Zweieinhalb Jahre für BB

Der 7. Juli war kein schöner Sommertag und auch deshalb saßen ungewöhnliche viele Menschen vor dem Fernseher und fieberten mit einem 17jährigen rotblonden Buben, der sich daran machte, Geschichte zu schreiben. Nur die Eingeweihten kannten sein Talent, aber danach bekam „das Bobbele“ einen festen Platz im Herzen der Deutschen. In vier Sätzen schlug er 1985 in Wimbledon einen Spieler namens Kevin Curren, der so gut wie vergessen Der ist, was unserem Boris Becker zu Lebzeiten bestimmt nicht mehr widerfahren wird.

Was bleibt, ist auf jeden Fall der Becker-Hecht, der bedingungslose Einsatz und die faszinierende Behändigkeit, wenn er einen unerreichbaren Ball doch noch erreichte. Beim Aufschlag bog er den Rücken durch wie kein anderer, ging dabei in die Knie, baute so die Spannung auf, die in jeder Tennisfibel steht, und jagte den Ball ins gegnerische Feld. Seine Returns kamen scharf und direkt. Kaum Spin, gerne Slice. Attacke, immer Attacke. Dazu hatte Boris Becker Nerven wie Drahtseile. Wenn es ganz eng wurde, wenn er hinten lag und auf keinen Fall einen Fehler machen durfte, riss er das Spiel oft genug noch aus dem Feuer. Dann kam die Becker-Faust: Den Arm angewinkelt, die rechte Hand zur Faust geballt und dieses inbrünstige: Yes!

Spieler lernen von Spielern, und etliche Spieler lernten von Boris Becker, auch wenn er nicht beliebt war, weil er gerne über Rivalen herzog und seinen Mund fahrlässig  weit aufriss. An Nervenstärke gleicht ihm vor allem Novak Djoković, den er eine Zeitlang trainierte. Roger Federer und Rafael Nadal hingegen sind weniger gemütsstark in Ausnahmesituationen.

In allen Belangen, die sich um Tennis drehen, war und ist Boris Becker bärenstark. Als Spieler, als Kommentator, als Trainer. In allen Belangen, die mit dem Leben zu tun haben, ist er bärenschwach.

Es ist ja oft so, dass Sportler im Leben nach dem Sport hilflos herumstehen, anstatt es in die Hand zu nehmen. Es gibt Basketballspieler, aus denen bemerkenswerte Trainer wurden. Es gibt Fußballer, aus denen richtig gute Trainer wurden. Auch aus Becker hätte ein sehr guter Trainer werden können, aber das Systematische ist nicht sein Ding. Er besaß drei Autohäuser und verkaufte sie notgedrungen. Er macht dies und das und auch jenes, verlor den Spaß daran und zog weiter, immer weiter. 

So wurde aus Boris Becker der ultimative Lebemann, der uns wissen lässt, dass er seine Tochter nicht etwa in einer Besenkammer zeugte, sondern auf der Treppe zwischen den Toiletten. Das wollten wir natürlich unbedingt so genau wissen. Übrigens riet ihm damals seine Mutter davon ab, nach dem Ausscheiden in Wimbledon, deprimiert wie er war, nächtens noch loszuziehen. Sie kannte ihn gut, er sich weniger. So ging seine erste Ehe zu Bruch.

Die Promi-Blätter lebten von BB, seinen Frauen, die sich allesamt ähneln, von seinen vier Kindern von drei Müttern, von seinen Scheidungen, und jetzt natürlich auch von seinen Geldsorgen. Zum Londoner Gericht ging er am Arm seiner neuen Freundin, die ausdruckslos an den Kameras vorbeischaute – ein Gang wie zum Schafott. 

Das Gegenmodell wurde damals 1985 gleichzeitig mit Becker zum Weltstar. Natürlich handelt es sich um Steffi Graf. Mit 29 hörte sie mit dem Tennisspielen auf, der Körper machte nicht mehr mit. Sie heiratete, bekam Kinder, spielt noch ab und mit ihrem Mann Andre Agassi zu wohltätigem Zweck Tennis und lebt ihr Leben weit ab von den Blättern, die Boris Becker die Welt bedeuten.

Becker hat eine andere Wahl getroffen. Das ist seine Sache. Als er seine zweite Autobiographie veröffentlichte, das war 2018, gab er „Willkommen Österreich“, einer Late-Night-Show im ORF, ein Interview, in dem er Interessantes erzählte. Er sagte nämlich, in diesem Buch gehe es nicht nur um seine Frauen und Freundinnen, er habe ja auch berufliche Kapitel darin geschrieben, weil er ja Unternehmen mit leite. Nach der Ahnungslosigkeit, mit der er sich vor Gericht verteidigte, hörte sich Becker nicht an.

Tja, so ist das, wenn man sich für den Nabel der Welt hält und plaudernd mehr preis gibt, als gut ist. Heute wurde Boris Becker von einem Londoner Gericht zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Freitag.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Der große alte Mann der Philosophie hat zur Feder gegriffen und in der „Süddeutschen Zeitung“ eine besorgte Analyse über den Meinungskampf in Deutschland geschrieben. Anlass ist natürlich Putins Krieg gegen die Ukraine, der eine Zeitenwende im Westen eingeleitet hat.

Habermas ist Jahrgang 1929, er hat den Krieg als Jugendlicher erlebt und diese Generation wird mehr noch als jede andere von Eindrücken und Erlebnissen eingeholt, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Dazu ist er Zeit seines Lebens ein Theoretiker der Öffentlichkeit und ihres Wandels geblieben, und diesmal fällt der Wandel rascher und rigoroser aus als vielleicht jemals zuvor – als beim Mauerbau, bei 9/11, bei der Wiedervereinigung. Krieg löst Tiefenschärfe im Gemüt aus und beeinflusst das Verhalten der Menschen. Und ein Krieg, der mit der Drohung einher geht, dass Putin Atomwaffen einsetzt, stellt alles andere in den Schatten.

Habermas, der vor kurzem gewohnt gedankenreich seine zweibändige „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vorlegte, interveniert selten öffentlich. Wenn er es tut, etwa mit einem Plädoyer für mehr Europa, sieht er Grund dazu. Für die Älteren unter uns ist er so etwas wie die normative Stimme der Vernunft. Diesmal bewegt ihn der Kontrast zwischen „einer schockierten Öffentlichkeit und einem abwägenden Bundeskanzler“. Beide Phänomene analysiert er auf beispielgebende Weise.

