Mit Real gefreut, mit Chelsea getrauert

Gestern habe ich mir das Rückspiel Chelsea gegen Real angeschaut. Bayern habe ich ignoriert, weil ich mir dachte, die machen das schon, die rächen sich, kommen eh weiter. Das interessantere Spiel war nun mal Tuchel gegen Ancelotti, Havertz/Werner/Rüdiger gegen Kroos/Alaba. Ich wusste gar nicht, zu wem ich halten sollte, was mir wirklich selten passiert. Ich finde Thomas Tuchel großartig und werde es Aki Watzke ewig nachtragen, dass er ihm kündigte – nach dem Pokalsieg, nach einer wirklich guten Saison mit einem entscheidend geschwächten Kader.

Beim Hinspiel hatte mir Real imponiert und der Sieg war gerecht, wenn auch der schreckliche Fehler von Torwart Mendy ein Tor mehr bescherte, als gerecht gewesen wäre, aber so ist Fußball eben, Fehler werden sofort bestraft. Und genau dieses Tor führte am Ende zum Ausscheiden Chelseas.

Auch das Rückspiel zeigte Fußball in Reinkultur. Zwei großartige Trainer, zwei großartige Mannschaften. Technik und Leidenschaft. Taktik und explosiver Individualismus. Auch beim 3:0 fühlte ich mich noch nicht sicher, denn diesmal hielt ich zu Chelsea, das das Spiel so beherrschte wie Real das in Chelsea beherrscht hatte. Selbst als das 3:2 in der Verlängerung fiel, hinreißender Kopfball von Benzema, war noch nichts entschieden. In den letzten beiden Minuten hätte Chelsea zwei Tore schießen können. Unbedingt köpfte Havertz knapp an der Latte vorbei und dann schoss, ich glaube Mount, auch unbedrängt, aus sieben Metern neben das Tor.

Das Besondere an diesem Spiel waren die Alten. Kroos, 32, brillierte und war verständlicherweise sauer, als Ancelotti ihn in der 72. Minute auswechselte, wobei der junge Franzose Camavinga zeigte, dass er irgendwann Kroos ersetzen kann. Dann Benzema, 34: besser als Lewandowski. Und über allen Modrić, 36, der auf einzigartige Weise das Spiel macht, wenn Kroos draußen ist. Dieser Pass über 30 Meter mit dem Außenriss in Rodrygos Lauf: unfassbar!

Tuchel hatte seine Mannschaft blendend eingestellt. Werner rechtfertigte sein Vertrauen. Havertz: elegant wie immer, aber der Kopfball muss drin sein. Rüdiger: kraftvoll, ein herrliches Tor, aber vor Benzemas Kopfball rutscht er im Strafraum aus.

Auch Ancelotti imponiert mir. Immer ruhig, immer cool, auch beim 0:3, auch im Sieg. Was Zidane mit dieser Mannschaft nicht mehr gelang, nämlich das Optimale aus ihr herauszuholen, geling Ancelotti.

Endlich mal ein Fußballspiel, das anzuschauen eine reine Freude war. Am Ende habe ich mich mit Real gefreut und mit Chelsea getrauert.

Dazu passt doch, dass der Kleinstadtklub Villareal den großen FC Bayern besiegt hat. Nicht, dass ich die Niederlage nicht schade fände, aber die ewige Angeberei, die Nagelsmann nicht teilt, muss ab und zu bestraft werden, oder?

Mit Verlaub, mit dieser Regierung sind wir gut bedient

Ab und zu ist es sinnvoll, nach draußen zu schauen, um das Drinnen besser zu verstehen. Boris Johnson war in der Ukraine, spazierte mit Wladimir Selenskji durch Kiew, natürlich schwer bewacht, und behauptet, dass niemand so kompromisslos wie er an der Seite der Ukraine steht. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass er Flüchtende aus der Ukraine nur mit Visum ins Land lässt und sogar das Entgegenkommen preist, dass sie nicht persönlich auf dem Konsulat erscheinen müssen. Typisch Johnson, würde ich sagen, zynischer Clown, bereit zu jeder Show, damit die Partys in Downing Street während der Pandemie in Vergessenheit geraten.

Oder mal diese Überlegung: Was wäre eigentlich, wenn der Bundeskanzler Armin Laschet oder Friedrich Merz hieße? Wäre Deutschland dann besser dran? Glaube ich nicht. Ja, Olaf Scholz ist nicht der große Kommunikator, aber er ist im Stoff, ist kompetent, durchdenkt die Optionen und ist vertrauenswürdig, oder? Wie wäre es denn, wenn wir gelegentlich die Männer und Frauen, die uns regieren, bei ihren Stärken nähmen und nicht andauernd ihre Schwächen beklagten?

Robert Habeck vermag es, die Drangsal des auferlegten Pragmatismus im Verhältnis zum Wünschenswerten beispielhaft zu reflektieren und Annalena Baerbock hat den richtigen Ton sehr schnell gefunden. Dazu zeigt Christian Lindner, dass er auf der Höhe der Probleme ist. Also, mit Verlaub, wir sind gut bedient mit dieser Regierung.

Auch bin ich erleichtert, dass der Moralismus in der Betrachtung des Krieges und den Mitteln seiner Beeinflussung allmählich nachlässt. Neulich saß die Grüne Marie-Luise Beck bei „Anne Will“ und sprach sich inständig für eine Flugverbotszone aus, unter dem Hinweis, das sie vom Militärischen nichts verstünde. Keineswegs steht sie allein mit ihrer Empfehlung, man müsse doch irgendetwas tun. Damit rückt pragmatisches Wirklichkeitsverständnis fast automatisch in die Defensive, wenn nicht in die Nähe mangelhafter Menschlichkeit. Man sollte aber schon wissen, was eine Flugverbotszone nach sich zieht, zum Beispiel einen dritten Weltkrieg. Kann man das wollen? Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen, heißt es bei Wittgenstein. Gute Maßregel.

