Aus dem Archiv: Dramen, Kriege, magische Momente

Dank Michael Jordan und Co. wurde unser Autor Gerhard Spörl zum Basketball-Fanatiker. Mittlerweile ist er aus den USA zurück in der Diaspora Deutschland. Okay, dann eben runterkommen von dem Trip, dachte er – jetzt stellt er fest: „Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach.

Vor ein paar Tagen machte mich ein Freund aus Amerika auf einen Artikel aufmerksam, der sich um Gilbert Arenas drehte, den Guard der Washington Wizards, der verdammt gut und leider auch verdammt unbeständig spielt. Die „Washington Post“ hatte sich mit seiner Herkunft und seiner Mentalität beschäftigt und daraus eine zweiteilige Serie gemacht. Ich habe ihn oft spielen sehen, er kam von den Golden State Warriors aus Kalifornien. Michael Jordan war gerade davon gejagt worden, es wäre natürlich apart gewesen zu sehen, wie dieser alt gewordene Wunderspieler mit dem Riesentalent zurecht gekommen wäre. Na ja, wahrscheinlich konnte Arenas nichts Besseres passieren, als dass um ihn herum ein neues Team geformt werden musste. Mit ihm begann die Nach-Jordan-Ära, wird die „Washington Post“ irgendwann einmal schreiben. Bis hier und heute ist es noch keine Ära, aber ein Anfang.

Arenas fiel mir auf, weil er die Nummer 0 trägt. Wer jung ist und hoch hinaus will, trägt die 23, die Michael Jordan zur heiligen Zahl erhob und die Clevelands Superstar LeBron James für sich auswählte, ein Zeichen seines unfassbaren Selbstbewusstseins, eigentlich ein Sakrileg. Wer Miamis derzeit verletzten Center Shaquille O’Neal (2,16 Meter groß und fast 148 Kilogramm schwer; die Red.)nacheifern möchte, nimmt die 34, aber wer sieht schon so aus wie „Shaq“? Oder er greift sich die 8, die die Nummer des Lakers-Topscorers Kobe Bryant ist. Aber die 0? Was soll uns das sagen? Da wir allesamt Freudianer sind, ahnen wir schon, worauf das hinausläuft: Da hält einer nicht viel von sich. Und wir ahnen auch schon den Gegen-Satz: Da hält einer viel von sich. Zero reimt sich auf Hero.

Arenas ist 24, die ersten dreieinhalb Jahre lebte er in einem Crack-Haus in Miami bei seiner Mutter. So trostlos, wie die Wirklichkeit für den kleinen Jungen gewesen sein dürfte, kann sich das Unsereiner gar nicht vorstellen. Dann hatte irgendjemand ein Einsehen, rief den Vater an, der sich davon gemacht hatte und wenigstens Ansätze von Lebenstauglichkeit aufwies, und der kam vorbei, packte den Kleinen samt seiner kümmerlichen Habe – drei Kleidungsstücke, ohne Unterwäsche – und fuhr davon. Das gehörte zum Besten, was Gilbert widerfahren konnte.

From Zero to Hero

Der Vater wollte Schauspieler sein, bemühte sich immerhin darum und damit um ein Mindestmaß an Bürgerlichkeit. Die beiden zogen später nach Los Angeles, Gilbert senior bekam eine Sprechrolle in „Miami Vice“, drehte ein paar Werbefilmchen, schlug sich durchs Leben und verschaffte seinem Sohn eine einigermaßen solide Schulbildung. Dann das Übliche: Stipendium an einer Universität, Profivertrag bei den Warriors, und nun die Wizards: ein Vertrag für sechs Jahre über 65 Millionen Dollar. Ferrari. Haus in Virginia. Tochter von der Freundin, der er ein Haus samt Wagen etc. in der Nähe finanziert.

Nähe, das ist das Problem des Menschen Arenas. Er traut nur sich, er vertraut keinem anderen. Er hat Angst, wieder aufgegeben zu werden. From Zero to Hero: Das ist sein Straßenname im Südosten Washingtons, dort, wo er im Sommer Straßenbasketball spielt, wo er Schulen großzügig unterstützt. Eine Schule hat er sich ausgesucht, die bekommt pro Punkt 100 Dollar. Das Spiel gegen die Lakers, das 147:141 endete und in dem Arenas 60 Punkte warf (NBA-Saisonrekord; die Red.), brachte dieser Schule 6000 Dollar ein.

Seine Mutter tauchte vor dreieinhalb Jahren bei einem Spiel der Golden State Warriors in Miami auf. Nach 18 Jahren. Er ließ sich ihre Telefonnummer geben, er versprach zögernd, mal anzurufen. Das hat er bis heute verschoben. Alleingelassene Buben verzeihen nur schwer, wenn überhaupt. Die Geschichte, die die „Washington Post“ aus dem Leben des Gilbert Arenas erzählt hat, ist nicht besonders traurig, es gibt viel schlimmere, die Basketball-Courts der NBA sind gepflastert mit Biographien, die von Zero to Hero gehen, und manchmal gehen sie auch zurück zu Zero. Einen Augenblick lang aber ist es eine Geschichte, die nur in Amerika gelebt und geschrieben werden kann.

Ich lese solche Geschichten immer wieder mit wehmütiger Andacht. Sie sind prall des Lebens, das die Schwarzen erleiden, sie sind erfüllt mit dem Traum, den Amerika lebt und Wirklichkeit werden lässt. Sie sind mir fremd, spielen sich in einer anderen Welt ab, auf einem anderen Planeten. Auf unserem Planeten kommen Arenas und die anderen erst an, wenn sie diese furchtbaren Eltern, diese schrecklichen Sozialbauten, das Crack, das Heroin, die toten Freunde, gestorben an einer Kugel, an einer Überdosis oder an Aids, hinter sich gelassen haben. Räumlich. Denn ihre Vergangenheit schleppen sie, wir Freudianer wissen das, mit sich herum, auf dem Court wie im Leben.