Der Tonfall in der öffentlichen Auseinandersetzung ist schrill, was auch an der Angst vor der Ausweitung des Krieges zum Weltkrieg liegt. Habermas aber irritiert „die Selbstgewissheit, mit der in Deutschland die moralisch entrüsteten Ankläger gegen eine reflektiert und zurückhaltend verfahrene Bundesregierung auftreten“. Daraus entsteht ein Gegensatz, der das Land ausgerechnet in einem geschichtlichen Moment spaltet, in dem nichts unmöglich erscheint.

Der neue Moralismus kommt durch eine radikale Umkehr zustande. Mit der gleichen Emphase, mit der Anton Hofreiter heute Panzertypen herunterrasselt, haben Grüne wie er gestern noch den Roten Milan vor den mörderischen Flügeln der Windräder retten wollen. Erstaunlich ist, dass nicht nur die Springer-Presse sich die Stichworte und den abfälligen Gestus des ukrainischen Botschafters zueigen macht, sondern auch die Scholz-Kritiker. Der neue Moralismus ist der alte Moralismus in anderem Gewand. Auf die erregt-empörte Geste kommt es an, nicht auf das ausgefeilte Argument.

Habermas beschreibt tiefenscharf das Dilemma des Westens: „Der Westen, der ja schon mit der Verhängung drastischer Sanktionen von Anbeginn keinen Zweifel an seiner faktischen Kriegsbeteiligung gelassen hat, muss deshalb bei jedem Schritt der militärischen Unterstützung sorgfältig abwägen, ob er damit nicht auch die unbestimmte, weil von Putins Definitionsmacht abhängige Grenze des formalen Kriegseintritts überschreitet.“

So ist es. Wer Waffen liefert, macht mit im Krieg. Ja, nur indirekt, aber bekanntermaßen sieht das der Mann im Kreml anders. Bei Putin liegt die Eskalationsdominanz, denn er entscheidet darüber, ob Kiew während des Besuchs des Uno-Generalsekretärs bombardiert wird und ob der Widerstand im Stahlwerk von Mariupol mit allen Gewaltmitteln gebrochen wird. Und natürlich liegt es an ihm, welchem Land das Gas abgedreht wird und ob er tatsächlich eine taktische Atombombe zünden lässt.

Viel hängt davon ab, ob Habermas’ besorgte Analyse auch von denen gelesen wird, denen sie gilt. Dies gibt er zu bedenken: „Aber ist es nicht ein frommer Selbstbetrug, auf einen Sieg der Ukraine gegen die mörderische russische Kriegführung zu setzen, ohne selbst Waffe in die Hand zu nehmen? Die kriegstreibende Rhetorik verträgt sich schlecht mit der Zuschauerloge, aus der sie wortstark ertönt. Denn sie entkräftet ja nicht die Unberechenbarkeit eines Gegners, der alles auf eine Karte setzen könnte.“

Der Bundeskanzler stellt das personifizierte Gegenteil der Empörungsdemokratie dar. Man kann ihm vorwerfen, und wahrscheinlich vergeht kein Abendgespräch in deutschen Wohnzimmern ohne Hinweis auf diesen Mangel, dass er seine Entscheidungen öffentlich begründen sollte. Nicht vorwerfen kann man ihm jedoch, dass er über das Dilemma des Westens grübelt und Entscheidungen nicht so rasch fällt, wie es die neu-alten Moralisten ihm abverlangen. Darum nimmt ihn der Philosoph in Schutz.

Jürgen Habermas beschreibt die komplexe Weltlage in all ihren Facetten. Ich wünsche ihm viele Leser, auch für den Appell am Ende seines Beitrags: „Eine Europäische Union, die ihre gesellschaftliche und politische Lebensform weder von außen destabilisieren noch von innen aushöhlen lassen will, wird nur dann politisch handlungsfähig werden, wenn sie auch ,militärisch auf eigenen Beinen stehen kann.“

Veröffentlicht auf t-online.de, am Freitag.

Fabelhafter Fußball

Gestern habe ich schon wieder ein fabelhaftes Fußballspiel gesehen: ManCity gegen Real Madrid. Leidenschaft und. Individuelle Klasse und blindes Verständnis im Zusammenspiel. Großartige Tore und hellsichtige Intuition. Was Vinicius da mit dem Ball gelaufen ist, schneller als jeder nicht gerade langsame Verteidiger, von der Mittellinie bis fast ins Tor gerannt und dann noch die Kaltblütigkeit zum präzisen Schuss: phantastisch. Ich habe von Vinicius bis gestern nicht viel gehalten. Lief sich ständig fast. Übersah Mitspieler. Spielerisch gereift, dank Benzema, der wieder zwei Tore geschossen hat.

ManCity ist eine herrlich spielende Mannschaft. De Bruyne als sagenhafter Beschleuniger, taucht überall auf und übersieht das Spielfeld wie sonst nur Toni Kroos, der sich diesmal mit Abwehrarbeit verschleißen musste. Sie spielen Chancen auf Chancen heraus, vergeben aber zu viele wie sonst nur Borussia Dortmund zu seiner besten Zeit. Gündogan dürfte im Rückspiel dabei sein, für Phil Foden, das Rotbäckchen, das eine große Zukunft hat.

Real Madrid kam nur schwer hinten raus, wie gegen Paris zwei Runden vorher. Alaba blieb verletzt nach der Halbzeit draußen. Ohne ihn war die Abwehr geschwächt, keine Frage. Modrić: diesmal nicht so effektiv, er drehte bisher immer dann auf, wenn Ancelotti meinen Toni aus dem Spiel nahm. Aber diese Mannschaft kann stundenlang unter Beschuss stehen – sobald sich eine Chance ergibt, schlägt Benzema zu.

Sein Elfmeter war eine Frechheit. Alles hing davon ab, ob das Spiel 2:4 oder 3:4 ausgeht und dann chippt dieser Typ den Ball in einem aufreizend langsamen hohen Bogen in die Mitte. Das ist die Höchststrafe für den Torhüter, der hilflos in der rechten Ecke zappelte und zusehen musste, wie sich der Ball in Zeitlupe unter die Latte senkte. Wäre er stehen geblieben, hätte er den Ball mit dem Hut fangen können.