Natürlich muss man ein Herz aus Stein haben, wenn man bei den Bildern von gefesselten toten Zivilisten oder Massengräbern nicht von heißer Wut ergriffen wird. Oder diese an Niedertracht beispiellosen Lügen aus dem Kreml –  wer würde Sergej Lawrow nicht am liebsten ins Gesicht springen? Dass der geschundenen Ukraine so viel geholfen werden muss, wie nur irgend möglich, versteht sich von selber. Gehört aber ein Embargo auf Öl, Kohle und Gas dazu?

Entscheidende Frage. Schlimmes Versäumnis, dass Deutschland auf Diversität der Energieversorgung verzichtet hat. Doch diese Abhängigkeit lässt sich nicht einfach abschütteln. Auf Kohle und Öl aus Russland können wir wohl auch auf kurze Sicht verzichten. Auf Gas können wir jedoch nicht so schnell verzichten, weil dann ganze Industriezweige wie Chemie/Pharma/Metall/Stahl/Elektronik/Auto/Anlagenbau in maximale Schwierigkeiten geraten. 

Die Teuerungsrate liegt ja jetzt schon hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Lebensmittel- und Energiepreise steigen weiter, was jeder Konsument am Geldbeutel merkt und etliche Konsumenten noch stärker merken als andere. Die negativen Auswirkungen lassen sich in Frankreich studieren, wo Marine LePen die Kaufkraft zum Mantra ihres Wahlkampfes macht und damit enormen Erfolg erzielt.

Kriege haben Auswirkungen, die sich überall niederschlagen, politisch wie wirtschaftlich. So ist das nun einmal. Das Ausmaß lässt sich begrenzen. Vor allem aber braucht es eine Regierung, welche die Nerven behält und dem Moralismus, so verständlich er auch ist, nicht nachgibt.

Wäre der Ukraine denn geholfen, wenn die politischen Auswirkungen eines Embargos Deutschland politisch so veränderten, wie sie Frankreich verändern? Stellen wir uns kurz mal vor, Marine LePen wird Präsidentin und die Regierung Scholz verliert den Rückhalt, den sie jetzt noch genießt: Damit wird die Europäische Union nicht nur dramatisch geschwächt, sondern sie zerfällt in ihre Einzelteile und auch die Nato büßt an Schlagkraft ein. Zur Konsequenz gehörte dann ebenfalls, dass die Ukraine plötzlich allein da steht, da die Aussicht, Mitglied der EU zu werden, minder attraktiv erscheint.

Und Wladimir Putin hätte erreicht, woran er überall auf der Welt arbeitet, in Syrien wie Libyen, in Serbien wie Ungarn wie in der Ukraine: die Schwächung des Westens in seinen wesentlichen Institutionen.

Die Zeiten bleiben finster. Die Offensive in der Ostukraine steht bevor. Das Land benötigt noch mehr Kriegsgerät und moralische Unterstützung, was denn sonst. Leider nur in dem Maße, das uns gegeben ist.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Meine Stadt, meine Alster

Hamburg. Schöne Stadt. Sauber, reich, traditionsbewusst, bürgerlich, arrogant. Mag ich alles. Hier kam ich im August 1980 an, ein Kind aus kleineren Verhältnissen, wusste nicht, was ich konnte, ob ich in dieser wunderbaren, arroganten, bürgerlichen „Zeit“ bestehen konnte. Gestern habe ich mit meinem Chef von damals telefoniert, Theo Sommer, genannt Ted, der beste Chef, den ich je hatte. Er verbreitete gute Laune, vor allem dann, wenn an einem Dienstag das Blatt auf den Kopf gestellt werden musste, weil Sadat ermordet worden war oder Maggie Thatcher die Falklands zurückerobern wollte. Als ich meine ersten Leitartikel schrieb, gab er mir immer das Gefühl: Ich weiß, Sie sind nervös, aber ich weiß, dass Sie das können, nur munter darauf zu. In seinem Kopf dachte er sich ganz bestimmt: Was er nicht hin kriegt, biege ich gerade. Aber nicht Zweifel säte er, sondern Vertrauen.

Gestern habe ich mit Ted telefoniert. Seine Stimme: die alte. Er sagte, er hätte sich im Alter weniger aufregende Zeiten gewünscht. Im Juni wird er 92. Er schreibt an seinen Memoiren. Ich freue mich darauf, ihn zu sehen und sie zu lesen.

Früher fuhr ich gerne nach Berlin und kam gerne nach Hamburg zurück. Heute lebe ich ich gerne in Berlin und komme gerne zwischendurch mal nach Hamburg. Aus dem Hotelzimmer schaue ich auf die Außenalster, auf der ich segeln lernte. Gegenüber in der Fontenay 13 c hatten wir in den ersten Jahren gewohnt. Wenn ich aus dem Büro nach Hause kam, fuhr ich meinen Sohn Vincent im Buggy die Alster entlang. Für mich war es ein seelenerhebendes Erlebnis, um die Ecke zu biegen und Segelboote mitten in der Stadt zu sehen. Als ich selber segeln konnte, war ich fasziniert davon, dass die Geräusche der Stadt auf dem Wasser verschluckt wurden.

