Im Herbst des Missvergnügens

Wir geraten in den Herbst des Missvergnügens. Dafür sorgen die neuen Vorkehrungen gegen die Ausbreitung der Pandemie, die hier so ausfallen und dort anders und im dritten Bundesland wiederum anders. Dazu kommt das wenig erfreuliche Wetter, das uns zwingt, entweder zu Hause zu bleiben oder beim Lieblingsitaliener/-franzosen/-asiaten/-griechen drin zu sitzen und um 22.59 Uhr das Restaurant zu verlassen, damit der Wirt nicht in Schwierigkeiten kommt und wir auch nicht.

Ich muss ich an die Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern fahren. Darf ich das? Ich will nicht übernachten, ich kann morgens hin und abends zurück fahren. Berlin, wo ich lebe, ist Risikogebiet. Wäre ich Tourist mit Hotelbuchung an der Ostsee, müsste ich in Quarantäne gehen, so viel ist klar. Ich bin aber kein Tourist, sondern ein Eintagesbesucher. Auf der Webseite des Landes muss ich zweimal durchlesen, was ich darf und was nicht, werde aber auch nicht klüger. Mein Fall ist nicht vorgesehen, ich bin ein bürokratischer Niemand. Fahre ich einfach hin, hoffe das Beste, und bin schnell wieder weg? Aber welche Strafe droht mir, wenn ich erwischt werde? Schwierig, schwierig.

Die Corona-Regeln sind seit März von Mal zu Mal variiert worden. Die Bundeskanzlerin hat es irgendwann aufgegeben, nationale Richtlinien auszugeben. Das war sachlich geboten, weil sich die Pandemie nun einmal lokal und regional unterschiedlich ausbreitet, führte aber zur systematischen Unübersichtlichkeit, die eher zunimmt als abnimmt. Kleinstaaterei wie im 19. Jahrhundert.

Das Missvergnügen breitet sich aus und hat politische Folgen. Ich bin zwar kein begeisterter Freund von Meinungsumfragen, doch spiegeln sie Meinungsveränderungen wider, die sich verfestigen können. Mehr Indikatoren für die Stimmung im Lande unter den Bedingungen der Pandemie haben wir nicht.

Die Wochen des großen Vertrauens in die Regierungen sind vorbei, soviel zeichnet sich ab. Die Herren Laschet/Merz/Röttgen/Söder werden mit Argusaugen lesen, dass die Union ihre hohe Zeit hinter sich hat und im Sonntagstrend bei Emnid nur noch bei 34 Prozent liegt, bei Forsa immerhin bei 36 Prozent. Die Frage ist, wie viel davon Angela Merkel zu verdanken ist und bei welchem Sockel ihr Nachfolger anfangen muss. Was bisher nur ein Murren war, dürfte im Herbst rasch anwachsen: Die CDU kann sich unter diesen Umständen keinen Dreikampf auf dem Parteitag im Dezember leisten. Einer, Röttgen, sollte verzichten, der zweite, Merz, wird sich das Antreten kaum versagen. Wird noch interessant.

Die Grünen segeln wieder besser im Wind. Bei den meisten Umfragen liegen sie bei 20 Prozent, Tendenz aufwärts. Sie sind zweifellos geschickt, sie tun so, als gebe es nur den Robert (Habeck) und die Annalena (Baerbock) und den Winfried (Kretschmann), also die souveräne Garde der Besonnenen. Es gibt allerdings auch linke Grüne in Ämtern wie in Berlin, antikapitalistisch und interventionistisch und erheblich weniger besonnen, um das Mindeste zu sagen. So lange die einen den anderen nicht in die Quere kommen, macht das nichts aus. Aber irgendwann kommen sie sich in die Quere, die Besonnen und die Radikalen, keine Frage. 

Nehmen wir noch die AfD hinzu, die einstellig herumkrebst und irre daran wird, dass sie unwichtig ist. Natürlich lag es nahe, dass sie sich an die Querdenker hängten, welche die kulturelle Hegemonie über die Pandemie-Leugner und sonstige Verschwörungstheoretiker innehaben. Der Übernahmeversuch ist gescheitert. Für Attila Hildmann oder eingefleischte QAnon-Anhänger ist die AfD Teil des Establishments, wie ironisch.

Der Herbst des Missvergnügens ist nicht mehr abzuwenden. Die Restriktionen haben ja auch wirtschaftliche Konsequenzen. Die Zahl der Pleiten dürfte in den nächsten Wochen erheblich zunehmen, mit der Dauer der Pandemie sowieso. Wer einen Klub, eine Bar oder ein Restaurant besitzt, ist arm dran. Das Virus verbreitet sich wieder rasant und ein Ende ist nicht abzusehen, das ist das Schlimmste. Gut möglich, dass sich das herbstliche Missvergnügen zur Depression im Winter steigert.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Showdown in der Liebig

Unter den vielen Geschichten aus der Wendezeit, gibt es eine Geschichte, die bei den Feierlichkeiten am Samstag unerwähnt blieb. Sie spielt sich in Berlin ab, genauer gesagt im Norden von Friedrichshain, einem alten Arbeiterviertel, das heute sehr angesagt ist. Dort stehen zwei Häuser, an denen die Zeit vorüber gegangen ist. Sie sehen noch nach Ost-Berlin aus, vernarbt, vergilbt, versehrt. Das eine Haus hat die Adresse Rigaer Straße 94, das andere steht gegenüber in der Liebigstraße 34.

Beide Häuser sind Berühmtheiten in Berlin. Beide sind ein Politikum. Beide Häuser sind besetzt und verrammelt. In beiden wohnen Leute, die sich als Anarchisten verstehen, für die Gewalt aber mittlerweile zum selbstbestimmten Leben gehört. Dass in der Umgebung regelmäßig größere Autos brennen, könnte ein Zufall sein, muss aber nicht.

Nun tickt die Uhr für das Haus in der Liebigstraße 34. Am kommenden Donnerstag um 7 Uhr morgens soll es geräumt werden. Da kann man nur beklommen sein. Als vor Jahren 13 besetzte Häuser in der Mainzer Straße geräumt wurden, tobten tagelang Straßenkämpfe zwischen 500 Autonomen und 3000 Polizisten. Gut möglich, dass wieder Barrikaden brennen und Hubschrauber kreisen.

