Im Schleudertrauma

Zwei Wochen können lang sein, quälend lang, wenn sich nichts mehr ändert, egal wie heftig man strampelt und zetert, doch das Ende schon abzusehen ist. Wahltage sind Zahltage.

Armin Laschet ist eigentlich ein freundlicher und leutseliger Mensch. Vielleicht wird er es auch bald wieder sein, aber in der Zwischenzeit hat er das Gelassene verloren und kehrt den schmallippigen Wahlkämpfer heraus, wie gestern im Triell. Tags zuvor hatte er erzählt, dass die SPD „in all den Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte immer auf der falschen Seite“ gestanden habe. Das war der Höhepunkt der absichtsvollen Selbstverleugnung. Kommt da noch eine Steigerung?

Ich habe schon viele Wahlkämpfe erlebt. Unglückliche Kandidaten sind keine Seltenheit. Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber. Peer Steinbrück und Martin Schulz. Jeder von ihnen scheiterte an einem oder einer Größeren, was die Niederlage zuerst schlimmer machte, aber letztlich auch relativierte.

Armin Laschet und auch Annalena Baerbock sind dabei, an sich selbst zu scheitern. An ihrer Selbstüberschätzung. An ihren Aussetzern. Und deshalb bekommt der einzige in diesem Trio, der sich stoisch treu bleibt, plötzlich seine Chance, die ihm keiner zugetraut hätte, obwohl er mit kühler Hybris immer wieder sagte, dass er Kanzler werden wird. Zu seinem Glück tropfen seine Probleme – Cum-Ex, Wirecard – an Olaf Scholz ab, weil sie zu komplex für das Reduzieren sind.

Vieles ist seltsam in diesen Tagen. Vielleicht stimmen die alten Parameter nicht mehr. Bislang war die Union zuverlässig machtorientiert. Egal wie unpopulär ihr Kandidat auch sein mochte, er wurde gewählt, basta. Lieber mäßig regieren als gar nicht. Diesmal aber könnten die bürgerlichen Wähler  asymmetrisch vorgehen. Im Prinzip CDU, das schon, aber nicht diesen Lächler Laschet, der jetzt den wilden Mann spielt.

Genau diese potentiell Abtrünnigen versucht Laschet mit seiner Verwandlung in den aggressiven Machtpolitiker zurück zu gewinnen.

Das zweite alte Parameter lautete: Geht es der Union mau, hat die FDP den Nießnutz. Hat sie nicht. Der Sturz Laschets ist nicht der Quantensprung für Christian Lindner. Allein die SPD bewegt sich aus dem Tal der Finsternis in vergleichsweise lichte Höhen, weil sie bei der Union wie den Grünen absahnt.

Aber was ist das schon, 25 Prozent? Toll nur, wenn 15 Prozent der Ausgangspunkt war. Die Stärke des Dritten ist die Schwäche der zwei anderen. Daraus erwächst aber auch nur ein Scheinriese.

Übrigens gibt es gute Gründe, Meinungsumfragen zu misstrauen. Wir müssen uns ja nur kurz mal daran erinnern, dass vor vier Jahren sämtliche Institute bei ihren Prognosen für die Union daneben tippten. Oder Sachsen-Anhalt: schlimme Schlappe fürs Metier. Aber das ändert nichts daran, dass 30 Prozent bei dieser Bundestagswahl inzwischen als Utopie gelten. 30 Prozent!

Ich vermute, dass es sich um eine Übergangswahl handelt. Nicht nur, weil Annalena Baerbock weg vom Fenster sein wird, wenn sie erheblich unter 20 Prozent bleibt. Nicht nur, weil Armin Laschet ganz weg vom Fenster sein wird, wenn er tatsächlich hinter Olaf Scholz stranden sollte.

Vielleicht kommen die Union oder die SPD oder Grünen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren überhaupt bei Bundestagswahlen nur noch mit charismatischen Ausnahmekandidaten an die 30 Prozent heran oder sogar darüber hinaus. Im Normalfall aber müssen sie mit dem Typus Laschet leben, der sich von Stefan Weil oder Malu Dreyer nur durch die gehobene Selbsteinschätzung unterscheidet, dass er Kanzler kann.

Und mal ernsthaft: Wäre Markus Söder jenseits seiner Kraftmeierei wirklich ein überzeugender Kandidat? Oder wirkt er nur überlebensgroß neben dem Schleudertrauma Laschet?

Schauen wir uns mal kurz anderswo um. Frankreich oder England sind durch ihr Wahlrecht mit stabilen Mehrheiten gesegnet. Wenn der Sieger alles bekommt, ist das schön für ihn, aber die Gesellschaft spiegelt sich darin nicht wider. Deshalb bekommt Emmanuel Macaron beständig jede Menge Gegenwind und Boris Johnson erlebt genauso wenig ruhige Zeiten.

Das deutsche Verhältniswahlrecht ist gerechter, gerade weil es die realen Verhältnisse widerspiegelt. Es erschwert jedoch die Regierungsbildung, wenn sich  eine Partei nicht von den anderen absetzen kann. Mehrere Möglichkeiten können sich dann eröffnen, wie wir nach dem 26. September  leidvoll erfahren werden.

Es wird spannend, das wissen wir jetzt schon. Wir müssen nur noch den unerfreulichen Wahlkampf hinter uns bringen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Tag der Infamie

Auf den 11. September 2001 freute ich mich massiv. Um 10 Uhr würde eine Pressekonferenz stattfinden, auf der Michael Jordan sein Comeback für die Washington Wizards verkünden wollte. Michael Jordan! Größter Basketballspieler aller Zeiten! Und ich würde ihn spielen sehen! 

Wir waren seit Mitte Juli in der Stadt, hatten ein Haus bezogen, den Führerschein gemacht, Autos zugelassen, Bilder aufgehängt, alles gut, nur der Fernseher lief noch nicht, Comcast war unfähig, was sich bald als Problem erweisen sollte. Meine Frau war ARD-Korrespondentin, ich arbeitete als „Spiegel“-Korrespondent. Mein erster Artikel handelte vom faulen Präsidenten George W. Bush, der einen ganzen Monat Urlaub daheim in Texas gemacht hatte und gerade ins Weiße Haus zurückkehrt war.

Amerika war selbstzufrieden. Die einzig verbliebene Supermacht auf Erden. Keine großen Probleme, alles im Griff, sogar dieser seltsame Präsident störte das biedermeierliche Gemälde nicht. Washington war überschaubar und ein netter Lebensort. Hinreißend schöne Spätsommertage verschönten unseren Anfang.

Um 8.46 Uhr schlug die erste Maschine im Nordturm ein, um 9.03 Uhr die zweite Maschine im Südturm. Ich las, was in New York passierte, sah es aber nicht, weil ja der Fernseher nicht angeschlossen war. Das Telefon: tot. Handys: tot. Meine Frau war auf dem Weg zu einem Dreh in Baltimore, die Straßen in die Innenstadt gesperrt. Also fuhr ich in ihr nahe gelegenes Büro und konnte endlich das Ungeheuerliche mit eigenen Augen sehen. Wenige Augenblicke später explodierte eine Maschine im Pentagon. War das zu glauben? Was ging hier vor?

Amerika war blind gewesen. Amerika schäumte. Amerika verglich 9/11 mit Pearl Harbour und schwor Rache. Die Bilder von den Menschen, die von hoch oben in den Zwillingstürmen in die Tiefe sprangen, um nicht im Feuer zu verglühen – wer konnte sie vergessen? Die letzten Telefonate aus den vier Flugzeugen, im Wissen um den Tod – wem brach da nicht das Herz?

