Plötzlich hat „Sleepy Joe“ gute Karten

Normalerweise ist es zu früh, irgendwelche Prognosen darüber abzugeben, wer am 3. November gewählt wird. Momentan ist aber nichts normal, vor allem nicht in Amerika, und deshalb wollen wir eine Ausnahme machen und schon heute darüber reden, wer der nächste Präsident sein könnte.

Für Donald Trump ist immer Wahlkampf. Das liegt an seinem Freund-Feind-Denken und der Neigung zur ständigen Rückversicherung bei seinen treuesten Anhängern wie gerade eben in Tulsa. Der Auftakt ist eher missglückt. Optimal wäre für ihn gewesen, wenn wirklich der Saal voll gewesen wäre und draußen Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizisten getobt hätten. Weil beides ausblieb, lief der Präsident nicht zu großer Form auf und das Publikum tobte und wütete nicht wie gewohnt.

Natürlich probierte er ein paar der Wahlslogans aus, die bis in den November hinein raffiniert werden. Joe Biden bezeichnete er als „trojanisches Pferd für den Sozialismus“. Die Leute hinter ihm würden die Polizei auflösen und zur Anarchie aufrufen. Dazu passt die dunkle Andeutung von der manipulierten Wahl, damit der Sieg  nicht ihm zufällt, Trump.

Je weniger seine klassischen Slogans zünden werden, desto schmutziger und brutaler wird die Kampagne ausfallen. Trotzdem sieht manches danach aus, dass er nicht wieder gewählt wird. Trotzdem könnte Joe Biden, den er als „Sleepy Joe“ lächerlich macht, wider Erwarten gewinnen. Dafür sprechen vier Überlegungen:

1).  Die Corona-Krise ist eine Trump-Krise, weil ihm die Antworten fehlen, die in einer Demokratie angebracht sind: Vorsicht und Umsicht, Einfühlungsvermögen und sachliche Beschäftigung mit dem Problem. Statt dessen machte er zuerst seine Witzchen über das chinesische Virus, redete frühzeitig vom Ende der Vorsichtsmaßnahmen und bescheinigt sich jetzt, dass er einen „phänomenalen Job“ gemacht hat. Außer ihm kommt niemand auf diese Idee.

2.)  Der harte Kern seiner Wähler ist die weiße Unterschicht, die von Corona in besonderen Maße getroffen wird, medizinisch wie sozial. Sie sind unter den vierzig Millionen Arbeitslosen zu finden und im klassenmäßig organisierten Gesundheitssystem stehen sie ganz unten. Die Reindustrialiserung, die Trump versprach, war ohnehin eine Chimäre. Das lässt seine Anhänger wohl kaum an ihrem Präsidenten irre werden, aber der Mangel an Enthusiasmus in Tulsa ist kein Zufall und könnte zum entscheidenden Problem werden.

3.) Die Rassenunruhen dürften sich als Massenbasis für den demokratischen Kandidaten erweisen. Hillary Clinton verlor vor vier Jahren, weil sie ihr Potential nicht ausschöpfen konnte. Joe Biden sollte das eher gelingen, sofern er keine schweren Fehler begeht. Für flapsige Bemerkungen und kleinere Fehlleistungen ist er berüchtigt. Bleibt es dabei, schmälert er seine Chancen kaum.

4.). In dieser Wahl findet kein Duell statt, in dieser Wahl geht es einzig und allein um Donald Trump. Dieser Umstand kommt ihm im Normalfall entgegen, da er ohnehin der Meinung ist, die Welt dreht sich nur um ihn. Diesmal aber könnte die zentrale Botschaft am Ende lauten: Wählt Trump ab.

Die Demokraten begannen mit einer riesigen Zahl an Kandidaten für die Wahl im November. Dann haben sie sich erstaunlich schnell auf einen moderaten, erfahrenen Kandidaten geeinigt haben. Biden ist weder jung (er ist vier Jahre älter als Trump) noch charismatisch, aber er gilt als anständig und berechenbar. Er saß jahrzehntelang im Senat und war acht Jahre lang Obamas Vizepräsident. Er ist vieles, was Trump nicht ist. Die Anti-Trump-Koalition muss ihn tragen. Sie reicht weit hinein in die Mittelschicht der nicht festgelegten Wähler, die Hillary Clinton nicht wollten und Trump zur allgemeinen Überraschung zum Weißen Haus verhalfen.