Niemand weiß, wie viele Menschen in den Häusern wohnen. Illegale sind darunter, sagt die Szene selber, ohne zu sagen, wer und was damit gemeint ist. „Gentri Fickt Euch alle“ haben sie an die Fassade gesprayt, daneben steht „Kill BND-Cops Now“. Im Blog des „anarcha-queer-feministischen Hausprojekts“ steht dieser Satz: „Auf den Staat und seine heuchlerischen Spielregeln scheißen wir. BRD – Bullenstaat – wir haben dich zum Kotzen satt.“  

Berlin ist eine große Stadt, ein Magnet für allerlei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen hier leben wollen. Als die Mauer noch stand, war West-Berlin billig, Häuser standen leer, ließen sich besetzen. Die Generation der Häuserbesetzer von damals geht jetzt in Rente.

Die heutige Generation tummelt sich vorzugsweise im Osten. Darunter sind wieder linke Romantiker und Liebhaber der Anarchie, die von einem selbstbestimmten Leben träumen. Sollen sie, dürfen sie. Große Städte müssen manchmal auch widerwillig tolerant sein. Die Hafenstraße in Hamburg war so ein Experiment, das aufs Ganze gesehen glimpflich verlief. 

Als die DDR implodierte, wurden in Ost-Berlin ganze Häuserzeilen besetzt: von Studenten, Künstlern, Kreativen, Anarchos. Nach einiger Zeit endeten Auseinandersetzungen häufig mit Mietverträgen und damit waren die Besetzungen legalisiert. In der Liebigstraße 34 versuchten die Bewohner im Jahr 2008 sogar das Haus einer Erbengemeinschaft abzukaufen, aber den Zuschlag bekam ein Immobilienhändler namens Gijora Padovicz. Immerhin schlossen die Parteien einen Gewerbemietvertrag auf zehn Jahre.

Vor zwei Jahren lief der Vertrag aus. Die Mieter zahlten nicht mehr, zogen aber nicht aus. Von da an ging das Experiment endgültig in seine Gewaltphase über.

Zwei Häuser sind nicht viel. Sie können aber ihre Umgebung ärgern, einschüchtern, vertreiben. Inzwischen sind in der Liebigstraße etliche neue Wohnblocks entstanden, hell, ganz nett. Allenfalls Mittelstand, keineswegs Kapitalisten wohnen hier. Die Besitzer wählen die Grünen und die Linke; einer der Hausmeister war früher selber Hausbesetzer. Aber die militante Szene hält sie für Büttel des Systems und so beschießen sie die Fensterscheiben mit Stahlkugeln, bewerfen sie mit Pflastersteinen und besprühen die Hauswände mit Hassparolen.

Chaos ist ihr Lieblingsbegriff und weil Chaos ein Synonym für Dunkelheit ist, haben sie vor kurzem an den Laternen die Kabel herausgerissen und sorgten somit für die Dunkelheit, in der sie Barrikaden bauen und ein Feuer vor den beiden Häusern entzünden konnten.

Berlin ist nicht nur eine große Metropole, Berlin ist auch die Metropole der großen Wurschtigkeit. Das Haus in der Liebigstraße gehört zum Bezirk Kreuzberg/Friedrichshain. Der hat eine grüne Bürgermeisterin und einen grünen Baustadtrat, der aus politischen Gründen von Maßnahmen gegen die besetzten Häuser absieht. Vor vier Monaten verabschiedete die Bezirksverordnetensammlung mit der Mehrheit aus Grünen und Linken eine Resolution gegen die Räumung, denn hier sei „ein einzigartiger Schutzraum für Frauen und Lesben ohne diskriminierende patriarchale Strukturen“ entstanden. 

Ehrlich jetzt? Ziemlich zynisch. Ziemlich wirklichkeitsfremd. Die Leute in der Liebigstraße betrachten sie als ihre Schützlinge, die sie protegieren, egal ob sie andere diskriminieren, egal wie viel Gewalt sie üben. Und so schieben diese Politiker jede Verantwortung von sich, bekunden Solidarität und werden vermutlich am Donnerstag andere für die Exzesse schuldig sprechen, wenn es welche geben sollte: die Polizei, die Gerichte, den Senat – Hauptsache, sie sind fein heraus.

Kurzer Exkurs: Was wäre in Berlin los, wenn aus den Fenstern in der Liebigstraße schwarz-weiß-rote Fahnen hingen und militante Rechte die Straße für sich beanspruchten, Barrikaden bauten und mit Stahlkugeln schössen? 

Mit Recht würde der rechte Spuk schnellstens beendet. Und mit Recht wird am Donnerstag das völlig aus dem Ruder gelaufene linke Experiment in der Liebigstraße beendet. 

Veröffentlicht auf t-online, heute

Drei sind zwei zu viel

Die CSU ist eine moderne Partei. 800 Mitglieder haben am Samstag einen tadellosen Parteitag hingelegt. 800 Mitglieder fassten Beschlüsse, wonach ihre Partei weiblicher und grüner werden soll und Bayern sich in das deutsche Kalifornien verwandeln wird, ohne Brennmotoren ab 2035.

Unter der Regie von Markus Söder geht es machtvoll voran. Seine größte Leistung besteht darin, was er uns vergessen macht: dass er Bayern keineswegs alleine regiert, sondern in einer Koalition mit den Freien Wähler; und dass er gestern noch aus der CSU eine Über-AfD machen wollte.

Jetzt also Frauen in herausgehobene Ämter und mehr Ökologie. Erinnert uns das an jemanden? Das ist die Methode Merkel: Übernimm von den ernstzunehmenden Gegnern, was die auszeichnet. Die Bundeskanzlerin sammelte-SPD-Substanz, Söder greift bei den Grünen ab.