Grundtrauer schwingt immer mit

Ich habe die Bücher verschlungen, die die Basketball-Legenden Larry Bird oder Earvin „Magic“ Johnson schreiben ließen, ich liebe Basketballfilme, ich nehme Anteil an diesem verzweifelten Versuch Isiah Thomas‘, aus den New York Knicks ein Team zu schmieden. Basketball ist ein faszinierendes Spiel, gespielt von Menschen, die ich nie treffen würde, wenn sie nicht Basketball spielen würden. Menschendramen. Magische Momente. Kriege. Das kannst du alles haben, wenn du dich auf der Tribüne niederlässt, nach Erklingen der amerikanischen Nationalhymne, und diese sagenhaft gewandten Riesenkörper aufeinander losgehen und der Ball (wieder der alte, der aus Leder!) durch den Korb schmatzt.

Morgendlich schleiche ich, draußen ist es dunkel, an den Computer und rufe die Website der NBA auf. Wenn ich Glück habe, spielen sie in Kalifornien gerade noch. Ich habe gedacht, das ist Spinnerei, das lässt nach. Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach. Grundtrauer schwingt immer mit in meinem morgendlichen Gemüt. Spät-Obsession. Hochgradig neurotisch. Völlig in Ordnung. Oder willst du nicht dabei sein, wenn Allen Iverson, vormals bei den Philadelphia 76ers, in Denver aufschlägt? Wenn Carmelo Anthony, Iversons künftiger Teamkollege bei den Nuggets, im Madison Square Garden so lange auf ein paar Knicks eindrischt, bis er 15 Spiele gesperrt ist? Wenn Yao Ming, Center der Houston Rockets, endlich so spielt, wie wir immer dachten, dass er spielen kann?

Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Basketball zur Ersatzreligion werden kann, wenn einen der Fußballgott in jungen Jahren verschmäht. 

Ich habe in meinem früheren Leben auch Basketball gespielt, doch in Wahrheit bin ich auf einem Fußballplatz aufgewachsen, auf dem Platz des SV Viktoria am Saaledurchstich in Hof. Wir wohnten um die Ecke, Lessingstraße 16, zwei Minuten, wenn man ging. Ich ging nie. Ich rannte. Ich war klein, schnell, beidfüßig, vielfach einsetzbar. Das musste ich sein, denn die anderen waren alle älter, größer, aber nicht besser. Mit der Schule habe ich mich sofort ausgesöhnt, denn sie – ein Holzbau für die ersten beiden Klassen der Grundschule – stand genau auf diesem Fußballplatz. Unsere Helden spielten für FC Bayern Hof, wir identifizierten uns nicht nur mit ihnen, wir waren sie, wir gaben uns ihre Namen, ich war Bachmann, die Nummer 10. An jedem Montag gratulierten wir den Torschützen vom Vortag oder beschimpften ihn, wenn er Bockmist gespielt hatte. Magisches Denken. In effigie.

Damals in den fünfziger Jahren begannen wir mit zehn, in einer Schülermannschaft zu spielen. Wir waren gut, ich war jetzt beim ESV Hof, dem Eisenbahnersportverein am Schollenteich, wir waren umgezogen. Ausrangierte Eisenbahnwaggons dienten uns als Umkleidekabinen. Wir hatten einen Rasenplatz, wir hatten Zuschauer, wir waren sehr gut, ich trug jetzt die Nummer 11, weil ich beidfüßig war, aber wir wirbelten ohnehin durch die Positionen.

Oh Gott, waren wir aufgeregt

Und dann kam dieser Sommertag im Jahr 1962, der größte Tag in meinem kleinen Leben. Wahnsinns-Aufregung. Wir fuhren in einem Bus nach Bayreuth, hinter uns die Kolonne der Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels und sonstigen Anhänger, wir fuhren zum entscheidenden Spiel gegen die SpVgg Bayreuth, wir spielten um die Oberfränkische Meisterschaft. Wir waren ein kleiner Verein, wir waren die Außenseiter, nie zuvor hatte es eine Schülermannschaft des ESV Hof so weit gebracht. Oh Gott, waren wir aufgeregt.

Wir bestritten das Vorspiel zum Länderpokal-Endspiel Bayern gegen Hessen, wobei im Tor der Bayern eine 18-jährige Nachwuchskraft namens Sepp Maier stand. Wir spielten am Ende vor 10.000 Zuschauern. Ein metaphysisches Erlebnis. Unvergesslich für ein langes Leben. Ungerecht wie das Leben. In der dritten Minute breche ich durch, werde am Elf-Meter-Punkt umgesäbelt. Was gibt es? Nein, eben nicht. Freistoß, zurückverlegt an die Strafraumkante. Kein Tor. Dann wird unser Torwart gefoult: Gehirnerschütterung. Keine Auswechslung, damals. Wir verlieren 1:7. Alle, die da waren, wissen, es war Betrug, himmelschreiende Ungerechtigkeit, grundstürzender Verlust allen Glaubens an den Fußballgott. Trauer. Depression. Tränen ohne Ende. Ich war zwölf.

Der Form halber soll gesagt sein, dass wir das Rückspiel 4:2 gewannen. Mit einem Schiedsrichter. Mit einem Fußballgott, der sich auf seine Pflicht besann. Die Welt war halbwegs wieder eingerenkt. Halbwegs. Diese Gefühlswucht, diese Tiefenschärfe gab mir der Fußball bis zur Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Das Spiel gegen England. Das Spiel gegen Italien. Overath! Weber! Titanische Kämpfe in dünner Luft. Ein bisschen was davon brachte mir der Basketball zurück. Die Intensität. Die fast absurde Diskrepanz zwischen überquellender Körperlichkeit und graziler Gewandtheit. Die Intensität. Michael Jordan. Ich leide mit, ich ertrage es nicht, ich bin gebannt.

