Die Herren Jared Kushner und Steve Wittkoff haben mal wieder in Moskau vorbeigeschaut und freundliche Worte mit Wladimir Putin gewechselt. Soviel man weiß, haben sie ihm diesmal nicht nach dem Munde geredet; das ist schon mal was. Der russische Präsident sicherte ihnen zu, dass er Kiew nicht bombardieren läßt, wenn sie zu Wolodymyr Selenskji weiterreisen.
Mit Russland ist es wie mit Iran. Der amerikanische Präsident würde beide gerne dazu überreden, vom Krieg abzulassen. Keiner von beiden hat Interesse daran, seinen Wünschen zu entsprechen.
Iran hat die Angst vor den USA verloren und Putin ist geübt im Ausweiten des Krieges, nicht in seiner Eindämmung.
Nicht zufällig ließ der russische Präsident gerade jetzt leugnen, dass eine neuerliche Massenmobilisierung bevorsteht. Im Sommer soll er beschlossen haben, 300 00 bis 400 000 Soldaten zu rekrutieren. In Russland sagt man dazu, sie würden „in den Fleischwolf geworfen“. Das Verhältnis auf den Schlachtfeldern ist momentan so, dass gar nicht so viele neue Soldaten an die Front versetzt werden können, wie dort starben.
Wann immer Donald Trump Gesandte vorbei schickt, kommt Wladimir Putin immer zum gleichen Ergebnis: Die USA handeln aus Schwäche. So war es auch, als kurz zuvor John Ratcliffe überraschend in Moskau aufgetaucht war. Ratcliffe ist der Chef der CIA und soll Putin davor gewarnt haben, ein Nato-Land anzugreifen. Dazu gab er ihm wohl eine realistische Einschätzung über den Stand des Krieges, die dem Kriegsherren (SICHER) nicht gefallen hat.
War Putin beeindruckt? Wohl kaum. Er hat ja auch davon gehört, dass die USA von nun an Europa sich selbst überlassen wollen, was ihm bestimmt gefällt. Wie aber sollte er da den Warnungen des CIA-Chefs Bedeutung beimessen?1
Die beiden Unterhändler Witkoff und Kushner waren erstmals seit Januar wieder im Kreml. Die USA sind bekanntlich anderswo beschäftigt. Wie sollte Putin jetzt noch darauf bauen, dass Trump ihm die Ukraine auf dem Silbertablett überreicht?
Was in Putins Kopf vorgeht, kann niemand wissen. Aber wo seine Interessen liegen, lässt sich ableiten.
Da der Krieg gegen die Ukraine im fünften Jahr steht, bekommt der große Oberbefehlshaber allmählich ein Problem. Dass die Ukraine mit ihren Drohnen die Schwarzmeerflotte auf der Krim dezimiert und im russischen Hinterland Ziele angreift, kratzt an seinem Image als überlegener Stratege, der heim ins Reich holt, was verloren gegangen war.
Gut möglich sogar, dass die stillschweigende Billigung der „Spezialoperation“, wie sie Putin unverdrossen nennt, langsam bröckelt. Das „Lewada Zentrum“, ein russisches Meinungsforschungsinstitut, das als unabhängig gilt, hat herausgefunden, dass 57 Prozent der Russen die Lage wegen der ukrainischen Drohnen im Hinterland als „angespannt“ bezeichnen.
Dazu kommt, dass die russische Elite, in Sonderheit die Oligarchen, unglücklich über die Dauer des Krieges ist. So bleiben sie von Geschäften mit dem Westen abgeschnitten. Manche von ihnen stehen persönlich auf der Sanktionsliste.
Vor kurzem gab Andrei Melnitschenko, ein russischer Milliardär, in einem Essay für das britische Magazin „Economist“ Einblick in die Gedankenwelt der Elite. Er warnte davor, auf eine Niederlage im Ukraine-Krieg zu hoffen und die dauerhafte Schwächung Russlands anzustreben. Solche Gedanken schwirren also Oligarchen durch den Kopf.
Melnitschenkos Essay erregte wie erwartet Aufsehen. Er wird wohl kaum ohne Einverständnis Putins ins Leitorgan der westlichen Elite gekommen sein.
Nun ist Russland von Anarchie noch weit entfernt. Putin besitzt die wirtschaftlichen Ressourcen, um den Krieg weiter zu führen und verfügt dazu nach wie vor über den repressiven Sicherheitsapparat, der seine Macht absichert.
Von dem einsamen Mann im Kreml wird aber auch der Satz für den Fall des ausbleibenden Sieges im Krieg glaubwürdig zitiert: „Sie werden mich hängen.“
Im Umgang mit Krisen verbindet den russischen Präsidenten mit Donald Trump ein besonderer Charakterzug: Beide geben nie Fehler zu. Sie leugnen, was ihnen unterläuft, und ansonsten schlagen sie immer gewaltig auf Feinde ein, auch wenn sie gerade noch Freunde gewesen waren.
Die Spezialoperation dauert genau 1 656 Tage an, 1 000 Kilometer lang ist die Front. Der russische Vormarsch ist ins Stocken geraten. Die Ukraine schlägt fast nach Belieben zurück, muss aber auch Nacht für Nacht schwere Luftangriffe ohne große Gegenwehr erleiden, da ihr die Flugabwehrraketen ausgehen.
Wie soll das weitergehen? Donald Trump hat den Ehrgeiz verloren, in diesem Krieg Frieden zu stiften. Er wird seine beiden Unterhändler immer mal wieder nach Moskau schicken, aber das ist es schon. Sie können dann ihre Einschätzung schildern, in welcher Verfassung Wladimir Putin ist, der strategisch nicht besonders kluge Stratege.
In Kiew waren Witkoff und Kushner zum ersten Mal. Das ist nur folgerichtig für die Priorität, die Trump gesetzt hatte: Mit Russland muss man rechnen. Russland hat eine Restspur an Einfluss an vielen Orten, versteht sich immer noch als Weltmacht, wenn auch amputiert.
Die Ukraine ist aber nicht mehr die vernachlässigbare Größe, die Trump in ihr vor kurzem noch sah. Sie wehrt sich entschlossen und kreativ. Nicht zufällig kamen zur zweiten Gesprächsrunde in Kiew die Sicherheitsberater dreier europäischer Länder dazu: aus Deutschland, England und Frankreich.
Wie aber geht es weiter in diesem Krieg? Russische Geheimdienste haben Alarm geschlagen. Die Zahl der Freiwilligen – vor allem Strafgefangene, Schuldner und Migranten – geht offenbar dramatisch zurück. Auf ihre Empfehlung geht die Zwangsrekrutierungen für 400 000 Soldaten zurück. Aber in der angespannten Stimmung fällt das militärisch Notwendige nicht mehr ganz so leicht.
Witkoff und Kushner können also noch öfter folgenlos in Moskau vorbeischauen. Denn solange der Krieg stagniert, kann Putin aus seiner Sicht gar nicht das Risiko eingehen, ernsthaft über Frieden zu reden. Deshalb eskaliert er – in der Ukraine wie im hybriden Krieg gegen Nato-Staaten.
Offenbar besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem echten und dem klammheimlichen Krieg. Vermutlich werden sich die Vorfälle in Nato-Ländern häufen, wenn Russland dort nicht vorankommt. Gut möglich, dass der Zufallsfund in Leipzig, die Drohnen über Finnland oder der Giftangriff auf eine Drohnenfabrik in der Slowakei nur der Anfang sind.
Der einsame Mann im Kreml hält uns in Atem. Kein Zweifel, dass er darin einen Beweis für seine Bedeutung sieht.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.