Das Schöne am Chippen ist der Verstoß gegen jede Regel. Du sollst dir eine Ecke aussuchen und dann den Ball so hart wie möglich so nahe wie möglich neben den Pfosten oder unter die Latte donnern. Du kannst den Anlauf verzögern wie Lewandowski, aber du musst so scharf schießen, dass der Torhüter nicht herankommt, selbst wenn er die Ecke ahnt, in die du schießt. Das ist die Regel. So üben sie das Elfmeterschießen im Training. Ancelotti tippte sich entgeistert mit beiden Zeigefingern an beide Seiten seiner Stirn, als könne er es nicht fassen, welches Risiko Benzema bei dieser Eskapade eingegangen war. Er freute sich in diesem Moment nicht, das fand ich seltsam. Offensichtlich war er maßlos überrascht über diese Verwegenheit. Und es stimmt ja auch: Allzu oft sollte dieser Trick, der auf die Demütigung des Torhüters zielt, nicht angewandt werden.

Kaltblütigkeit gehört zum Chippen. Fast grenzenloses Selbstbewusstsein. Und ein sicheres Gespür dafür, dass sich der Torhüter verladen lässt. Die Entscheidung fürs Chippen mit ihrem Verblüffungseffekt kann Auswirkungen auf das weitere Spiel haben. Es kann die gegnerische Mannschaft schwächen, denn nicht nur das blödsinnige Handspiel von Laporte brachte ManCity aus der Fassung, sondern auch diese Lässigkeit, mit der Real Madrid in einem Moment zurückschlug, in dem gerade noch das 5:2 zu fallen schien, derart überlegen war ManCity. Nicht zufällig blieb es beim 4:3. Die Überlegenheit ManCitys hielt an, aber die Präzision fehlte von nun an.

Antonin Panenka erfand diesen Kunstschuss 1976. Er lief schnell an, schoss aber nicht scharf, sondern sanft. Der Ball nimmt einen hohen Bogen, der sich bestimmt mathematisch berechnen lässt. Tor. Der Torwart, der damals hilflos in der Ecke zappelte, hieß Sepp Maier. Das Endspiel um die Europameisterschaft hatte 2:2 geendet. Elfmeterschießen. Bonhof/Flohe/Bongartz treffen. Uli Hoeness – da steht es 4:3 für die Tschechoslowakei (wir sind im Kalten Krieg, die beiden Landesteile gehören noch zusammen) – jagt den Ball in den nächtlichen Himmel. An tritt Panenka und chippt den Ball behutsam in die Mitte. Europameister Tschechoslowakei.

Seitdem heißt dieser Elfmeter nach dem Erfinder der Panenka. Auf YouTube kann man sehen, wer ihn nachgeahmt hat: Zidane/Ibrahimović/Messi/Totti. Eben die Großen.

Jetzt noch was für Feinschmecker: Die deutsche Mannschaft im EM-Endspiel spielte in dieser Aufstellung: Maier/Vogts, Dietz, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Bonhof/Wimmer, Hoeness, Beer, Hölzenbein, Müller (Dieter). Dieser Dieter Müller spielte für den 1. FC Köln, stammte aus Offenbach wie Rudi Völler.

Panenka spielte im Mittelfeld für Prag, Rapid Wien, VSE St. Pölten, SK Slovan Wien, ASV Hohenau und Kleinwiesendorf. Seine Karriere begann 1967 (da ist er, Jahrgang 1948) 19 Jahre alt. Sie endete 1993 in Kleinwiesendorf. Für die Nationalmannschaft spielte er 59mal und schoß 17 Tore. Bei der Europameisterschaft 1980 wurde die Tschechoslowakei Dritter. Sie gewann im Elfmeterschießen 9:8 (!!!!) gegen Italien. Europameister wurde Deutschland mit einem 2:1 über Belgien. Horst Hrubesch schoß 2 Tore, das zweite 90 Sekunden vor dem Abpfiff.

Zurück zu ManCity und Real. In der nächsten Woche ist das Rückspiel. Wer auch immer siegt, und ich hoffe auf Toni Kroos, spielt gegen Liverpool im Finale, schätze ich. Und das wird erst ein Spiel zum Niederknien!

Besuch in Hannover

Die Linke und der Krieg, das ist eine sehr lange, sehr unglückliche Geschichte, die sich gerne auch um Russland drehte. Im Ersten Weltkrieg spaltete sich die SPD in Patrioten und Pazifisten. Aus den Pazifisten ging die USPD und auch die Kommunistische Partei hervor, die in Russland seit 1917 ihr Jerusalem fand. Vor Hitlers „Machtergreifung“ hätte sich die deutsche Linke wieder vereinigen können, was sie aber nicht tat; im Gegenteil sahen sie im anderen den Erzfeind. So hatte Hitler freien Lauf und sperrte ins KZ, wen er aufgreifen konnte, Kommunisten wie Sozialisten und Sozialdemokraten. 

Die Kommunistische Partei existiert noch in Frankreich, aber nicht mehr in Deutschland, wo es zwar die Linke gibt, die jedoch eher harmlos und zudem herzlich miteinander verfeindet ist.. Geblieben ist die SPD in der Doppelgestalt von Patrioten und Pazifisten, von Russland-Verächtern (neuerdings) und Russland-Verstehern. Dafür sprechen einige Einlassungen vom Wochenende Bände. 

Mit besonderem Interesse habe ich die ausführliche Geschichte einer Reporterin der „New York Times“ nach ihrem Besuch bei Gerhard Schröder in Hannover gelesen. Seltsam genug, dass eine amerikanische Tageszeitung zu ihm vordrang und keine deutsche, aber egal. So viel vorneweg: Schröder geht nicht in Sack und Asche, im Gegenteil, „für mea culpa bin ich nicht zu haben“, sagt er.

Gern und viel erzählt er über seine unverbrüchliche Freundschaft zu Putin. Am 9. Dezember 2005, da war er seit 17 Tagen nicht mehr Bundeskanzler, bekam er einen Anruf von Wladimir Putin, der ihm den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Nord Stream mit der Frage anbot: „Hast du Angst für uns zu arbeiten?“ Hatte er damals nicht und hat er heute nicht. So spottet er über die Zumutung der SPD, er solle sich persönlich von Putin, dem Kriegstreiber, distanzieren. 

