Wie lange noch und mit welchem Kriegsziel?

Mariúpol ist gefallen, wie man so sagt – als wäre die 450 000-Einwohner-Stadt am Asowschen Meer hingefallen und nicht von der russischen Artillerie völlig zerstört worden. Die Soldaten im Stahlwerk haben nach knapp drei Monaten aufgegeben, wie es heißt – als wären sie nicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten, was nichts Gutes verheißt, um das Mindeste zu sagen. 

Ich habe heute gelesen, dass Mariúpol ein Symbol für den ukrainischen Widerstandsgeist ist und für die russische Zerstörungswut. Beides stimmt, aber es kommt noch ein Aspekt hinzu: Mariúpol ist auch ein Symbol für den unbedingten Willen Putins, diesen Krieg zu gewinnen, koste es, was es wolle.

Es hat wenig Sinn, Wladimir Putin zu dämonisieren. Ja, er baut seine Macht inzwischen nur noch auf Repression, Bestechung und der großen Lüge auf, die Propaganda heißt. Aber noch verfolgt er überschaubare Interessen mit allen Mitteln des Krieges, der sich anders entwickelt hat, als er dachte. Zu seinem Arsenal des Schreckens gehört auch seine Drohung mit taktischen Atomwaffen, die man so ernst nehmen muss, wie sie Olaf Scholz ernst nimmt. Damit würde Putin jedoch einen Krieg mit der Nato riskieren, an dessen Ende die Selbstzerstörung Russlands stehen könnte.

Geht er so weit? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht; womöglich weiß er das selber noch nicht. Gelingt es ihm jedoch in absehbarer Zeit, sein revidiertes Kriegsziel zu erreichen, die Reduktion der Ukraine auf Dauer, dann bleibt es vermutlich bei der Androhung. 

Wie es aussieht, verfolgt Putin noch ein anderes Ziel: eine Hungerkrise im Nahen Osten und in Nordafrika. Deshalb hindert er die Ukraine am Export seines Getreides, deshalb lässt er Getreidesilos bombardieren. Bricht der Hunger aus, dann fliehen Millionen Menschen nach Europa und lösen eine zweite Flüchtlingskrise wie  2015 aus, möglichst mit dem gleichen Effekt, Europa zu destabilisieren. Und dieses Europa leidet, anders als 2015, unter einer eine hohen Inflation und steigenden Preisen als Folge des Putin-Krieges.

So könnte Putins Rechnung aussehen. Die Nato mag er unwillentlich gestärkt haben. Die Erweiterung um Schweden und Finnland ist aus dieser Sicht ärgerlich, aber nicht entscheidend. Die Auswirkungen auf die Europäische Union könnten diesmal noch schwerer wiegen, wie man am knappen Wahlsieg Emmanuel Macrons über Marine LePen ablesen kann. Den Westen zu schwächen, der die Ukraine gegen ihn stärkt, bleibt eines seiner strategischen Ziele.

Was Putin will, wissen wir also einigermaßen verlässlich. Was die Ukraine will, wissen wir mehr oder weniger genau. Nicht länger ist die Rede von Neutralität oder dem vorläufigen Verzicht auf den Donbass, auch nicht von Verhandlungen mit Russland, was man in dieser Lage gut verstehen kann. Im Juli will die ukrainische Armee eine große Gegenoffensive starten, mit den schweren Waffen aus dem Westen. Sie wird versuchen, die russischen Truppen so zu besiegen, dass sie sich zurückziehen, womöglich ganz und gar, daas ist Selenskijs Wunschvorstellung, das ist sein Kriegsziel.

Die estnische Präsidentin Katja Kallas hat ausgesprochen, worum es geht: Russland soll den Krieg so verlieren, dass es der Ukraine das gesamte Terrain zurückgeben muss, inklusive Lugansk und Donezk. Nur dann wäre Russland auf längere Sicht nicht in der Lage, die baltischen Staaten zu überfallen.

Auch in Amerika beginnt jetzt die Diskussion darüber, worin das Kriegsziel liegen sollte. Putin soll strategisch geschwächt werden, so viel ist klar. Aber wie weit soll die Schwächung gehen – bis zu einem Russland ohne Putin? Doch wer käme nach ihm und wie können wir sicher sein, dass eine russische Militärdiktatur eine besser Alternative wäre?

Der Kanzler und seine Außenministerin haben gesagt, dass Putin in der Ukraine nicht siegen darf. Kann man so sagen. Kann man sich auch so wünschen. Olaf Scholz ließ sich vermutlich zu einer solchen Aussage hinreißen, die seinem Stoizismus widerstrebt, weil der Druck national und international einfach zu groß wurde. Annalena Baerbock ist wohl auch innerlich davon überzeugt, zumal sie mit ihrer moralisch begründeten Haltung ziemlich viel Beifall bekommt. Auch mir imponiert ihr Auftreten in mancher Hinsicht.

Kein Wunder, denn klares Reden ist nach unseren Erfahrungen mit nebulöser Sprache, vorgetragen von Genscher oder Steinmeier,  Gabriel oder Maas, eine Wohltat. Zu viel klares Reden schränkt allerdings schon jetzt den Spielraum ein, den auch deutsche Diplomatie irgendwann mal braucht, wenn es um Sondierungen für einen Frieden geht, der dem Krieg, dem Morden, den Verbrechen, den Vergewaltigungen und Entführungen ein Ende bereitet. Haben wir nicht immer andere belehrt, zum Beispiel die USA, man müsse eine Exit-Strategie bedenken? Gilt das nicht auch für die deutsche Außenpolitik?

Kriege sind dynamische Prozesse. Vieles erscheint heute möglich, was morgen schon wieder verflogen sein kann. Und umgekehrt kann morgen denkbar werden, was heute noch undenkbar ist. Zwangsläufig verändern sich die Ziele im gleichen Rhythmus, vor allem dann, wenn ein langer Abnutzungskrieg eintritt. 

Das Drama im Stahlwerk ist nun vorbei. Im Osten fliegt die russische Luftwaffe Angriffe auf die Stadt Sjewjerodonezk. Der Krieg geht weiter, immer weiter. Wie lange noch?

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Fundstück: Karl Valentin

Heute habe ich einen Satz in der Zeitung gelesen, in dem Karl Valentin zitiert wird. Karl Valentin (1892-1948): Komiker und Volkssänger, das sind präzise, altertümliche Beschreibungen, heute würden wir sagen: bayerischer Comedian. Ich würde sagen: Sprachwunder mit einer Vorliebe fürs Paradoxe.

Der Satz lautet: Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.