Seitdem ich wieder in Deutschland lebe, habe ich mich mit dem Fußball versöhnt. Das hat der FC Arsenal gebracht, dieses rasante Passspiel, diese Intelligenz, der Bewegungskünstler Thierry Henry, der manchmal wunderbare Cesc Fabregas. Und gewiss doch hat das Gemüt im Sommer der Weltmeisterschaft mitgeschwungen. Und wie Oliver Kahn vor dem Elfmeterschießen Jens Lehmann die Pranke drückt: groß, sehr groß. Und wie klein jetzt wieder, wenn Kahn erzählt, mit ihm wäre Deutschland Weltmeister geworden. Ich mochte Kahn nie. Ich bin für Lehmann. Kahn ist gestern: Für ihn ist der Tormann der Mann auf der Linie und im Strafraum. Lehmann ist heute. Das peitschende Tempo Arsenals beginnt mit ihm, wenn er den Ball schnell abwirft oder abschlägt. Der kommt nämlich an, dort, wo er hin soll, fast immer.

Meinem Sohn Jonathan, da war er 24, hatte ich eine Karte fürs WM-Halbfinale gegen Italien geschenkt, ich wäre mit ihm hingefahren, konnte aber nicht. Er rief nach der Verlängerung an, ich war nach all der Anspannung und Begeisterung gleich wieder cool und sagte ihm sehr klug, sehr weise, sehr blöde, dass die Deutschen in der zweiten Halbzeit den Sieg verdient gehabt hätten, die Italiener aber eben in der Verlängerung die bessere Mannschaft gewesen sei.

Es war so richtig, es war so unnütz.

Schweigen am anderen Ende. Er hatte mitgefiebert, mitgelitten, mitgeschwungen. Er war ganz da, ihm stand das Spiel noch vor Augen und im Herzen. Existentiell, freudianisch, ganz Gemüt. Er war Trauer und zweifelte an Gott, der Gerechtigkeit, dem Sinn des Lebens.

Er war wie ich früher.

Ich glaube, ich habe mich geschämt.

Veröffentlicht am 22.12.2006 auf SpiegelOnline

Es muss wehtun, aber wie?

Wenn jemand einen anderen Mensch ermorden will, wird er vor Gericht gestellt und verurteilt. So geht es im richtigen Leben zu. Wenn der russische Geheimdienst in London oder im Tiergarten zuschlägt oder wenn er Alexey Nawalny vergiftet, ist es schon schwieriger, die Täter vor Gericht zu ziehen und deren Auftraggeber anzuklagen, selbst wenn es eine lückenlose Beweiskette geben sollte. Was macht man dann?

Man prüft seine Optionen. Man sucht sich Verbündete fürs politische Vorgehen. Man schaut sich nach Präzedenzfällen um. Man versucht, aus moralischer Empörung Politik zu machen. Allerdings ist das praktische Vorgehen ziemlich schwierig. Als Maßstab dient: Es muss wehtun, Wladimir Putin soll sich besinnen müssen. Zugleich verbieten sich Illusionen, wie wir wissen, gerade im Umgang mit Russland.

Es ist aber einfach zu viel passiert, um den Giftanschlag zu ignorieren. Die Erklärungen, die jedes Mal aus Moskau zu hören sind, sind zu banal, um sich damit zufrieden zu geben. Mich persönlich macht immer noch fassungslos, dass eine Soldateska von Putins Gnaden ein Passagierflugzeug über der Ostukraine abschossen. Das war am 17. Juli 2014, knapp 300 Menschen starben, darunter 80 Kinder.

Dazu Syrien. Libyen. Die Annexion der Krim. Der Kleinkrieg in der Ostukraine. Die Cyberangriffe. Die bevorzugte Behandlung für Rechtsextreme. In Belarus ziehen Panzer auf. Ohne Rückendeckung unternimmt Alexander Lukaschenko nichts mehr. Putin nutzt jede Gelegenheit, um seine destruktive Kraft zu entfalten. Was man in Berlin oder London oder Paris davon hält, ist ihm egal. Wenn es sein muss, schickt er seinen Außenminister Sergey Lawrow vor, den Zen-Meister des Zynismus, der unterhaltsam wäre, wenn er nicht rechtfertigen würde, was er nicht rechtfertigen kann.

Alexey Nawalny ist ein mutiger Mann. Oft genug landete er im Gefängnis. Err lässt sich nicht einschüchtern. Vielleicht hat er gedacht, seine Prominenz schützt ihn. Seit Tagen liegt er im Koma in der Charité.

Was sind die Optionen? In einem Interview mit „Bild am Sonntag“ hat der deutsche Außenminister Heiko Maas vorsichtig den Horizont abgeschritten.  Wenn schon Sanktionen gegen Täter und Urheber, dann nicht alllein von Deutschland, sondern als europäische Initiative, sagt er. Der versuchte Mord an Nawalny verstößt ja auch gegen die internationale Ordnung, die  in der Charta der Vereinten Nationen oder der OSZE niedergelegt ist. 

Dazu gibt es Nordstream 2, die so gut wie fertige neue Pipeline, auf dem Grund der Ostsee in zwei Strängen verlegt, 1230 Kilometer lang. 55 Milliarden Kubikmeter Gas sollen direkt nach Deutschland fließen und in Lubmin bei Greifswald ankommen. Ab Januar 2021 kann es losgehen. Könnte.

