Iran tanzt Trump auf der Nase herum

Was lernt man aus den Kriegen der Gegenwart? Dass die Schwächeren die Klügeren sein können. Die Schließung der Straße von Hormus ist die stärkste Waffe, über die das Mullah-Regime in Teheran verfügt. Vermutlich war ihm selbst nicht ganz klar, wie wirksam ein paar Seeminen und ein paar Raketen sein können.

Donald Trump wiederum hörte entweder über Warnungen hinweg oder seine Entourage verfiel gar nicht auf die Idee, dass die Meerenge zu einem größeren Problem werden könnte. So suchen den Präsidenten Inkompetenz und Ignoranz heim, von denen er sich wohlig umgeben lässt. Der Stärkere kann auch der Dümmere sein.

Anders als in Russlands Krieg gegen die Ukraine ist der Stärkere hier auch brennend an einem Abkommen interessiert, mit dem der Krieg beendet werden kann. Der Schwächere, also Iran, flog zwar wie erhofft in Gestalt seines Außenministers Abbas Araghtschi nach Islamabad, aber gerade in dem Moment, in dem die US-Delegation unter Anführung von J.D. Vance los fliegen wollte, war  Araghtschi schon wieder auf dem Heimweg.

Wieder keine Verhandlungen, schon zum zweiten Mal angekündigt und dann wieder abgesagt. Nicht nur, dass der Iran sich Verhandlungen entzieht, er tanzt der Supermacht auch noch auf der Nase herum.

Dazu kann es kommen, wenn der Schwächere sich seiner Stärke bewußt wird und sie konsequent nutzt. Die Machthaber in Teheran haben Donald Trump studiert und bemerkt, dass er keine Strategie besitzt, weil er keine exakten Kriegsziele hat. Er will einen Deal haben und zwar möglichst bald. Ihm bleibt wenig Zeit, ihm schwimmen die Felle davon. Die Mullahs haben viel Zeit. Weder auf Wahlen noch auf nationale Gedenktage müssen sie Rücksicht nehmen.

Vermutlich schätzen sie die Lage richtig ein, dass die USA den Krieg nicht fortsetzen wollen. Und dass Trump einen Fehler begangen hat, wird weltweit Tag für Tag an den Zapfsäulen und den Versorgungsengpässen klar gemacht.

Was lässt sich noch lernen? Dass die USA 1 100 Langstreckenraketen abgeschossen haben, die eigentlich für den Konflikt mit China gebaut worden waren. Dazu kommen rund 1 000 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, die entweder von U-Booten oder Schiffen abgefeuert werden. Weiterhin 1 200 Flugabwehrraketen, Typ Patriot, mehr als vier Millionen Dollar pro Stück, sowie 1 000 ballistische Kurzstreckenraketen.

Knapp eine Milliarde Dollar verschlingt jeder Kriegstag, auch ein Grund, damit aufzuhören. Das Pentagon verlangt  200 Milliarden Dollar zusätzlich für dieses Haushaltsjahr, um das Arsenal wieder aufzufüllen. Im übrigen zeigt dieser Krieg, dass sich Amerika im Übermaß auf teure Raketen und Munition verlassen hat, vor allem in der Luftabwehr. Deshalb hat die Rüstungsindustrie jetzt den Auftrag, schnell billigere Waffen zu entwickeln, zum Beispiel Angriffsdrohnen.

Wie es Trumps Art ist, wird er sich anderweitig dafür rächen, dass ihm die Auseinandersetzung mit Iran entglitten ist. Die Nato ist jetzt das Feindbild, auf das er kompensatorisch zielt. Dem besonders widerspenstigen Spanien droht er mit Rausschmiss, als wäre das seiner persönlichen Entscheidung vorbehalten. Und allen anderen Mitgliedsstaaten droht er mit dem Entzug von jedem militärischen Schutz, was nicht ganz neu ist, aber durchaus glaubwürdig. 

Auch daraus ließe sich etwas lernen. Nach der gültigen Hierarchie ist der Oberbefehlshaber der Nato, zuständig für alle militärischen Operationen, traditionell ein Amerikaner. Wenn es denn so ist, wie es allem Anschein nach ist, dass Amerika andere Prioritäten setzt, um es milde zu sagen, und Europa sich selbst überlassen will, dann wäre es nur konsequent, wenn diese überragende Funktion auf mittlere Sicht an einen Nicht-Amerikaner überginge. Ohne Amerika hat die Nato 31 Mitgliedsländer. Da werden sich wohl respektable Kandidaten finden.