Amerika neigte in seiner Geschichte oft genug dazu, das Gegenteil des jeweiligen Amtsinhabers zu wählen. Den jungen John F. Kennedy nach dem alten Ike Eisenhower. Den frommen Jimmy Carter nach Richard Nixon. Den jungen Bill Clinton nach dem alten George W. Bush. Donald Trump verkörperte den größtmöglichen Gegensatz zu Barack Obama und Joe Biden hat maximal wenig mit Trump gemeinsam.

Donald Trump, der schon einmal wie der sichere Gewinner aussah, kann sich in den nächsten Monaten erholen. Oder unvorhersehbare Ereignisse verändern das Gefüge und die Stimmung in Amerika. Vieles ist möglich, jeder Wind dreht sich, schau mer mal.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

Was zum Lesen: Bob Dylan „I Contain Multitudes“

Today, tomorrow, and yesterday, too
The flowers are dyin‘ like all things do
Follow me close, I’m going to Balian Bali
I’ll lose my mind if you don’t come with me
I fuss with my hair, and I fight blood feuds
I contain multitudes. Got a tell-tale heart, like Mr. Poe
Got skeletons in the walls of people you know
I’ll drink to the truth and the things we said
I’ll drink to the man that shares your bed
I paint landscapes, and I paint nudes
I contain multitudesRed Cadillac and a black mustache
Rings on my fingers that sparkle and flash
Tell me, what’s next? What shall we do?
Half my soul, baby, belongs to you
Oh, while I cannot frolic with all the young dudes
I contain multitudes. I’m just like Anne Frank, like Indiana Jones
And them British bad boys, The Rolling Stones
I go right to the edge, I go right to the end
I go right where all things lost are made good again
I sing the songs of experience like William Blake
I have no apologies to make
Everything’s flowing all at the same time
I live on the boulevard of crime
I drive fast cars, and I eat fast foods
I contain multitudesPink petal-pushers, red blue jeans
All the pretty maids, and all the old queens
All the old queens from all my past lives
I carry four pistols and two large knives
I’m a man of contradictions, I’m a man of many moods
I contain multitudesYou greedy old wolf, I’ll show you my heart
But not all of it, only the hateful part
I’ll sell you down the river, I’ll put a price on your head
What more can I tell you? 
I sleep with life and death in the same bed
Get lost, madame, get up off my knee
Keep your mouth away from me
I’ll keep the path open, the path in my mind
I’ll see to it that there’s no love left behind
I’ll play Beethoven’s sonatas, and Chopin’s preludes
I contain multitudes.

Was zum Lachen

Wladimir Putin und Donald Trump unterhalten sich. Sagt Putin zu Trump: Du wirst staunen, wir landen bald auf dem Mars. Wir zeigen euch, was wir können und dass wir euch überlegen sind. Antwortet Trump: ist ja gar nichts, auf den Mars kann jeder. Wir aber landen bald auf der Sonne. Sagt Putin: Aber die Sonne ist doch viel zu heiß, das geht nicht. Antwortet Trump: Das geht sehr wohl, wenn man so schlau ist wie ich. Wir landen nämlich bei Nacht.

Erzählt von Theo Sommer im Fragebogen der „Zeit“

Nicht immer nur Corona, Corona, Corona

Am meisten interessiert mich momentan, in welcher Stimmung  Deutschland ist. Es ist nicht einfach herauszufinden, sei es durch Lektüre der Tageszeitungen oder Wochenblätter, sei es durch die vielen Sondersendungen im Fernsehen. Also versuchen wir es einfach mal.

Anscheinend liegt die monothematische Zeit hinter uns. Nicht mehr ist alles Corona, Corona, Corona. Unterschiedlich ist nur das Maß an Lockerungsübungen. Vorige Woche ging ich in ein Restaurant in Potsdam und wollte meine Maske aufsetzen, das war aber nicht nötig, anders als in Berlin. War ich erstaunt. Kurz zuvor war ich in Hamburg und dachte, um 22 Uhr müssten wir das Restaurant verlassen, mussten wir jedoch nicht, anders als in Berlin. War ich erfreut.