22 Jahre Frieden perdu. 9/11 war das Gegenereignis zum 9. November 1989.   Amerika, das Deutschland die Wiedervereinigung möglich gemacht hatte und umsichtig mit der moribunden Sowjetunion umgegangen war, wurde zum Egomanen der Weltpolitik. Entweder ihr seid für uns oder gegen uns, das war der neue Bush-Ton. Afghanistan wegen al-Qaida sowieso, aber wichtiger noch ist Saddam Hussein und egal was ihr denkt, wir handeln und zwar kompromisslos, das war der Rumsfeld/Cheney-Ton.

Die amerikanische Demokratie bekam totalitäre Inseln. Guantanamo. Abhören querbeet. Freiheiten für die vielen Geheimdienste. Black Sites zum Foltern im Maghreb und Europa.

Wer wie ein Araber aussah oder einer war, wurde gefilzt, ausgesondert, ausgegrenzt. Im Flughafen, beim Autofahren, auf der Straße. Als Frankreich beim Irak-Krieg nicht mitmachte, strichen Restaurants im ganzen Land Pommes frites von der Karte. Große Länder können sehr kleingeistig sein, wenn sie vor Rachsucht rasen.

Die Invasion im Irak war ein Fehler, das wusste man schnell. Ohne die Obsession mit Saddam Hussein kein Vakuum in Bagdad. Ohne Irak kein Syrien. Wo ein Vakuum ist, strömen andere ein: Russland, Iran, die Türkei, der IS, die Hisbollah. Der Nahe Osten ist gezeichnet von 9/11, aus dem sich die Supermacht trollte und parasitären Milizen und Scheinriesen das Trümmerfeld überließ. Denen ist Krieg lieber als Frieden, weil Frieden zu Kompromissen zwingt. 

Die Welt von heute ist ein Produkt der Entscheidungen nach 9/11. Jedem amerikanischen Präsidenten fiel das Erbe zu. Der Rückzug aus Afghanistan war längst beschlossene Sache, Joe Biden vollendete nur, was ihm aufgegeben war und trägt nun dafür die Verantwortung.

9/11 hat Amerika im Schmerz vereint und in den Niederlagen in einem Maße polarisiert, wie niemand es für möglich gehalten hätte. Ohne 9/11 kein Trump.

Ja, 9/11 war ein Tag der Infamie. Ein neuer Feind hatte zugeschlagen und schlug bald anderswo zu, in Madrid, Paris, London. Die Welt veränderte sich zu einer anderen Kenntlichkeit, nicht zu ihren Gunsten, geschweige denn zu unserer Beruhigung. Amerika hat an Glaubwürdigkeit verloren und so fehlt uns eine Ordnungsmacht, die Amerika einst war und nur Amerika sein kann. Darin liegt vermutlich der größte Verlust, den die Welt erlitten hat.

Michael Jordan sagte natürlich seine Pressekonferenz ab. Ich habe ihn dann oft spielen sehen. Es waren schöne Momente in dieser Zeit voller Tragik und Dramen, voller Kriege und verlorener Illusionen.

Veröffentlicht am 10. September auf t-online.de

Aus dem Archiv: Essay im „Spiegel“ 21/2009

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ALS ALLES BEGANN

DIE IDEOLOGISIERUNG DES KRIEGES

Von Gerhard Spörl

Seinen neuen Roman »Empörung« beginnt Philip Roth mit einer knappen Beschreibung der Gegenwart, in der Marcus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers aus Newark, sein kurzes, braves Leben entfaltet und aushaucht. Es ist Spätsommer im Jahr 1950, und kurz zuvor hat »das große Leid des Koreakriegs begonnen«, so lautet der erste Satz des Buches. Fortan hängt dieser Krieg, der in Amerika so gut wie vergessen ist, wie ein schwarzer Schatten über Marcus, einem jungen Menschen, »der sich gern in die Normen seines Viertels und seiner Schule fügt«. Als sich der Junge zum allerersten Mal in seinem Leben gegen eine Zumutung auflehnt, in einem lächerlichen Vorkommnis, das in keinem Verhältnis zur Konsequenz steht, da kommt er um, als Soldat in diesem Krieg.

David Halberstam war einer der großen Schreiber Amerikas, ein Journalist, der Ruhm durch seinen Wirklichkeitssinn im Vietnam-Krieg erlangte. Er beschrieb die Tragödie der Kennedy-Generation in seinem Standardwerk »The Best and the Brightest«, und als er bei einem Verkehrsunfall vor zwei Jahren ums Leben kam, da hatte er gerade wieder ein Buch vollendet, an dem ihm besonders lag. Es heißt »The Coldest Winter« und behandelt in epischer Genauigkeit den Korea-Krieg, den »scheußlichsten unter den kleinen Kriegen des 20. Jahrhunderts«.

»Gran Torino«, das neueste Alterswerk des alterslosen Clint Eastwood, ist ein Film über einen bösen alten Mann, der seine Kinder verachtet, seine Enkel ignoriert und seine asiatischen Nachbarn hasst. Aber natürlich hat auch Walt Kowalski eine Geschichte, von der sein Zippo-Feuerzeug, seine Waffen und seine geschundene Seele zeugen. Er gehörte der 1. Kavalleriedivision an, die im Oktober 1950 Pjöngjang eroberte und wenig später von General Douglas MacArthur ins Verderben geschickt wurde. Das Verderben, das waren die chinesischen Truppen, die in riesiger Überzahl den US-Soldaten schreckliche Niederlagen zufügten. Den schrillen Ton der Signalhörner, die das Zeichen zum Überraschungsangriff gaben, hat Kowalski noch im Ohr.

Da nähern sich drei große Amerikaner, jeder auf seine Weise, einem Krieg, der im kollektiven Gedächtnis von Vietnam verdrängt worden ist. Sie haben ungefähr zur selben Zeit an ihren Werken gearbeitet, damals, als Amerika und der Rest der Welt noch vom Fiasko im Irak und von George W. Bush vereinnahmt waren. Da schon sind Roth, Halberstam und Eastwood einer Spur gefolgt, die hinter Irak und sogar hinter Vietnam zurückführt.

Wann eigentlich hat es angefangen, dass Amerika, die im Zweiten Weltkrieg geborene Weltmacht, ferne Kriege führt, die es nicht gewinnt, die auf falschen Annahmen fußen und fatale Konsequenzen in sich tragen?

Am Anfang war Korea, ein stolzes kleines Land, mit dem Unglück der Geografie geschlagen, weil es drei unvergleichlich stärkeren Nachbarn im Weg liegt: China, Japan, Russland. Ein koreanisches Sprichwort lautet: »Im Kampf der Wale wird eine Krabbe zermalmt.« Korea ist in Asien historisch in derselben fatalen Lage wie Polen in Europa.

Was Korea heute ist, entstand als Zufallsprodukt nach dem Zweiten Weltkrieg. Truman und Stalin legten den 38. Breitengrad als die Trennlinie ihrer Besatzungszonen fest. Weder der eine noch der andere hatte gesteigertes strategisches Interesse an diesem Land. Für Stalin war Europa wichtiger, viel wichtiger, genauso wie für Harry Truman.