Zugleich erzählte der CSU-Chef auf dem digitalen Parteitag, dass die CDU über drei hervorragende Kandidaten verfügt und er mit jedem von ihnen zusammen zu arbeiten gedenkt. Ansonsten behält er sich das Vorschlagsrecht für den Kanzlerkandidaten vor. Hat er das? Natürlich nicht. Weist ihn irgendjemand in die Schranken? Natürlich nicht.

Den Koryphäen der CDU dämmert schon länger, dass die Auswahl unter Laschet/Merz/Röttgen keine Auszeichnung ist, sondern ein Problem. Vor knapp zwei Jahren mochte das noch angehen, als Annegret Kramp-Karrenbauer das Schaulaufen in einer Hamburger Halle gewann. Unter Corona-Bedingungen ist die Dreier-Konkurrenz allerdings ein Alptraum.

Stellen Sie sich das doch mal vor: Friedrich Merz sitzt oder steht irgendwo, ein paar Claqueure um sich, und hält eine flammende Rede ins Leere, denn die Großzahl der Delegierten sitzen im digitalen Irgendwo verteilt. Dann folgt ihm Armin Laschet aus dem Irgendwo und Norbert Röttgen spricht zu guter letzt Bedeutungsvolles in den virtuellen Raum. 

Es kann noch anders werden. Die Zahl der Kandidaten lässt sich schrumpfen. Zuerst könnte ein Kandidat einsehen, dass er nicht werden wird, was er werden wollte und die Konsequenz ziehen. Und in Nähe zum 3. Dezember könnte es ihm ein zweiter nachmachen und die CDU vom Gespenst des digitalen Dreikampfs auf einem digitalen Parteitag befreien.

Auf Annegret Kramp-Karrenbauer kommt es jetzt an. Sie ist Parteichefin, auch wenn wir sie an den Rand unseres Bewusstsein gerückt haben. Als sie im Februar ihren Verzicht erklärte, sagte sie, sie werde den Übergang zu ihrem Nachfolger organisieren. Soll sie mal. Sie kann jetzt damit anfangen.

Heute ist eine gute Gelegenheit. Heute trifft sie sich mit den drei Herren der Schöpfung, die sein wollen, was sie noch ist, um somit das Recht auf die Nachfolge für Angela Merkel beanspruchen zu dürfen. Vielleicht nimmt sie das Sinnvolle auf sich und wendet sich an Norbert Röttgen. Sie könnte an die Größe erinnern, die im Verzicht liegt, und an die Priorität, der CDU nicht durch Sturheit zu schaden.

Dass er nicht gewinnt, weiß der Kandidat Röttgen natürlich auch. Wie es auf diesen Höhen der Politik üblich ist, schraubt er den Preis für den Rückzug höher, indem er noch ein bisschen im Rennen bleibt. Das liegt ebenso in der Logik des Metiers wie diese Logik schal und abstoßend wirkt.

Aus meiner Sicht wäre Friedrich Merz der Nächste, den es treffen sollte. Wie sehr er aus der Zeit gefallen ist, hat er mit der Analogie bewiesen, dass Homosexualität an Pädophilie grenzt. Dass er sich durch Nachinterpretation herauswinden wollte, machte ihn vollends unglaubwürdig. Hat er keine Berater? Bereitet er sich nicht auf Interviews vor? Der nahtlose Übergang von Lässigkeit zu Fahrlässigkeit lässt sich an ihm studieren.

Einsicht gehört nicht zu seinen größten Stärken. Das Reden über das große Ganze liegt ihm näher, Appelle an Europa inbegriffen, auch die Forderung nach dem Primat der Wirtschaft, aber sein Nachteil ist das Schweben im luftleeren Raum, ohne Amt, ohne Verantwortung.

Damit bliebe Armin Laschet alleine übrig. Bei seinen Auftritten in der vorigen Woche bei Maischberger und vor der Jungen Union in Hannover legte er wieder seine sympathische Souveränität an den Tag, die ihn auszeichnet und die für ihn wirbt. Seine schwächere Phase mit aufgeregten Haspeleien liegt vielleicht ja hinter ihm und sofern er grobe Schnitzer bis zum 3. Dezember in Stuttgart vermeidet, dürfte er sich ohne große Schwierigkeiten durchsetzen.

Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen steht ihm die große Bühne offen. Neuerdings nutzt er sie, um seine Verbundenheit mit Markus Söder herauszustellen. Hört man ihm zu, dann ist der Unterschied zu Bayern im Zeichen der Pandemie minimal und die Wertschätzung für den Ministerpräsidenten richtig groß.

Da fügt sich günstig, dass gerade eine wohlwollende Biographie über Armin Laschet erschienen ist, geschrieben von zwei Journalisten. Solche Werke, egal wie gut sie sind, werden gerne prominent vorgestellt in nettem Rahmen. Und wer ist an diesem Mittwoch der Laudator für Laschet? Richtig, Markus Söder nimmt liebend gerne die Rezension auf sich und siedelt sie dort an, wohin sie gehört: im Kosmos der Pandemie und der Kanzlerkandidatenkür.

Wieder werden die beiden Nähe vorführen, selbstverständlich mit Ironie gewürzt. Wieder wird Markus Söder süffisante Bemerkungen über seine Heimat Bayern, die er nicht zu verlassen gedenkt, fallen lassen. Wieder wird jedes Wort von Armin Laschet gewogen werden. Und das Politikum, dass sich beide gegenseitig loben, wird ausführlich in den Zeitungen und im Fernsehen kommentiert werden.

Wirkliche Entscheidungen werden in der Öffentlichkeit vorbereitet und im stillen Kämmerlein gefällt. So ist das, und deshalb sollten wir genau hinhören. Nicht nur AKK dürfte nach und nach auf ein schlankeres Feld aus weniger Kandidaten dringen, auch Markus Söder, der Allzuständige, wird bald schon seinen Wunsch und Willen nach geklärten Verhältnissen Ausdruck verleihen.

Königsmacher ist eine schöne Aufgabe. König zu sein ist natürlich noch viel schöner, aber darüber können sich Armin Laschet und Markus Söder tief im nächsten Jahr verständigen.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Montag.