Kurz vor der Invasion traf der Gerd den Wladimir in Sotschi. Davon gibt’s ein Handy-Foto, das Schröder der Reporterin zeigt: Putin in rotem Eishockey-Dress, Schröder in Hemd und Jackett. Worüber sie geredet haben? Über Fußball, sagt Schröder in seinem Büro in Hannover. Ehrlich jetzt?

Ich kenne Schröder seit vielen Jahren. Seine Härte, sein Gleichmut, sein Durchstehvermögen haben mir imponiert. Die Schnoddrigkeit weniger, die im Alter noch zunahm. Nun ist daraus Gleichgültigkeit, gepaart mit Zynismus hervorgegangen. Der Mann, der immer Abhängigkeiten abschüttelte, ist gefangen in der Abhängigkeit von Putin, der ihn reich gemacht hat, worauf es Schröder zweifellos ankam, und für den er alles aufs Spiel setzt, was ihm ehedem wichtig war.

Seine Reise nach Moskau, ein Wunsch der ukrainischen Regierung, führte zu rein gar nichts. Grübeln über den Misserfolg? Fehlanzeige. Der Krieg? Ja, den verurteilt Schröder, aber nicht Putin, der ihn anzettelte. Die Gräuel von Butscha? Müssen untersucht werden, keine voreiligen Schlüsse. Und wenn russische Soldaten sie verübt haben sollten, hat sie Putin bestimmt nicht angeordnet, sagt Schröder im Brustton der Überzeugung.

Meint er, was er da sagt? Jedenfalls riskiert er den Bruch mit Putin nicht. Dafür wäre es für den dritten sozialdemokratischen Kanzler ohnehin zu spät.

Der amtierende Bundeskanzler gab dem „Spiegel“ ein Interview. Die Fragesteller machten sich die Vorwürfe des ukrainischen Botschafters zueigen und Olaf Scholz schmetterte sie allesamt ab. Dummerweise fragten sie nicht weiter, als der Kanzler seine Angst vor einem Atomkrieg wiederholte. Es wäre natürlich wirklich interessant zu wissen, ob sie vorgeschoben ist oder echt. Ich vermute, sie ist echt.

An Scholz lässt sich viel herumkritteln. Ja, arrogant wirkt er. Ja, er lässt manches Mal zu deutlich seinen Informationsvorsprung spüren. Doch eines kann man ihm schlechterdings nicht absprechen: seine Ernsthaftigkeit, die der Weltlage überaus angemessen ist. Ich finde es sehr merkwürdig, dass so viele Kommentatoren vergessen zu haben scheinen, dass Putin mehrmals mit dem Einsatz seiner Nuklearwaffen gedroht hat. Denn falls seiner Armee auch die Eroberung der Ost-und Südukraine misslingen sollte, wäre ihm durchaus zuzutrauen, dass er seine Drohung wahrmacht.

Zu oft hat der Westen in der Vergangenheit nicht richtig hingehört, was Putin sagte. Was aber dann, wenn er tatsächlich eine taktische Atomrakete abschießt? Wie würde die Nato darauf reagieren? Wo steht dann die Supermacht Amerika? Wo Deutschland?

Ich finde, dass der eine oder andere Politiker, der sich im Schnellstudium zum Ukraine-Fachmann und Panzer-Kenner hinauf katapultiert hat und jetzt schnellstens schweres Bundeswehr-Gerät liefern möchte,  kurz mal innehalten und die Folgen bedenken sollte. Bedenke deine Mittel, ist ein gutes militärisches Motto, vor allem für Zivilisten wie Anton Hofreiter, die den Kanzler für seine Zurückhaltung aufs Schärfste maßregeln. 

Kriege sind immer unberechenbar. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen, sagen Militärs selbstironisch. Fast immer kommt es anders als vorgesehen. Konventionelle Kriege, die Atommächte wie Russland führen, sind absolut unberechenbar. Geht es auf dem Schlachtfeld nicht recht voran, bleiben ihnen andere Möglichkeiten. 

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland. Normalerweise findet dann in Moskau eine Parade statt, in der die militärischen Schmuckstücke vorbeirollen. Man kann sich gut vorstellen, dass Putin bis dahin im Osten und Süden der Ukraine Triumphe vermelden will. 

Bis dahin wird auch die Bundesregierung ihren Beschluss verkünden, nun doch Panzer etc. zu liefern. Der Druck in Deutschland und Osteuropa ist einfach zu groß, das wird auch Olaf Scholz einsehen. Er ist kein Pazifist, eher ein Patriot, und vielleicht auch deshalb nicht so hurtig im Umdenken wie die Grünen in seiner Regierung.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Die den Krieg nachspielen

Momentan überbieten sich einige Politiker darin, der Ukraine schwere Waffen zu liefern, so dass man sich doch sehr wundern muss. Anton Hofreiter gehört zu den größten Dränglern, selbstverständlich ironiefrei und reflexionslos. Selbstironie wäre angebracht, weil er gestern noch auf einem ganz anderen Dampfer unterwegs war, natürlich im ultimativen Kommandoton, der ihm eigen ist. Und Selbstreflexion könnte er von Robert Habeck lernen, wenn er wollte oder könnte.

Zur neuen Haltung gehört auch, dass jedermann dem Kanzler sofortiges Handeln abverlangt. Viele Leute wissen heute vieles besser und das sehr markig. Hatten wir gestern noch 80 Millionen Bundestrainer, so haben wir heute nicht ganz so viele Bundeskanzler, aber schon sehr viele. Das Reden ist ja auch folgenlos, das Handeln aber nicht. Wäre ganz schön, wenn mancher mal innehielte und sich kantianisch fragen würde, ob die Maxime seines Schwadronierens als Maxime des Handelns taugen könnte.

Schon jetzt sind wir Kriegspartei. Passiv zwar, aber den Unterschied machen ja vielleicht nur wir. Und seltsamerweise gibt der Botschafter der Ukraine den rotzigen Ton vor, dem Politiker à la Hofreiter dankbar aufnehmen. Unter anderen Umständen hätte die deutsche Außenministerin den Botschafter längst ins Amt einbestellen und ihn zur Mäßigung ermahnen müssen. Auch unter den obwaltenden Umständen wäre es nötig, da seine beleidigenden Rundumschläge, diesmal gegen Siegmar Gabriel, längst überhand genommen haben.

