Unser Basketball, signiert von MJ

Gestern war ich zum Stöbern in unserem Keller. Was ich gesucht habe, ließ sich nicht finden, wohl aber fiel mir unser alter Basketball in die Hände. Er ist 35 Jahre alt, aber das Alter ist unerheblich. Er ist auch kein gewöhnlicher Basketball, er ist unser Stolz, ein Schmuckstück, ein historisches Objekt, denn signiert ist er vom Größten aller Großen.

Mitte der achtziger Jahre flog ich öfter mal nach Washington. Meinen beiden Buben brachte ich immer ein kleines Geschenk mit, das ich auf der M Street in Georgetown in einem Sportladen gekauft hatte. Meistens verfiel ich auf T-Shirts. Vincent war damals 7, Jonathan 4. Sie freuten sich über die T-Shirts, das schon, auch mit Sneakers waren sie gut versorgt.

Als ich in den Laden kam, war nichts los und ein junger Angestellter hatte tatsächlich Lust, mir zur Hand zu gehen, was nicht selbstverständlich war. Ich sagte ihm, keine T-Shirts, keine Sportschuhe, irgendetwas anders, ich sagte, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Er ging an den Stand mit Bällen jeder Art und gab mir einen Basketball. Ich sagte, na ja, ganz schön schon, aber die Buben sind noch zu klein für den hohen Korb. Macht nichts, Mann, sagte er, das ist ein Ball für die Ewigkeit, schauen Sie, der Typ, der ihn signiert hat, wird in kurzer Zeit weltberühmt sein, er wird sicher der Rookie des Jahres, er kommt von einem College in North Carolina und spielt jetzt für die Chicago Bulls, einem lausigen Team – noch, denn das wird sich ändern, er wird größer als Magic Johnson oder Larry Bird, glauben Sie mir, kaufen Sie das Teil, es kostet nur 20 Dollar, doch in ein paar Jahren können Sie ihn für 5000 verkaufen.

Michael Jeffrey Jordan war 21, als er in die NBA kam. Aus dem Verliererteam machte er in ein paar Jahren ein Siegerteam. Zweimal scheiterten die Bulls an den Detroit Pistons, der härtesten Mannschaft damals, gebildet um Isaiah Thomas. Dann schafften die Bulls drei NBA-Titel hintereinander und später noch einmal drei, eine ungeheure Leistung.

Jordan tyrannisierte seine Mitspieler. Er triezte sie, beschimpfte sie, sprach auf sie ein, demütigte sie, beschwor sie, sein Repertoire war unerschöpflich. Er wollte gewinnen, mit allen Mitteln, wie er ungefähr tausend Mal sagte. Dazu brauchte er ein Team, das über sich hinauswuchs, jeder einzelne.

Anfangs gab es nur Michael Jordan und die anderen Bulls. Dann kam Scottie Pippen, der ernste, sozial gestimmte, irrsinnig gute Scottie. Dann kam Phil Jackson, der Coach, der „THE TIRANGLE“ spielen ließ, was die Fixierung auf den Starspieler beendete. Dann kam Dennis Rodman von den Pistons, der schrägste aller Typen und einer der besten Rebounder aller Zeiten. MJ lernte es, den Mitspielern zu vertrauen, wenn es in den letzten Sekunden darauf ankam. Zuerst war es John Paxson, der unbehelligt 3 Punkte warf, weil sich alle auf Jordan stürzten. Danach war es Steve Kerr, der in aller Ruhe den Sieg herbei warf.

Als Michael Jordan im Jahr 2009 in die Hall of Fame aufgenommen wurde, hielt er eine Rede über seinen Ehrgeiz und den unbedingten Willen zu gewinnen. Die Eltern impften ihren fünf Kindern die Kampfkraft und das unbändige Konkurrenzdenken ein. Im ständigen Wettbewerb maßen sie sich, im Baseball, Basketball und wahrscheinlich auch im Tipkick, falls sie das gespielt haben sollten. Dabei sagte MJ auch, dass er nur dank Scottie Pippen erreichen konnte, was er erreichte.

1998 spielen die Bulls gegen die Utah Jazz um die Weltmeisterschaft, wie die NBA-Finalspiele in aller Bescheidenheit genannt werden. Im 6. Spiel ist Michael Jordan eigentlich krank: Lebensmittelvergiftung, Fieber, Schlaflosigkeit, Durchfall, Erbrechen. Die Jazz haben den genialen John Stockten und den genialen Karl „The Mailman“ Malone. Sie müssen dieses Spiel gewinnen, damit es das entscheidende Spiel 7 geben kann. Sie können gar nicht verlieren, da Jordan geschwächt ist. Aber die Rollenspieler der Bulls wachsen über sich hinaus, der Vorsprung bleibt gering. Pippen und Rodman leisten noch mehr als sonst und halten die Bulls im Spiel. Und Jordans schiere Willenskraft sorgt dann für den Sieg.

Von seinem entscheidenden Wurf 6,6 Sekunden vor Schluss gibt es ein ikonographisches Foto. Jordan wirft, der Ball fliegt und der Fotograf Fernando Medina schießt ein Bild von den Zuschauern hinter dem Korb: Entsetzen, Niedergeschlagenheit, Fassungslosigkeit sind in ihre Gesichter eingegraben, als der Ball noch in der Luft ist und sich allmählich in hohem Bogen dem Korb nähert. Mitten unter ihnen ist ein kleiner Junge im Bulls-Shirt, er reißt schon die Arme hoch. Alle sehen, was kommt, alle wissen, was passieren wird, ehe es passiert. Der kranke, geschwächte, siegesobsessive MJ mit der Nummer 23 hat den Ball so herrlich geworfen, dass er durchs Netz rauscht, ohne den Ring im Entferntesten zu berühren.

Unseren Basketball hat der junge Michael Jordan am Anfang seiner grandiosen Karriere signiert. Dem schlauen Verkäufer auf M-Street bin ich heute noch dankbar für seine Überzeugungskraft. Er bleibt in unserem Besitz. Morgen gehe ich in den Fahrradladen gegenüber und lasse ihn aufpumpen. Am Sonntag heiratet Vincent und Jonathan wird in Berlin sein. Wir müssen den Ball unbedingt fliegen lassen.

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Hier schreibt David Halberstam, der „Playing For The Keeps“, die beste Biographie über MJ verfasste, über das 6. Spiel gegen die Jazz.