Flut, Kamera und Kanzler

Heute reiste unser aller Bundeskanzler in das Städtchen Sangershausen und stand am Deich an der Helme-Brücke, begutachtete ihn kritisch und riet ihm dringend, doch gefälligst den Wassermassen standzuhalten. Ob sich der Deich davon beeindrucken lässt? Na ja, warum nicht.

Kameras sind besonders dann unbarmherzig, wenn sich ein herausgehobener Mann des Staates in Gummistiefeln und Regenjacke der Flut nähert, die Deutschland öfter als früher heimsucht. Sie halten drauf, wenn der Landesfürst eine längliche Rede hält und den Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk ausgiebig lobt, während der Bundeskanzler auf seinen Einsatz wartet. Olaf Scholz stand am Silvestertag in Verden minutenlang neben dem Ministerpräsidenten Stefan Weil, der den richtigen Ton und die richtigen Worte fand. Was sollte der Kanzler in der Zwischenzeit machen? Was ist der angemessene Gesichtsausdruck? Wie zaubert man Betroffenheit und Mitleid in ein Gesicht, das sich Ausdruckslosigkeit antrainiert hat?

Olaf Scholz kann ohnehin momentan nichts machen, ohne dass es gegen ihn ausgelegt würde. In Sangershausen beschimpften sie ihn. In Verden fanden sich Anwohner, die in die Kameras sprachen: Bin enttäuscht, hatte mehr erwartet. Ja, was denn eigentlich? Und dienen die rhetorischen Fragen der Journalisten, die arglose Zeitgenossen zu Großkritikern erheben, der Wahrheitsfindung?

Zum Glück hat der Dauerregen dieser Tage noch kein ganz großes Unheil angerichtet. Menschen sind bisher nicht zu Tote gekommen. Aber in ganz Deutschland schwellen Flüsse an, in Franken wie in der Oberpfalz, in Niedersachsen wie Sachsen-Anhalt, in Baden-Württemberg wie in Bayern. Kommen wir dennoch diesmal glimpflich davon?

Wasser ist eine Urgewalt. Wasser verschlingt von je her Mensch und Tier, zerlegt Behausungen. Der tosende Lärm heran rauschenden Wassers löst Urangst aus. Davon erzählen Mythen und Legenden aus alten Zeiten. Der Tsunami im Jahr 2004 verursachte Schockwellen rund um den Globus. Gerade bedroht ein Sturm über dem Pazifik mit 9 Meter hohen Brechern Kalifornien.

Inzwischen sind wir auch in Deutschland erfahren genug, um zu wissen, dass Wassermassen, die Autos wie Treibholz vor sich her schieben, Häuser zerstören, als wären sie aus Pappe und Menschen verschlingen Folgen übers Unmittelbare hinaus haben. Sie beschleunigen oder beenden Karrieren. Sie zeigen, was in Politikern steckt und was ihnen fehlt.

Gerhard Schröder ist der Inbegriff eines Politikers, der die die Stunde nutzte, als die Elbe im Jahr 2002 katastrophal über die Ufer trat. In Grimma war’s, als er sich tief erschütterte zeigte, was die Natur anrichtete – mitten im Wahlkampf, in dem die rot-grüne Regierung in Not war, weil die Ökosteuer auf Kraftstoffe unpopulär war. Weil der Bundeskanzler alles richtig machte, als es darauf ankam, blieb er auch Bundeskanzler. Dabei half ihm, dass sich sein CDU/CSU-Gegenkandidat Edmund Stoiber damit begnügt hatte, nur in Bayern an bedrohte Orte zu eilen. So kann’s gehen.

Die Oder hatte im Jahr 1997 in Tschechien, Polen und Deutschland Deiche zerquetscht und überflutet. Der junge Umweltminister in Brandenburg, Matthias Platzeck hieß er, warnte frühzeitig, dass sich da etwas anbahne und  Vorkehrungen getroffen werden sollten. Von allwissenden Experten wurde er als „Bürschchen“ abgetan, dem es an Erfahrung mangele. Aus dem Bürschchen, das Recht gehabt hatte, wurde wenige Jahre später der Ministerpräsident seines Landes und (kurzfristig) auch der SPD-Vorsitzende.

Als Gegenbeispiel fällt uns sofort Armin Laschet ein, der Unionskandidat, der im Hintergrund als Grinsekatze auffiel, als im Vordergrund der Bundespräsident Worte zu finden suchte, die der Ahrtal-Jahrhundert-Flut gerecht wurden. Es gibt nicht nur einen einzigen Grund, warum ein erfahrener Politiker eine Wahl verliert, aber dieser Moment der Unangemessenheit trug sicherlich dazu bei, dass die CDU unter ihren Möglichkeiten blieb und Laschet in einem Ausschuss des Bundestages landete.

Im Ahrtal starben im Jahr 2021 135 Menschen, der materielle Schaden betrug 40 Milliarden Menschen. Ein Untersuchungsausschuss im Landtag befragte 227 Zeugen und 20 Sachverständige. Ein ziemlich kollektives Versagen der Verantwortlichen kam dabei heraus. Der Landrat im Kreis Ahrweiler hatte Warnungen nicht weitergegeben und musste zurücktreten. Die Umweltministerin Anne Spiegel fuhr in den gebuchten vierwöchigen Urlaub. Der Innenminister Roger Lewentz musste ebenfalls zurücktreten. Der ansonsten tadellosen Ministerpräsidentin Malu Dreyer hängt die Flut bis heute an.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ereignen sich die geschichtlich beispiellosen Katastrophen in anderen Weltgegenden, zum Beispiel der Tsunami von 2004, der halb Südostasien verwüstete und mehr als 241 000 Menschen tötete. Ein Jahr später überflutete der Orkan Katrina die schöne Stadt New Orleans: 1 836 Tote, 350 000 Häuser zerstört, 1,3 Millionen Menschen obdachlos. Der Präsident, er hieß George W. Bush, brauchte ziemlich lange, bis er am Unglücksort auftauchte, was ihm, der nach 9/11 noch die Stimme Amerikas gewesen war, nicht zum Vorteil gereichte.

Wenn sich die schwellenden Flüsse und Ströme aufmachen, um die Menschen zu quälen, dann können wir Zeitgenossen genau sehen, was vor sich geht. Die Krisen und Katastrophen, die daraus entstehen, zeichnen sich durch Anschaulichkeit aus. Die Zuschauer am Fernsehapparat, sofern sie kein Herz aus Stein haben, überkommt Mitleid und Hilfsbereitschaft. Dagegen sind die anderen Problemfälle unserer Zeit erheblich komplexer, etwa der Krieg in der Ukraine oder im Gaza. Auch was im Falle Wirecard vor sich ging oder bei Cum-Ex entzieht sich in seiner Vielschichtigkeit dem leichten Verständnis.

Allerdings haben auch sommerliche Dürre und winterliche Dauerregen tiefere Ursachen, haben sie doch mit dem Menschheitsproblem der Klimaveränderungen zu tun. Den Klimaleugnern könnten die Argumente ausgehen.