Zuletzt haben wir an der Elbe gewohnt, Höhe Strandperle. Über die Straße, den Weg hinunter, ein Glas Wein in der Hand, dann kam, hatten wir Glück, ein riesiges Containerschiff, voll beladen, und zwei Lotsenboote vorne und hinten bugsierten den Koloß elegant rückwärts zum Entladen.

Jetzt wohnen wir auch am Wasser. Aus der Haustür, um die Straßenecke, ein paar Stufen hinunter und schon bin ich am See. Bis Ende November bin ich reingegangen, morgens um 7, der Graureiher wartete mich ab und flog dann elegant über das Wasser, über dem Frühnebel lag. Einmal, ich trocknete mich gerade im Dämmerlicht ab, jagte ein Horde Wildschweine an mir vorbei. Sehr froh war ich, dass sie mich noch nicht einmal ignorierten.

Nun noch heute und morgen die alte Stadt, in der ich 37 Jahre mit Unterbrechungen in Bonn und Washington gewohnt habe. Nach Ostern komme ich wieder hierher und besuche Ted, den besten Chef ever.

Wahrheit und ihre Beugung

Gestern Abend habe ich mir „Maischberger“ angeschaut. Sie unterhielt sich mit dem ukrainischen Botschafter Andrej Melnyk, der seit dem 24. Februar einen Sonderstatus erreicht hat und wahlweise den Bundespräsidenten beschimpft oder die Bundesregierung aufs Schärfste kritisiert. Dieses Monopol hatte bislang Richard Grennel inne, der in Trumpscher Manier mit Unflat um sich warf.

Ein Land wird von einem größeren überfallen, begeht Kriegsverbrechen, legt Städte in Schutt und Asche. Da muss es auch einem Botschafter erlaubt sein, Forderungen zu erheben und Wünsche auszusprechen und Kritik zu üben. Wenn er dazu in diese und jene Talkshow eingeladen wird, nutzt er den Ausnahmezustand, wer könnte es ihm verübeln. Auffällig ist nur, dass er einerseits instrumentalisiert wird und andererseits auf ein derart schlechtes Gewissen stößt, so dass ihm angemessene Fragen erspart bleiben, weil sie niemand traut. Instrumentalisiert, weil er eingeladen wird, um seine Gravamina vorzutragen. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass die Herren Klingbeil/Söder etc. leise werden oder verdruckst vortragen, warum Deutschland kein Embargo einführt.

Diese Verlegenheit führt zu argen Verkürzungen der Wahrheit, die der Botschafter gepachtet hat. Es ist ja nicht nur so, dass wir mit Nord Stream 1 Putins Krieg finanzieren. Diese Pipeline führt bekanntlich durch die Ukraine und dafür bekommt sie auch jede Menge Gebühren bezahlt und zwar nicht zu knapp. Hat schon mal irgendjemand diese schlichte Gegenfrage gestellt? Nicht dass ich wüßte. Oder die Richtigstellung unseres Kanzlers, dass Putin an das Geld, das wir für bezahlen, momentan nicht herankommt. Sie ist einfach verebbt und wird als Argument nicht benutzt. Oder die Waffenlieferungen: Gabor Steingart, der seine Machete neuerdings stecken lässt, wies gestern darauf hin, dass die Ukraine mit Waffen aus Amerika geflutet wird, so dass dafür Deutschland keineswegs gebraucht wird. Stimmt. Also, aus welchem Grund dann lassen sich die Deutschen unverdrossen an den Pranger stellen? Amerika ist wichtig. Zumal das ukrainische Militär auch deshalb aufopferungsvoll kämpfen kann, weil es per Satellit über russische Stellungen und Truppenbewegungen informiert ist, vom CIA und möglicherweise von Militärberatern. Auch so ein Faktum, das beschwiegen wird.

Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit, heißt es. Nirgendwo stirbt sie derart umfassend wie in Russland, wo Lawrow und Putin abwegige Geschichten aus dem Wienerwald erzählen. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskji, den ich persönlich bewundere, tritt man gewiss nicht zu nahe, wenn man liebend gerne wüßte, wo seine Wahrheit endet und wo seine Beugung beginnt, denn er richtet sich ja immer wieder an das westliche Publikum, damit dessen Herz unverdrossen für sein Land pochen möge und so viele Staaten wie möglich die Sanktionen verschärfen und Schützenpanzer etc. liefern.

Wenn David gegen Goliath kämpft, muss man ganz einfach für David sein. Aber David muss schlau und listig sein und auch tückisch, denn wie sollte er sonst gewinnen. In seinen Mitteln kann er gar nicht wählerisch sein, er muss ja seinen Nachteil ausgleichen. Zumal Goliath Brutalität vorzieht und die Erde verbrennt, wo er kann. Aber was heißt das: Goliath darf den Krieg nicht gewinnen? Und wer sorgt dafür, dass er den Krieg nicht gewinnt? Oder anders gefragt: Welcher Sieg kommt einer Niederlage gleich?

Der Bundeskanzler hat diesen kryptischen Satz gesagt, um dem herrschenden Moralismus der Stunde zu relativieren. Auch das verstehe ich, aber wenn es sich nicht um eine Leerformel handeln sollte, muss Olaf Scholz rasch präzisieren, was er meint.

Finstere Zeiten ziehen herauf

Wer Olaf Scholz gestern Abend im ARD-Interview zuhörte, erlebte einen Kanzler, der bestens informiert und hoch besorgt ist. Er sprach von der Wiederkehr des Imperialismus, der mit Gewalt Grenzen verändern will. Also ist die Ukraine kein Einzelfall und wir müssen mit mehr rechnen – mit einer Ausweitung des Krieges, solange Wladimir Putin über Russland herrscht.

