Einer soll dürfen, was andere noch nicht dürfen

Die Wochen der großen Einmütigkeit klingen ab. War die Bundeskanzlerin gerade noch umzingelt von Wohlmeinenden, die sie für ihre Umsicht und Entschlossenheit mit Lob überschütteten, lichten sich die Reihen jetzt. FDP und AfD trompeten einträchtig für die Wiederaufnahme des Geschäftslebens unter Beachtung gewisser Regeln. SPD und Union waren sich wochenlang bewundernswert einig, wie das Virus eingedämmt werden kann und welche Einschränkungen dafür notwendig sind. Nun driften sie zumindest in Teilen wieder auseinander.

Zum großen Symbolthema ist die Bundesliga geworden. Sie will den Betrieb wieder aufnehmen. Die DFL hat ein Konzept vorgelegt. Der Fußball soll dürfen, was andere Branchen noch nicht dürfen. Die Saison wird am 16. Mai fortgesetzt. In einigen Wochen wissen wir, wer Deutscher Meister wird und wer absteigt.

An der Bundesliga scheiden sich die Geister, kein Wunder. Gestern bei „Anne Will“ war Armin Laschet der beredte Befürworter für die Fortsetzung des Spielbetriebs, assistiert von Christian Lindner. Beide haben den Kollateralnutzen ihrer Meinung scharf im Blick. Laschet möchte die Kanzlerin beerben, Lindner den Schwefelgeruch vergessen lassen, der ihm seit dem Platzen der Jamaika-Koalition und der Wahl von Erfurt anhängt. Wer sich mannhaft für den Fußball einsetzt, bekommt Beifall von vielen Süd- oder Nordkurven, so viel ist klar.  

Gegen Geisterspiele in Corona-Zeit argumentierten Annalen Baerbock von den Grünen und Karl Lauterbach (SPD). Baerbock, die selber im linken Mittelfeld spielte, führte Gründe der Egalität an: Kinder dürfen nicht auf den Bolzplatz, aber Neuer, Reus & Co dürfen ins Stadion? Geschickter Populismus, könnte man sagen. Lauterbach tritt seit Wochen in Talkshows weniger als Politiker denn als Wissenschaftler auf. Wenn schon Spiele, dann müssten die Spieler aber auch in Quarantäne, schlägt er vor. Klingt virologisch plausibel.

Der Fußball taugt bestens als Symbolthema in diesen Tagen, in denen es um eine sanfte Wiedererweckung der ins Koma versetzten Volkswirtschaft geht. Wo Männer in kurzen Hosen dem Ball hinterher jagen, geht es einerseits um Kapitalismus in Reinkultur und andererseits um tiefenscharfe Emotionen eines mehrheitlich männlichen Publikums, das sich über Klubgrenzen hinweg zu einer Romantik bekennt, die auf Kindheitserlebnisse zurückgeht.

Aus dieser Besonderheit leiten die Matadore der Bundesliga das Recht auf Privilegien ab. Worum es geht, hat Uli Hoeneß in schönster Einfalt geäußert: Geisterspiele, sagte der Erfinder des Festkontos, seien zwar unschön, aber „lebensnotwendig und bedingungslos“. Da keine Zuschauer im Stadion sitzen dürften, könnten ARD und ZDF ja die Spiele übertragen, wofür sie lebensnotwendig an die Klubs zahlen sollen und zwar bedingungslos.

Dass ihm das Sonderrecht, das er für den Fußball beansprucht, entgangen ist, verrät eine Nebenbemerkung über die politische Debatte dieser Tage: Er würde sich sehr freuen, sagte der Uli, „wenn sich manche Öffnungs- und Lockerungsfanatiker, die zurzeit in den Meinungsumfragen nicht so gut abschneiden, etwas mehr zurücknehmen würden. Es kann nicht sein, dass für eine oder zwei Wochen mehr Spaß auch nur ein einziger Mensch mehr stirbt. Das kann keiner von uns verantworten“.

Das Risiko, dass sich Fans, die sich vor den Stadien oder privat zu den Spielen treffen, weil Fußball im Kollektiv noch schöner erlebt wird, mit Corona infizieren, gibt es durchaus. Sollte irgendjemand mal dem Uli sagen, dem Lösungsfanatiker, der sich über andere Lösungsfanatiker erregt.

Die Bundesliga schafft einen Präzedenzfall. Präzedenzfälle sind eigentlich dazu da, Maßstäbe zu straffen. Diesmal aber werden Maßstäbe gelockert.

Deutschland besteht aus Sparten und Branchen, die „lebensnotwendig und bedingungslos“ wieder ins Spiel kommen wollen. Schätzungsweise 50 Milliarden Euro fehlen der deutschen Volkswirtschaft Woche für Woche. Allein in Berlin werden normalerweise abendlich 60 000 Karten für Konzerte und Theater, für Shows und Revuen verkauft. Davon profitieren auch Restaurants, Bars und Klubs.

Notleidende Sektoren gibt es überall in Deutschland. Dabei handelt es sich um Konzerne und den Mittelstand, um Kleinunternehmer und Ein-Mann-Betriebe. Das Leben in den Städten steht deshalb surreal still und die Rezession entfaltet sich. Aus Einsicht in die Notwendigkeit halten sich die meisten Deutschen an die Regelungen, auch im Vertrauen darauf, dass Merkel/Scholz/Spahn und die anderen bei aller Ungewissheit das Richtige im richtigen Tempo angehen.

Doch das Regieren in der Corona-Zeit wird jetzt schwieriger. Ich würde der Bundesregierung wünschen, dass sie weiterhin in kurzen Abständen überprüfen könnte, welche Auswirkungen ihre Lockerungsübungen haben:  Wie viele Menschen sich infiziert haben, wie viele gestorben sind – eben wie der Sachstand ist. Um dann auf dieser Grundlage zu entscheiden, ob die Kitas geöffnet werden können und die Restaurants und irgendwann alles andere auch, unter bestimmten Regeln, solange es keine Medikamente gegen Corona gibt.

Fromme Wünsche. Mit der Ruhe ist es vorbei, weil es mit der großen Einmütigkeit vorbei ist und mit der Gleichheit für alle Teile der Volkswirtschaft auch.

Veröffentlicht gestern auf t-online

Wo er war, war auch ein bisschen Karneval

Nachruf auf Norbert Blüm

Zuletzt sah ich ihn 2018 beim Deutschen Radiopreis, er zeichnete einen Münchner Moderator für die beste Nachrichtensendung aus und wetterte auf der Bühne darüber, dass die Pest des Nationalismus wiederkehrt sei und schrie gleich mehrmals in den Saal: „Habt Ihr denn nichts gelernt?“ Der Beifall brauste auf und animierte ihn dazu, sich noch einmal noch lauter über die neue deutsche Rechte aufzuregen.

Es war herrlich, wie es oft herrlich war, diesem kleinen Mann mit der Nickelbrille beim Aufregen zuzuhören. Nie war er langweilig, immer war er leidenschaftlich und oft genug lustig dazu. Man konnte ihm gar nicht böse sein, auch wenn er mindestens einmal zu viel sagte: Die Rente ist sicher.

Wenn er sprach, war etwas los

Norbert Blüm war und blieb ein Menschenfreund und das ist bemerkenswert, wenn sich ein Mensch viele Jahrzehnte in der politischen Welt bewegt, die anderen Gemüter die Lebensfreude austreibt. Ergriff er im Bundestag das Wort, blieben die anderen Abgeordneten sitzen, weil gleich was los sein würde. Wo Blüm war, war ziemlich zuverlässig auch ein bisschen Karneval.