Der Bundespräsident hat sich für seine Fehleinschätzungen entschuldigt. Okay. Von Gerhard Schröder haben wir länger nichts mehr gehört oder gesehen. Ist kein Schaden, obwohl eine Erklärung nach dem Besuch bei Wladimir Putin fällig gewesen wäre. Egal, der Absturz des ehemaligen Bundeskanzlers zur persona non grata ist eh beispiellos. Für Entschuldigungen oder dergleichen ist es viel zu spät. Auch alte Freunde sind ratlos. Und die SPD, die schlecht beraten war bei ihrem Feldzug gegen die Agenda 2010, ringt nun die Hände und versucht, Schröder perteimitgliedsmäßig loszuwerden. Der späte Gerhard Schröder teilt das Schicksal des späten Helmut Kohl, inklusive erheblich jüngerer Frau, die sich für PR zuständig fühlt und den letzten Nimbus pulverisiert.

Auch Manuela Schwesig steht unter Rechtfertigungszwang. Die Fouchés dieser Tage werfen ihr den Einsatz für Nord Stream 2 vor. Tatsächlich hat sie getan, was sie tun musste, als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, dem es an Industrie gebricht. Die Pipeline nach Lubmin fand sie vor, hat sie nicht erfunden und auch nicht der Bundesregierung aufgenötigt, deren Bundeskanzlerin nicht zufällig ihren Wahlbezirk in diesem Bundesland hatte. Wirklich vorzuwerfen bleibt Manuela Schwesig die seltsame Stiftung von Gnaden von Gazprom, doch das war schon der verzweifelte Versuch zu retten, was kaum noch zu retten war.

Wilde Tage. Die Waffen, welche die Ukraine noch nicht hat, erreichen sie wohl kaum noch vor der Offensive in der Ostukraine. Dort findet der reale Krieg statt, den so viele Großstrategen hierzulande nachspielen, unbedacht und fahrlässig.

p.s. Unser Justizminister Buschmann sagt, die Lieferung von Panzern ist kein Kriegseintritt. Ich liebe die Rechtswissenschaft, sie unterscheidet genau, egal wie falsch sie damit liegt.

Mit Real gefreut, mit Chelsea getrauert

Gestern habe ich mir das Rückspiel Chelsea gegen Real angeschaut. Bayern habe ich ignoriert, weil ich mir dachte, die machen das schon, die rächen sich, kommen eh weiter. Das interessantere Spiel war nun mal Tuchel gegen Ancelotti, Havertz/Werner/Rüdiger gegen Kroos/Alaba. Ich wusste gar nicht, zu wem ich halten sollte, was mir wirklich selten passiert. Ich finde Thomas Tuchel großartig und werde es Aki Watzke ewig nachtragen, dass er ihm kündigte – nach dem Pokalsieg, nach einer wirklich guten Saison mit einem entscheidend geschwächten Kader.

Beim Hinspiel hatte mir Real imponiert und der Sieg war gerecht, wenn auch der schreckliche Fehler von Torwart Mendy ein Tor mehr bescherte, als gerecht gewesen wäre, aber so ist Fußball eben, Fehler werden sofort bestraft. Und genau dieses Tor führte am Ende zum Ausscheiden Chelseas.

Auch das Rückspiel zeigte Fußball in Reinkultur. Zwei großartige Trainer, zwei großartige Mannschaften. Technik und Leidenschaft. Taktik und explosiver Individualismus. Auch beim 3:0 fühlte ich mich noch nicht sicher, denn diesmal hielt ich zu Chelsea, das das Spiel so beherrschte wie Real das in Chelsea beherrscht hatte. Selbst als das 3:2 in der Verlängerung fiel, hinreißender Kopfball von Benzema, war noch nichts entschieden. In den letzten beiden Minuten hätte Chelsea zwei Tore schießen können. Unbedingt köpfte Havertz knapp an der Latte vorbei und dann schoss, ich glaube Mount, auch unbedrängt, aus sieben Metern neben das Tor.

Das Besondere an diesem Spiel waren die Alten. Kroos, 32, brillierte und war verständlicherweise sauer, als Ancelotti ihn in der 72. Minute auswechselte, wobei der junge Franzose Camavinga zeigte, dass er irgendwann Kroos ersetzen kann. Dann Benzema, 34: besser als Lewandowski. Und über allen Modrić, 36, der auf einzigartige Weise das Spiel macht, wenn Kroos draußen ist. Dieser Pass über 30 Meter mit dem Außenriss in Rodrygos Lauf: unfassbar!

Tuchel hatte seine Mannschaft blendend eingestellt. Werner rechtfertigte sein Vertrauen. Havertz: elegant wie immer, aber der Kopfball muss drin sein. Rüdiger: kraftvoll, ein herrliches Tor, aber vor Benzemas Kopfball rutscht er im Strafraum aus.

Auch Ancelotti imponiert mir. Immer ruhig, immer cool, auch beim 0:3, auch im Sieg. Was Zidane mit dieser Mannschaft nicht mehr gelang, nämlich das Optimale aus ihr herauszuholen, geling Ancelotti.

Endlich mal ein Fußballspiel, das anzuschauen eine reine Freude war. Am Ende habe ich mich mit Real gefreut und mit Chelsea getrauert.

Dazu passt doch, dass der Kleinstadtklub Villareal den großen FC Bayern besiegt hat. Nicht, dass ich die Niederlage nicht schade fände, aber die ewige Angeberei, die Nagelsmann nicht teilt, muss ab und zu bestraft werden, oder?

Mit Verlaub, mit dieser Regierung sind wir gut bedient

Ab und zu ist es sinnvoll, nach draußen zu schauen, um das Drinnen besser zu verstehen. Boris Johnson war in der Ukraine, spazierte mit Wladimir Selenskji durch Kiew, natürlich schwer bewacht, und behauptet, dass niemand so kompromisslos wie er an der Seite der Ukraine steht. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass er Flüchtende aus der Ukraine nur mit Visum ins Land lässt und sogar das Entgegenkommen preist, dass sie nicht persönlich auf dem Konsulat erscheinen müssen. Typisch Johnson, würde ich sagen, zynischer Clown, bereit zu jeder Show, damit die Partys in Downing Street während der Pandemie in Vergessenheit geraten.