Deshalb schließt die Wiederaufrüstung der Bundeswehr zu Streitkräften, die den Namen verdienen, den Kauf eines mobilen bodengestütztes Systems zur Abwehr von Raketen, Artillerie und Mörsern ein – den berühmten „Iron Dome“, den Israel entwickelt hat und anwendet. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass der Kanzler und seine Regierung mit dem Schlimmsten rechnen und sich darauf einstellen.

Olaf Scholz betonte im Interview Mal um Mal, dass der Westen die Ukraine mit Waffen aller Art beliefert hat und weiterhin beliefern wird, auch Deutschland. Dazu versorgt der amerikanische Geheimdienst CIA die ukrainische Armee mit Satellitendaten in Echtzeit, wo russische Panzer sich bewegen, wo russische Raketenstellungen stehen und auf welchen Straßen die Armada der Versorgungsfahrzeuge unterwegs ist.

Alles richtig und wichtig. Damit ist aber auch gar nicht zu übersehen, dass der Westen mit seiner Vormacht USA in den Krieg verwickelt ist.

Dass die Nato weder eine Flugverbotszone einrichtet noch direkt  in diesen Krieg eingreift, weil die Ukraine nicht dem Bündnis angehört, ist eine feine, wichtige Unterscheidung. Dazu kommt die Vielzahl der Sanktionen, die Wirkungen entfalten, auch wenn das Embargo auf Öl, Gas und Kohle aus Rücksicht auf unsere von diesen Rohstoffen abhängige Industrie ausbleibt. Damit unterstützen wir die Ukraine in ihrer Verteidigung gegen einen Überfall, ohne in den Krieg einzugreifen.

Und was passiert aus Putins Sicht?

Aus Putins Sicht befindet sich Russland im Krieg mit Amerika. Amerika ist daran schuld, dass die Ukraine sich wehrt, dass womöglich 10 000 russische Soldaten gestorben sind, dass Verbände mit ihren Vorstößen in den letzten Tagen die Invasoren da und dort zurückschlagen können. Ohne US-Satelliten, ohne Panzer und Panzerabwehrwaffen aus dem Westen, hätte die Ukraine nicht schon fast fünf Wochen lang Widerstand leisten können. Und dazu hofiert der gesamte Westen den Präsidenten Wolodimir Selenskji, der per Video Reden an den Kongress in Washington oder an den Bundestag nach Berlin halten darf und dafür stehende Ovationen bekommt.

Diktatoren suchen immer die Schuld bei anderen. Bei finsteren Mächten im Ausland. Bei Versagern in der Armee und im Geheimdienst. Oder glaubt irgendjemand, dass Putin in sich geht und feststellt: Ich habe mich geirrt, ich habe Fehler gemacht, ich bin Irrtümern aufgesessen?

Ein Diktator, der nicht bekommt, was er haben will, ist doppelt gefährlich. Davon zeugen zerstörte Städte wie Mariupol. Die militärische Logik der stagnierenden Invasion ist Terror gegen Zivilisten, weshalb systematisch Raketen auf Krankenhäuser und Kindergärten, auf Hochhäuser und Wohnsiedlungen fallen. In Odessa richten sie sich auf Angriffe ein, Kiew ist schon seit Tagen im Ausnahmezustand. Lviv ist auch schon angegriffen worden. Das Prinzip Grosny heißt: Macht platt, was steht; vertreibt, wen ihr vertreiben könnt; tötet, wer sich nicht ergibt.

Wohin führt das? Vier Optionen bieten sich an.

1.) Der Krieg zieht sich hin. Stadt auf Stadt zerfällt. Zehntausende sterben. Dann könnte Präsident Selenskji, um das Töten zu beenden, das Angebot machen: Ich gehe ins Exil, wenn die Russen den Krieg beenden. Dann bekommt Putin doch noch, was er will: Er annektiert die ganze Ukraine und setzt in Kiew einen Quisling ein.

2.) Da Putin alte imperiale Größe anstrebt, bleibt er nicht in der Ukraine stehen. Da seine Armee erschöpft ist, kann die nächste Phase jedoch nicht konventionell ausfallen. Statt dessen zündet er wirklich eine Atombombe in der Atmosphäre als Zeichen seiner Entschlossenheit und richtet seine Erpressung zum Beispiel an Polen: Besser für euch, wenn ihr Nato und EU verlasst und euch uns unterwerft.

3.) Präsident Selenskji liegt womöglich mit seiner Behauptung nicht falsch, dass Berlin das Endziel ist. Dann wäre die Ukraine heute, was damals Spanien war: ein Exerzierplatz für größere Vorhaben, den Weltkrieg.

4.) Im inneren Machtzirkel des Kreml finden sich Verschwörer zusammen, denen Putin zu weit geht und ziehen ihn aus dem Verkehr. Da er mit Zusammenrottung rechnet, wie alle Alleinherrscher, und dagegen Vorkehrungen trifft, steckt in dieser Option wohl vor allem Wunschdenken.

