Herrin des Verfahrens

Malu Dreyer ist eine sympathische, intelligente, menschenfreundliche Frau. Das lässt sich über nicht allzu viele Politiker und Politikerinnen sagen. Sie beherrschte zweifellos ihr Metier, denn sonst wäre sie nicht elf Jahre lang Ministerpräsidentin eines mittelgroßen Landes geblieben. Natürlich hat es auch Versäumnisse und Skandale in dieser Amtszeit gegeben, wobei die Katastrophe im Ahrtal hervorsticht.

Imponiert hat mir, dass sie mit ihrer Krankheit nicht hinter dem Berg hielt. Sie sagte, sie habe Multiple Sklerose und sei mit ihrer Krankheit im Reinen. Mehr ließ sich dazu nicht sagen, es war, wie es war. Sie wollte auch nicht mehr darauf angesprochen werden und erwartete Diskretion. Sie war Ministerpräsidentin, es ging um Politik, nicht um MS.

Es ließ sich aber gar nicht vermeiden, das sie bei jedem öffentlichen Auftritt  unter Beobachtung stand. Sie ließ sich am Arm zum Podium geleiten. Ihr Gehen wandelte sich zum Staksen, da bei MS zuerst die Zehen und Füße taub fallen. Längere Strecken ging sie nicht mehr zu Fuß, sondern ließ sich im Rollstuhl schieben.

MS ist tückisch, weil der Körper nach und nach ausgeknipst wird. Dafür sorgt die Entzündung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst. Die Ursache for diese Krankheit ist unerforscht. Deshalb sprechen Ärzte von komplexen Gründen für den Ausbruch der MS. Es versteht sich, dass diese Krankheit individuell verschieden verläuft.

Selbstverständlich bin ich kein Experte. Nur musste mich in einer bestimmten Lebensphase über diese Krankheit eingehend informieren. Meine Frau erkrankte nach der Scheidung an MS und fast zur selben Zeit bekam auch mein Mit-Ressortleiter beim „Spiegel“ die gleiche niederschmetternde Prognose. Sie hatte die progrediente Variante, die unaufhörlich voranschreitet. Er hatte eine andere Form, in der sich Schübe und Ruhephasen ablösen.

Wer an MS leidet, verändert sich, was denn sonst. Ein Gutteil der Energie richtet sich auf den Umgang mit der Krankheit. Ärzte empfehlen den Patienten, von jetzt an Stress und Hektik möglichst zu vermeiden. Im Normalberuf lässt sich die Anpassung an die neuen Umstände einrichten. Wie weit sie gelingt, hängt vom Temperament und von der Selbstdisziplin ab und auch davon, wie stark das Selbstbewusstsein von der Arbeit determiniert wird.

In der Politik ist es schwieriger, sich mit der Krankheit zu arrangieren. Eine Ministerpräsidentin ist nur bedingt Herrin ihres Terminkalenders. Das Quantum an Reisen durchs Land und die Eröffnung etwa von Feuerwehrfesten lässt sich nicht von heute auf morgen verringern, am wenigsten zu Wahlzeiten. Zudem gehört Malu Dreyer dem Vorstand ihrer Partei an, was zweifellos eine zusätzliche Belastung bedeutete. Sitzungen der SPD ziehen sich gerne in die Nacht hinein, wenn der Weltgeist es verlangt. Politik ist eben eine Lebenskrafträuberin.

Andererseits ist Rheinland-Pfalz ein überschaubares Land und wechselt Regierungen nicht besonders häufig. Malu Dreyer blieb beliebt, so dass ihre Koalitionspartner zwar wechselten, aber die Nummer 1 zuverlässig die Nummer 1 blieb. Sie bewahrte sich ihre Heiterkeit. Sie war die Malu, die Wahlen gewann und sich nicht anmerken ließ, wenn es ihr nicht so gut ging. nwieweit der souveräne Umgang mit ihrer Krankheit bei ihrer Popularität ins Gewicht fiel, lässt sich nicht recht beurteilen.

Die Opposition hat sich gehütet, öffentlich über die geschwächte Ministerpräsidentin herzuziehen. Allenfalls hinter vorgehaltener Hand fielen die leisen, gemeinen Sätze, in Besorgnis gehüllt und stets anonym: Kann sie noch regieren, schaut nur, wie sie geht, wie sie im Rollstuhl sitzen muss – wie lange hält sie durch?

Ziemlich lange. Mehr noch gibt Malu Dreyer ein vorzügliches Beispiel für das richtige Timing beim Rückzug. Sie geht zu ihren Bedingungen. Sie hängt nicht an ihrem Amt, wie so viele an ihren Ämtern hängen. Sie war und ist die Herrin des Verfahrens. Eine große Leistung, zu dem man sie nur beglückwünschen kann.

Ob und in welchem Maße die Krankheit ihre Entscheidung bestimmt und beschleunigt hat, bleibt ihr Geheimnis. Sie sollte es lüften, vielleicht in einem Buch, das sie ja jetzt in Ruhe schreiben kann.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Kleiner Churchill in Camouflage

Wolodymyr Selenskji hat eine Festwoche hinter sich gebracht, mit der er überaus zufrieden sein kann. Kreuz und quer reiste er durch Westeuropa und versicherte sich der Solidarität der Verbündeten. Er dankte und bat um mehr  – um Waffen aller Art, um Hilfe beim Aufbau der zerbombten Infrastruktur.

Im Westen wundert man sich noch immer über diesen schmalen Mann, der als Comedian begann, schon mitten im Prozess der Entzauberung als Präsident stand und sich seit dem 24. Februar 2022 in einen kleinen Churchill in Camouflage verwandelte. Er verkörpert den unbedingten Willen nach nationaler Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Sobald er argwöhnt, dass die internationale Aufmerksamkeit nachlässt, wie etwa durch den Gaza-Krieg, macht er sich auf den Weg nach Amerika oder Europa.

Seine Sorge ist durchaus begründet. Weder in den USA, noch in Frankreich oder Deutschland ist die militärische, finanzielle und moralische Unterstützung unumstritten. Wo die Rechte an Schlagkraft gewinnt, wächst auch die Skepsis, ob das Engagement für die Ukraine noch angemessen ist. Ausgerechnet Italien, das den G-7-Gipfel ausrichtete, wackelt nicht unter der nationalkonservativen Giorgia Meloni.

In Berlin blieben AfD und BSW der Bundestagssitzung mit dem Ehrengast Selenskji fern. Die Absenz war nur konsequent, denn beide Parteien quellen über vor Verständnis für Wladimir Putin, wollen das billige russische Gas wieder nach Deutschland fließen lassen und glauben fest daran, dass ein Deutschland unter ihrem Einfluss von Moskau nichts zu befürchten hätte. Sie sind Beschwichtigungskünstler, Sarah Wagenknecht mehr noch als Alice Weidel. Beide sind zu Appeasement-Freaks geworden. „Wer als Europäer nicht sieht, dass Putins Planspiele nicht im Donbass enden, muss blind sein,“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung. 

Im Krieg sieht es nicht gut aus für die Ukraine. „Der Schlüssel für alles ist die Luftverteidigung,“ sagte Selenskji auf der Berliner Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine. Die russische Luftwaffe zerstört seit März systematisch Kraftwerke, Umspannwerke und das Stromnetz. Die Lebensadern des Landes sind schwer getroffen. Daran ändert auch nichts, dass ukrainische Soldaten jetzt mit westlichen Waffen Ziele auf russischem Territorium angreifen dürfen.

Ohne steten Nachschub aus dem Westen kann die Ukraine nicht standhalten. Mit mehr und schnellerer Hilfe wäre sie in besserer Lage, kein Zweifel. Ihr fehlt es an Panzern, Granaten, Artillerie – eigentlich an allem, auch an Soldaten.

Der Krieg mit seiner grausamen Logik beherrschte das Denken, wo immer Selenskji in der vorigen Woche auftauchte. Der Westen hat ein schlechtes Gewissen, das  ihn fast schon zu einem Übermaß an Solidaritäts-Bekundungen veranlasst. Taurus-Raketen zum Beispiel wären eine große Erleichterung an der Front.