Heute, Donnerstag, regnet es noch allüberall in Deutschland. Danach könnten die Gelegenheiten für den Bundeskanzler, die adäquate Miene aufzusetzen, glücklicherweise ausgehen. Es soll kälter werden, sagen die Wetterfrösche, der Regen macht in den nächsten Tage zumindest eine Pause. Gut so.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

„Viel schlimmer kann’s kaum werden“

Blick zurück nach vorn: Der Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger über Putins Hoffnung auf eine zweite Präsidentschaft Trumps, über China als vermittelnde Macht und Europa als Trittbrettfahrer der USA

t-online: Herr Ischinger, wie schätzen Sie das Jahr 2024 ein – kommt es noch

schlimmer als 2023?

Ischinger: Viel schlimmer kann’s kaum werden, innenpolitisch wie außenpolitisch. Ich halte es freilich mit Friedrich Hölderlin, der wie ich in Nürtingen aufwuchs: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

Sie haben in unserem letzten Interview gesagt, Donald Trump werde eher im Gefängnis landen als im Weißen Haus. Sind Sie noch immer so

zuversichtlich?

Das war zwar mehr Hoffnung als feste Erwartung. Ich bleibe aber

zuversichtlich, dass Donald Trump nicht ein zweites Mal ins Weiße Haus

einziehen wird.

Joe Biden kandidiert ja eigentlich nur deshalb erneut, weil er Trump

verhindern will. Behalten Sie mit Ihrer Trump-Prognose recht, gibt es keinen Grund für die Demokraten, an ihm festzuhalten. Sehen Sie eine jüngere Alternative zu Biden?

Ehrlich gesagt, nein. Aber ich kenne Leute, die von Michelle

Obama träumen. Andere sehen im kalifornischen Gouverneur Gavin Newsom eine jüngere attraktive Alternative. Aber ob die Trump schlagen könnten?

Biden wäre bequem für die Europäer, weil er ein lebenslanger Atlantiker ist und an der Nato festhalten wird. Ist er nicht auch ein bequemes Alibi dafür, dass Europa sich wie eh und je an Amerika anlehnt, anstatt auf eigene Füße zu kommen zum Beispiel militärisch?

Ja, Europa muss das Image des sicherheitspolitischen

Trittbrettfahrers loswerden. Das ist angesichts des desolaten Zustands

unserer militärischen Fähigkeiten allerdings eine Aufgabe für das ganze

Jahrzehnt. Die EU muss sich bis dahin zu einem Europa der Verteidigung

weiterentwickeln, zu einem Europa, das seine Bürger und seine Grenzen

selbst glaubwürdig schützen kann.

Ein Beispiel: Seit Jahren bietet Emmanuel Macron an, mit Partnern wie Deutschland in ein Gespräch über nuklearstrategische Fragen einzutreten. Unsere Reaktion bisher: schweigen. Eigentlich wäre der Dialog überfällig, wenn wir Europäer im Fall Trump nicht ohne Plan B dastehen wollen. Aktuell sind wir ohne die USA kaum oder gar nicht verteidigungsfähig und können uns deshalb glücklich schätzen, den überzeugten Transatlantiker Biden im Weissen Haus zu haben. Gut, dass Amerika uns Europäer angesichts des russischen Angriffskriegs weiterhin schützt!

Die Ukraine wäre überglücklich, wenn Biden Präsident bliebe, weil die USA dann weiterhin Waffen und Munition liefern und moralische Unterstützung bieten. Oder blutet die Widerstandskraft Ihrer Einschätzung nach langsam aus?

Die Ukraine muss damit rechnen, dass Wladimir Putin sich jedenfalls

solange nicht auf Kompromisse einlassen wird, wie er auf Trump im Weißen

Haus hoffen kann – also mindestens noch mal 11 Monate bis Ende 2024. Das gilt auch für uns: Dieser Krieg  wird noch länger dauern! Darauf müssen wir uns einstellen, auch was die notwendige Intensivierung von Waffen- und

Munitionslieferungen betrifft. Die EU hatte eine Million Artilleriegranaten in

Aussicht gestellt – geliefert wurde jedoch bislang noch nicht einmal die Hälfte. Hat Europa,  hat Berlin im wahrsten Sinn des Wortes etwa den Schuss nicht gehört? Es herrscht Krieg in Europa, ganz in unserer Nachbarschaft! Im neuen Jahr ist dieser Krieg, wenn man seinen Beginn auf die Annexion der Krim im Jahr 2014 festlegt, bereits 10 Jahre alt – er dauert damit jetzt schon genauso lang wie die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts!

In Russland wird Putin im Jahr 2024 wieder gewählt. Auf der Münchner

Sicherheitskonferenz, die Sie leiteten, hat er im Jahr 2007 seine berühmte Abrechnungsrede mit dem Westen gehalten. Welchen Eindruck hatten Sie damals von ihm und wie stark hat er sich Ihrer Auffassung nach seither verändert?

Ich habe in der Ära des Kanzlers Gerhard Schröder einen Putin erlebt, mit dem man gute Ergebnisse aushandeln konnte; da war er ein Partner des Westens. Der Putin von 2007 war ein anderer, das war sein erster Auftritt als der Putin, den wir jetzt kennen. Seine Botschaft damals war: Ich will und ich werde als Weltmacht ernst genommen werden, notfalls erzwinge ich das. Genau so kam es dann, erst in Georgien 2008, dann in der Ukraine 2014, und schließlich der Großangriff zur Unterwerfung der Ukraine im Februar 2022, mit Hunderttausenden Gefallenen und zivilen Opfern.

Im Nahen Osten ist der große Krieg bislang ausgeblieben. Die Überfälle und Angriff der jemenitischen Huthi-Rebellen auf Handelsschiffe scheinen eingedämmt zu sein. Die Hisbollah verschießt viele Raketen aus dem Libanon auf Israel, das seinerseits einen General der iranischen Revolutionskräfte in einem Vorort von Damaskus tötete. Bleibt es Ihrer Ansicht beim lokalen Krieg zwischen Israel und Hamas, bei gelegentlichem Störfeuer an anderen Grenzen?

So sicher wäre ich da nicht. Wir stehen ja noch am Anfang. Schon jetzt ist die freie Seeschifffahrt schwer gestört, mit enormen Folgekosten und

Instabilität-Risiken. Im islamistischen Lager wird mit strategischen

Sperrungen im Mittelmeer und im Golf, in der Straße von Hormuz, gedroht.

Zum Glück haben die USA zwei Flugzeugträger in

der Region. Sie haben eine starke Abschreckungswirkung, auch und gerade gegenüber Teheran.

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu beharrt darauf, die Hamas total zu eliminieren. Halten Sie diese Fixierung für sinnvoll?

Die militärische Zielsetzung, den Hamas-Terror zu vernichten, kann dann

erfolgreich sein, wenn sie in eine politische Strategie, den Konflikt zu beenden, eingebettet ist. Sonst wachsen der Hydra neue Köpfe nach!

