Der Gastgeber ist diesmal Recep Tayyip Erdogan. Er ließ vorher einige Hundert Menschen einsperren, die nicht so denken, wie er es möchte. Dafür bringt Donald Trump vermutlich Verständnis auf, denn er sagte, er nehme einzig aus Respekt für den türkischen Präsidenten zu diesem Nato-Gipfel teil.
Dass Trump jemandem seine Reverenz erweist, der ihn in seiner Handlungsfreiheit einschränkte, ist ungewöhnlich. Zu den Illusionen, die Trump in den Iran-Krieg trieben, gehörte ja, dass die Kurden die nötigen Bodentruppen stellen sollten. Dagegen verwahrte sich Erdogan und der amerikanische Präsident gab klein bei. Ohne Bodentruppen aber war das groß angekündigte Kriegsziel nicht erreichbar: der Wechsel des Regimes in Teheran.
Wenn sich die 32 Staats-und Regierungschefs morgen in Ankara versammeln, müssen sie über manches hinwegsehen. Eigentlich will die Nato ja auch ein Werte-Bündnis sein. Erdogan aber wirft seine politischen Gegner, die ihm bei Wahlen gefährlich werden könnten, vorsorglich ins Gefängnis. Wie in Autokratien üblich, sind in dieser Türkei Demokratie und Rechtsstaat Diener des Herrn und nicht Kontrollinstanzen. Seltsam Werte.
Erdogan dürfte dennoch als stolzer Gastgeber auftreten, der sein Land sogar als Modell für einen starken Staat anpreist. Kaum denkbar, dass ihn Emmanuel Macron oder Friedrich Merz für den ruchlosen Umgang mit der Opposition kritisiert. Das Objekt ihrer Sorge ist einzig und allein Donald Trump.
Was der Sinn und Zweck der Allianz sein sollte, fasste vor vielen Jahren der erste Generalsekretär, der Brite Hastings Ismay, in ein einem klassischen Dreiklang zusammen: Die Nato sei dazu da, die Russen draußen zu halten, die Amerikaner drin zu halten und die Deutschen nach 1945 unten zu halten.
Die ersten beiden Zwecke gelten nach wie vor. Solange die Europäer sich nicht alleine verteidigen können, sind sie auf die USA zum Schutz vor Russland angewiesen. Folglich müssen sie den amerikanischen Präsidenten wie ein rohes Ei behandeln, um einen Eklat zu vermeiden, für den er immer gut ist.
Trump trägt den Europäern, in Sonderheit dem deutschen Kanzler, immer noch nach, dass sie ihm in seiner Not nicht halfen. Dass er die Not, die Blockade der Straße von Hormuz, durch Ignoranz heraufbeschworen hatte und im übrigen weder die Nato noch die EU von seinem Vorhaben, Krieg gegen die Mullahs zu führen, informiert hatte, finder er wohl unerheblich.
Wie man Trump kennt, wird er die Europäer deshalb mit bösartigen Bemerkungen überziehen. Neben Merz erregte besonders der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez seinen Zorn. Nicht nur verurteilte Sanchez den Krieg, er sperrte auch noch US-Militärbasen in Andalusien für den Einsatz gegen Iran. Er ging weiter als alle anderen, die Trumps Vorgehen für keinen genialen Einfall hielten.
Aus Trumps Sicht ist die Nato ein Bündnis, das Amerika ausnutzt, während Amerika nichts davon hat. Deshalb droht er immer wieder damit, diese unnütze Institution zu sprengen. Dass es nicht so weit kommt, ist die Sorge vor jedem Gipfel.
Immerhin versteht sich Trump momentan nicht als Sprachrohr des russischen Präsidenten. Schon länger war ihm der Krieg in der Ukraine keinerlei Erwähnung wert, geschweige denn dass seine beiden Allzweckdiplomaten Witkoff/Kushner in Moskau vorstellig geworden wären.
Trump hat weniger Verständnis für Wladimir Putin, weil die russische Offensive erstaunlicherweise steckengeblieben ist und die Ukraine sogar militärische Ziele auf der Krim und Ölanlagen im russischen Hinterland angreift. Die Nato hat vor, der Ukraine über die nächsten zwei Jahre eine Mindestfinanzierung von 140 Milliarden Euro für militärische Aufrüstung zuzusagen. Mal schauen, ob es so weit kommt.
Mehr als vier Jahre lang dauert dieser Krieg schon. Wenn er mindestens noch zwei Jahre weiterginge, dann wäre das durchaus im Interesse der Nato. Der Krieg verschafft ihr Zeit zur eigenen Aufrüstung für den Fall der Fälle, dass Putin oder sein Nachfolger irgendwann zum Beispiel das Baltikum angreift und die USA sich aus diesem Krieg heraushalten.
In der Zwischenzeit versucht sich die Nato in einer Doppelstrategie. Sie bemüht sich, einerseits, europäischer zu werden. Und sie ist, andererseits, darauf bedacht, dieses Trump-Amerika so lange wie möglich in der Nato zu halten, damit es nicht schnell und in großem Umfang Soldaten, Kampfjets und Kriegsschiffe aus Europa abzieht.
Seit 77 Jahren gibt es die Nato. Ein amerikanischer Präsident hat sie ersonnen, aus eigenem Interesse, was in Vergessenheit geraten ist. Dass sich ein Bündnis, das sich bewährt hat, wandeln muss, versteht sich von selber. Wie die neue Nato an Durchschlagskraft gewinnen kann, muss sie jetzt schnellstens herausfinden.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.