Wo der Krieg dominiert, kann nicht richtig über Frieden nachgedacht werden.  Vor einigen Wochen legte China einen einseitigen Plan vor, der auf Putins Wunschvorstellungen hinauslief, die er nicht zufällig vor der Schweizer Konferenz wieder vorlegte: Anerkennung der annektierten Gebiete, Verzicht auf Nato-Mitgliedschaft. China macht es sich erstaunlich einfach. Und von Putin ist nicht mehr als imperialer Zynismus zu erwarten.

Staatschefs, Regierungschefs, Minister und Diplomaten aus rund 100 Nationen und Organisationen trafen sich in der Schweiz und nannten ihr Stelldichein pathetisch eine Friedenskonferenz. Allenfalls könnte sie ein Prolog dazu gewesen sein, da sie ja eine entscheidende Lücke aufwies. Russland fehlte, war auch gar nicht eingeladen worden. War das klug? Na ja, unter den Umständen war nichts anderes als Abwesenheit denkbar.

Eine Absage erteilte China. China versteht sich als Vermittler, wofür es jedoch die einseitige Parteinahme für Russland aufgeben müsste, um glaubwürdig zu erscheinen. Brasilien, Indien und Südafrika schickten nur untergeordnetes Personal. Saudi-Arabien entsandte überraschend doch noch einen Vertreter.

Der Sinn der Konferenz auf dem Birkenstock war ein erneuter Akt der Solidarität mit der gepeinigten Ukraine. Von hier „kann nur ein Signal an Putin ausgehen, dass er sich einer globalen Unterstützerfront gegenübersieht, die nicht nur aus EU- und Nato-Staaten besteht“, sagte Wolfgang Ischinger, der als als Ex-Diplomat und Sicherheitsexperte erfahren in Krisen und Kriegen ist.

Nicht sämtliche Teilnehmer waren mit der Abschlusserklärung einverstanden, zum Beispiel Indien und Saudi-Arabien. Die Ukraine aber sah ihre Wünsche erfüllt: Übergabe des Atomkraftwerks Saporischschja unter ukrainische Kontrolle; Verzicht auf die Androhung, Atomwaffen einzusetzen; Austausch aller Kriegsgefangener und Rückkehr der verschleppten Kinder.

Wann ernsthaft über Frieden geredet werden kann, steht in den Sternen. Möglich werden Verhandlungen erst dann, wenn sich der Krieg erschöpft hat und die Generäle hier oder dort ihrem Oberbefehlshaber gestehen, dass weiteres Töten und Sterben zu nichts führt. Die Alternative wäre Putins Entfernung von der Macht, da für ihn nur ein Siegfrieden in Frage kommt.

Viel hängt vom 5. November ab, wenn Amerika seinen Präsidenten wählt. Noch vier Jahre Biden wäre für die Ukraine eine Riesenerleichterung. Noch mal vier Jahre Donald Trump würde Putin frohlocken lassen.

Wolodymyr Selenskji hat fürs Erste seine Ziele erreicht. Der Westen bleibt an der Seite der Ukraine. Der kleine Churchill in Camouflage kommt bald schon wieder, diesmal nach Washington. Dort feiert die Nato, vor kurzem 75 geworden, ihren Jubiläumsgipfel.

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Wie lange noch mit Olaf Scholz?

Es gibt ja schon länger gute Gründe, darüber nachzudenken, ob Olaf Scholz noch der richtige Kanzler ist. Ist er nicht, wenn man bedenkt, dass nur noch 23 Prozent aller Deutschen ihm Vertrauen schenken, was im Umkehrschluss bedeutet, dass 77 Prozent ihm nicht mehr vertrauen. Auf dieser Grundlage kommt das Urteil Sigmar Gabriels zustande, dass die Deutschen mit dieser Regierung durch sind. Ja, schon wahr, kein besonders guter Kronzeuge der Anklage, aber Gabriel dampfplaudert aus, was andere Sozialdemokraten nicht mehr besonders klammheimlich denken.

Auch wenn man mit Prognosen über die Ampel vorsichtig sein muss, lässt sich doch zweierlei feststellen: Die Diskussion über die Tauglichkeit des Olaf Scholz zum Kanzler ist, erstens, eröffnet: zweitens wäre die Änderung des Binnenklimas im Dreier-Bündnis eine Sensation wie Schottland als Fußball-Europameister.

Was Olaf Scholz angeht, muss man der Wahrheit die Ehre geben und ihm zugestehen, dass er mit einer Partei geschlagen ist, die nicht weiß, was sie wollen soll. Die Ambivalenz in geschichtsträchtigen Weltlagen ist ja recht eigentlich der Normalzustand der SPD. Zur Gestalt geworden ist sie in ihrem Vorsitzenden Lars Klingbeil, einem sympathischen Menschen, der so schmerzlich an den vielen Niederlagen leidet, dass man versucht ist, ihm Trost zu spenden.

Das Problem liegt darin, dass Scholz auch nicht weiß, was er wollen soll. Zeitenwende-Kanzler und Friedenskanzler geht eben nicht zusammen. Sozialstaatsausbaukanzler und Bundeswehraufbaukanzler auch nicht. Er ist so vieles und nichts davon richtig. Er ist gut im Ignorieren von öffentlichen Empörungswellen und schlecht darin, Prioritäten nicht nur zu setzen, sondern daran festzuhalten.

Sozialdemokratische Bundeskanzler kamen immer irgendwann in die Notlage, gegen die Parteiräson zu verstoßen, weil es um Größeres ging. Bei Helmut Schmidt war es der Nato-Doppelbeschluss, bei Gerhard Schröder die Agenda 2010. Hätte sich Olaf Scholz darauf konzentriert, die Zeitenwende nicht nur auszurufen, sondern auch durchzusetzen, wäre er zwar mit seiner Partei über Kreuz gekommen, stünde aber heute als der Kanzler da, der seinem richtigen Reden die richtigen Taten folgen lässt.

So aber werden ab jetzt ein paar unangenehme Fragen gestellt werden. Wie lange kann Olaf Scholz Kanzler bleiben? Wer folgt ihm? Von heute an tickt die Uhr. Drei Niederlagen bei den ostdeutschen September-Wahlen dürfte er  kaum im Kanzleramt überleben. 

Eine sinnreiche Episode spielte sich übrigens vor kurzem ab. Da ließ Franz Müntefering, das sozialdemokratische Lebenskunstwerk, wie zufällig die Bemerkung fallen, dass parteiintern „noch nicht beantwortet“ sei, wer als Spitzenkandidat bei der nächsten Bundestagswahl aufgestellt werde. Müntefering ist zugegeben ein älterer Herr, aber auch ein Kenner der Seele seiner Partei. 

Die Reaktion des Kanzlers ließ nicht lange auf sich warten. Nicht zufällig tötete Olaf Scholz kurz darauf wie nebenbei die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Damit machte er Boris Pistorius, der ihm an Beliebtheit enteilt ist und händeringend mehr Soldaten braucht, einen Kopf kürzer. So banal geht es zu, wenn die Macht bröckelt. So viel auch zur Zeitenwende für die Bundeswehr.

Noch mal: Wer ist der Kanzler und was will er? Hält er es für möglich, dass Wladimir Putin in ein paar Jahren zum Beispiel im Baltikum fortsetzt, was er in der Ukraine begonnen hat? Und was folgt für Deutschland und die Nato daraus?

Zufällig gibt es einen Sozialdemokraten, der diese Fragen stellt und und sich um Antworten bemüht. Das ist Boris Pistorius. Wahrscheinlich hat er sich überlegt, ob er zurück treten sollte, als ihn der Kanzler brüskierte. Seit gestern gibt es mindestens einen Grund weniger.

