Vor einigen Tagen telefonierte Donald Trump mal wieder mit Wladimir Putin. Die beiden verstehen sich schon länger nicht mehr so gut wie ehedem. Dennoch halten die anderen westlichen Staats- und Regierungschefs immer die Luft an, wenn der amerikanische mit dem russischen Präsidenten eine Stunde lang plaudert.
Zu Trumps Gunsten muss man auslegen, dass er sich von Putin nicht mehr einlullen lässt. Die Zeiten sind vorüber, da er übergroßes Verständnis für den Überfall auf die Ukraine aufbrachte. Vorbei sind auch die Tage der Demütigung, die Wolodymyr Selenskji über sich ergehen lassen musste. Die Ukraine darf nun sogar Patriot-Flugabwehrsysteme in Eigenproduktion herstellen; Trump erlaubt es.
In der vorigen Woche traf sich US-Außenminister Marco Rubio mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow in Manila. Sie redeten 90 Minuten miteinander. Lawrow, ein bekennender Zyniker, sagte hinterher zweierlei: Erstens, dass er nicht gerade optimistisch für das Verhältnis zur USA sei; und zweitens, dass er gerne zu den Vereinbarungen von Anchorage zurückkehren würde.
Diesen Wunsch kann man ihm nachfühlen. Im August 2025 hatte Donald Trump dem hochgeschätzten Wladimir Putin den roten Teppich ausgerollt. Er behandelte ihn bevorzugt, woraus der kaltherzige Gast die Schlussfolgerung zog, dass Trump ihm die Ukraine auf dem Präsentierteller überreichen würde.
Konkrete Vereinbarungen trafen sie damals in Anchorage nicht. Aber die Trumpsche Lässigkeit, mit der er sagte, Wolodymyr Selenskji sollte sich in sein Schicksal fügen, gefälligst auf Krim und Donbass verzichten und den Nato-Beitritt vergessen, ließen Schlimmes ahnen.
Vorbei, verweht, wie gut. Trump hat sich eines Besseren belehrt. Er spielt nicht mehr den Friedensrichter. Die Leichtigkeit, mit der er über anderer Staaten Kriege und Konflikte redete, ist ihm vergangen. Iran ist eben auch ein Lehrmeister für den Dealmaker, der keiner mehr ist.
Seit anderthalb Jahren ist Donald Trump im Amt. Irrsinnig viel ist in diesem Zeitraum passiert. Die Wirklichkeit hat ihn, wie noch jeden Präsidenten, unerfreulich eingeholt. Dabei fällt der Wandel im Verhältnis zu Putin besonders ins Auge.
Nun muss man mit Prognosen im Universum Trump vorsichtig sein. Was heute gilt, muss morgen nicht mehr gelten. Aber für die womöglich dauerhafte Desillusionierung in Sachen Putin spricht ein Ereignis, das sich in der vorigen Woche in Kiew zutrug. Im Mittelpunkt stand eine schillernde Figur aus der MAGA-Welt.
Sie heißt Laura Loomer, ist 33 Jahre alt, von Beruf Influencerin, die tief in Verschwörungstheorien eintaucht. 9/11? Ein „Inside-Job“ – ausgeführt nicht etwa von Osama Bin Laden, sondern von der Regierung George W. Bush. Am Tag der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 ging Loomer mit einer Burka bekleidet in ein Wahllokal und bat unter dem Namen Huma Abedin eine Mitarbeiterin Hillary Clintons um einen Stimmzettel. Mit provokanten Eskapaden und antiislamischen Tiraden kommt Loomer, die jüdischen Glaubens ist, auf X auf 1,8 Millionen Follower.
Als Donald Trump noch voller Bewunderung für Wladimir Putin war, wütete Loomer gegen die „Nazi-Todesschwadronen“ in der Ukraine und beschimpfte Selenskij als „bettelnden Nazi-Kollaborateur“. Sie legte großen Wert darauf, in Einklang mit dem US-Präsidenten zu hetzen und hatte sogar Zugang zum Weißen Haus. Angeblich reichte ihr Einfluss so weit, dass Trump nach einem ihrer Besuche einige Mitarbeiter entließ.
Da der Präsident sich einem Gesinnungswandel unterzog, folgte ihm Laura Loomer getreulich. Dazu begab sie sich nach Kiew;
sie nannte es eine Recherche-Reise.
Wolodymyr Selenskjis Leuten fiel auf, wer sich da im Lande aufhielt, weil Loomer auf X ein Video aus dem Zug nach Kiew postete. Tags darauf berichtete sie über einen nächtlichen Luftalarm, als russische Raketen in der Hauptstadt einschlugen und sie Schutz suchen musste.
Das nächtliche Erlebnis hinterließ Eindruck, über den Laura Loomer ihren Followern ergriffen erzählte. Dabei bevorzugt sie wie ihr Vorbild Unflat als Rhetorik: Sie komme sich wie „ein ziemliches Arschloch vor“, weil sie den Kampf der Ukrainer um Unabhängigkeit in den vergangenen fünf Jahren heruntergespielt habe, schrieb sie. „Einige von uns hatten die Dreistigkeit zu behaupten, Russland habe nicht Unrecht, weil wir der Lüge glaubten, die Ukraine sei ein Land voller Nazi-Sympathisanten“, fuhr Loomer fort. „Wir sind durch Russland so dermaßen mit Propaganda berieselt worden, ohne es überhaupt zu merken.“
Wen sie damit wohl meinte? Mit ihrem Präsidenten, der ihr zu ihrer Läuterung gratulierte, steht sie jedenfalls wieder im Einklang. Reisen bildet eben.
Am Ende durfte Loomer den ukrainischen Präsidenten sogar interviewen. Wolodymyr Selenskji hat verstanden, dass im Trumpschen Orbit Figuren eine Bedeutung zukommt, die außerhalb Amerikas nur schwer zu verstehen ist.
Donald Trump betrachtet die Ukraine nun in einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Wohlwollen. Denn sein Denken kreist ausschließlich um das Mullah-Regime, wobei er sich die Frage stellt, ob er nicht doch wieder verheerende Generalangriffe auf Teheran fliegen lassen sollte.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.