Wer so ist, bleibt versöhnlich, behandelt Gegner nicht als Feinde und schmäht sie nicht. Er hält Grenzen ein und geht davon aus, dass andere sie auch nicht verletzen. Es ist ein grundsätzlicher politischer Konsens, in dem sich Norbert Blüm und seine Zeitgenossen bewegten. Es ist die alte Bundesrepublik mit ihrer korporativen Marktwirtschaft, die seinen Gedankenkreis bildete.

Verwurzelt in der katholischen Soziallehre

Was die CDU ursprünglich einmal sein wollte, lässt sich an ihm studieren. Verwurzelt war er in der katholischen Soziallehre, die dem Kapitalismus skeptisch gegenüberstand. Diesen Geist durchzog das berühmte Ahlener Programm von 1947, in dem solche Sätze standen:

„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“

Ganz verlassen hat ihn der Ahlener Geist nie. Ich kann mir gut vorstellen, wie er sich privat über die Hütchenspieler in den Banken und der Automobilindustrie aufgeregt hat. Eine Blüm-Schule der leidenschaftlichen Erregung hat er leider nicht gegründet.

Ein weiter Weg

Norbert Blüm ging einen weiten Weg. 1935 geboren, Kriegskind, Arbeiter-Eltern. Nach der Volksschule (wie es damals hieß) lernte er Werkzeugmacher beim Opel in Rüsselsheim. Fünf Jahre später holte er das Abitur nach und studierte Philosophie und Geschichte und Theologie und Germanistik – Spätzünder können gar nicht genug Bildung aufsaugen.

Für die Politik entdeckte ihn Helmut Kohl, der in seinen Mainzer Anfängen ein Menschenfischer ungewöhnlicher Talente war: Heiner Geißler gehörte dazu, Richard von Weizsäcker auch. Kohl war Blüms Schicksal: als Arbeitsminister, als CDU-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen. Er kam 1982 mit Helmut Kohl, er ging 1998 mit Helmut Kohl. Er war ihm nahe und dann brach er mit ihm, als Kohl einige Spender nicht nennen wollte, die ihm milde Gaben für die CDU zukommen ließen, weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben hatte.

Versöhnlich wie Blüm nun einmal bei aller Aufwallungsbereitschaft war, versuchte er im Alter die Annäherung. Zwei Briefe blieben unbeantwortet. Kohl war keiner, der sich aus der Verbitterung vertreiben ließ.

Er gehörte zur kleinen Hauptstadt am Rhein

Norbert Blüm, das sonnige Gemüt, war Bonn, nicht Berlin. Er gehörte in die Zeit, in der die kleine Stadt am Rhein Hauptstadt war. Dort lebte er mit Frau und Kindern, ging in die Kneipen, in die wir auch gingen, war gesellig und frohsinnig und ließ am liebsten fünf gerade sein. Niemandem war er dauerhaft gram. Niemand war ihm dauerhaft gram.

Manchmal wissen wir erst im Tod, was wir verlieren: nicht nur einen Menschen, sondern auch ein Gemüt, ein Gedankengebäude, eine kulturelle Prägung. All das ist mit ihm dahin, und wir vermissen es zu Recht.

Veröffentlicht heute auf t-online.

Der Kampf ist eröffnet

Normalerweise lese ich Sonntag Spielberichte und studiere die Bundesligatabelle. Da wir aber im Ausnahmezustand leben, schaue ich mir die Corona-Tabelle an, die das Robert-Koch-Institut Tag für Tag veröffentlicht. Gestern waren mehr als 140 000 Menschen infiziert; knapp 90 000 davon haben es hinter sich und sind gesund; im Vergleich zur Vorwoche ging die Zahl der Neuerkrankten zurück, worin wir ein gutes Zeichen sehen sollten, sagen die Virologen, die mir Nachhilfe beim Verständnis der Zahlenflut erteilen. Fast 5000 Menschen sind in Deutschland gestorben, mögen sie in Frieden ruhen.

Es geht voran, es gibt Grund zur Zuversicht, aber nur in Maßen. Vom Gesundheitsminister stammt der Satz, am Freitag ausgesprochen, dass das Virus „beherrschbar“ sei – „beherrschbarer“ schob er rasch nach, damit bloß kein Missverständnis entsteht. Worte wollen sorgfältig gewählt sein. 

„Beherrschbar“ hätte Normalität bedeutet und nicht nur vorsichtige Lockerung der Kontaktsperre, wie sie die Regierung verkündete. „Beherrschbarer“ klingt verhalten und meint dem Sinne nach: Bloß nicht ungeduldig werden, bloß nicht denken, wir sind schon über den Berg, es geht weiter wie bisher, mit ein paar Veränderungen, okay?

In kleinen Schritten geht es voran, in Kinderschritten. Das ist folgerichtig, weil weder ein Medikament bereit steht, das den Erkrankten Linderung bringen könnte, geschweige denn ein Impfstoff erfunden wäre, der diese tückische Lungenkrankheit besiegen würde. Die Suche dauert an, zieht sich hin, vielleicht nur bis in den Herbst, vielleicht aber auch ins nächste Jahr. Niemand weiß mehr, niemand kann mehr versprechen.

Große Schritte hätten wir alle gerne, sie sind aber nicht angebracht. Sie kämen zu früh, sagen Merkel/Scholz/Söder/Spahn. Sie wären möglicherweise kontraproduktiv, sagen die Virologen. Klingt plausibel, also halten wir auf Abstand im schönsten Frühlingswetter. Verschieben Reisen, bangen um den Sommerurlaub und unsere schöne Freiheit. Macht immer weniger Spaß, muss aber sein, oder?

Unsere Gesundheit hat Vorrang. Deshalb müssen wir uns noch lange gedulden, das wissen wir seit der letzten Pressekonferenz der Kanzlerin. In Wahrheit wird bis zum Jahresende, mindestens, nichts Größeres passieren: keine vollen Fußballstadien, keine vollen Konzerthäuser, keine vollen Theater, keine vollen Kinos, keine vollen Klubs oder Restaurants, weder gästereiche Geburtstagsfeiern noch Bälle noch Weihnachtsfeiern und so weiter und so fort.

Ironischerweise ist die Länge des Ausnahmezustandes eine Folge unserer Geduld. Im Ausland preisen sie die Deutsch dafür: für ihre Disziplin, für das intakte Gesundheitssystem, für den Pragmatismus der Regierung, für die umfassende Staatshilfe für die Kleinen wie die Mittleren wie die Großen im Wirtschaftsprozess. Verglichen mit den USA und Großbritannien, mit Frankreich oder Italien, geht es uns gold mit unserem Gesundheitswesen und dem Sozialstaat.

Stimmt ja auch, ist gut so, hat aber eine Kehrseite, wie alles eine Kehrseite hat.

Ich habe noch Angela Merkel im Ohr, die uns sagte, dass 60 bis 70 Prozent aller Deutschen sich infizieren müssten, damit die Herdenimmunität erreicht sein werde, womit unser aller Schutz vor Infektion gemeint ist. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Daß die Infektionskurve abgeflacht ist, worauf es ja ankommt, damit die Krankenhäuser funktionstüchtig bleiben, bedeutet eben auch, dass der Gesamtprozess lange dauern wird, länger als anderswo.

Kleine Schritte ja. Große Schritt nein. Kann das gut gehen?

Momentan gilt der Primat unserer Gesundheit. Darüber können wir uns kaum beschweren. Dafür hat sich die Kanzlerin entschieden und deshalb hat sie unser Vertrauen, noch. Die spannende Frage ist nur, ob sie das so lange durchhalten kann, wie es die Logik ihrer Politik verlangt. 