Friedrich Merz fordert die Bundesregierung erstaunlich milde dazu auf, den Kurs zu wechseln. Geht das überhaupt noch? Ich finde, wer noch nicht den Glauben verloren hat, dass sich Scholz samt Christian Lindner und Robert Habeck zur Abwechslung zusammenraufen, so dass eine Regierung regiert, die den Namen verdient, ist für sein Durchhaltevermögen zu bewundern. 

Vielleicht ist es für eine Veränderung des Binnenverhältnisses ohnehin schon zu spät. Die Grünen sind offenbar verhasst, wie sich an der Europa-Wahl ablesen lässt. Die FDP sackt ab in die Bedeutungslosigkeit und die SPD marginalisiert sich. Die Stärke der AfD ist die Schwäche der Ampel. Und die CDU hat nur scheinbar ein gutes Wahlergebnis erreicht.

Das ist der machtvolle Trend, für den diese Bundesregierung mit verantwortlich ist. Der Sog, der so entsteht, dürfte den Kanzler mit sich reißen, wenn nicht die ganze Ampel.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ende mit Schrecken?

Der amerikanische Präsident unterbreitet einen Vorschlag, wie der Krieg beendet werden und die Geiseln endlich befreit werden könnten. Die israelische Regierung stimmt zu und die Hamas läßt verlauten, sie stehe einem Waffenstillstand „positiv“ gegenüber.

Das ist nun auch schon wieder einige Tage her, ohne dass der Plan in kraft getreten wäre. Optimisten werden sagen: Gemach, Geduld, wenn ein amerikanischer Präsident einen derart weitgehenden Vorschlag öffentlich vorträgt, ist dessen Annahme gesichert, von Benjamin Netanjahu wie von der Hamas-Führung.

Pessimisten können einwenden: Joe Biden ist schon so oft von Netanjahu brüskiert worden, dass er ihn auch diesmal ins Leere laufen lässt. Weder der israelische Premier noch Yahya Sinwar, der militärische Hamas-Führer zeigen auch nur ein Jota Interesse daran, den Krieg zu beenden oder auch nur eine Waffenpause einzulegen.

In dieser Region, die an Orgien von Blut und Tod, Terror und Gewalt gewöhnt ist, wäre ein Innehalten ein Segen. Die Voraussetzungen für mehr Frieden sind ja ohnehin getroffen, indem Saudi-Arabien seinen Frieden mit Israel schließen will. Beider gemeinsamer Feind, Iran, ist nach dem Tod seines Präsidenten beim Absturz eines Hubschraubers mit sich selber beschäftigt, so dass die allzeit mögliche Ausweitung des Krieges minimal zu sein scheint.

Kein Zweifel auch, dass die Hamas entscheidend geschwächt ist, sonst würde sich Ismail Haniyya, der politische Führer im Exil in Katar, nicht für einen permanenten Waffenstillstand einsetzen. In der Konkurrenz mit dem militärischen Flügel im Gaza entscheidet sich, ob die Hamas den Vorschlag annimmt oder verschleppt oder ablehnt.

Ein maximales israelisches Kriegsziel besteht darin, die Hamas vollständig zu liquidieren. Kann man sich wünschen, ist aber bei näherem Betracht unrealistisch. Ein eher pragmatisches Kriegsziel besteht darin, die Hamas auf Dauer so zu schwächen, dass ihre Herrschaft über zwei Millionen Einwohner des Küstenstreifens am Mittelmeer unmöglich wird. Aber wer soll danach dort die Regierung übernehmen? Die Schwäche des amerikanischen Plans liegt darin, dass er diese entscheidende Frage für die Zeit nach dem Krieg unbeantwortet lässt.

Die Stärke des Biden-Plans aber besteht darin, dass die Geiseln freikommen, sobald die israelische Armee ihren Rückzug aus Gaza antritt. Wie viele von ihnen noch leben, weiß so gut wie niemand ganz genau. Angeblich sind noch 134 Menschen in der Gewalt der Hamas. Ihr Schicksal ist durch das martialische Gerede über eine Großinvasion im Süden und durch das Handeln der Regierung Netanjahu aus dem Blick geraten, auch wenn fast Tag für Tag Demonstranten in Tel Aviv und anderen Städten mit steigender Verzweiflung an sie erinnern.

Seit langer Zeit kennt der Nahe Osten nur eine Richtung: nach unten. Israels Armee ist zu stark, als dass ein großer Krieg wie 1967 oder 1973 anstünde. Einige Gegner von damals schlossen Frieden, zum Beispiel Jordanien oder Ägypten. Die Feinde von heute ziehen einen asymmetrischen Krieg vor, zum Beispiel die Hamas am 7. Oktober 2023 und die Hisbollah mit ihren Raketenangriffen; dazu kommen die Houthi-Rebellen aus dem Jemen mit ihren Angriffen auf den Welthandel zu Schiff.

Gegen solche Überfälle kann sich Israel nur durch Liquidation schützen, das ist die Logik. Sobald die Hamas ausgeschaltet wäre, käme die Hisbollah dran, die den Libanon beherrscht wie die Hamas den Gaza. Diese asymmetrischen Kriege würden nur durch Kapitulation enden. Im Fall der Hamas ist es sogar theoretisch denkbar, dass sie aufgibt. Die Hisbollah aber hat ein größeres Land im Würgegriff und Iran als Schutzmacht, die im benachbarten Syrien und dem Irak Bastionen aufbaute.

In Israel treten die Nationalreligiösen in der Regierung Netanjahu gegen jeden Kompromiss ein. Sie kündigen vorsorglich das Ende der Koalition an, sollte sich Netanjahu dem amerikanischen Präsidenten fügen. Ginge es nach Finanzminister Bezalel Smotrich, würde Rafah im Süden des Gaza vollkommen zerstört. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir schrieb über den Vorschlag des US-Präsidenten: „Hamas liebt Biden“. In diesen Zirkeln der Macht kursiert die Idee, die zwei Millionen Menschen aus Gaza zu vertreiben und durch israelische Siedler zu ersetzen – nach dem Vorbild der (völkerrechtlich illegalen) Besetzung des Westjordanlandes.

Benjamin Netanjahu ist der ultimative Machtpolitiker, für den sein Land mit seinen eigenen Interessen identisch ist. Endet der Krieg, endet seine Macht. Für Israel könnte darin durchaus eine Befreiung liegen. Ein Neuanfang, zum Beispiel mit Verteidigungsminister Yoav Galant, ist denkbar. Den Geiseln kann man nur von Herzen wünschen, dass ihr Alptraum bald vorbei gehen wird und ihnen die Rückkehr ins bürgerliche Leben gelingt.

Joe Biden beweist mit seiner Initiative Mut, Geschick und Risikobereitschaft im Nahen Osten. So einen Präsidenten im Weißen Haus zu wissen ist gut für Amerika und den Rest der Welt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Meine Mutter

In diesen Tagen wäre meine Mutter 100 Jahre alt geworden. Sie war eine klassische Nachkriegsmutter, die immer Frieden stiften wollte und für die das Telefon eine segensreiche Erfindung war. So blieb sie mit allen in Kontakt, an denen ihr lag. So konnte sie umsichtig Neuigkeiten und einschneidende Ereignisse bereden und verteilen. Manchmal schrieb sie auch Briefe in einer makellos schönen Schrift, in Sütterlin geübt. Mein Sohn Vincent hat ihren Schreibstil geerbt. Das gefällt mir, denn meine Mutter mochte ihren Enkel sehr.

Meine Mutter hatte ein bewegtes Gemüt. Sie war kultiviert, aber auch jähzornig. Irgendwann, als ich längst erwachsen war, entschuldigte sie sich für die Prügel mit dem Teppichklopfer, die sie mir angedeihen ließ. Sie sagte, sie hätte es nicht besser gewußt. War wohl so, aber Kinder im Zorn zu schlagen, sollte auch für diese Generation verboten gewesen sein, das wäre das Mindeste.

