Meine Eltern im Mai 1945

Eigentlich müsste heute in Berlin der Feiertag sein, der an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Denn erst am 9. Mai 1945 unterzeichneten Deutsche und Russen im Hauptquartier der 5. Sowjetischen Stoßarmee in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation. Darauf hatte Stalin bestanden, nachdem das Deutsche Reich schon zweimal im Westen kapituliert hatte. Der Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg besiegelte an diesen beiden Tagen dreimal mit seiner Unterschrift das Ende des Dritten Reiches.

Mein Vater war 25 Jahre und schwer kriegsversehrt. Für den Gefreiten Johann Paul Spörl war der Krieg am 3. Februar 1942 bei Charkow vorbei gewesen: Wundbrand nach Treffern in beiden Beinen. Davon erholte er sich in den nächsten drei Jahre bis zur Kapitulation in einem Lazarett in Franzensbad, wo seine beiden Beinstümpfe, 10 cm unterhalb der Knie, soweit heilten, bis ihnen Prothesen angepasst werden konnten, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2007 tragen würde.

Meine Mutter war damals im Mai noch ein paar Tage lang 20 Jahre alt und Mutter eines winzigen Sohnes, der am 12. März geboren worden war. Als BdM-Mädchen hatte sie dem Landser Hans Spörl Briefe schreiben müssen. Aufmunterungsbriefe, damit er wusste, dass da jemand in der Heimat an ihn dachte, während er an der Ostfront Krieg führte. Durchhalteappelle, damit er seine Beine für das Vaterland hinhielt. Trostbriefe, denn was hatte ein Bauernsohn aus dem fränkisch-thüringischen Grenzgebiet schon außer seinem nackten Leben, woraus er in der Angst Hoffnung auf eine irgendwie geartete Zukunft schöpfen konnte?

Da war nun immerhin diese Luise Karoline Elisabeth Harth, die sich Carola nannte, wohnhaft zuerst in Kusel, dann in Saarbrücken, dann in Metz, die ihm Briefe zukommen ließ. Und als sie dann aus dem Westen in den Osten des Reiches fliehen musste und nichts hatte und nicht wusste, wohin sie fliehen sollte, da erinnerte sie sich an ihren Brieffreund und machte sich auf den langen, mühsamen Weg nach Franzensbad, um diesen Hans Spörl aufzusuchen, den sie jetzt kennenlernen wollte. Jetzt brauchte sie ihn genau so, wie er sie gebraucht hatte, ohne dass sich beide gekannt hätten.

Bald war sie schwanger. Bald heirateten sie, am 2. September 1944. Bald lebten sie in diesen schönen Maitagen des Jahres 1945 in einer kriegsgeschädigten Villa in Hof, einquartiert mit aus Schlesien geflohenen Adeligen, die Mitleid mit dieser jungen Frau und ihrem Kind hatten und meiner Mutter rieten, den Wurm doch sterben zu lassen, so mickerig wie er war, lohnte sich doch nicht, hatte keinen Sinn. Ihr Verhältnis zur deutschen Aristokratie blieb von solchen Gesprächen getrübt, wie man sich denken kann.

Was haben meine Eltern gefühlt, gedacht, als der Krieg vorbei war, als keine Deserteure mehr an den Laternen hingen, als die amerikanischen Panzer durch Hof rollten und es keine Nazis mehr gab, sondern nur noch innere Widerstandskämpfer? Meine Mutter sagte, das Schlimmste sei die absolute Unsicherheit gewesen, diese grauenhafte Ungewissheit, wie es weiter geht, wovon sie leben sollten, ob mein Vater eine Anstellung finden würde, ob ihr Kind überleben würde, ob sie sich auf den Vater ihres Sohnes Hans-Friedrich würde verlassen können, den sie viel zu wenig kannte, um zu wissen, was er für einer war, ob sie eine Wohnung finden würden, denn in der Villa wollten sie nicht bleiben, und alles hing ja ohnehin davon ab, was die Amerikaner mit ihnen vorhatten, mit ihnen machen würden, mit Deutschland machen würden.

Die Eltern meines Vaters hatten 24 Kilometer entfernt von Hof in Lichtenberg ein Gasthaus und besaßen auch Land, das sie bewirtschafteten. Von den beiden Söhnen, die sie Johann Paul und Paul Johann tauften, war aus Sicht der Mutter der Falsche wieder gekommen, nicht der jüngere, sondern der ältere. Dass er auf Prothesen laufen musste, nannte sie denkwürdigerweise „den Grund für seine Sündenschuld“. Vielleicht meinte sie damit die Schuld dafür, dass er die Sünde begangen hatte, nicht zu sterben wie sein Bruder, oder dass er wenigstens zu Recht seine Beine eingebüßt hatte, wo doch sein Bruder das ganze Leben verlor. Vielleicht stellte sich diese harte Mutter es sich so vor, dass die beiden gewürfelt hatten, wer überleben darf , und was der andere, der starb, dem Überlebenden an Leiden auferlegen durfte, damit der das Glück, am Leben zu bleiben, wenigstens durch Verlust der Beine bezahlen musste. So machte sie den Sohn, der heimkehrte, für den Tod des Sohnes verantwortlich, der nicht heimkehrte.

Seine Eltern sucht man sich nicht aus. Man findet sie vor. Mein Vater fuhr fortan immer wieder nach Lichtenberg und versorgte Frau und Kind mit Brot und Wurst und Eiern und allem Lebenswichtigem. Er fand bald eine Anstellung bei der Alten Volksfürsorge und bekam eine Versehrtenrente. Bald durfte die kleine Familie in eine Wohnung mit Toilette auf dem Flur einziehen. Bald besaßen wir einen VW mit dem Kennzeichen HO – C 204 und fuhren nach Italien in den Urlaub. Bald ging auch meine Mutter arbeiten. Bald bauten meine Eltern ein Haus in der Hügelstraße 33. Ihre Kinder gingen aufs Gymnasium und nahmen das Studium auf, denn ihnen sollte es besser ergehen als den Eltern. Wir waren die Spörls, eine deutsche Nachkriegsvorzeigefamilie.