Netanjahu beschränkt sich auf militärische Ziele. Er will eine entmilitarisierte Zone im Gaza einrichten und die dortige Bevölkerung entradikalisieren. Kann Israel das wirklich erreichen?

Eben deshalb fehlt mir der politisch-strategische Plan, den auch die USA

völlig zurecht von Netanjahu einfordern, bei allem Verständnis und bei aller Unterstützung des Versuchs, sich des Hamas-Terrors endgültig zu

entledigen.

Politische Lösungen, in Etappen zu erreichen, sind von Netanjahu kaum  zu erwarten. Von welchem Nachfolger erhoffen Sie sich den Übergang von militärischer Logik zur politischen?

Man kann nur wünschen und hoffen, dass Israel den demokratischen Weg

in eine Zeit nach Netanjahu rasch findet.

Die deutsche Außenpolitik ist nach eifriger Shuttle-Diplomatie in Schweigen verfallen und überlässt Amerika die Kritik an der israelischen Kriegsführung. Gerade weil Deutschland die Existenz Israels zur Staatsraison erklärt, ließe sich Kritik an der Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung im

Gaza üben. Oder geht das Ihrer Ansicht nach zu weit?

Bundesregierung und Bundestag sollten zunächst dringend den

Satz von der deutschen Staatsraison ausbuchstabieren und mit konkretem

Inhalt erfüllen. Übernehmen wir damit eine Art politisch-militärischer

Beistandsverpflichtung? Oder bleibt der berühmte Satz von Angela Merkel nur eine leere Floskel? Die jüngste deutsche Stimmenthaltung in der Uno bei der Gaza-Resolution hat jedenfalls nicht den Eindruck vermittelt, dass wir den Satz ernst nehmen.

Meron Mendel, in Tel Aviv geboren und Professor In Frankfurt, schlägt vor, jetzt die Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser zu forcieren und fordert die Bundesregierung auf, die Initiative zu ergreifen. Hat er recht?

Das ehrt ihn sehr, aber von einer deutschen Initiative halte ich

wenig. Wir brauchen eine kohärente europäische Nahostpolitik! Schön wär’s,

wenn unter der viel beschworenen deutschen Führungsverantwortung die Europäische Union mit einer Position aufwarten würde, eng abgestimmt mit den USA und den anderen G7-Partnern.

Aus der Sicht des globalen Südens, zum Beispiel Indiens, Brasiliens oder Südafrikas, ist der ewige Konflikt im Nahen Osten ein besonders beredtes Beispiel für die Doppelmoral des Westens. Wie weit geben Sie dieser Sicht der Dinge recht?

Der alte Vorwurf, wir handelten mit zweierlei Maß, bezog sich stets

insbesondere auf den Nahen Osten, aber auch auf blutige Kriege in Afrika, bei denen wir gerne weggeschaut haben. Er wird aktuell aber auch durch

den Krieg in der Ukraine und den Umgang mit dem Pandemie-Impfstoff gestärkt. Die Glaubwürdigkeitskluft zwischen dem Westen und dem Süden bricht deshalb noch weiter auf. Das alles, einschließlich der Auswirkungen des Gaza-Krieges, wird sich zu einer langfristigen Hypothek für uns, für den Westen, entwickeln.

Es ist ja zum Beispiel wahr, dass radikale Siedler im Westjordanland unter dem Schutz der Armee Araber aus ihren Häusern vertreiben, sie malträtieren und sogar auch töten.

Zunächst einmal sollten wir unsere Solidarität mit dem brutal

angegriffenen Staat Israel nicht relativieren. Aber richtig ist, dass auch die USA kritisieren, dass die Koalitionsregierung in Israel solche Übergriffe und Straftaten nicht hinreichend klar und deutlich unterbindet.

Israelische Intellektuelle nennen diese Art Besatzungsregime Apartheid.

Findet diese Haltung Ihre Zustimmung?

Ich verstehe Israelis, die das sagen. Von der Verwendung solcher Begriffe durch uns halte ich jedoch nichts. Ich wiederhole: In der aktuellen Lage sollten wir Israel gegenüber weniger den moralischen Zeigefinger heben, den wir Deutschen so gerne aufzeigen, sondern uns um eine respektable und gemeinsame EU-Nahostpolitik bemühen, wenn wir einen Beitrag zur Befriedung des Konflikts leisten wollen. Die EU-Nahostpolitik steckt in einer tiefen Krise. Noch nicht mal zwischen Berlin und Paris herrscht Konsens.

Es lohnt sich ja immer, solche Konflikte aus ganz anderer Perspektive zu betrachten, zum Beispiel aus der chinesischen. Xi Jinping muss eigentlich ganz zufrieden sein, dass der große Rivale USA in der Ukraine und im Nahen Osten seine Kräfte bindet. Zugleich bietet er sich als Friedensstifter an, etwa zwischen Iran und Saudi-Arabien. Erwarten Sie im kommenden Jahr weitere Initiativen aus China?

Ja. Wir werden erleben, dass China bei künftigen Verhandlungen

über Krieg und Frieden in und um Europa mit am Tisch sitzen wird. Das hat

es im 19. und 20. Jahrhundert nicht gegeben, weder in Wien nach den Napoleonischen Kriegen 1812 noch in Versailles 1919 nach dem Ersten Weltkrieg, noch bei den großen Konferenzen im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt, 2024, wird China dabei sein wollen, direkt oder indirekt – das ist ein historisches Novum. Und dass muss gar nicht mal unbedingt eine negative Entwicklung sein.

China steckt selbst in der Krise steckt. Die Deflation peinigte das Land, der Privatkonsum schwächelt, die Immobilienbranche hat enorme

Schwierigkeiten. Da bietet es sich an, als weiser Vermittler mit

Friedensschalmeien aufzutreten.

Ich sehe das anders. China hat ein massives politisches und wirtschaftliches

Interesse daran, dass weder der Ukraine-Krieg noch die Lage im Nahen Osten außer Kontrolle geraten. China braucht Wachstum. China könnte sich

deshalb als stabilisierende Macht erweisen, weil es Zugang zu Ressourcen, zu den globalen Märkten und Seewegen braucht. Ein konkretes Beispiel: Im Fall der Ukraine hat China Putin die rote Karte gezeigt, soweit es um den eventuellen Einsatz nuklearer Waffen geht. Das war und bleibt hilfreich.

Was ist Ihr pessimistisches Szenario für 2024?

Dass Putin recht behält mit seinem Kalkül, dass Russland länger durchhält

als wir, die Unterstützer der Ukraine. Dass wir die Zeitenwende nicht ernst

genug nehmen. Und dass es keine Friedensperspektive für Nahost geben

wird.

Und Ihr optimistisches Szenario?

Dass Putin nicht recht behält. Dass wir trotz aller Widrigkeiten an der Idee einer regelbasierten internationalen Ordnung festhalten, und dass Deutschland und die Europäische Union die Zeitenwende als Chance zu Erneuerung und Reform, zu Innovation, Bürokratieabbau und Digitalisierung begreifen, um unseren Status-quo-Glauben endlich hinter uns zu lassen und Mut zu zeigen, uns einer gefährlich gewordenen Welt zu stellen.