Föderalismus ist prima. Föderalismus hat viele Zentren und bietet mehr Abwechslung als der Zentralismus in Frankreich oder England. Allerdings wäre jetzt Abstimmung wie in dem Pandemie-Anfängen ein Segen. Ist ja zu albern, wenn wir uns erkundigen müssen, was wir in Niedersachsen dürfen und in Hessen nicht. Ich bin für ein Mittelmaß, mir ist Bayern zu restriktiv und Nordrhein-Westfalen prescht zu schnell vor. Die Umfragen zeigen ja, dass Vorsicht à la Söder geschätzt wird und Eile à la Laschet nicht besonders gut ankommt.

Zwischenbilanz: Die Deutschen sind offenbar immer noch geduldig, wenn auch irritiert. Sie genießen das Wetter, Cafés und Restaurants sind überall voll. Eine Mehrheit hält sich, nach allem, was wir wissen, an die Regeln. Ab heute können wir wieder ins europäische Ausland reisen, sofern Flugzeuge fliegen, sonst bleibt die Bahn oder das Auto. Ist doch was, die Welt wird wieder größer.

Daneben beschäftigt uns Rassismus, vorzugsweise in Amerika, aber nicht nur. Ich bin mein Leben lang gerne drüben gewesen, habe einige Jahre dort gelebt, habe mich aber auch immer wieder über diese schwärende Wunde Rassismus gewundert, die regelmäßig aufbricht. Hier in den Talkshows kommt allerdings zu kurz, dass es im Rassismus auch immer um Klassenverhältnisse geht. Wenn Schwarze in die Mittelklasse aufsteigen, haben sie eine Chance, dem Rassismus zu entgehen. Wer sozial so weit unten steht wie George Floyd ist ihm ausgeliefert.

Dass in Berlin und München Leute gegen Rassismus demonstrieren, finde ich gut. Ich glaube, da schwingt Erleichterung mit, dass wirklich große politische Themen wieder ins Zentrum rücken und das ewige Corona relativieren. Nebenbei sind die Verschwörungstheoretiker, die uns mit ihren Phantasmagorien verblüfft haben, dorthin gerückt, wohin sie gehören: ins Abseits.

Die Rückfrage, wie es hier bei uns zugeht, liegt nahe und ist vernünftig. Rassismus ist Menschenverachtung, wer würde das nicht sagen, außer den Höcke-Verehrern, die von Deutschland gestern träumen. Rassismus kommt bei uns vor, genauso wie Antisemitismus. Schlimm genug. Die Einsicht, dass es wahrscheinlich nie eine Gesellschaft ohne Abgrenzung und Ausgrenzung, ohne Diffamierung und Diskriminierung geben wird, hilft nicht viel weiter. Also muss die Gesellschaft auch immer wieder gegen dieses Unrecht angehen, was denn sonst. Der Kampf geht weiter, immer weiter.

Nun soll der Begriff Rasse aus dem Grundgesetz gestrichen werden. Kann man machen, kann aber genau so gut eine Ersatzhandlung sein. Rassismus beruht auf einem Gedankenstrom, der sich seit Jahrhunderten durch die europäische Geschichte zieht. Wird schwierig. Wahr ist aber auch, dass die Identität der Gegenwart vom Umgang mit der Vergangenheit mitbestimmt wird. Ich bin gespannt, wie tief die Diskussion gehen wird und ob sie versöhnt oder spaltet.

Zweite Zwischenbilanz: Die große Politik war nie weg, aber im Stillstand der Corona-Krise eingedämmt. Im Kleinen kehrt sie in ihr Recht zurück, weil wir in den Städten sehen können, dass der Bäcker an der Ecke aufgegeben hat und auch der Schmuckladen in dritter Generation. Im Großen hat sich womöglich jetzt schon entschieden, ob Donald Trump am 3. November abgewählt wird.

Da wir wieder reisen dürfen, können wir endlich den Urlaub planen. Wahrscheinlich eher Europa als Fernost oder Südamerika oder Karibik. Egal, die Hauptsache raus und weg und möglichst nicht dorthin, wohin alle wollen, also lieber Formentera als Mallorca, lieber Santorin als Kreta. Oder denken alle so und überall ist es voll? Auf alle Fälle genug Home Office und Home Schooling, jetzt Sonne und Sand und Bücher und möglichst wenig an die kleinen und großen Probleme denken.

Dritte Zwischenbilanz: Sofern der Job sicher ist und das Bankkonto ungeplündert, fällt die Vorfreude auf den Sommer leicht. Und wenn wir im Urlaub auf Franzosen oder Briten oder Spanier treffen, können wir Vergleiche anstellen und uns darin sonnen, dass es uns gold geht.