Als die Mauer fiel, als die Welt zusammenbrach, die im Mai 1945 entstanden war, fragte ich meinen Vater, ob ich mit ihm nach Charkow fahren sollte, dorthin, wo er verwundet worden war. Er wollte nicht. Er war froh, dass er überlebt hatte, im Gegensatz zu seinem Bruder und den vielen andere Kameraden im Krieg.

Als mein Vater starb und ich mit meiner Mutter über die frühen Jahre redete, den Krieg und ihre Anfänge, da sagte sie, er habe ihr damals in Franzensbad wahnsinnig leid getan. Nichts sei einfach gewesen, die Frage, ob Befreiung oder Niederlage, hätte sie nicht gestellt. Es war eine Niederlage und der Rest Glück. Mit meinem Vater sei es später leichter geworden, als sie erst einmal wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. 64 Jahre lang waren meine Eltern Carola und Hans Spörl verheiratet.

Einer soll dürfen, was andere noch nicht dürfen

Die Wochen der großen Einmütigkeit klingen ab. War die Bundeskanzlerin gerade noch umzingelt von Wohlmeinenden, die sie für ihre Umsicht und Entschlossenheit mit Lob überschütteten, lichten sich die Reihen jetzt. FDP und AfD trompeten einträchtig für die Wiederaufnahme des Geschäftslebens unter Beachtung gewisser Regeln. SPD und Union waren sich wochenlang bewundernswert einig, wie das Virus eingedämmt werden kann und welche Einschränkungen dafür notwendig sind. Nun driften sie zumindest in Teilen wieder auseinander.

Zum großen Symbolthema ist die Bundesliga geworden. Sie will den Betrieb wieder aufnehmen. Die DFL hat ein Konzept vorgelegt. Der Fußball soll dürfen, was andere Branchen noch nicht dürfen. Die Saison wird am 16. Mai fortgesetzt. In einigen Wochen wissen wir, wer Deutscher Meister wird und wer absteigt.

An der Bundesliga scheiden sich die Geister, kein Wunder. Gestern bei „Anne Will“ war Armin Laschet der beredte Befürworter für die Fortsetzung des Spielbetriebs, assistiert von Christian Lindner. Beide haben den Kollateralnutzen ihrer Meinung scharf im Blick. Laschet möchte die Kanzlerin beerben, Lindner den Schwefelgeruch vergessen lassen, der ihm seit dem Platzen der Jamaika-Koalition und der Wahl von Erfurt anhängt. Wer sich mannhaft für den Fußball einsetzt, bekommt Beifall von vielen Süd- oder Nordkurven, so viel ist klar.  

Gegen Geisterspiele in Corona-Zeit argumentierten Annalen Baerbock von den Grünen und Karl Lauterbach (SPD). Baerbock, die selber im linken Mittelfeld spielte, führte Gründe der Egalität an: Kinder dürfen nicht auf den Bolzplatz, aber Neuer, Reus & Co dürfen ins Stadion? Geschickter Populismus, könnte man sagen. Lauterbach tritt seit Wochen in Talkshows weniger als Politiker denn als Wissenschaftler auf. Wenn schon Spiele, dann müssten die Spieler aber auch in Quarantäne, schlägt er vor. Klingt virologisch plausibel.

Der Fußball taugt bestens als Symbolthema in diesen Tagen, in denen es um eine sanfte Wiedererweckung der ins Koma versetzten Volkswirtschaft geht. Wo Männer in kurzen Hosen dem Ball hinterher jagen, geht es einerseits um Kapitalismus in Reinkultur und andererseits um tiefenscharfe Emotionen eines mehrheitlich männlichen Publikums, das sich über Klubgrenzen hinweg zu einer Romantik bekennt, die auf Kindheitserlebnisse zurückgeht.

Aus dieser Besonderheit leiten die Matadore der Bundesliga das Recht auf Privilegien ab. Worum es geht, hat Uli Hoeneß in schönster Einfalt geäußert: Geisterspiele, sagte der Erfinder des Festkontos, seien zwar unschön, aber „lebensnotwendig und bedingungslos“. Da keine Zuschauer im Stadion sitzen dürften, könnten ARD und ZDF ja die Spiele übertragen, wofür sie lebensnotwendig an die Klubs zahlen sollen und zwar bedingungslos.

Dass ihm das Sonderrecht, das er für den Fußball beansprucht, entgangen ist, verrät eine Nebenbemerkung über die politische Debatte dieser Tage: Er würde sich sehr freuen, sagte der Uli, „wenn sich manche Öffnungs- und Lockerungsfanatiker, die zurzeit in den Meinungsumfragen nicht so gut abschneiden, etwas mehr zurücknehmen würden. Es kann nicht sein, dass für eine oder zwei Wochen mehr Spaß auch nur ein einziger Mensch mehr stirbt. Das kann keiner von uns verantworten“.

Das Risiko, dass sich Fans, die sich vor den Stadien oder privat zu den Spielen treffen, weil Fußball im Kollektiv noch schöner erlebt wird, mit Corona infizieren, gibt es durchaus. Sollte irgendjemand mal dem Uli sagen, dem Lösungsfanatiker, der sich über andere Lösungsfanatiker erregt.

Die Bundesliga schafft einen Präzedenzfall. Präzedenzfälle sind eigentlich dazu da, Maßstäbe zu straffen. Diesmal aber werden Maßstäbe gelockert.

Deutschland besteht aus Sparten und Branchen, die „lebensnotwendig und bedingungslos“ wieder ins Spiel kommen wollen. Schätzungsweise 50 Milliarden Euro fehlen der deutschen Volkswirtschaft Woche für Woche. Allein in Berlin werden normalerweise abendlich 60 000 Karten für Konzerte und Theater, für Shows und Revuen verkauft. Davon profitieren auch Restaurants, Bars und Klubs.