Putin hat sich zu einem klassischen Diktator aufgeschwungen, der sein Land als Opfer einer Serie von Demütigungen versteht. Immer steckt Amerika dahinter, in der Ukraine wie in Georgien. Die Ausdehnung der Nato nach Osten ist aus dieser Sicht eine großangelegte Intrige und ein Verrat dazu. Jetzt aber ist Amerika schwach und machtlos: in Syrien, in Libyen, in Afghanistan. Und Europa ist nichts ohne atomaren Schutz der USA. Die Vertreibung Amerikas aus Europa wäre der ultimative Triumph, das umgekehrte 1989, die Revision der geostrategischen Katastrophe, wie Putin das Ende der Sowjetunion nannte.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich solche Überlegungen je anstellen müsste. Aber es gibt Grund zu weitreichenden Befürchtungen. Davon zeugte auch der eindrucksvolle Auftritt des Bundeskanzlers in der ARD. Finstere Zeiten sind heraufgezogen. Bleibt nur die Hoffnung, dass sich bald Unverhofftes zu unserer Erleichterung ereignet.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Klug, urteilssicher und amüsant

Natürlich hätte man von ihr gerne noch gewusst, was sie von Putin hält und ob sie glaubt, dass er es bei der Ukraine beläßt. Madeleine Albright gehörte zu den Menschen, die klare Meinungen ihr eigen nennen und damit nicht hinter dem Berg halten. Ihre Stimme war kraftvoll und vibrierte in den höheren Tönen. Damit erreichte sie Kultstatus, der ihr Gastauftritte bei den „Gilmore Girls“ und in „Madame Secretary“ bescherte. Natürlich war sie ein ernsthafter Mensch, gebildet, lehrte in Georgetown, war die erste Außenministerin der USA, aber sie war auch amüsant und nahm sich selber nicht blutig ernst. Schöne Charakterzüge. 

Mit Joschka Fischer verstand sie sich richtig gut. Sie mochte ihn, den Autodiktaten, der oft so angestrengt wirkte, weil er sich und der Welt unbedingt beweisen wollte, dass er so gut wie ein geborener Außenminister war. Sie wurde in Prag geboren, kam aus einer Diplomatenfamilie, bürgerlicher geht es kaum. Er stammte aus einer ungarischen Familie, weitaus kleinere Verhältnisse.

Vielleicht wirkte das Gegensätzliche weniger als das Gemeinsame: die Wurzeln in einem anderen Boden, die Flucht, und die nicht einfache Ankunft in einem anderen Land. Das Mütterliche in ihr richtete sich freundlich auf ihn aus und so wurde aus Madeleine und Joschka ein vorzügliches Tandem auf der Weltbühne. Sie sagte über ihn: „Er ist eine der klügsten und moralischsten Persönlichkeiten, die ich kenne.“ Dieses Urteil bildete sie im Kosovo-Krieg, den beide hochmodisch begründeten.

Ihre Eltern hatten 1938 gerade noch im letzten Augenblick die Tschechoslowakei verlassen und die kleine Madeleine wuchs in Amerika auf. Sie beriet etliche demokratische Präsidentschaftskandidaten, eher Verlierer, die heute vergessen sind, mit der Ausnahme Jimmy Carter. Sie pendelte zwischen Universität und Politik, die sie faszinierte und anzog. Sie war 58 Jahre alt und Bill Clintons Kandidatin für das Außenministerium, als sich ihr Leben im Jahr 1996 auf den Kopf stellte.

Ihre Eltern hatten ihr nie erzählt, dass sie jüdischen Glaubens waren und viele Familienmitglieder im Holocaust umgebracht worden waren. Dass erfuhr sie detailliert zum ersten Mal von einem Reporter der „Washington Post“. Er sei plötzlich an sie herangetreten „und zeigte mir eine List von Nazi-Opfern mit den Namen meiner Verwandten. Es war eine Sache, von meinen jüdischen Wurzeln zu erfahren, eine ganz andere, mit dem Horror des Todes in den Lagern konfrontiert zu werden“, sagte sie dem „Spiegel“ vor einem Jahr.

Vor knapp 30 Jahren waren Frauen in herausragenden Ämtern noch eine Seltenheit. Es war ziemlich schlau, dass sie daraus Symbolik schlugen. Margaret Thatcher setzte ihre Handtasche wirkungsvoll ein, zückte sie we ein Schwert und platzierte sie lautmalerisch neben sich. Madeleine Albright fiel durch ihre überdimensionierten Broschen auf, die sie maximal auffälligem Revers  trug. Angeblich verband sie damit politische Botschaften an jeweilige Gesprächspartner, was natürlich  Quatsch war, aber sie hat sich ganz bestimmt über die Beschäftigung der Journalisten mit Nebensächlichkeiten amüsiert.

Nach ihrer Zeit als Außenministerin schrieb sie Buch auf Buch, war gefragt und ließ sich gerne fragen, reiste umher und suchte Freunde wie Joschka Fischer auf. Ihre Bemerkungen über Putin waren stets von tiefem Misstrauen geprägt. Sie warf ihm falsches Spiel vor, traute ihm viel zu und ermahnte westliche Politiker zur Vorsicht im Umgang mit ihm und zu Klartext im Gespräch, das auch. Tja, sie war eben klug aus historischer Erfahrung. Die jungen Frauen an den heutigen Schalthebeln der Macht können von Madeleine Albright lernen, wenn sie mögen.

Am Mittwoch starb sie nach längerer Krankheit an Krebs.

Veröffentlich auf t-online.de, gestern.

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Der große Gescheiterte

Oskar Lafontaine ist der große Gescheiterte der deutschen Politik. Er wollte viel, war ungemein begabt, ein guter Redner, ein Menschenfänger in seinen besten Zeiten. Mit einer einzigen Rede fegte er einen Vorsitzenden hinweg, das war Rudolf Scharping, an den sich nur noch die Älteren unter uns erinnern, mühsam. Mit seinem Mangel an Begeisterung für die Wiedervereinigung war Lafontaine ein Solitär unter den führenden Sozialdemokraten und entzweite sich deshalb mit Willy Brandt, seinem Vorbild und Mentor.