Was mir an ihr imponierte, war diese Klarheit und Schnörkellosigkeit, wenn es ernst wurde.. Ich kam mal in Finanznot, weil die Kreditrate für mein Haus nach Ablauf der Zinsfrist fast verdoppelt wurde. Ich rief an und weinte aus Demütigung, weil ich auf Hilfe angewiesen war. Meine Eltern berieten kurz und halfen mir dann anderthalb Jahre aus. Sie sagten, aus Gerechtigkeit müssten sie meinem Bruder ebenso viel Geld zukommen lassen. Das Prinzip Gerechtigkeit habe ich übernommen.

Kinder, egal welchen Alters, können sich ihre Eltern nicht als Menschen vorstellen, die sie waren, bevor sie Eltern wurden. Ich kenne Fragmente aus den Leben meiner Eltern. Der Bauernsohn aus Lichtenberg, der nur mittlere Reife ablegen kann, weil das Geld für das Gymnasium fehlt. Mit 18 fährt er auf dem Motorrad nach Schweden. Was wäre aus ihm geworden, wenn er dort geblieben wäre, anstatt nach Hause zu fahren, eingezogen zu werden, als Soldat in Frankreich und dann in Russland zu kämpfen, verwundet und amputiert zu werden?

Meine Mutter war Tochter aus bürgerlicher Familie. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine kleine Fabrik Geschäfte in Kusel, eine großzügige Wohnung, Pferde, Klavierunterricht. Damit war es 1918 vorbei, weil die Familie Harth Kriegsanleihen gezeichnet hatte. Zwei der Unglücklichen begingen daraufhin Selbstmord. Von der Zwischenzeit, bis sie meinen Vater kennenlernte, hat sie nur bruchstückhaft erzählt. Jahrgang 1924, Mittlere Reife 1940. BdM, kein Entkommen. Zu jung, um zu verstehen, was da in Deutschland passierte. Ich erinnere mich an eine Bemerkung meines Vaters, dass da ein Leutnant gewesen sei, den die jugendliche Luise Karoline Elisabeth Harth geliebt haben soll. Ob er sie verließ, ob er „fiel“ (was für ein lächerlich beschwichtigender Ausdruck: als sei er hingefallen), ob der Leutnant im Krieg das Schreiben einstellte, aus Gründen, die sie nicht kannte: Ich weiß es nicht. Zwei ihrer drei Brüder kamen im Krieg ums Leben. War sie verzweifelt oder taub, weil so viele starben? Raubten ihr der Krieg Mut und Energie? Kein fröhlicher Mensch, aber zur Fröhlichkeit fähig. Die Klarheit, wenn es darauf ankam, kam aus dem Lebensernst, den sie in sich trug.

Eigentlich ist es absurd, dass ich als Journalist mich so wenig für die Zeit meiner Eltern vor der Zeit, als sie Eltern waren, interessiert habe. Heute empfinde ich diese Ignoranz als Makel. Warum habe ich nicht ausführliche Fragen gestellt? Was hat mich daran gehindert? Ich glaube schon, dass sie mir beide geantwortet hätten, warum denn auch nicht? Von sich aus über das Schwere zu reden und uns damit zu belasten, kamen ihnen nicht innen Sinn. Über die Großeltern meiner Frau habe ich ein Buch geschrieben. Als Kronzeuge diente mein Schwiegervater, den ich nach Strich und Faden ausgequetscht habe. Anfangs antwortete er zögernd. Ein gewisses Unbehagen an der Erinnerung war ja auch verständlich. Aber dann kam er in Fahrt. Es bereitete ihm allmählich sogar Vergnügen, im Gedächtnis zu graben. Seine Eltern waren bemerkenswerte Menschen gewesen und er glich seinem Vater. Er lieferte die Fakten und ich schrieb einen historischen Roman über Grete und Artur.

Die Brüche im Leben meiner Eltern hätten natürlich auch einen Roman ergeben. Mein Vater ist 19, als sein erstes Leben endet. Sein zweites Leben beginnt nach dem 3. Februar 1942, als er bei Charkow angeschossen wird. Wundbrand. Amputation beider Beine unterhalb der Knie. Lazarett in Franzensbad. Als die Stümpfe verheilt sind, Anpassung der Prothesen. Am 2. September 1944 Heirat mit Carola, wie der Rufname meiner Mutter lautete. Hans und Carola Spörl. Carola ist noch 20, als mein Bruder am 12. März 1945 geboren wird.

Sie hätten sich ja kaum gekannt, erzählte mir meine Mutter, als mein Vater 2008 gestorben war. Sie hätte großes Mitleid mit ihm gehabt. Er sei jemand gewesen, auf den sie sich hätte verlassen können. 1945 ging es weniger um Romantik und mehr ums Überleben. Das Baby wollte durchgebracht werden, was schwer genug war. Sie lebten in einer heruntergekommenen Villa, in der sie mit Adeligen einquartiert worden waren. Die Verachtung meines Vaters für die Aristokratie geht auf diese Erfahrung im ungewollten Zusammenleben zurück. Endlich bekam die junge Familie eine eigene Wohnung zugewiesen. Hügelstraße 16. Drei Zimmer, Küche, Bad. Toilette auf der halben Treppe. Der Vater meiner Mutter lebte kurze Zeit bei ihnen. Die Mutter meiner Mutter war gerade jung gestorben. Mit 58. Das Herz.Ihr Vater blieb nicht lange allein, was sie ihm nie verzieh. Er zog mit einer Frau zusammen, die auch noch katholisch war, was für stolze Protestanten eine Zumutung war, zumal diese Frau auch noch fromm war, also bigott.

Was hat der Tod ihrer Mutter für meine Mutter bedeutet? Wie schlug ihr die Entfremdung vom Vater aufs Gemüt? Auch der Vater meines Vaters war früh gestorben, 1953. War wohl ein harter Mann. Bauer tagsüber, abends Gastwirt. Zähes Leben. Nicht arm, nicht reich. Angesehen in Lichtenberg, das auf jeden Fall.

In einem der seltenen Gesprächen mit meiner Mutter über die letzten Kriegstage erzählte meine Mutter über ihre Schreckenseindrücke, die sie nie verlassen hätten: Junge Deserteure, die von Laternen hingen, Kinder noch, 16 oder 17 Jahre alt. Die SS, die bis zuletzt wütete und Menschen erschossen, die Rahe liegende Bemerkungen über den Führer machten, der sich durch Selbstmord davon gemacht hatte und schnell noch Nero-Befehle ausgab, die seine Schergen ausführten, bevor sie ihre Uniform verbrannten und behaupteten, sie seien Verführte gewesen, Opfer Hitlers, keinesfalls Täter.

Meine Mutter sagte auch, dass sie wie taub gewesen sei, als der Krieg endlich vorbei war. Taub und angsterfüllt, was die Alliierten jetzt mit ihnen machen würde, mit Deutschland. Die Zukunftsangst muss ungeheuer gewesen sein. Die Angst vor Vergewaltigung, vor Vergeltung, vor Rache, vor Hunger, vor Not, vor dem Tod nach dem Krieg, der sie im Krieg verschont hatte. Die Sorge, das Baby würde nicht überleben.

Zum Glück gab es ja die Schwiegereltern auf dem Land. Wer familiäre Verbindungen dorthin besaß, hatte Chancen zu überleben. Bis tief in die 1950er Jahre fuhren meine Eltern an jedem Wochenende die 30 Kilometer von Hof nach Lichtenberg und halfen der Mutter meines Vaters im Gasthaus. Auch sie war eine harte Frau. Zwei Söhne hatte sie geboren. Mein Vater war der ältere. Der Lieblingssohn war Paul, der jüngere. Als er „fiel“ oder vermisst war und mein Vater doppelbeinamputiert überlebte hatte, sagte sie zu ihm „Das ist die Sündenschuld“. Meine Mutter erzählte mir diese Geschichte. Ich habe nie gefragt, was seine Mutter damit gemeint hatte, mit dieser Sündenschuld. Worauf spielte sie an? Gab es da einen Vorfall? Machte sie den großen Bruder für den Tod des kleinen Bruders verantwortlich? Oder war sie nur gemein und böse?