Notleidende Sektoren gibt es überall in Deutschland. Dabei handelt es sich um Konzerne und den Mittelstand, um Kleinunternehmer und Ein-Mann-Betriebe. Das Leben in den Städten steht deshalb surreal still und die Rezession entfaltet sich. Aus Einsicht in die Notwendigkeit halten sich die meisten Deutschen an die Regelungen, auch im Vertrauen darauf, dass Merkel/Scholz/Spahn und die anderen bei aller Ungewissheit das Richtige im richtigen Tempo angehen.

Doch das Regieren in der Corona-Zeit wird jetzt schwieriger. Ich würde der Bundesregierung wünschen, dass sie weiterhin in kurzen Abständen überprüfen könnte, welche Auswirkungen ihre Lockerungsübungen haben:  Wie viele Menschen sich infiziert haben, wie viele gestorben sind – eben wie der Sachstand ist. Um dann auf dieser Grundlage zu entscheiden, ob die Kitas geöffnet werden können und die Restaurants und irgendwann alles andere auch, unter bestimmten Regeln, solange es keine Medikamente gegen Corona gibt.

Fromme Wünsche. Mit der Ruhe ist es vorbei, weil es mit der großen Einmütigkeit vorbei ist und mit der Gleichheit für alle Teile der Volkswirtschaft auch.

Veröffentlicht gestern auf t-online

Wo er war, war auch ein bisschen Karneval

Nachruf auf Norbert Blüm

Zuletzt sah ich ihn 2018 beim Deutschen Radiopreis, er zeichnete einen Münchner Moderator für die beste Nachrichtensendung aus und wetterte auf der Bühne darüber, dass die Pest des Nationalismus wiederkehrt sei und schrie gleich mehrmals in den Saal: „Habt Ihr denn nichts gelernt?“ Der Beifall brauste auf und animierte ihn dazu, sich noch einmal noch lauter über die neue deutsche Rechte aufzuregen.

Es war herrlich, wie es oft herrlich war, diesem kleinen Mann mit der Nickelbrille beim Aufregen zuzuhören. Nie war er langweilig, immer war er leidenschaftlich und oft genug lustig dazu. Man konnte ihm gar nicht böse sein, auch wenn er mindestens einmal zu viel sagte: Die Rente ist sicher.

Wenn er sprach, war etwas los

Norbert Blüm war und blieb ein Menschenfreund und das ist bemerkenswert, wenn sich ein Mensch viele Jahrzehnte in der politischen Welt bewegt, die anderen Gemüter die Lebensfreude austreibt. Ergriff er im Bundestag das Wort, blieben die anderen Abgeordneten sitzen, weil gleich was los sein würde. Wo Blüm war, war ziemlich zuverlässig auch ein bisschen Karneval.

Wer so ist, bleibt versöhnlich, behandelt Gegner nicht als Feinde und schmäht sie nicht. Er hält Grenzen ein und geht davon aus, dass andere sie auch nicht verletzen. Es ist ein grundsätzlicher politischer Konsens, in dem sich Norbert Blüm und seine Zeitgenossen bewegten. Es ist die alte Bundesrepublik mit ihrer korporativen Marktwirtschaft, die seinen Gedankenkreis bildete.

Verwurzelt in der katholischen Soziallehre

Was die CDU ursprünglich einmal sein wollte, lässt sich an ihm studieren. Verwurzelt war er in der katholischen Soziallehre, die dem Kapitalismus skeptisch gegenüberstand. Diesen Geist durchzog das berühmte Ahlener Programm von 1947, in dem solche Sätze standen:

„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“

Ganz verlassen hat ihn der Ahlener Geist nie. Ich kann mir gut vorstellen, wie er sich privat über die Hütchenspieler in den Banken und der Automobilindustrie aufgeregt hat. Eine Blüm-Schule der leidenschaftlichen Erregung hat er leider nicht gegründet.

Ein weiter Weg

Norbert Blüm ging einen weiten Weg. 1935 geboren, Kriegskind, Arbeiter-Eltern. Nach der Volksschule (wie es damals hieß) lernte er Werkzeugmacher beim Opel in Rüsselsheim. Fünf Jahre später holte er das Abitur nach und studierte Philosophie und Geschichte und Theologie und Germanistik – Spätzünder können gar nicht genug Bildung aufsaugen.

Für die Politik entdeckte ihn Helmut Kohl, der in seinen Mainzer Anfängen ein Menschenfischer ungewöhnlicher Talente war: Heiner Geißler gehörte dazu, Richard von Weizsäcker auch. Kohl war Blüms Schicksal: als Arbeitsminister, als CDU-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen. Er kam 1982 mit Helmut Kohl, er ging 1998 mit Helmut Kohl. Er war ihm nahe und dann brach er mit ihm, als Kohl einige Spender nicht nennen wollte, die ihm milde Gaben für die CDU zukommen ließen, weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben hatte.

Versöhnlich wie Blüm nun einmal bei aller Aufwallungsbereitschaft war, versuchte er im Alter die Annäherung. Zwei Briefe blieben unbeantwortet. Kohl war keiner, der sich aus der Verbitterung vertreiben ließ.

Er gehörte zur kleinen Hauptstadt am Rhein

Norbert Blüm, das sonnige Gemüt, war Bonn, nicht Berlin. Er gehörte in die Zeit, in der die kleine Stadt am Rhein Hauptstadt war. Dort lebte er mit Frau und Kindern, ging in die Kneipen, in die wir auch gingen, war gesellig und frohsinnig und ließ am liebsten fünf gerade sein. Niemandem war er dauerhaft gram. Niemand war ihm dauerhaft gram.

Manchmal wissen wir erst im Tod, was wir verlieren: nicht nur einen Menschen, sondern auch ein Gemüt, ein Gedankengebäude, eine kulturelle Prägung. All das ist mit ihm dahin, und wir vermissen es zu Recht.

Veröffentlicht heute auf t-online.