Die wahren Säulen der Gesellschaft

Seit es Corona gibt, haben einige Berufe, die es verdienen, neue Wertschätzung erlangt. Es handelt sich um Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten: im Krankenhaus und in Altenheimen, auf Intensivstationen und in Heimen für Demente. Moralische Würdigung ist gut, mehr Gehalt natürlich noch besser, weil schwierige Arbeit großzügiger entlohnt werden sollte. Passiert wohl auch, wenn nicht, wäre es eine Schande.

Corona lässt neue Blicke auf die Gesellschaft zu, das ist nicht schlecht. Was wichtig ist und was weniger wichtig, lässt sich jetzt genauer sagen. Wer zum Ganzen beiträgt und wer nur so tut, zeigt sich wie beiläufig in diesen Tagen.

Wie es sich fügt, hat die Staatsanwaltschaft vor kurzem den Beschluss gefasst, Anklage gegen Martin Winterkorn, den VW-Vorstandsvorsitzenden in der Zeit der Manipulationen mit dem Abgassystem, zu erheben. Gut so. Wie es sich fügt, müssen sich momentan die Bafin und der Finanzminister fragen lassen, warum sie nicht bemerkten, dass Wirecard ein monströses Windei war – während zwei britische Journalisten die Zahlen lasen und Alarm schlugen. Wie es sich fügt, müssen seit gestern deutsche Banken erklären, ob sie zur Geldwäsche beitrugen – nach den vielen Skandalen um Cum-Ex-Geschäfte, um Währunsgmanipulationen usw.

Es ist ja merkwürdig, dass seit der großen Finanzkrise 2008 die Serie der Skandale im Herzen des Kapitalismus nicht abreißt. Die dort oben sollten sich was schämen, könnte man sagen, und sie sollten in sich gehen und ansonsten ist es nur folgerichtig, wenn sie vor einem Richter stehen, der sie angemessen verurteilt. Die Zeit der Nachsicht mit denen, die sch als Säulen der Gesellschaft verstehen, sollte vorbei sein.

Die Zeit der Wertschätzung für die wirklich tragenden Säulen sollte nicht abreißen. Dafür gibt es gute Gründe und Nachholbedarf auch anderswo. Womit ich bei einem meiner neuesten Lieblingsthemen bin: den Polizistinnen und Polizisten.

Gestern gab es in Düsseldorf eine Querdenker-Demonstration. Einige Tausende kamen, dazu aufgerufen von einem Mann namens Michael Schele aus Hagen, einem DJ , der seit Beginn der Coronakrise nach eigenen Angaben keine Jobs bekam. Wer kam, trug keine Maske, weil er die Pandemie für eine Lüge hält, eine Erfindung von wem auch immer. 

Worauf es mir ankommt: Jeder dieser Demonstrationszüge wird von jungen Polizistinnen und Polizisten passiv begleitet, egal wie dicht beieinander die Demonstranten durch die Straßen ziehen, wie sehr sie sich über die Regierung lustig machen oder wie niederträchtig sie sich äußern und egal gegen welche Regeln sie sonst noch verstoßen. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, Spätsommerherrlichkeit, und etliche Hundert haben Dienst. Was geht ihnen da durch den Kopf?

Kann ja gut sein, dass einige dieser Polizistinnen und Polizisten klammheimlich Sympathie für die Querdenker aufbringen. Gut möglich aber auch, dass eine Mehrheit von ihnen mit den Zähnen knirscht, weil Verstöße gegen die Corona-Regeln ungeahndet bleiben.

Diese Arbeit ist der Normalfall im Leben von jungen Polizistinnen und Polizisten, egal ob im Umkreis der besetzte Häuser in der Rigaer Straße, in Auseinandersetzungen mit Hooligans in vollen Fußballstadien oder bei wild gewordenen Clan-Hochzeiten. Sie sind mitten drin, sie setzen sich ein, sie setzen Recht und Ordnung durch. Sie üben einen undankbaren Job für das Gemeinwohl aus, also für uns, und haben wenig davon, materiell wie moralisch. 

Wie wäre es mit Wertschätzung? Der Bundespräsident hat neulich damit angefangen, als er die drei Polizisten einlud, die den Reichstag gegen die Anstürmer gesichert hatten. Nachahmung empfohlen.

Ich komme darauf, weil alle Nas lang irgendjemand ultimativ fordert, den latenten Rassismus in der Polizei zu entlarven, am besten durch eine Studie, die sämtliche Vorurteile belegt, die Saskia Esken oder Bodo Ramelow hegen. Was wäre denn, wenn sie recht hätten? Was würde daraus folgen?

Sie können sich ja gar nicht wünschen, dass sie recht haben. Sie reagieren nur wortreich, weil grelle Fälle dazu einladen.

Aber dass Leute, die aus Amtsstuben heraus bösartige Mails an Anwälte und Politiker und andere Figuren des öffentlichen Lebens verschicken, nichts in der Polizei zu suchen haben, versteht sich von selber. Dass Leute, die tief in der Hitler-Zeit steckengeblieben sind, nichts in der Polizei zu suchen haben, ist ja wohl auch klar. Ob sie rechtsradikale Schläfer waren oder sich im Dienst radikalisiert haben, würde mich brennend interessieren, aber das findet man an besten anhand ihrer Fälle heraus – mit solider, wacher Polizeiarbeit.

So reflexhaft wie Linke eine Studie nach ihren Vorstellungen einklagen, so reflexhaft wehrt der Innenminister Horst Seehof sie ab. Damit ist niemandem geholfen. Ende September wird eine Studie erwartet, die der Verfassungsschutz über die Sicherheitsbehörden, vom BND über das Zollamt bis zur Polizei, ausarbeiten soll. Ich bin gespannt, ob sie zur Wahrheitsfindung beiträgt oder niemandem weh tun möchte.

Rund 250 000 Polizisten gibt es in Deutschland. Knapp ein Drittel von ihnen stammt aus Migrantenfamilien, nicht gerade wenig. Kein schlechtes Verhältnis. Sicherlich finden auch unter den Beamtinnen und Beamten Alltagsdebatten statt, was rassistisch ist und was noch geht, wann eine Grenze überschritten wird und wie sie mit rechten Kollegen umgehen sollen und wann sie einen der Ihren dem Vorgesetzten melden sollten.