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Am 25. Juni 1950 brach der Krieg aus. Der Norden, regiert von Kim Il Sung, dem Vater des heutigen Irrlichts Kim Jong Il, überfiel den Süden. Die ruhmreiche Sowjetunion stellte Ausbilder, Panzer, Granaten, Flugzeuge, Gewehre. China war damals schon die Schutzmacht, bereit zum Eingreifen, falls der Süden sich erfolgreich wehren oder das ganze Land unter seiner Vorherrschaft vereinigen würde.

Erst der Kampf der Wale verlieh der Krabbe Bedeutung. Von nun an ging es um Prestige, Selbstbehauptung und den Kampf der Ideologien. Da standen sie sich gegenüber, Amerika und die Sowjetunion, dazu China: die Avantgarde des Kapitalismus gegen die Avantgarde des Kommunismus.

Harry Truman, der die Politik der Eindämmung feindlichen Einflusses zum Wesen des Kalten Krieges erhoben hatte, fürchtete den Dominoeffekt. Was Deutschland für Amerika in Europa war, das war Japan für Amerika in Asien: der zum Verbündeten gewandelte Todfeind aus dem Zweiten Weltkrieg. Um Japan zu schützen, zog Amerika, versehen mit einem Mandat der Vereinten Nationen, in den Krieg.

China, Russland, Amerika: Im Vietnam-Krieg sollte sich diese Konfiguration der Großmächte wiederholen, mit einem ähnlichen Ergebnis. Auch für den Irak-Krieg lässt sich so eine Choreografie finden: hier die USA und Israel, dort Iran.

Wo so viele Mächte sich tummeln, häufen sich zwangsläufig Fehleinschätzungen. Mao war 1950 noch im Siegesrausch, weil seine Volksbefreiungsarmee gerade den Bürgerkrieg gewonnen und die Volksrepublik gegründet hatte. Er spekulierte darauf, dass Amerika Südkorea nicht zu Hilfe kommen würde. Amerika war am Ende ja auch nicht Chiang Kai-shek beigesprungen. Es hatte tatenlos zugesehen, als der General, der jahrelang aus den USA Geld und Militärhilfe bezogen hatte, vom Festland auf die kleine Insel Taiwan fliehen musste. Amerika hatte Interessen vor allem in Europa, weniger in Korea. Davon ging Mao aus.

Amerika wollte diesen Krieg tatsächlich nicht, weil es keine Streitkräfte mehr besaß, die große Schlachten gewinnen konnten. Von den 12 Millionen Soldaten des Zweiten Weltkriegs waren gerade noch 1,5 Millionen im Dienst. Das Budget des Verteidigungsministeriums betrug 1950 knapp 14,2 Milliarden Dollar; 1945 waren es noch 91 Milliarden gewesen. Amerika, die Weltmacht, war militärisch gesehen bestenfalls eine schwache Weltmacht. Die Divisionen, die anfänglich an die Front in Korea geworfen wurden, waren unterbesetzt, schlecht ausgebildet, die Ausrüstung war erbärmlich und das Korps der Offiziere bestenfalls Mittelmaß, so schildert Halberstam die Ausgangslage.

Allerdings besaß Amerika Atomwaffen und hatte sie ein paar Jahre zuvor eingesetzt, zweimal, in Hiroshima und in Nagasaki. Als die Nordkoreaner Seoul eroberten, erwog die Führung in Washington, die konventionelle Unterlegenheit nuklear zu korrigieren. Das verbot sich allerdings bei näherer Betrachtung, denn seit 1949 besaß auch die Sowjetunion solche Massenvernichtungswaffen. Die Gefahr zügelloser Eskalation war zu groß. Seither war noch jeder Krieg gezähmt, weil der volle Einsatz sämtlicher Waffen unmöglich ist. An der Grausamkeit konventioneller Kriege ändert das nichts, was die Massaker in Korea, die Napalm-Angriffe auf Vietnam oder die Vorkommnisse in Abu Ghuraib zeigen – oder auch die große Zahl an zivilen Opfern in Pakistan oder Afghanistan im modernen asymmetrischen Konflikt belegt.

An Vietnam erinnert der Konflikt zwischen der militärischen Führung und Teilen der Regierung in Washington. Auch da trieb ein General mit seinen Wünschen den Präsidenten vor sich her.

Die Lichtgestalt jener Jahre war General Douglas MacArthur, ein Genie der Strategie, aber auch ein maßloser Mann, der zur Könnerschaft brachte, was heute noch der Schlüssel für politische und militärische Entscheidungen ist: Wer den Fluss der Informationen beherrscht, beherrscht den Prozess der Meinungsbildung. Als sein Geniestreich, die Invasion bei Inchon am 15. September 1950, die erste von vielen Wendungen brachte, war er überlebensgroß, und er benahm sich auch so.

Bei einem Treffen mit Truman auf der Pazifikinsel Wake gab er die Zusicherung, Mao werde wohl kaum seine Soldaten gegen Amerika schicken. MacArthur schwebte vor, nicht nur Korea unter amerikanischer – genauer gesagt: unter seiner – Herrschaft zu vereinen. Ihm schwebte auch vor, über den Yalu-Fluss nach China vorzudringen und dem roten Spuk ein Ende zu machen. »Der Name des Konflikts lautet ,Koreakrieg‘, doch in Wahrheit war es eine Begegnung zwischen Amerika und China«, schreibt Jörg Friedrich in seinem Buch »Yalu – an den Ufern des dritten Weltkriegs«.

Truman machte viel falsch, bewies allerdings Mut, als er den ikonengleich verehrten General im April 1951 entließ. Denn die Amerikaner waren auf der Seite des Generals, der Präsident war hernach ganz und gar unpopulär. Deshalb traf Truman wegen Korea die gleiche Entscheidung wie Lyndon B. Johnson wegen Vietnam: Er verzichtete auf eine zweite Kandidatur.

Drei Jahre und vier Wochen dauerte der Krieg in Korea. In den großen Blättern Amerikas und im neuen Medium, dem Fernsehen, kam er spärlich vor. Die »New York Times« berichtete regelmäßig auf Seite zwei darüber. Truman mied das Wort Krieg, er sprach von einer Polizeiaktion im Auftrag der Uno. Das war ziemlich dreist angesichts der Tatsache, dass Amerika acht Armeedivisionen und starke Luft- und Seestreitkräfte in Korea einsetzte. 33 000 US-Soldaten starben dort.

Amerika blamierte sich. Der Norden überrannte den Süden, dann überrannte der Süden den Norden, weshalb die Chinesen eingriffen, und wieder überrannte der Norden den Süden. Ein Krieg mit Trompeten und Bajonetten wie 1914/18, aber auch mit modernen US-Flugzeugen, die mit ihren Bomben (und auch schon mit Napalm) in Korea mehr Opfer verursachten als in Deutschland im Zweiten Weltkrieg. 2 Millionen Zivilisten kamen in Korea um, dazu schätzungsweise 1,5 Millionen chinesische und nordkoreanische Soldaten sowie 415 000 südkoreanische.

Wofür eigentlich? Im Sommer 1953 ging der Krieg zu Ende, und alles blieb wie zuvor: Korea ist bis heute geteilt am 38. Breitengrad. Der Norden, regiert von Kim junior, ist nun ein Hungerreich mit Atomwaffen. Kim Jong Il, »der Irre mit der Bombe« (SPIEGEL 7/2005), treibt die Weltmacht USA genauso wie seine Schutzmacht China mit immer neuen Kapriolen vor sich her.

Südkorea ist mittlerweile ein marktwirtschaftliches Erfolgsmodell. Japan ist nach wie vor Amerikas wichtigster Verbündeter in der Region, wenn auch heute nur ein eher schwaches Gegengewicht zu China, die angehende Weltmacht des 21. Jahrhunderts. Taiwan bedeutet für China das, was Kuba für Amerika bedeutet: ein Ärgernis vor der Küste.