Der Kampf ist eröffnet

Normalerweise lese ich Sonntag Spielberichte und studiere die Bundesligatabelle. Da wir aber im Ausnahmezustand leben, schaue ich mir die Corona-Tabelle an, die das Robert-Koch-Institut Tag für Tag veröffentlicht. Gestern waren mehr als 140 000 Menschen infiziert; knapp 90 000 davon haben es hinter sich und sind gesund; im Vergleich zur Vorwoche ging die Zahl der Neuerkrankten zurück, worin wir ein gutes Zeichen sehen sollten, sagen die Virologen, die mir Nachhilfe beim Verständnis der Zahlenflut erteilen. Fast 5000 Menschen sind in Deutschland gestorben, mögen sie in Frieden ruhen.

Es geht voran, es gibt Grund zur Zuversicht, aber nur in Maßen. Vom Gesundheitsminister stammt der Satz, am Freitag ausgesprochen, dass das Virus „beherrschbar“ sei – „beherrschbarer“ schob er rasch nach, damit bloß kein Missverständnis entsteht. Worte wollen sorgfältig gewählt sein. 

„Beherrschbar“ hätte Normalität bedeutet und nicht nur vorsichtige Lockerung der Kontaktsperre, wie sie die Regierung verkündete. „Beherrschbarer“ klingt verhalten und meint dem Sinne nach: Bloß nicht ungeduldig werden, bloß nicht denken, wir sind schon über den Berg, es geht weiter wie bisher, mit ein paar Veränderungen, okay?

In kleinen Schritten geht es voran, in Kinderschritten. Das ist folgerichtig, weil weder ein Medikament bereit steht, das den Erkrankten Linderung bringen könnte, geschweige denn ein Impfstoff erfunden wäre, der diese tückische Lungenkrankheit besiegen würde. Die Suche dauert an, zieht sich hin, vielleicht nur bis in den Herbst, vielleicht aber auch ins nächste Jahr. Niemand weiß mehr, niemand kann mehr versprechen.

Große Schritte hätten wir alle gerne, sie sind aber nicht angebracht. Sie kämen zu früh, sagen Merkel/Scholz/Söder/Spahn. Sie wären möglicherweise kontraproduktiv, sagen die Virologen. Klingt plausibel, also halten wir auf Abstand im schönsten Frühlingswetter. Verschieben Reisen, bangen um den Sommerurlaub und unsere schöne Freiheit. Macht immer weniger Spaß, muss aber sein, oder?

Unsere Gesundheit hat Vorrang. Deshalb müssen wir uns noch lange gedulden, das wissen wir seit der letzten Pressekonferenz der Kanzlerin. In Wahrheit wird bis zum Jahresende, mindestens, nichts Größeres passieren: keine vollen Fußballstadien, keine vollen Konzerthäuser, keine vollen Theater, keine vollen Kinos, keine vollen Klubs oder Restaurants, weder gästereiche Geburtstagsfeiern noch Bälle noch Weihnachtsfeiern und so weiter und so fort.

Ironischerweise ist die Länge des Ausnahmezustandes eine Folge unserer Geduld. Im Ausland preisen sie die Deutsch dafür: für ihre Disziplin, für das intakte Gesundheitssystem, für den Pragmatismus der Regierung, für die umfassende Staatshilfe für die Kleinen wie die Mittleren wie die Großen im Wirtschaftsprozess. Verglichen mit den USA und Großbritannien, mit Frankreich oder Italien, geht es uns gold mit unserem Gesundheitswesen und dem Sozialstaat.

Stimmt ja auch, ist gut so, hat aber eine Kehrseite, wie alles eine Kehrseite hat.

Ich habe noch Angela Merkel im Ohr, die uns sagte, dass 60 bis 70 Prozent aller Deutschen sich infizieren müssten, damit die Herdenimmunität erreicht sein werde, womit unser aller Schutz vor Infektion gemeint ist. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Daß die Infektionskurve abgeflacht ist, worauf es ja ankommt, damit die Krankenhäuser funktionstüchtig bleiben, bedeutet eben auch, dass der Gesamtprozess lange dauern wird, länger als anderswo.

Kleine Schritte ja. Große Schritt nein. Kann das gut gehen?

Momentan gilt der Primat unserer Gesundheit. Darüber können wir uns kaum beschweren. Dafür hat sich die Kanzlerin entschieden und deshalb hat sie unser Vertrauen, noch. Die spannende Frage ist nur, ob sie das so lange durchhalten kann, wie es die Logik ihrer Politik verlangt. 

Es ist ja nicht zu übersehen, wie der Unmut in der Wirtschaft wächst, die von den kleinen Schritten nicht begünstigt ist. Sie verlangt nach großen Schritten, sie will mehr, anderes. Galeria Karstadt Kaufhof will das Recht auf Wiedereröffnung sogar vor Gericht erstreiten. Wenn das Sommergeschäft ausbleibt, gehen Hotels und Gaststätten massenweise pleite, sagt die Lobby des Gewerbes. Wie die unvermeidliche Rezession ausfällt, hängt von der Fixierung auf kleine Schritte ab.

Ein klassischer Konflikt zwischen Gesundheit und Ökonomie zeichnet sich da ab. Er steckte von Anfang in der Corona-Krise, erst latent und nun eben manifest. Die Argumente werden in den nächsten Tagen und Wochen mit zunehmender Schärfe ausgetragen werden. Jede Seite hat für sich recht, was die Sache nicht einfacher macht, sondern erschwert.

Der politische Kampf ist eröffnet. Und wir entscheiden mit darüber, wer sich durchsetzt – mit der Geduld, die wir bewahren oder verlieren, und dem Vertrauen, das wir weiterhin in die Kanzlerin setzen oder ihr entziehen.

Veröffentlicht heute auf t-online.de

Stimmen aus dem Jenseits

Nebeneinander habe ich zwei merkwürdige Bücher gelesen, die mich noch immer beschäftigen, ohne dass ich Spaß am Echo, das sie in mir auslösen, finden könnte. Der Grund ist die Perspektive, aus der die beiden Autoren erzählen. Sie erzählen aus dem Jenseits.