Wahrscheinlich pendelt unsere Stimmung momentan zwischen frohgemut und beklommen. Die Wahrheit liegt im Herbst, wenn die Rezession durchschlägt und die Arbeitslosigkeit steigt und Pleiten zunehmen und Corona nach wie vor unseren Alltag prägt. Ich bin gespannt, wie  uns dann zumute sein wird.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

Ted Sommer zum 90.

Vor zwei Tagen ist Theo Sommer, den alle Ted nennen, 90 Jahre alt geworden. Wer für Unverwüstlichkeit eine Illustration sucht, sollte sein Photo ausstellen. Die Natur hat es gut mit ihm gemeint. Die Gene haben es gut mit ihm gemeint. Das Leben meint es gut mit ihm. Von all den zumeist wunderbaren, selten unangenehmen Menschen, die mir am 2. September 1980 in der „Zeit“ begegneten, ist er der letzte Überlebende. Last Man Standing, das wird ihm gefallen.

Ich erstarrte in Ehrfurcht, an jenem Tag im September. Ich kam mir klein vor. Jeder meiner neuen Kollegen war ein Ausbund an Kompetenz, an schreiberischem Können. Kurt Becker, der stellvertretende Chefredakteur und mein Mentor, holte mich in meinem Büro ab und zeigte mir, wo die Konferenz des Politik-Ressorts stattfand und sagte den klassischen Satz, den ich seither häufig wiederholt habe: „Hier gibt es keine Sitzordnung, aber wehe, Sie verstoßen dagegen.“ Ich war zehn Jahre jünger als der bis dahin Jüngste, das war Horst Bieber, ein wandelndes Lexikon. Er las Partituren in seiner Freizeit und schrieb Kriminalromane, die verfilmt wurden. Ihn interessierte Umweltpolitik, die damals die allerwenigsten interessierte. Auf ihn münzte Ted Sommer den zweiten klassischen Satz, den ich seither oft zitiert habe: „Er weiß alles und versteht nichts.“ Horst Bieber ist vor kurzem gestorben.

Im Herbst 1980 tobte ein Bundestagswahlkampf der spektakulären Art: Helmut Schmidt gegen Franz-Josef Strauß. In der „Zeit“ tobte parallel ein Machtkampf zwischen Ted Sommer und Dieter Stolze. Sommer war für Schmidt und eine liberale „Zeit“. Stolze war für Strauß und eine konservative „Zeit“. Der Eigentümer Gerd Bucerius schaute lange zu und ließ nicht erkennen, wozu er neigte. Der Machtkampf verlief fair und unter Einnahme von viel Whiskey. Ich erinnere mich, wie die beiden großen Männer laut und lärmend wie beste Freunde über den Flur liefen. Irgendwann entschied sich Bucerius für Ted und Stolze musste gehen. Er wurde dann Jahre später Regierungssprecher unter Helmut Kohl.

Die Mehrheit im Haus war froh über den Ausgang des Machtkampfes. Der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, er hieß Hans Schueler, sagte in der ersten Gesamtkonferenz des Blattes nach der Krise: „Ted, wir sind nicht für Sie, weil wir Sie mögen, sondern weil Sie die richtige Haltung haben.“ Man war selbstbewusst in diesem Haus. Jeder Redakteur fühlte sich fürs Ganze verantwortlich. Wirklich verantwortlich für das Ganze aber waren Ted Sommer und die Gräfin, meine Nachbarin zur Linken: Marion Gräfin Dönhoff, eine große Frau, eine eindrucksvoller Erscheinung, gesegnet mit einem kühlen Blick und einem herzhaften Lachen, das auch schmutzig klingen konnte.

Sommer verbreitete gute Laune. Sommer verbreitete Optimismus. Sommer war und ist ein angstfreier Mensch, ein freier Mensch. Als ich meine ersten Leitartikel schreiben durfte, gab er mir das Gefühl: Du kannst es, du weißt es vielleicht nicht, aber ich weiß es, nur zu! Natürlich war klar, dass er ihn im Zweifelsfall umschreiben würde, aber das behielt er für sich. Er setzte Vertrauen in seine Redakteure und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Später habe ich meine Erfahrungen mit Chefredakteuren gemacht, die unsicher waren und Unsicherheit vermittelten. Die misstrauisch waren und Pessimismus vermittelten. Das ist bescheuert, wenn man selber erfahren ist. Es ist furchtbar, wenn man jung ist und in dieser Atmosphäre reifen soll. Der „Spiegel“ war in vielem das Gegenteil der „Zeit“. Eine Ausnahme bildete Stefan Aust, auch ein leidenschaftlicher Journalist, auch jemand, der groß handelte und furchtlos war. Mit ihm wurde ich nach einiger Zeit warm, lernte ihn zu schätzen und hatte jede Menge Spaß mit ihm, als wir morgens um 5 durch New York liefen, nach einem Interview mit Bill Clinton und einer Nachtarbeit mit Bearbeitung auf Deutsch und Englisch.