Es ist ja nicht zu übersehen, wie der Unmut in der Wirtschaft wächst, die von den kleinen Schritten nicht begünstigt ist. Sie verlangt nach großen Schritten, sie will mehr, anderes. Galeria Karstadt Kaufhof will das Recht auf Wiedereröffnung sogar vor Gericht erstreiten. Wenn das Sommergeschäft ausbleibt, gehen Hotels und Gaststätten massenweise pleite, sagt die Lobby des Gewerbes. Wie die unvermeidliche Rezession ausfällt, hängt von der Fixierung auf kleine Schritte ab.

Ein klassischer Konflikt zwischen Gesundheit und Ökonomie zeichnet sich da ab. Er steckte von Anfang in der Corona-Krise, erst latent und nun eben manifest. Die Argumente werden in den nächsten Tagen und Wochen mit zunehmender Schärfe ausgetragen werden. Jede Seite hat für sich recht, was die Sache nicht einfacher macht, sondern erschwert.

Der politische Kampf ist eröffnet. Und wir entscheiden mit darüber, wer sich durchsetzt – mit der Geduld, die wir bewahren oder verlieren, und dem Vertrauen, das wir weiterhin in die Kanzlerin setzen oder ihr entziehen.

Veröffentlicht heute auf t-online.de

Stimmen aus dem Jenseits

Nebeneinander habe ich zwei merkwürdige Bücher gelesen, die mich noch immer beschäftigen, ohne dass ich Spaß am Echo, das sie in mir auslösen, finden könnte. Der Grund ist die Perspektive, aus der die beiden Autoren erzählen. Sie erzählen aus dem Jenseits.

Das eine Buch hat Ian McEwan geschrieben: „Nussschale“. Eigentlich ist es ein Kriminalroman, denn ein Mord geschieht, begangen von der Ehefrau und ihrem Geliebten, der zugleich ihr Schwager ist. Der Geliebte ist ein Schwachkopf. Was sie an ihm fasziniert, wird beschrieben auf vielen Seiten: der Sex. Über Sex verständigen und bestätigen sie sich. Denn davor und danach pesten sie sich, können nichts miteinander anfangen und leben mit viel Alkohol in den Tag hinein. Nur wenn sie über den Mord an dem Gatten und Bruder phantasieren, sind sie sich nahe. Das heruntergekommene große Haus, das eigentlich dem Gatten gehört, wollen sie nach dem Mord verkaufen und vom Erlös ausschweifend leben.

Der Gatte ist schwach. Er schreibt erfolglos Gedichte, die er im Eigenverlag druckt. Er liebt noch immer die untreue Ehefrau. Immer mal wieder kommt er vorbei, liest ihr eines seiner neuen Gedichte vor, schaut sie hungrig an, hofft darauf, dass er bleiben darf und lässt sich dann von ihr wie ein lästiger Vertreter für Geschirrhandtücher aus dem Haus komplimentieren. Sie fühlt sich gut, sie lebt auf, wenn sie ihn demütigen darf.

Sie ist ein Miststück, er ist ein lieber Kerl. In ihr wachsen Mordphantasien. In ihm reifen Gedichte. Am Ende seines Lebens winkt ihm eine Glückssträhne. Seine Gedichte sind für den Auden-Preis nominiert. Beschwingt rafft sich auf, er trifft Entscheidungen. Er will in das Haus einziehen und es renovieren. Seine Frau und sein Bruder sollen schleunigst ausziehen. Bei seinem letzten Besuch ist eine junge Frau an seiner Seite. Seine Muse, folgert die plötzlich eifersüchtige Ehefrau messerscharf.

Der Schwächling zeigt Stärke. Er muss sterben. Die beiden inszenieren den Mord als Selbstmord. Er stirbt am Steuer seines Autos. Die beiden Mörder sind nicht schlau genug für den perfekten Mord, wen wundert’s. Die Polizei fährt vor.

Shakespeare lässt grüßen. Der Bruder raubt dem Bruder die Frau. Gemeinsam bringen sie den Ehemann um. Die Aussicht auf Mord zwingt sie zusammen. Die Ausführung treibt sie auseinander. Außer Lust hält sie nichts zusammen.

Die Perspektive, aus der die „Nussschale“ erzählt wird, ist ungewöhnlich. Das Jenseits ist das ungeborene Kind. Es redet, kommentiert und reflektiert wie ein Erwachsener. Bangt um den Vater, findet den Onkel schrecklich, der ständig mit der Hochschwangeren Sex haben will, was ihr mindestens genauso gut gefällt, aber den Fötus einengt. Ihm graut davor, in diese Welt geworfen zu werden. Er liebt und hasst seine Mutter. Als die Polizei läutet, platzt die Fruchtblase. Es gibt kein Entrinnen vor dem Leben.

Dass ein werdendes Kind zum Erzähler wird, ist ein literarischer Kniff. Man kann ihn gut oder schlecht finden, gelungen oder misslungen. Ich finde ihn nur halbwegs gelungen. Konventionell erzählt, hätte daraus ein richtig gutes Buch werden können. Die künstliche Perspektive lenkt nur ab. Das Kind im Leib der Mutter berichtet vom unangenehmen Druck des Penis, von der berauschenden Ankunft des Weins, vom ungestillten Hunger und der Angst vor dem Leben. Was soll’s?

Das andere Buch heißt „Post Mortem“, Michael Jürgs hat es todkrank geschrieben. Er war ein vorzüglicher Geschichtenfinder, ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. Ich kannte ihn nicht besonders gut, aber gut genug, um von ihm beeindruckt zu sein. Wenn ich ihn traf, hatte er immer schon alles gelesen, gesehen und gehört und teilte gern.

Dieses Buch handelt vom Tod und vom Leben im Jenseits danach. Dort erfährt Michael Jürgs von seinem Bruder, warum der sich damals umgebracht hat, da war er 20 Jahre alt. Er hört zu, als Roger Willemsen ein Gespräch mit Henri Nannen, Rudolf Augstein, dem Senator Burda und Axel Springer moderiert. Er trifft Gutenberg (den Buchdrucker) und Einstein, Picasso und Steve Jobs. Er trifft viele, die zu seiner Zeit lebten und vor ihm gegangen waren.

Das ist kapitelweise amüsant, aber der wehe Spaß an der Lebenskraft im Dahinsterben verging mir dann doch. Ich fühlte mich schlecht dabei, pietätlos, ich wollte ihm die epische Ausschweifen gönnen. Ich dachte mir, dass die Erinnerungsseligkeit auch ein großer Schmerz gewesen sein muss. So viel Verlust, so viele gestorbene Freunde oder auch Feinde. Dazu das Wissen, dass er ihnen bald folgen wird – und zugleich dieser letzte Triumph über den Gevatter Tod, dem er das Schreiben abrang, 270 Seiten lang. Auf ihnen konstruiert er sich ein irgendwie geartetes Jenseits, weder Himmel noch Hölle, nur ein Sammelort zur Einkehr für die Verstorbenen. Dort will er hin, wenn sich das Sterben schon nicht vermeiden lässt.

Dass sich Michael Jürgs eine Geschichte für sein Leben nach dem Tod ausdachte, ist typisch Jürgs. Aber ich hätte liebend gerne konventionelle Memoiren aus seiner Feder gelesen. Nachkriegsgeschichte von einem, der 1945 geboren wurde, alles erlebt und alle gekannt hat. Ein politischer Mensch sondergleichen, Spurensucher und Interviewkünstler. Schade, dass er lieber über andere schrieb und sie im Irgendwo zu treffen gedachte, die Weggenossen, die noch eitler waren und in aller Selbstverständlichkeit größer von sich dachten als er, was nun wirklich nicht gegen ihn spricht.