Wie so häufig steckt in solchen Sätzen eine ganze Welt. Auf das Ich kommt es nicht an, draußen in der Welt herrschen eigene Gesetze, auf die kein Mensch Einfluss üben kann. Dabei ist die Natur, der Regnen, nur eine Metapher für Geschichte. Die Geschichte ereignet sich, egal was das Ich davon hält. Sie ist das Fremde, Kalte, vielleicht auch mal das Warme, aber immer ist sie unabhängig vom Ich.

Heute tun viele so, als sei es anders. Als käme es auf sie an. Jeder beliebige Politiker oder Autor oder Niemand wird so zitiert: Ich will. Ich will, dass die Ukraine Waffen bekommt (Anton Hofreiter). Ich will, dass Putin den Krieg verliert (Annalena Baerbock). Ich will, dass daraus kein Atomkrieg entsteht (Olaf Scholz).

Philosophisch nennt man diese Haltung Solipsismus: Ich behaupte, es kommt auf mich an, die Dinge haben sich nach mir zu richten. Ich will, dass es regnet. Ich will, dass es nicht regnet. Mein Wollen regiert die Dinge.

Die Ich-will-Menschen würden Karl Valentin Opportunismus vorwerfen. Er passt sich an. Er hat keine Wünsche, keine Träume. Er behauptet, dass es einfach regnet, ob er es so will oder nicht. Er fügt sich der Welt ein. Sein Ich ist reduziert auf das Machbare, Erwartbare. Paradoxien sind die Ausflucht der Realisten. Mehr bekommen sie nicht hin. Sind sie nicht arm, eingeschränkt, diese Auf-mich-kommt-es-nicht-an-Menschen?

Man kann es aber auch so sehen. Wer zwei Weltkriege erlebt hat, und Valentin war schon beim Ersten erwachsen, wer in Bayern das Ende der Monarchie, Anarchie, Revolutionen, Hyperinflation, Hitler-Putsch, Freikorps-Morde, den Aufstieg der Nazis mitgemacht hat, dann die bedingungslose Kapitulation, das Nachkriegs-Elend, der Nachkriegs-Hunger, die Besatzung usw.: Ja, dem sind die Illusionen ausgegangen und der Rückzug auf das Überlebensnotwendige ist konsequent. Der besinnt sich darauf, dass er in das Rad der Geschichte nicht eingreifen kann, dass er nicht so tun kann, als käme es auf ihn an, und dem sind die Ich-will-Sätze versiegt, wenn er sie denn jemals im Repertoire gehabt haben sollte.

Das Moralisieren in Kriegszeiten ist eine gefährliche Eigenschaft. Es geht nicht darum, was ihr wollt, es geht darum, was Putin will, denn auf ihn kommt es an, nicht auf euch. Es regnet Bomben, wenn er es will. Es gibt Frieden, wenn er nicht weiter weiß.

Weniger Solipsismus, bitte.

Der Big City Club, oh Gott

Dies ist die Woche der Entscheidungsspiele. Am Mittwoch habe ich mir die Eintracht gegen die Rangers angeschaut. Kampfspiel. Intensiv. Wo schottische Mannschaften dabei sind, geht es hoch her. Ganz eigene Männerkultur. Technik ist für sie ganz okay, muss aber nicht sein. Sie werfen sich in die Schlacht. Dagegen wirkte die Eintracht fast filigran, hatte eine Spielidee, brachte aber auch auch viel Leidenschaft auf, viel Kampfgeist. Deswegen hielten sie den Rangers stand. Da sie eigentlich besser waren, bekamen sie auch mehr Torchancen, die sie aber nicht nutzten. So wäre kurz vor Ende der Verlängerung fast passiert, was so oft passiert, doch da machte sich Trapp breit wie ein Handballtorwart und hielt den Ball aus kurzer Entfernung. Dann großes Drama beim Elfmeterschießen. Ausgerechnet Aaron Ramsey, einer der wenigen bekannten Spieler der Rangers, schoß schwach. Tja.

Gestern war ich im Olympiastadion, als Hertha gegen den HSV verlor. Zu recht. Eine Mannschaft, die keine ist, und noch nicht einmal den Hauch einer Spielidee besitzt, gehört nicht in die Bundesliga. Der HSV hat eine junge Mannschaft, die weiß, was sie tut und was sie tun soll. Und wenn Jatta ausnahmsweise mal eine Flanke hätte herein segeln lassen, die den Kopf eines Mitspielers gefunden hätte, wäre es mindestens 2:0 ausgegangen. Statt dessen flankte er zuverlässig ins Niemandsland. Ja, ansonsten war er ziemlich gut, wie auch Reis und die gesamte Abwehr. Von Hertha ist nur der Torwart Christensen zu erwähnen, der wahrscheinlich nicht wusste, wie ihm geschieht, als er spielen musste; dazu Boyata, der dringend den Verein verlassen sollte, wenn er mal wieder so spielen will, wie er es zweifellos kann. Den Rest kannste vergessen.

Der Big City Club in der Zweiten Liga: was für eine Verschwendung, was für ein Wahnsinn, das Höchstmaß an Unprofessionalität. Drei Trainer in dieser Saison. Bobić in den Schlamassel geraten und zum Schlamassel beigetragen. Der Präsident, weggetaucht, als hätte er mit dieser Hertha, diesem Unklub, nichts zu tun. Wie viele Millionen haben die Manager seit Dieter Hoeness verbrannt? Und was macht jetzt wohl Windhorst, der Sponsor, der Leute mit großer Klappe um sich schart, weil er selber nicht viel zu sagen hat? Fragen über Fragen. Und welcher Trainer tut sich diese Hertha an? Da werden viele Köpfe rollen, bis Sandhausen oder Darmstadt auftauchen und die Hertha vielleicht sogar wieder lernt, wie Fußball geht, der den Namen verdient.

Morgen dann noch das Pokalendspiel. Wird vermutlich guter Fußball und wenn es nach mir geht, darf Freiburg ruhig gewinnen. Leipzig hat nach starker Rückrunde kurz vor Toresschluss die Krise ereilt, und in Freiburg machen sie in aller Ruhe viel von dem richtig, was sie in Berlin mit großem Tamtam falsch machen. Und Leipzig spielt ja eh wieder Champions League und kann noch eine kleine Weile auf den ersten Titel warten.

Nebenbei gesagt, bin ich gespannt, mit welchem Trainer der BVB in die neue Saison startet. Bei Achim Watzke kann man sich seit Jahren darauf verlassen, dass er den falschen Trainer holt und den richtigen weg schickt. Tuchel nach dem Pokalsieg. Terzić nach dem Pokalsieg. Jetzt kein Pokalsieg, also bleibt Rose? Bleibt er nicht. Und wen nehmen sie statt seiner? Terzić doch wohl. Oder Hütter, weil er in Gladbach gescheitert ist? Oder macht Watzke ausnahmsweise das Richtige?

