Markus Söder weint Jens Spahn eine Träne nach. Kaum war der Jens zurückgetreten, da prophezeite ihm der Markus die gesicherte Wiederkehr. Denn jemand „mit solchen Talenten und so einer politischen Kraft“ müsse zwangsläufig bald wieder eine führende Rolle übernehmen.
Der Meinung kann man sein, vor allem wenn man Spahns Rückzug nicht so ernst nimmt, wie er genommen werden sollte. Oft ist es ja so, dass Menschen, und somit auch Politiker, weniger an ihrer Intelligenz scheitern als an ihrem Charakter.
Jens Spahn wurde am 5. Mai 2025 mit 91,3 Prozent der Stimmen zum Fraktionsvorsitzenden der CDU gewählt. Ein stolzes Ergebnis, ein Vertrauensbeweis. Glanzvoll war seine Amtszeit nicht, so viel kann man sagen, aber darauf kommt es in unserem Zusammenhang nicht an.
Im Juli 2026 erzählte Spahn, dass er mit seinem Mann ein Kind habe, ausgetragen von einer Leihmutter in Amerika. Rechnen wir mal kurz nach: Neun Monate Schwangerschaft, der die Suche nach einer geeigneten Leihmutter vorangegangen sein dürfte, mit der die beiden Männer oder jedenfalls einer von ihnen einen Vertrag schließen musste, formuliert von Anwälten und beglaubigt von einem Notar.
Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass Spahn ziemlich lange damit beschäftigt gewesen sein muss, die Vorbereitungen für die Übernahme des Kindes zu organisieren. Damit soll nicht gesagt sein, dass er notwendigerweise in seiner Amtsführung beeinträchtigt war.
Was aber gesagt werden soll, ist dies: Jens Spahn hat gedacht, er kommt damit durch. Er hat geglaubt, es werde ihm nachgesehen, dass er anders handelte, als er geredet hatte: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Das war im Jahr 2015.
Es gibt viele schwule Paare, die Leihmütter irgendwo auf der Welt bezahlt haben, damit sie ihr Kind austragen. Welche Konflikte sich in ihnen abspielen, bis sie den Entschluss fassen, ist ihr privates Problem.
Was der Berufspolitiker Jens Spahn jedoch unterschätzt hat, ist die Tiefenschärfe, mit der seine Partei gegen „Kinder als Handelsware“ eingestellt ist. Diese Haltung der CDU kann man übertrieben oder falsch finden, aber Spahn kannte sie genau und hatte sie vollmundig unterstützt. Warum dachte er trotzdem, er könne Fraktionsvorsitzender bleiben?
Weil er in der alten Zeit lebt, als Politiker noch nicht an ihren Worten gemessen wurden. Ihnen wurde nachgesehen, dass sie das eine sagten und das andere machten. Doch diese gute alte Zeit, die mit Helmut Kohl und auch mit Gerhard Schröder verbunden bleibt, ist Vergangenheit.
Auch Markus Söder lebt in der Illusion, dass ihm seine merkwürdigen Häutungen wohlwollend nachgesehen werden. Werden sie aber nicht, sonst läge die CSU hoch in den 40er Prozenten und müsste nicht mit den Aiwanger-Freien-Wählern koalieren und würde nicht den heißen Atem der AfD spüren.
Das Gleiche gilt für den Bundeskanzler. Der Optimismus, den er von Anfang an verbreitetete, gründete auf der Überzeugung, alles werde sich wie von selber richten. Auf die Rezession werde Wachstum folgen, das Anziehen der Wirtschaft werde der Regierung Rückenwind spenden und er persönlich vom Aufschwung profitieren. So war es ja schließlich immer gewesen. Und so würde es wieder sein.
Es ist aber nicht mehr so und wird auch nicht wieder so sein. Was früher galt, gilt nicht mehr. Weiter so war einmal eine schöne Maxime, die heute nicht mehr zutrifft. Das schöne Erfolgsmodell, das auf der alten Republik fusste, hat seine Zugkraft verloren.
Es ist sicherlich nicht so, dass Merz und Söder und Spahn nicht wüssten, dass die Bedingungen, unter denen sie Politik gelernt haben, vorüber sind. Jeder von ihnen sagt, dass die Zeiten sich geändert haben. Aber die alten Reflexe können sie nicht so leicht abstellen. Und deshalb tritt diese seltsame Diskrepanz zwischen Wissen und Reden auf.
Das alte Spiel war gerade zu beobachten, als sich einige Provinzgrößen dazu berufen fühlten, den Kanzler öffentlich zu rügen. Der CDU-Landesvorsitzende Heiko Strohmann ist sicherlich in Bremen weltberühmt, aber sonst nirgendwo. Jetzt aber kennt man ihn, was er zweifellos bezweckte, indem er Friedrich Merz empfahl, seine Partei nicht wie ein Unternehmen zu führen.
Tino Sorge war sicherlich innerhalb der Bürokratie eine Größe in seiner Eigenschaft als Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Er ist traurig, dass er nicht mehr sein darf, was er war. Und beschwert sich auf Facebook darüber, dass der Kanzler ihn nicht persönlich informiert hat.
In dieser neuen Zeit ist die CDU kein Kanzlerwahlverein mehr wie ehedem. Friedrich Merz bekommt die Veränderung schmerzhaft zu spüren. Die Provinz und die zweite Reihe der CDU fühlt sich groß und hebt ihr Bein. Dazu gehört übrigens auch, dass der Mann, der schon zugesagt hatte, Gesundheitsminister zu werden, seinem Kanzler morgens um 4 Uhr per sms absagte. Er heißt Fritz Güntzler, war im Camping-Urlaub und erinnerte sich noch rechtzeitig an seine Beteiligungen an zwei großen Kanzleien, die er dann hätte abgeben müssen.
Wir leben in seltsamen Zeiten, in denen jeder groß von sich denkt und erstaunliche Ansprüche stellt, ob sie Spahn, Söder, Sorge oder Güntzler heißen. Sie machen einfach, was ihnen einfällt und ihrem Interesse dient. Denn fürs Ganze sind ja nicht sie zuständig, sondern der Kanzler. Und so prasselt alles auf Friedrich Merz nieder, der nicht weiß, wie er aus dem Schlamassel herauskommen soll und wöchentlich an seine deprimierende Unpopularität erinnert wird, was sie Zahl seiner Kritiker zuverlässig vermehrt.
Wozu das alte Spiel? Natürlich bereiten sich schon jetzt alle auf den Herbst vor, wenn die Wahlniederlagen so eintreten dürften, wie sie sich abzeichnen. Da unser politisches System auf den Kanzler ausgerichtet ist, steht der Schuldige schon fest. Übersteht Friedrich den Aufstieg der AfD, die sie in Landesregierungen führen kann?
Vielleicht nicht. Vielleicht aber doch. Denn den Kanzler auszuwechseln ist die schwierigste Operation überhaupt, bei der auch eine Bundesregierung platzen kann. Dabei fällt auf, dass sich einige CDU-Größen in diesen Tagen zurückhalten, womöglich vornehm, womöglich berechnend. Hendrik Wüst und Daniel Günther beteiligen sich nicht am alten Schlag-auf-den Kanzler-Spiel.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.