Natürlich ist Lafontaine auch eine tragische Figur, weil eine geistig verwirrte Frau ihm ein Messer in den Hals rammte, das war am 25. April 1990. Er gönnte sich keine längere Rekonvaleszenz, sondern stieg bald wieder ins Geschäft ein. Dass er fortan noch misstrauischer gegenüber Menschen war, die es gut mit ihm meinten, dass er sich nicht nur innerlich, sondern äußerlich isolierte, hängt vermutlich mit der geringen Ruhezeit nach dem Attentat zusammen. 

Es ist seltsam, dass zwei herausragende Figuren deutscher Politik kurz hintereinander Opfer von Attentaten in der wilden Zeit rund um die Wiedervereinigung wurden, erst Lafontaine und dann am 12. Oktober 1990 Wolfgang Schäuble. So verschieden diese beiden politisch und kulturell auch waren, so gut verstanden sie sich als Schicksalsgenossen. Miteinander konnten sie offen reden, vielleicht haben sie sich sogar wechselseitig ein bisschen therapiert. Beide machten so schnell wie möglich wieder weiter mit der Politik, eigentlich vom Krankenbett aus. Beide kamen trotz der schrecklichen Zäsur in die Nähe des Kanzleramtes, das sie sich trotz alledem zutrauten, und scheiterten dann an einem Größeren.

Lafontaine scheiterte an Gerhard Schröder, den er nicht ganz ernst nahm, dem er sich überlegen fühlte. Lafontaine, nicht Schröder, war der Liebling der deutschen Linken in den Anfängen der Ökologiebewegung und auch der Medien, dem „Spiegel“ vornweg. Auch deshalb bewunderte der Gerd den Oskar, von dem er sich einiges abschaute. Und dann schaltete der Gerd den Oskar aus. Der Gerd wurde Kanzler und der Oskar sein Finanzminister. Das hielt der Oskar nicht aus und schon gar nicht durch. Am 11. März 1999 schmiss er hin, zog sich ins Saarland zurück. Ein Schock, nicht nur für die Regierung, sondern für das ganze Land. Und das passierte der Sozialdemokratie, in der sich Größere wie Brandt/Schmidt/Wehner miteinander arrangiert hatten und Solidarität ein Leitbegriff war, eher zu viel gebraucht als zu wenig.

Für Lafontaine gilt der Satz: Die wenigsten Menschen scheitern an ihrer Intelligenz, sie scheitern an ihrem Charakter. Andere traten vor ihm aus politischen Gründen von ihren Ämtern zurück, zum Beispiel Willy Brandt. Lafontaine aber genießt bis heute das Privileg, dass er hinwarf und nicht mehr gesehen ward.

Von da an ging es mit ihm bergab. Ein Rechthaber war er immer gewesen und wurde es jetzt umso mehr. Die Linke war für ihn das Instrument, die SPD klein zu machen, sie aus der Regierung zu hebeln und ihr irgendwann die Bedingungen fürs Regieren zu diktieren. Eine Zeitlang ging es ja auch gut. Die Linke wuchs, im Osten sowieso, aber auch im Westen. Rot-Rot-Grün schien sich zur Regierungsalternative auszuweiten. Was wäre das für ein Triumph gewesen! Was für eine Genugtuung hätte darin gelegen! Doch nichts ist daraus geworden.

Die Geschichte, weiß man seit Marx, wiederholt sich zweimal: zuerst als Tragödie, dann als Farce. Die Tragödie war die Entfremdung von der SPD. Die Entfremdung von der Linken war nur noch eine Farce, erwartbar und nicht einmal für die Linke ein Schock.  Immerhin hielt Lafontaine eine letzte Rede im saarländischen Landtag. Dort hatte er angefangen, dort hört er jetzt auf. 

Der Oskar ist jetzt Privatier, im Alter von 77 Jahren. Seine Memoiren vermisst niemand, aber er wird sie schreiben, was soll er sonst machen. Der Gerd, fünf Monate älter, reist umher und versucht seinen Ruf zu retten, von dem nichts mehr zu retten ist. So gesehen ist der Oskar heute besser dran.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was zum Hören: Zweimal Bob Dylan

Am 7. Juni 1969 trat ein wohlfrisierter junger Mann in Hemd und Jackett ans Mikrophon und spielte ein Lied, von dem Nick Cave viele Jahre später sagte, er hätte es zu gerne geschrieben. Es ist ein einfaches Lied, nicht sehr lang und der junge Mann singt es in der Johnny Cash Show so wohlartikuliert, dass wir heute noch gut verstehen, worum es geht und was er meint. Er singt von der verlorenen Liebe und bezichtigt sich, dass er sie schändlich behandelt hat und weggeworfen hat, was ihm jetzt, während er singt, leid tut, ohne dass er der Illusion anhängen würde, sie ließe sich wiederbeleben.

Bob Dylan stand da am Mikrophon und natürlich fragten sich die Dylan-Deuter, von denen es vermutlich viele Millionen gibt, wem er nachtrauert. Suze Retolo, die ihn in Literatur und Philosophie einführte? Joan Baez, die schon berühmt war, als er noch nicht berühmt war, und ihn auf die Bühne holte, während er, dann berühmt auch dank ihrer, sie auf der Tour durch England nicht auf die Bühne holte – nicht so großzügig, nicht so selbstlos wie sie, seine Freundin zu dieser Zeit?

Egal, ich glaube, da macht einer Zwischenbilanz und fragt sich, was da schief gelaufen ist. Er hat Sara Lowndes geheiratet, nach seinem Motorradunfall zog er sich ins Privatleben zurück, eben mit ordentlicher Frisur und bürgerlicher Kleidung. Dann tastet er sich in sein anderes Leben zurück, schreibt Lieder und geht ins Studio. „I threw it all away“ spielte er George und Pattie Harrison im November 1968 zum ersten Mal vor. Beim Auftritt in der Johnny Cash Show singt er diesen einfachen, fast unverhüllten Song erstmals öffentlich. Auf YouTube ist er der bemerkenswerte Auftritt des bürgerlichen Bob Dylan festgehalten. Unbedingt anschauen, unbedingt hörenswert, dieses einfache Lied, kurz für den Freund der langen Balladen.