Herr Ischinger, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Logik des Krieges, Logik des Friedens

In gewisser Hinsicht ergeht es dem Gaza-Krieg wie dem Krieg in der Ukraine: die höchste Erregungsschwelle liegt schon hinter uns. Die Medien berichten inzwischen mit einiger Routine von dort. Annalena Baerbock fiel nach intensiver Shuttle-Diplomatie zwischen Katar, Amman, Tel Aviv und Kairo in beredtes Schweigen über die israelische Kriegsführung.

Selbst in Deutschland wehen die Hamas-Fahnen nicht mehr so provokativ wie vor ein paar Wochen, und da die Talkmasterinnen allesamt im Weihnachtsurlaub weilen, bleiben die üblichen Verdächtigen aus Politik und Thinktanks der Öffentlichkeit fern. Nicht dass wir sie vermissen würden.

Die israelischen Streitkräfte hatten die Bewohner von Gaza-Nord aufgefordert, in den Süden zu fliehen. Inzwischen ist die Bodenoffensive im Süden in vollem Gange. Militärisch ist sie schwierig, weil dort kein Stein mehr auf dem anderen steht und das Tunnelsystem in etwa so ausgefeilt ist wie das Bergbaugebiet im Ruhrgebiet. Dazu die Menschenmassen, die nirgendwohin ausweichen können, und die Jagd auf die Hamas-Mandarinen erschweren. Von der humanitären Katastrophe zu schweigen, unter der die Menschen in Gaza leiden, weil Israel es so will. 

Meldungen, dass Yaya Sinwar, der militärische Anführer der Hamas, vielleicht schon tot sein könnte, erwiesen sich als voreilig. Gerade rühmte er sich, dass jede Menge israelischer Soldaten getötet worden sind und er gar nicht daran denke, die kriegerischen Handlungen einzustellen. Nichts anderes erwartet man von ihm.

Interessant ist der Gegensatz zwischen der militärischen Führung der Hamas und der politischen, die trocken in Katar lebt. Ismail Haniya, die politische Nummer 1, reiste vom Golf nach Kairo und dachte mit ägyptischen Unterhändlern über ein Ende des Krieges nach. Momentan muten solche Überlegungen eher illusionär an, hoffnungslos unterlegen der Logik des Krieges. Aber was wäre die Alternative

Immerhin ist nach etlichen Tagen ein Plan mit drei Punkten herausgekommen. Tritt eine Feuerpause ein, sollen zunächst weitere 40 Geiseln freikommen und, nach dem üblichen Verhältnis 1:3, 120 palästinensische Häftlinge israelische Gefängnissen verlassen dürfen. Für die zweite Etappe denken die Vermittler in Kairo weit voraus. Nach einem Waffenstillstand soll eine Technokraten-Regierung aus Hamas und Fatah (die in Ramallah als Palästinensische Autonomiebehörde residiert) Gaza übernehmen und die Gelder aus Europa und dem Golf sinnvoll investieren, anstatt Tunnel zu bauen und Raketen anzuschaffen. Ist die Regierung erst einmal institutionalisiert, soll sie im dritten Zug ein Abkommen mit Israel über die Freilassung sämtlicher verbliebenen Geiseln schließen. Ist das geschehen, sollen die israelischen Streitkräfte aus Gaza abziehen.

Für sich genommen klingt der Plan pragmatisch. Frieden soll den Krieg ablösen. Der Status quo ist weder in Israel noch im Gaza aufrechtzuerhalten. Also muss man darüber hinaus denken. Die Geiseln haben für die israelische Regierung nicht Priorität, die hat der Krieg. Aber ihre Befreiung ist ein unbedingter Akt der Humanität nach so vielen Wochen Leidens.

Utopisch ist der ägyptische Plan allerdings aus zwei Gründen. Er geht, erstens, davon aus, dass die Hamas gemeinsam mit der Fatah regieren will. Dafür müsste sie die Alleinherrschaft aufgeben und, zweitens, auch das Ziel, die Juden aus dem Nahen Osten zu vertreiben. Ironischerweise wird der utopische Charakter minimiert, wenn Israel zuvor die militärische Führung so entscheidend schwächt, dass sie sich auf Gemeinsamkeit mit der Fatah einlassen muss, um wenigstens noch eine reduzierte Rolle zu spielen.

Mit König Bibi, wie Bewunderer Netanjahu nennen, sind solche vertragsähnlichen Gebilde, die auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinauslaufen, nicht zu vereinbaren. Seine Politik richtet sich an einem einzigen Staat aus, der durch den steten Siedlungsbau im Westjordanland schon einmal Fakten schafft. Dort dürfen messianische Siedler, unter dem Schutz der Armee, Palästinenser aus ihren Häusern vertreiben, malträtieren und auch umbringen. Der Holocaust-Forscher Saul Friedländer bezeichnet in seinem neuen Buch, das er „Blick in den Abgrund“ nennt, den Siedlungsbau „als Krebsgeschwür in der israelischen Politik und, mehr noch, in der israelischen Gesellschaft“.

Noch ist Benjamin Netanjahu Premierminister. Er will es bleiben und kann es auch, solange Krieg herrscht. Sein Plan besteht ebenfalls aus drei Schritten. Zuerst will er die Hamas vernichten. Nach dem Krieg soll Gaza entmilitarisiert werden. Und dann soll nach seinen Vorstellungen die gesamte palästinensische Gesellschaft endradikalisiert werden.

Was damit gemeint ist, bleibt imUnklaren. Sollen alle Waffen konfisziert werden? Herrscht weiterhin Kriegsrecht im Gaza?

Immerhin wird im Nahen Osten vorsichtig über Frieden nachgedacht. Darin liegt der Unterschied zum Krieg Russlands gegen die Ukraine, was ebenso traurig wie verständlich ist.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Der kleine Sonnenkönig

Zu den Merkwürdigkeiten der europäischen Einigung gehört es, dass ein Brite und zwei Franzosen das Projekt vorangetrieben haben. Der Brite war Winston Churchill, ausgerechnet, der im September 1946 in Zürich ein flammendes Plädoyer hielt: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten. Nur auf diese Weise werden Hunderte von Millionen hart arbeitender Menschen in die Lage versetzt, jene einfachen Freuden und Hoffnungen wiederzuerhalten, die das Leben lebenswert machen.“ Sind das nicht wunderbare Sätze?

Der eine Franzose war Jean Monnet, der die Idee hatte, dass die westeuropäische Schwerindustrie, unter Einschluss der deutschen, in der Montanunion integriert werden sollte. So wurde sie zum Vorläufer der Europäischen Union. Die Verdienste wurden damals Maurice Schumann zugeschrieben, dem französischen Außenminister. Monnet mag es egal gewesen sein, er war ja kein Politiker, er war Unternehmer.

