Ich will der Größte sein und ich bin es

Als vor ein paar Tagen die Air Force One gelandet war, da konnte man Donald Trump vor einem Plakat sehen, auf dem stand „Kennedy Center abgerissen“. Natürlich war das kein Zufall, denn die Journalisten auf dem Rollfeld und die Fotografen sollten unbedingt sehen, womit er sich gerade beschäftigte.

Das Kennedy Center steht in Washington und ist das nationale Kulturzentrum der USA, der Inbegriff von großer Kunst. Es wurde 1971 eröffnet und nach dem ermordeten Präsidenten John F. Kennedy benannt. Dort treten Stars der Oper, des Schauspiels, der Comedy, der klassischen Musik und der Pop-Kultur auf. Und jährlich werden Größen des Geschäfts ausgezeichnet – von Bob Dylan und George Clooney über Led Zeppelin bis zur Opernsängerin Renée Fleming.

Donald Trump passte die Ausrichtung dieser ehrwürdigen Institution ganz und gar nicht: zu liberal, zu unabhängig, keine Trump-Freunde, die da gefeiert wurden. Er feuerte den Vorstand, übernahm selbst den Vorsitz und besetzte das Kuratorium mit Gefolgsleuten. Und dann ließ er das Center umbenennen – in „Donald J.Trump und John F. Kennedy Center of the Performing Arts“, wie der Titel in voller Schönheit lautet

Diesen unbändigen Ehrgeiz, sich an die Großen der Nation zu hängen, müssen wir Normalsterblichen nicht verstehen. Er steckt tief in seinem narzisstischen Gemüt und deshalb ist er ruhelos auf der Suche nach Selbsterhöhung. Zum Glück behielt ein US-Bundesrichter die Nerven und sorgte mit seinem Urteil dafür, dass der Name Trump wieder entfernt werden musste.

Der 47. Präsident der USA nimmt Niederlagen schwer. Er sinnt dann auf Rache, Er sagte, nun habe er kein Interesse mehr am Kennedy Center, das ohnehin nichts tauge – es sei sterblich. Seit Juli ist es geschlossen; offiziell soll es renoviert werden. Aber Trump spielt mit dem Gedanken, das Gebäude, das sich ihm verweigerte, mit der Abrissbirne zu behelligen.

Die Selbstherrlichkeit hat sich ja beim Abriss des Ostflügels am Weißen Haus bewährt. Trump redet nicht herum. Er sagt, was ihm durch den Kopf geht. Er macht, was er er sagt. Auch diesmal?

Ob wir wollen oder nicht, zwingt uns Donald Trump fast täglich dazu, uns mit ihm zu befassen. Nicht allein mit seiner welterschütternden Schaukelpolitik, sondern auch mit seinen neuesten Privateinfällen. Man muss nur seine Plattform „Truth Social“ lesen, denn dort stellt er sich so dar, wie er sich sieht und gesehen werden möchte.

Oft sind es Ergüsse in absurder Grandiosität. Da sitzt er hoch zu Ross neben George Washington, ebenfalls zu Pferde. Da steht er Aug in Aug mit den Kriegsgenerälen George Patton und Douglas Mc Arthur. Oder er zeigt sich als erhabener Kommandeur auf einem Flugzeugträger. Oder er tanzt enthusiastisch zu seinem Lieblingshit „YMCA“ beim Umbennen des Lake Ontario zu Lake America.

Natürlich sind diese Collagen von der Künstlichen Intelligenz erzeugt. Aber die Vorstellung ist schon gespenstisch, dass der Oberbefehlshaber der Supermacht nächtens im Weißen Haus etliche Stunden damit verbringt, seine macho-überladene Phantasie auszuleben, indem er in die Haut von Hulk Hogan schlüpft und dann Hulk Hogan im Armdrücken besiegt.

Woher kommt dieser Zwang zu unerschütterlicher Selbstvergrößerung? Ist das krankhaft oder nur selbstverliebt oder handelt es sich um einen Grenzfall? Darüber haben sich schon Psychologen und andere Experten mit mehr oder weniger Expertise gebeugt. Alle sind sich wenigstens so weit einig, dass es sich bei Donald Trump, 80, um einen seelischen Sonderfall handelt.

Von Richard Nixon weiß man, dass er Zwiesprache mit den Präsidenten-Portraits im Weißen Haus hielt, aber sie fielen in die Spätphase vor seinem Rücktritt und er hat immer bestritten, dass er diese Dialoge geführt habe. Von John F. Kennedy weiß man heute, dass er zahllose Affären hatte, aber erst nach seinem Tod haben wir davon erfahren.

Trumps Selbstfeier kann und soll sich jedermann live anschauen und darüber staunen. Bei all dem Irrsinn, den er stiftet, bleibt noch Zeit für seine Dorian-Gray-Selbstbewunderung. Es ist ihm außerordentlich wichtig, sich mit Jesus auf eine Stufe zu stellen. Und er will, dass wir wissen, wie großartig er von sich denkt.

Natürlich fällt auf, dass die KI-gestützte Selbstbeweihräucherung in letzter Zeit zunimmt, da ihm wenig zu gelingen scheint. Der Iran-Krieg, die Ukraine, der Konflikt mit Kanada, der Popularitätsabfall, Gaza, Grönland, Chinas Aufstieg: Vielleicht ist es einfach so, dass Donald Trump umso unermüdlicher an seinem Selbstbild arbeitet, je weniger ihm die Wirklichkeit ihm zu willen ist. Nur ist das Ausmaß an Überkompensation bedenklich.

Gut möglich, dass er die Zwischenwahlen im November verliert. Dann bleiben ihm noch zwei Jahre –und uns die beklemmende Notwendigkeit, ihn in der Wirklichkeit und in seiner Selbstverblendung ernst zu nehmen.