Im Zweiten Weltkrieg und danach hat Amerika in Europa ziemlich viel ziemlich richtig gemacht. In Asien aber hat Amerika nach 1945 ziemlich viel ziemlich falsch gemacht.

Im Korea-Krieg entwickelten sich auch die beiden Denkschulen, wie Amerika seiner Rolle als Weltmacht gerecht werden soll. Die Realpolitiker, für die Nationen, auch kommunistische, ihren althergebrachten Interessen folgen, gerieten in die Hinterhand. Es schlug die Stunde der Moralisten, die später die Neocons heißen sollten. Sie waren für konsequente Aufrüstung, konventionell wie nuklear. Und für den Gleichklang aus militärischer Stärke und politischer Willenskraft. Seither ist es die Mission Amerikas, dass die richtige Seite siegt, im Kampf gegen den Kommunismus oder den Terrorismus.

Als Korea vorbei war, zeichnete sich Vietnam schon ab. Vietnam sollte beweisen, dass Amerika eine entschlossene, schlagkräftige Weltmacht war.

Mit Korea begann die Ideologisierung der Kriege. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse. Es ist so leicht, diese Kriege zu beginnen, und es fällt so schwer, sie zu beenden, und noch schwerer, daraus einen Erfolg zu machen. Mittlerweile bieten sich auch Afghanistan und Pakistan als Studienobjekte an. Die allmähliche Verwicklung in Pakistan nennen sie heute in Amerika schon ein neues Südvietnam.

Halberstams Buch beginnt mit dem Niedergang der 1. Kavalleriedivison, einer der größten Panzerdivisionen der US-Streitkräfte. Ihre Waffen versagen, weil der Winter grausam kalt ist. Als die Chinesen kommen, bleibt nur die Flucht. Walt Kowalski, der rassistische Misanthrop in »Gran Torino«, gehörte dieser Division an. Ihn plagt die Schuld, dass er den Krieg überlebt hat, während andere starben, und auch die Schuld, dass er getötet hat. Am Ende opfert er sich, ebenso pathetisch wie folgerichtig.

Philip Roth lässt Marcus Messner auf einem der nummerierten Hügel in Zentralkorea am 31. März 1952 sterben: »Und die Stahlklinge, die ihn aufschlitzte, war nicht weniger scharf und effizient als die Messer, mit denen in der Metzgerei das Fleisch für die Kunden geschnitten und zurechtgemacht wurde.« Die Gegend, in der Marcus mit 19 Jahren seinen Tod findet, sei »in den Berichten aus unserem Krieg der Jahrhundertmitte als Massacre Mountain« bekanntgeworden, schreibt Roth.

»Massacre Mountain«, das ist eine gute Metapher für Kriege an fernen Orten, die nur sehr schwer oder gar nicht zu gewinnen sind, auch nicht für die einzigartig überlegene Weltmacht USA.

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ESSAY, veröffentlicht im „Spiegel“ 21/2009

ALS ALLES BEGANN

DIE IDEOLOGISIERUNG DES KRIEGES

Von Gerhard Spörl

Seinen neuen Roman »Empörung« beginnt Philip Roth mit einer knappen Beschreibung der Gegenwart, in der Marcus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers aus Newark, sein kurzes, braves Leben entfaltet und aushaucht. Es ist Spätsommer im Jahr 1950, und kurz zuvor hat »das große Leid des Koreakriegs begonnen«, so lautet der erste Satz des Buches. Fortan hängt dieser Krieg, der in Amerika so gut wie vergessen ist, wie ein schwarzer Schatten über Marcus, einem jungen Menschen, »der sich gern in die Normen seines Viertels und seiner Schule fügt«. Als sich der Junge zum allerersten Mal in seinem Leben gegen eine Zumutung auflehnt, in einem lächerlichen Vorkommnis, das in keinem Verhältnis zur Konsequenz steht, da kommt er um, als Soldat in diesem Krieg.

»Gran Torino«, das neueste Alterswerk des alterslosen Clint Eastwood, ist ein Film über einen bösen alten Mann, der seine Kinder verachtet, seine Enkel ignoriert und seine asiatischen Nachbarn hasst. Aber natürlich hat auch Walt Kowalski eine Geschichte, von der sein Zippo-Feuerzeug, seine Waffen und seine geschundene Seele zeugen. Er gehörte der 1. Kavalleriedivision an, die im Oktober 1950 Pjöngjang eroberte und wenig später von General Douglas MacArthur ins Verderben geschickt wurde. Das Verderben, das waren die chinesischen Truppen, die in riesiger Überzahl den US-Soldaten schreckliche Niederlagen zufügten. Den schrillen Ton der Signalhörner, die das Zeichen zum Überraschungsangriff gaben, hat Kowalski noch im Ohr.

Da nähern sich drei große Amerikaner, jeder auf seine Weise, einem Krieg, der im kollektiven Gedächtnis von Vietnam verdrängt worden ist. Sie haben ungefähr zur selben Zeit an ihren Werken gearbeitet, damals, als Amerika und der Rest der Welt noch vom Fiasko im Irak und von George W. Bush vereinnahmt waren. Da schon sind Roth, Halberstam und Eastwood einer Spur gefolgt, die hinter Irak und sogar hinter Vietnam zurückführt.

Wann eigentlich hat es angefangen, dass Amerika, die im Zweiten Weltkrieg geborene Weltmacht, ferne Kriege führt, die es nicht gewinnt, die auf falschen Annahmen fußen und fatale Konsequenzen in sich tragen?

Am Anfang war Korea, ein stolzes kleines Land, mit dem Unglück der Geografie geschlagen, weil es drei unvergleichlich stärkeren Nachbarn im Weg liegt: China, Japan, Russland. Ein koreanisches Sprichwort lautet: »Im Kampf der Wale wird eine Krabbe zermalmt.« Korea ist in Asien historisch in derselben fatalen Lage wie Polen in Europa.

Was Korea heute ist, entstand als Zufallsprodukt nach dem Zweiten Weltkrieg. Truman und Stalin legten den 38. Breitengrad als die Trennlinie ihrer Besatzungszonen fest. Weder der eine noch der andere hatte gesteigertes strategisches Interesse an diesem Land. Für Stalin war Europa wichtiger, viel wichtiger, genauso wie für Harry Truman.

Am 25. Juni 1950 brach der Krieg aus. Der Norden, regiert von Kim Il Sung, dem Vater des heutigen Irrlichts Kim Jong Il, überfiel den Süden. Die ruhmreiche Sowjetunion stellte Ausbilder, Panzer, Granaten, Flugzeuge, Gewehre. China war damals schon die Schutzmacht, bereit zum Eingreifen, falls der Süden sich erfolgreich wehren oder das ganze Land unter seiner Vorherrschaft vereinigen würde.

Erst der Kampf der Wale verlieh der Krabbe Bedeutung. Von nun an ging es um Prestige, Selbstbehauptung und den Kampf der Ideologien. Da standen sie sich gegenüber, Amerika und die Sowjetunion, dazu China: die Avantgarde des Kapitalismus gegen die Avantgarde des Kommunismus.