Heute Abend läuft auf Arte „Drei Tage in Quiberon“. Ich schaue mir den jungen Herrn Jürgs an, der die schöne, traurige Romy Schneider im Jahr 1981 eigentlich nur interviewen soll, aber daraus entsteht etwas anderes: eine Lebensbeichte, eine Seelenschau. Und daraus wiederum entsteht Jahre später ein beeindruckendes Buch über Romy Schneider. Doch das ist eine andere Geschichte.

In Angela Merkels Schuhen

Gestern waren wir im Sonnenschein am Teltow-Kanal spazieren. Ein Schlepperverband fuhr leer vorbei, und wir dachten schon, er liege zu hoch, um durch den Brückenbogen zu passen, war aber nicht so. Zwei Radfahrer überholten uns, eine ganze Reihe Motorboote lagen eingemottet am Gegenufer. Auf dem Rückweg durch den Wald fanden wir einen kleinen See, an den eine ausladende Wiese grenzte. Drei Menschen saßen auf einem Baumstamm, den Zeichenblock vor sich, und malten dieses Idyll, konzentriert und schweigsam. Ein Hund sprang ins Wasser und holte den dicken Ast mit kläffender Begeisterung heraus.

Die Welt kann seltsam friedlich sein. Unwirklich. Unheimlich. Die Diskrepanz ist ja auch zu grell. Der Himmel so blau und das Virus so tödlich. Spazierengehen in Gottes freier Natur und täglich neue Horrorzahlen. Ich zähle zu den Risikopatienten, denen das Virus schwer zusetzen kann, wenn es mich heimsucht. Ich hatte als Jugendlicher Tuberkulose und verbrachte ein halbes Jahr in einem Lungenheilsanatorium. Das vergisst man nie mehr, das steckt tief im Gemüt, auch bei mildem Sonnenlicht und dem blauesten Himmel. Mir macht es keinen Spaß, die Quarantäne einzuhalten, aber besser als der Tod ist Selbstdisziplin allemal.

Die dritte Woche im Ausnahmezustand ist vorüber. Auf den Balkonen singen und klatschen sie nicht mehr, wie schade. Die Spontanität hat sich ein bisschen erschöpft, ist eben so. Immerhin schlagen die Tageszeitungen unverdrossen ganze Seiten frei und stellen  Alltagshelden vor, die das Land am Laufen halten: die Altenpflegerin, den Lkw-Fahrer, die Ärztin, den Restaurantbetreiber, der die Speisekammer weg kocht und das Essen unentgeltlich an Krankenhäuser oder Polizeistationen ausliefert. 

Nach wie vor lassen sich etliche Menschen einiges in der Not einfallen, was das Herz wärmt. Die Soziologen, die Experten für gravitätische Begriffe sind, sagen dazu: Die Zivilgesellschaft tritt in die Lücke ein, die der Staat lässt. Ist gut so, muss so sein, diese Nachbarschaftshilfe ist wunderbar –  österlich ausgedrückt: diese christliche Nächstenliebe im Ausnahmezustand.

Die Geduld hält an, so sieht es zumindest aus. Klaglos standen am Samstag in Berlin lange Schlange vor dem Schlachter, dem Bäcker,  dem Obstladen, dem Supermarkt. Polizeiautos fuhren durch die Gegend, inspizierten Spielplätze, Parks und Wochenmärkte. Kein Aufruhr, wenig Ärger, Abstand und Anstand. Die Obstfrau auf dem Winterfeldmarkt verabschiedete ihre Kunden mit einem flotten Spruch, der zm Nachdenken einlädt: Bleiben Sie gesund und demokratisch!

Gesundheit ist Glückssache, kein Verdienst. Man steckt sich an oder nicht. Man stirbt oder nicht. Das Leben kann auch Lotterie sein. Das Virus trifft, wen es trifft. Es trifft nicht, wen es nicht trifft. Eine 101 Jahre alte Frau überstand die Lungenkrankheit, habe ich gestern gelesen, wunderbar. Würde ich sie überstehen?

Demokratisch bleibt das Land ganz bestimmt. Oder haben Sie Zweifel? Ich kenne eigentlich niemanden, der nicht in aller Ruhe davon ausgeht, dass wir uns irgendwann wieder öffentlich mit vielen Leuten treffen können – dass wir tun und lassen können, was wir wollen, ohne dass uns die Obrigkeit auseinander treibt. An Angela Merkel war noch vor ein paar Wochen mehr zu kritisieren als momentan, aber autoritärer Anwandlungen hat sie niemand bezichtigt.

Jetzt steht die vierte Woche an. Am Mittwoch schalten sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten zusammen und  entscheiden darüber, wie es weiter geht. Auflockern oder weiter so, das ist die Frage. Wenn Geduld und Vertrauen nicht bröckeln sollen, muss die Bundesregierung weiterhin so klug handeln, wie sie bislang gehandelt hat. Der Rat der Wissenschaftler ist wichtig, aber die politische Entscheidung ist komplexer. So ist das eigentlich immer, aber diesmal hängt noch gewaltig mehr vom richtigen Timing ab.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Kanzlerin und müssen sich durch dieses Labyrinth bewegen: Mittelstand und Industrie mahnen zur Eile. Kleine Geschäfte wie Friseure, Buchläden, Cafés, Boutiquen gehen pleite oder stehen kurz davor. Die Mitarbeiter raten Ihnen, Sie sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Das Reden überlassen Sie an Ostern dem Bundespräsidenten, der die Krise zur Charakterfrage erklärt.

Die Virologen raten von einer Lockerung ab, da die Pandemie ihren Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Armin Laschet, der Sie beerben will, gibt seine abweichende Meinung zu erkennen und profiliert sich auf ihre Kosten. Die beiden SPD-Vorsitzenden verlangen Steuererhöhungen für die Reichen, der bayerische Ministerpräsident ist für Steuersenkungen nach Corona, um den Konsum zu erleichtern und damit die Wirtschaft anzukurbeln.

In den Talkshows hagelt es Meinungen, was in Deutschland auf dem Spiel steht. Intellektuelle sagen mit gewichtigen Worten, das Land halte dieses künstliche Koma nicht lange aus.

Und dazu Tag für Tag mehr Infizierte und mehr Tote.

Schwieriger kann eine Entscheidung gar nicht sein. Niemand ist zu beneiden, der sie treffen muss. Selten ging es in den letzten Jahrzehnten um so viel wie heute. Da können wir nur Glück für das richtige Timing wünschen, in unserem eigenen Interesse.

Veröffentlicht an Ostermontag auf T-Online.

Im Mainstream, ausnahmsweise

Ich habe eigentlich etwas gegen Mainstreams. Mir fällt dann immer ein, was dagegen spricht. Ich vermute notorisch, dass einige aus Denkfaulheit, Opportunismus oder Apathie mitmachen. Das war so, als Lustangst wegen des bevorstehenden Nuklearkriegs kursierte, als der Wald starb oder die Inflation nach der Weltfinanzkrise 2007/8 drohte und der Euro platzen sollte oder die Rechte die übernächste Bundestagswahl gewinnen würde, ganz bestimmt und unabänderlich.

Wir alle wissen nicht, ob die Einschränkungen unserer Freiheit so dringend notwendig waren, wie sie eingeführt wurden. Wie die Regierung in Gestalt von Kanzlerin/Finanzminister/Gesundheitsminister argumentierte, klang es mir plausibel. Ja, ich habe Vertrauen in die Regierung. Mir macht sie nicht den Eindruck, dass sie unter totalitären Anwandlungen leidet. Ich verlasse mich darauf, dass die Maßnahmen so schnell wie möglich aufgehoben werden, meinetwegen Schritt für Schritt.

