Donald Trump setzt seine Offensive fort. Er lässt nicht nur Ziele entlang der Straße von Hormus bombardieren, sondern auch Kommandozentralen und Lager für Drohnen und Raketen im Landesinneren. Das klingt klinisch und rein, wie militärische Berichte eben so klingen, als würden dabei keine Menschen sterben, geschweige denn Zivilisten.
Wladimir Putin war in der vorigen Woche mal wieder im Fernsehen zu sehen. Er inspizierte einen Kommandoposten und ließ sich Waffen vorführen. Er wirkte mäßig interessiert und wie üblich äußerst distanziert – ganz der Herrscher, der seinen Bunker nur widerwillig verlässt.
Immerhin lässt Putin seine Sprachrohre inzwischen von Krieg reden, anstatt von Spezialoperation. Nacht für Nacht regnet es ballistische Raketen und Drohnen auf ukrainische Städte.
In Iran und in der Ukraine toben zwei Kriege, die eigentlich kurzen Prozess mit ihren Feinden machen sollten. Es kam anders, wie es in Kriegen immer anders kommt. Als es Donald Trump dämmerte, dass er die Kontrolle verlor, weil Iran keineswegs klein beigab, wollte er unbedingt Frieden schließen. Man muss ihm zugute halten, dass er dem Mullah-Regime großzügige Angebote unterbreitete, inklusive vieler Milliarden Dollar an Aufbauhilfe.
Die USA waren bereit, klein beizugeben, aber es nützte nichts. In Teheran setzte sich die Fraktion durch, die den Krieg dem Frieden mit dem großen Teufel vorzieht.
Wladimir Putin erhebt gar nicht erst den Anspruch, dass er etwas anderes will als Krieg Er strebt nach wie vor die vollständige Unterwerfung der Ukraine an. Fast hätte ihm Trump dazu verholfen. Inzwischen ist der Präsident aber davon abgekommen, Putin den Kopf von Wolodymyr Selenskji auf dem Silbertablett zu servieren.
Aus dem kurzen Krieg ist in der Ukraine ein langer geworden. Am heutigen Montag sind genau 1 607 Tage seit der Invasion vergangen. Da es der Ukraine gelingt, mit moderner Technologie Ziele auf der Krim und im russischen Hinterland zu zerstören, hat sie an Selbstbewusstsein gewonnen.
142 Tage alt ist der Krieg der USA gegen Iran, anfangs gemeinsam mit Israel. Die Waffen schwiegen auch in der Verhandlungsphase nie. Das Misstrauen zwischen Teheran und Washington ist riesengroß.
Nicht zufällig gibt es noch eine andere Rechnung für das Verhältnis der beiden Feinde. Sie lässt den Konflikt mit dem Jahr 1979 beginnen. Am 4. November 1979 stürmten radikale Studenten im Auftrag von Ajatollah Khomeini die US-Botschaft in Teheran und nahmen 66 Geiseln. Seither sind 17 060 Tage vergangen.
In Amerika reden Historiker deshalb vom „ewigen Krieg“ zwischen Iran und den USA. Sie wenden diesen Begriff auch auf die Ukraine an, da dieser Krieg jetzt schon länger anhält als der Erste Weltkrieg (1 567 Tage). Es sieht ganz danach aus, dass er auch den Zweiten Weltkrieg (2194 Tage) überdauern wird.
Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, ist ganz klar: die Unabhängigkeit des Landes, seine Selbstbestimmung und die Möglichkeit, sich nach Europa zu orientieren. Dieser Krieg hat fest umrissene Ziele und folgt einer überschaubaren Logik. Das gilt für beide Seiten.
Ziel und Zweck fehlen den USA in ihrem Krieg mit Iran. Konsequent gibt es auch keine überzeugende Strategie, sondern einen ständigen Wechsel der Tonlage und der Argumente. Die Mullahs sind für Trump mal Abschaum, mal imposante Profis. Auch als der US-Präsident noch auf Frieden bedacht war, verzichtete er nicht darauf, vernichtende Schläge anzudrohen.