Harry Truman, der die Politik der Eindämmung feindlichen Einflusses zum Wesen des Kalten Krieges erhoben hatte, fürchtete den Dominoeffekt. Was Deutschland für Amerika in Europa war, das war Japan für Amerika in Asien: der zum Verbündeten gewandelte Todfeind aus dem Zweiten Weltkrieg. Um Japan zu schützen, zog Amerika, versehen mit einem Mandat der Vereinten Nationen, in den Krieg.

China, Russland, Amerika: Im Vietnam-Krieg sollte sich diese Konfiguration der Großmächte wiederholen, mit einem ähnlichen Ergebnis. Auch für den Irak-Krieg lässt sich so eine Choreografie finden: hier die USA und Israel, dort Iran.

Wo so viele Mächte sich tummeln, häufen sich zwangsläufig Fehleinschätzungen. Mao war 1950 noch im Siegesrausch, weil seine Volksbefreiungsarmee gerade den Bürgerkrieg gewonnen und die Volksrepublik gegründet hatte. Er spekulierte darauf, dass Amerika Südkorea nicht zu Hilfe kommen würde. Amerika war am Ende ja auch nicht Chiang Kai-shek beigesprungen. Es hatte tatenlos zugesehen, als der General, der jahrelang aus den USA Geld und Militärhilfe bezogen hatte, vom Festland auf die kleine Insel Taiwan fliehen musste. Amerika hatte Interessen vor allem in Europa, weniger in Korea. Davon ging Mao aus.

Amerika wollte diesen Krieg tatsächlich nicht, weil es keine Streitkräfte mehr besaß, die große Schlachten gewinnen konnten. Von den 12 Millionen Soldaten des Zweiten Weltkriegs waren gerade noch 1,5 Millionen im Dienst. Das Budget des Verteidigungsministeriums betrug 1950 knapp 14,2 Milliarden Dollar; 1945 waren es noch 91 Milliarden gewesen. Amerika, die Weltmacht, war militärisch gesehen bestenfalls eine schwache Weltmacht. Die Divisionen, die anfänglich an die Front in Korea geworfen wurden, waren unterbesetzt, schlecht ausgebildet, die Ausrüstung war erbärmlich und das Korps der Offiziere bestenfalls Mittelmaß, so schildert Halberstam die Ausgangslage.

Allerdings besaß Amerika Atomwaffen und hatte sie ein paar Jahre zuvor eingesetzt, zweimal, in Hiroshima und in Nagasaki. Als die Nordkoreaner Seoul eroberten, erwog die Führung in Washington, die konventionelle Unterlegenheit nuklear zu korrigieren. Das verbot sich allerdings bei näherer Betrachtung, denn seit 1949 besaß auch die Sowjetunion solche Massenvernichtungswaffen. Die Gefahr zügelloser Eskalation war zu groß. Seither war noch jeder Krieg gezähmt, weil der volle Einsatz sämtlicher Waffen unmöglich ist. An der Grausamkeit konventioneller Kriege ändert das nichts, was die Massaker in Korea, die Napalm-Angriffe auf Vietnam oder die Vorkommnisse in Abu Ghuraib zeigen – oder auch die große Zahl an zivilen Opfern in Pakistan oder Afghanistan im modernen asymmetrischen Konflikt belegt.

An Vietnam erinnert der Konflikt zwischen der militärischen Führung und Teilen der Regierung in Washington. Auch da trieb ein General mit seinen Wünschen den Präsidenten vor sich her.

Die Lichtgestalt jener Jahre war General Douglas MacArthur, ein Genie der Strategie, aber auch ein maßloser Mann, der zur Könnerschaft brachte, was heute noch der Schlüssel für politische und militärische Entscheidungen ist: Wer den Fluss der Informationen beherrscht, beherrscht den Prozess der Meinungsbildung. Als sein Geniestreich, die Invasion bei Inchon am 15. September 1950, die erste von vielen Wendungen brachte, war er überlebensgroß, und er benahm sich auch so.

Bei einem Treffen mit Truman auf der Pazifikinsel Wake gab er die Zusicherung, Mao werde wohl kaum seine Soldaten gegen Amerika schicken. MacArthur schwebte vor, nicht nur Korea unter amerikanischer – genauer gesagt: unter seiner – Herrschaft zu vereinen. Ihm schwebte auch vor, über den Yalu-Fluss nach China vorzudringen und dem roten Spuk ein Ende zu machen. »Der Name des Konflikts lautet ,Koreakrieg‘, doch in Wahrheit war es eine Begegnung zwischen Amerika und China«, schreibt Jörg Friedrich in seinem Buch »Yalu – an den Ufern des dritten Weltkriegs«.

Truman machte viel falsch, bewies allerdings Mut, als er den ikonengleich verehrten General im April 1951 entließ. Denn die Amerikaner waren auf der Seite des Generals, der Präsident war hernach ganz und gar unpopulär. Deshalb traf Truman wegen Korea die gleiche Entscheidung wie Lyndon B. Johnson wegen Vietnam: Er verzichtete auf eine zweite Kandidatur.

Drei Jahre und vier Wochen dauerte der Krieg in Korea. In den großen Blättern Amerikas und im neuen Medium, dem Fernsehen, kam er spärlich vor. Die »New York Times« berichtete regelmäßig auf Seite zwei darüber. Truman mied das Wort Krieg, er sprach von einer Polizeiaktion im Auftrag der Uno. Das war ziemlich dreist angesichts der Tatsache, dass Amerika acht Armeedivisionen und starke Luft- und Seestreitkräfte in Korea einsetzte. 33 000 US-Soldaten starben dort.

Amerika blamierte sich. Der Norden überrannte den Süden, dann überrannte der Süden den Norden, weshalb die Chinesen eingriffen, und wieder überrannte der Norden den Süden. Ein Krieg mit Trompeten und Bajonetten wie 1914/18, aber auch mit modernen US-Flugzeugen, die mit ihren Bomben (und auch schon mit Napalm) in Korea mehr Opfer verursachten als in Deutschland im Zweiten Weltkrieg. 2 Millionen Zivilisten kamen in Korea um, dazu schätzungsweise 1,5 Millionen chinesische und nordkoreanische Soldaten sowie 415 000 südkoreanische.

Wofür eigentlich? Im Sommer 1953 ging der Krieg zu Ende, und alles blieb wie zuvor: Korea ist bis heute geteilt am 38. Breitengrad. Der Norden, regiert von Kim junior, ist nun ein Hungerreich mit Atomwaffen. Kim Jong Il, »der Irre mit der Bombe« (SPIEGEL 7/2005), treibt die Weltmacht USA genauso wie seine Schutzmacht China mit immer neuen Kapriolen vor sich her.

Südkorea ist mittlerweile ein marktwirtschaftliches Erfolgsmodell. Japan ist nach wie vor Amerikas wichtigster Verbündeter in der Region, wenn auch heute nur ein eher schwaches Gegengewicht zu China, die angehende Weltmacht des 21. Jahrhunderts. Taiwan bedeutet für China das, was Kuba für Amerika bedeutet: ein Ärgernis vor der Küste.

Im Zweiten Weltkrieg und danach hat Amerika in Europa ziemlich viel ziemlich richtig gemacht. In Asien aber hat Amerika nach 1945 ziemlich viel ziemlich falsch gemacht.

Im Korea-Krieg entwickelten sich auch die beiden Denkschulen, wie Amerika seiner Rolle als Weltmacht gerecht werden soll. Die Realpolitiker, für die Nationen, auch kommunistische, ihren althergebrachten Interessen folgen, gerieten in die Hinterhand. Es schlug die Stunde der Moralisten, die später die Neocons heißen sollten. Sie waren für konsequente Aufrüstung, konventionell wie nuklear. Und für den Gleichklang aus militärischer Stärke und politischer Willenskraft. Seither ist es die Mission Amerikas, dass die richtige Seite siegt, im Kampf gegen den Kommunismus oder den Terrorismus.