Das eine Buch hat Ian McEwan geschrieben: „Nussschale“. Eigentlich ist es ein Kriminalroman, denn ein Mord geschieht, begangen von der Ehefrau und ihrem Geliebten, der zugleich ihr Schwager ist. Der Geliebte ist ein Schwachkopf. Was sie an ihm fasziniert, wird beschrieben auf vielen Seiten: der Sex. Über Sex verständigen und bestätigen sie sich. Denn davor und danach pesten sie sich, können nichts miteinander anfangen und leben mit viel Alkohol in den Tag hinein. Nur wenn sie über den Mord an dem Gatten und Bruder phantasieren, sind sie sich nahe. Das heruntergekommene große Haus, das eigentlich dem Gatten gehört, wollen sie nach dem Mord verkaufen und vom Erlös ausschweifend leben.

Der Gatte ist schwach. Er schreibt erfolglos Gedichte, die er im Eigenverlag druckt. Er liebt noch immer die untreue Ehefrau. Immer mal wieder kommt er vorbei, liest ihr eines seiner neuen Gedichte vor, schaut sie hungrig an, hofft darauf, dass er bleiben darf und lässt sich dann von ihr wie ein lästiger Vertreter für Geschirrhandtücher aus dem Haus komplimentieren. Sie fühlt sich gut, sie lebt auf, wenn sie ihn demütigen darf.

Sie ist ein Miststück, er ist ein lieber Kerl. In ihr wachsen Mordphantasien. In ihm reifen Gedichte. Am Ende seines Lebens winkt ihm eine Glückssträhne. Seine Gedichte sind für den Auden-Preis nominiert. Beschwingt rafft sich auf, er trifft Entscheidungen. Er will in das Haus einziehen und es renovieren. Seine Frau und sein Bruder sollen schleunigst ausziehen. Bei seinem letzten Besuch ist eine junge Frau an seiner Seite. Seine Muse, folgert die plötzlich eifersüchtige Ehefrau messerscharf.

Der Schwächling zeigt Stärke. Er muss sterben. Die beiden inszenieren den Mord als Selbstmord. Er stirbt am Steuer seines Autos. Die beiden Mörder sind nicht schlau genug für den perfekten Mord, wen wundert’s. Die Polizei fährt vor.

Shakespeare lässt grüßen. Der Bruder raubt dem Bruder die Frau. Gemeinsam bringen sie den Ehemann um. Die Aussicht auf Mord zwingt sie zusammen. Die Ausführung treibt sie auseinander. Außer Lust hält sie nichts zusammen.

Die Perspektive, aus der die „Nussschale“ erzählt wird, ist ungewöhnlich. Das Jenseits ist das ungeborene Kind. Es redet, kommentiert und reflektiert wie ein Erwachsener. Bangt um den Vater, findet den Onkel schrecklich, der ständig mit der Hochschwangeren Sex haben will, was ihr mindestens genauso gut gefällt, aber den Fötus einengt. Ihm graut davor, in diese Welt geworfen zu werden. Er liebt und hasst seine Mutter. Als die Polizei läutet, platzt die Fruchtblase. Es gibt kein Entrinnen vor dem Leben.

Dass ein werdendes Kind zum Erzähler wird, ist ein literarischer Kniff. Man kann ihn gut oder schlecht finden, gelungen oder misslungen. Ich finde ihn nur halbwegs gelungen. Konventionell erzählt, hätte daraus ein richtig gutes Buch werden können. Die künstliche Perspektive lenkt nur ab. Das Kind im Leib der Mutter berichtet vom unangenehmen Druck des Penis, von der berauschenden Ankunft des Weins, vom ungestillten Hunger und der Angst vor dem Leben. Was soll’s?

Das andere Buch heißt „Post Mortem“, Michael Jürgs hat es todkrank geschrieben. Er war ein vorzüglicher Geschichtenfinder, ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. Ich kannte ihn nicht besonders gut, aber gut genug, um von ihm beeindruckt zu sein. Wenn ich ihn traf, hatte er immer schon alles gelesen, gesehen und gehört und teilte gern.

Dieses Buch handelt vom Tod und vom Leben im Jenseits danach. Dort erfährt Michael Jürgs von seinem Bruder, warum der sich damals umgebracht hat, da war er 20 Jahre alt. Er hört zu, als Roger Willemsen ein Gespräch mit Henri Nannen, Rudolf Augstein, dem Senator Burda und Axel Springer moderiert. Er trifft Gutenberg (den Buchdrucker) und Einstein, Picasso und Steve Jobs. Er trifft viele, die zu seiner Zeit lebten und vor ihm gegangen waren.

Das ist kapitelweise amüsant, aber der wehe Spaß an der Lebenskraft im Dahinsterben verging mir dann doch. Ich fühlte mich schlecht dabei, pietätlos, ich wollte ihm die epische Ausschweifen gönnen. Ich dachte mir, dass die Erinnerungsseligkeit auch ein großer Schmerz gewesen sein muss. So viel Verlust, so viele gestorbene Freunde oder auch Feinde. Dazu das Wissen, dass er ihnen bald folgen wird – und zugleich dieser letzte Triumph über den Gevatter Tod, dem er das Schreiben abrang, 270 Seiten lang. Auf ihnen konstruiert er sich ein irgendwie geartetes Jenseits, weder Himmel noch Hölle, nur ein Sammelort zur Einkehr für die Verstorbenen. Dort will er hin, wenn sich das Sterben schon nicht vermeiden lässt.

Dass sich Michael Jürgs eine Geschichte für sein Leben nach dem Tod ausdachte, ist typisch Jürgs. Aber ich hätte liebend gerne konventionelle Memoiren aus seiner Feder gelesen. Nachkriegsgeschichte von einem, der 1945 geboren wurde, alles erlebt und alle gekannt hat. Ein politischer Mensch sondergleichen, Spurensucher und Interviewkünstler. Schade, dass er lieber über andere schrieb und sie im Irgendwo zu treffen gedachte, die Weggenossen, die noch eitler waren und in aller Selbstverständlichkeit größer von sich dachten als er, was nun wirklich nicht gegen ihn spricht.