Der zweite Franzose war Jacques Delors, der Inbegriff eines Pragmatikers, der zehn Jahre lang, von 1985 bis 1995, Kommission-Präsident jener Institution war, die damals noch „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ hieß. Niemand verkörperte Europa so unnachahmlich wie er. Niemand brachte sie weiter und schneller voran. Er konnte es, weil er das Vertrauen der Regierungschefs genoss. Helmut Schmidt, der sich für den größten Wirtschaftsfachmann auf Gottes Erdboden hielt, respektierte Delors immerhin. François Mitterrand förderte ihn, damit Frankreich, das sich als politische Vormacht in Europa verstand, auch in Brüssel die Schalthebel bediente.

Delors war etwas, was französischen Politikern eigentlich fremd ist: ein Diener der Sache, die ihm wichtig war. Er hätte das Zeug gehabt, Nachfolger Mitterrands zu werden, wollte es aber nicht. Lieber als in Paris war er in Brüssel und blieb dort die überragende Autorität in Wirtschafts- und Finanzfragen. Lieber überwand er das, was damals die „Eurosklerose“ hieß, schuf den Binnenmarkt und sorgte für die Voraussetzungen zur Währungsunion, die er schon in den Blick nahm, als andere noch nicht mal daran dachten.

Von Gemüt und Temperament her wäre Delors als Deutscher durchgegangen. Er stammte aus einer katholischen Arbeiterfamilie und war beeinflusst von der katholischen Soziallehre, wie es die CDU in ihren Anfängen auch war. Er durchwanderte zunächst christliche Kleinparteien – in Deutschland gab es nach dem Krieg die feine Gesamtdeutsche Volkspartei, aus der ehrenwerte Männer wie Erhard Eppler und Johannes Rau hervorgingen. Wie die beiden Deutschen entschied sich Delors dann für die Sozialistische Partei. Im Grunde war er ein Sozialdemokrat vom Stamme Schmidt, denn er setzte sich für berufliche Fortbildung ein und für die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg aus kleinen Verhältnissen. Zu seinen Brüsseler Errungenschaften gehörte nicht zufällig die Gemeinschaftscharta für die sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer.

Für Delors war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft der ideale Nährboden. Hier konnte er reformieren, hier konnte ihm niemand das Wasser reichen. Die Staats- und Regierungschefs mischten sich noch nicht wie heute in mikroskopische Belange ein. Die Kommission war klein und fein, das Europäische Parlament gab es erst seit 1979 und suchte noch nach seinem Platz im Gefüge. Der Präsident war eine Figur aus eigenem Recht. Es lag an ihm, wie viel er ausrichten wollte.

Jacques Delors wollte viel ausrichten. Auch deshalb hielt er sich aus der französischen Innenpolitik heraus. Sein Trauma war die Zeit als Finanz- und Wirtschaftsminister im Kabinett Mitterrand, wo ihn der Chef zur Austeritätspolitik verdonnerte, als das sozialistische Experiment – erheblich mehr Ausgaben als Einnahmen – gescheitert war. Deshalb regierte Delors in Brüssel lieber wie wie ein kleiner Sonnenkönig.

Ungewöhnlich war auch, dass Delors 1989 sofort für die deutsche Wiedervereinigung eintrat. Damit unterschied er sich von Mitterrand, der noch im Herbst 1989 die DDR besuchte, als würde sie noch viele Jahre lang existieren. Am Ende ließ sich der französische Präsident von Kanzler Helmut Kohl versichern, der Prozess der europäischen Einigung werde weitergehen, und dann ließ er der Geschichte gnädig ihren Lauf.

Was Jacques Delors schon lange zuvor durch den Kopf gegangen war, wurde nunmehr Wirklichkeit: der Euro als Währungseinheit. Wäre es nach ihm, und übrigens auch Helmut Kohl, gegangen, wäre die politische Einigung Europas hinzugekommen. Aber das war mit François Mitterand nicht zu machen, geschweige denn mit Margaret Thatcher.

Jacques Delors gehört zum Besten, was Europa passieren konnte. Gut so, dass er 2015 zum Ehrenbürger Europas ernannt wurde. Hochgeehrt ist er heute im Alter von 98 Jahren gestorben.

Veröffentlicht heute auf t-online.de, heute.

Ein palästinensischer Mandela?

Der Nahe Osten ist eine Region, aus der fast nur negative Nachrichten kommen. Da ist es schon etwas Erfreuliches, dass der große Krieg ausgeblieben ist. Bisher. Man soll vorsichtig bleiben. Schlimmer geht immer.

Die zentrale Instanz im Vernichtungskampf gegen Israel bleibt Iran. Das Mullah-Regime hat es verstanden, ein paar Marionetten aufzubauen, die es nach Belieben einsetzen kann. Wie das geht, führen gerade die bestens ausgerüsteten Huthi-Rebellen vor. Mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Antischiffraketen griffen sie Handelsschiffe im Roten Meer an, bevorzugt in der Meerenge von Bab-el-Mandeb, wo nur 29 Kilometer zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel liegen. 

Folge: Die fünf größten Container-Reedereien der Welt schicken ihre Schiffe nicht mehr durchs Rote Meer, die Ölkonzerne stoppen ihre Transporte auf dieser Route. Normalerweise wird hier 40 Prozent des Handels zwischen Europa und Asien abgewickelt. Diese Lieferketten sind fürs erste unterbrochen.

Weitere Folge: Eine maritime Koalition zum Schutz des Roten Meeres soll entstehen. Dazu gehören Großbritannien, die USA, Kanada und Norwegen, auch Bahrain, der einzige arabische Staat. Saudi-Arabien, das Krieg gegen die Huthis führt, hält sich fein heraus.

Aus iranischer Sicht ist die Entwicklung grandios, wird doch der Westen tief in den Konflikt im Nahen Osten hineingezogen. Auf diese Weise war die Intervention der Huthi fast optimal wirksam und besaß zudem einen enormen Überraschungseffekt. Dagegen verblasst der Einsatz der Hisbollah, der anderen iranischen Marionette, die Tag für Tag Raketen aus dem Libanon auf Israel abschießt.

Wie ist die Sicht Israels auf die Dinge? Die große Zäsur war der Mord an den drei Geiseln, die israelische Soldaten in ihrer Angst für Feinde hielten. Man muss sich das vorstellen: Die Drei hatten sich aus der Geiselhaft befreit, zogen ihre T-Shirts aus, damit klar war: Wir tragen keine Bombengürtel, wir sind harmlos, erschießt uns nicht. Wahrscheinlich waren sie nach ihrer Selbstbefreiung umhergeirrt, hatten sich vor Verfolgern versteckt – und dann sahen sie israelische Soldaten, glaubten sich gerettet, machten auf sich aufmerksam, wehten mit weißem Tuch. Und dann erschossen sie zwei Soldaten in grotesker Verkennung der Lage.

Krieg ist in allen Facetten schrecklich. Feindliches Feuer ist der Normalfall, aber auch freundliches Feuer kommt nicht selten vor. Der Krieg à la Gaza tötet aber auch zahllose Zivilsten, von denen niemand wissen kann, was sie dachten, was sie wollten, ob sie die Hamas bewunderten oder verachteten. Und er tötet Kinder und ihre Mütter. Wie lassen sich diese Toten rechtfertigen?