Diesmal bin ich aus Überzeugung in dem Mainstream, der mit dem Vorgehen der Regierung in Zeiten von Corona einverstanden ist und Geduld übt und den Frühsommer dort draußen genießt und dabei Abstand hält und das Beste aus dem Schlechten macht.

Natürlich schaue ich mich nach anderen Meinungen um, ob ich etwas übersehe, ob mir was entgeht, ob ich falsch liege mit meinem skeptischen Optimismus. Im „Spiegel“ dieser Woche steht ein Streitgespräch zwischen Katja Suding (FDP) und Karl Lauterbach (SPD). Katja Suding hatte diesen Satz getwittert, mit dem sie die erhoffte Aufregung auflöste: „Was ist das Leben wert, wenn wir uns die Freiheit zum Leben nehmen lassen?“ Sie spielte nicht etwa auf einen Artikel, einen Essay oder ein Buch über den Widerstand unter Hitler an. Was wie Hannah Arendt klingt, ist O-Ton-Suding und ein Kommentar zur Lage der Nation im Bann von Corona.

Als ich den Satz zum ersten Mal las, dachte ich, sie meint: lieber tot als unfrei. Meinte sie aber nicht. Im Grunde meinte sie gar nichts, was ihr aber zu einem Streitgespräch im „Spiegel“ verhalf, in dem sie dann anderes gemeint haben wollte, was sie eingehend interpretierte, womit sie sich zwar immer weiter vom ursprünglich Satz entfernte, aber egal. Sie sagte, sie wollte nur mal darauf hinweisen, dass ökonomisch gesehen Existenzen auf dem Spiel stehen und Ungewöhnliches mit unseren Grundrechten passiert, was umgehend wieder zurechtgerückt werden muss. Als hätte irgendjemand bezweifelt, dass die Rückkehr zur demokratischen Normalität mit freiem Zugang zur Öffentlichkeit dem jetzigen Zustand vorzuziehen wäre.

Es ist ja auch nicht einfach für die Parteien, die in der Opposition sind. In der Stunde der Exekutive, die von einer überragenden Mehrheit mit Vertrauen bedacht wird, fallen sie nicht auf. Die FDP ist ohnehin übel dran, weil sie zwei schwere Fehler begangen hat: Ihr hängt das Platzen der Jamaika-Koalitionsverhandlungen an und auch Erfurt, als sich einer der Ihren in aller Naivität von der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Beide Fehler sorgen für ziemlich starken Schwefelgeruch.

Die Linke hält sich zurück. Vielleicht nutzt sie die Pause zur Selbstbesinnung oder jedenfalls zur Selbstbetrachtung. Den Charme des Underdogs mit besonderer Pflege der DDR hat sie eingebüßt. Im Osten fällt sie inzwischen unter Establishment, ein Umstand, der sie nicht amüsiert. Schließlich stellt sie die stärkste Partei und den Regierungschef in Erfurt, wenn auch auf Abruf.

Am meisten haben die Grünen zu verlieren. So schön waren sie auf dem aufsteigenden Ast, so schön profitierten sie von der Schwäche der Volksparteien, die längst keine mehr sind, aber mit dem Akzeptieren Schwierigkeiten haben. In der verloren gegangenen Normalität trieben die Grünen unter Habeck/Baerbock schier unaufhaltsam nach oben, aber nichts ist unaufhaltsam, auch wenn die Ereignisse nicht abzusehen sind, die plötzlich vieles unter neuem Licht erscheinen lassen. Was tun? Freundlich bleiben. Pragmatisch bleiben. Die Regierung loben. Good governance einfordern. Abwarten. Hoffen.

Die AfD hat es am Schwersten, was ich bestimmt nicht bedaure. Ihr ist der Feind abhanden gekommen. Sie kann nicht sagen, was sie am liebsten sagt: nein und alle weg und alles muss anders werden. Den starken Staat, den sie liebt, gibt es jetzt. Und weil die Rechte keine Beachtung findet, beschäftigt sie sich mit sich sich selber. Jörg Meuthen hat ausgesprochen, worum es geht. Vermutlich kommt es jetzt noch nicht zur gewünschten Spaltung, aber der Spaltpilz sitzt in der AfD und wird seine Wirkung entfalten, darauf kann man sich einigermaßen verlassen.

Ostern steht bevor. Das Wetter wird schön und warm. Am 19. April wissen wir mehr darüber, wie lange der Ausnahmezustand anhalten wird und wann wir zur Normalität übergehen. Österreich beginnt vorsichtig damit. Wir bald auch, oder?

Wie verhindern wir die nächste Pandemie?

Während wir uns in Geduld üben, um die uns die Bundeskanzlerin bittet, und uns fragen, ob wir denn wenigstens in den Sommerurlaub fahren können, schreiben bestimmt schon etliche Menschen an Büchern über das Leben mit Corona: in Romanen wie in Sachbüchern. Die Rechte an einem Augenzeugenbericht aus Wuhan, der Quelle des Virus, sind schon verkauft.Über die Symptome wissen wir Bescheid, weil wahrscheinlich jetzt schon jeder jemanden kennt, den es erwischt hat oder der es es überstand. An jedem Morgen erfahren wir, wie viele Menschen seit gestern erkrankt und wie viele davon gestorben sind. Wirklich gespenstisch, wirklich surreal das alles.

Deutschland ist gut daran, aber das kann uns auch nicht beruhigen, weil der Infektions-Höhepunkt erst bevor steht, wie uns die Wissenschaftler vorwarnen. Vor Ostern? Nach Ostern? Unsere Regierung hat die richtigen Vorkehrungen getroffen, wir halten die neuen Regeln meistens ein, wir haben ein vorzügliches Gesundheitssystem, wir flachen die Kurve ab, aber das Virus verschont uns trotzdem nicht. Nicht leicht, geduldig zu bleiben.

Wir bleiben im Bann der Lungenkrankheit, solange kein Medikament gefunden wird, das helfen kann. Wann wird es gefunden Bis Weihnachten? Bis nach Weihnachten? Wissenschaftler weltweit fahnden nach einem Impfstoff. Es dauert, sagen sie uns, es zieht sich hin. Und immer sollen wir uns in Geduld üben.

Spätestens dann, wenn alles vorbei sein wird, wird es um Prävention fürs nächste Mal gehen: Wie lassen sich solche Viren vermeiden?

Wie sie entstehen, wissen wir: Sie springen von anderen Säugetieren auf den Menschen über. So war es bei Sars vor 18 Jahren. Tierkrankheiten werden zu Menschenkrankheiten, an denen Menschen sterben.

Donald Trump hat in seiner Ich-nehme-das-nicht-so-ernst-Phase getwittert, Corona sei ein chinesisches Virus. Er meinte damit, Amerika müsse sich nicht davor fürchten. Aus den falschen Gründen hatte er Recht.

Vom Tier auf den Menschen werden Viren auf den Wildtiermärkten übertragen, die in China eine lange kulturelle Tradition haben. Dort werden getötete oder gefangene Tiere verkauft, die von den Käufern meistens gegessen werden. Sars fand im Jahr 2002 seinen Weg über Larvenroller, das sind kleine fleischfressende Wildkatzen, hinüber zum Menschen. Die Larvenroller hatten sich zuvor bei Fledermäusen mit Sars infiziert, bevor sie auf den Markt kamen.

Meine Weisheiten verdanke ich einem Aufsatz, den der Evolutionsbiologe Jared Diamond mit dem Virologen Nathan Wolfe in der „Washington Post“ schrieb und den die „Süddeutsche Zeitung“ nachdruckte. Diamond erlangte im Jahr 2012 mit seinem Bestseller „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ Weltruhm.