Heute Abend läuft auf Arte „Drei Tage in Quiberon“. Ich schaue mir den jungen Herrn Jürgs an, der die schöne, traurige Romy Schneider im Jahr 1981 eigentlich nur interviewen soll, aber daraus entsteht etwas anderes: eine Lebensbeichte, eine Seelenschau. Und daraus wiederum entsteht Jahre später ein beeindruckendes Buch über Romy Schneider. Doch das ist eine andere Geschichte.

In Angela Merkels Schuhen

Gestern waren wir im Sonnenschein am Teltow-Kanal spazieren. Ein Schlepperverband fuhr leer vorbei, und wir dachten schon, er liege zu hoch, um durch den Brückenbogen zu passen, war aber nicht so. Zwei Radfahrer überholten uns, eine ganze Reihe Motorboote lagen eingemottet am Gegenufer. Auf dem Rückweg durch den Wald fanden wir einen kleinen See, an den eine ausladende Wiese grenzte. Drei Menschen saßen auf einem Baumstamm, den Zeichenblock vor sich, und malten dieses Idyll, konzentriert und schweigsam. Ein Hund sprang ins Wasser und holte den dicken Ast mit kläffender Begeisterung heraus.

Die Welt kann seltsam friedlich sein. Unwirklich. Unheimlich. Die Diskrepanz ist ja auch zu grell. Der Himmel so blau und das Virus so tödlich. Spazierengehen in Gottes freier Natur und täglich neue Horrorzahlen. Ich zähle zu den Risikopatienten, denen das Virus schwer zusetzen kann, wenn es mich heimsucht. Ich hatte als Jugendlicher Tuberkulose und verbrachte ein halbes Jahr in einem Lungenheilsanatorium. Das vergisst man nie mehr, das steckt tief im Gemüt, auch bei mildem Sonnenlicht und dem blauesten Himmel. Mir macht es keinen Spaß, die Quarantäne einzuhalten, aber besser als der Tod ist Selbstdisziplin allemal.

Die dritte Woche im Ausnahmezustand ist vorüber. Auf den Balkonen singen und klatschen sie nicht mehr, wie schade. Die Spontanität hat sich ein bisschen erschöpft, ist eben so. Immerhin schlagen die Tageszeitungen unverdrossen ganze Seiten frei und stellen  Alltagshelden vor, die das Land am Laufen halten: die Altenpflegerin, den Lkw-Fahrer, die Ärztin, den Restaurantbetreiber, der die Speisekammer weg kocht und das Essen unentgeltlich an Krankenhäuser oder Polizeistationen ausliefert. 

Nach wie vor lassen sich etliche Menschen einiges in der Not einfallen, was das Herz wärmt. Die Soziologen, die Experten für gravitätische Begriffe sind, sagen dazu: Die Zivilgesellschaft tritt in die Lücke ein, die der Staat lässt. Ist gut so, muss so sein, diese Nachbarschaftshilfe ist wunderbar –  österlich ausgedrückt: diese christliche Nächstenliebe im Ausnahmezustand.

Die Geduld hält an, so sieht es zumindest aus. Klaglos standen am Samstag in Berlin lange Schlange vor dem Schlachter, dem Bäcker,  dem Obstladen, dem Supermarkt. Polizeiautos fuhren durch die Gegend, inspizierten Spielplätze, Parks und Wochenmärkte. Kein Aufruhr, wenig Ärger, Abstand und Anstand. Die Obstfrau auf dem Winterfeldmarkt verabschiedete ihre Kunden mit einem flotten Spruch, der zm Nachdenken einlädt: Bleiben Sie gesund und demokratisch!

Gesundheit ist Glückssache, kein Verdienst. Man steckt sich an oder nicht. Man stirbt oder nicht. Das Leben kann auch Lotterie sein. Das Virus trifft, wen es trifft. Es trifft nicht, wen es nicht trifft. Eine 101 Jahre alte Frau überstand die Lungenkrankheit, habe ich gestern gelesen, wunderbar. Würde ich sie überstehen?

Demokratisch bleibt das Land ganz bestimmt. Oder haben Sie Zweifel? Ich kenne eigentlich niemanden, der nicht in aller Ruhe davon ausgeht, dass wir uns irgendwann wieder öffentlich mit vielen Leuten treffen können – dass wir tun und lassen können, was wir wollen, ohne dass uns die Obrigkeit auseinander treibt. An Angela Merkel war noch vor ein paar Wochen mehr zu kritisieren als momentan, aber autoritärer Anwandlungen hat sie niemand bezichtigt.

Jetzt steht die vierte Woche an. Am Mittwoch schalten sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten zusammen und  entscheiden darüber, wie es weiter geht. Auflockern oder weiter so, das ist die Frage. Wenn Geduld und Vertrauen nicht bröckeln sollen, muss die Bundesregierung weiterhin so klug handeln, wie sie bislang gehandelt hat. Der Rat der Wissenschaftler ist wichtig, aber die politische Entscheidung ist komplexer. So ist das eigentlich immer, aber diesmal hängt noch gewaltig mehr vom richtigen Timing ab.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Kanzlerin und müssen sich durch dieses Labyrinth bewegen: Mittelstand und Industrie mahnen zur Eile. Kleine Geschäfte wie Friseure, Buchläden, Cafés, Boutiquen gehen pleite oder stehen kurz davor. Die Mitarbeiter raten Ihnen, Sie sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Das Reden überlassen Sie an Ostern dem Bundespräsidenten, der die Krise zur Charakterfrage erklärt.

Die Virologen raten von einer Lockerung ab, da die Pandemie ihren Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Armin Laschet, der Sie beerben will, gibt seine abweichende Meinung zu erkennen und profiliert sich auf ihre Kosten. Die beiden SPD-Vorsitzenden verlangen Steuererhöhungen für die Reichen, der bayerische Ministerpräsident ist für Steuersenkungen nach Corona, um den Konsum zu erleichtern und damit die Wirtschaft anzukurbeln.

In den Talkshows hagelt es Meinungen, was in Deutschland auf dem Spiel steht. Intellektuelle sagen mit gewichtigen Worten, das Land halte dieses künstliche Koma nicht lange aus.