Oder mal diese Überlegung: Was wäre eigentlich, wenn der Bundeskanzler Armin Laschet oder Friedrich Merz hieße? Wäre Deutschland dann besser dran? Glaube ich nicht. Ja, Olaf Scholz ist nicht der große Kommunikator, aber er ist im Stoff, ist kompetent, durchdenkt die Optionen und ist vertrauenswürdig, oder? Wie wäre es denn, wenn wir gelegentlich die Männer und Frauen, die uns regieren, bei ihren Stärken nähmen und nicht andauernd ihre Schwächen beklagten?

Robert Habeck vermag es, die Drangsal des auferlegten Pragmatismus im Verhältnis zum Wünschenswerten beispielhaft zu reflektieren und Annalena Baerbock hat den richtigen Ton sehr schnell gefunden. Dazu zeigt Christian Lindner, dass er auf der Höhe der Probleme ist. Also, mit Verlaub, wir sind gut bedient mit dieser Regierung.

Auch bin ich erleichtert, dass der Moralismus in der Betrachtung des Krieges und den Mitteln seiner Beeinflussung allmählich nachlässt. Neulich saß die Grüne Marie-Luise Beck bei „Anne Will“ und sprach sich inständig für eine Flugverbotszone aus, unter dem Hinweis, das sie vom Militärischen nichts verstünde. Keineswegs steht sie allein mit ihrer Empfehlung, man müsse doch irgendetwas tun. Damit rückt pragmatisches Wirklichkeitsverständnis fast automatisch in die Defensive, wenn nicht in die Nähe mangelhafter Menschlichkeit. Man sollte aber schon wissen, was eine Flugverbotszone nach sich zieht, zum Beispiel einen dritten Weltkrieg. Kann man das wollen? Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen, heißt es bei Wittgenstein. Gute Maßregel.

Natürlich muss man ein Herz aus Stein haben, wenn man bei den Bildern von gefesselten toten Zivilisten oder Massengräbern nicht von heißer Wut ergriffen wird. Oder diese an Niedertracht beispiellosen Lügen aus dem Kreml –  wer würde Sergej Lawrow nicht am liebsten ins Gesicht springen? Dass der geschundenen Ukraine so viel geholfen werden muss, wie nur irgend möglich, versteht sich von selber. Gehört aber ein Embargo auf Öl, Kohle und Gas dazu?

Entscheidende Frage. Schlimmes Versäumnis, dass Deutschland auf Diversität der Energieversorgung verzichtet hat. Doch diese Abhängigkeit lässt sich nicht einfach abschütteln. Auf Kohle und Öl aus Russland können wir wohl auch auf kurze Sicht verzichten. Auf Gas können wir jedoch nicht so schnell verzichten, weil dann ganze Industriezweige wie Chemie/Pharma/Metall/Stahl/Elektronik/Auto/Anlagenbau in maximale Schwierigkeiten geraten. 

Die Teuerungsrate liegt ja jetzt schon hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Lebensmittel- und Energiepreise steigen weiter, was jeder Konsument am Geldbeutel merkt und etliche Konsumenten noch stärker merken als andere. Die negativen Auswirkungen lassen sich in Frankreich studieren, wo Marine LePen die Kaufkraft zum Mantra ihres Wahlkampfes macht und damit enormen Erfolg erzielt.

Kriege haben Auswirkungen, die sich überall niederschlagen, politisch wie wirtschaftlich. So ist das nun einmal. Das Ausmaß lässt sich begrenzen. Vor allem aber braucht es eine Regierung, welche die Nerven behält und dem Moralismus, so verständlich er auch ist, nicht nachgibt.

Wäre der Ukraine denn geholfen, wenn die politischen Auswirkungen eines Embargos Deutschland politisch so veränderten, wie sie Frankreich verändern? Stellen wir uns kurz mal vor, Marine LePen wird Präsidentin und die Regierung Scholz verliert den Rückhalt, den sie jetzt noch genießt: Damit wird die Europäische Union nicht nur dramatisch geschwächt, sondern sie zerfällt in ihre Einzelteile und auch die Nato büßt an Schlagkraft ein. Zur Konsequenz gehörte dann ebenfalls, dass die Ukraine plötzlich allein da steht, da die Aussicht, Mitglied der EU zu werden, minder attraktiv erscheint.

Und Wladimir Putin hätte erreicht, woran er überall auf der Welt arbeitet, in Syrien wie Libyen, in Serbien wie Ungarn wie in der Ukraine: die Schwächung des Westens in seinen wesentlichen Institutionen.

Die Zeiten bleiben finster. Die Offensive in der Ostukraine steht bevor. Das Land benötigt noch mehr Kriegsgerät und moralische Unterstützung, was denn sonst. Leider nur in dem Maße, das uns gegeben ist.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Meine Stadt, meine Alster

Hamburg. Schöne Stadt. Sauber, reich, traditionsbewusst, bürgerlich, arrogant. Mag ich alles. Hier kam ich im August 1980 an, ein Kind aus kleineren Verhältnissen, wusste nicht, was ich konnte, ob ich in dieser wunderbaren, arroganten, bürgerlichen „Zeit“ bestehen konnte. Gestern habe ich mit meinem Chef von damals telefoniert, Theo Sommer, genannt Ted, der beste Chef, den ich je hatte. Er verbreitete gute Laune, vor allem dann, wenn an einem Dienstag das Blatt auf den Kopf gestellt werden musste, weil Sadat ermordet worden war oder Maggie Thatcher die Falklands zurückerobern wollte. Als ich meine ersten Leitartikel schrieb, gab er mir immer das Gefühl: Ich weiß, Sie sind nervös, aber ich weiß, dass Sie das können, nur munter darauf zu. In seinem Kopf dachte er sich ganz bestimmt: Was er nicht hin kriegt, biege ich gerade. Aber nicht Zweifel säte er, sondern Vertrauen.

Gestern habe ich mit Ted telefoniert. Seine Stimme: die alte. Er sagte, er hätte sich im Alter weniger aufregende Zeiten gewünscht. Im Juni wird er 92. Er schreibt an seinen Memoiren. Ich freue mich darauf, ihn zu sehen und sie zu lesen.

