Im Getriebe verloren

Bärbel Bas tritt zurück und führt dafür private Gründe an. Dafür gebührt ihr Verständnis und Achtung. Wenn es gut geht, schweigen sogar die Gegner, die ansonsten kein gutes Haar an der Arbeit und Sozialministerin fanden. Dass die Häme in den sozialen Medien für einen Moment versiegen könnte, wagt man kaum zu hoffen.

Menschen, die politische Spitzenämter bekleiden, sind selten zu beneiden. Im Normalfall kostet sie die Anstrengung nicht nur Kraft und Energie, sondern auch Substanz. Wenn es nicht gut geht, führt der Aderlass zu Erschöpfung und Krankheit.

Ich weiß, dass menschliches Verständnis für die Riege Klingbeil/Merz/Bas nicht gerade mehrheitsfähig ist, aber sei’s drum. Natürlich ist Macht auch wie eine Droge, die über Schlafmangel und Dauerstress hinweg hilft. Fragt sich immer nur, wie lange. 

Dass Politiker oder Politikerinnen zurücktreten, kommt ständig vor. Jens Spahn ist das jüngste Beispiel, durchaus trostlos. Oder sie geben nach Niederlagen auf wie Robert Habeck. 

Nur eine Minderheit aber entzieht sich dem Getriebe aus freien Stücken. Franz Mündefering, das SPD-Urgestein, legte sämtliche Ämter nieder, um seine todkranke Frau zu pflegen, was nun wirklich aller Ehren wert ist. Allerdings sind Männer, die das Menschliche über das Berufliche stellen, eher eine Seltenheit. 

Jacinda Ardern war Premierministerin in Neuseeland, weltweite geachtet, national umstritten, wie das eben so ist. Sie legte überraschend im Januar 2023 ihr Amt nieder. Als Grund nannte sie Erschöpfung und dass sie nach Jahren der Krisenbewältigung „keine  Kraft im Tank“ mehr hatte.

Kurz darauf zog sich in Schottland die Regierungschefin Nicola Sturgeon zurück. Sie sagte, sie habe sich in der Politik als Mensch verloren. 

Bärbel Bas hatte eines der schwierigsten Ämter in der Regierung inne. Sie wirkte robust und kämpferisch. Ihre SPD schätzte sie besonders deshalb, weil manche ihrer Bemerkungen an die alte Klassenkampf-Rhetorik erinnerte. Im Binnenverhältnis mit dem smarten, aber sanften Lars Klingbeil war sie, geboren im tiefsten Ruhrpott, eine ferne Erinnerung an die Arbeiterpartei seligen Angedenkens.

Ihr Privatleben hielt Bärbel Bas privat, was sie ebenfalls ehrt. Dass ein Todesfall im engsten Familienkreis den Gedanken an den Ausstieg aus der Politik auslöste, ist für jeden, der kein Herz aus Stein hat, durchaus nachzuvollziehen. Wünschen wir ihr doch schlicht und einfach Kraft und Zuversicht für ihre Trauerarbeit. 

Veröffentlicht auf t-online.de, am Montag.