Der Bau begann im Jahr 2011. Die Krim war noch nicht besetzt, der Arabische Frühling stand aus, der Krieg in Syrien stand im Anfang. Erst unter dem Einfluss der Weltpolitik wurde Nordstream 2 zum Politikum, vor allem für die  USA. Sie droht Deutschland mit Sanktionen, falls die letzten paar Kilometer der Pipeline fertig gestellt werden sollten. Besonders Donald Trump findet verächtliche Worte dafür, dass sich Deutschland einerseits von Russlands Öl und Gas abhängig macht und andererseits vor Russland militärisch geschützt werden will.

Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. Jetzt schon bezieht Deutschland 51 Prozent seiner Energieversorgung aus Russland. Durch Nordstream 2 wird das nicht weniger, versteht sich. Was tun?

Norbert Röttgen, der CDU-Kandidat für die Kanzlerschaft, verlangt danach, dass die Regierung Merkel Nordstream 2 stoppt. Manfred Weber, der CSU-Europapolitiker meint das Gleiche, formuliert im „Spiegel“-Interview nur vorsichtiger: „Das Ende von Nordstream 2 darf nicht mehr ausgeschlossen werden.“

Der Hang zu radikalen Konsequenzen wächst mit der Entfernung zur Regierung. So ist das nun einmal. Röttgen wie Weber könnten ihr Argument schärfen, indem sie sagen, Deutschland müsse grundsätzlich über seine Energieversorgung nachdenken, weil wir uns in die Abhängigkeit von Russland begeben haben. Machen sie nicht und das spricht gegen sie.

Dummerweise ist die Welt voller unerfreulicher Staats- und Regierungschefs, die leider auch noch unübersehbar sind. Der Umgang mit ihnen ist ebenso unerfreulich wie nötig. China: betreibt rücksichtslose Machtpolitik im südchinesischen Meer und gegenüber Hongkong. Saudi-Arabien: unterdrückt Frauen, führt Krieg im Jemen, tötet einen Journalisten in seiner Botschaft. USA: Trump. Russland: Putin.

Sie machen, was sie wollen, scheren sich nicht um den Aufschrei im Westen. Sie sind entweder groß oder wichtig oder beides und wir können ihnen nichts anhaben. Und mittelgroße Länder wie Deutschland müssen mit ihnen zurecht kommen, ob es will oder nicht.

Die Welt ist, wie sie ist. Moralische Empörung ist nur zu verständlich. Die Gründe für den Wunsch nach Bestrafung nehmen mit der Zahl der Fälle nicht ab, sondern zu. Die Rückwirkung auf den Pragmatismus als Normalfall des Regierungshandelns ist nicht zu übersehen: Ihn bringt der herrschende Zynismus um sein ideelles Fundament.

Wie die Dinge stehen, verbieten sich Illusionen. Maximalismus ist ein frommer Wunsch. Oft geht nicht mehr als Minimalismus, so trostlos das auch bleibt. Deshalb ist es nur folgerichtig,  dass Heiko Maas lieber über europäische Sanktionen redet als über das Ende für Nordstream 2. Deutschland steckt im Dilemma: Hier Amerika mit wüsten Drohungen, dort Russland mit seinen gewaltigen Reserven. Was macht man dann?

Zeit gewinnen. Wenn es gut geht, ist Donald Trump ab 3. November nicht mehr Präsident, wird die Pipeline zu Ende gebaut. Putin ist da und bleibt da. Die Europäische Union sollte Sanktionen gegen Täter wie Urheber des Anschlags auf Alexey Nawalny verhängen. Das ist das Mindeste, weil mehr nicht geht, wie schade.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern

Sie sind unter uns, sie bleiben unter uns

Aus zwei Perspektiven kann man die wilde Ansammlung von Menschen betrachten, die gegen Corona und die Regierung auf die Straße gehen. Die zahlenmäßige: Es ist ja nur ein versprengtes Häufchen von Spinnern, die nicht ins Gewicht fallen, weil die übergroße Mehrheit der Deutschen die staatlichen Einschränkungen akzeptiert. Die Inhaltliche: Wer mit Plakaten rumläuft, auf denen Wissenschaftler und Politiker in Häftlingskleidung abgebildet sind, wer mit Reichskriegsflaggen den Reichstag stürmen will, wer zum Abklatschen von Journalisten aufruft oder Jens Spahn bespuckt und bepöbelt und mit Schwulenhass-Tiraden bedenkt, wie in Bergisch Gladbach, der ist ein Feind dieser Demokratie.

Dass eine kleine radikale Minderheit erstaunliche Wirkung erzielen kann, wissen wir schon länger. Nehmen wir sie also ernst. Was sich in Berlin ereignet hat, wird sich ja wiederholen, solange das Wetter noch einigermaßen freundlich ist. Auf ihren Webseiten feiern sie sich, loben sich sich für ihren Mut vor Feindesthron, bejubeln sie ihre Kunst der Provokation. Sie sind unter uns und sie bleiben unter uns.

Die drei Polizisten vor dem Reichstag geben ein Beispiel für professionelle Courage. Natürlich ist es ihre Aufgabe, gegen fahnenschwenkende Reichsbürger und ihre Entourage aus Esoterikern, Neonazis und Waldschraten vorzugehen, die das Parlament zumindest symbolisch einnehmen wollen. Aber es ist unsere Aufgabe, den Polizisten dafür zu Dank zu zollen, wie wir in der ersten Phase der Pandemie gelernt haben, die Arbeit von Krankenschwestern und Pfleger zu würdigen. Der Bundespräsident hat heute eine Abordnung aus Polizisten eingeladen. Gut so.

Diese Polizisten halten den Kopf für uns hin. Sie sind schlecht bezahlt, sie werden nur zu oft, von Linken mehr noch als von Rechten, beleidigt und geschmäht. Wir im Kritikastern geübten Journalisten könnten ja auch mal in uns gehen, denn die Aufrufe im Netz, Fernsehteams zu jagen, müssen wir ernst nehmen. Und wer schützt uns im Zweifelsfall?