Wildmärkte gibt es nicht nur in China, sondern aus anderswo in Asien und darüberhinaus in Afrika. Ebola entstand im Jahr 2006 unter ganz ähnlichen Umständen in Westafrika. „Es gibt dort lebende Tiere, also liegen dort überall Fäkalien herum. Es gibt Blut, weil die Leute sie dort zerhacken“, sagt Peter Daszak, der Leiter der Organisation EcoHealth Alliance zu den Gepflogenheiten. Das globale Reisen und der globale Handel tragen dazu bei, dass sich eine Infektion sehr viel schneller ausbreitet. China ist ein Sonderfall wegen seiner schieren Bevölkerungszahl. 

Noch gibt es keine wissenschaftliche Beweise dafür, dass Covid-19 sich genauso wie Sars verbreitete. Aber die chinesische Regierung geht schon mal davon aus. Denn sie schloss diese Märkte und verbot den Handel mit Wildtieren. Auch das ist ein starker Eingriff in Lebensgewohnheiten. Wildtiere sind für viele Chinesen eine Delikatesse.

So weit, so gut. Allerdings gebe es eine zweite Bezugsquelle für den Handel mit Wildtieren: die traditionelle chinesische Medizin, schreiben Diamond/Wolfe. In ihr sind zum Beispiel die Schuppen des Schuppentieres beliebt, das ist ein kleines ameisenfressendes Säugetier, dem hemmende Wirkung gegen Fieber, Hautinfektionen und Geschlechtskrankheiten zugesprochen wird. Ideale Bedingungen, schreiben die beiden Autoren, dass tierische Mikroben den Menschen infizieren und krank machen und sterben lassen.

An Sars starben weniger als 1000 Menschen, an Ebola rund 11 000. Und an Covid-19?

Die Zahl wird höher liegen, viel höher, das wissen wir heute schon. Und Covid-19 hat viel tiefer in das Gefüge der Welt eingegriffen als jede andere Pandemie. Die langfristigen Auswirkungen können wir heute nur erahnen: politisch und wirtschaftlich, sozial und kulturell. Der Blick und die Zukunft fällt bei Diamond/Wolfe niederschmetternd aus: „Es gibt keinen biologischen Grund, warum zukünftige Epidemien nicht mehrere Hundert Millionen Menschen töten und den Planeten in eine jahrzehntelange Depression stürzen könnten.“

Muss nicht so kommen, geht auch anders. Wird der Handel mit wilden Tieren dauerhaft verboten, wird das Risiko enorm gesenkt. Die chinesische Regierung müsste eigentlich ein Interesse daran haben, denn sonst entsteht in ihrem Land die nächste Pandemie, die auf andere Kontinente überspringt.

Veröffentlicht bei t-online, heute.

Kindheit in Kaiserslautern

Zu den eindrucksvollsten Büchern der letzten Zeit gehört: „Ein Mann seiner Klasse“, geschrieben von Christian Baron, der für den „Freitag“ arbeitet und vorher nicht als Schriftsteller aufgefallen war. Er schildert eine Kindheit, wie sie noch nicht geschildert worden ist. In Armut, wirklicher Armut, zu der Schimmel gehört, der in der kleinen, schäbigen Wohnung an den Wänden wuchert, und den der kleine Junge nach zwei Wochen Hungers abschabt und isst.

Die Stadt der Kindheit ist Kaiserslautern. Der FCK ist in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein stolzer Verein. Die US-Armee hat hier den größten Militärstützpunkt außerhalb Amerikas. Das Viertel, in dem die Familie Baron lebt, ist das zweitschlimmste der Stadt.

Der Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker. Er schlägt den Kopf seiner Frau im Suff gegen die Wand und prügelt die Kinder grundlos. Den größten Teil des Geldes, das er als Möbelpacker verdient, trägt er in die Kneipe, die seinen Lebensmittelpunkt bildet. Er ist alles, was ein Vater nicht sein sollte, weshalb ein Kind ihn hassen oder verachten oder jedenfalls nicht lieben sollte. Aber die wahre Tragik in dieser Autobiographie des Elends besteht darin, dass der Sohn, also Christian, seinen Vater liebt, ihm nacheifert, ihn schützt, entschuldigt.

Wie kann das sein? Eine Erklärung gibt es nicht. Es ist, wie es ist. Der Junge findet diese absurde Vaterliebe in sich vor und kann nichts dagegen ausrichten und wird vielleicht sogar irre daran, wer weiß. Den Freispruch für den Vater liefert der Buchtitel: Er ist eben ein Mann seiner Klasse.

Die Mutter hätte aus der Unterschicht aufsteigen können. Sie war schön, intelligent, scheu. Als Schülerin schrieb sie Gedichte. Eines Tages, da ist sie 16, soll sie ein Gedicht in der Klasse vorlesen. Da hat nicht Goethe oder Heine oder wer auch immer geschrieben, sondern ein junger Mensch, der ein ausbaufähiges Talent für Wörter und Sätze besitzt. Das Gedicht, das sie zitternd vorträgt, geht so:

„Glaube mir, es gibt noch Elfen, / nicht nur in deinen Träumen. / Lass dir von ihnen helfen, / du wirst sonst viel versäumen. / Glaube mir, es gibt noch so viel zu entdecken, / Du solltest deine Gefühle nicht verstecken. / Glaube mir, wenn auch manchmal die Sonne / untergeht, / dann bin ich der Mensch, der immer zu dir steht.“

Was macht der Lehrer? Er dreht sich um, hebt die Arme, als wollte er Gott zum Zeugen anrufen, und prustet los vor Lachen. Die ganze Klasse stimmt ein. Diese Demütigung reicht so tief, dass sie die Schule schmeißt. Anstatt Abitur zu machen und zu studieren, bleibt sie in der Schicht, aus der sie nicht herauskommen soll. Ihre Sonne geht unter, ohne dass jemand zu ihr steht.

Seltsamerweise erzählt Baron die tragische Geschichte seiner Mutter eher tonlos. Dabei ist eigentlich sie die Hauptfigur, weil ihr, im Unterschied zu ihrem unbeherrschten Mann, ein anderes Leben offen stand. Hätte sie einen verständnisvollen Lehrer gehabt, der ihre Begabung erkannt und gefördert hätte, wäre sie aus dem Schlamassel heraus gekommen, in den sie mit ihrem Säufer- und Schläger-Mann vollends versinkt. Sie liefert sich Schlachten mit ihm. Sie säuft mit. Sie wird zur Zynikerin mit einem wütenden Lachen. Zwischendurch verfällt sie in Depression, bleibt im Bett, kümmert sich nicht um die Kinder. Im falschen Leben fehlt es ihr an Kraft. Sie stirbt jung.

Unterschicht bleibt Unterschicht. Ohne Hilfe bleibt unten, wer unten ist. Wer den Kopf hebt, braucht ein bisschen Hilfe, um ihn oben zu behalten. Einen Lotsen, der früher der Pfarrer war oder ein Onkel oder ein Lehrer. Die Mutter wird zurückgestoßen. Sie setzt sich nicht zur Wehr, sondern gibt auf und versteckt ihre Gefühle, weil es nichts zu entdecken gibt. Sie führt ein Leben, das nicht ihres ist.

Als sie stirbt, sind die Kinder noch klein. Eine Tante nimmt sich ihrer an. Sie verbannt den Vater so weit wie möglich aus ihrem Leben. Die Tante hat das Scherbenviertel hinter sich gelassen. Ein bisschen Ordnung, ein bisschen Normalität erleben die Kinder jetzt. Ohne Gewalt. Ohne Prügel. Fast ohne Saufen.