Richtig was los. Viel Vergnügen, allerseits. Zum Jahresende ist die WM. Glaubt man’s? Muss man wohl, wie so oft.

Nichts ist beruhigend, wenig lässt hoffen

Vor ein paar Tagen war ich in Liepaja, das ist die drittgrößte Stadt Lettlands, an der Ostsee gelegen mit einem herrlichen Sandstrand,  an dem entlang zu spazieren eine große Freude ist. Von der Stadtmitte ist er ungefähr 15 Minuten entfernt.

Damals war das anders. Damals heisst für die Menschen, die in Liepaja leben, die Zeit, als ihr Land Teil der Sowjetunion sein musste. Damals war der Strand militärisches Sperrgebiet. Die Einwohner durften sich ihrem Strand nicht nähern, geschweige denn ihn betreten. Was Liepaja auszeichnet, was diese Stadt schön macht, war Verbotszone. Verrückt.

An diesem Beispiel wird klar, wie viel Lettland und die beiden anderen baltischen Staaten zu verlieren haben. Deshalb bangen sie mit der Ukraine in der Furcht, sie wären die nächsten, die Putin heim ins Reich holt. Sie sagen, auch sie würden für ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen wie die Ukrainer, aber Lettland, Estland und Litauen sind kleine Länder mit insgesamt nur etwa 6 Millionen Einwohnern.

Die Ukraine kämpft nicht nur für sich, sondern auch für die osteuropäischen Länder, deren Verlust Wladimir Putin eine geostrategische Katastrophe nannte. In unseren Zentriertheit auf den Westen und unserer Fähigkeit, uns für den Nabel der Welt zu halten, geraten ein paar schlichte Tatsachen aus dem Blickfeld.

Bundeskanzler Olaf Scholz, an dem zu kritteln fast schon zum Volkssport geworden ist, hat gestern in seiner Rede an die Nation gesagt, dass Putin nicht gewinnen darf und die Ukraine ihre Souveränität behalten muss. Darin liegen also die Kriegsziele. Genauer gesagt geht es um die Schwächung Russlands, damit seinem Spätimperialismus Einhalt geboten wird. 

An der Rede Wladimir Putins zum 9. Mai fiel mir zweierlei auf: Das Wort Spezialoperation fehlte, statt dessen redetet er von einem Präventivangriff und gab auch erstmals zu, dass russische Soldaten und Offiziere im Krieg gestorben sind. Außerdem fehlte diesmal der übliche Pomp und Triumphalismus, der unter Putin zunahm, je länger der 9. Mai 1945 zurücklag. 

Was folgt daraus?

1.)  Die Eskalationsdominanz liegt weiterhin bei Putin. Er hat den Krieg angefangen, er reiht ihn ein in den Kampf gegen den Faschismus und die Verteidigung der Heimat. Momentan ist nicht Kiew sein Ziel, sondern die Einverleibung des Donbass und eine Landbrücke zur Krim. Kommt seine Armee auch hier nicht voran, bleibt ihm eine Teil- oder Generalmobilmachung.

2.)  Eine These lautet: Den Krieg gegen eine Atommacht kann die Ukraine nicht gewinnen. Die Gegenthese lautet: Die Atommacht USA hat in Vietnam und in Afghanistan verloren. Der Unterschied besteht nur darin, dass Wladimir Putin mehrmals schon mit dem Einsatz einer Atombombe gedroht hat.

3.) Die große Frage, die weder Olaf Scholz noch Emmanuel Macron beantworten kann, lautet so: Was macht Präsident Joe Biden, wenn Russland eine taktische Atomwaffe zündet, sei es in der Atmosphäre, sei es in einer ukrainischen Stadt? Oder anders gefragt: Welche Botschaft lässt Biden Putin für den Fall zukommen, dass der seine Drohung wahrmacht? In Amerika heissen solche Probleme: The unknown unknown – die unbekannte Unbekannte.

4.) Amerika ist tief in den Krieg verstrickt. Die Daten in Echtzeit, die die CIA liefert, erlauben der ukrainischen Armee die Gegenoffensive oder das Zurückweichen im richtigen Moment. Nicht zufällig sind so viele russische Generäle getötet worden. Mich würde auch nicht wundern, wenn wir eines Tages erfahren, dass auch US-Militärberater im Land sind. Nicht zufällig sprach Putin heute immer nur von Amerika und nicht von Deutschland, Frankreich oder England.

5.) Ein Ärgernis für mich ist allmählich der ukrainische Botschafter, der in Serie Beschimpfungen ausstößt. Der Bundeskanzler ist eine beleidigte Leberwurst. Der Bundespräsident sitzt im Spinnennetz der Russland-Versteher. Einen Professor, der anderer Meinung ist, beschimpft er im Fernsehen als moralisch verwahrlost. Dazu seine Tweets („So tickt die scheinheilige deutsche Politik“), ziemlich heftig. Ja, dem Botschafter eines überfallenen Landes muss man einiges nachsehen, aber nicht alles. Ginge es mit rechten Dingen zu, würde die Außenministerin Andrij Melnyk einbestellen und Mäßigung erbitten. 

6.) Dass die Bundestagspräsidentin gestern am 8. Mai in Kiew einen Kranz niedergelegt hat, war gut so; die richtige Repräsentantin in dieser Zeit. Friedrich Merz war auch schon da, musste er wohl, da der Oppositionsführer in diesen Zeiten notwendig zu kurz kommt. Aber kann mir jemand sagen, worin der Sinn liegen soll, dass Frank-Walter Steinmeier und/oder Olaf Scholz dorthin reisen? Was können sie mit Präsident Selenskji bereden, was sich nicht am Telefon klären lässt? An Solidaritätsbekundungen ist kein Mangel, an Waffenlieferungen auch nicht, genauso wenig wie an Finanzhilfen, von der Aufnahme der Flüchtenden zu schweigen. Normalerweise sind diejenigen, die den Kanzler zur Reise drängen, die schärfsten Kritiker der Sucht nach Symbolbildern.

7.) Vorige Woche flogen offene Briefe an den Bundeskanzler umher, giftig kommentiert, vielleicht gerade deshalb, weil manches daran bedenkenswert ist. Denn natürlich muss man darüber nachdenken, wer als Vermittler auftreten könnte und wie Frieden möglich wäre, was denn sonst. Die Zeit dafür wird ja hoffentlich kommen. 