Für eine Studie, die den Alltag beschreibt und die interne Konflikte behandelt, die mir erzählt, wie Demos à la Düsseldorf oder Berlin auf diejenigen in Uniform wirken, die neben den Demonstranten herlaufen und mit anhören, was dort oben auf der Tribüne an Theorien über die Gesellschaft verbreitet wird und was das mit ihnen macht – dafür würde ich mich interessieren. Denn im Normalfall formt die Arbeit die Einstellung der Arbeitenden zur Arbeit, was denn sonst.

Werden sie irre an ihrem Beruf? Zynisch? Was folgern sie für sich selber aus den Erlebnissen und was erzählen sie, wenn sie heim zu ihren Familien kommen?

Daraus würde wie von selbst eine Studie über die Einstellung der Polizisten und Polizisten zu ihrem Job und zu ihrem Land entstehen. Eine Mentalitätsstudie über ein bestimmtes Milieu innerhalb der Sicherheitsbehörden, aus der sich Konsequenzen ziehen ließen, vor allem dann, wenn sie so vorurteilsfrei wie möglich angelegt wäre.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute

Jimi

Heute vor 50 Jahren starb John Allen Hendrix, den seit Vater später in James Marshall umbenannte, ehe er einfach zu Jimi wurde. Ein furchtbar trauriges Leben, die Mutter früh an ihrem Alkoholismus gestorben, der Vater nicht viel besser. Aufwachsen in Armut und Haltlosigkeit. Die Eltern ließen sich scheiden, Jimi wurde herumgereicht, lebte bei seiner Großmutter und dann wieder beim Vater und wieder bei irgendjemanden. Als seine Mutter 1958 starb, weigerte sich sein Vater, ihn zur Beerdigung mitzunehmen. Er gab ihm Whiskey und sagte ihm, er solle gefälligst wie ein Mann mit dem Verlust umgehen. Da war Jimi 16.

Mit einer Mundharmonika begann es, da war er 4 Jahre alt. In der Schule fiel er damit auf, dass er auf einen Besen einen Gitarristen imitierte. Sein Vater dachte gar nicht daran, ihm eine Gitarre zu kaufen; wahrscheinlich hatte er dafür einfach kein Geld. Eine Sozialarbeiterin sah, was in dem Jungen vor sich ging, und bat die Schule, die einen Fonds für unterprivilegierte Kinder besaß, um Hilfe. Abgelehnt.. Im Müll fand Jimi eine Ukulele, lernte nach Gehör, spielte die Lieder von Elvis Presley. Endlich kaufte ihm sein Vater, für 5 Dollar, eine gebrauchte akustische Gitarre, auf der Jimi die Saiten verkehrt herum aufzog, er war ja Linkshänder.

Nichts an diesem Leben war auch nur entfernt leicht. Jimi Hendrix war schüchtern und mit dem Ruhm kamen die Drogen, zuerst nur Haschisch, dann LSD, dazu Alkohol und Tabletten, der ganze Höllenmix. Ihm blieben nur wenige Jahre mit Der Jimi Hendrix Experience. Er war 27 Jahre alt, als er in London starb. Er trug einen in Rotwein getränkten Schal um den Hals, hatte am Abend vieles von allem eingeworfen und erstickte an seinem Erbrochenen.

Was für ein trauriges Leben. Was für eine fabelhafte Musik.

Ich höre fast täglich „All along the watchtower“. Bob Dylan, der große Überlebende, schrieb den Text. Keiner singt ihn so vollendet, so selbstverständlich wie Jimi Hendrix, der früh Verströmte. There musst be some way outta here/Said the joker to the thief/There’s too much confusion/I can’t get no relief. Wer würde bei diesen Zeilen nicht an dieses Leben denken, an das verstörte Kind, den verstörten Sänger, den genialen Gitarristen mit dem Tremolohebel, den einzigartigen Effektkünstler. „The Star Spargeld Banner“ zersägt die amerikanische Hymne. Das war sein Kommentar zum Vietnamkrieg, das ist ein Kommentar zur Tram-Gegenwart.

Ich habe Jimi Hendrix am 16. Januar 1969 in Nürnberg gesehen, in der Messehalle, in der sonst Symphonieorchester auftraten. Wir waren zu viert gekommen, mein Freund Walter fuhr einen alten Mercedes, den er einem Begräbnisunternehmen abgekauft hatte. Wir waren früh in der Halle, wir saßen natürlich auf nummerierten Plätzen, damals saß man auch bei Rock-Konzerten. Ich war heillos aufgeregt. Jeder von uns war heillos aufgeregt. Wir sahen zu, wie die Roadies zwei Schlagzeuge aufbauten und vor jede Trommel mindestens ein Mikrophon stellten. Dann kam der winzige Mitch Mitchell auf die Bühne und setzte sich mitten in diesen Wald. Auch er war ein Autodiktat, die kongeniale Ergänzung für Hendrix am Schlagzeug. Er starb 2008 mit 61.

Noel Redding war eigentlich Gitarrist, schulte zum Bassisten um. Was wir über die drei Jahre wissen, in denen es die Jimi Hendrix Experience gab, wissen wir aus seiner Biographie „Are You Experienced“. Die Drei seien in jeder Hinsicht unerfahren gewesen und seien von Anwälten und Managern ausgenommen worden.

Als in der Messehalle Jimi Hendrix auf die Bühne kam und seine Gitarre stimmte, brach ein Höllenjubel los. Jimi schaute ins Publikum, zögerte kurz, ging vor ans Mikrophon und sagte: Wenn ihr hier seid, um herum zu schreien, dann ist das in Ordnung. Wenn ihr aber hier seid, um unsere Musik zu hören, dann schreit nicht so rum.

Sehr seltsam. Brav wie wir waren, verstummte der Lärm. Sie begannen mit „Hey Joe“, natürlich, darauf „Purple Haze“ und die wunderbaren Lied für seine verflossene Liebe Kathy Etchingham: „The Wind Cries Mary“ und „Fox Lady“.

