Mein Amerika

Mit Mitte Zwanzig war ich zum ersten Mal in Amerika und habe über dieses Land gestaunt: die irrsinnig schöne Landschaft, die Gastfreundschaft, diese klugen Leute an den Universitäten. Mir fiel aber auch auf, wie die Weißen mit den Schwarzen umgingen: verklemmt, verlegen, unwillig, aggressiv. 

Von den Präsidenten mochte ich eigentlich nur John Fitzgerald Kennedy, den damals alle mochten, wenn er auch keineswegs ein Säulenheiliger war, wie wir später erfuhren. Und dann natürlich Barack Obama, dieser kluge Mann, der mehr Fehler und Irrtümer beging, als wir je gedacht hätten.

Ich habe kommen sehen, dass Donald Trump die Wahl gewinnt. Ich habe nicht kommen sehen, was er bedeuten würde: Lug und Trug, Rassenhetze, Bösartigkeit und Niedertracht. Als Politik. Als Machtkalkül. Ersonnen im Weißen Haus.

Amerika hat immer noch diese beneidenswerte Natur und die klügsten Leute im Erdkreis. Zugleich ist es nicht mehr ein Land, sondern zwei. Ist es geplagt von zivilen Unruhen. Jeder neue erschossene Schwarze kann wieder eine  brennende Stadt bedeuten. Nie gab es mehr Waffen in mehr Händen als heute in Amerika und nie gab es mehr Lustangst, die dazu führen kann, damit herum zu schießen. Auf den Nachbarn, der anders wählt. Auf den anderen, der auch eine Waffe hält. Auf die Feinde Trumps.

Was ist los in diesem Land? Wann hat der Irrsinn angefangen? 

  1.  Trump ist nicht an allem schuld, das wäre zu viel der Ehre. Er hat vieles verschlimmert, aber das politische System war lange vor ihm dysfunktional. Es begann unter Bill Clinton und seinem Lügen mit der Wahrheit, als seine Eckenstehereien mit Monica Lewinsky herauskamen. Technisch gesehen hatte er wirklich keinen Sex mit dieser Frau, wie er unnachahmlich sagte, weil Blowjobs so ablaufen, wie sie ablaufen. Die Amoralität und das Lügen mit der Wahrheit, dazu die Selbstgerechtigkeit beider Clintons, dass die Gesetz für alle anderen gelten, bildeten eine Vorahnung, was kommen könnte. Donald Trump hat vollendet, was bei den Clintons angelegt war. Vom Lügen mit der Wahrheit bis zum gänzlich unverschämten Lügen als Prinzip der Machtausübung ist es ein großer Schritt, aber auch ein folgerichtiger.

     Das zweite Prinzip steuerte George W. Bush bei, der ironischerweise an  Beliebtheit gewonnen hat, weil er Trump verachtet. Entweder sie sind für uns oder gegen uns, war sein Leitsatz. Nicht zu vergessen, die falschen Beweise für den Irak-Krieg.

2.   Rassismus ist die Ursünde der Republik der Weißen, welche die Schwarzen als Sklavenarbeitsheer in Ketten aus Afrika heranholen ließen. Weit mehr als 200 Jahren ist das her. Unfassbar, dass der Rassismus noch immer nicht Vergangenheit ist. Nicht nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die Schwarzen dienten. Nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem noch viel mehr Schwarze dabei waren. Nicht nach der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, als der Rassismus offiziell endete. Donald Trump hat den Rassismus verschärft, auf die Spitze getrieben, in seiner übelsten Form wiederbelebt. Als Präsident. Aus dem Weißen Haus heraus, das schwarze Sklaven bauten. Er protegiert den übelsten weißen Mob und lässt es zu, dass dieser Mob vom Bürgerkrieg gegen die Demokraten faselt. 

Amerika war immer ein Land der Gewalt. Oft genug bewaffneten sich Menschen und nannte sich Ku-Klux-Klan oder gingen in die Wälder oder verschanzten sich auf einsamen Gehöften. Nur gab es bislang keinen Präsidenten, der von solchen Banden sagt: Ich kenne sie nicht, aber sie mögen mich.