Mir wird noch immer komisch zumute, wenn ich mir diesen Satz ins Gedächtnis rufe: „Das ist die Sündenschuld.“ Vielleicht ist er vor diesen verständnislosen Eltern 1938 nach Schweden geflohen. Wollte weg, weit weg. Hätte er eine blonde Schwedin getroffen, sich ins sie verliebt und sie sich in ihn, wäre er womöglich geblieben. Soviel wäre ihm erspart geblieben. Der Krieg. Die Amputation. Der Satz seiner Mutter. Was hat er in ihm ausgelöst? Warum hat er sich nicht umgedreht und ist gegangen?

Die richtigen Fragen fallen mir zu spät ein. Nur ein Tagebuch habe ich, das der junge Soldat Hans Spörl in Frankreich geführt hat. Von Krieg ist nicht die Rede. Oft ist er ins Bordell gegangen, das war so vorgesehen für diese 19, 20jährigen. Die Wehrmacht empfahl es so. Unbeschwerte Zeilen, ein junger Mensch schrieb sie, bevor er im Juni 1941 an die Ostfront versetzt wurde. Bevor er Wundbrand erlitt. Bevor er im Lazarett darauf warten musste, bis diese Stümpfe für die Prothesen bereit waren. Bevor diese grausame Mutter diesen furchtbaren Satz ausstieß.

Tage beklommener Erwartung

75 Jahre alt ist das demokratische Land, in dem wir leben. Glückwunsch! Zu Recht wird ein paar Tage lang gefeiert, denn hinter uns liegt ja einiges. Die Teilung in zwei Deutschlands und der Kalte Krieg. Die RAF und der NSU. Die Liste der Gefährdungen ist lange und könnte beliebig fortgesetzt werden. Aber da Deutschland im Wesentlichen Glück mit seinen Kanzlern hatte, ist die Geschichte seit 1949 im Rückblick eine Erfolgsgeschichte.

Nicht zufällig reiste Emmanuel Macron an. Die Versöhnung mit Frankreich war die Grundlage für das Ende des Revanchismus und die deutsche Westbindung. Dabei legten die französischen Präsidenten immer Wert darauf, in Europa politisch den Ton vorzugeben, auch wenn Deutschland ökonomisch stärker da stand. Momentan könnte der charakterliche Gegensatz zwischen Präsident und Bundeskanzler nicht größer sein: hier das Feuerwerk, dort das laue Lüftchen; hier der Springteufel mit stets neuen Ideen und Thesen, dort der halblaute Pragmatiker.

Wenn ein Land sich selber feiert, blitzen Stolz und Selbstgefälligkeit durch, was sonst. Zugleich liegt diesmal aber auch Beklommenheit in der Luft. Können wir auf Kontinuität der liberalen Demokratie bauen, die dem Land gut getan hat? Sie setzte sich ja erst seit den 1970er Jahren durch und hat die beste Zeit hinter sich, kein Zweifel. Denn es ist nicht zu übersehen, wie sich die Verächter des politischen, sozialen und kulturellen Fortschritts vermehren. Es sind nun wahrlich nicht nur Verlierer der Moderne, sondern auch Gewinner, die in ihren Clubs und Zirkeln über das Land herziehen, dem sie ihren Wohlstand verdanken.

Kein Zweifel, der Zeitgeist denkt und steht rechts. Die Rechte hat das Momentum, wie man so schön sagt. Anders gesagt liefern sich Liberalismus  und Autoritarismus die zentrale Auseinandersetzung weltweit. Liberale glauben an demokratische Werte. Autoritäre Populisten hingegen wie Narendra Modi oder Viktor Orban oder Recep Tayyip Erdogan, dazu Diktatoren wie Wladimir Putin und Xi Jinping halten absolut nichts von Rücksicht auf Minderheiten, wenn sie nicht rundheraus darauf spucken.

In gewisser Hinsicht ist die liberale Demokratie ein Opfer ihres Erfolgs. Mehr und mehr lernte sie es zu respektieren, dass Menschen ihre eigene Wahl treffen, wie sie sein und wie sie leben wollen. Liberalismus gibt nicht vor zu wissen, was richtig und falsch für seine Bürger ist und begnügt sich mit neutralen Regeln. Weltanschauung ist eine private Wahl und entsprechend gibt es diverse Weltanschauungen in dieser hochdifferenzierten Gesellschaft, die dazu noch sozial auseinander driftet.

Liberale Demokratien haben aber auch blinde Flecken. Sie geben keine Antworten auf ein paar Fragen nach Sinn und Zweck, die Menschen eben auch bewegen. Denn etliche Institutionen, die Halt und Integration boten, sind im Lauf der liberalen Erfolgsgeschichte erodiert: von der Kirche über Gewerkschaften und Parteiorganisationen zu großen und kleinen Vereinen, in denen sich Menschen trafen, miteinander redeten und stritten, aber immer auch einen festen Ort zu einer festen Zeit fanden. Ein berühmtes Buch, das den Prozess der Vereinzelung in Amerika schildert, wo ja früher anfängt, was dann auf Europa durchschlägt, trägt den Titel: „Bowling Alone. Collapse and Revival of American Community.“

Kegeln war mal ein gemeinschaftsbildender Volkssport, lang ist’s her, wobei Kegeln in diesem Standardwerk nur symbolisch gemeint ist für viele Vorgänge der Vereinzelung, die sich in allen gesellschaftlichen Schichten auswirken.

Autoritäre Figuren wie Donald Trump oder Populisten wie Giorgia Meloni, Marine LePen oder Alice Weidel machen die liberale Demokratie für alles verantwortlich, was im Land und in der Welt schief läuft. Sie nähren die Illusion, dass es möglich ist, das Verlorene zurückzuholen – das Land, eingebunden in den Welthandel und internationalen Organisationen wie EU und Nato, natürlich auch die konstitutive Familie aus Mann und Frau, dazu die Flagge und die stolze Geschichte der Nation, die sich nicht auf Irak oder Mussolini, auf Vichy oder Hitler reduzieren lässt – auf Fliegenschisse der Geschichte, wie es Alexander Gauland idealtypisch für die Rechte formulierte, die das Vietnam-Memorial in Washington genauso wie das Holocaust-Denkmal in Berlin für einen Gedenk-Ort nationaler Schande hält.

Die liberale Demokratie erlebt eine rechte Gegenrevolution. Ihre Anhänger fühlen sich verloren, abgehängt und missachtet. Die Rechte gibt ihnen, was sie vermissen: Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Bedeutung. Was die Rechte unter Politik versteht, macht aus der prosaischen Kompromissbildung einen Kreuzzug gegen alles, was liberal, modern und progressiv anmutet.

Autokraten wie Orban und Populisten wie Meloni oder Weidel oder Gauland oder Björn Höcke füllen einerseits die Leerstelle der liberalen Demokratie mit Althergebrachtem und ziehen andererseits die Mittelschicht an, die unzufrieden mit den deutschen Verhältnissen sind. Die Gegenrevolution regiert in Italien und vielleicht auch bald in Frankreich. Und Deutschland?

Die Selbstfeier der liberalen Demokratie am 75. Geburtstag dürfte nahtlos in Katzenjammer übergehen, wenn Europa in zwei Wochen gewählt hat. Dann bleiben noch wenige Monate bis zur Klärung der wirklichen Verhältnisse bei den drei ostdeutschen Wahlen im September. Und zur Gegenwehr gegen die Gegenrevolution.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Seine beste Zeit ist vorbei

Zumindest kennen wir jetzt die Prioritäten, die der Bundeskanzler setzt. Er will das Land zusammenhalten und für wirtschaftliches Wachstum sorgen. Das sind ehrenwerte Ziele, keine Frage. Jedem Bundeskanzler in der nunmehr 75jährigen Geschichte der Bundesrepublik standen diese beiden fundamentalen Aufgaben vor Augen und erstaunlicherweise haben die meisten von ihnen mehr richtig als falsch gemacht.