Ted Sommers „Zeit“ ist aus heutiger Sicht ein Unikum, ein Phänomen. Ein Blatt, in dem Sommer kurz mal ins Verteidigungsministerium wechselte und die Gräfin hätte Bundespräsidentin werden können, wenn sie gewollt hätte. Hier arbeiteten Journalisten, die sich als Ratgeber der Regierung verstanden und von Kanzlern auch so verstanden wurden. Ein Blatt, in dem Helmut Schmidt Herausgeber wurde und wie selbstverständlich in der Politik-Konferenz saß und Widerspruch hinnahm, mürrisch vor allem dann, wenn er gut begründet war. Und alle machten ein Blatt, das sie gerne lesen wollten – noch so ein klassischer Satz.

Die liberale Zeit wuchs auf eine halbe Million. Sie war beliebt, nicht gefürchtet wie der „Spiegel“. Sie war ein Meinungsmacherblatt und natürlich irrten die Meinungsmacher auch gewaltig, Ted Sommer voran. Er wäre der Letzte, der es abstreiten würde.

Vor drei Jahren war ich mit ihm zum Essen verabredet. Er humpelte herein, ging am Stock. Ich erschrak, ich dachte, jetzt wird er doch alt und gebrechlich, wie schade. ich war bereit, so zu tun, als ob ich nichts sähe, nicht erschrocken sei. Auf meine Frage, was denn passiert war, sagte: „Der Meniskus, beim Joggen falsch aufgetreten.“ Ich nehme an, er musste sich beim Joggen dringend nach einer schönen Frau, jung natürlich, umdrehen.

So ist er, der Ted, mein Lieblingschef, unverwüstlich, unverändert, unveränderbar. Morgen rufe ich ihn an und verabrede mich mit ihm.

Man wird doch wohl mal loben dürfen

Als ich neulich in einer Kolumne die Regierung lobte, schrieb mir ein wütender Leser, ich sei wohl von Helge Braun, dem Kanzleramtsminister, gekauft worden, denn sonst würde ich ja wohl nicht so blöd sein und gegen jeden gesunden Menschenverstand für gut befinden, was objektiv falsch sei. Ich weiß nicht, warum der Leser ausgerechnet den freundlichen Herrn Braun, den ich im übrigen gar nicht persönlich kenne, als Geldverteiler auserkoren hatte. Wahrscheinlich lag es an seinen moderaten Auftritten in einigen Talkshows.

Nichts Ungewöhnliches war passiert. Auch im richtigen Leben mosern wir mal und loben wir mal. Mal finden wir jemanden gut, mal ärgern wir uns über ihn oder sie. Mal bekommen wir Schmähbriefe auf Artikel hin, mal klopft uns jemand auf die Schulter. Alltag eben.

Journalisten sind Menschen, die das Privileg haben, Ereignisse zu beschreiben und zu analysieren, und da Ereignisse menschengemacht sind, urteilen wir über Menschen. Dabei kann die Kritik heftig ausfallen oder das Lob enthusiastisch. Es kommt eben auf die Umstände an. Aus Prinzip nie zu loben, käme mir komisch vor. Prinzipienreiter sind anstrengende Menschen.

Schauen wir uns doch mal die Ereignisse der letzten Tage an. Die Regierung hat ein Konjunkturprogramm verabschiedet. Gut oder schlecht? Ziemlich gut, würde ich sagen, wobei mir besonders das Ausbleiben des Kotaus vor der Automobilindustrie auffiel. Also keine Abwrackprämie, prima. Die Branche war nicht amüsiert. An Selbstherrlichkeit sind die Herren Diess etc. schwer zu überbieten; allenfalls die Atomenergiemanager kamen ihnen nahe, aber mit derem Geschäftsmodell ist es ja länger schon vorbei. Ein Grund mehr, die Kanzlerin und ihren Finanzminister zu loben.