Inzwischen geht der Krieg weiter, leider. Die Fronten sind klar: Der Westen rüstet die Ukraine auf, damit sie Widerstand leisten kann. Die russische Armee stagniert nun auch im Donbass. Die nächste Eskalationsstufe hängt von Wladimir Putin ab. Nichts an dieser Aussicht ist beruhigend.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Als die Eintracht die Rangers schwindelig spielte

Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören ein paar Spiele aus der Champions League im Jahr 1960, die damals noch Europokal der Landesmeister hieß. Im Halbfinale traf die Eintracht aus Frankfurt auf die Glasgow Rangers. Zuerst siegte sie sensationell 6:3 in Glasgow und danach 6:1 im Waldstadion zu Hause. Die Mannschaftsausstellung war wie folgt: Egon Loy im Tor, Hans -Walter Eigenbrodt/Hermann Höfer/Friedel Lutz/Hans Weilbächer/Dieter Stinka in der Verteidigung, Richard Kreß/Dieter Lindner/Erich Meier/Alfred Pfaff und Erwin Stein im Sturm. Ich wette, echte Eintracht-Fans von heute können diese Aufstellung im Schlaf singen. Meier, Lindner und Pfaff schossen 6 der 12 Tore.

Dann das Endspiel. Gegen Real Madrid. 135 000 Zuschauer im Hampden Park in Glasgow. Real haushoher Favorit, dank Ferenc Puskás, der nach dem niedergeschlagenenen Aufstand in Ungarn geflohen war, und dem Argentinier Alfredo di Stefano. Hier die Aufstellung: Domínguez im Tor, Pachin/Santamaría/Marquitos/Zarraga/Vidal in der Verteidigung, Canarío/Gento/Del Sol/Puskás/di Stefano. Eine Übermannschaft. Zauberer. Herrlich anzusehen. Eine weiße Pracht, bestaunt auf der ganzen Welt. Siege in Serie. Europameisterschaften 1956, 1957, 1958, 1959 und natürlich auch 1960.

Sage und schreibe 7:3 gewann Real am Ende, wobei es fast eine Sensation war, dass die Eintracht 3 Tore schoss, Sie ging sogar, durch Kreß, in der 18. Minute in Führung, dann schlug di Stefano zweimal kurz hintereinander zu, in der 27. und 30. Minute. Kurz vor der Halbzeit erhöhte Puskás auf 3:1. Dann begann der Zauberfußball. Puskás mit Hattrick zwischen der 56. und 71. Minute. Stein schießt das zweite Tor für die Eintracht in der 72. Minute, die Stefano in der 73. Minute das 7:2. Drei Minuten, drei Tore, schneller noch als Real gegen ManCity vorgestern. Stein schließlich zum 7:3.

Keine Fouls, kaum Abseits, eines der schönsten und fairsten Spiele, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Ein grandioses Team gegen ein großes Team. Die Eintracht stellte sich Spalier, als Real die Trophäe erhielt. Das musste nicht sein, das machten sie so. Großartige Verlierer, die Ruhm geerntet hatten.

Auch Übermannschaften kommen ins Alter. Alfredo di Stefano, Jahrgang 1926, verließ Real und spielte noch zwei Jahre für Español Barçelona, wurde Trainer, auch für Real 1982 und 1984 und dann noch einmal 1990/91. Als er am 7. Juli 2014 starb, trauerten ganz Spanien und ganz Argentinien, dazu Kolumbien. Mit River Plate gewann er 2 nationale Meisterschaften, mit Los Millionarios in Kolumbien 4 und mit Real 8.

Ferenc Puskás war die kongeniale Ergänzung zu di Stefano. Oder umgekehrt. Beide waren die Größten ihrer Zeit. Puskás schoss 84 Tore für Ungarn in 85 Spielen. Mit Ungarn gewann er die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen, verlor aber mit seiner hinreißenden Mannschaft 1954 in Bern gegen die Deutschen mit 2:3 im „Wunder von Bern“, denn Ungarn galt eigentlich als unschlagbar. In seiner Laufbahn schoss er 625 Tore in 631 Spielen. Das sollen ihm Messi oder Ronaldo erst mal nachmachen. Dazu lieferte er 363 Vorlagen. Wahnsinn, oder? Im Jahr 1995 wurde er zum besten Torschützen des 20. Jahrhunderts gewählt.

Puskás, Jahrgang 1927, hörte 1966 auf und wurde ebenfalls Trainer, ein Wanderer über die Kontinente: Griechenland, Saudi-Arabien, Australien, Ungarn (1993). Er starb am 17. November 2006, groß und bewegend betrauert in Spanien und Ungarn.

Real gewann erst 1966 wieder den Europokal der Landesmeister mit 2:1 gegen Partizan Belgrad. Von der Übermannschaft aus dem Jahr 1960 spielten nur noch Pachín und Gento mit. Dann trat eine große Pause von 32 Jahren ein. Sie dauerte bis 1998, als Real 1:0 gegen Juventus Turin gewann. Preisfrage: Wie hieß der Trainer? Jupp Heynckes!

Diesmal also spielt Real, keine Übermannschaft, aber eine mit ultimativer Willenskraft, gegen Liverpool, von Kloppo trainiert. Und die Eintracht spielt wieder einmal gegen die Glasgow Rangers und kann sich direkt für die Champions League qualifizieren. Ich wette, dass ein Banner auf die Triumphe aus dem goldenen Jahr 1960 hinweist.

Trainer

Zweieinhalb Jahre für BB

Der 7. Juli war kein schöner Sommertag und auch deshalb saßen ungewöhnliche viele Menschen vor dem Fernseher und fieberten mit einem 17jährigen rotblonden Buben, der sich daran machte, Geschichte zu schreiben. Nur die Eingeweihten kannten sein Talent, aber danach bekam „das Bobbele“ einen festen Platz im Herzen der Deutschen. In vier Sätzen schlug er 1985 in Wimbledon einen Spieler namens Kevin Curren, der so gut wie vergessen Der ist, was unserem Boris Becker zu Lebzeiten bestimmt nicht mehr widerfahren wird.