Das Problem mit den Einlassungen des Bundeskanzlers, im Ton der Selbstverständlichkeit vorgetragen, besteht darin, dass sie den umfassenden Problemen der Jetzt-Zeit nicht gerecht werden. Deshalb ist er dabei, mehr falsch als richtig zu machen. Die Diskrepanz erschließt sich aus einem Interview-Satz im „Stern“ über den Haushalt 2025: Jetzt beginne der „übliche mühsame Prozess, Wünsche und Wirklichkeit in Einklang miteinander zu bringen“.

Üblicher Prozess? In diesen unüblichen Zeiten sehnt man sich ja geradezu nach mehr Üblichkeit, mehr Normalität. Nur sollte nicht ausgerechnet der Bundeskanzler dem Wunsch nach langweiliger Wirklichkeit nachgeben. Es mag ja unter bestimmten Umständen eine Stärke sein, die Ruhe zu bewahren, aber  es ist eine Schwäche, so zu tun, als ob alles gar nicht so schlimm ist, wie es uns da draußen im Lande vorkommt.

Olaf Scholz war mal Finanzminister und auch als Kanzler ist er es geblieben. Deshalb stellt er sich auf die Seite des amtierenden Finanzministers Christian Lindner und fordert seine Minister dazu auf, ihrer Verantwortung für den ausgeglichenen Haushalt nachzukommen.

Wenn Historiker irgendwann mal fragen, wann eigentlich diese Bundesregierung gescheitert ist, dann werden sie den 21. November 2023 heranziehen, den Tag, als das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass Notfallkredite wie zum Beispiel 60 Milliarden Euro aus der Pandemie nicht umgewidmet werden dürfen.

Seither kann die Regierung, kann der Kanzler nicht mehr auf Sondervermögen ausweichen und muss folglich Prioritäten setzen. An ihnen wird er gemessen. Und die Messung sieht nicht gut aus.

Ökologische Transformation? War gestern. Ist schwierig. Ist gesegnet mit Pfusch am Bau. Gerade hat das Bundesverwaltungsgericht der Regierung vorgehalten, dass ihr Klimaschutzgesetz auf  „me­tho­di­schen Män­geln“ und „teil­wei­se auf un­rea­lis­ti­schen An­nah­men“ beruhe. Ziemlich peinlich, wenn einer Koalition zum wiederholten Male Dilettantismus bescheinigt wird, oder?

Dann hat ja mal jemand eindrucksvoll von einer Zeitwende gesprochen. Richtig, das war Olaf Scholz. Wie es aussieht, soll sich die Bundeswehr aber mit den 100 Milliarden Euro zufrieden geben, die er in seinem Großmut versprochen hat. Mehr ist nicht drin. Die sechs bis sieben Milliarden Euro, die der Verteidigungsminister für 2025 zusätzlich beansprucht, bekommt er nicht.

Richtig, Boris Pistorius ist ebenfalls Mitglied der SPD, aber was soll’s. Vom Kanzler hat er nichts zu erwarten. Die Schuldenbremse bleibt Tabu. Soll er schauen, wo er bleibt, der Boris. Und ansonsten gilt auch für ihn der Befehl aus dem Kanzleramt: Sparen nicht  vergessen!

Vor ein paar Tagen besuchte der Bundeskanzler das Vorauskommando der deutschen Brigade in Litauen, die in drei Jahren kampfbereit sein soll und dann die Nato-Ostflanke schützen muss. Der einzige Konstruktionsfehler daran ist die bilaterale Übereinkunft mit Litauen. Sinnvoller wäre es gewesen, daraus ein Projekt der Nato zu machen, zum Beispiel nach dem Vorbild des multinationalen Kampfverbandes in Stettin, den übrigens ein deutscher Drei-Sterne-General führt.

Die baltischen Staaten rüsten konsequent auf wie auch Polen oder Finnland. Für sie ist die Gefahr real, dass Wladimir Putin oder seine Nachfolger die Reconquista fortsetzen werden, die sie in Georgien 2008 und in der Ukraine seit 2014 betreiben. Zwischendurch konnte man denken, Deutschland stelle sich ebenfalls entschieden auf das Undenkbare ein, weil es denkbar geworden ist. Denkste, tut es nicht.

Die Zeit mag sich gewendet habe, Olaf Scholz aber scheint es vergessen zu haben. Deutschland werde keine Wehrpflichtarmee bekommen, sagte er vor wenigen Tagen ultimativ, als er nach und nach allerlei Sinnvolles für sinnlos erklärte.

Ja, was dringt denn in diesen Panzer aus Stoizismus und Selbstgerechtigkeit vor? Oder schüttelt Scholz einfach ab, was ihn in Unsicherheit stürzen könnte? Er will ja Kanzler bleiben, auch nach der nächsten Bundestagswahl, hat er vor einigen Tagen gesagt. Ernsthaft? Aber doch nicht in der Erscheinungsform, in der wir ihn kennen, oder?

Ich finde es seltsam, dass Olaf Scholz nicht auf die Idee kommt, dass entschlossene Führung, zu der auch die Vorbereitung auf den militärischen Ernstfall gehört, im Wahlvolk gut ankommt und der Rechten das Wasser abgraben könnte. Das Immer-weiter-so im Ausbau des Wohlfahrtsstaates genügt eben nicht in dieser Zeitenwende. Das könnte Olaf Scholz von seinem Vorgänger Helmut Kohl lernen. Und an Gerhard Schröder ließe sich studieren, à propos Agenda 2010, dass dem Land gut tut, was die SPD für unsozialdemokratisch hält.

Auf der Strecke bleibt Boris Pistorius, der eine kriegstüchtige Bundeswehr aufbauen will. Ohne Unterstützung des Bundeskanzlers kann das Vorhaben nicht gelingen. Olaf Scholz hat ihn aber wie nebenbei ins Leere laufen lassen. Nicht mehr Geld. Keine Debatte über Wehrpflicht. Hab dich nicht so, Boris.

Die beste Zeit für den Verteidigungsminister ist vorbei. Was tun? Wenn er sich dem Kanzler fügen sollte, bleibt Deutschland ohne Streitkräfte, die den Namen verdienen und er persönlich verliert an Popularität. Tritt er aber zurück, bringt er die ganze Regierung ins Wanken. Keine leichte Entscheidung.

Und wieso geht der Kanzler das Risiko ein, dass Pistorius den Bettel hinschmeißt? Weil er denkt, der Boris macht das ja doch nicht. Wenn er sich da nicht mal irrt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Redet weniger, handelt endlich

Vor ein paar Tagen war der finnische Präsident Alexander Stubb zu Besuch in Berlin und wenn es gut geht, hat er Olaf Scholz seinen kühlen, wachen Realismus nahe gebracht. 

Von den Finnen lässt sich Wirklichkeitssinn lernen. Sie waren entschlossen neutral, so lange es sinnvoll war, und nun sind sie entschlossenes Mitglied der Nato. Denn die Welt hat sich gedreht und deshalb hat sich dieses kleine Land an einer langen Grenze mit Russland neu justiert. Die Gründe nannte Stubb in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Erstens: Russland wird auch nach Putin von Hardlinern regiert werden. Zweitens: Russland wird weiterhin aufrüsten und die Kriegswirtschaft beibehalten. Drittens: Russland wird den Versuch fortsetzen, die Ukraine auszulöschen. Die Offensive gegen Charkiv ist der Beleg dafür.

Soweit ein kleines Land mit 5,5 Millionen Einwohnern auf den Ernstfall vorbereitet sein kann, hat sich Finnland vorbereitet. 900 000 Männer und Frauen unterzogen sich einer militärischen Ausbildung; 280 000 von ihnen lassen sich rasch einberufen. Die Arsenale mit Langstreckenraketen sind voll. Die Luftwaffe ist modern. Erstaunlicherweise hat Finnland neben Polen die größte Artillerie Europas.

