Der einsame Wolf im Kreml

Im Russland des Wladimir Putin ist gerade etwas Erstaunliches passiert. Seine Höflinge müssen nicht länger behaupten, in der Ukraine finde nur eine militärische Spezialoperation statt, als wäre dieser Krieg, der seit ziemlich genau viereinhalb Jahren tobt, nur eine nebensächliche Übung, ein bedeutungsarmes Manöver. Nein, sie dürfen nun davon reden, dass Russland einen Krieg führt.

Die späte Anerkennung der Wirklichkeit hat Gründe. Die ukrainische Armee schickt Drohnen auf die Krim und ins Innere des Feindes, die erheblichen Schaden anrichten. Natürlich besitzt Russland die Lufthoheit, so dass Nacht für Nacht ukrainische Städte angegriffen werden, aber an der Front stockt der Vormarsch.

Viereinhalb Jahre. Dieser Krieg dauert jetzt schon länger als der Erste Weltkrieg. Wladimir Putin glaubte im Februar 2022 sicherlich nicht, dass diese Ukraine derart unnachgiebig für seine Souveränität kämpfen würde, geschweige denn dass die Wirtschaft seines Landes darunter leiden würde Und ihn überraschte offensichtlich auch die – relative – Konsequenz, mit der der Westen die Ukraine aufrüstet.

Was denkt Putin heute? Donald Trumps Verständnis hat er verspielt. Die Gefahr, dass die USA die Ukraine opfern, scheint gebannt zu sein. Aber wie geht es weiter?

Zu den Neuigkeiten dieser Tage gehört, dass ein russischer Oligarch Einblick in die russische Gedankenwelt gibt. Er heißt Andrej Melnichenko, gründet seinen Reichtum auf Düngemittel, die er weltweit vertreibt; er gilt als Russlands größter Industrieller. Er steht auf Europas Sanktionsliste.

Melnichenko ist kein Gegner des Autokraten im Kreml, er spielte bisher politisch keine Rolle. Das ändert sich jetzt. Was ihn zu einer Aufsehen erregenden Figur macht, ist die Tatsache, dass er seine Geschichte dem britischen Magazin „Economist“ erzählte. 60 Stunden lang hätten die Redakteure mit ihm geredet, schreibt das Magazin. Daraus entstand nicht nur eine Titelgeschichte, sondern Melnichenko schrieb dazu auch noch einen Essay, der in den Regierungszentralen des Westens aufmerksame Leser finden dürfte. 

Was Melnichenko erzählt und schreibt, sprengt nicht das System, das Wladimir Putin gebaut hat. Man kann sogar davon ausgehen, dass er kaum ohne Zustimmung des Präsidenten handelt, wenn er seine Thesen im „Economist“  vertrat. Das schmälert nicht die Bedeutung, im Gegenteil bekommen seine Ausführungen dadurch Gewicht.

Hier macht sich nicht etwa ein Oligarch wichtig, der gerade noch eher unbekannt war. Vielmehr stellt er Überlegungen an, die dem Westen zu denken geben sollten.

Der Krieg, beginnt Melnichenko seine Ausführungen, zeichnet sich dadurch aus, dass eine ökonomisch und technologisch überlegene Koalition – gemeint sind die USA und Europa – die Ukraine unterstützt, ohne direkt einzugreifen. Dieser Zustand sei auf Dauer unhaltbar, wobei er als Alternative direkte Intervention oder politische Übereinkunft sieht „Die Frage,“ so schreibt der Oligarch, „besteht nicht darin, ob dieser Übergang kommt, sondern wann und unter welchen Bedingungen:“

Melnichenko hat Quantenphysik studiert und nähert sich den Verhältnis des Westens zu Russland systematisch. Die Schlussfolgerung aus der Analyse kann man so ziehen: So lange wir nicht darüber reden, wie eine Sicherheitsordnung in Europa aussehen kann, und welchen Platz Russland darin findet, sind wir vom Frieden unendlich weit entfernt.

Das ist also aus heutiger Sicht die Utopie: Ein Friedensvertrag, der die Souveränität der Ukraine garantiert und Russland zurück nach Europa und in regelbasierte Verhältnisse zieht. Schön wär’s.

In der Gegenwart sieht Melnichenko vier Szenarios für die Zeit nach dem Krieg und nach einem Friedensvertrag, von denen er sagt, dass sie im Westen kursieren. Das stimmt.

Szenario 1: Ein gedemütigtes Russland verharrt ungebunden an der Peripherie des Westens. Daraus entsteht die Saat für Revanchismus. Russland ist nicht die Weimarer Republik, sagt Melnichenko, aber ein Friedensvertrag vom Typus Versailles würde vermutlich wieder den nächsten Krieg nach sich ziehen.

Szenario 2: Russland begibt sich in den Orbit Chinas. Es bekommt dann Zugang zu den Märkten, zur Technologie und zur Finanzwelt dieser Supermacht. Aber der Preis wäre zu hoch, findet Melnichenko: „Russland würde scheinbar die Gloriole einer Weltmacht behalten, aber in Wirklichkeit würde es zu einem Randbereich chinesischer Strategie herabsinken – zu einem Transitkorridor und einer Pufferzone.“ Russland wäre dann für China was die Ukraine für den Westen ist, sagt Melnichenko – ein Spielfeld für größere Mächte.

Szenario 3: Russland zerfällt in mehrere Teile. Die Folge wäre ein Kampf um das nukleare Arsenal, um Grenzen und Ressourcen wie Öl und Gas. Das Riesenreich wäre unregierbar. Kein Zweifel, dieses Szenario würde Hardlinern im Westen gefallen, aber für Melnichenko und auch für besonnene Gemüter in Europa wäre es der Alptraum schlechthin.

Szenario 4: Russland wird nach einem harten Friedensvertrag zur Festung: hermetisch abgeriegelt, in militärischer Dauermobilisation. In dieser Art Notstandsstaat könnte die Technologie, die Wissenschaft und das zivile Vertrauen in den Staat nicht gedeihen. Russland wäre zur Stagnation verurteilt.

Erstaunlich an diesem Text ist die Freimut, mit der dieser Oligarch argumentiert und Optionen aufzeigt. Der Krieg ist nach Russland zurück gekommen. Den Krieg aber nicht zu gewinnen, ist gleichbedeutend damit, ihn zu verlieren. Der einsame Wolf im Kreml hat sich ein Problem eingehandelt, das Donald Trump nun doch nicht für ihn lösen mag. 

Andrej Melnichenko sendet eine Botschaft an den Westen. Sie lautet: Seid vorsichtig mit euren Wünschen! Das Verdienst, das ihm zukommt, ist das Aufwerfen der entscheidenden Frage: Wie kann eine Sicherheitsarchitektur in Europa aussehen, die vermeidet, dass bald darauf, zum Beispiel im Baltikum, der nächste Krieg ausbricht?

Und daran sollten wir alle ein Interesse haben.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.