Wer es gut mit Israel meint, was die amerikanische Regierung zweifellos tut, der redet auf Benjamin Netanjahu ein: Stell das Bombardement auf Gaza ein, dort steht ja eh kein Haus mehr, nimm mehr Rücksicht auf Zivilisten, denk darüber nach, was nach dem Krieg kommt.

Ja, was kommt danach? Netanjahu denkt in militärischen Kategorien. Da sich, was man ahnen konnte, die Hamas nicht absolut, total eliminieren lässt, könnte die Armee eine entmilitariserte Zone im Gaza einrichten. Allerdings wäre sie dann auch dort gebunden und selber eine Zielscheibe für die nächste radikalisierte Generation der Hamas, die vermutlich gerade durch den Krieg entsteht.

Eine klassische Benjamin-Netanjahu-Lösung – Einfrieren des Status quo. Er rühmt sich, dass in Israel niemand mehr über eine Zwei-Staaten-Lösung spricht. Ein Politiker lobt sich für das Ende der Politik, wie seltsam.

Über eine politische Lösung wird gerade in Ägypten geredet. Dorthin ist Ismail Hanija gereist. Er ist der politische Führer der Hamas, der in Katar sicher und warm lebt und bisher wenig durch konstruktive Beiträge aufgefallen ist. Jetzt zieht er sich den Zorn der militärischen Führung im Gaza zu, indem er davon redet, dass der Krieg beendet werden müsse, damit die Politik zurückkehren könne. Er schlägt vor, einen palästinensischen Staat im Gaza, im Westjordanland und in Jerusalem einzurichten.

Natürlich klingt das nach Utopie. Seit dem Tod von Yitzak Rabin, getötet im Jahr 1995 durch einen jüdischen Fanatiker, ist die Zwei-Staaten-Lösung tot. Wer sie wiederbeleben will, muss langfristig denken und Etappen vorschlagen. Das kann allenfalls ein Nachfolger für Netanjahu auf sich nehmen.

Aber wer unter den Palästinenser wäre ein Ansprechpartner? Marwan Barghouti wäre einer, so sagen viele, die über den Krieg, die Hamas und auch über Mahmud Abbas hinaus denken. Barghouti ist 64 Jahre alt und sitzt seit 21 Jahren in einem israelischen Gefängnis, verurteilt zu fünfmal lebenslänglich. Das Gericht warf ihm vor, er habe einen Terror-Angriff auf ein Restaurant in Tel Aviv organisiert, bei dem drei Gäste starben. Auch beim Mord an einem griechisch-orthodoxen Mönch und bei einem weiteren Angriff mit Schusswaffen soll er Regie geführt haben. Soweit die Gründe für die lange Haftstrafe.

Außenstehende können nicht beurteilen, wieweit das Strafmaß zurecht und wieweit zu unrecht zustande kam. Aus dem Gefängnis heraus setzt sich Barghouti jedenfalls seit Jahren für einen unabhängigen Palästinenser-Staat ein. Er scheint im Gaza wie im Westjordanland beliebt zu sein, über die Lager hinweg. Etliche Nahost-Kenner sind der Ansicht, er könnte sogar ein palästinensischer Nelson Mandela sein – ein Versöhner, ein Brückenbauer wie damals der südafrikanische Präsident, der die Apartheid überwand und beliebt auf der ganzen Welt war.

Glaubt man das – ein Mandela in Palästina? Man möchte es schon glauben, man möchte auch mal zuversichtlich sein in dieser Region, die jede Zuversicht austreibt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Eliminieren, total und absolut

Die Welt schaut ziemlich hilflos zu, wie sich der Krieg im Gaza in seiner zweiten Etappe  entfaltet. Auf die größte Stadt im Süden, Chan Yunis, fielen Bomben und nun ist dort die Bodenoffensive im Gange. Die Hamas macht, was sie immer macht, sie versteckt sich unter Zivilisten, die folgerichtig auch getötet werden. 20 000 Kämpfer unter 2 Millionen Menschen, was für ein Alptraum.

Benjamin Netanjahu hat noch einmal das Kriegsziel in seiner Starkstromsprechweise bekräftigt: totale, absolute Eliminierung der Hamas. Keine Ahnung, ob er wirklich daran glaubt, dass die Armee oder der Geheimdienst Jahia Sinwar und Mohammed Deif und all die anderen töten kann, so dass danach Ruhe im Gaza einkehrt. Umgekehrt verläuft die Logik: Vermutlich wird die nächste Garde der Hamas in diesem Krieg rekrutiert, der aus dem Gaza ein Trümmerfeld mit vielen Tausend Toten am Mittelmeer macht.

Niemand fragt danach, wie die leidenden Menschen ihre Lage beurteilen – doppelt belagert, wie sie sind, von den israelischen Streitkräften und den Milizionären mit ihrem Tunnelsystem, aus dem heraus sich ein asymmetrischer Krieg führen lässt. Die einen werden beide Besatzer verfluchen, die anderen aber in der Hamas die islamische Kraft sehen, die es den Israelis am 7. Oktober gezeigt hat. Kriege kitten gespaltene Gesellschaften, wie sich ja auch an Israel erkennen lässt.

Fatalerweise ist sowohl der Hamas als auch dem israelischen Premierminister an einem langen Krieg gelegen. Die Hamas wollte ihn mit ihrer „Razzia“ in Israel (so ist ihr Sprachgebrauch) auslösen, was ihr zweifellos gelang. Sie lebt für den Krieg gegen Israel. Je länger er andauert, desto schwerer wird es zum Beispiel den Staaten am Golf fallen, ihre Aussöhnungspolitik mit Israel fortzusetzen.

Netanjahu kennt nur noch militärische Superlative. Denn solange der Krieg anhält, kann er nicht politisch zur Rechenschaft gezogen werden. Ist der Krieg erst einmal vorbei, ist es auch mit ihm vorbei. Nicht zufällig spricht Netanjahu davon, dass der Krieg sich noch lange hinziehen wird. Nicht zufällig weist er jede Schuld an der Blindheit am 7. Oktober weit von sich.

Den Staaten, die es besonders gut mit Israel meinen, hat der Premierminister bedeutet, dass er sich von ihnen nichts sagen lässt. Amerika redete in Gestalt des Präsidenten, der Vizepräsidentin und des Außenministers auf ihn ein, dass er sich eine politische Lösung für den Tag danach einfallen lassen soll. Hat er vorher nicht, wird er jetzt auch nicht, zumal seine Regierung auseinander fiele, wenn er zum Beispiel die Zwei-Staaten-Lösung wiederbeleben würde, was er ohnehin nicht tun wird.