Anders als die Mutter schafft es der Sohn heraus aus der Unterschicht. Er ist ein kleines, schwächelnden Kind, aber intelligent und findet Förderer. Zu Hause machen sie sich lustig über ihn. Sie hänseln ihn: Denkst wohl, du bist was Besseres! Biste nicht! Die Sogkraft der Brüder und des Vaters ist enorm. Sie ziehen und zerren an ihm. Er soll nicht raus, nicht weg. Wenn es ihm gelingt, kein Mann seiner Klasse zu sein, was sollen dann sie sagen und wo bleiben sie? Andererseits: Wer will schon Vater und Brüder verlieren? Sie haben nur sich, sie haben keine Freunde, sie sind isoliert.

Der Sohn geht mühsam seinen Weg. Er führt kein Drama auf, er gibt nicht an, er wendet sich auch nicht von seiner Familie ab, aber er macht Abitur und studiert. Er lässt Kaiserslautern zurück, aber natürlich steckt Kaiserslautern in ihm. Er darf das Leben führen, das seiner Mutter versagt blieb.

Christian Baron hat eine interessante Erzählform gefunden, mit der er seine Kindheit in Kaiserslautern umkreist. Mal erzählt er aus der Sicht des Kindes, das er war. Mal erzählt er aus der Gegenwart, in der er mit seiner Tante die Stätten der Kindheit aufsucht. Er fragt sie aus, er macht sich klar, wie es damals war, denn nur auf das eigene Gedächtnis ist kein Verlass. So entsteht ein bemerkenswertes Buch, in dem der Autor schonungslos mit sich umgeht, weil ihn die Sehnsucht nach dem Vater nie verlässt.

Mit verstörenden Gedanken an den Vater klingt das Buch aus: „Mit all meinem Zorn und all meinem Glück, mit all meinem Schmerz und all meiner Überraschung, mit all meiner Angst und all meiner Liebe, mit all meinem Hass und all meiner Hoffnung, mit allen Zweifeln werde ich kurz vor meinem Tod dieses eine Wort aussprechen, das mein Vater sein Leben lang nie von mir zu hören bekam: Papa.“

Der Wal, der die Welt rettet

Jeder hat sein Buch, in dem er in diesen seltsamen Tagen blättert, damit er besser versteht, was vorgeht. Meines heißt „Der Wal und das Ende der Welt“. Gut geschrieben (bzw. übersetzt), poetisch und nachdenklich, geradeaus erzählt und in der tiefsten Provinz angesiedelt, die mit London, dem Zentrum der Finanzwelt verbunden ist, sehr menschlich und dann auch noch ein happy ending! Geht mehr?

Eines Morgens fallen den Fischern und den Frühmorgenspaziergängern an einer abgelegenen Küste zwei Dinge auf: ein Wal, der nahe kommt und wieder verschwindet und sich in den nächsten Wochen immer wieder sehen lässt und so zum vertrauten Anblick wird, zum Ehreneinwohner des Dorfes.

Der Wal hat offenbar einen nackten jungen Mann an Land geworfen, der dort wie tot liegt, aber von den findigen, witzigen Dorfmenschen gerettet wird. Der längst pensionierte Arzt nimmt den Mann auf, pflegt ihn und wartet ab, wann er und was er von sich erzählen wird, was er nach und nach auch tut. Er heißt Joe Haak und ist irgendwann von London ans Ende der Welt gefahren, hat seinen Wagen geparkt, seine Kleidung abgelegt und ist ins Wasser gegangen, ins kalte Wasser. Mehr weiß er nicht. Nur so viel: Der Wal hat ihn gerettet, ausgerechnet der Wal.

Den Autor kannte ich nicht. Er heißt John Ironmonger, hat Zoologie studiert, was seinem Buch bekommt, und hat in der IT-Branche gearbeitet, in die er auch Joe Haak versetzt, und lebt ungefähr dort, wo er sein 300-Seelen-Kaff zu Leben erweckt. Ironmonger ist belesen, keine Frage, und gibt die Lektüre wieder, die ihn beeinflusst: besonders Thomas Hobbes mit seiner grundpessimistischen Gesellschaftsphilosophie oder Jared Diamonds Dystopie „Kollaps“. Er kombiniert die Schwere mit dem märchenhaften Motiv des Wals und stellt am Ende Hobbes auf den Kopf.

Joe Haak war Analyst in einer Investmentank. Er entwickelte Cassie, einen Algorithmus, den er aus sämtlichen Artikeln in sämtlichen Finanz- und Wirtschaftserzeugnissen speist. Cassie sagt ziemlich genau voraus, wo sich Geld machen lässt. So erfolgreich Joe auch ist, so viel Geld er auch verdient, hält er dem Stress, der mit der Jagd auf die nächste Baisse, mit der sich Millionen scheffeln lassen, nicht stand. Du bist zu anständig, sagt die Therapeutin, eines Tages wirst du einfach alles stehen und liegen lassen, und wegfahren, weit weg fahren und nicht wieder kommen.

Den Grund für die Flucht ans Ende der Welt ist die Pandemie, von der er weiß, dass sie die Menschheit heimsuchen wird. Ihren Anfang nimmt sie in Indonesien und Indien. Sie ist eine Neuauflage der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs. Sie rafft junge Menschen hin, nicht aber alte. Da die Versorgung mit Öl aus dem Persischen Golf zusammenbricht, fällt in England alsbald die Elektrizität aus. Die Menschen sterben in Massen, die Regierung ruft den Notstand aus. Weil es keinen Strom gibt, wissen die Menschen im Dorf des Wals nicht, was ein paar Kilometer entfernt los ist, geschweige denn, was in London los ist, und welche Maßnahmen die Regierung ergreift.

Joe Haak hat vorgesorgt. Rechtzeitig füllt er die normannische Kirche mit ungeheuren Mengen an Lebensmitteln. Damit rettet er das Dorf, das ihn gerettet hatte. Der Wal schaut vorbei, als wollte er wissen, ob es hier noch Leben gibt. Anders als mit Hobbes gedacht, fallen die Hungernden nicht übereinander her. Im Gegenteil sind sie solidarisch, anstatt sich zu töten und zu beklauen. Am Ende der Welt findet ein großes Weihnachtsfestmahl statt, zu dem Joe Haak die Nachbarn aus den umliegenden Dörfern einlädt.

Die Pandemie fordert eine riesige Zahl an Opfern, aber die Menschheit überlebt dank ihrer Solidarität. Hobbes liegt falsch. Idealisten wie Joe Haak liegen richtig.

Wir leben in der dritten Woche mit unserer Pandemie, die Alte hinwegrafft und Junge, so sie gesund sind, verschont. An Solidarität mangelt es nicht, abgesehen von Diebstählen an Masken und Handschuhen und Betrügereien mit den Anträgen für Kredite oder Zuschüsse. Wir halten uns an die Regeln. Wir ertragen Einschränkungen und bleiben auf Abstand. Wir vertrauen Angela Merkel und Olaf Scholz und Christian Drosten, dem verständlich formulierenden Virologen. Wir hoffen darauf, dass bekannte Medikamente auch gegen die Lungenkrankheit helfen. Wir reden wie selbstverständlich über Impfstoffe, die es noch nicht gibt, aber bestimmt im Herbst oder zu Weihnachten oder eben in einem Jahr.

