Wenn jemand beständig Ultimaten stellt, ist er entweder sehr stark oder sehr schwach. Bis morgen soll Iran die Blockade der Straße von Hormuz aufheben. Wenn nicht, werde er, Donald Trump, Kraftwerke zerstören. Das größte ist das Damavand-Kraftwerk nahe Teheran.
Iran hält das Ultimatum für ein Zeichen von Schwäche und droht seinerseits mit Angriffen auf Energieanlagen in der Region. Damit ginge der asymmetrische Krieg in eine verschärfte Phase über – Israel wie die USA steigern ihre Luftschläge, während Iran die Weltwirtschaft lahmlegt, so dass sich die negativen Auswirkungen in möglichst vielen Ländern niederschlagen.
Die Preise an den Tankstellen in Europa und Amerika sind ja nur eine Folge der Blockade an der Meerenge von Hormuz. Zum Beispiel ist ganz Südostasien mit seinen 600 Millionen Einwohnern abhängig vom Öl, das durch dieses Nadelöhr transportiert wird. Auf den Philippinen muss die Regierung die Taxen – Motorräder mit Beiwagen und Kleinbusse – hoch subventionieren, weil das Benzin so teuer geworden ist. In Laos haben inzwischen die Hälfte der Tankstellen und die meisten Schulen geschlossen, weil der Nachschub an Benzin ausfällt. In Vietnam werden die Angestellten zu Home Office angehalten. In Thailand müssen Geschäfte und Privatleute die Klimaanlagen herunter drehen, um Energie zu sparen.
Die Golf-Staaten bekommen die Konsequenzen des Krieges, vor dem sie Trump vergeblich gewarnt hatten, gleich mehrfach zu spüren. Natürlich in erster Linie durch die Drohnen, die gerade eine Flüssigkeitsanlage in Katar trafen. Zusätzlich bleiben Touristen und Geschäftsleute aus, so dass die Tourismus-Industrie leidet. Und außerdem importieren die Länder am Golf 90 Prozent ihrer Lebensmittel, da sie so gut wie keine Landwirtschaft haben. Da die Schiffe nicht durch die Straße von Hormuz kommen, wächst hier ein bislang unbekanntes Problem heran.
Zum fahrlässigen Denken der Kriegsherren in Washington gehörte die Illusion, Iran werde die Straße von Hormuz aus Eigeninteresse nicht sperren. Schon einmal aus diesem Grund ist das Ultimatum das Eingeständnis eines Irrtums.
Rund
Nun aber darf man eines nicht tun: Donald Trump zu unterschätzen. Zwar ist seine stärkste Waffe diesmal stumpf – nämlich sich selbst die Wirklichkeit so umzudeuten, dass er wie das Genie aussieht, als das er sich sieht, und dann die Botschaft unablässig auszustoßen. Dass die Benzin-Preise auch in Amerika steigen und sich eine Inflation abzeichnet, sollte der Krieg sich hinziehen, lässt sich schwerlich umlügen.
Deshalb muss sich Trump etwas Spektakuläres einfallen lassen, damit er einen Sieg verkünden kann – ein Äquivalent zu den Überraschungsmorden an Ali Chamenei und Ali Laridschani, den beiden Säulen der theokratischen Republik. Gehen wir die Optionen durch.
Erste Option: Im Persischen Golf liegt die Insel Kharg, wo iranische Öltanker beladen waren. 90 Prozent des Exports findet hier statt. Hält sich der US-Präsident an sein Ultimatum, könnte er Terminals und Anlagen zerstören lassen.
Zweite Option: Als Entlastung und Ablenkung könnte Kuba dienen. Er glaube, dass er „die Ehre haben werde, Kuba in irgendeiner Form zu übernehmen oder zu befreien“, sagte er in typischer Trump-Manier.. Er könne mit dem Land dann machen, was er wolle, fügte er hinzu. Ein Genie eben, kein Dilettant.
Dritte Option: In einem gewagten Manöver könnten US-Spezialkräfte versuchen, das angereicherte Uran aus der Kernanlage in Isfahan zu stehlen. Von Japan wurde gerade eine Marine-Einheit, die für solche Missionen trainiert, in den Nahen Osten verlegt.
Eigentlich ist die Kuba-Option am ungefährlichsten. Die Verhandlungen laufen ohnehin derzeit. Gut möglich, dass Präsident Miguel Diaz-Canel zurücktritt und dass System unter einem Trump ergebenen Nachfolger erhalten bleibt, siehe Venezuela. Aber kann Kuba den unpopulären Krieg gegen Iran aufwiegen? Wohl kaum.
Zerstören die USA Kharg, geht der Krieg weiter, die Öl- und Gaspreise steigen höher, die Aktienmärkte könnten fallen und die Inflation hochschnellen. Die Folge dürfte eine deftige Niederlage bei den Wahlen zu Senat und Repräsentantenhaus im November sein. Trump stünde als Verlierer dar, was er mit allen Mitteln verhindern will.
Nur ein Scoop könnte dem Präsidenten helfen. Gelänge es wirklich den Marines, das Uran in Isfahan an sich zu nehmen, würde sich Trump hinstellen und sagen: Seht her, sie können keine Bombe mehr bauen. Das zu erreichen war mein Kriegsziel. Der Krieg ist vorbei. Ich bin der Größte.
Wer ein Ultimatum ausruft, das binnen zwei Tagen erfüllt sein muss, sollte sich seiner Sache sicher sein. Ob Donald Trump nur blufft oder uns überrascht, wissen wir morgen um Mitternacht amerikanischer Zeit.
Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.