Früher fuhr ich gerne nach Berlin und kam gerne nach Hamburg zurück. Heute lebe ich ich gerne in Berlin und komme gerne zwischendurch mal nach Hamburg. Aus dem Hotelzimmer schaue ich auf die Außenalster, auf der ich segeln lernte. Gegenüber in der Fontenay 13 c hatten wir in den ersten Jahren gewohnt. Wenn ich aus dem Büro nach Hause kam, fuhr ich meinen Sohn Vincent im Buggy die Alster entlang. Für mich war es ein seelenerhebendes Erlebnis, um die Ecke zu biegen und Segelboote mitten in der Stadt zu sehen. Als ich selber segeln konnte, war ich fasziniert davon, dass die Geräusche der Stadt auf dem Wasser verschluckt wurden.

Zuletzt haben wir an der Elbe gewohnt, Höhe Strandperle. Über die Straße, den Weg hinunter, ein Glas Wein in der Hand, dann kam, hatten wir Glück, ein riesiges Containerschiff, voll beladen, und zwei Lotsenboote vorne und hinten bugsierten den Koloß elegant rückwärts zum Entladen.

Jetzt wohnen wir auch am Wasser. Aus der Haustür, um die Straßenecke, ein paar Stufen hinunter und schon bin ich am See. Bis Ende November bin ich reingegangen, morgens um 7, der Graureiher wartete mich ab und flog dann elegant über das Wasser, über dem Frühnebel lag. Einmal, ich trocknete mich gerade im Dämmerlicht ab, jagte ein Horde Wildschweine an mir vorbei. Sehr froh war ich, dass sie mich noch nicht einmal ignorierten.

Nun noch heute und morgen die alte Stadt, in der ich 37 Jahre mit Unterbrechungen in Bonn und Washington gewohnt habe. Nach Ostern komme ich wieder hierher und besuche Ted, den besten Chef ever.

Wahrheit und ihre Beugung

Gestern Abend habe ich mir „Maischberger“ angeschaut. Sie unterhielt sich mit dem ukrainischen Botschafter Andrej Melnyk, der seit dem 24. Februar einen Sonderstatus erreicht hat und wahlweise den Bundespräsidenten beschimpft oder die Bundesregierung aufs Schärfste kritisiert. Dieses Monopol hatte bislang Richard Grennel inne, der in Trumpscher Manier mit Unflat um sich warf.

Ein Land wird von einem größeren überfallen, begeht Kriegsverbrechen, legt Städte in Schutt und Asche. Da muss es auch einem Botschafter erlaubt sein, Forderungen zu erheben und Wünsche auszusprechen und Kritik zu üben. Wenn er dazu in diese und jene Talkshow eingeladen wird, nutzt er den Ausnahmezustand, wer könnte es ihm verübeln. Auffällig ist nur, dass er einerseits instrumentalisiert wird und andererseits auf ein derart schlechtes Gewissen stößt, so dass ihm angemessene Fragen erspart bleiben, weil sie niemand traut. Instrumentalisiert, weil er eingeladen wird, um seine Gravamina vorzutragen. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass die Herren Klingbeil/Söder etc. leise werden oder verdruckst vortragen, warum Deutschland kein Embargo einführt.

Diese Verlegenheit führt zu argen Verkürzungen der Wahrheit, die der Botschafter gepachtet hat. Es ist ja nicht nur so, dass wir mit Nord Stream 1 Putins Krieg finanzieren. Diese Pipeline führt bekanntlich durch die Ukraine und dafür bekommt sie auch jede Menge Gebühren bezahlt und zwar nicht zu knapp. Hat schon mal irgendjemand diese schlichte Gegenfrage gestellt? Nicht dass ich wüßte. Oder die Richtigstellung unseres Kanzlers, dass Putin an das Geld, das wir für bezahlen, momentan nicht herankommt. Sie ist einfach verebbt und wird als Argument nicht benutzt. Oder die Waffenlieferungen: Gabor Steingart, der seine Machete neuerdings stecken lässt, wies gestern darauf hin, dass die Ukraine mit Waffen aus Amerika geflutet wird, so dass dafür Deutschland keineswegs gebraucht wird. Stimmt. Also, aus welchem Grund dann lassen sich die Deutschen unverdrossen an den Pranger stellen? Amerika ist wichtig. Zumal das ukrainische Militär auch deshalb aufopferungsvoll kämpfen kann, weil es per Satellit über russische Stellungen und Truppenbewegungen informiert ist, vom CIA und möglicherweise von Militärberatern. Auch so ein Faktum, das beschwiegen wird.

Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit, heißt es. Nirgendwo stirbt sie derart umfassend wie in Russland, wo Lawrow und Putin abwegige Geschichten aus dem Wienerwald erzählen. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskji, den ich persönlich bewundere, tritt man gewiss nicht zu nahe, wenn man liebend gerne wüßte, wo seine Wahrheit endet und wo seine Beugung beginnt, denn er richtet sich ja immer wieder an das westliche Publikum, damit dessen Herz unverdrossen für sein Land pochen möge und so viele Staaten wie möglich die Sanktionen verschärfen und Schützenpanzer etc. liefern.

Wenn David gegen Goliath kämpft, muss man ganz einfach für David sein. Aber David muss schlau und listig sein und auch tückisch, denn wie sollte er sonst gewinnen. In seinen Mitteln kann er gar nicht wählerisch sein, er muss ja seinen Nachteil ausgleichen. Zumal Goliath Brutalität vorzieht und die Erde verbrennt, wo er kann. Aber was heißt das: Goliath darf den Krieg nicht gewinnen? Und wer sorgt dafür, dass er den Krieg nicht gewinnt? Oder anders gefragt: Welcher Sieg kommt einer Niederlage gleich?

Der Bundeskanzler hat diesen kryptischen Satz gesagt, um dem herrschenden Moralismus der Stunde zu relativieren. Auch das verstehe ich, aber wenn es sich nicht um eine Leerformel handeln sollte, muss Olaf Scholz rasch präzisieren, was er meint.

