In der Lausitz steht jetzt der höchste Windturm der Welt, 365 Meter hoch, gebaut von einem Ingenieur aus Dresden
Herr Professor Großmann, Sie haben den größten Windturm der Welt in der brandenburgischen Provinz, in Schipkau, gebaut. Was ging Ihnen durch den Kopf, als er am Montag endlich stand?
Als der Turm seine Weltrekordhöhe von 365 Metern erreicht hatte, empfand ich vor allem Stolz und Dankbarkeit. Stolz auf die außergewöhnliche Teamleistung und Dankbarkeit gegenüber allen, die dieses anspruchsvolle Projekt möglich gemacht haben. Gleichzeitig war da großer Respekt vor der technischen Leistung – und die Gewissheit: Wir haben die Fähigkeit, solche Innovationen zu verwirklichen.
Warum Schipkau, wo bis vor 30 Jahren noch Braunkohle abgebaut wurde?
Schipkau steht wie kaum ein anderer Ort für den Wandel unserer Energieversorgung. Wo früher Braunkohle abgebaut wurde, entsteht heute mit modernster Technologie neue Energie. Genau dieser Wandel macht den Standort für uns so besonders: Wir wollen zeigen, dass industrielle Regionen ihre Geschichte nicht hinter sich lassen müssen, sondern daraus die Zukunft gestalten können.
Der Aufbau zog sich über Tage hin, weil immer wieder Wind aufkam. Hatten Sie zwischendurch ernsthafte Sorge, dass es nicht klappen würde?
Die Spannung war wirklich mit Händen zu greifen, aber ernsthafte Sorgen hatten wir zu keinem Zeitpunkt. Wir haben seit vielen Jahren auf diesen Moment hingearbeitet, alles mehrfach berechnet und einen Sicherheitspuffer eingebaut. Unsere Berechnungsergebnisse ließen wir von Dritten prüfen – unter anderem vom TÜV Nord –, um Sicherheit und Gewissheit zu haben. Zudem kommt die verwendete Hebetechnik mittels Litzenhebern seit vielen Jahren zum Beispiel beim Brückenbau zum Einsatz.
Wer lieferte Ihnen verlässliche Wetterdaten?
Wir nutzen die Daten von mehreren Wetteranbietern und wurden während der Hubarbeiten von Meteologix begleitet, das ist die Firma von Jörg Kachelmann, so dass sich ein ziemlich verlässliches Gesamtbild ergibt.
Der Turm ist 365 Meter hoch. Worin liegen die Vorteile gegenüber normal hohen Windrädern?
Mit 365 Metern erreichen wir Höhen, auf denen der Wind stärker und vor allem gleichmäßiger weht. Somit erhöht sich die Energieausbeute und ermöglicht auch an Standorten, die für herkömmliche Windräder weniger geeignet sind, eine wirtschaftliche Nutzung der Windenergie. Zugleich können wir mit weniger Anlagen mehr Strom erzeugen und damit die Flächennutzung reduzieren.
Wie haben Sie die Bedingungen auf dieser enormen Höhe erprobt?
Bevor wir mit dem Bau des GICON-Höhenwindturms begannen, haben wir in der Nähe des Standortes im Auftrag der Agentur für Sprunginnovation den weltweit ersten Höhenwindmessmast errichtet und ein Jahr kontinuierlich die Windverhältnisse in 300 Metern Höhe erfasst. Inzwischen verfügen wir über mehrere kalibrierte Geräte, mit denen wir die Windverhältnisse in 300 m Höhe vom Erdboden aus messen können.
Wie lange dauerte das ganze Projekt und wer hat es finanziert?
Das gesamte Projekt haben wir im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) durchgeführt. Die ersten Ideen, den Höhenwind zu nutzen, hat meine Firma GICON aber bereits vor rund 15 Jahren entwickelt. Es folgten die Beantragung von ersten Forschungsvorhaben und Machbarkeitsstudien sowie Anfang der 2020er Jahre eine Ausschreibung durch die SPRIND, woraufhin GICON beauftragt wurde, das Konzept des Höhenwindturms umzusetzen. Baubeginn war dann im Herbst 2024.