3.  Der Historiker Samuel Huntington sagte 1981, dass Amerika etwa 40 Jahre später, also heute, wieder mal in einen Fieberkrampf verfallen würde. Seine Theorie war nämlich, dass dieses Land ungefähr alle 60 Jahre einem solchen Kataklysmus erleide. In den sechziger Jahren waren es die Babyboomer, die sich durch Vietnam und Nixon radikalisierten. Sie brachten linksliberalen Moralismus über das Land, der sich vom Recht auf Abtreibung über die Pop-Kultur bis zur Verachtung überkommener Werte erstreckte. Trump surfte auf der Welle der Gegenbewegung ins Weiße Haus: weißer Nationalismus; Außenseitergruppen, vereint im Hass auf den Mainstream; Verachtung für konventionelle Politik, die sich im Gibst-du-mir-gebe-ich-dir-Konsens und im Heute-sind-wir-dran-und-morgen-ihr erschöpfte.

In der Vergangenheit lässt sich die These von den Konvulsionen im Ungefähr- 60-Jahre-Rhythmus belegen. Trifft sie weiterhin zu, bleibt Amerika noch lange im Bann der Rechten, die sich in die Mitte der Gesellschaft hinein bewegen mag, wie sich die Studentenrevolte auf den Marsch durch die Institutionen begeben hat. Trump hat ihnen eine Schneise geschlagen, das bleibt.

4.   Von Trump bleibt auch, dass er die Linke nach seiner Vorstellung geformt hat. Die demokratische Partei hat sich in den vergangenen vier Jahren genauso erschreckend radikalisiert wie die Rechte. Alles ist spiegelverkehrt: der Hass auf Trump, die Verachtung für seine Machtgrundlage in den Medien und unter den weißen Nationalisten, die Missachtung für Kompromisse und Rücksichtnahme im demokratischen System, die Vorliebe fürs Dysfunktionale. Denn falls die Demokraten im Repräsentantenhaus die Mehrheit behalten und sie im Senat gewinnen, gibt es keinerlei Grund, nicht durch zu regieren, nicht das Oberste Gericht durch linksliberale Richter so zu ergänzen, dass sich die Mehrheit wieder ändert. Rücksichtslosigkeit und Konsensfeindlichkeit sind kein rechtes Monopol. 

Von Trump lernen, heißt siegen lernen. Auch ohne Trump bleibt Amerika Trump-Land.

5.  Gehen wir mal davon aus, dass Trump abgewählt wird. Joe Biden wird dann kein Präsident aus eigenem Recht sein. Die Demokraten haben sich auf ihn geeinigt, weil er am ehesten mehrheitsfähig zu sein schien. Nicht weil er Amerika wieder groß macht oder versöhnt oder weil er das alte System vertritt, in dem zum Beispiel der Demokrat John Kerry und der Republikaner John McCain gemeinsam für diplomatische Beziehungen mit Vietnam eintraten. Nicht weil er für die Restauration des Alten steht, sondern weil er der gütige Großvater ist, dem man sagen kann, was er tun soll.

Vom ersten Tag nach der Wahl an werden unterschiedliche Kräfte an Biden zerren und ihn daran erinnern, dass nur sie ihn zu dem Präsidenten gemacht haben, der er auf seine alten Tage sein darf. Die Obama-Leute werden ihm Ratschläge für die Besetzung der wichtigsten Ämter im Weißen Haus und im Kabinett erteilen und einige Obama-Leute werden an Schaltstellen zurückkehren. Und die Bernie-Sanders-Leute werden dem guten Joe Ratschläge erteilen, wen er bloß nicht nehmen soll und was er auf keinen Fall sagen soll. Die Moderaten und die Linken werden sich eine Schlacht um die Vorherrschaft im Weißen Haus liefern, die uns noch oft den Kopf schütteln lässt.