Finstere Zeiten ziehen herauf

Wer Olaf Scholz gestern Abend im ARD-Interview zuhörte, erlebte einen Kanzler, der bestens informiert und hoch besorgt ist. Er sprach von der Wiederkehr des Imperialismus, der mit Gewalt Grenzen verändern will. Also ist die Ukraine kein Einzelfall und wir müssen mit mehr rechnen – mit einer Ausweitung des Krieges, solange Wladimir Putin über Russland herrscht.

Deshalb schließt die Wiederaufrüstung der Bundeswehr zu Streitkräften, die den Namen verdienen, den Kauf eines mobilen bodengestütztes Systems zur Abwehr von Raketen, Artillerie und Mörsern ein – den berühmten „Iron Dome“, den Israel entwickelt hat und anwendet. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass der Kanzler und seine Regierung mit dem Schlimmsten rechnen und sich darauf einstellen.

Olaf Scholz betonte im Interview Mal um Mal, dass der Westen die Ukraine mit Waffen aller Art beliefert hat und weiterhin beliefern wird, auch Deutschland. Dazu versorgt der amerikanische Geheimdienst CIA die ukrainische Armee mit Satellitendaten in Echtzeit, wo russische Panzer sich bewegen, wo russische Raketenstellungen stehen und auf welchen Straßen die Armada der Versorgungsfahrzeuge unterwegs ist.

Alles richtig und wichtig. Damit ist aber auch gar nicht zu übersehen, dass der Westen mit seiner Vormacht USA in den Krieg verwickelt ist.

Dass die Nato weder eine Flugverbotszone einrichtet noch direkt  in diesen Krieg eingreift, weil die Ukraine nicht dem Bündnis angehört, ist eine feine, wichtige Unterscheidung. Dazu kommt die Vielzahl der Sanktionen, die Wirkungen entfalten, auch wenn das Embargo auf Öl, Gas und Kohle aus Rücksicht auf unsere von diesen Rohstoffen abhängige Industrie ausbleibt. Damit unterstützen wir die Ukraine in ihrer Verteidigung gegen einen Überfall, ohne in den Krieg einzugreifen.

Und was passiert aus Putins Sicht?

Aus Putins Sicht befindet sich Russland im Krieg mit Amerika. Amerika ist daran schuld, dass die Ukraine sich wehrt, dass womöglich 10 000 russische Soldaten gestorben sind, dass Verbände mit ihren Vorstößen in den letzten Tagen die Invasoren da und dort zurückschlagen können. Ohne US-Satelliten, ohne Panzer und Panzerabwehrwaffen aus dem Westen, hätte die Ukraine nicht schon fast fünf Wochen lang Widerstand leisten können. Und dazu hofiert der gesamte Westen den Präsidenten Wolodimir Selenskji, der per Video Reden an den Kongress in Washington oder an den Bundestag nach Berlin halten darf und dafür stehende Ovationen bekommt.

Diktatoren suchen immer die Schuld bei anderen. Bei finsteren Mächten im Ausland. Bei Versagern in der Armee und im Geheimdienst. Oder glaubt irgendjemand, dass Putin in sich geht und feststellt: Ich habe mich geirrt, ich habe Fehler gemacht, ich bin Irrtümern aufgesessen?

Ein Diktator, der nicht bekommt, was er haben will, ist doppelt gefährlich. Davon zeugen zerstörte Städte wie Mariupol. Die militärische Logik der stagnierenden Invasion ist Terror gegen Zivilisten, weshalb systematisch Raketen auf Krankenhäuser und Kindergärten, auf Hochhäuser und Wohnsiedlungen fallen. In Odessa richten sie sich auf Angriffe ein, Kiew ist schon seit Tagen im Ausnahmezustand. Lviv ist auch schon angegriffen worden. Das Prinzip Grosny heißt: Macht platt, was steht; vertreibt, wen ihr vertreiben könnt; tötet, wer sich nicht ergibt.

Wohin führt das? Vier Optionen bieten sich an.

1.) Der Krieg zieht sich hin. Stadt auf Stadt zerfällt. Zehntausende sterben. Dann könnte Präsident Selenskji, um das Töten zu beenden, das Angebot machen: Ich gehe ins Exil, wenn die Russen den Krieg beenden. Dann bekommt Putin doch noch, was er will: Er annektiert die ganze Ukraine und setzt in Kiew einen Quisling ein.

2.) Da Putin alte imperiale Größe anstrebt, bleibt er nicht in der Ukraine stehen. Da seine Armee erschöpft ist, kann die nächste Phase jedoch nicht konventionell ausfallen. Statt dessen zündet er wirklich eine Atombombe in der Atmosphäre als Zeichen seiner Entschlossenheit und richtet seine Erpressung zum Beispiel an Polen: Besser für euch, wenn ihr Nato und EU verlasst und euch uns unterwerft.

3.) Präsident Selenskji liegt womöglich mit seiner Behauptung nicht falsch, dass Berlin das Endziel ist. Dann wäre die Ukraine heute, was damals Spanien war: ein Exerzierplatz für größere Vorhaben, den Weltkrieg.

4.) Im inneren Machtzirkel des Kreml finden sich Verschwörer zusammen, denen Putin zu weit geht und ziehen ihn aus dem Verkehr. Da er mit Zusammenrottung rechnet, wie alle Alleinherrscher, und dagegen Vorkehrungen trifft, steckt in dieser Option wohl vor allem Wunschdenken.

Putin hat sich zu einem klassischen Diktator aufgeschwungen, der sein Land als Opfer einer Serie von Demütigungen versteht. Immer steckt Amerika dahinter, in der Ukraine wie in Georgien. Die Ausdehnung der Nato nach Osten ist aus dieser Sicht eine großangelegte Intrige und ein Verrat dazu. Jetzt aber ist Amerika schwach und machtlos: in Syrien, in Libyen, in Afghanistan. Und Europa ist nichts ohne atomaren Schutz der USA. Die Vertreibung Amerikas aus Europa wäre der ultimative Triumph, das umgekehrte 1989, die Revision der geostrategischen Katastrophe, wie Putin das Ende der Sowjetunion nannte.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich solche Überlegungen je anstellen müsste. Aber es gibt Grund zu weitreichenden Befürchtungen. Davon zeugte auch der eindrucksvolle Auftritt des Bundeskanzlers in der ARD. Finstere Zeiten sind heraufgezogen. Bleibt nur die Hoffnung, dass sich bald Unverhofftes zu unserer Erleichterung ereignet.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.