Das Maschinenhaus und der Rotor mussten von einer Plattform aus hochgehoben werden. Wie geht das technisch vonstatten?
Bei der Plattform handelt es sich um die sogenannte Litzenheberplattform in 220 m Höhe, von der aus die Teleskopierung des Innenturms gesteuert wurde. Die Komponenten – also Gondel, Generator, Nabe und Rotorblätter – wurden per Kran direkt vom Baufeld auf rund 170 Meter gehoben und dort montiert.
Wie viele Menschen, wie viele Gewerke haben in Schipkau zusammengearbeitet?
Allein von GICON waren mehr als 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit unterschiedlicher Intensität damit befasst, von der Genehmigung über die Planung bis zum Bau. Unsere circa. 40 Unterauftragnehmer waren mit rund 200 Mitarbeitern vor Ort.
Wie muss man sich Wartungsarbeiten demnächst am Maschinenhaus oder Höhenwindturm vorstellen und wer übernimmt solche Arbeiten in solcher Höhe?
Das Maschinenhaus ist wie bei normalen Anlagen über einen Lift erreichbar. Der Lift kann auch für den Materialtransport genutzt werden. In der Gondel befindet sich ein Kran, mit dessen Hilfe Werkzeug und Ersatzteile von der Umstiegsplattform in 220 Meter Höhe nach oben transportiert werden können. Zusätzlich befindet sich auf dieser Plattform ein Lastkran, der Material vom Boden heben kann. Sollte im Extremfall ein Turbinenaustausch erforderlich sein, könnte der Turm auch wieder abgesenkt werden oder ein Turmkopfkran kommt zum Einsatz.
Gigantisch hohe Wolkenkratzer, etwa in Shanghai, sind so gebaut, dass sie schwanken können. Wie ist ihr Turm gesichert und wie ist seine Schwankungsbreite?
Der Turm hat eine maximale Schwankung an der Spitze von ungefähr +/- 1,5 Meter. Das ist für derartige Systeme völlig normal und wird in der Auslegung der Stahlstruktur berücksichtigt. Die Bewegung ist sogar gut für das System, weil so die Beanspruchung der Struktur geringer ausfällt, da ein Teil der Belastung in Bewegung umgesetzt wird. Das Ganze findet planmäßig im elastischen Biegebereich der Stahlkomponenten statt und ist Stand der Technik.
Nach Schipkau pilgerten Interessierte aus aller Welt. Wo bauen Sie den nächsten Höhenwindturm?
Wir sind bereits mit mehreren Investoren und Interessenten in Gesprächen. Ganz konkret planen wir als nächstes einen kleinen Windpark bestehend aus 4 bis 5 Höhenwindtürmen in der Lausitz. Nachfolgend sollen etwa 100 Anlagen errichtet werden, in deren Bau wir den Lausitzer Mittelstand umfassend mit einbeziehen wollen. Dann ist ein weiteres Ausrollen mit 1 000 bis 2 000 Anlagen geplant. Wir haben das Potenzial allein für Deutschland mit rund 4000 Türmen ermittelt.
Sie halten mehr als 100 Patente. Wie viele beziehen sich auf den Bau des Höhenwindturms?
Auf den Höhenwindturm beziehen sich aktuell zwei Patente, wir arbeiten aber bereits an weiteren.
Sind 365 Meter die ultimative Höhe oder ginge es noch höher?
Die Wahrscheinlichkeit bei 300 m Nabenhöhe zukünftig eine Gesamthöhe von 385 oder 390 m zu erreichen ist hoch, da aktuell eine Anlage mit „nur“ 126 Meter Durchmesser installiert ist. Standard für folgende Anlagen sind Durchmesser bis 170 oder 180 Meter, was diese neuen Rekordhöhen erlauben würde.
Wann findet die Einweihung Ihres Windturmes statt und wer kommt?
Die Einweihung wird am 19. November 2026 stattfinden. Es werden alle eingeladen, die zum Erfolg des Projektes beigetragen haben. Wer konkret als Ehrengast kommen wird, steht noch nicht fest. Es geht vor allem darum, den Erfolg mit den Beteiligten zu feiern.
Herr Professor Großmann, danke für diese Gespräch.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.