6.  Wenn Joe Biden am Dienstag gewinnt, dann hoffentlich hoch und unzweifelhaft und unleugbar. Sonst gnade Gott Amerika.

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Nero an D-Day

Ich werde fast täglich gefragt, ob ich immer noch der Meinung sei, dass Trump am kommenden Dienstag verlieren werde. Ja, ich bin noch immer der Meinung, der ich seit ungefähr einem Vierteljahr bin. Ich hoffe nur darauf, dass ihn eine unzweideutige Niederlage ereilt, damit er nicht quengeln kann, dass die Briefwahl krumm ist oder das Wetter zu gut oder zu schlecht war. Fällt die Wahl knapp aus, ist alles möglich. Dieser Mann ist wie Nero. Er könnte Washington, er könnte das ganze Land in Brand stecken.

Zwiesprache mit der Kanzlerin

Bei Lichte besehen, hätten die CDU schon früher Zweifel beschleichen können, ob es klug ist, einen Parteitag in Stuttgart mit 1001 Delegierten durchzuführen. Das erste Zugeständnis bestand im Zusammenschnurren von drei Tagen auf einen einzigen Tag. Der zweite Schritt erfolgte, als es gar nicht mehr anders ging. Da war die Bundeskanzlerin den Entscheidungsträgern in ihrer Partei wieder mal weit voraus.

Der Kanzlerin genau zuzuhören, hätte genügt. Uns beschwört Angela Merkel, daheim zu bleiben, möglichst wenige Leute zu treffen, vorsichtig zu sein. Ihre Parteifreunde hätten sich bemüßigt fühlen können, die Konsequenzen zu ziehen. Haben sie nicht. Wollten sie vielleicht auch nicht. Ließen sie laufen. Die ganze letzte Woche ging es hin und her: Sollen wir, sollen wir nicht, können wir uns das überhaupt leisten, wahrscheinlich nicht, was werden die Leute sagen.

Was die Leute sagen, das ist immer eine gute Frage in der Politik. Auf wen die Leute hören, ist die wichtigere Frage. Auf die Kanzlerin hören sie offenbar noch und interessant ist die Zwiesprache, die sich da abspielt und aus der alle drei Kandidaten etwas lernen können.

Auf jeden einzelnen kommt es an, beschwört uns die Kanzlerin immer wieder. Wir können dazu beitragen, die rasante Verbreitung einzudämmen, wie es uns schon mal gelungen ist. Soweit man sieht, ist der Appell bei der übergroßen Mehrheit angekommen, mal abgesehen von 600 Fetisch-Partygängerin in Berlin und der kleinen Ansammlung von maskenfreien Corona-Leugnern, die es in diesen Tagen schwer haben, beim Leugnen zu bleiben. 

Für uns Einzelne ist der Alltag die größtmögliche Ansteckungsquelle. Alltag ist Anarchie. Wen wir treffen, suchen wir uns nicht aus. Uns treffen wir in Bussen und Bahnen, Regional- und Fernzügen. Je voller sie sind, desto näher rücken wir uns auf die Pelle. Je mehr Züge fahren und je mehr von uns drinnen sind, desto voller sind die Bahnhöfe. Da kann jeder von uns nur hoffen, dass die anderen nicht vorher auf Fetischpartys oder heimlichen Zusammenballungen waren und uns anstecken, trotz Maske, aber eben ohne Sicherheitsabstand, der sich in größeren Menschenansammlungen nun mal nicht einhalten lässt.

Corona hält uns im Bann. Corona bestimmt unser Leben. Schränkt natürlich auch unsere Demokratie ein, indem die Exekutive bestimmt und die Legislative meistens nur zuschauen kann. Parteitage in regelmäßiger Folge dienen der internen Demokratie. Die CDU braucht einen neuen Vorsitzenden, das weiß sie nicht erst seit gestern. Ist schon verdammt lange her, dass AKK gesagt hin, ich will nicht mehr Vorsitzende sein, ihr müsst euch jemand anders suchen. Und nun vermasselt Corona auch noch die Selbstfeier samt Wahl eines neuen Vorsitzenden, der zugleich, jedenfalls der Theorie nach, der nächste Kanzler sein kann.