Wir wussten nichts von der Melancholie, vom unglücklichen Bewusstsein, vom trostlosen Leben, von der Selbstzerstörung, von Drogen und Alkohol und Tabletten. Wir hörten die Musik, wir lebten in der Popkultur, sie prägte uns. Jimi Hendrix und Janis Joplin, Brian Jones und Janis Joplin waren plötzlich tot, irrwitzigerweise jeder von ihnen 27 Jahre alt. Was passierte da? Was war in ihrem Leben los? Warum pumpten sie sich voll?

Wir fanden keine Antworten. Es war einfach so. Ihre Musik war wichtig für uns. Ihr Tod fast ein Verrat an uns. Egal. Unser Leben ging weiter

Hannah und ER

Am Sonntag war ich in der Hannah-Arendt-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Pädagogisch sehr wertvoll ist ihr Leben in die Wirklichkeit eingebettet. Zu den Exponaten rund um den Eichmann-Prozess, über den sie im „New Yorker“ schrieb und dabei den Terminus „Banalität des Bösen“ prägte, womit sie etliche alte Freundschaften aufs Äußerste strapazierte, vor allem zu Gershom Scholem, taucht „Der Stellvertreter“ auf, mit dem Rolf Hochhuth Furore 1963 machte. Hannah Arendt sah den gleichen Reflex in der Rezeption am Werk: die ideologische Ablenkung von der Sache, um die es recht eigentlich geht.

Aus dem zurecht berühmten Interview mit Günter Gaus, einer Sternstunde des Journalismus, läuft jene Passage in Endlosschleife, in der Hannah Arendt erzählt, wie sie in New York 1943 zum ersten Mal vom industriellen Mord an den Juden in den Vernichtungslagern erfährt. Was dort geschehen war, lag jenseits ihres Vorstellungsvermögen, auch wenn sie völlig illusionslos war, was den Charakter der Menschen und den Verlauf der Geschichte anbelangte.

Wir erfahren von ihrer Skepsis gegenüber der deutschen Studentenbewegung, die sie für unpolitisch hielt. Manch einer der altgewordenen 68er-Zauseln wird nicht amüsiert sein. Damals phantasierten sie über die sozialistische Revolution und ignorierten die real existierende DDR. Ernst nahm Hannah Arendt die französische Bewegung, mit der sich phasenweise die Arbeiterschaft soldarisierte. Auch die amerikanische Bewegung imponierte ihr, die sich am Vietnamkrieg entzündete.

Die Ausstellung geht nicht chronologisch vor, das ist gut so. Sie setzt 16 thematische Schwerpunkt, vom Antisemitismus über den Kolonialismus und en Nationalsozialismus bis zum Stalinismus. Dabei wird überwältigend erhellt, wie eigensinnig diese wunderbare Frau war, wie unerschrocken. Zu den schönsten Texten gehört der über das Urteilen, eine Aufforderung an uns, selber zu denken, auch eine Zumutung, denn aus welchem Grund sollten wir uns der Anstrengung unterziehen, die Sachverhalte vor den Gerichtshof unserer eigenen Vernunft zu ziehen? Weil erst die Reflexion uns zu verantwortlichen Zeitgenossen macht, war ihre Kantsche Antwort.

Uns begegnet Hannah Arendt als ultimative public intellectual, tief eingegraben in die Auseinandersetzungen der Zeit. Das war sie auch, aber nicht nur. Sie war das intellektuell früh reife Kind, das wie selbstverständlich Kant und Hegel las. Als junge Studentin spazierte sie selbstsicher und wissbegierig im Bannkreis der Philosophie herum. Und dann begegnete sie Martin Heidegger, der ein junger, charismatischer Professor war und Vorlesung ohne Notizen, geschweige denn ausgeschriebene Manuskripte, absolvierte und die Studenten faszinierte. Den „heimlichen König der Philosophie“ nannten sie ihn in Marburg, seiner ersten Station als Professor der Philosophie. Manchmal kam er in Skikluft in die Vorlesung, im Sommer trug er Lodenanzug und Kniebundhosen, die Studenten nennen ihn den „existentiellen Anzug“. Ein Ereignis. Ein Phänomen. Ein Bruch mit der herrschenden Philosophie und der akademischen Rolle des Philosophen.

Hannah Arendt schreibt über den Ruf, der Heidegger vorauseilt: „Das Gerücht sagt es ganz einfach: Das Denken ist wieder lebendig geworden, die totgeglaubten Bildungsschätze der Vergangenheit werden zum Sprechen gebracht, wobei sich herausstellt, dass sie ganz andere Dinge hervorbringen, als man misstrauisch vermutet hat. Es gibt einen Lehrer; man kann vielleicht das Denken lernen. Dies Denken, das als Leidenschaft aus dem einfachen Faktum des In-die-Welt-Geborenseins aufsteigt und so wenig einen Endzweck haben kann, wie das Leben.“

In Marburg tauchte diese junge Frau mit ihrem Bubikopf in modischer Kleidung auf und erregte Aufsehen. Wegen ihres grünen Kleides hieß sie bei den Studenten „die Grüne“. Ein Freund erzählt, wie in der Mensa an ihrem Tisch das Gespräch verstummte, sobald sie das Wort ergriff. Auch sie war ein Ereignis. Eine Phänomen.

Von ihrem Verhältnis zu Martin Heidegger wussten nicht einmal ihre besten Freunde, zu denen bald Benno von Wiese und Hans Jonas gehörten. Es muss eine große Liebe gewesen sein, für beide. So groß wie die Liebe auch war, so einseitig bestimmt blieb sie. Martin Heidegger legte die Grundbedingung: Heimlichkeit. Er nahm Hannah ernst, weil sie sein Denken verstand und selber dachte. Er bekannte, dass er ohne sie „Sein und Zeit“ nicht hätte schreiben können. Sie blieben einander tief verbunden, weit über ihre Affäre hinaus. Hannah beendete die heimliche Liaison, als sie zu Karl Jaspers nach Heidelberg wechselte, der ihr zuerst ein Mentor und später ein Freund war.