Was bleibt, ist auf jeden Fall der Becker-Hecht, der bedingungslose Einsatz und die faszinierende Behändigkeit, wenn er einen unerreichbaren Ball doch noch erreichte. Beim Aufschlag bog er den Rücken durch wie kein anderer, ging dabei in die Knie, baute so die Spannung auf, die in jeder Tennisfibel steht, und jagte den Ball ins gegnerische Feld. Seine Returns kamen scharf und direkt. Kaum Spin, gerne Slice. Attacke, immer Attacke. Dazu hatte Boris Becker Nerven wie Drahtseile. Wenn es ganz eng wurde, wenn er hinten lag und auf keinen Fall einen Fehler machen durfte, riss er das Spiel oft genug noch aus dem Feuer. Dann kam die Becker-Faust: Den Arm angewinkelt, die rechte Hand zur Faust geballt und dieses inbrünstige: Yes!

Spieler lernen von Spielern, und etliche Spieler lernten von Boris Becker, auch wenn er nicht beliebt war, weil er gerne über Rivalen herzog und seinen Mund fahrlässig  weit aufriss. An Nervenstärke gleicht ihm vor allem Novak Djoković, den er eine Zeitlang trainierte. Roger Federer und Rafael Nadal hingegen sind weniger gemütsstark in Ausnahmesituationen.

In allen Belangen, die sich um Tennis drehen, war und ist Boris Becker bärenstark. Als Spieler, als Kommentator, als Trainer. In allen Belangen, die mit dem Leben zu tun haben, ist er bärenschwach.

Es ist ja oft so, dass Sportler im Leben nach dem Sport hilflos herumstehen, anstatt es in die Hand zu nehmen. Es gibt Basketballspieler, aus denen bemerkenswerte Trainer wurden. Es gibt Fußballer, aus denen richtig gute Trainer wurden. Auch aus Becker hätte ein sehr guter Trainer werden können, aber das Systematische ist nicht sein Ding. Er besaß drei Autohäuser und verkaufte sie notgedrungen. Er macht dies und das und auch jenes, verlor den Spaß daran und zog weiter, immer weiter. 

So wurde aus Boris Becker der ultimative Lebemann, der uns wissen lässt, dass er seine Tochter nicht etwa in einer Besenkammer zeugte, sondern auf der Treppe zwischen den Toiletten. Das wollten wir natürlich unbedingt so genau wissen. Übrigens riet ihm damals seine Mutter davon ab, nach dem Ausscheiden in Wimbledon, deprimiert wie er war, nächtens noch loszuziehen. Sie kannte ihn gut, er sich weniger. So ging seine erste Ehe zu Bruch.

Die Promi-Blätter lebten von BB, seinen Frauen, die sich allesamt ähneln, von seinen vier Kindern von drei Müttern, von seinen Scheidungen, und jetzt natürlich auch von seinen Geldsorgen. Zum Londoner Gericht ging er am Arm seiner neuen Freundin, die ausdruckslos an den Kameras vorbeischaute – ein Gang wie zum Schafott. 

Das Gegenmodell wurde damals 1985 gleichzeitig mit Becker zum Weltstar. Natürlich handelt es sich um Steffi Graf. Mit 29 hörte sie mit dem Tennisspielen auf, der Körper machte nicht mehr mit. Sie heiratete, bekam Kinder, spielt noch ab und mit ihrem Mann Andre Agassi zu wohltätigem Zweck Tennis und lebt ihr Leben weit ab von den Blättern, die Boris Becker die Welt bedeuten.

Becker hat eine andere Wahl getroffen. Das ist seine Sache. Als er seine zweite Autobiographie veröffentlichte, das war 2018, gab er „Willkommen Österreich“, einer Late-Night-Show im ORF, ein Interview, in dem er Interessantes erzählte. Er sagte nämlich, in diesem Buch gehe es nicht nur um seine Frauen und Freundinnen, er habe ja auch berufliche Kapitel darin geschrieben, weil er ja Unternehmen mit leite. Nach der Ahnungslosigkeit, mit der er sich vor Gericht verteidigte, hörte sich Becker nicht an.

Tja, so ist das, wenn man sich für den Nabel der Welt hält und plaudernd mehr preis gibt, als gut ist. Heute wurde Boris Becker von einem Londoner Gericht zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Freitag.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Der große alte Mann der Philosophie hat zur Feder gegriffen und in der „Süddeutschen Zeitung“ eine besorgte Analyse über den Meinungskampf in Deutschland geschrieben. Anlass ist natürlich Putins Krieg gegen die Ukraine, der eine Zeitenwende im Westen eingeleitet hat.

Habermas ist Jahrgang 1929, er hat den Krieg als Jugendlicher erlebt und diese Generation wird mehr noch als jede andere von Eindrücken und Erlebnissen eingeholt, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Dazu ist er Zeit seines Lebens ein Theoretiker der Öffentlichkeit und ihres Wandels geblieben, und diesmal fällt der Wandel rascher und rigoroser aus als vielleicht jemals zuvor – als beim Mauerbau, bei 9/11, bei der Wiedervereinigung. Krieg löst Tiefenschärfe im Gemüt aus und beeinflusst das Verhalten der Menschen. Und ein Krieg, der mit der Drohung einher geht, dass Putin Atomwaffen einsetzt, stellt alles andere in den Schatten.

Habermas, der vor kurzem gewohnt gedankenreich seine zweibändige „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vorlegte, interveniert selten öffentlich. Wenn er es tut, etwa mit einem Plädoyer für mehr Europa, sieht er Grund dazu. Für die Älteren unter uns ist er so etwas wie die normative Stimme der Vernunft. Diesmal bewegt ihn der Kontrast zwischen „einer schockierten Öffentlichkeit und einem abwägenden Bundeskanzler“. Beide Phänomene analysiert er auf beispielgebende Weise.

Der Tonfall in der öffentlichen Auseinandersetzung ist schrill, was auch an der Angst vor der Ausweitung des Krieges zum Weltkrieg liegt. Habermas aber irritiert „die Selbstgewissheit, mit der in Deutschland die moralisch entrüsteten Ankläger gegen eine reflektiert und zurückhaltend verfahrene Bundesregierung auftreten“. Daraus entsteht ein Gegensatz, der das Land ausgerechnet in einem geschichtlichen Moment spaltet, in dem nichts unmöglich erscheint.

Der neue Moralismus kommt durch eine radikale Umkehr zustande. Mit der gleichen Emphase, mit der Anton Hofreiter heute Panzertypen herunterrasselt, haben Grüne wie er gestern noch den Roten Milan vor den mörderischen Flügeln der Windräder retten wollen. Erstaunlich ist, dass nicht nur die Springer-Presse sich die Stichworte und den abfälligen Gestus des ukrainischen Botschafters zueigen macht, sondern auch die Scholz-Kritiker. Der neue Moralismus ist der alte Moralismus in anderem Gewand. Auf die erregt-empörte Geste kommt es an, nicht auf das ausgefeilte Argument.