Deutschland ist in vergleichbarer Lage wie Amerika. Ich gehe davon aus, dass Trump geht und Biden kommt. Von Biden wissen wir, dass er ein netter Mensch sein soll und ein Produkt des alten politischen Systems. Trump werden nur seine Fans vermissen, das ist der Unterschied zu Angela Merkel, die viele von uns noch bitter vermissen werden, wenn sie auf ihre Datsche entschwunden ist und ihren Nachfolger machen lässt, was sie 16 Jahre lang gemacht hat. 16 Jahre.

Ein netter Mensch wie Biden ist Armin Laschet auch. Nett ist aber kein besondereres Kriterium für Kanzlerschaft. Friedrich Merz wirkt nicht nett, sondern markig, aber vor allem wie von gestern. Norbert Röttgen bemüht sich um Nettigkeit, ist aber der ewige Klassensprecher, der alles weiß und den keiner richtig mag.

Von Joe Biden will niemand wissen, wie er seine Partei definieren will und wohin er das Land zu führen beabsichtigt. Von unseren drei Matadoren wird das Selbstverständliche auch nicht abgefragt. Das Selbstverständliche wären Antworten auf solche Fragen: Welche Art von Konservatismus vertretet ihr? Wie sozial soll die Marktwirtschaft sein und wie national soll sie werden, damit die CDU auf Dauer der AfD das Wasser abgräbt, oder soll es einfach so weitergehen, als wäre Angela Merkel noch da? Und was sagt ihr eigentlich zu Wirecard, der großen Luftnummer, die gestern noch die große Dax-Nummer war? Und sollte die Anklage gegen den Audi-Chef Rupert Stadler und seine drei Mitangeklagten eigentlich Schule machen, zum Beispiel im Fall VW? Mal abgesehen von Fragen wegen Konsequenzen im Giftfall Nawalny – und sollte die Nord Stream 2 gestoppt werden?  

Corona verhindert leider auch solche naheliegende Fragen an Kandidaten, die sich um das eine Amt bewerben und das andere Amt, in dem noch Angela Merkel waltet, fest im Auge haben. Die Drei scheinen das nicht zu bedauern. Das wirkliche Trauerspiel besteht darin, dass wir alle unterfordert werden, wir Wähler, die wir uns im September entscheiden müssen, nicht nur die CDU, in der es wegen der lauen Kandidaten grummelt und rumort.

Kanzler müssen keine Intellektuellen sein. Sie mögen nett sein oder nicht, vor allem müssen sie wirklich wollen, was sie anstreben: ohne ein bisschen Machtmenschentum geht es nicht. Und es wäre angemessen, wenn sie ernsthaft darüber reden würden, wohin sie ihre Partei und das Land führen wollen, in Europa, in der Nato. Die Bewerbungsrede auf dem Parteitag muss auch eine Bewerbungsrede für die Kanzlerschaft sein, damit wir wissen, was wir von diesem Vorsitzenden, der Angela Merkel beerben will, halten sollen.

Nun haben sie den Parteitag verschoben. Auf das Frühjahr. Als Präsenzveranstaltung, was man ja gut versteht. Dann sind auch zwei Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Dann schön was los. Mal schauen, ob Corona am Ende mitspielt oder wieder alles durcheinander bringt.

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Die Macht füllte ihn nicht aus

Einer aus dem Betrieb, den jeder kannte und viele mochten, stirbt ganz plötzlich. Thomas Oppermann wollte tun, was er so oft getan hatte, ein Interview geben. Nichts Besonderes, ein paar Minuten lang, daheim in Göttingen. Zusammenbruch und Tod. Aus dem Nichts, keine Vorwarnung. Mitten aus dem Leben gerissen, wie es jetzt in den Nachrufen seiner Kollegenfreunde, die nicht nur in der SPD saßen, sondern auch in anderen Parteien, jetzt heißt.