Von den Finnen lernen, heißt sich auf den Krieg einzustellen und somit potentielle Gegner illusionslos soweit abzuschrecken, wie es möglich zu sein scheint. Dazu hat die Zeitenwende in Europa geführt. Und noch etwas lässt sich von den Finnen, aber auch von den Litauern, Esten und Letten lernen: Nicht viel reden, lieber handeln.

In Deutschland wird viel geredet und weniger gehandelt. Am Verteidigungsminister liegt es nicht. Boris Pistorius redet, damit gehandelt wird. Er versucht aus der Zeitenwende die Konsequenzen zu ziehen. Damit ist er in der Regierung ziemlich einsam.

Die Einsamkeit liegt in der Partei begründet, der er angehört. Die SPD ist notorisch zerrissen, wenn Entscheidungen in der Außen- und Sicherheitspolitik getroffen werden müssen. Die Kluft wird noch tiefer ausfallen, sobald die Konsequenz nicht mehr zu leugnen ist: Der Aufbau einer kriegstüchtigen Bundeswehr kostet sehr viel Geld, das bislang in den Sozialstaat geflossen ist, den ebenfalls ein Sozialdemokrat verantwortet: Markus Heil.

Der zweite Grund für die Einsamkeit des Boris Pistorius ist Olaf Scholz. Die Klarheit und Entschlossenheit, die der Kanzler vorige Woche an seinem finnischen Besucher und bei seinen Stippvisiten in Lettland und Litauen studieren konnte, geht ihm persönlich ab. Oder freundlicher gesagt: Sollte er lernfähig sein, so konnte er sich vorige Woche mit Wissen vollsaugen, das ihm zu denken geben sollte.

Die kleinen Nato-Staaten sind fest davon überzeugt, dass Russland unter Putin oder irgendwelchen Nachfolgern expansiv und revisionistisch bleiben wird. Wenn ein so großes Land auf Kriegswirtschaft umstellt, hat es auch nach der Ukraine einiges vor. Die Folge daraus ist, dass Länder wie Deutschland oder Frankreich alles in die Waagschale werfen müssen um, erstens, der Ukraine im Krieg mehr noch als bisher zu helfen, damit, zweitens, mehr Zeit zur Vorbereitung auf die nächsten Überfälle bleibt.

Militärische Experten gehen davon aus, dass in fünf bis acht Jahren die nächsten russische Angriffskriege zu erwarten sind. Bis dahin müsste also Deutschland kriegstüchtig und die Bundeswehr kriegstauglich sein. Daraus folgt, dass die Regierung schnellstens über die Wiederaufnahme der Wehrpflicht entscheiden sollte, egal ob nach schwedischem Vorbild oder nach altem deutschen Muster oder mit einem sozialen Jahr für junge Frauen wie Männer. Und natürlich muss die Finanzierung für mehr Soldaten und die Aufrüstung zu Land, See und in der Luft gesichert sein, sei es über eine Lockerung der Schuldenbremse oder über Umschichtung im Etat oder, was vermutlich nötig sein wird, über beides.

Nimmt man den Ernst der Lage so ernst, wie es die kleinen Länder vormachen, dann haftet unseren Diskussionen über die Schuldenbremse, das Bürgergeld, die Gender-Politik etc. etwas Unernstes an. Die Regierung ist im Übermaß mit sich selber beschäftigt, weil sie bessere Einsichten, siehe Zeitenwende, nicht angemessen beherzigt. Die Ausnahme bleibt Boris Pistorius und er findet damit Anerkennung, wie die Umfragen zeigen.

Gerade jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Nie wieder Krieg sollte auch heißen, dass Deutschland fortan friedfertig bleiben würde. Nun ist die Welt unfriedlich und Deutschland sollte sich rasch darauf einstellen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Mein Glücksgedenktag

Der 10. Mai ist für mich ein bedeutungsreicher Tag. An einem 10. Mai bekam ich eine Bronchoskopie, was damals, vor genau 56 Jahren, eine ziemlich viehische Angelegenheit war.

Der Ort hieß Kutzenberg und war eine Lungenheilanstalt, wie der korrekte Name lautete, und lag am Rande der Fränkischen Schweiz. Mich hatte eine Tuberkulose niedergestreckt, ich war seit dem 15. März 1968 hier.

Als ich am ersten Morgen bei strömenden Regen und wolkenverhangenem Himmel aufwachte, nahm ich das als das denkbar schlechteste Omen an. An diesem Tag, dem 16. März 1968, wurde ich 18 Jahre alt. Vom Führerschein hatte ich geträumt, die ersten Fahrstunden schon absolviert. Endlich würde ich unabhängig sein von meinem Vater und Bruder und Freunden, die mich großzügig nach Haidt gefahren oder von dort abgeholt hatten. Jedesmal musste ich fragen oder betteln, nicht sehr erhebend. Von da an wollte ich selber Ellen, meine schöne Freundin, abholen und nach Hause fahren. Mein Vater hatte mir einen billigen Gebrauchtwagen versprochen.

Nix da. Alles anders. Kein Glückstag, sondern eine größere Anzahl an Pechtagen. An einem Morgen fiel ich im Bad einfach um. Mein Vater fand mich zusammengekrümmt und rief seinen Briefmarkenfreund an, der im Zivilstand Röntgenfacharzt war. Es stellte sich heraus, dass ich Tuberkulose hatte. Zwei Wochen blieb ich zu Hause; Schule fiel für mich aus. Mein Frühstück begann mit einem Schluck Sekt, damit der zusammengebrochene Kreislauf einigermaßen in Schwung kam. Dann endlich war ein Bett in Kutzenberg frei.

Tuberkulose hieß in Kutzenberg Motten, weil sich die Tuberkelbazillen auch so in die Lungen fraßen wie Motten in Pullover. Sie brachten den Koch und den Seemann um, mit denen ich mich angefreundet hatte. Ich war 18 und nicht daran gewohnt, dass gar nicht so alte Menschen um mich herum starben. Ich war eher fassungslos als verzweifelt. Ich wollte nur weg von hier, so schnell wie möglich.

Am 10. Mai 1968 stand eine Bronchoskopie an, morgens um 9 Uhr. Der Operateur sagte zu meinen Eltern, er wollte mal in die Lunge hineinschauen, die möglicherweise um einen Teil gekürzt werden musste, um mich zu heilen. Mir sagten weder der Arzt noch meine Eltern etwas über den Zweck der Untersuchung.

Mein Problem war die Hiluswurzeldrüse am Eingang zur Lunge. Sie war geplatzt und käseartige Stücke in die Lunge gelangt. Sie mussten dort wieder heraus. Die Bronchoskopie diente als Vorstufe zur Operation. Daran war der Seemann gestorben und der Koch war nicht aus der Anästhesie erwacht.

Ich hatte Angst. Ich wusste auch ohne Offenbarung durch Ärzte oder Eltern, was auf dem Spiel stand. Sehr früh am Morgen der Operation bekam ich eine Leck-mich-am-Arsch-Spritze zu meiner Beruhigung. In Kutzenberg ging es weniger elaboriert zu als auf dem Zauberberg.

Und dann geschah das Wunder. Die Bronchoskopie holte aus der Lunge heraus, was dort fehl am Platze war. Keine Operation. Kein Schnippeln an der Lunge. Kein Sterben.