Als Korea vorbei war, zeichnete sich Vietnam schon ab. Vietnam sollte beweisen, dass Amerika eine entschlossene, schlagkräftige Weltmacht war.

Mit Korea begann die Ideologisierung der Kriege. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse. Es ist so leicht, diese Kriege zu beginnen, und es fällt so schwer, sie zu beenden, und noch schwerer, daraus einen Erfolg zu machen. Mittlerweile bieten sich auch Afghanistan und Pakistan als Studienobjekte an. Die allmähliche Verwicklung in Pakistan nennen sie heute in Amerika schon ein neues Südvietnam.

Halberstams Buch beginnt mit dem Niedergang der 1. Kavalleriedivison, einer der größten Panzerdivisionen der US-Streitkräfte. Ihre Waffen versagen, weil der Winter grausam kalt ist. Als die Chinesen kommen, bleibt nur die Flucht. Walt Kowalski, der rassistische Misanthrop in »Gran Torino«, gehörte dieser Division an. Ihn plagt die Schuld, dass er den Krieg überlebt hat, während andere starben, und auch die Schuld, dass er getötet hat. Am Ende opfert er sich, ebenso pathetisch wie folgerichtig.

Philip Roth lässt Marcus Messner auf einem der nummerierten Hügel in Zentralkorea am 31. März 1952 sterben: »Und die Stahlklinge, die ihn aufschlitzte, war nicht weniger scharf und effizient als die Messer, mit denen in der Metzgerei das Fleisch für die Kunden geschnitten und zurechtgemacht wurde.« Die Gegend, in der Marcus mit 19 Jahren seinen Tod findet, sei »in den Berichten aus unserem Krieg der Jahrhundertmitte als Massacre Mountain« bekanntgeworden, schreibt Roth.

»Massacre Mountain«, das ist eine gute Metapher für Kriege an fernen Orten, die nur sehr schwer oder gar nicht zu gewinnen sind, auch nicht für die einzigartig überlegene Weltmacht USA.

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So muss es sein, mit Leidenschaft um die Sache

Robert Habeck und Markus Söder haben mehr gemeinsam, als sie je geahnt haben. Beide wurden nicht, was sie gerne geworden wären. Beide haben gejammert und beide wirken heute so, als seien sie weitgehend mit sich im Reinen. Der Grund für die Katharsis drängt sich unschwer auf: Die beiden, denen sie weichen mussten, sind angeschlagen. Söder teilt mit Habeck die Genugtuung, dass es jetzt heißt, sie wären die besseren Kandidaten gewesen.

Auch inhaltlich sind sie sich gelegentlich erstaunlich nahe. „Wertegeleiteten Realismus“ empfiehlt Habeck Deutschland als Lehre aus Afghanistan. Diesen nicht ganz neuen, aber wirkungsvollen Begriff griff Söder sofort auf und wird ihn vermutlich in Kürze selber anwenden.

Nähe und Ferne der beiden Verlierergewinner ergaben sich gestern beim Duell unter dem hübsch ironischen Titel „Die einzig wahre Wahlkampfdebatte“. Vor allem aber redeten die beiden mit wohldosierter Leidenschaft über Sachthemen, stritten über den Sinn oder Unsinn von Steuererhöhungen, wobei Habeck erkennen ließ, dass er dicke Bretter gebohrt hat, um Kompetenz in der Finanzpolitik zu gewinnen. Sie waren sich darüber einig, dass der Staat in der Pandemie vieles richtig gemacht hat und in Afghanistan nicht alles schief gelaufen ist. 

Eine plausible Kombination nach dem 26. September ist ja immer noch Schwarz-Grün. Söder wie Habeck würden sicherlich eine tragende Rolle bei Verhandlungen über einen Koalitionsvertrag einnehmen. Nach diesem Interview habe ich ein gutes Gefühl: Das könnte gehen, wenn sie Gemeinsamkeiten betonten und Trennendes mit wertegeleitetem Realismus bearbeiten. Und nebenbei dürften sich der Markus und der Robert in Kürze duzen.

Ein ernsthaft geführtes Interview, auf Sachliches konzentriert, im Wettbewerb um Ideen, wie Deutschland nach der Pandemie wieder auf die Beine kommt: So soll es sein. Das hat gefehlt. Das gehört zur Demokratie, macht sie sogar aus. Und Respekt im Umgang der Gegner miteinander ist auch erfreulich.

Heute Abend steht das Triell bevor. Triell, na gut, Kunstwort, erfunden für und von RTL, das die Troika Scholz/Baerbock/Laschet vereint, befragt von Peter Kloeppel und Pinar Atalay. Es ließ sich auch ein Politikwissenschaftler; Albrecht von Lucke mit Namen, breit schlagen, die Triells für wahlentscheidend zu erklären.

Richtig ist, dass sehr viele Wähler noch sehr unentschieden sind, wen sie wählen sollen. Richtig ist auch, dass vier Wochen vor der Wahl die entscheidende Phase eingeläutet wird, in der sich Stimmungen und Trends verfestigen werden. Aber richtig ist auch, dass diese Wahl ereignisgetrieben ist: siehe Pandemie, Afghanistan, Unwetter. 

Zwei der drei Kandidaten haben Blei an den Füßen. Armin Laschet seit dem bubenhaften Lachen in der Flutkatastrophe. Annalena Baerbock seit ihren eitlen Übertreibungen in ihrem Lebenslauf. Nicht zufällig vergisst sie zu erwähnen, dass sie sich Kanzlerin zutraut. Und Laschet könnte ums Kanzleramt gebracht werden, wenn er nicht endlich die Kurve kriegt.

Was tun, wenn es an Beliebtheit fehlt? Vor den anderen warnen. Die anderen in Verdacht tauchen. Darin ist die CDU geübt, getrieben von Markus Söder, der bekanntlich keinen Bock auf Opposition hat. Also muss sich Laschet reinhängen und Deutschland vor Experimenten mit Regierungen ohne die Union aufs Schärfste warnen. Eine Kanzlerin Baerbock ohne jede Erfahrung? Womöglich Rot-Rot-Grün? 

Angeschlagen, wie sie ist, muss Baerbock tun, was sie vermeiden wollte: die Regierung angreifen – wegen der Fehleinschätzung in Afghanistan, wegen der schleppenden Klimapolitik etc, Bleiben die Grünen am 26. September unter 20 Prozent, landen sie etwa auch noch hinter der moribunden SPD, geht für sie die Welt unter und Baerbock ist aus dem Spiel.

Die Schwäche der beiden ist die Stärke von Olaf Scholz. Ihm kann nichts anhaben, was ihm anhängt. Der Cum-Ex-Schwindel ist zu kompliziert für die Reduktion des Komplexen. Der Reinfall mit dem einstigen Dax-Wunderkind Wirecard ist ebenfalls eher Detektivarbeit als Kampagnen-Material. Die SPD holt auch deshalb auf, weil das Querschläger-Duo Esken/Walter-Borjans ein Schweigegelübde abgelegt haben muss, so still, wie es darum geworden ist.

Scholz muss sich im Trielll nur einigermaßen souverän behaupten. Als hanseatischem Stoiker kommt ihm diese Rolle entgegen. Baerbock und Laschet dagegen müssen um sich schlagen, damit es nach Stärke aussieht. Nur eines können wir nicht erwarten: ein auf Sachthemen konzentriertes Triell, das den Wahlkampf aus der künstlichen Erregung über Kleinkram auf die Höhe der Probleme führt.