Annalena Baerbock hat ihre Pendeldiplomatie nicht zufällig eingestellt.Wenn überhaupt hat sie nur vorsichtig Bedenken über Netanjahu Kurs geäußert. Man wüsste gerne, was der Kanzler, die Außenministerin und der Verteidigungsminister einander erzählen, wenn sie sich über ihre Erfahrungen mit dem Nahen Osten austauschen. Nach hektischen Reisen in den ersten Kriegstagen sind sie ins Schweigen verfallen und widmen sich dem Haushalt 24.

So richtig es ist, Israels Existenzrecht zur deutschen Staatsraison zu erheben, so richtig wäre es jetzt, Kritik an der israelischen Regierung zu üben, der nichts einfällt außer Krieg und Eliminierung und Vernichtung. Ein Herz aus Stein muss haben, wem Mitleid mit den toten Kindern, Frauen und Alten, gestorben im Krieg gegen die Mörder vom 7. Oktober, versagt bleibt. Kann es sein, dass das Bedürfnis nach Rache über ein Mindestmaß an Menschlichkeit siegt? Und wie groß muss die humanitäre Katastrophe im Gaza ausfallen, damit wenigstens wieder Wasser und Strom ließen dürfen?

Israel ist auf bestem Wege, das Kriegsziel nicht zu erreichen und die Solidarität des Westens zu erschweren. In seinem eigenen Interesse kann das eigentlich nicht liegen.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Freitag.

Weisst Du noch, damals in Hamburg

Vor einigen Tagen starb jemand, den ich in meinem früheren Leben in Hamburg gekannt hatte. Er gehörte zu einer Freundes-Clique, in die wir am Rande integriert waren. Die anderen kannten sich schon seit dem Studium, wenn nicht aus der Schule; außerdem gehörten sie alle demselben Club an der Alster (Hockey/Tennis) an. Mir schien darin das Hamburg-Syndrom zu liegen: Kindergarten, Grundschule, Gymnasium, Studium möglichst in Hamburg. Im Studium allenfalls ein Auswärts-Semester, meinetwegen in Freiburg oder irgendwo sonst, dann aber zurück in die Stadt und in die Kanzlei einsteigen, die dem Vater, dem Schwager oder dem Freund der Familie gehört oder auch in die Holding, in der das Vermögen der Ehefrau steckt.

Die Freunde in der Clique waren samt und sonders Juristen, auch so ein Phänomen. In meinem Studium (Germanistik/Geschichte/Philosophie) in Heidelberg und Mainz hatte ich einen exotischen Freund, der Theoretische Mathematik als Assistenzprofessor lehrte, ein Mann von nüchternstem Pragmatismus. Alle anderen Freunde studierten Geisteswissenschaften. Juristen sind ein eigener Menschenschlag habe ich damals in Hamburg gelernt. Genauer gesagt: Juristen aus Hamburger Bürgerfamilien bilden ein eigenes Milieu, sozial wie kulturell.

Um das Bild abzurunden, muss man auch deren Frauen erwähnen. Auch sie stammten zumeist aus wohlhabenden Familien, behielten jedoch ihre Privilegien für sich – ich dachte mir, aus Scham, verstand es aber überhaupt nicht, dass sie ihre Herkunft geschwiegen, während sie über das Verschweigen der deutschen Schuld mit Zitaten aus Mitscherlich und Adorno räsonnierten. Ihr typischer Beruf war Lehrerin. Sie wohnten in schönen Altbauwohnungen, führten lange Grundsatzdiskussionen, wie oft eine Putzfrau in der Woche kommen sollte, und gingen regelmäßig in die Therapie, wahlweise Analyse. Will sagen: Sie waren weitgehend mit sich selber beschäftigt und der Therapeut/Analytiker wurde zum Freund, der sich wie selbstverständlich als Ratgeber in die Ehe einmischte. So war das in den 1980er Jahren.

Die Frau des Mannes, der gerade verstorben ist, hatte vier Kinder und studierte Medizin. Die anderen Frauen mokierten sich über sie. Ihnen war sie wie ein lebender Vorwurf; so ging es also auch. Nicht nur Männer wollten Karriere machen, sondern auch einzelne Frauen aus dem Hamburger Milieu der Bürgertöchter. Ich mochte sie gerade wegen ihres Ehrgeizes, mit dem sie aus der Rolle fiel. Ihr Alltag war eine große Anstrengung, das konnte man sehen. Was sollte falsch daran sein? Sie hätte es nicht nötig gehabt, denn Ihr Mann hatte von Haus aus viel Geld und dazu ein goldenes Händchen bei seinen beruflichen Projekten. Seine Freunde nannten ihn, den Ältesten unter ihnen, einen herausragenden Juristen. Ich fand ihn hochfahrend und staunte über das Urteil seiner Freunde. Wir spielten Skat, zusammen mit seinen Eltern, die ich mochte.

Wir kamen uns nicht nahe. Wir verloren uns aus den Augen, als wir aus Hamburg 13 etwas weiter aus dem Zentrum gezogen waren. Für die Juristen, die rund um die Alster wohnten, war es undenkbar, zu uns nach Schnelsen zu fahren. So viel Dünkel musste sein.

Der Grund, weshalb der Verstorbene in meinem Leben eine entscheidende Rolle spielte, ist kompliziert und soll hier der Diskretion anheimfallen. Jedenfalls trug er in einer dramatischen Lebensphase dazu bei, dass mein Leben genau die Wendung nehmen konnte, die ich anstrebte. Dafür schulde ich ihm beileibe nicht Dank; er hatte keine Ahnung von meinen Überlegungen. Aber die frühe Hamburger Zeit in einer Clique, in die ich nicht passte, mit einer merkwürdigen Langzeitwirkung über die Freundschaft hinaus, tauchte in meinem Gemüt wieder auf, als ich von diesem Tod erfuhr.

Das Orakel verstummt

Wenn ich ihn in seinem New Yorker Büro aufsuchte, redeten wir immer erst einmal über Fußball. Mit Fußball war Henry Kissinger aufgewachsen, Fußball wurde zu seiner Leidenschaft, zum Ärger seiner orthodoxen Eltern. Die Spvgg Fürth, die Mannschaft seiner Geburtsstadt, die dreimal Deutscher Meister geworden war, blieb lebenslang sein Lieblingsverein. Er selber war auf dem Bolzplatz ein Allrounder gewesen: mal Torwart, mal Verteidiger, mal Mittelfeld. 

Im Alter besaß er eine tiefe, vibrierende Stimme, die ihr eigenes Echo im Leib zu erzeugen schien. Er formulierte bestechend, er war klar im Kopf bis zu seinem Tod. So lange es ging, flog er um den Erdkreis, denn viele Staats- und Regierungschefs wollten mit ihm reden, seinen geschichtlichen Ableitungen lauschen, seine Einschätzungen hören.

Er saß dann unbewegt in tiefen Sesseln, ziselierte seine Gedanken, seine Augen huschten hin und her, mal ernst, mal belustigt, mal genervt. Denken und Reden ermüdeten ihn nicht. Er war das ultimative Beispiel dafür, dass der Geist noch sprühen kann, selbst wenn der Körper verfällt. Und immer blieb sein Englisch vom Fränkischen seiner Heimat gefärbt.