Und deshalb ist der 10. Mai für mich ein Glücksgedenktag.

p.s. Über die geographische Zuordnung von Kutzenberg entspann sich ein kleiner, freundschaftlicher Meinungsaustausch. In einer ersten Fassung hatte ich groteskerweise die Lungenheilanstalt in die Sächsische Schweiz versetzt. Den Irrtum bemerkte mein Klassenkamerad Reinhard Lang (wir haben vor exakt 55 Jahren Abitur gemacht) und machte mich in einer Mail sanft darauf aufmerksam, dass Kutzenberg in der Fränkischen Schweiz liege. Bei einem Telefonat mit Ellen, meiner schönen Jugendfreundin, die ein Fels in dieser Krankheitszeit war, korrigierte sie wiederum diese Zuordnung und amüsierte sich königinnenlich darüber. Daraufhin schlug ich die Geschichte Kutzenberg nach und weiß nun mehr, als ich je wissen wollte. Gemeindeteil des oberfränkischen Marktes Ebensfeld im Landkreis Staffelstein. Lage 70 Meter oberhalb der Mainaue. 1139 erstmals erwähnt in einer Schenkung an das Kloster Banz, einer Benediktinerabtei nördlich Bambergs. 1801 gibt es dort einen Hof mit zwei Häusern, zwei Stadeln, einem Schafhaus und Nebengebäuden, die zum Besitz des Bamberger Fürstbischofs gehörten. 1871: 18 Einwohner und 9 Gebäude. 1904 erwirbt die Kreisgemeinde den Gutshof, um dort eine zweite Kreisirrenanstalt (so hieß es eben damals) einzurichten. Dort sollen dann 600 Patienten in Pavillons leben. 1925: 656 Einwohner in 28 Wohngebäuden. 1940/41 werden 446 Patienten nach Hartheim bei Linz deportiert und umgebracht. Nach dem Krieg wird der Schwerpunkt auf die Behandlung der Tuberkulose gelegt. 1955: 600 Patienten und 260 Ärzte, Krankenschwestern etc. in der Klinik. Ab 1960 neue Bettenhäuser. In einem kam ich vom 15. März bis zum 23. August 1968 unter.

Kutzenberg, das hat Ellen klar gestellt, liegt im Obermainland und die Lungenheilstätte heißt heute auch Bezirksklinikum Obermain. Ich habe mich mit mir selber darauf geeinigt, dass mein Kutzenberg am Rande der Fränkischen Schweiz zu finden war.

Wer sind wir und was wollen wir

Wir steuern auf zwei Tage zu, an denen die Grundlagen für Deutschland gelegt wurden. Grund genug, um einen Blick zurück nach vorne zu legen.

Übermorgen sind es 79 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Der 8. Mai 1945 war ein sonniger Tag in einem wüsten Land. Meine Eltern erzählten mir, es sei still gewesen, wie aus der Zeit gefallen. Sie waren jung, 20 und 25 Jahre alt. Die Stümpfe meines Vaters, dort, wo beide Beine amputiert worden waren, waren endlich geheilt, so dass er jetzt Prothesen tragen konnte. Sie waren in einer ramponierten Villa in Hof einquartiert, immerhin. Aber das Schlimmste sei diese absolute Ungewissheit gewesen, diese schreckliche Unsicherheit, wie es weitergehen würde, was die Sieger nach der bedingungslosen Kapitulation mit ihnen machen würden.

Vier Jahre später war es erstaunlich glimpflich weitergegangen. Am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik gegründet. Weder die Gründung noch die Demokratie waren ihre freie Wahl. Die Deutschen mussten sich zu ihrem Glück zwingen lassen. Die Bundesrepublik war ein angloamerikanisches Produkt und richtete sich geschickt damit ein. Die Deutschen, die Europa überfallen und unvergleichliche Kriegsverbrechen begangen hatten, waren trotz alledem Glückskinder der Geschichte.

75 Jahre ist der Gründungstag her. 75 Jahre sind eine lange Zeit. Wie zwischen dem Wiener Kongress und der Wende zum 20. Jahrhundert. Wie zwischen der französischen Revolution und dem ersten der drei deutschen Einigungskiege.

1949 hatten die Deutschen Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und den Marshall-Plan. In der Folge stellten sich das Wirtschaftswunder und das Land wurde Mitglied der Europäische Union und der Nato.

Natürlich lief nicht alles so glatt, wie es scheint. Deutschland war ja geteilt. Noch 1989 wandte der Großschriftsteller und Nobelpreisträger Günther Grass gegen die Wiedervereinigung ein, die Teilung sei doch die Konsequenz aus Auschwitz und die DDR eine kommode Diktatur. Tatsächlich waren die Ursachen und Gründe für den großen Krieg und seine Folgen lange umstritten und führten immer wieder zu  dramatischen Diskussionen in Politik und der Öffentlichkeit.

Der liberalen Mehrheit sprach der Bundespräsident Richard von Weizsäcker 40 Jahre nach 1945 aus dem Herzen. „Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle zu sagen gilt: Der 8.Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden  System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Das Wir, das Weizsäcker meinte, schloss die unterjochten Völker und die in den Vernichtungslagern befreiten Juden, Sinti, Roma ein  – alle Menschengruppen, die von den Nazis als unwertes Leben erniedrigt worden waren. Die Rede war das Musterbeispiel, wie man einer ungeheuer komplexen Geschichtsetappe gerecht werden kann.

So verstand sich das deutsche Narrativ, das seither am 8. und 23. Mai wiederholt wurde. Aber so einfach, so unumstritten ist es jetzt nicht mehr. Dagegen setzt die erstarkte national bis nationalistisch gesonnene Rechte eine konkurrierende Erzählung. Sie lässt sich zum Beispiel in der „Sezession“ nachlesen, dem Zentralorgan der Rechten. Der Verleger heisst Götz Kubitschek, ist der Vordenker der AfD und der Anreger für eine Umdeutung der Geschichte der Deutschen seit dem 23.Mai 1945.

Aus dieser Sicht hat der maßlose Opportunismus der Deutschen dazu geführt, sich vor allem mit der Siegermacht USA zu identifizieren und deren Vorliebe für Konsumismus und Materialismus zu übernehmen. So ging das eigentlich Deutsche verloren, wobei nicht ganz klar ist, worin es bestand. Das erschließt sich leichter in der Gegenwart, etwa im Verhältnis zu Russland, das in der AfD gerade wegen Putins eiserner Autokratie hoch geschätzt wird. In diesem Zusammenhang erscheint auch der Angriffskrieg gegen die Ukraine als ein Zeichen imposanter Stärke. Im Unterschied dazu war es eine Schwäche der Regierung Kohl, die um der Wiedervereinigung willen die Oder-Neiße-Grenze zu Polen anerkannte, so argumentiert die Rechte.

Russland ist für die deutsche Rechte in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Nimmt die Demokratie Rücksicht auf Minderheiten, ist die Autokratie weit davon entfernt, Rücksicht auf LGBTQ zu nehmen oder zu gendern. Aus der Perspektive der intellektuellen und weniger intellektuellen Rechten läuft dort vieles richtig, was hier falsch läuft.

Revisionismus ist ihr Leitmotiv. Der lange Weg nach Westen, den Deutschland seit 1945 unternahm, ist für sie ein Irrweg. Sie will zurück zum Nationalstaat und zu einer Orientierung, in deren Zentrum Bismarck steht. Das Jonglieren mit mehreren Kugeln. Das Nichtfestlegen, das aber einhergeht mit der Vorsicht, nicht allein zu stehen. Das Selbstgefühl einer europäischen Vormacht aus eigenem Recht. 

Längst Vergangenes lebt hier wieder auf. Die Folge ist die Verachtung der Europäischen Union, weil sie den Nationalstaat schwächt, und das Misstrauen in die Nato, die unter Hegemonie der USA steht.

Make Germany strong again – der Trumpsche Schlachtruf ist auch der Schlachtruf der AfD. Und weil Wladimir Putin gerne Abgesandte der europäischen Rechten empfängt und sie auch alimentiert, gesteht man ihm den Imperialismus zu. Auch hier ist Donald Trump der Leitstern – soll sich doch Putin verdammt noch mal nehmen, was er will.

Die Erinnerung an die eigenen Ursprünge an den Gedenktagen im Mai ist nie wertfrei. Das historische Gedächtnis führt immer zu einer Geschichtspolitik, die auf die Gegenwart zielt und daraus eine Zukunft entwirft. Eine wehrhafte Demokratie aber hält an ihrem Narrativ fest und legt die Schwächen konkurrierender Erzählungen entschlossen frei. Und deshalb lohnt es sich, in den nächsten Tagen den Festtagsreden genau zuzuhören.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.