 I once held her in my arms
She said she would always stay
But I was cruel
I treated her like a fool
I threw it all away

Once I had mountains in the palm of my hand
And rivers that ran through every day
I must have been mad
I never knew what I had
Until I threw it all away

Love is all there is, it makes the world go ‚round
Love and only love, it can’t be denied
No matter what you think about it
You just won’t be able to do without it
Take a tip from one who’s tried

So if you find someone that gives you all of her love
Take it to your heart, don’t let it stray
For one thing that’s certain
You will surely be a-hurtin‘
If you throw it all away
If you throw it all away

Ich bin kein Dylan-Experte. Ich bin jemand, der sich seit einiger Zeit mit ihm beschäftigt und immer wieder darüber staunt, was sich entdecken lässt. Zum Beispiel kenne ich seit gestern „It ain’t dark yet“, habe es mehrmals angehört und den Text nachgelesen. Bob Dylan hat es 1997 veröffentlicht, ziemlich genau 30 Jahre nach „I threw it all away“. Das Didaktische fehlt („Take a tip from one who’s tried“), der Pessimismus bordet über, grenzt an Nihilismus – „it ain’t dark yet„. Wer würde nicht als Selbstbeschreibung lesen: „I know it looks like I’m walking but I’m standing stil“. Und für den ganz langen Bogen seit „The times they are a-changing“ diese Zeile: „Well my sense of humanity has gone down the Drain“. Bemerkenswert die Gitarrenmelodie, die zu schweben scheint und diesmal dem Text nicht nur funktional zugeordnet ist, sondern gleichberechtigt ist. Unbedingt anhören, auf YouTube.

Shadows are fallin‘ and I’ve been here all day
It’s too hot to sleep and time is runnin‘ away
Feel like my soul has turned into steel
I’ve still got the scars that the sun didn’t heal
There’s not even room enough to be anywhere
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

 I once held her in my arms
She said she would always stay
But I was cruel
I treated her like a fool
I threw it all away

Once I had mountains in the palm of my hand
And rivers that ran through every day
I must have been mad
I never knew what I had
Until I threw it all away

Ich bin kein Bob-Dylan-Experte. Ich bin nur jemand, der sich seit einiger Zeit mit ihm beschäftigt und immer wieder staunt, was sich entdecken lässt. „It ain’t dark yet“ kannte ich bis gestern nicht, seither habe ich es oft gehört, den Text nachgelesen, wieder gehört. Es ist das Gegenteil und zugleich die Ergänzung zu „I threw it all away“. Auswegloser Pessimismus spricht daraus, Nihilismus sogar. „Well, my sense of humanity has gone down the drain“ lässt sich schon als Selbstaussage verstehen. „I know, it looks like I’m moving, but I’m standing still“ könnte eine poetische Selbstbeschreibung sein.

Das Lied singt er 1997 zum ersten Mal. Es ist wunderbar lyrisch durch den ungewöhnlichen Sound der Gitarren, die erstaunlich viel Eigenleben genießen dürfen, wo doch Dylan seinen immer sehr guten Musikern prinzipiell wenig Freiraum zugesteht. Sonst ist die Musik konzentriert auf den Text, diesmal Unterhalt sie ihn nicht nur, sondern bringt ihn zum Schweben. Großartig.

Shadows are fallin‘ and I’ve been here all day
It’s too hot to sleep and time is runnin‘ away
Feel like my soul has turned into steel
I’ve still got the scars that the sun didn’t heal
There’s not even room enough to be anywhere
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I

Unberechenbar wie die Hölle

Wladimir Putin lässt Sirenenklänge hören, stellt ein Treffen mit Volodimir Selenskji in Aussicht, das aber gut vorbereitet sein müsste, wie er sagt, damit dabei etwas herauskommt. Glaubt man das? Eigentlich nicht. Zu oft gelogen, zu oft gedroht, zu viel Groll. Aber natürlich wäre es ein Segen, wenn dieser Krieg aufhören würde. Irgendwie, aber nicht irgendwann, sondern bald schon.

Illusionslosigkeit gegenüber diesem seltsamen Mann, der zu allem fähig zu sein scheint, inklusive dem Einsatz taktischer Atombomben, ist ein Gebot des gesunden Menschenverstandes. Der Brand in Tschernobyl, der Angriff auf einen Militärstützpunkt an der Grenze zu Polen, die Erinnerung an die Trümmerlandschaft in Grosny: Vom Schlimmsten auszugehen, empfiehlt sich gegenüber diesem Russland. Zu oft sind Macron und Scholz und andere zu Putin gepilgert und mussten sich von ihm täuschen lassen, im Wissen, dass sie getäuscht werden, wobei Putin genau wusste, dass sie wissen, dass er sie täuscht, aber sie nichts dagegen tun konnten. Wahrscheinlich liegt in dieser Tücke eine ungeheure Genugtuung für die westliche Geringschätzigkeit, zum Beispiel in Barack Obamas Satz, Russland sei doch nur noch eine Regionalmacht. 