Habermas beschreibt tiefenscharf das Dilemma des Westens: „Der Westen, der ja schon mit der Verhängung drastischer Sanktionen von Anbeginn keinen Zweifel an seiner faktischen Kriegsbeteiligung gelassen hat, muss deshalb bei jedem Schritt der militärischen Unterstützung sorgfältig abwägen, ob er damit nicht auch die unbestimmte, weil von Putins Definitionsmacht abhängige Grenze des formalen Kriegseintritts überschreitet.“

So ist es. Wer Waffen liefert, macht mit im Krieg. Ja, nur indirekt, aber bekanntermaßen sieht das der Mann im Kreml anders. Bei Putin liegt die Eskalationsdominanz, denn er entscheidet darüber, ob Kiew während des Besuchs des Uno-Generalsekretärs bombardiert wird und ob der Widerstand im Stahlwerk von Mariupol mit allen Gewaltmitteln gebrochen wird. Und natürlich liegt es an ihm, welchem Land das Gas abgedreht wird und ob er tatsächlich eine taktische Atombombe zünden lässt.

Viel hängt davon ab, ob Habermas’ besorgte Analyse auch von denen gelesen wird, denen sie gilt. Dies gibt er zu bedenken: „Aber ist es nicht ein frommer Selbstbetrug, auf einen Sieg der Ukraine gegen die mörderische russische Kriegführung zu setzen, ohne selbst Waffe in die Hand zu nehmen? Die kriegstreibende Rhetorik verträgt sich schlecht mit der Zuschauerloge, aus der sie wortstark ertönt. Denn sie entkräftet ja nicht die Unberechenbarkeit eines Gegners, der alles auf eine Karte setzen könnte.“

Der Bundeskanzler stellt das personifizierte Gegenteil der Empörungsdemokratie dar. Man kann ihm vorwerfen, und wahrscheinlich vergeht kein Abendgespräch in deutschen Wohnzimmern ohne Hinweis auf diesen Mangel, dass er seine Entscheidungen öffentlich begründen sollte. Nicht vorwerfen kann man ihm jedoch, dass er über das Dilemma des Westens grübelt und Entscheidungen nicht so rasch fällt, wie es die neu-alten Moralisten ihm abverlangen. Darum nimmt ihn der Philosoph in Schutz.

Jürgen Habermas beschreibt die komplexe Weltlage in all ihren Facetten. Ich wünsche ihm viele Leser, auch für den Appell am Ende seines Beitrags: „Eine Europäische Union, die ihre gesellschaftliche und politische Lebensform weder von außen destabilisieren noch von innen aushöhlen lassen will, wird nur dann politisch handlungsfähig werden, wenn sie auch ,militärisch auf eigenen Beinen stehen kann.“

Veröffentlicht auf t-online.de, am Freitag.

Fabelhafter Fußball

Gestern habe ich schon wieder ein fabelhaftes Fußballspiel gesehen: ManCity gegen Real Madrid. Leidenschaft und. Individuelle Klasse und blindes Verständnis im Zusammenspiel. Großartige Tore und hellsichtige Intuition. Was Vinicius da mit dem Ball gelaufen ist, schneller als jeder nicht gerade langsame Verteidiger, von der Mittellinie bis fast ins Tor gerannt und dann noch die Kaltblütigkeit zum präzisen Schuss: phantastisch. Ich habe von Vinicius bis gestern nicht viel gehalten. Lief sich ständig fast. Übersah Mitspieler. Spielerisch gereift, dank Benzema, der wieder zwei Tore geschossen hat.

ManCity ist eine herrlich spielende Mannschaft. De Bruyne als sagenhafter Beschleuniger, taucht überall auf und übersieht das Spielfeld wie sonst nur Toni Kroos, der sich diesmal mit Abwehrarbeit verschleißen musste. Sie spielen Chancen auf Chancen heraus, vergeben aber zu viele wie sonst nur Borussia Dortmund zu seiner besten Zeit. Gündogan dürfte im Rückspiel dabei sein, für Phil Foden, das Rotbäckchen, das eine große Zukunft hat.

Real Madrid kam nur schwer hinten raus, wie gegen Paris zwei Runden vorher. Alaba blieb verletzt nach der Halbzeit draußen. Ohne ihn war die Abwehr geschwächt, keine Frage. Modrić: diesmal nicht so effektiv, er drehte bisher immer dann auf, wenn Ancelotti meinen Toni aus dem Spiel nahm. Aber diese Mannschaft kann stundenlang unter Beschuss stehen – sobald sich eine Chance ergibt, schlägt Benzema zu.

Sein Elfmeter war eine Frechheit. Alles hing davon ab, ob das Spiel 2:4 oder 3:4 ausgeht und dann chippt dieser Typ den Ball in einem aufreizend langsamen hohen Bogen in die Mitte. Das ist die Höchststrafe für den Torhüter, der hilflos in der rechten Ecke zappelte und zusehen musste, wie sich der Ball in Zeitlupe unter die Latte senkte. Wäre er stehen geblieben, hätte er den Ball mit dem Hut fangen können.

Das Schöne am Chippen ist der Verstoß gegen jede Regel. Du sollst dir eine Ecke aussuchen und dann den Ball so hart wie möglich so nahe wie möglich neben den Pfosten oder unter die Latte donnern. Du kannst den Anlauf verzögern wie Lewandowski, aber du musst so scharf schießen, dass der Torhüter nicht herankommt, selbst wenn er die Ecke ahnt, in die du schießt. Das ist die Regel. So üben sie das Elfmeterschießen im Training. Ancelotti tippte sich entgeistert mit beiden Zeigefingern an beide Seiten seiner Stirn, als könne er es nicht fassen, welches Risiko Benzema bei dieser Eskapade eingegangen war. Er freute sich in diesem Moment nicht, das fand ich seltsam. Offensichtlich war er maßlos überrascht über diese Verwegenheit. Und es stimmt ja auch: Allzu oft sollte dieser Trick, der auf die Demütigung des Torhüters zielt, nicht angewandt werden.

Kaltblütigkeit gehört zum Chippen. Fast grenzenloses Selbstbewusstsein. Und ein sicheres Gespür dafür, dass sich der Torhüter verladen lässt. Die Entscheidung fürs Chippen mit ihrem Verblüffungseffekt kann Auswirkungen auf das weitere Spiel haben. Es kann die gegnerische Mannschaft schwächen, denn nicht nur das blödsinnige Handspiel von Laporte brachte ManCity aus der Fassung, sondern auch diese Lässigkeit, mit der Real Madrid in einem Moment zurückschlug, in dem gerade noch das 5:2 zu fallen schien, derart überlegen war ManCity. Nicht zufällig blieb es beim 4:3. Die Überlegenheit ManCitys hielt an, aber die Präzision fehlte von nun an.