Und dazu Tag für Tag mehr Infizierte und mehr Tote.

Schwieriger kann eine Entscheidung gar nicht sein. Niemand ist zu beneiden, der sie treffen muss. Selten ging es in den letzten Jahrzehnten um so viel wie heute. Da können wir nur Glück für das richtige Timing wünschen, in unserem eigenen Interesse.

Veröffentlicht an Ostermontag auf T-Online.

Im Mainstream, ausnahmsweise

Ich habe eigentlich etwas gegen Mainstreams. Mir fällt dann immer ein, was dagegen spricht. Ich vermute notorisch, dass einige aus Denkfaulheit, Opportunismus oder Apathie mitmachen. Das war so, als Lustangst wegen des bevorstehenden Nuklearkriegs kursierte, als der Wald starb oder die Inflation nach der Weltfinanzkrise 2007/8 drohte und der Euro platzen sollte oder die Rechte die übernächste Bundestagswahl gewinnen würde, ganz bestimmt und unabänderlich.

Wir alle wissen nicht, ob die Einschränkungen unserer Freiheit so dringend notwendig waren, wie sie eingeführt wurden. Wie die Regierung in Gestalt von Kanzlerin/Finanzminister/Gesundheitsminister argumentierte, klang es mir plausibel. Ja, ich habe Vertrauen in die Regierung. Mir macht sie nicht den Eindruck, dass sie unter totalitären Anwandlungen leidet. Ich verlasse mich darauf, dass die Maßnahmen so schnell wie möglich aufgehoben werden, meinetwegen Schritt für Schritt.

Diesmal bin ich aus Überzeugung in dem Mainstream, der mit dem Vorgehen der Regierung in Zeiten von Corona einverstanden ist und Geduld übt und den Frühsommer dort draußen genießt und dabei Abstand hält und das Beste aus dem Schlechten macht.

Natürlich schaue ich mich nach anderen Meinungen um, ob ich etwas übersehe, ob mir was entgeht, ob ich falsch liege mit meinem skeptischen Optimismus. Im „Spiegel“ dieser Woche steht ein Streitgespräch zwischen Katja Suding (FDP) und Karl Lauterbach (SPD). Katja Suding hatte diesen Satz getwittert, mit dem sie die erhoffte Aufregung auflöste: „Was ist das Leben wert, wenn wir uns die Freiheit zum Leben nehmen lassen?“ Sie spielte nicht etwa auf einen Artikel, einen Essay oder ein Buch über den Widerstand unter Hitler an. Was wie Hannah Arendt klingt, ist O-Ton-Suding und ein Kommentar zur Lage der Nation im Bann von Corona.

Als ich den Satz zum ersten Mal las, dachte ich, sie meint: lieber tot als unfrei. Meinte sie aber nicht. Im Grunde meinte sie gar nichts, was ihr aber zu einem Streitgespräch im „Spiegel“ verhalf, in dem sie dann anderes gemeint haben wollte, was sie eingehend interpretierte, womit sie sich zwar immer weiter vom ursprünglich Satz entfernte, aber egal. Sie sagte, sie wollte nur mal darauf hinweisen, dass ökonomisch gesehen Existenzen auf dem Spiel stehen und Ungewöhnliches mit unseren Grundrechten passiert, was umgehend wieder zurechtgerückt werden muss. Als hätte irgendjemand bezweifelt, dass die Rückkehr zur demokratischen Normalität mit freiem Zugang zur Öffentlichkeit dem jetzigen Zustand vorzuziehen wäre.

Es ist ja auch nicht einfach für die Parteien, die in der Opposition sind. In der Stunde der Exekutive, die von einer überragenden Mehrheit mit Vertrauen bedacht wird, fallen sie nicht auf. Die FDP ist ohnehin übel dran, weil sie zwei schwere Fehler begangen hat: Ihr hängt das Platzen der Jamaika-Koalitionsverhandlungen an und auch Erfurt, als sich einer der Ihren in aller Naivität von der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Beide Fehler sorgen für ziemlich starken Schwefelgeruch.

Die Linke hält sich zurück. Vielleicht nutzt sie die Pause zur Selbstbesinnung oder jedenfalls zur Selbstbetrachtung. Den Charme des Underdogs mit besonderer Pflege der DDR hat sie eingebüßt. Im Osten fällt sie inzwischen unter Establishment, ein Umstand, der sie nicht amüsiert. Schließlich stellt sie die stärkste Partei und den Regierungschef in Erfurt, wenn auch auf Abruf.

Am meisten haben die Grünen zu verlieren. So schön waren sie auf dem aufsteigenden Ast, so schön profitierten sie von der Schwäche der Volksparteien, die längst keine mehr sind, aber mit dem Akzeptieren Schwierigkeiten haben. In der verloren gegangenen Normalität trieben die Grünen unter Habeck/Baerbock schier unaufhaltsam nach oben, aber nichts ist unaufhaltsam, auch wenn die Ereignisse nicht abzusehen sind, die plötzlich vieles unter neuem Licht erscheinen lassen. Was tun? Freundlich bleiben. Pragmatisch bleiben. Die Regierung loben. Good governance einfordern. Abwarten. Hoffen.

Die AfD hat es am Schwersten, was ich bestimmt nicht bedaure. Ihr ist der Feind abhanden gekommen. Sie kann nicht sagen, was sie am liebsten sagt: nein und alle weg und alles muss anders werden. Den starken Staat, den sie liebt, gibt es jetzt. Und weil die Rechte keine Beachtung findet, beschäftigt sie sich mit sich sich selber. Jörg Meuthen hat ausgesprochen, worum es geht. Vermutlich kommt es jetzt noch nicht zur gewünschten Spaltung, aber der Spaltpilz sitzt in der AfD und wird seine Wirkung entfalten, darauf kann man sich einigermaßen verlassen.

Ostern steht bevor. Das Wetter wird schön und warm. Am 19. April wissen wir mehr darüber, wie lange der Ausnahmezustand anhalten wird und wann wir zur Normalität übergehen. Österreich beginnt vorsichtig damit. Wir bald auch, oder?