Den Gerichten, die Versammlungsverbote aufheben können, dürfte es beim nächsten Mal schwerer fallen, gegen den Innensenator zu entscheiden. Zum Wesen der Corona-Gegner gehört es, staatliche Maßnahmen für Auswüchse des tyrannenartigen Staates zu halten und gegen Auflagen wie Abstand und Masken gezielt zu verstoßen. Zur Choreographie dieser Demonstrationen gehört auch die Auflösung durch die Polizei. Erst dann geht es richtig los, wie die Richter nunmehr wissen können. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber wer sie so nutzt wie die Querdenker, der verwirkt seinen Anspruch darauf.

Wenn ein Innensenator von einem Gericht gemaßregelt wird, sieht er schlecht aus. Andreas Geisel hat das Verbot juristisch so gut begründet, wie er es begründen konnte. Dass er zusätzlich sagte, er sei nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht werde, kann man als Fehler ansehen, weil der Satz nichts zur Rechtsfindung beiträgt, aber genau darum wird es beim nächsten Mal gehen: Gilt die Versammlungsfreiheit auch für Leute, die sie systematisch missbrauchen?

Politisch ist wichtig, dass sich die AfD an die Querdenker dranhängt. Björn Höcke war in Berlin dabei. Fraglos sieht der Mann, der sich einen Faschisten nennen lassen muss, im Dunstkreis der Demonstranten ein Potential für seine Gefolgschaft. Ironisch nur, dass die Reichsbürger mit ihrer Reichskriegsflagge, die aus dem Kaiserreich herrührt und bis 1935 von den Nazis geschwenkt wurde, die AfD verachten, wie sie alles verachten, was Nachkriegsdeutschland ausmacht.

Unter den 30 000 oder 40 000 Demonstranten in Berlin waren natürlich auch harmlose Zeitgenossen, die aus Sorge oder Unsicherheit oder aus anderen Gründen die Nähe von Gleichgesinnten suchen. Sie bilden die Kulisse für die Feinde der Demokratie, ob sie wollen oder nicht. Vielleicht gehen sie ja in sich und fragen sich, ob sie sich auch das nächste Mal als die netten Menschen für den Mob aus Nazis und Reichsbürgern hergeben wollen.

Diese zweite Berlin-Demonstration ist eine Zäsur, politisch wie juristisch. Ich bin gespannt, was wir fürs nächste Mal daraus lernen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern

Unser Basketball, signiert von MJ

Gestern war ich zum Stöbern in unserem Keller. Was ich gesucht habe, ließ sich nicht finden, wohl aber fiel mir unser alter Basketball in die Hände. Er ist 35 Jahre alt, aber das Alter ist unerheblich. Er ist auch kein gewöhnlicher Basketball, er ist unser Stolz, ein Schmuckstück, ein historisches Objekt, denn signiert ist er vom Größten aller Großen.

Mitte der achtziger Jahre flog ich öfter mal nach Washington. Meinen beiden Buben brachte ich immer ein kleines Geschenk mit, das ich auf der M Street in Georgetown in einem Sportladen gekauft hatte. Meistens verfiel ich auf T-Shirts. Vincent war damals 7, Jonathan 4. Sie freuten sich über die T-Shirts, das schon, auch mit Sneakers waren sie gut versorgt.

Als ich in den Laden kam, war nichts los und ein junger Angestellter hatte tatsächlich Lust, mir zur Hand zu gehen, was nicht selbstverständlich war. Ich sagte ihm, keine T-Shirts, keine Sportschuhe, irgendetwas anders, ich sagte, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Er ging an den Stand mit Bällen jeder Art und gab mir einen Basketball. Ich sagte, na ja, ganz schön schon, aber die Buben sind noch zu klein für den hohen Korb. Macht nichts, Mann, sagte er, das ist ein Ball für die Ewigkeit, schauen Sie, der Typ, der ihn signiert hat, wird in kurzer Zeit weltberühmt sein, er wird sicher der Rookie des Jahres, er kommt von einem College in North Carolina und spielt jetzt für die Chicago Bulls, einem lausigen Team – noch, denn das wird sich ändern, er wird größer als Magic Johnson oder Larry Bird, glauben Sie mir, kaufen Sie das Teil, es kostet nur 20 Dollar, doch in ein paar Jahren können Sie ihn für 5000 verkaufen.

Michael Jeffrey Jordan war 21, als er in die NBA kam. Aus dem Verliererteam machte er in ein paar Jahren ein Siegerteam. Zweimal scheiterten die Bulls an den Detroit Pistons, der härtesten Mannschaft damals, gebildet um Isaiah Thomas. Dann schafften die Bulls drei NBA-Titel hintereinander und später noch einmal drei, eine ungeheure Leistung.

Jordan tyrannisierte seine Mitspieler. Er triezte sie, beschimpfte sie, sprach auf sie ein, demütigte sie, beschwor sie, sein Repertoire war unerschöpflich. Er wollte gewinnen, mit allen Mitteln, wie er ungefähr tausend Mal sagte. Dazu brauchte er ein Team, das über sich hinauswuchs, jeder einzelne.

Anfangs gab es nur Michael Jordan und die anderen Bulls. Dann kam Scottie Pippen, der ernste, sozial gestimmte, irrsinnig gute Scottie. Dann kam Phil Jackson, der Coach, der „THE TIRANGLE“ spielen ließ, was die Fixierung auf den Starspieler beendete. Dann kam Dennis Rodman von den Pistons, der schrägste aller Typen und einer der besten Rebounder aller Zeiten. MJ lernte es, den Mitspielern zu vertrauen, wenn es in den letzten Sekunden darauf ankam. Zuerst war es John Paxson, der unbehelligt 3 Punkte warf, weil sich alle auf Jordan stürzten. Danach war es Steve Kerr, der in aller Ruhe den Sieg herbei warf.