Antonin Panenka erfand diesen Kunstschuss 1976. Er lief schnell an, schoss aber nicht scharf, sondern sanft. Der Ball nimmt einen hohen Bogen, der sich bestimmt mathematisch berechnen lässt. Tor. Der Torwart, der damals hilflos in der Ecke zappelte, hieß Sepp Maier. Das Endspiel um die Europameisterschaft hatte 2:2 geendet. Elfmeterschießen. Bonhof/Flohe/Bongartz treffen. Uli Hoeness – da steht es 4:3 für die Tschechoslowakei (wir sind im Kalten Krieg, die beiden Landesteile gehören noch zusammen) – jagt den Ball in den nächtlichen Himmel. An tritt Panenka und chippt den Ball behutsam in die Mitte. Europameister Tschechoslowakei.

Seitdem heißt dieser Elfmeter nach dem Erfinder der Panenka. Auf YouTube kann man sehen, wer ihn nachgeahmt hat: Zidane/Ibrahimović/Messi/Totti. Eben die Großen.

Jetzt noch was für Feinschmecker: Die deutsche Mannschaft im EM-Endspiel spielte in dieser Aufstellung: Maier/Vogts, Dietz, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Bonhof/Wimmer, Hoeness, Beer, Hölzenbein, Müller (Dieter). Dieser Dieter Müller spielte für den 1. FC Köln, stammte aus Offenbach wie Rudi Völler.

Panenka spielte im Mittelfeld für Prag, Rapid Wien, VSE St. Pölten, SK Slovan Wien, ASV Hohenau und Kleinwiesendorf. Seine Karriere begann 1967 (da ist er, Jahrgang 1948) 19 Jahre alt. Sie endete 1993 in Kleinwiesendorf. Für die Nationalmannschaft spielte er 59mal und schoß 17 Tore. Bei der Europameisterschaft 1980 wurde die Tschechoslowakei Dritter. Sie gewann im Elfmeterschießen 9:8 (!!!!) gegen Italien. Europameister wurde Deutschland mit einem 2:1 über Belgien. Horst Hrubesch schoß 2 Tore, das zweite 90 Sekunden vor dem Abpfiff.

Zurück zu ManCity und Real. In der nächsten Woche ist das Rückspiel. Wer auch immer siegt, und ich hoffe auf Toni Kroos, spielt gegen Liverpool im Finale, schätze ich. Und das wird erst ein Spiel zum Niederknien!

Besuch in Hannover

Die Linke und der Krieg, das ist eine sehr lange, sehr unglückliche Geschichte, die sich gerne auch um Russland drehte. Im Ersten Weltkrieg spaltete sich die SPD in Patrioten und Pazifisten. Aus den Pazifisten ging die USPD und auch die Kommunistische Partei hervor, die in Russland seit 1917 ihr Jerusalem fand. Vor Hitlers „Machtergreifung“ hätte sich die deutsche Linke wieder vereinigen können, was sie aber nicht tat; im Gegenteil sahen sie im anderen den Erzfeind. So hatte Hitler freien Lauf und sperrte ins KZ, wen er aufgreifen konnte, Kommunisten wie Sozialisten und Sozialdemokraten. 

Die Kommunistische Partei existiert noch in Frankreich, aber nicht mehr in Deutschland, wo es zwar die Linke gibt, die jedoch eher harmlos und zudem herzlich miteinander verfeindet ist.. Geblieben ist die SPD in der Doppelgestalt von Patrioten und Pazifisten, von Russland-Verächtern (neuerdings) und Russland-Verstehern. Dafür sprechen einige Einlassungen vom Wochenende Bände. 

Mit besonderem Interesse habe ich die ausführliche Geschichte einer Reporterin der „New York Times“ nach ihrem Besuch bei Gerhard Schröder in Hannover gelesen. Seltsam genug, dass eine amerikanische Tageszeitung zu ihm vordrang und keine deutsche, aber egal. So viel vorneweg: Schröder geht nicht in Sack und Asche, im Gegenteil, „für mea culpa bin ich nicht zu haben“, sagt er.

Gern und viel erzählt er über seine unverbrüchliche Freundschaft zu Putin. Am 9. Dezember 2005, da war er seit 17 Tagen nicht mehr Bundeskanzler, bekam er einen Anruf von Wladimir Putin, der ihm den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Nord Stream mit der Frage anbot: „Hast du Angst für uns zu arbeiten?“ Hatte er damals nicht und hat er heute nicht. So spottet er über die Zumutung der SPD, er solle sich persönlich von Putin, dem Kriegstreiber, distanzieren. 

Kurz vor der Invasion traf der Gerd den Wladimir in Sotschi. Davon gibt’s ein Handy-Foto, das Schröder der Reporterin zeigt: Putin in rotem Eishockey-Dress, Schröder in Hemd und Jackett. Worüber sie geredet haben? Über Fußball, sagt Schröder in seinem Büro in Hannover. Ehrlich jetzt?

Ich kenne Schröder seit vielen Jahren. Seine Härte, sein Gleichmut, sein Durchstehvermögen haben mir imponiert. Die Schnoddrigkeit weniger, die im Alter noch zunahm. Nun ist daraus Gleichgültigkeit, gepaart mit Zynismus hervorgegangen. Der Mann, der immer Abhängigkeiten abschüttelte, ist gefangen in der Abhängigkeit von Putin, der ihn reich gemacht hat, worauf es Schröder zweifellos ankam, und für den er alles aufs Spiel setzt, was ihm ehedem wichtig war.

Seine Reise nach Moskau, ein Wunsch der ukrainischen Regierung, führte zu rein gar nichts. Grübeln über den Misserfolg? Fehlanzeige. Der Krieg? Ja, den verurteilt Schröder, aber nicht Putin, der ihn anzettelte. Die Gräuel von Butscha? Müssen untersucht werden, keine voreiligen Schlüsse. Und wenn russische Soldaten sie verübt haben sollten, hat sie Putin bestimmt nicht angeordnet, sagt Schröder im Brustton der Überzeugung.

Meint er, was er da sagt? Jedenfalls riskiert er den Bruch mit Putin nicht. Dafür wäre es für den dritten sozialdemokratischen Kanzler ohnehin zu spät.