Wie verhindern wir die nächste Pandemie?

Während wir uns in Geduld üben, um die uns die Bundeskanzlerin bittet, und uns fragen, ob wir denn wenigstens in den Sommerurlaub fahren können, schreiben bestimmt schon etliche Menschen an Büchern über das Leben mit Corona: in Romanen wie in Sachbüchern. Die Rechte an einem Augenzeugenbericht aus Wuhan, der Quelle des Virus, sind schon verkauft.Über die Symptome wissen wir Bescheid, weil wahrscheinlich jetzt schon jeder jemanden kennt, den es erwischt hat oder der es es überstand. An jedem Morgen erfahren wir, wie viele Menschen seit gestern erkrankt und wie viele davon gestorben sind. Wirklich gespenstisch, wirklich surreal das alles.

Deutschland ist gut daran, aber das kann uns auch nicht beruhigen, weil der Infektions-Höhepunkt erst bevor steht, wie uns die Wissenschaftler vorwarnen. Vor Ostern? Nach Ostern? Unsere Regierung hat die richtigen Vorkehrungen getroffen, wir halten die neuen Regeln meistens ein, wir haben ein vorzügliches Gesundheitssystem, wir flachen die Kurve ab, aber das Virus verschont uns trotzdem nicht. Nicht leicht, geduldig zu bleiben.

Wir bleiben im Bann der Lungenkrankheit, solange kein Medikament gefunden wird, das helfen kann. Wann wird es gefunden Bis Weihnachten? Bis nach Weihnachten? Wissenschaftler weltweit fahnden nach einem Impfstoff. Es dauert, sagen sie uns, es zieht sich hin. Und immer sollen wir uns in Geduld üben.

Spätestens dann, wenn alles vorbei sein wird, wird es um Prävention fürs nächste Mal gehen: Wie lassen sich solche Viren vermeiden?

Wie sie entstehen, wissen wir: Sie springen von anderen Säugetieren auf den Menschen über. So war es bei Sars vor 18 Jahren. Tierkrankheiten werden zu Menschenkrankheiten, an denen Menschen sterben.

Donald Trump hat in seiner Ich-nehme-das-nicht-so-ernst-Phase getwittert, Corona sei ein chinesisches Virus. Er meinte damit, Amerika müsse sich nicht davor fürchten. Aus den falschen Gründen hatte er Recht.

Vom Tier auf den Menschen werden Viren auf den Wildtiermärkten übertragen, die in China eine lange kulturelle Tradition haben. Dort werden getötete oder gefangene Tiere verkauft, die von den Käufern meistens gegessen werden. Sars fand im Jahr 2002 seinen Weg über Larvenroller, das sind kleine fleischfressende Wildkatzen, hinüber zum Menschen. Die Larvenroller hatten sich zuvor bei Fledermäusen mit Sars infiziert, bevor sie auf den Markt kamen.

Meine Weisheiten verdanke ich einem Aufsatz, den der Evolutionsbiologe Jared Diamond mit dem Virologen Nathan Wolfe in der „Washington Post“ schrieb und den die „Süddeutsche Zeitung“ nachdruckte. Diamond erlangte im Jahr 2012 mit seinem Bestseller „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ Weltruhm.

Wildmärkte gibt es nicht nur in China, sondern aus anderswo in Asien und darüberhinaus in Afrika. Ebola entstand im Jahr 2006 unter ganz ähnlichen Umständen in Westafrika. „Es gibt dort lebende Tiere, also liegen dort überall Fäkalien herum. Es gibt Blut, weil die Leute sie dort zerhacken“, sagt Peter Daszak, der Leiter der Organisation EcoHealth Alliance zu den Gepflogenheiten. Das globale Reisen und der globale Handel tragen dazu bei, dass sich eine Infektion sehr viel schneller ausbreitet. China ist ein Sonderfall wegen seiner schieren Bevölkerungszahl. 

Noch gibt es keine wissenschaftliche Beweise dafür, dass Covid-19 sich genauso wie Sars verbreitete. Aber die chinesische Regierung geht schon mal davon aus. Denn sie schloss diese Märkte und verbot den Handel mit Wildtieren. Auch das ist ein starker Eingriff in Lebensgewohnheiten. Wildtiere sind für viele Chinesen eine Delikatesse.

So weit, so gut. Allerdings gebe es eine zweite Bezugsquelle für den Handel mit Wildtieren: die traditionelle chinesische Medizin, schreiben Diamond/Wolfe. In ihr sind zum Beispiel die Schuppen des Schuppentieres beliebt, das ist ein kleines ameisenfressendes Säugetier, dem hemmende Wirkung gegen Fieber, Hautinfektionen und Geschlechtskrankheiten zugesprochen wird. Ideale Bedingungen, schreiben die beiden Autoren, dass tierische Mikroben den Menschen infizieren und krank machen und sterben lassen.

An Sars starben weniger als 1000 Menschen, an Ebola rund 11 000. Und an Covid-19?

Die Zahl wird höher liegen, viel höher, das wissen wir heute schon. Und Covid-19 hat viel tiefer in das Gefüge der Welt eingegriffen als jede andere Pandemie. Die langfristigen Auswirkungen können wir heute nur erahnen: politisch und wirtschaftlich, sozial und kulturell. Der Blick und die Zukunft fällt bei Diamond/Wolfe niederschmetternd aus: „Es gibt keinen biologischen Grund, warum zukünftige Epidemien nicht mehrere Hundert Millionen Menschen töten und den Planeten in eine jahrzehntelange Depression stürzen könnten.“

Muss nicht so kommen, geht auch anders. Wird der Handel mit wilden Tieren dauerhaft verboten, wird das Risiko enorm gesenkt. Die chinesische Regierung müsste eigentlich ein Interesse daran haben, denn sonst entsteht in ihrem Land die nächste Pandemie, die auf andere Kontinente überspringt.

Veröffentlicht bei t-online, heute.