Und was lernt die Bundeswehr daraus? Der Bundeskanzler wünscht sich, dass sie zur stärksten konventionellen Armee auf dem Kontinent aufsteigt. Dafür hat sie sich erstmals in ihrer Geschichte eine Militärstrategie zugelegt. Dazu gehört ein „Fähigkeitsprofil“, in dem die Anforderungen für einen Ernstfall beschrieben werden. Panzer, Luftabwehr und Kampfflugzeuge sind unverzichtbar, schon wahr. Hunderte Milliarden Euro stehen dafür aus dem sogenannten Sondervermögen zur Verfügung. Sie wollen gut angelegt sein. Militärs haben die Tendenz, vergangene Kriege zu gewinnen und dafür Waffen anzuschaffen. Jeder nächste Krieg wird aber ein anderer sein.

Der Krieg der Ukraine gegen Russland hält ein paar Lektionen über Einfallsreichtum bereit. Die Ukraine ist ein Pionier im Herstellen billiger Drohnen gegen die ungleich größere Armee Russlands;  deren Software kann permanent erneuert werden. Daraus folgt zum Beispiel für die Bundeswehr, dass es auf die richtige Kombination klassischer Waffensysteme mit zahlreichen weniger kostspieligen und schnell ersetzbaren Waffen ankommt. Und egal ob teuer oder billig, krude oder elaboriert, hängt die Qualität von der Software ab. Das wirksamste System ist dasjenige „mit dem besten Algorithmus, der mit den besten Daten gefüttert wird und am häufigsten auf den neuesten Stand gebracht werden kann“, schreibt das britische Magazin „Economist“.

Zu Beginn des Krieges gegen Russland fiel der Einsatz von Drohnen noch nicht ins Gewicht; sie machten nur 10 Prozent der „Gefechtsverluste“ aus, wie Militärexperten das nennen, wenn die gegnerischen Soldaten dadurch sterben. Heute sollen Drohnen 70 bis 80 Prozent der Verluste verursachen. Dabei schwirren sie oft  teilautonom herum, berechnen eigenständig den Weg zum Ziel und umgehen geschickt Hindernisse, die sich unverhofft auftun.

Am Krieg in der Ukraine lässt sich auch studieren, dass Drohnen dazu beitragen, den Krieg zu verlängern. Denn so können die Schwächeren den Stärkeren standhalten oder ihnen zumindest schreckliche Verluste beibringen. Drohnen erlauben auch präzisere Schläge, während Streumunition, etwa von der russischen Armee bevorzugt eingesetzt, immer wieder wahllos Zivilisten tötet.

Vor ein paar Tagen sagte Präsident Wolodymyr Selenskji, dass ukrainische Streitkräfte erstmals in der Geschichte des Krieges ausschließlich mit unbemannten Systemen eine feindliche Stellung eingenommen hätte. Zum Einsatz kamen Bodenroboter und Drohnen; kein Infanterist war direkt daran beteiligt.

Natürlich ist es eine Utopie, dass eines Tages nicht Menschen gegen Menschen kämpfen, sondern der Krieg dem Aufeinanderprallen von KI-gestützten Apparaturen überlassen bleibt. Dieser Art Technologiegläubigkeit sollte ein Monopol der Oligarchen im Silicon Valley bleiben und nicht als Illusion die militärischen Strategen heimsuchen, die reale Ernstfälle definieren müssen.

Sicherlich werden in diesen Tagen in so ziemlich allen Generalstäben auf der Welt Schlussfolgerungen aus dem Anschauungsmaterial gezogen, das die Kriege gegen Iran und die Ukraine bereitstellen. So trostlos es ist, so folgerichtig ist es doch auch, dass erneut ein Wettrüsten beginnt, in China wie in Russland, in Amerika wie in Europa. 

Und natürlich werden die Strategen diesmal auch die Engstellen auf den Meeren und ihre Bedeutung für den Welthandel nicht unterschätzen. Davon gibt es ja einige auf allen Kontinenten, die sich wie Hormus sperren lassen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

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