Es ist nun mal so: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Jeder von uns weiß das, jeder von uns verdrängt es, was denn sonst. Politik verschlingt mehr als andere Berufe die Menschen, weil sie ständig auf dem Präsentierteller stehen und begutachtet werden: Noten für Aussehen und Auftreten, für Intelligenz und Charakter, für Reden oder Schweigen, ob sie souverän wirken oder schnell beleidigt sind. Sie sollen professionell sein, aber auch souverän. Uns regieren, aber auch einer von uns sein.

Wenn dann jemand aus dem Leben gerissen wird, halten die anderen Politikerinnen und Politiker für einen Augenblick inne. Die Bekundungen der Trauer und Betroffenheit sind dann oft genug sogar ehrlich gemeint. Solidarität ist ein schönes, aber rares Gut, im Angesicht des Todes leichter verfügbar. Die Anteilnahme, die Thomas Oppermann parteiübergreifend zuteil wird, gilt dem fairen und sympathischen Kollegen und sie folgt dem Gedanken: Oh Gott, das könnte mir genau so passieren, auf den Einsatz bei „Bonn direkt“ warten und peng, aus ist es.

Vor ein paar Wochen saß ich in einer kleinen Runde mit Thomas Oppermann. Er war entspannt und wirkte distinguiert, was bei Sozialdemokraten nicht die Norm ist. Er war mit sich im Reinen, er wollte im nächsten Jahr nicht mehr antreten, er war 66, es war genug. Gerne wäre er mehr als zweite Reihe geworden, Innenminister zum Beispiel, aber vor ihm waren etliche Machtmenschen, die auch aus Niedersachsen kamen: Schröder, Stuck, Gabriel. Ab nächstem Jahr wollte er noch mal etwas anderes machen, wie man eben so sagt, wenn man sich zum Gehen entschlossen hat.

Oppermann war kein Machtmensch. Er war belesen und bedacht. Schlank und sportlich. Er trank nicht, er sah erheblich jünger aus, als er war. Im Harz rannte er gerne den Brocken hinauf. Ein angenehmer Gesprächspartner, gerade weil er sich nicht aufpumpte. Ich hätte ihm gegönnt, wenn er noch viele Spiele seiner BG Göttingen hätte schauen können, denn Basketballfan war er seit seiner Jugend.

Natürlich wusste Thomas Oppermann, was Macht ist, aber sie füllte ihn nicht aus. Das Menschliche war stärker, deshalb verlor er sich nicht in dreißig Jahre Politik. Wie schön für ihn und wie schade, dass ihm das Leben nach der Politik verwehrt bleibt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe

In diesen Tagen gibt es zwei Perspektiven auf Corona und kein Ende zu schauen: die persönliche Erfahrung und die politischen Maßnahmen. 

Meine persönlichen Erfahrungen an diesem Wochenende sahen so aus, dass sich überall, wo ich einkaufen oder zum Sport war, die Leute, denen ich begegnet bin, exakt an die Regeln hielten, sogar mehr noch als in den Wochen zuvor. Auf dem Wochenmarkt liefen fast alle Menschen mit Gesichtsmasken herum, das Wetter war vorübergehend milde, die Sonne schien, die Laune war gut. Ich machte es nach und kramte die Gesichtsmaske heraus. Widerstrebend, na klar, aber dann eben doch pflichtbewusst. Man kommt sich ja schon nahe am Obststand, bei der Käsefrau oder beim Blumenhändler.

Im Fitnessklub zogen sogar die Muskelmänner brav ihren Mund- und Nasenschutz hoch, wenn sie die Geräte wechselten, wie es geschrieben stand. Niemand beschwerte sich, niemand rollte mit den Augen oder machte eine wegwerfende Geste. Sie verhielten sich so, wie es die Vorschrift war, unlustig, aber folgsam. 

Ich will meine Beobachtungen nun wirklich nicht verallgemeinern. Ich bewege mich nur wie alle anderen Menschen in einem kleinen Kosmos in einem Stadtviertel und bemerke, wie sich dort die anderen Zeitgenossen verhalten. Man soll seine Erfahrungen nicht überschätzen, aber es sind eben die Erfahrungen, die man macht und die man einordnet. Mehr Empirie dringt im eigenen Leben nicht zu uns vor.