Der amtierende Bundeskanzler gab dem „Spiegel“ ein Interview. Die Fragesteller machten sich die Vorwürfe des ukrainischen Botschafters zueigen und Olaf Scholz schmetterte sie allesamt ab. Dummerweise fragten sie nicht weiter, als der Kanzler seine Angst vor einem Atomkrieg wiederholte. Es wäre natürlich wirklich interessant zu wissen, ob sie vorgeschoben ist oder echt. Ich vermute, sie ist echt.

An Scholz lässt sich viel herumkritteln. Ja, arrogant wirkt er. Ja, er lässt manches Mal zu deutlich seinen Informationsvorsprung spüren. Doch eines kann man ihm schlechterdings nicht absprechen: seine Ernsthaftigkeit, die der Weltlage überaus angemessen ist. Ich finde es sehr merkwürdig, dass so viele Kommentatoren vergessen zu haben scheinen, dass Putin mehrmals mit dem Einsatz seiner Nuklearwaffen gedroht hat. Denn falls seiner Armee auch die Eroberung der Ost-und Südukraine misslingen sollte, wäre ihm durchaus zuzutrauen, dass er seine Drohung wahrmacht.

Zu oft hat der Westen in der Vergangenheit nicht richtig hingehört, was Putin sagte. Was aber dann, wenn er tatsächlich eine taktische Atomrakete abschießt? Wie würde die Nato darauf reagieren? Wo steht dann die Supermacht Amerika? Wo Deutschland?

Ich finde, dass der eine oder andere Politiker, der sich im Schnellstudium zum Ukraine-Fachmann und Panzer-Kenner hinauf katapultiert hat und jetzt schnellstens schweres Bundeswehr-Gerät liefern möchte,  kurz mal innehalten und die Folgen bedenken sollte. Bedenke deine Mittel, ist ein gutes militärisches Motto, vor allem für Zivilisten wie Anton Hofreiter, die den Kanzler für seine Zurückhaltung aufs Schärfste maßregeln. 

Kriege sind immer unberechenbar. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen, sagen Militärs selbstironisch. Fast immer kommt es anders als vorgesehen. Konventionelle Kriege, die Atommächte wie Russland führen, sind absolut unberechenbar. Geht es auf dem Schlachtfeld nicht recht voran, bleiben ihnen andere Möglichkeiten. 

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland. Normalerweise findet dann in Moskau eine Parade statt, in der die militärischen Schmuckstücke vorbeirollen. Man kann sich gut vorstellen, dass Putin bis dahin im Osten und Süden der Ukraine Triumphe vermelden will. 

Bis dahin wird auch die Bundesregierung ihren Beschluss verkünden, nun doch Panzer etc. zu liefern. Der Druck in Deutschland und Osteuropa ist einfach zu groß, das wird auch Olaf Scholz einsehen. Er ist kein Pazifist, eher ein Patriot, und vielleicht auch deshalb nicht so hurtig im Umdenken wie die Grünen in seiner Regierung.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Die den Krieg nachspielen

Momentan überbieten sich einige Politiker darin, der Ukraine schwere Waffen zu liefern, so dass man sich doch sehr wundern muss. Anton Hofreiter gehört zu den größten Dränglern, selbstverständlich ironiefrei und reflexionslos. Selbstironie wäre angebracht, weil er gestern noch auf einem ganz anderen Dampfer unterwegs war, natürlich im ultimativen Kommandoton, der ihm eigen ist. Und Selbstreflexion könnte er von Robert Habeck lernen, wenn er wollte oder könnte.

Zur neuen Haltung gehört auch, dass jedermann dem Kanzler sofortiges Handeln abverlangt. Viele Leute wissen heute vieles besser und das sehr markig. Hatten wir gestern noch 80 Millionen Bundestrainer, so haben wir heute nicht ganz so viele Bundeskanzler, aber schon sehr viele. Das Reden ist ja auch folgenlos, das Handeln aber nicht. Wäre ganz schön, wenn mancher mal innehielte und sich kantianisch fragen würde, ob die Maxime seines Schwadronierens als Maxime des Handelns taugen könnte.

Schon jetzt sind wir Kriegspartei. Passiv zwar, aber den Unterschied machen ja vielleicht nur wir. Und seltsamerweise gibt der Botschafter der Ukraine den rotzigen Ton vor, dem Politiker à la Hofreiter dankbar aufnehmen. Unter anderen Umständen hätte die deutsche Außenministerin den Botschafter längst ins Amt einbestellen und ihn zur Mäßigung ermahnen müssen. Auch unter den obwaltenden Umständen wäre es nötig, da seine beleidigenden Rundumschläge, diesmal gegen Siegmar Gabriel, längst überhand genommen haben.

Der Bundespräsident hat sich für seine Fehleinschätzungen entschuldigt. Okay. Von Gerhard Schröder haben wir länger nichts mehr gehört oder gesehen. Ist kein Schaden, obwohl eine Erklärung nach dem Besuch bei Wladimir Putin fällig gewesen wäre. Egal, der Absturz des ehemaligen Bundeskanzlers zur persona non grata ist eh beispiellos. Für Entschuldigungen oder dergleichen ist es viel zu spät. Auch alte Freunde sind ratlos. Und die SPD, die schlecht beraten war bei ihrem Feldzug gegen die Agenda 2010, ringt nun die Hände und versucht, Schröder perteimitgliedsmäßig loszuwerden. Der späte Gerhard Schröder teilt das Schicksal des späten Helmut Kohl, inklusive erheblich jüngerer Frau, die sich für PR zuständig fühlt und den letzten Nimbus pulverisiert.

Auch Manuela Schwesig steht unter Rechtfertigungszwang. Die Fouchés dieser Tage werfen ihr den Einsatz für Nord Stream 2 vor. Tatsächlich hat sie getan, was sie tun musste, als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, dem es an Industrie gebricht. Die Pipeline nach Lubmin fand sie vor, hat sie nicht erfunden und auch nicht der Bundesregierung aufgenötigt, deren Bundeskanzlerin nicht zufällig ihren Wahlbezirk in diesem Bundesland hatte. Wirklich vorzuwerfen bleibt Manuela Schwesig die seltsame Stiftung von Gnaden von Gazprom, doch das war schon der verzweifelte Versuch zu retten, was kaum noch zu retten war.

Wilde Tage. Die Waffen, welche die Ukraine noch nicht hat, erreichen sie wohl kaum noch vor der Offensive in der Ostukraine. Dort findet der reale Krieg statt, den so viele Großstrategen hierzulande nachspielen, unbedacht und fahrlässig.

p.s. Unser Justizminister Buschmann sagt, die Lieferung von Panzern ist kein Kriegseintritt. Ich liebe die Rechtswissenschaft, sie unterscheidet genau, egal wie falsch sie damit liegt.