert, desto größer sind die Chancen, ihn zu überleben.

Deshalb werden Donald Trump und seine Entourage noch öfter vor silbernen Särgen, eingehüllt in die amerikanische Fahne, salutieren.

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Der Feuerring ist erloschen

Ali Khamenei wirkte immer wie entrückt. Sorgfältig gestutzt der Vollbart, rund die Intellektuellenbrille, schwarz der Turban, der rechte Arm nach einem Attentat beeinträchtigt, trat er nur in Erscheinung, wenn es um wesentliche Dinge ging; der Alltagskram blieb dem Präsidenten überlassen, den er ernannte. Das Alter vergrößerte noch die Distanz, die er um sich legte. Auf die gottähnliche Aura kommt es an, wenn jemand Oberster Führer des Iran ist, politisches und religiöses Oberhaupt und Rechtsgelehrter obendrein.

Seit 47 Jahren existiert die islamische Republik, die nur zwei Anführer kennt: den Gründer Ruhollah Khomeini, der zehn Jahre lang regierte, und Ali Khamenei, der 37 Jahre lang regierte. Beide Ajatollahs haben im Gleichklang einen repressiven Staatsapparat aufgebaut, der brutal zuschlägt, wenn er seine Machtstellung bedroht sind.

Sobald sich in den Straßen Widerstand regte, wie zum Beispiel nach dem Mord an Masha Amini im September 2022 oder in den letzten Wochen,  schlugen die Basidsch-Miliz die Revolutionsgarden und die Polizei bedenkenlos zu. Danach trat Khamenei auf und machte routiniert ausländische Drahtzieher hinter den Unruhen aus – den „kleinen Teufel“ in Israel und den „großen Teufel“ in den USA. Die Schuld an Aufständen exportieren Diktatoren notorisch, sobald ihre Legitimation in Zweifel gezogen wird.

Iran ist eine Theokratie. Der Oberste Führer ist ausgestattet mit absoluter Macht. Er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ihm obliegt es, über Krieg und Frieden zu bestimmen. Am Ende wird er daran gemessen, wie er sein Land zurücklässt. Die Ära des Ali Khamenei fällt nicht besonders erfreulich aus.

Mit ihm ist der Anspruch auf Hegemonie im Nahen Osten verbunden. Israel spielte dabei die entscheidende Rolle, denn das eigentliche Ziel war und ist die „Zerschlagung und Vernichtung des zionistischen Staates“. In Khameneis Weltbild waren Juden wie Tiere und das Land ein „Krebsgeschwür“. Der Holocaust war in seiner autoritativen Auslegung „ein Märchen“. Die Leugnung der Shoah ist instrumentell folgerichtig, weil Iran dem Lande Israel jedes Existenzrecht abspricht.

Israel war für Khamenei der Erzfeind. Ein Fremdkörper in dieser Region, der eingekreist werden sollte. Und da Israel Atomwaffen besaß, wollte der Ajatollah ebenfalls Atomwaffen besitzen. Iran legte einen Feuerring um Israel. Er bestand aus der hochgerüsteten Hisbollah im Libanon, der nicht ganz so hochgerüsteten Hamas im Gaza und seit kurzem auch aus den jemenitischen Houthis. Dazu bauten vor allem die Revolutionsgarden ihren Einfluss auf Syrien und den Irak systematisch aus.

Der Ring aus Feuer ist allerdings ziemlich erloschen; er kokelt nur noch. Die Hisbollah-Führung: ausgeschaltet. Baschar al-Assad: geflohen. Die Hamas: zerschlagen. Die Herrschaft im eigenen Land: aufs Äußerste gefärhdet. Am Ende seines Lebens lag die Welt, die Ali Khamenei errichten wollte in Trümmern.

Nach dem ersten Krieg im Juni 2025 brauchte die islamische Republik eine Pause zur Regeneration. Deshalb schlug sie Verhandlungen über ihr Atomprogramm vor und zog sie wenig kompromißgeneigt  in die Länge. Über mehr, zum Beispiel über ballistische Raketen, wollten die Unterhändler gar nicht erst reden.

Der zweite Krieg, den Israel und die USA seit der Nacht zum Samstag führen, war keine große Überraschung.. Vor allem Benjamin Netanjahu will die Schwäche des Erzfeindes konsequent ausnutzen. Donald Trump hatte mehrmals angekündigt, er werde der Opposition beispringen. Jetzt eröffnet sich die Aussicht auf Wechsel des Regimes.

Benjamin Netanjahu, dessen Maß an Indiskretion berüchtigt ist, hatte sich öfter schon  damit gebrüstet, wenn er wolle, könne er sogar den Ajatollah eliminieren. Der amerikanische Präsident, ein bekennender Angeber, plauderte aus, man wisse genau, wo sich der greise Ajatollah aufhalte. 

Vor dem Krieg lebte Khamenei mit seiner Familie in einem kilometerlangen Sicherheitstrakt in Teheran. Vermutlich aber zog er sich nach dem 12-Tage-Krieg an einen anderen Ort zurück, wo ihn die Leibwache aus Revolutionsgarden und Geheimdienst am ehesten schützen konnte. Dass Khamenei die Morddrohungen ernst nahm, lässt sich unterstellen. Aber der Mossad wusste, wo er sich versteckte. Eine Bombe fiel auf das Gebäude, in dem der greise Führer lebte.

Wladimir Putin versuchte sich daran, Volodymyr Selenskji töten zu lassen. Der iranische Geheimdienst versuchte sich daran, Donald Trump töten zu lassen. Also schien es nur folgerichtig zu sein, dass der Mossad, der sich ohnehin wie ein Fisch im Wasser in Iran bewegt, Khamenei ermorden wollte.

Der Ajatollah musste noch erleben, dass die Theokratie nach 47 zerfallen kann. Das Regime wankt. Die Hegemonie im Nahen Osten aber fällt an das kriegerische Israel, das erst wieder lernen muss, wie es Frieden schließen kann.

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