Eine Vorstellung, was auf dem Spiel steht und was eine Regierung sich vornehmen kann, haben uns Markus Söder und Robert Habeck gegeben. Daran muss sich das Triell messen lassen.

Veröffentlicht am 29.8.21 auf t-online.de.

Der Stoiker hinter Mick und Keith

Ach Charlie, alter Stoiker, ausgerechnet du musst zuerst gehen, wenn wir mal kurz von Brian Jones absehen, der schon 52 Jahre tot ist. Als du mit den Stones vor vier Jahren in Berlin gespielt hast, habe ich mich wieder mal gefragt: Was geht dir wohl durch den Kopf, wenn du diesen beiden zuschaust – dem ewigen Herumhampler und Beckenkreiser Mick Jagger und dem hart an seiner Selbstvernichtung arbeitenden Keith Richard? Du hattest sie so lange vor deiner Nase, auf wer-weiß-wie-vielen Touren in wer-weiß-wie-vielen-Städten auf sämtlichen Kontinenten. Im Januar 1963 bist du zu den Stones gestoßen. Vor 58 Jahre. Meine Güte.

Charlie Watts machte viele Fisematenten nicht mehr mit, die weder Mick noch Keith je ablegen möchten. Für immer jung, für immer zu enge Hosen, für immer Zigaretten und sonst noch was zwischen den Zähnen, für immer Frauen, die nicht unbedingt über 30 sein müssen, für immer Kinder. Mick bekam mit 73 noch ein Kind von einer 29jährigen. Das war vor seiner Herzoperation, Gott möge ihm ein langes Leben schenken.

Charlie hingegen: das weiße Haar penibel gekämmt, das Gesicht erstaunlich glatt, im Alter sah er wie ein Sioux aus, fand ich. Mit Krawatte und Anzug betrat er wie nebenbei die Bühne. Seit 1964 war er mit Shirley Ann verheiratet, das war noch vor dem Welterfolg der Stones. Was für eine Kontinuität in diesem irren Pop-Geschäft, was für ein bruchloses Leben. Er selber sagte über sein Verhältnis zu Glamour und Exzessen: Eigentlich habe ich mich nie bemüht, die Stereotypen eines Rockstars zu erfüllen. In den Siebzigern haben Bill Wyman und ich beschlossen, uns einen Bart wachsen zu lassen. Das hat uns erschöpft, mehr ging nicht.“

Charlie Watts ging nicht gern auf Tour. Er mache von jedem Bett, in dem er unterwegs schläft, eine Skizze, sagte er mal. Da kamen Berge zusammen, keine Frage. Als Hugh Hefner die Stones zu sich nach Hause einlud und rein zufällig viele seiner Bunnys herumstolzierten, interessierte sich Charlie für das Spielzimmer mit Billardtisch, Tischfußball und Spielautomaten.

Groupies mied er und Groupies schwirrten um die Stones wie Motten ums Licht. Man muss für möglich halten, dass er seiner Frau treu war oder jedenfalls sich darum bemühte. Auf der Bühne war er ein Herr, dizipliniert, ruhig, distanziert, auch asketisch. Vielleicht amüsierte er sich über die exaltierten Zuschauermassen, vielleicht befremdeten sie ihn. Er bearbeitete sein Schlagzeug und blieb irgendwie immer bei sich. Er war eben nicht Keith Moon, der Alleszertrümmerer, und er war schon gar nicht Ginger Baker, der mindestens genauso selbstzerstörerisch lebte wie Keith Richard.

Er war anders und legte Wert darauf. Vielleicht haben die Stones gedacht, dass er eines Tages einfach aufhört, weil er keine Lust mehr hat auf Flugzeuge, Hotelbetten und „Brown Sugar“. Aber „Sympathy for the Devil“ mochte er immer noch, da bin ich mir fast sicher. Zuerst in Hamburg 2017, kurz darauf in Berlin wirkte er geradezu beseelt, als die Stones diesen Song spielten. Natürlich nur einen Wimpernschlag lang ließ er die Maske fallen und war der leidenschaftliche Drummer, der Keith und Mick voran peitscht.

Anfang August kam die Meldung, dass Charlie Watts wahrscheinlich nicht auf der Amerika-Tour der Stones dabei sein kan. Er wollte sich einer medizinischen Behandlung unterziehen, das klang rätselhaft, aber hat irgendjemand gedacht, dass er, der Makellose, Ungewöhnliche, ans Sterben gehen würde?

Ruhe in Frieden, Charlie, alter Stoiker.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was man weiß, was man wissen sollte

Ich lese und höre jetzt ständig, dass niemand geahnt haben soll, wie schnell Afghanistan an die Taliban fällt. Der Präsident verschwindet ins Exil, die Soldaten laufen weg und lassen ihr schönes Kriegsspielzeug zurück, womit die Taliban noch besser ausgerüstet sind als zuvor.

Regierungen wissen immer alles oder können es wenigstens wissen. Dafür haben sie ganze Beamtenapparate, die beobachten und analysieren und ihre Informationen in Papiere gießen, die sie in Umlauf bringen. Regierungen können aber auch ignorieren, was ihnen Experten aus ihrer eigenen Umgebung zu bedenken geben. Am Ende kommt es darauf an, was ein amerikanischer Präsident oder deutscher Bundeskanzler wissen möchte. Und was er wissen mag, hängt von der Gegenwart ab, dem politischen Moment, dem Stand der Dinge.

Über den Krieg in Vietnam, den Amerika führte, nachdem Frankreich bei Dien Bien Phu geschlagen worden war, stand die ganze deprimierende Wahrheit in den „Pentagon Papers“, offiziell benannt als „Report of the Office of the Defense Vietnam Task Force“. Der Zeitraum erstreckte sich von 1945 bis 1967 und umfasste 3000 Seiten historischer Analyse und 4000 Seiten Regierungsdokumente. Es gab nur 15 Exemplare, denn das Unternehmen war geheime Kommandosache. Daniel Ellsberg, der an den „Pentagon Papers“ mitgearbeitet hatte, steckte sie der „New York Times“ zu, die sie 1971 veröffentlichte.

Die offizielle Vietnam-Politik fand immer neue Gründe, immer mehr Soldaten dorthin zu schicken und den Krieg auf Laos und Kambodscha auszuweiten. Sie war der Versuch, durch Eskalation und Expansion die Niederlage abzuwenden. Sie wollte nicht wahrhaben, wie die Wirklichkeit aussah. Sie wollte erzwingen, was nicht zu erzwingen war.

Im Dezember 2019 veröffentlichte die „Washington Post“ die „Afghanistan Papers“, eine Sammlung von Interviews mit 400 Experten, die militärisch oder politisch mit Afghanistan befasst waren. Die Interviews waren 2015/16 geführt worden. Hochrangige Beamte hielten damals schon den Krieg in Afghanistan für nicht gewinnbar. Rund 40 Prozent der Milliarden-Hilfe für den Wiederaufbau endete nach Schätzungen in den Taschen korrupter Beamter, Warlords, Krimineller und Aufständischer. Ryan Crocker, der Botschafter in Kabul gewesen war, sagte dazu: „Man kann nicht solche riesigen Summen in einen fragilen Staat und eine fragile Gesellschaft pumpen und sich dann darüber wundern, wenn noch mehr Korruption um sich greift.“

Die „Afghanistan Papers“, die intern „Lessons Learned“ hießen, sollten geheim bleiben. Damit blieb den Regierung die Freiheit, die Öffentlichkeit über den wahren Zustand der Dinge in Afghanistan hinwegzutäuschen. Und das tat sie denn auch.