In Hannah Arendts Abkehr von der Philosophie und im Übergang zur politischen Theorie sah Martin Heidegger einen Verrat. „Er wird Hannah Arendts Bücher nicht lesen oder doch nur sehr flüchtig, und was er da liest, das wird ihn kränken,“ schreibt Rüdiger Safranski in seinem Buch „Ein Meister aus Deutschland“.

Was ihr Heidegger und was sie ihm war, kommt in der Ausstellung nicht vor. Darin liegt ein entscheidender Mangel. Als sie 1949 nach Deutschland kam, traf sie auch Heidegger und wartete auf ein Wort der Selbstkritik oder doch nur eine klärende Andeutung über sein Leben im Nationalsozialismus, über seine Irrtümer, über seine Philosophie. Den Zusammenhang seines Denkens mit dieser Zeit meißelte sie heraus: „Hannah Arendt“, schreibt Safranski, habe die These entwickelt, „dass in der deutschen Version des Existentialismus, beginnend bei Schelling über Nietzsche bis hin zu Heidegger, die Tendenz immer stärker geworden sei, das vereinzelte menschliche Wesen als einen Ort der Wahrheit dem unwahren gesellschaftlichen Ganzen gegenüberzustellen.“ Für sie habe sich die Frage gestellt: „Wie sollte sie Heidegger, den sie politisch unter die Verfolger rechnen musste, eine Treue bewahren, ohne die Übereinstimmung mit sich selbst aufzugeben?“

Gute Frage. Sie ließ sich nicht theoretisch lösen, nicht philosophisch. Sie blieb ein fundamentaler Widerspruch. Ich habe mir gedacht, sie hat vor diesem Problem kapituliert. Die Behelfslösung bestand in der Unterscheidung des Privaten vom Politischen. Die Kapitulation fand im Privaten statt.

Heidegger war einer der Deutschen, von denen Hannah Arendt bei ihrem Aufenthalt 1949 sagte, dass sie das Vergangene vergangen sein lassen wollen. Mit seinem reuelosen Schweigen war er der ultimative Repräsentant der Nachkriegszeit. Er hätte bestens in die Themensetzung gepasst, die der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zugrunde liegt.

Ohne ihr widerspruchsreiches Verhältnis zu Heidegger ist Hannah Arendt nicht zu verstehen. Deshalb entbehrt die Ausstellung der Tiefenschärfe, die ihr Denken und ihre Existenz auszeichnet.

Moira und wir

Anfang August besuchte Armin Laschet das Lager Moria. Hinterher sagte er viel Richtiges: Die Flüchtlinge lebten in einer „Situation der Perspektivlosigkeit“, er sprach von einem „Aufschrei der Verzweifelten“, er sagte, Europa dürfe die griechische Regierung nicht allein lassen und der Umstand, dass die EU-Ratspräsidentschaft momentan bei Deutschland liege, biete Hoffnung auf „eine dauerhafte Lösung“ für die Geflüchteten.

Als Laschet von seinem Aufenthalt in Moira erzählte, erntete er kaum mehr als höfliche Aufmerksamkeit. Moira war fern, Moira war uninteressant. Das hat sich vier Wochen später schlagartig geändert.

Auf einer ehemaligen Militäranlage entstand im Oktober 2015 auf Lesbos ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, das rasch zum größten europäischen Flüchtlingslager heranwuchs. Um das eigentliche Camp zogen Migranten Zelte und provisorische Behausungen hoch. Schlägereien, Messerstechereien zwischen Migranten aus unterschiedlichen Ländern gehören dort zum Alltag.

14 000 Menschen leben auf engem Raum unter erbärmlichen Verhältnissen. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, was aus ihnen wird, ein Tag ist wie jeder andere, ohne Aussicht auf Veränderung, jeder ist sich selbst der Nächste, Hilflosigkeit und Wut und Zorn und Gewalt gehören zum Alltag. Dass sie auf die Idee kamen (oder gebracht wurden), ihr Lager in Flammen aufgehen zu lassen, damit Europa dort draußen sich ihrer erinnert, ist verständlich.

Europa erinnert sich jetzt. Europa muss sich um Moira kümmern. Möglichst vernünftig. Möglichst umsichtig. Das ist das Schwerste überhaupt, weil so viele Interessen dagegen stehen.

Ende September wird die Europäische Union über die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln beraten. Ohne Deutschland geht nichts, da hat Armin Laschet recht. Mit Deutschland geht mehr, aber auch nicht viel. Verbindliche Regeln für eine Verteilung der Flüchtlinge wären ein echter Fortschritt, aber allenfalls 10 von 27 könnten sich darauf einlassen. Der Einfluss Deutschlands ist in diesem Fall nicht besonders groß.

Zu den unangenehmen Einsichten in diesen Tagen gehört es, dass Europa eben nur bedingt eine Wertegemeinschaft bildet. Sie ist grundsätzlich eine Wirtschafts- und Währungsunion, also eine Interessenallianz. Interessen können genauso trennen, wie sie verbinden. Spätestens seit 2015 treibt die EU auseinander. Im Umgang mit den Flüchtlingen ist an die Überwindung der Gegensätze gar nicht zu denken, nicht einmal zwischen Deutschland und Österreich.

Zu den klügsten Menschen, die sich mit Migration und ihren Folgen beschäftigen, gehört Gerald Knaus. Er ist Österreicher, hat den Think Tank „European Stabilität Initiative“ gegründet, lebte in der Ukraine, in Bosnien und im Kosovo. Ein erfahrener Mann, urteilskräftig und klarsichtig. Er sagt, Angela Merkel habe vor fünf Jahren „Europas Ehre und Seele gerettet“, aber um einen Preis, dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Europa, besonders im Osten – den Feinden Europas. Sie seien besonders radikal dort, wo es nur eine Hundertschaft Flüchtlinge gebe, zum Beispiel in Ungarn.