Da Trumps Geschichtsverständnis mit Trump beginnt, scheint ihm nicht gewärtig zu sein, in welchem Maß die Weltmacht USA sich seit geraumer Zeit immer wieder in Kriegen verlaufen hat. Der letzte begrenzte Krieg mit konsistenter Strategie und abgestuften Mitteln fand im Jahr 1991 statt. Es war der erste Golfkrieg.
Damals hatte Saddam Hussein Kuwait überfallen, um sich die Ölquellen anzueignen. Präsident George Bush sen. schickte eine Expeditionsarmee, die Saddam aus Kuwait vertrieb. Er verzichtete darauf, nach Bagdad durchzumarschieren, um den Diktator zu stürzen.
9/11 mit den Terror-Angriffen auf New York und Washington veränderte die Welt aus Sicht der Supermacht. George Bush jun. entsandte seine Streitkräfte zuerst nach Afghanistan und dann in den Irak. Er vertrieb die Taliban, er stürzte Saddam und sein Regime. Weder in Kabul noch in Bagdad kehrte jedoch Stabilität ein. Die USA konnten Kriege beginnen, aber langfristigen Frieden und einen solide verfassten Staat vermochten sie nicht zu bauen.
Der würdelose Rückzug der US-Armee aus Afghanistan und dem Irak hätte Donald Trump zu denken gegeben, wenn er sich von Erfahrungen seiner Vorgänger beeindrucken ließe.
Dem Krieg gegen Iran fehlt ein wichtiges Kriterium: Bodentruppen, die vielleicht den Regimewechsel herbeigeführt hätten, um den es recht eigentlich ging. Ob „boots on the ground“ wirklich den entscheidenden Unterschied gemacht hätten, wissen wir nicht. Jedenfalls kann man die Theokratie in Teheran nicht allein aus der Luft zum Einsturz bringen.
Und wie geht es weiter, in Iran und in der Ukraine?
Solange die Hardliner in Teheran die Oberhand haben, bleibt Trump nur die Alternative, entweder weiterhin kontrolliert Krieg zu führen oder noch einmal großflächig zuzuschlagen wie in den ersten Tagen. Da die Meerenge bei Hormus gesperrt ist, leidet die Weltwirtschaft und damit auch Amerika. Der Mann im vergoldeten Weißen Haus erscheint ziemlich ratlos.
Die Ukraine beweist in diesem Krieg bewundernswerten Widerstandsgeist und enormes Talent zur Improvisation. Die Armee könnte sogar erheblich besser gestellt, wenn die Verbündeten konsequenter gehandelt hätten.
Die Deutschen reden nicht mehr über die Taurus-Raketen, die 500 Kilometer fliegen; sie fehlen der Ukraine. In der Opposition wollte sie Friedrich Merz liefern; als Kanzler schweigt er.. Dazu fehlt es der ukrainischen Luftabwehr an Patriot-Raketen, die sie jetzt aber in Eigenproduktion entwickeln darf. Das hat ihnen Trump erlaubt.
Irgendwann einmal wird sich Europa fragen müssen, warum es nicht früher schon mit noch mehr modernen Waffen und vor allem ohne Zögern den Überlebenskampf der Ukraine unterstützt hat. Denn wir wissen ja schon lange, dass dieser Krieg im Interesse Deutschlands, Polen, der skandinavischen Länder und der baltischen Staaten möglichst lange andauern soll. Denn in seinem Schutz können die Nato-Länder aufholen, was sie versäumt hatten. Und vor allem dürfte Putin nicht zum Krieg gegen den Westen aufrufen, solange die Ukraine widersteht.
In der Nacht zum Montag bombardierte die russische Luftwaffe wieder Kiew. Die amerikanische Luftwaffe griff Tunnel und Brücken im Süden an, nachdem zwei US-Soldaten bei iranischen Gegenangriffen in Jordanien getötet worden waren.
Diese Kriege, sie gehen weiter. Und das Sterben auch.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.