Eine Erklärung für das Wohlverhalten wäre, dass die Kanzlerin mit ihrem Appell Wirkung erzielt hat, vielleicht sogar mehr, als sie für möglich hielt. Sie handelte ja nicht freiwillig, sondern weil sie meinte, es müsste sein. Ich kann mich an keine vergleichbare Situation erinnern, in der sie gleich mehrmals hintereinander gesagt hätte: Was wir hier gemacht haben, genügt nicht, ihr dort draußen müsst es besser machen als wir hier drinnen.

Es ist schon komisch, dass Angela Merkel, die davon überzeugt ist, dass  richtiges Handeln ohne große Worte auskommt, in ihrer letzten Runde die Macht der Worte entdeckt und sich direkt an uns wendet. Und es ist ebenso dramatisch, dass sie die Loyalität zu denjenigen unter den 16 Ministerpräsidenten aufkündigt, die aus ihrer Sicht ihr eigenes Süppchen kochen.

Ich finde Angela Merkel meistens gut. Sie hat uns sicher durch Krisen gesteuert, 2007/8 durch die Weltfinanzkrise und nun durch die Pandemie. Sie behielt die Ruhe und schuf Vertrauen, eine große Leistung, eine große Kunst. Aber ich bin mir nicht sicher, dass sie auch jetzt richtig liegt in ihrer Einschätzung, was unter den herrschenden Umständen nötig ist.

Wird die Pandemie dadurch verbreitet, dass die Leute quer durch die Republik zu Freunden oder Familie reisen? Doch wohl eher nicht. Wird das Ansteigen der Infektionszahlen durch das Beherbergungsverbot abgeflacht? Doch wohl eher nicht. Macht es einen gewaltigen Unterschied, ob Restaurants, Bars etc. um 23 Uhr schließen, anstatt um Mitternacht? Vielleicht ja, eher nein. Sollten wir so oft wie möglich zu Hause bleiben? Ziemlich viel verlangt.

Unangenehm an Covid-19 ist die große Ungewissheit, wann der Spuk vorbei sein wird. Wüssten wir, dass wir bis Ostern oder Pfingsten durch halten müssen, wäre das schwer Erträgliche erträglicher. So ist das immer im Leben, egal ob es um Trennungen auf Zeit geht oder um das Ausheilen von Verletzungen oder um den eingezogenen Führerschein. Sobald wir ein Datum kennen, haben wir ein Ziel, auf das wir hinarbeiten können. Und schon fällt die Zwischenzeit leichter aus.

Ich vermute, dass auch die Bundeskanzlerin das Nichtwissen über die Dauer, bis es Medikamente oder gar ein Vakzine geben wird, schwer zu schaffen macht. Die Geduld, um die uns zuerst gebeten hat und zu der sie uns jetzt eindringlich mahnt, ist ein fragiles Gut, weder zu verordnen noch beliebig zu verlängern. Die dunklen Tage ziehen sich ab jetzt hin und da könnten viele Zeitgenossen ins Sinnieren kommen, ob es das alles wert ist. Geduld kippt leicht in Verdruss um.

Vermutlich überkommt die Kanzler das Grauen, wenn sie nach Holland (Teillockdown mit Sperrstunde 22 Uhr, ab 20 Uhr kein Alkohol) oder Frankreich (Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr) schaut. Mit allen Mitteln möchte sie Ähnliches hier vermeiden, sowohl die erschreckenden Infektionszahlen als auch die drastischen Einschränkungen, das ist ja auch verständlich und in unserem Sinn. Vermutlich geht sie unter diesem Eindruck heute schon weiter, als sie müsste. Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe – darauf will sie uns einstimmen.

Uns bleibt nichts anderes übrig, als Masken aufzusetzen und Abstand zu halten und aufs Beste zu hoffen. Daran sind wir mehr oder weniger gewöhnt. Und bald schon werden wir wissen, ob unsere Kanzlerin die richtigen Worte fand, um das Schlimmste zu vermeiden, den zweiten Lockdown.

Veröffentlicht auf t-online, heute.