Das sicherste Anzeichen dafür, was Amerika von den Zwischenwahlen morgen erwartet, liefern die großen Bosse der großen Konzerne. Meta wie Palantir haben Leute mit guten Drähten zu den Demokraten eingestellt. Die größten zehn Tech-Firmen, einschließlich Elon Musk, ließen diesmal die Hälfte ihrer Spenden den Wahlkampfmaschinen der Demokraten zukommen.
Man kann dieses Umschwenken Pragmatismus nennen oder auch Opportunismus. Jedenfalls orientieren sich die gleichen Tech-Genies, die vor anderthalb Jahren Donald Trump umschwirrten wie Motten das Licht, vorsichtshalber neu.
Wir können sicher sein, dass der Präsident die Geste versteht und ahnen, wie er sie kommentiert: Treuloses Pack, ich werde euch schon noch zeigen, was ihr davon habt. Aber wie wird Trump auf eine Niederlage reagieren, von der inzwischen die großen Zeitungen und die großen Fernsehsender ausgehen – wobei die einschränkende Erfahrung besagt, dass sich Demoskopen in erstaunlichem Maße irren können.
Egal, wie die Wahl morgen ausgeht, Donald Trump bleiben von jetzt an noch zwei Jahre im schönen Amt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was wird er in dieser Zeitspanne anstellen? Was sollten wir erwarten und worauf müssen wir uns einstellen?
Erstaunlich wenig dürfte sich ändern, selbst wenn die Demokraten die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus erobern sollten. Dieser Präsident regiert seit je her am Kongress vorbei. Er darf das, denn das politische System ist ganz auf ihn ausgerichtet. Er kann Erlasse unterzeichnen, die dann Gesetz werden; daran kann ihn niemand hindern. Zudem hat ihm der Supreme Court freie Hand gegeben, indem er Immunität für alle exekutiven Entscheidungen gewährt. Auch nach seiner Amtszeit kann Trump also nicht strafrechtlich verfolgt werden.
Ob diese Immunität auch für Selbstbereicherung gilt, für Korruption im Dienste der Familie und der Freunde?
Was Trump am Tag nach der Wahl vorhat, hat er schon angekündigt. Er will wieder Iran angreifen, noch heftiger, noch umfassender als beim letzten Mal. Wie man aus dem Weißen Haus hört, sind die wenigsten Berater von der Aussicht angetan, dass Trump den Krieg wieder aufnimmt. Susie Wiles, die Stabschefin, und Stephen Miller, eigentlich der Scharfmacher vom Dienst, und auch Vizepräsident J.D. Vance sollen offen gegen den dritten Anlauf sein – erst der 12-Tage-Krieg im Juni 2025, dann die schweren Luftangriffe im Februar 2026 und die periodische Fortsetzung seither. Und d jetzt also wieder strategische Bomber auf strategische Ziele in Teheran?
Dabei hat sich nichts geändert. Mit Luftangriffen allein lässt sich das iranische Regime nicht stürzen. Das angereicherte Uran für das Atomprogramm ist irgendwo tief vergraben, lässt sich kaum zerstören oder stehlen.
Den Staaten am Golf drohen dann Gegenangriffe aus Iran, weshalb sie entschieden gegen eine Neuauflage des Krieges sind. Und die Weltwirtschaft wird noch mehr unter der Blockade an der Straße von Hormus leiden als ohnehin schon. Die Folgen davon – hohe Benzinpreise, höhere Lebensmittelpreise, höhere Zinsen – sind das entscheidende Motiv bei der Wahl in den USA und für die Straßenkämpfe in Europa.
Es gibt allerdings einen Regierungschef, dem Trump keinen größeren Gefallen erweisen kann als den Krieg gegen Iran fortzusetzen – Benjamin Netanyahu, der seine Wahl weder gewonnen noch verloren hat und Argumente für eine eventuelle Neuwahl sammeln will.
Was aber will Trump erreichen? Die Mullahs an den Verhandlungstisch zu bomben; das ist sein Ziel. Er will diesen Krieg beenden und auch den anderen, den in der Ukraine. Einerseits liefern die USA 500 Patriot-Luftabwehrraketen, welche die Ukraine dringend braucht. Andererseits will Trump unbedingt mit Wladimir Putin ins Geschäft kommen. Und außerdem möchte er mehr denn je den Friedensnobelpreis in sein goldenes Paradies stellen.
Wie Trump tickt, wissen wir inzwischen. Läuft es nicht gut, lässt er sich ein Großereignis einfallen. Ihm schwebt vor, dass sich die großen Drei der Weltpolitik treffen sollten, um die großen Probleme besprechen. So war das im Zweiten Weltkrieg, als sich Stalin/Roosevelt/Churchill im Februar 1945 in Jalta an der Südküste der Krim trafen und die Nachkriegsordnung festlegten.
Heute heißen die entscheidenden Drei Trump/Xin Jinping/ Putin. Es wäre ein Treffen voller Pathos und Gepränge. Alleine die Tatsache, dass es sich ereignet, verliehe ihm historische Bedeutung.
Der Vorschlag passt zu Trump. Wladimir Putin muss er gefallen, weil er dann seinen Pariah-Status hinter sich lassen kann. Aber warum sollte Xi den US-Präsidenten in der Sucht nach dramatischen Auftritten unterstützen?
Ohnehin können sich diese Drei am 18. November in Shenzen sehen. Dort findet der APEC-Gipfel statt. Die APEC ist eine Wirtschaftsgemeinschaft von Staaten im asiatisch-pazifischen Raum. Ihr gehören 21 Länder an. Sie reichen von Australien und Neuseeland über die USA und Kanada, bis zu Japan, China und Russland. Xi ist Gastgeber, Trump will eventuell kommen, Putin hat zugesagt.
Putin schlägt nun schlauerweise ein Dreier-Treffen am Rande des Gipfels vor. Dann käme ihm aber natürlich keine Jalta-Dramatik zu. Deshalb hat Trump keine rechte Lust und macht zur Bedingung, dass über Atomwaffen und Rüstungskontrolle gesprochen werden soll. Daran haben aber die beiden anderen kein Interesse.
Der letzte Stand der Dinge, der sich natürlich jederzeit ändern kann, sieht so aus: Trump sagt, wenn Xi das will, komme ich. Weltereignisse bahnen sich anders an.
Was Trump ansonsten noch wichtig ist in den nächsten beiden Jahren, lässt er selbst hören. Seinen gigantischen Ballsaal im Ostflügel des Weißen Hauses will er höchstpersönlich einweihen, wahrscheinlich im Stil einer gigantischen Show mit zweitklassigen Las-Vegas-Größen.
Dann ist ja da auch noch der Triumphbogen, 76 Meter hoch, geziert von der Freiheitsstatue und Adlern. Zwischen dem Nationalfriedhof in Arlington und dem Lincoln Memorial soll er sich spannen. Trump-Verächter nennen ihn Trump-Bogen, was ihm bestimmt gefällt. So ein großer Zirkus verspricht Clowns, Pomp und Trommelwirbel.
Zwei Kriege sind noch zu beenden und zwei typische Trump-Projekte sind noch fertig zu stellen. Das sind höchst anspruchsvolle Vorhaben, eines Präsidenten würdig, der mit 82 Jahren in den Ruhestand entlassen werden wird. Oder versucht er, im Amt zu bleiben?
Trump bleibt Trump und zwar bis zur letzten Sekunde im Weißen Haus. Deshalb sollten wir auf eines auf jeden Fall vermeiden – Donald Trump in seinem tückischen Einfallsreichtum zu unterschätzen.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.