In Angela Merkels Schuhen

Gestern waren wir im Sonnenschein am Teltow-Kanal spazieren. Ein Schlepperverband fuhr leer vorbei, und wir dachten schon, er liege zu hoch, um durch den Brückenbogen zu passen, war aber nicht so. Zwei Radfahrer überholten uns, eine ganze Reihe Motorboote lagen eingemottet am Gegenufer. Auf dem Rückweg durch den Wald fanden wir einen kleinen See, an den eine ausladende Wiese grenzte. Drei Menschen saßen auf einem Baumstamm, den Zeichenblock vor sich, und malten dieses Idyll, konzentriert und schweigsam. Ein Hund sprang ins Wasser und holte den dicken Ast mit kläffender Begeisterung heraus.

Die Welt kann seltsam friedlich sein. Unwirklich. Unheimlich. Die Diskrepanz ist ja auch zu grell. Der Himmel so blau und das Virus so tödlich. Spazierengehen in Gottes freier Natur und täglich neue Horrorzahlen. Ich zähle zu den Risikopatienten, denen das Virus schwer zusetzen kann, wenn es mich heimsucht. Ich hatte als Jugendlicher Tuberkulose und verbrachte ein halbes Jahr in einem Lungenheilsanatorium. Das vergisst man nie mehr, das steckt tief im Gemüt, auch bei mildem Sonnenlicht und dem blauesten Himmel. Mir macht es keinen Spaß, die Quarantäne einzuhalten, aber besser als der Tod ist Selbstdisziplin allemal.

Die dritte Woche im Ausnahmezustand ist vorüber. Auf den Balkonen singen und klatschen sie nicht mehr, wie schade. Die Spontanität hat sich ein bisschen erschöpft, ist eben so. Immerhin schlagen die Tageszeitungen unverdrossen ganze Seiten frei und stellen  Alltagshelden vor, die das Land am Laufen halten: die Altenpflegerin, den Lkw-Fahrer, die Ärztin, den Restaurantbetreiber, der die Speisekammer weg kocht und das Essen unentgeltlich an Krankenhäuser oder Polizeistationen ausliefert. 

Nach wie vor lassen sich etliche Menschen einiges in der Not einfallen, was das Herz wärmt. Die Soziologen, die Experten für gravitätische Begriffe sind, sagen dazu: Die Zivilgesellschaft tritt in die Lücke ein, die der Staat lässt. Ist gut so, muss so sein, diese Nachbarschaftshilfe ist wunderbar –  österlich ausgedrückt: diese christliche Nächstenliebe im Ausnahmezustand.

Die Geduld hält an, so sieht es zumindest aus. Klaglos standen am Samstag in Berlin lange Schlange vor dem Schlachter, dem Bäcker,  dem Obstladen, dem Supermarkt. Polizeiautos fuhren durch die Gegend, inspizierten Spielplätze, Parks und Wochenmärkte. Kein Aufruhr, wenig Ärger, Abstand und Anstand. Die Obstfrau auf dem Winterfeldmarkt verabschiedete ihre Kunden mit einem flotten Spruch, der zm Nachdenken einlädt: Bleiben Sie gesund und demokratisch!

Gesundheit ist Glückssache, kein Verdienst. Man steckt sich an oder nicht. Man stirbt oder nicht. Das Leben kann auch Lotterie sein. Das Virus trifft, wen es trifft. Es trifft nicht, wen es nicht trifft. Eine 101 Jahre alte Frau überstand die Lungenkrankheit, habe ich gestern gelesen, wunderbar. Würde ich sie überstehen?

Demokratisch bleibt das Land ganz bestimmt. Oder haben Sie Zweifel? Ich kenne eigentlich niemanden, der nicht in aller Ruhe davon ausgeht, dass wir uns irgendwann wieder öffentlich mit vielen Leuten treffen können – dass wir tun und lassen können, was wir wollen, ohne dass uns die Obrigkeit auseinander treibt. An Angela Merkel war noch vor ein paar Wochen mehr zu kritisieren als momentan, aber autoritärer Anwandlungen hat sie niemand bezichtigt.

Jetzt steht die vierte Woche an. Am Mittwoch schalten sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten zusammen und  entscheiden darüber, wie es weiter geht. Auflockern oder weiter so, das ist die Frage. Wenn Geduld und Vertrauen nicht bröckeln sollen, muss die Bundesregierung weiterhin so klug handeln, wie sie bislang gehandelt hat. Der Rat der Wissenschaftler ist wichtig, aber die politische Entscheidung ist komplexer. So ist das eigentlich immer, aber diesmal hängt noch gewaltig mehr vom richtigen Timing ab.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Kanzlerin und müssen sich durch dieses Labyrinth bewegen: Mittelstand und Industrie mahnen zur Eile. Kleine Geschäfte wie Friseure, Buchläden, Cafés, Boutiquen gehen pleite oder stehen kurz davor. Die Mitarbeiter raten Ihnen, Sie sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Das Reden überlassen Sie an Ostern dem Bundespräsidenten, der die Krise zur Charakterfrage erklärt.

Die Virologen raten von einer Lockerung ab, da die Pandemie ihren Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Armin Laschet, der Sie beerben will, gibt seine abweichende Meinung zu erkennen und profiliert sich auf ihre Kosten. Die beiden SPD-Vorsitzenden verlangen Steuererhöhungen für die Reichen, der bayerische Ministerpräsident ist für Steuersenkungen nach Corona, um den Konsum zu erleichtern und damit die Wirtschaft anzukurbeln.

In den Talkshows hagelt es Meinungen, was in Deutschland auf dem Spiel steht. Intellektuelle sagen mit gewichtigen Worten, das Land halte dieses künstliche Koma nicht lange aus.

Und dazu Tag für Tag mehr Infizierte und mehr Tote.

Schwieriger kann eine Entscheidung gar nicht sein. Niemand ist zu beneiden, der sie treffen muss. Selten ging es in den letzten Jahrzehnten um so viel wie heute. Da können wir nur Glück für das richtige Timing wünschen, in unserem eigenen Interesse.

Veröffentlicht an Ostermontag auf T-Online.