Die Lage, wie sie ist, gibt nicht Aufschluss darüber, ob Putin ernsthaft Verhandlungen mit der Ukraine anstrebt, auf neutralem Boden, womöglich in Israel. Niemand kann auch die Gerüchte plausibel einschätzen, dass er Geheimdienstleute unter Hausarrest gestellt hat und Generäle auswechselt. Schauen wir uns einfach den Stand der Dinge an:

  1. Die Truppen, die zur ersten Welle der Invasion gehörten, wurden offenbar im Dunkel belassen, worum es geht. Daraus erklärt sich der Mangel an Motivation, als aus der „Spezialoperation“, die ein  Blitzkrieg sein sollte, nichts wurde. Der erstaunliche Widerstand der ukrainischen Armee wiederum erklärt sich aus den Informationen, die ihnen der amerikanische Geheimdienst zukommen lässt – dank Satellitenaufnahmen über die Bewegung etwa der Versorgungsfahrzeuge, von denen einige nun Schrott sind, genauso wie der eine oder andere Panzer. Selenskji ist wohl besser auf dem Laufenden als der abgeschottete Putin in seinem Kreml.
  2. Die Ukraine ist doppelt so groß wie Deutschland. Kann man so ein Land einfach besetzen? Wohl kaum, zumal wenn die Bevölkerung feindselig eingestellt ist. Je mehr die russische Armee die Städte in Trümmer legt, desto größer fällt die Erbitterung aus und desto schwerer wird die Besetzung. Die Ukraine ist nicht fern wie Afghanistan. Dieses Drama spielt sich hier ab, in Europa, vor aller Augen. Und ein Rückzug in Unehren, auf den es ja hinausliefe, wenn der Krieg endete, wäre ein weltweit beachtetes Ereignis und für Putin eine geostrategische Katastrophe. Könnte er sie politisch überleben? Doch wohl nicht. 
  3. Interessant ist, worüber Wladimir Putin momentan nicht spricht: von der Entnazifizierung der Ukraine, von der Ukraine als Herz Russlands, das historisch kein Recht auf Eigenständigkeit besitzt. Er thematisiert auch nicht die stille Zusammenarbeit der USA mit dem ukrainischen Militär. Er könnte ja sagen: Seht her, ich hab’s doch immer gesagt, Amerika ist mitten drin dabei, ist Kriegspartei. Tut er momentan nicht, kann noch kommen, klar. Natürlich kann er morgen auch wieder mit nuklearen Schlägen drohen, ist nicht ausgeschlossen. Putin ist unberechenbar wie die Hölle.
  4. Das Kriegsziel bestand ursprünglich darin, die Regierung in Kiew wegzufegen und durch eine Marionettenregierung zu ersetzen – zurück zu den herrschenden Verhältnissen vor dem Maidan-Aufstand 2013. Nun könnte das Kriegsziel die Neutralisierung der Ukraine sein, wofür es eine Verfassungsänderung braucht. Selenskji könnte sagen: Okay, machen wir, kein Problem, denn Verfassungsänderungen können später irgendwann auch wieder geändert werden. Wer heute auf den Beitritt zur Nato verzichtet, muss nicht auf alle Ewigkeit darauf verzichten. Dazu käme noch die Anerkennung der Krim und der beiden Volksrepubliken im Donbass. Selenskji könnte die Kontaktlinie vor dem Krieg anerkennen, mehr geht wohl nicht. Vermutlich legt er es kompensatorisch darauf an, dass sein Land auf längere Sicht wenigstens der EU beitreten darf. Verdammt schmerzhafte Entscheidungen könnten bevorstehen. Doch wenn Aussicht auf ein Ende des Krieges besteht, mag vieles relativ werden. Die Ukraine ginge gestärkt hervor, Russland geschwächt.
  5. Die Vielzahl an Sanktionen beginnt zu wirken, kein Wunder, so breitflächig, wie sie angelegt sind. 7 bis 9 Prozent dürfte das russische Bruttosozialprodukt sinken, sagen Experten. Der Rubel ist in freiem Fall, der Börsenhandel ist ausgesetzt, Unternehmen stellen das Geschäft mit und in Russland ein. Ja, uns tut es geht, wenn es Putin schlecht geht. Moralisch ist das einwandfrei, doch ist es auch politisch klug? Ist es nicht. Diese Sanktionen haben eine entscheidende Schwäche: Sie sind als Selbstzweck gedacht, als Bestrafungsaktion. Besser wäre es, daraus ein Politikum zu machen. Klug wäre es, sie mit politischen Forderungen zu verbinden und damit eine Botschaft zu senden: Bei Waffenstillstand nehmen wir einige wichtige Sanktionen zurück. Bei Verhandlungen, wie sie Putin womöglich nur zum Schein, womöglich aber auch aus Not ankündigt, setzen wir einige Sanktionen aus.
  6. Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck hat in der Sendung von Sandra Maischberger den Satz fallen lassen: Ein bisschen frieren für die Freiheit sei den Deutschen zumutbar. Mächtige Empörung, großes Echo. So löst man eine Debatte aus. Wirtschaftlich wäre der Verzicht auf Nord Stream 1 eine Katastrophe, wohl wahr. Moralisch ist es eine Katastrophe, dass Putins Russland im vorigen Jahr aus Deutschland 19,4 Milliarden Euro für Öl und Gas überwiesen bekam und in diesem Jahr wegen der gestiegenen Preise noch ein paar Milliarden Euro mehr. Wir füttern seine Kriegsmaschinerie, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Syrien und Libyen, auch das ist wahr. Der Krieg kennt keine Unschuldigen. U

In diesen Tagen scheint vieles möglich zu sein. Schönes und Schreckliches. Kriegsende und Kriegsverschärfung. Verhandlungen und Städte in Schutt und Asche. Und beides hängt von einem einzigen Menschen ab, Wladimir Putin. Das ist der maximal beunruhigende Tatbestand.