Drei Präsidenten konnten wissen, dass Afghanistan ein Fass ohne Boden war und der Aufbau des Landes eine Illusion. Barack Obama schickte mehr Truppen hin, obwohl er die Truppen eigentlich heim holen wollte. Er folgte dem paradoxen Vietnam-Kalkül: erst eskalieren, dann beenden. Donald Trump zog offenbar die Konsequenzen und sagte sich: nix wie raus da, egal wie. Und Joe Biden vollzieht, wovon er wohl schon länger überzeugt war: Kein Segen ruht darauf, also raus.

Es ist also keineswegs so, wie die Moralisten in meinem Gewerbe meinen, dass niemand eine Ahnung hatte, was passieren würde, sobald die US-Truppen abziehen. Vielleicht wusste Heiko Maas nichts, aber seine Leute im Auswärtigen Amt werden schon gewusst haben, was seit Dezember 2019 spätestens bekannt war. Auch in der Bundeswehr müsste es eigentlich Kundige geben, die die Wahrheit kannten, entweder aus eigener Erfahrung oder durch Lektüre frei zugänglicher amerikanischer Zeitungen.

Mich würde interessieren, wer in der Bundesregierung wirklich was wann wusste und nicht wissen wollte, weil es gerade nicht passte, inopportun war, oder ob etwa Fachwissen kursierte, aber nicht zur Kenntnis genommen wurde.So ähnlich erging es einer Studie über eine Pandemie, 2013 angefertigt, in der erstaunlich prognostische Kraft steckte, die aber entweder nicht gelesen worden war oder in Vergessenheit geriet, als Covid-19 ausbrach.

Dass der Außenminister und die Kanzlerin Ahnungslosigkeit bekunden, ist eigentlich eine unerträgliche Kapitulation. Da fällt es schwer, Wohlwollen gegenüber der Regierung zu bewahren. Und nebenbei gefragt: Wie fühlt sich die wissbegierige, disziplinierte Kanzlerin bei so einem Eingeständnis?

Joe Bidens schwarzes Gespenst

Im Leben wie in der Politik ist es wohl einfach so, dass wir nur wissen, was wir wissen wollen – was in unser System, in unsere Vorstellungswelt hinein passt. Was wirklich in Afghanistan los war, wie es dort zuging, wusste man in Amerika spätestens seit Dezember 2019 aus den „Afghanistan Papers“, die aus Interviews mit 400 Militärs, Geheimdienstleuten, Diplomaten entstanden waren. Sie zeichneten einen grellen Zustandsbericht über Korruption und Inkompetenz in den Eliten und über den niederschmetternden Mangel an Kampfeswillen der einheimischen Streitkräfte.

Was sich in Kabul heute ereignet, ist die Folge der Bilanz, die so vernichtend ausfiel, dass die Regierung Trump sie geheim hielt. Die „Washington Post“ veröffentlichte sie.

Afghanistan ist kein Grund zu Schadenfreude, Afghanistan ist für Europa ein Grund zur Trauer. Die Schutzmacht des Westens, die immer noch militärisch irrsinnig überlegene Supermacht verspielt den letzten Rest an moralischer Glaubwürdigkeit, der ihr nach Vietnam, nach dem Irak, nach Syrien, nach Libyen geblieben ist.

Europa verliert mit, wenn Amerika verliert. Europa braucht Amerika immer noch, auch wenn Emmanuel Macron und Angela Merkel lange schon wissen, dass Europa endlich auf eigenen Füßen stehen sollte. Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr. 

Umgekehrt gewinnen Amerikas Feinde mit, wenn Amerika verliert. Sie besetzen umgehend das Vakuum, das durch einen schmachvollen Rückzug der stolzen US-Streitkräfte entsteht. Diese Erfahrung hat der Nahe Osten schon hinter sich und Asien hat sie jetzt vor sich.

Eilfertig sagen die Nachbarstaaten, sie würden das Islamische Emirat Afghanistan anerkennen. Iran will vorangehen. Pakistan hält ohnehin die Hand über die Taliban und wird seinen Einfluss eifersüchtig verteidigen. Auch China zögert nicht, den neuen Machthabern Ehre zu erweisen. Russland triumphiert, weil Amerika sich genauso sang- und klanglos aus dem Abenteuer zurückziehen muss wie die Sowjetunion 1988, wobei deren Invasion nur neun Jahre angedauert hatte und nicht zwanzig.

Niederlagen schwächen. Niederlagen haben Konsequenzen. Sie vollziehen sich ja auf der offenen Bühne der Geschichte und niemandem lässt sich ein Vorwurf machen, wenn er sich überlegt, was Afghanistan für ihn bedeutet.

Nehmen wir Japan, das auf Amerika angewiesen ist, vor allem in einem Konflikt mit China. Noch. Die pazifistische Grundhaltung hat Japan nach und nach aufgegeben. Seit zehn Jahren erst gibt es ein Verteidigungsministerium und die Aufrüstung, die ohnehin schon in Gang ist, dürfte sich unter dem Eindruck der Ereignisse am Hindukusch beschleunigen. Geostrategisch unterliegt Japan einer Zangenbewegung aus China und Russland. 

Wie glaubwürdig ist Amerika noch? Das ist die Frage aller Fragen, die sich zum Beispiel auch die Regierung in Taiwan stellen muss. Taiwan ist diplomatisch draußen in der Welt völlig isoliert. Dafür sorgt China. Bleibt Amerika und nur Amerika als Schutzmacht, als Garant der Unabhängigkeit. Immer noch?

China ist entschlossen, die kleine Insel, auf der sich die Antikommunisten nach der Niederlage im Bürgerkrieg nieder ließen, heim ins Reich zu holen. Das Drohpotential Amerikas ist seit Afghanistan dramatisch gesunken. Das Drohpotential Chinas im selben Maß gestiegen. Ereilt Taiwan das gleiche Schicksal wie Hongkong? Wahrscheinlich.

Eine Neuorientierung nach der Zäsur in Afghanistan kann gar nicht ausbleiben. Was denken sie in Vietnam, das den ewigen Nachbarn China fürchtet und die USA als Gegengewicht schätzt? Oder was überlegt man sich auf den Philippinen? Oder in Indonesien? In Indien?

Amerika sammelte die Nachbarstaaten, die Balance gegen China suchten, um sich. Das war geschickt, vor allem dann, wenn man davon ausgeht, dass die Konfrontation zwischen der alten und der neuen Weltmacht in diesem Jahrhundert unvermeidlich ist.

Also ein neuer Wettlauf der Systeme. Ein neuer Weltanschauungskrieg. Ein neuer kalter Krieg. Das sagt Joe Biden offen, als wäre es selbstverständlich. Dafür reiste er um die Welt und bat die Verbündeten um Verständnis und Unterstützung. Damit muss er jetzt von vorne anfangen und erneut begründen, warum Asien und Europa noch auf die Verlässlichkeit der lädierten Supermacht bauen sollten.

Biden ist 79 Jahre alt. Ihm bleibt wenig Zeit. An Wiederwahl ist nicht zu denken. Afghanistan hat er nicht angefangen, aber aufgehört. Und die Taliban sind von nun das schwarze Gespenst, das ihm überall hin folgt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.