Weiter: Für jedes Kind bekommen die Familien jetzt 300 Euro extra. Eine Art Corona-Bonus für die Eltern im Home Office. Richtig oder falsch? Falsch. Die Prämie sollten Familien bekommen, die es wirklich brauchen. Statt dessen bekommt jeder Kindergeld, der Steuern zahlt, egal wie viel er oder sie dem Staat gibt und auch egal wie viel er oder sie verdient. Das ganze System sollte am ökonomischen Bedarf ausgerichtet werden. Das wäre gerecht, nicht die herrschende Egalität.

Am Samstag knieten die Spieler meines Vereins, das ist der BVB, gemeinsam mit denen von Hertha BSC am Anstoßkreis nieder. Richtig oder falsch? Richtig. Solidarität ist immer gut, auch wenn das Opfer in Minneapolis unter dem Gewicht eines Polizisten starb. Das Schweigen dazu gefiel mir ebenfalls. Rassismus ist in Amerika eine nationale Wunde und gehört auf trostlose Weise zur Geschichte dieses Landes von Anfang an, aber weder Deutschland noch Großbritannien noch Frankreich haben Grund dazu, mit dem dicken Finger nach Minnesota oder New York oder Cedar Rapids zu zeigen. Wahrscheinlich könnte jeder der dunkelhäutigen Bundesligaspieler ein Lied davon singen, wie es früher für sie als Kinder oder Jugendliche war, bevor sie sich durch Reichtum abschotten konnten.

Übrigens ist das Interesse an den Übertragungen der Bundesliga eher mager. Die ARD-Sportschau kommt nur noch auf knapp 20 Prozent, das sind fünf Punkte weniger als vor Corona. Gut oder schlecht? Gut in dem Sinne, dass dieses ganze künstliche Dramatisieren beim Ankündigen der Spiele wegfällt, deren Ergebnis die meisten von uns längst kennen. Ich mag die Pseudo-Aufregung nicht. Deshalb könnten die Zusammenfassung auch dann ohne Gedöns und Tamtam auskommen, wenn die Geisterspiele Vergangenheit sind.

USA: Donald Trump denkt gar nicht daran, sich wie ein normaler Präsident zu benehmen. Normale Präsidenten würden das Opfer der Polizeigewalt beklagen, würden hehre Worte an die Nation richten, würden mit den Angehörigen trauern und Reformen in Aussicht stellen. Trump dagegen droht mit dem Militär. Er verdammt die Demonstranten, die die Ausgangssperre missachten. Er posiert mit der Bibel vor einer Kirche in Begleitung von Ministern und einem General in Camouflage. Ist natürlich falsch, fürchterlich, unentschuldbar. Aber den Rassismus in Amerika hat er nicht erfunden. Er macht ihn sich nur zunutze. Der Ingrimm, mit dem sich manche Blätter auf Trump stürzen, tendiert zur Maßlosigkeit.

Man kann aber auch anders auf die Ereignisse dieser Tage in Amerika schauen: dialektisch. Was Donald Trump für sich nutzen will, kostet ihn die Wiederwahl, die ihm vor Corona und George Floyd schon sicher zu sein schien. Die Niederlage, die nicht zu erwarten war, bereitet er sich selber. Alles Schlechte hat auch ein Gutes.

Zurück in unser Gewerbe: In einem Podcast unterhielten sich Matthias Döpfner und Julian Reichelt über Fehler und Zweifel. Döpfner ist Springer-Vorstandschef, Reichelt ist der „Bild“-Chef, der die ruchlose Kampagne gegen Christian Drosten verantwortete, den Virologen und Berater der Regierung. „Bild“ war einfach zu weit gegangen, weiter noch als sonst. Selbst Friede Springer soll sich intern beschwert haben. Was tun? So entstand die Idee eines Gesprächs mit dem Chef Döpfner, in dem Reichelt unter einem Berg von Worten Fehler einräumte. Gut oder schlecht? Schon gut. Selbstkritik ist aller Einsicht Anfang, vor allem dann, wenn der Chef nachhilft und für Wirkung sorgt.

So geht das in unserem Gewerbe zu, sollten unsere Leser wissen. Wir machen Fehler und geben sie entweder freiwillig zu oder unfreiwillig.

Veröffentlicht auf t-online, gestern