Er kam wieder und wieder

Neuerdings wirkt Benjamin Netanyahu dünn und schmal, was kein Wunder ist in seinem Alter, er wurde am vorigen Mittwoch 77. Nach vier Jahren Krieg an vielerlei Fronten, und mit der Aussicht, in Kürze nicht mehr Premierminister des Staates Israel zu sein, ist ihm die fast übermenschliche Anstrengung anzumerken. Die Reporter, die ihm auf Schritt und Tritt folgen, schreiben nun, ihm fehle die Leichtigkeit und das aufbrausende Selbstbewusstsein früherer Kampagnen. 

Das könnte auch Wunschdenken sein. Netanyahu regiert Israel so lange wie kein anderer Premier. Er verlor Wahlen, er schien ein Mann von gestern zu sein, aber er kam wieder und wieder. In Etappen regiert er insgesamt 19 Jahre lang sein Land. Die Parteien, mit denen er koalierte, wechselte er aus, so dass er bleiben konnte. Seine glühendsten Anhänger skandieren „Bibi, König von Israel“, wenn er auftaucht. Diesen Mann vorzeitig abzuschreiben, ist ein ziemlich hohes Risiko.

Morgen wählt Israel. Netanyahu oder nicht, das ist die übergeordnete Frage, über die 7,3 Millionen Menschen entscheiden. Netanyahu ist die Chiffre für alle großen Themen, die das Land heute beherrschen und zutiefst spalten. Wer ist für den Überfall am 7. Oktober 2023 verantwortlich , als die Hamas rund 1 200 Menschen töteten und 251 zu Geiseln nahm? Sind die wohl 74 000 Toten im Gaza die Rache wert? Ist Israel heute sicherer durch die Kriege gegen Hamas, Hisbollah, Houthis, Libanon und Iran? Ist es wirklich gleichgültig, was die Welt von Israel denkt? 

Über die Jahre hat sich Netanyahu in unterschiedlichen Rollen gezeigt. Ursprünglich galt er als jemand, der eher Risiken scheut, selbst wenn er wie einst Cato sagte, im übrigen sei er der Meinung, Iran müsse zerstört werden. Er galt als der Premier, dem es ausschließlich darum ging, seine Macht nicht zu gefährden. Als er am 1. November 2022 wiedergewählt wurde, da sagte er, dass Israel in einem „goldenen Zeitalter“ lebe, denn das Land genieße gerade „das ruhigste und sicherste Jahrzehnt seiner Geschichte“. Er wollte damals „den „Zirkel des Friedens weiter ziehen“ und zwar mit dem Ziel, „den arabisch-israelischen Frieden herzustellen“.

Damit war allerdings nicht Gaza oder das Westjordanland gemeint, sondern die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit den Feinden von gestern, nämlich den Vereinigten Emiraten, Bahrain, Marokko und Sudan in den Jahren zuvor. Die Abkommen sollten nun, so hatte es Netanyahu damals vor, vor allem um Saudi-Arabien ergänzt werden, denn das ölreiche Königtum mit seinen heiligen Stätten ist das Zentrum der islamischen Welt nicht nur im Nahen Osten.

Der 7.Oktober zerstörte das goldene Zeitalter, von dem Netanyahu phantasiert hatte. Der Risikoscheue verwandelte sich in den Rächer seiner Nation, der die Feinde rundum mit Kriegen überzog. Seine Vision von Israel scheint ein neues Sparta zu sein, ein permanent kriegsbereites kleines Land, hochgerüstet und allen Nachbarn militärisch überlegen, stets bereit und willens einen neuen Krieg zu führen und wenn nötig auch zwei oder drei Kriege nebeneinander.

Kein Zweifel, dass Israel seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr das gleiche Land ist. Es ist nach rechts gerückt. Es scheint so zu sein, dass die Mitleidlosigkeit gegenüber den rund 74 000 Opfern im Gaza mehrheitsfähig ist. Und das Sicherheitsdenken geht weit über das nationalkonservative Lager hinaus.

Natürlich hat sich auch Donald Trump eingeschaltet und zur Wiederwahl Bibis aufgefordert, den er wieder als Freund nach Monaten der Entfremdung ansieht; da machte er ihn als Schuldigen für sein Problem mit Iran aus.. Inzwischen hegt Trump die Absicht, nach seiner eigenen Wahl am 3. November den Krieg wieder verstärkt aufzunehmen.

Zwei Wahlen, zwei ältere Herren, kriegsbereit und mit dem Rücken an der Wand. Aber was wäre, wenn Netanyahu wegen Abwahl nicht mehr zur Verfügung stünde? 

Sein Nachfolger könnte Gadi Eisenkot, 66 werden. Biographisch ist er ein Gegenpol zu Netanyahu: Arbeiterkind, Eltern aus Marokko, einfache Verhältnisse; dann General und Stabschef der israelischen Armee. Eisenkot gehörte dem Kriegskabinett an, das Netanyahu nach dem 7. Oktober einrichtete. Er kritisierte den Premier öffentlich für den Ruf nach völliger Vernichtung der Hamas, den er für unrealistisch hielt und deshalb zurücktrat. 

Anders als Netanyahu würde Eisenkot vermutlich nicht den Rechtsstaat aushöhlen, und er würde sicherlich als Premier eine Untersuchung über die Verantwortung der Regierung für den 7. Oktober 2023 einleiten. Ansonsten fallen die politischen Unterschiede kaum ins Gewicht.

Auch Eisenkot lehnt eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern ab. Auch er tritt für die Besiedelung des Westjordanlands ein. Vermutlich würde er nicht so weit gehen wie Netanyahu, der mit den religiösen Fanatikern um Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir koalierte und damit die Verachtung für Palästinenser als Menschen zweiter Klasse, die den Tod verdienen, hoffähig machte. Aber auch Eisenkot ist rechts und deshalb bekommt er vielleicht am Dienstag die meisten Stimmen.

Laut Meinungsumfragen hat Eisenkot einen leichten Vorsprung. Aber Netanyahu ist Premier und weiß seinen Vorteil zu nutzen. Er ließ Teile des Westjordanlandes abriegeln, nachdem zwei israelische Soldaten in Hebron getötet worden waren. Da war er wieder, Benjamin Netanyahu, der Rächer. Kurz vor der Wahl noch einmal als beispielloser Beschützer seines Volkes in Erscheinung treten zu können und seine Wähler daran zu erinnern, was sie an ihm haben, kam ihm zweifellos gelegen.

In den letzten Stunden könnte sich im Wahlkampf die Frage auftun, wem die Israelis ihr Land anvertrauen, wenn der amerikanische Präsident den Krieg mit Iran wieder aufnimmt. Etwa doch Netanyahu?