Als Michael Jordan im Jahr 2009 in die Hall of Fame aufgenommen wurde, hielt er eine Rede über seinen Ehrgeiz und den unbedingten Willen zu gewinnen. Die Eltern impften ihren fünf Kindern die Kampfkraft und das unbändige Konkurrenzdenken ein. Im ständigen Wettbewerb maßen sie sich, im Baseball, Basketball und wahrscheinlich auch im Tipkick, falls sie das gespielt haben sollten. Dabei sagte MJ auch, dass er nur dank Scottie Pippen erreichen konnte, was er erreichte.

1998 spielen die Bulls gegen die Utah Jazz um die Weltmeisterschaft, wie die NBA-Finalspiele in aller Bescheidenheit genannt werden. Im 6. Spiel ist Michael Jordan eigentlich krank: Lebensmittelvergiftung, Fieber, Schlaflosigkeit, Durchfall, Erbrechen. Die Jazz haben den genialen John Stockten und den genialen Karl „The Mailman“ Malone. Sie müssen dieses Spiel gewinnen, damit es das entscheidende Spiel 7 geben kann. Sie können gar nicht verlieren, da Jordan geschwächt ist. Aber die Rollenspieler der Bulls wachsen über sich hinaus, der Vorsprung bleibt gering. Pippen und Rodman leisten noch mehr als sonst und halten die Bulls im Spiel. Und Jordans schiere Willenskraft sorgt dann für den Sieg.

Von seinem entscheidenden Wurf 6,6 Sekunden vor Schluss gibt es ein ikonographisches Foto. Jordan wirft, der Ball fliegt und der Fotograf Fernando Medina schießt ein Bild von den Zuschauern hinter dem Korb: Entsetzen, Niedergeschlagenheit, Fassungslosigkeit sind in ihre Gesichter eingegraben, als der Ball noch in der Luft ist und sich allmählich in hohem Bogen dem Korb nähert. Mitten unter ihnen ist ein kleiner Junge im Bulls-Shirt, er reißt schon die Arme hoch. Alle sehen, was kommt, alle wissen, was passieren wird, ehe es passiert. Der kranke, geschwächte, siegesobsessive MJ mit der Nummer 23 hat den Ball so herrlich geworfen, dass er durchs Netz rauscht, ohne den Ring im Entferntesten zu berühren.

Unseren Basketball hat der junge Michael Jordan am Anfang seiner grandiosen Karriere signiert. Dem schlauen Verkäufer auf M-Street bin ich heute noch dankbar für seine Überzeugungskraft. Er bleibt in unserem Besitz. Morgen gehe ich in den Fahrradladen gegenüber und lasse ihn aufpumpen. Am Sonntag heiratet Vincent und Jonathan wird in Berlin sein. Wir müssen den Ball unbedingt fliegen lassen.

https://www.newyorker.com/magazine/1998/12/21/jordans-moment?utm_source=onsite-share&utm_medium=email&utm_campaign=onsite-share&utm_brand=the-new-yorker

Hier schreibt David Halberstam, der „Playing For The Keeps“, die beste Biographie über MJ verfasste, über das 6. Spiel gegen die Jazz.

Was Persönliches zu Goethe

Heute ist Goethes Geburtstag. 1749 geboren, wird er also 271 Jahre alt. Nichts Rundes, dieses Jahr gehört Beethoven und Hegel, beide geprägt durch die Französische Revolution.

Ich will was Kleines zu diesem Großen beitragen, was Persönliches. Zu Goethe fallen mir zwei Gedichte ein, die ich mir ab und zu aufsage, wenn ich nicht einschlafen kann. „An den Mond“ war wichtig in meinem Studium, weil ich auf ein Referat eine 1 bekam und fasziniert war von diesen Zeilen: Selig wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt, / Einen Freund am Busen hält, / Und mit dem genießt, / Was von Menschen nicht gewußt / Oder nicht bedacht, / Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt in der Nacht.

Was von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht: Goethe schrieb das Gedicht wohl mit 27 und veröffentlichte es mit 28. Freud entdeckte das Unbewusste, das im Labyrinth des Gemüts waltet, mehr als 100 Jahre später. Goethe hat ihn antizipiert. Nicht schlecht. Mir hat er damit imponiert. Nebenbei gesagt versteht man Freuds dunkle Theorie durch Goethe sogar besser.

Das zweite Gedicht, das ich liebe, trägt den Titel: „Willkommen und Abschied“. Es gehört zu den Sesenheimer Liedern. Sesenheim deshalb, weil dort Friederike von Brion lebte, die Pfarrerstochter, die ihn vermutlich mehr liebte als er sie. Erschienen erstmals 1771, da war unser aller Goethe 22 Jahre alt. Die endgültige Fassung, weit besser, bekam das Poem, genauso wie „An den Mond“, in den achtziger Jahre nach der Rückkehr aus Italien. Wieder geht es um die Rückwirkung der Liebe auf das Gemüt, diesmal jubilierend.

Als meine Tochter knapp 3 Jahre alt war, kam meine Frau auf die Idee, dass ich, anstatt ihr abends vorzulesen, meine Gedichte vortragen sollte. Das habe ich gemacht und nach einiger Zeit immer das letzte Wort jeder Verszeile weggelassen, das dieses kleine Mädchen dann prompt ergänzte. Nach wieder einiger Zeit habe ich nur noch die ersten Worte gesagt und Antonia hat das Gedicht zu Ende erzählt. „Welch Glück geliebt zu werden / Und lieben, Götter, welch ein Glück“ hat sie dann ähnlich dramatisch rezitiert wie ich, aber herzerwärmend, wie nur Kinder das vermögen.