Knaus ist alles andere als ein Romantiker. Auf ihn geht das Tauschgeschäft Milliarden gegen geschlossene Grenzen zwischen der EU und der Türkei vom 18. März 2016 zurück. Heute schlägt  er eine Erneuerung des Abkommens vor, um die humanitäre Krise auf den griechischen Inseln zu beenden.

Ob sie will oder nicht, muss die Europäische Union aufs Neue mit der Türkei verhandeln. Präsident Erdogan hat schon einmal die Grenzen aufgemacht, damit Europa nicht vergisst, auf wen es hier ankommt und man muss ihm jederzeit zutrauen, dass er einen neuen Grund zur Erpressung findet, zum Beispiel um Griechenland in Schwierigkeiten zu stürzen, mit dem er im Konflikt um die Ausbeutung der Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer liegt. Da ist es nur eine Frage der Zeit, wann er wieder Tausende Flüchtlinge losschickt. Verlässlich an ihm ist allein die absolute Unberechenbarkeit.

Auf Moira werden jetzt neue Unterkünfte gebaut. Immerhin. Am menschlichen Elend ändert das wenig. Vermutlich werden sich nach einigem Zögern ein paar willige EU-Länder finden, die einen Gutteil der 12 000 Menschen aufnehmen. Immerhin.

Gerald Knaus sagt dazu, es gebe kein Recht auf Migration, das nicht, aber es gebe den Respekt vor dem humanitären Grundsatz, Menschen nicht in die Gefahr zu stoßen. Darauf sollte sich Europa einigen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute

Aus dem Archiv: Das Gesetz der Serie

Von Gerhard Spörl

Raus mit dem Alten – her mit dem Gegenteil: Nach diesem Credo wählen die US-Bürger seit Generationen ihren Präsidenten. Ein Vorteil für Donald Trump. Und ein riesiges Problem für Hillary Clinton.

Dieser Artikel erschien am 28.05.2016 um 07.43 Uhr auf SPIEGELOnline.

Zu den Abendeinladungsgesprächen in diesen Tagen gehört die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass ein Mann wie Donald Trump zu einem ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufsteigt. Die Antwort ist oft genug schlichter Anti-Amerikanismus. Das hilft immer, man kann dann noch einmal die Enttäuschung über Barack Obama beklagen und an den Vietnamkrieg erinnern. Wenn der Abend fortgeschritten und die fünfte Rotweinflasche geleert ist, landet die Runde unweigerlich bei den Massakern an den Indianern.

Was mir persönlich mehr zu schaffen macht, ist das Gesetz der Serie in den amerikanischen Wahlen. Es besagt, dass gerne das Gegenteil des Amtsinhabers gewählt wird.

Das Gegenteil von Richard Nixon und dessen Vizepräsident Gerald Ford war Jimmy Carter, der fromme und unerfahrene und wohlmeinende Mann aus Georgia.

Das Gegenteil von Jimmy Carter war Ronald Reagan, schon erfahren, mit lässiger Arbeitsauffassung ausgestattet, mit großer Intuition und der Neigung, bedenkenlosen Beratern freien Lauf zu lassen.

Das Gegenteil von Reagan und dessen Vize George Herbert Walker Bush war Bill Clinton, der junge Mann aus einfachen Verhältnissen in Arkansas, eine riesige politische Begabung mit erstaunlichen Charakterschwächen.

Das Gegenteil vom jeweiligen Amtsinhaber ist der neue Präsident

Das Gegenteil von Bill Clinton und dessen Vize Al Gore war George W. Bush, nicht besonders helle, nicht besonders ambitioniert, dem 9/11 widerfuhr und zu jeder Menge Fehlentscheidungen antrieb, die Amerikas Ruf weltweit untergruben.

Das Gegenteil von George W. Bush und John McCain war Barack Obama, jung und klug und idealistisch gesonnen und mit großem Ehrgeiz, den Fluch zu brechen, der über Amerika lag, weil Republikaner und Demokraten sich gegenseitig lähmten und so das politische System dysfunktional wurde. Wäre er weiß, hätte er mehr erreicht. Da er schwarz ist, radikalisierte sich die weiße Gegenwelt.

Das Gegenteil von Barack Obama ist Donald Trump, der Mann, der Ignoranz für eine Tugend hält, das Produkt des dysfunktionalen Systems, bei dem sich die Republikaner selbst zerstörten, der Mann ohne Scham und mit sadistischer Neigung, Gegner zu zerstören. Womit wir bei Hillary Clinton wären, die auf ihre Weise eine Verlängerung der Ära Obama wäre und also, nach dem Gesetz der Serie, nicht gewählt werden wird.

Für sie wäre es einfacher, das Gesetz der Serie zu brechen, wenn sie nicht Hillary Clinton wäre und die Schwäche der Clintons noch steigern würde: die Neigung zu glauben, dass Regeln und sogar auch mal Gesetze für andere gelten, nicht unbedingt für sie; die Neigung, die verfolgte Unschuld zu spielen.

Hillary Clintons Chancen im November stünden besser, wenn sie sich als die erfahrene und redliche und empathische Alternative zum dümmlichen und politisch gefährlichen Donald Trump darstellen könnte. Das kann sie aber nicht. Erfahren ist sie, doch sie wird zum Beispiel die E-Mail-Geschichte als Außenministerin nicht los, weil sie einen privaten Account zu Amtszwecken nutzte, und diesen Umstand zuerst leugnete und dann mühsam zugab, allerdings nicht den untersuchenden Instanzen Rede und Antwort stand. Typisch Hillary, sagen sie in Amerika resigniert, so verhält sie sich immer, so ist sie. Deshalb gelingt es ihr nicht, auch nur annähernd so viel Enthusiasmus auszulösen wie Obama vor acht Jahren.

Kürzlich stand in der „New York Times“, dass 67 Prozent aller Amerikaner weder Trump noch Clinton für ehrliche Menschen halten. Trump kann das, wie die Dinge liegen, egal sein. Für Clinton bedeutet diese Einschätzung eine Katastrophe. Für sie ist die Zahl auch ein Hinweis darauf, dass 2017 wieder das Gesetz der Serie gelten kann.

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