Ostern kommt. Kein Wegfahren in die Umgebung, an die Ostsee, nach Mallorca oder auf die Malediven. Kein Eieranmalen, kein Eiersuchen mit den Enkeln und Nichten. Nichts, nichts, nichts. Zu Hause sitzen, kochen, lesen, fernsehen. Facetime mit der Familie in Rodenberg oder Kreuzberg oder München. Wann werden wir ungeduldig?

In „Der Wal und das Ende der Welt“ ist die Pandemie irgendwann einfach vorbei. Davon erfährt das Dorf, in dem Joe Haak heimisch geworden ist, durch Zufall. Das Leben geht weiter. Joe Haak umwirbt die junge, flirtige Frau des Pfarrers. Vergeblich. Sie will, dass er geht und nie wiederkehrt. Sie liebt ihn, aber nicht genug.

Ohne großen Abschied bereitet Joe seine Abfahrt vor mit dem Segelboot, das der Arzt ihm schenkt. Bevor er die Leinen kappt, steht da die junge schöne Frau, die ihn damals am Strand beatmete und ins Leben zurückholte. Von ihr ist im Dorf bekannt, dass sie beim Sex sehr laut ist, worauf sie Joe sicherheitshalber noch einmal hinweist. Aber außer dem Wal hört draußen auf dem Meer ja eh keiner zu.

Wie lange noch?

Meine Lieblingsbuchhandlung hat noch offen, wie gut. Die kleine Bäckerei gegenüber besorgte mir Hefe, damit ich Brot backen kann. Ich gehe täglich spazieren, natürlich auf Abstand, koche, lese und schaue spätabends einen Film. Das ist mein Alltag in Corona-Zeiten und wie jeder Alltag beruhigt er, weil ich weiß, was ansteht, und zugleich geht mir die Gleichförmigkeit auf den Wecker.

Wir leben in der zweiten Virus-Phase. Sie wird sich hinziehen, sie ist zäh. Eher ereignisarm, jedenfalls was das Regierungshandeln anbelangt. Wer ein Geschäft oder Unternehmen hat, wartet auf die versprochenen Zuschüsse oder abgesicherten Kredite. Wer in einer kleineren Wohnung lebt, dem fällt die Decke jetzt schon oder in Kürze auf den Kopf. Wir haben uns mit dem Freiheitsmangel eingerichtet. Die Umfragen beweisen die Einsicht der Deutschen in die Notwendigkeiten. Trotzdem will jedermann wissen, wann das endet.

Die Kanzlerin bittet uns nicht zufällig um Geduld. Mir fällt sie leichter, als meinem Freund Sascha, der ein Restaurant leitet, oder Gyven, meinem Friseur. Ich hoffe, beide überstehen die destruktive Kraft des komatösen Kapitalismus und bekommen das nötige Geld aus einem der Fonds, welche die Bundesregierung aufgelegt hat.

Die Einschläge kommen näher. Ein Bekannter ist gestorben. In Bayern und Baden-Württemberg sterben auffallend viele Menschen an Corona, gefolgt von Nordrhein-Westfalen. Wenn es stimmt, dass 60 bis 70 Prozent von uns sich den Virus zuziehen, und wenn es stimmt, dass die Kurve seit Einführung von Kontaktsperre und Ausgangssperre abflacht, dann bleiben wir länger im Bann der Pandemie. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Wann trifft es mich? Wann hört dieses surreale, reduzierte Leben in unserem Land auf?

Frage 1: Mich trifft es, wenn es mich trifft. Über statistische Wahrscheinlichkeit lässt sich nicht grübeln. Entweder fällt man drunter oder nicht. Und wenn ich darunter falle, wehrt sich mein Körper erfolgreich oder nicht. Für die Zeit bis dahin scheint mir Fatalismus die angemessene Haltung zu sein. Ich lege sie mir nicht zurecht, ich finde sie in mir vor.

Frage 2: Momentan haben sich so ziemlich alle Länder in Quarantäne begeben. China  hat das Schlimmste hinter sich, Italien ist mitten drin in der Katastrophe, Amerika und Großbritannien haben Zeit verloren und fahrlässig schlechte Gesundheitssysteme. Der globale Kapitalismus bleibt in Schockstarre. Wie lange noch?

China hat die Pandemie nach eigener Definition bewältigt. Der Binnenkapitalismus bewegt sich allmählich wieder. Vorsichtig beginnt die Abkehr von Anomalie, vorsichtig gewinnt die alte Normalität an Kraft. Und der allgewaltige Xi Jinping muss darauf hoffen, dass sich die USA so schnell wie möglich erholt.

Amerika geht normalerweise robust mit Krisen vor. 400 000 Menschen sind jetzt schon in der Opioid-Epidemie gestorben, hinweggerafft durch die Abhängigkeit von legalen Schmerzmitteln mit fatalen Auswirkungen. Der gewaltigen Aufschrei, der zu erwarten gewesen wäre, blieb aus. Der Staat spendete 6 Milliarden Dollar an Hilfe, ein Klacks vergleichen mit den Corona-Hilfspaketen. An der Lungenkrankheit sind bislang rund 2 100 Amerikaner gestorben und weltweit 31 000 Menschen. Kaum zu glauben, dass Corona auch nur annähernd so viele Menschen tötet wie die synthetisch hergestellten Opioide.

Auf Amerika werden wir schauen, sobald Ostern vorbei ist und der April ausklingt. Von Donald Trump erwarten die anderen Länder das Startsignal, das weniger von Infektions- und Todesfällen abhängen dürfte als vom Ausmaß des antizipierten Schadens für die Weltwirtschaft. Der Präsident steht vor einer Wahl im November, was die Sache für ihn nicht einfacher macht. Wie gut oder schlecht er handelt, entscheidet über seine Verweildauer im Weißen Haus.

Ich kenne niemanden, der die Regierungschefs um die Aufgabe beneidet, vor uns zu treten und zu sagen: Liebe Leute, es ist genug, wir sind einigermaßen mit der Pandemie durch, und wenn wir nicht unwiederbringlich weit mit unserer Volkswirtschaft zurückfallen wollen, dann müssen wir den Kleinbetrieben, dem Mittelstand und den Konzernen wieder erlauben, zu produzieren und ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Also, lasst uns die Maschinen anwerfen und wieder an die Arbeit gehen.

Vieles im Leben ist eine Sache der Abwägung. Entscheidungen fallen nur zu oft mit 51 zu 49 aus. Nichts ist in Stein gemeißelt, Unsicherheit bleibt immer. Ungefähr drei von 10 Urteilen erweisen sich hinterher als zu kurz gegriffen und revidierbedürftig oder falsch. Aber die Entscheidung über das Ende des Ausnahmezustandes darf keinesfalls zu kurz greifen oder zum falschen Zeitpunkt erfolgen.

Der wiederauferstandenen Kanzlerin traue ich am ehesten zu, dass sie verantwortungsvoll handelt. Momentan ist ihre Stärke, die gerade noch eine Schwäche war, ein Segen: Sie sammelt Informationen und wägt ab, bis sie handelt. Ich glaube aber nicht, dass sie abwarten kann, bis die ominösen 60 bis 70 Prozent aller Deutschen infiziert gewesen sind. Das Flachziehen der Infektionskurve dient ja der Funktionstüchtigkeit unseres Gesundheitssystems, das irgendwann doch kollabieren wird, und ändert nichts an der Zahl der Kranken und Toden.

Die Exit-Strategie muss in dieser zweiten Corona-Phase bedacht und organisiert werden. Über das Ende zu entscheiden ist noch schwieriger als die Entscheidung über den Anfang des Ausnahmezustandes. Vom Gefühl, denn Wissen ist es ja nicht, für das richtige Timing hängt verdammt viel ab: für uns genau so wie für China, Amerika und für die anderen stillgelegten Länder.