Neulich unterhielten wir uns über diese frühen Übungen in Poetik. Sie sagte, sie habe nichts verstanden, kein Wunder, kann aber heute noch etliche der abendlich vorgetragenen Gedichte wie das amüsante „Zahnweh“ von Wilhelm Busch oder das fabelhafte „Karussell“ von Rilke und eben das suggestive „An den Mond“. Der Sinn für Poesie ist ihr geblieben, wie schön.

Wenn zwei Gedichte zwei Gemüter bewegen, 271 Jahre später, dann kann man sich nur verneigen. Happy birthday, JW.

Was zum Lesen: Die USA vor der Wahl

Die Abstimmung über den nächsten Präsidenten droht in Chaos und Gewalt zu münden. Daran sind Republikaner wie Demokraten schuld, die behaupten, ein möglicher Sieg der Gegenseite sei illegal und fatal.

Die Seite können Sie sich unter dieser Adresse anschauen: https://sz.de/1.5012081

So rum oder so rum

Die Grünen machen es schlau. Sie lassen nicht ihren Parteitag oder gar die Mitglieder über ihr Spitzenpersonal entscheiden. Sie überlassen es ihren beiden Koryphäen persönlich, wer die Nummer 1 und wer die Nummer 2 sein möchte, der Robert (Habeck) oder die Annalena (Baerbock).

Die Grünen beteiligen sich auch nicht an dem Wer-mit-wem-Spiel. Sie halten sich fein heraus, sie überlassen es der Esken/Walter-Borjans/Kühnert-SPD, über ein Bündnis mit der Linken und den Grünen zu fachsimpeln. Die Grünen können so rum oder so rum, wobei ihnen eine Regierung mit der Union lieber ist, wie man unschwer bemerken kann.

Der Sommer geht allmählich zu Ende. Die Politikerinnen und Politiker kehren voller Tatendrang aus dem Urlaub zurück und formieren sich allmählich. In wenig mehr als einem Jahr steht die Bundestagswahl an. Sie wirft einen langen Schatten, denn unser aller Bundeskanzlerin seit nunmehr 15 Jahren wird sich in den Ruhestand verabschieden und überlässt uns dann – ja, wem eigentlich?

Die erste Phase der Ohne-Angela-Wahl endet auf dem Parteitag der CDU im Dezember. Ich vermute stark, dass es nicht so kommt, wie es der Olaf-Scholz-SPD recht wäre, nämlich dass Friedrich Merz aufs Schild gehoben wird. Von ihm versprechen sich die Sozialdemokraten den Aufschwung, der bisher unerbittlich ausblieb.

Anstatt Merz dürfte es Armin Laschet schaffen und fortan neben der Noch-Kanzlerin seine Kreise ziehen, die notgedrungen klein ausfallen werden, weil unser aller Frau Merkel noch hierzulande und in Europa und draußen in der Welt gebraucht wird. Bis zur letzten Stunde wird sie Probleme beschreiben, analysieren und vielleicht sogar lösen und ansonsten auf ihrer Abschiedstour gefeiert werden wie Dirk Nowitzki auf seiner.

Die zweite Phase endet dann, wenn der CDU-Vorsitzende und der CSU-Vorsitzende unter sich ausmachen, wer als Kanzlerkandidat antreten darf. Wer es sein wird, hängt davon ab, wie frei Laschet neben der Kanzlerin atmen kann und ob er eine Glückssträhne erwischt oder nicht. Vermag er es nicht, Autorität aufzubauen, wird sich Markus Söder die Chance nicht entgehen lassen, wendig und schnell und schmerzfrei, wie er ist.

Zu den Parteien, die sich auf den Bundestagswahlkampf einstimmen, gehört die FDP. Sie ist das Mauerblümchen, fast vergessen, jedenfalls gebricht es ihr an Wertschätzung. Kein Wunder, sie besteht aus Christian Lindner und sonst niemandem. Das ist sogar Christian Lindner aufgefallen und deshalb hat er seine Generalsekretärin abgesetzt. Linda Teuteberg kann sicherlich nichts für die Stagnationsperiode, in der die FDP fest steckt. Dafür sind schon die Entscheidungen des Vorsitzenden verantwortlich, der keine Blumen neben sich blühen lässt und Fehler persönlich begeht, von der Jamaika-Flucht bis zum FDP-Ministerpräsidenten in Thüringen von Gnaden der AfD.

Wie kommt die FDP aus dem Jammertal heraus? Mit einer Neuorientierung nach altem Muster auf den Wirtschaftskurs und das Sozialliberale. Das ist sinnvoll, zumal in der Nach-Corona-Zeit, die ja hoffentlich rechtzeitig vor dem September 2021 endet, die Reduktion des Staates anstehen wird. Die Grünen wie die Union wie die SPD tendieren zum Gouvernementalen und dazu fügt sich der weit gefächerte Staat gut. Daraus könnte der FDP wieder eine Aufgabe erwachsen.

Sie muss gebraucht werden, sonst krebst sie im Niemandsland der 5 Prozent herum. Bleibt sie im Abseits, wird es kritisch. Die Ironie der Geschichte wird am Ende darin bestehen, dass Christian Lindner die Jamaika-Koalition herbei beten muss, die er im November 2017 platzen ließ, mit dem schönen Spruch: „Es ist besser, nicht zu regieren, als schlecht zu regieren.“

Wir wollen schon gut regiert werden. Und wer uns das verspricht, den wählen wir. Auf den Kanzler kommt es an, schon wahr. Und mit wem der Aussichtsreichste regieren will. Nie zuvor gab es derart viele Möglichkeiten. R2G, Schwarz-Grün, Jamaika, Große Koalition, Grün-Rot-Gelb womöglich auch.

Das Jahr, das kommt, hat es in sich, wird stark politisiert sein, wobei sich nebenbei die AfD häutet oder auch nicht. Und das Jahr, das kommt, steht unter dem Vorbehalt der Pandemie, die weiterhin das Gewohnte beeinträchtigen kann, auch das Politische. Lassen wir es langsam angehen und nehmen wir nicht alles bluternst, worüber SPD/FDP/Grüne/CDU/CSU/Linke sich den Kopf zerbrechen.

A propos Kopf: Was die Grünen anbelangt, ziehe ich die Annalena vor. Geradeaus ist sie, klug schnörkellos, weniger selbstverliebt als der Robert. Kann ja wohl nicht sein, dass es die Männer im September allein unter sich ausmachen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Meine zweite Geburt

Heute ist der 23. August, der in meinem Leben eine besondere Rolle spielt. Heute vor 52 Jahren wurde ich aus der Lungenheilstätte Kutzenberg in der Fränkischen Schweiz entlassen. Auf eigenem Wunsch und auf eigenes Risiko, denn ich wollte unbedingt Abitur machen und hatte schon genug Zeit verloren.

Ich hatte mir Tuberkulose eingefangen, keine Ahnung wie, keine Ahnung warum. Ich war sportlich, rauchte nicht. Ich fiel einfach am Aschermittwoch 1968 um und wieder um, im Bad, auf der Treppe zu meinem Zimmer. Der Lungenarzt Dr. Pachl war ein Briefmarkenfreund meines Vaters und stellte diese ungeheure Diagnose: Tbc.

Auf meinen 18. Geburtstag hatte ich mich groß gefreut. Ich würde den Führerschein machen, ich würde nicht mehr darum betteln müssen, dass mich mein Vater oder mein Bruder nach Haidt fährt, draußen vor der Stadt Hof, wohin kein Bus fuhr. Unabhängig würde ich sein, frei von unwirschen Chauffeuren. Ich würde Ellen sehen, wann und wie ich wollte.

Am 16. März schüttete es. Ich schaute aus dem Fenster und konnte es nicht fassen. Mir kamen die Tränen, ich war leer, ich hatte Angst. Es war mein erster Morgen in diesem Sanatorium. Ich lag da, ich starrte vor mich hin, warum war ich hier, was blühte mir, warum war ich krank, wann würde ich hier rauskommen, was sollte das?

Tbc hieß Tabletten. Tbc hieß schonen, schonen, schonen. Liegen, liegen, liegen. Im Bett und auf dem Bock. Der Bock war die Liege draußen im Freien, geschützt vor Wind und Regen. Dorthin wechselten wir an jedem Tag, den Gott werden ließ, nach dem Mittagessen. Tbc hieß sterben. Der Seemann starb, mit dem ich einen Samstagnachmittag im Kabuff Bier soff und Zigaretten rauchte, bis mir furchtbar übel war. Der Koch, mein Freund, erwachte nicht aus der Narkose. Herr Halm, der Student, der mir Bücher empfahl und mit mir geistreiche Gespräche führen wollte, ein wunderbarer Mensch, erzählte mir, er sei nicht nur unheilbar krank, sondern auch schizophren. Er starb in einer geschlossenen Anstalt.

Ich hatte Glück. Unfassbares Glück. Am 10. Mai 1968 unterzog ich mich einer Bronchoskopie, bei der die Lunge abgesaugt wird. Die Ärzte wollten schauen, wie viel meiner Lunge sie wegnehmen mussten. Bei dieser Vorstufe zur Operation saugten sie die käseartigen Stücke, die beim Platzen der Lymphknoten an der Lungenwurzel in die Lunge diffundiert waren, vollständig heraus. Ich war nicht geheilt, musste aber nicht operiert werden.

Glück ist immer unverdient. Niemand kann mir erklären, weshalb die einen starben und ich nicht. Glück ist wahllos. Wem es zufällt, kommt unverdient davon. Wen es auslässt, stirbt unverdient. Glück ist unfair.

Das Sanatorium war meine zweite Geburtsstätte. Gegen diese Leere, gegen diese Langeweile half nur das Lesen. Ich las alles, was mir in die Hände fiel. Huxley, Nietzsche, Hesse, Fontane. Wahllos und willkürlich. Ich las wie um mein Leben. Zur Ablenkung, das gewiss auch. Aber ich las nicht gemütlich, sondern existentiell. Ich las nicht vor mich hin, sondern zum Überstehen dieser unermesslich vielen Stunden, die sich heillos müde dahinschleppten.

Die Krankheit war aber auch ein Glück. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich Lehrer geworden, das lag in meinem Horizont und dem meiner Eltern. Das spannende, abwechslungsreiche Leben als Journalist hat mir erst meine Krankheit eröffnet. Seither habe ich eine Schwäche für das Paradox. Unglück wird zu Glück. Aus Krankheit erwächst Zukunft. Ein Sanatorium gibt mir die Chance zur Selbstdefinition.

Ich bin nicht allein, trotz alledem, auch das liegt in der Tbc-Erfahrung. Ellen, meine schöne Freundin, kam an jedem Mittwoch mit dem Zug angefahren, ich glaube, sie war vier Stunden hin und zurück unterwegs. An jedem Sonntag kam sie mit meinen Eltern. Sie schrieb mir Briefe, wir telefonierten, selten zwar, es war sehr teuer damals, sie war für mich da, klaglos und zuverlässig und liebevoll. Nie werde ich das vergessen.

Eigentlich sollte ich bis zum Ende des Jahres 1968 in der Lungenheilstätte bleiben, um mich ganz auszukurieren. Meine Ärztin sagte, ich könnte einen Rückfall erleiden. Ich hätte ihr das Blaue vom Himmel versprochen, ich wollte nur raus hier, nach Hause, Abitur machen, meine Freunde sehen, Ellen sehen.

Am 23. August durfte ich gehen. Mein Gott, war ich glücklich.