Henry Kissinger war einer klügsten Menschen, die je politische Ämter innehatten. Er war ein Gelehrter, den es zum Handeln drängte. Ein Professor, der über Macht und Ordnung kluge Bücher geschrieben hatte und als Politiker 1973 den Friedensnobelpreis erhielt, weil er den Vietnam-Krieg beenden half. 

Er wurde geliebt und gehasst. Für die Presse, die er großzügig bediente, war er das seltsame Phänomen, das sie ausdauernd umkreisten. „Time“ und „Newsweek“ widmeten ihm zahllose Titelgeschichten. Die bunten Blätter Interessierten sich brennend dafür, mit welcher Frau, welchem Model, welchem Filmstar er in welchem Restaurant gesehen worden war. Er war der Rockstar der Regierung Nixon – ausgerechnet er, der Gelehrte mit der goßen Brille und dem starken Akzent, der bestimmt nicht nach Hollywood aussah.

Auch für Verschwörungstheoretiker war Kissinger ein gefundenes Fressen: Sie erklärten ihn wahlweise zu einem Sowjetspion oder zu einem britischen Agenten, gerne aber auch zum Protagonisten einer jüdischen Weltverschwörung. Joseph Heller verewigte ihn in seinem Roman „Good as Gold“, Woody Allen drehte einen Kurzfilm, in dem er ihn Harvey Wallinger taufte und ins Lächerliche zog. Einige Biographen fanden es angemessen, ihn einen „Hofjuden“ zu nennen. 

Antisemitismus schwang nur zu oft bei den Kissinger-Verächtern mit. Das muss seltsam gewesen sein für einen Juden, der als Kind Deutschland verlassen musste und später erfuhr, dass die Nazis 23 Verwandte umgebracht hatten.

Mit den Eltern und seinem kleinem Bruder Walter kam Kissinger 1938 in New York an. Ein ausgewanderter Cousin seiner Mutter bürgte für die Familie. Der ältere Sohn war 15, hieß eigentlich Heinz-Alfred, und amerikanisierte sich zu Henry.

Er studierte in Harvard, er war brillant, wusste es und ließ es spüren. Er liebte Kant, der ihn mit seiner Denkungsart stark beeinflusste. Geschichte verstand er politisch und interessierte sich vorrangig dafür, wie sich Macht bildet und wie sie Ordnung in das Chaos bringt: nach dem Dreißigjährigen Krieg, nach den Napoleonischen Kriegen, nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert. Seine erste große Arbeit als Student trug in schönster Unbescheidenheit den Titel: „The Meaning of History“ – „Der Sinn der Geschichte“.

Geschichte wollte er jedoch nicht nur analysieren, sondern auch gestalten. Er war noch keine 40, da beriet er schon John F. Kennedy und danach Lyndon B. Johnson. Aber ausgerechnet Richard Nixon, über den er abfällige Bemerkungen gemacht hatte, holte ihn als Nationalen Sicherheitsberater ins Weiße Haus und lieh ihm sein Ohr. Das war im Januar 1969 und Amerika führte einen schrecklichen Krieg in Vietnam.

Vietnam war nicht Nixons Krieg. Er erbte ihn. Henry Kissinger hatte ihn schon Jahre zuvor falsch und verhängnisvoll für Amerikas Stellung in der Welt genannt. Zu gewinnen war dieser Krieg 1969 nicht mehr, weder militärisch noch moralisch. Die Verbündeten in Saigon waren korrupt und schwach. In Amerika gingen Studenten in Massen auf die Straßen, verbrannten amerikanische Flaggen und zerrissen Einberufungsbescheide. Joan Baez und Bob Dylan sangen die Antikriegslieder der Gegenkultur. 

Vietnam war der Sündenfall der Supermacht Amerika. Dieser Krieg, der nur aus der Paranoia der bipolaren Welt zu verstehen war, spaltete Amerika und schwächte die westliche Supermacht ungemein. Die Folgen reichen bis in die Gegenwart.

Nixon wie Kissinger wollten den Krieg beenden, aber auch Amerikas Niederlage begrenzen. Daraus entstand eine Doppelstrategie, die nur in der Theorie schlüssig war, aber in der Praxis scheitern musste. Sie weiteten den Krieg auf Kambodscha aus und betrieben gleichzeitig Geheimdiplomatie, um Friedensgespräche einzuleiten. Sie eskalierten den Krieg mit Napalm und B-52-Bombern, um ihn zu beenden. Diese Paradoxie verlängerte das Leid und Amerika wurde irre an sich selber.

Der Urheber der Strategie, Henry Kissinger, wurde verteufelt. Wahlweise nannten sie ihn Dr. Evil oder Mephisto oder die Reinkarnation von Machiavelli.  Für das linke Amerika war er eine höchst verachtenswerte Person, die für das Böse in der Welt verantwortlich war, sei es Vietnam, sei es die Ermordung Salvador Allendes, seien es die Morde der Militär-Junta in Argentinien.

Sechs Jahre lang regierte das seltsame Duo Kissinger/Nixon die Supermacht Amerika. Dann war es vorbei. Nixon stürzte 1975 nicht über Vietnam, sondern über Watergate, den Einbruch in das Hauptquartier der Demokraten. Wie sich Präsident und Sicherheitsberater voneinander verabschiedeten, war bezeichnend für ihr Verhältnis.

Der Präsident wird am nächsten Tag zurücktreten, das Land fiebert danach. Das Weiße Haus ist wie ausgestorben, Henry Kissinger räumt seinen Schreibtisch auf. Nixon ruft ihn zu sich. Die beiden unterhalten sich darüber, was gewesen ist und was bleiben wird. Kissinger tröstet Nixon damit, dass ihn die Geschichte freundlicher beurteilen werde als die Gegenwart. Er steht auf, will sich verabschieden, da bittet ihn Nixon, noch kurz zu bleiben und mit ihm zu beten. Sie beten zusammen, der paranoide Präsident und der erste Einwanderer, der je in ein so hohes Regierungsamt berufen wurde.

Henry Kissinger ist alt genug geworden, um zu erleben, dass ihn die Geschichte besser behandelt als die Gegenwart. Dafür sorgte er natürlich auch selber: mit seinen zahlreichen Büchern über die Regierungsjahre, in vielen Interviews, die auf YouTube erhalten sind, und mit seinen Memoiren. Er war sein eigener Geschichtsschreiber, sein eigener Homer.

Die Jahre im Weißen Haus liegen nun schon ewig lange zurück, 44 Jahre. Die alten Kämpfe sind verblichen und neuen gewichen. Viele Feinde, viele Verächter von ehedem sind tot und vergessen. Henry Kissinger überlebte sie alle und meißelte beharrlich an seinem Standbild in der Geschichte. Jeder Präsident  suchte seinen Rat, jede bedeutende Konferenz schmückte sich mit ihm. Er verstand es im Gespräch zu bleiben, er blieb eine überragende Figur der Zeitgeschichte, denn er trug immer Substantielles zu den großen Zeitfragen bei.

China und Amerika? Ein Konflikt sei unvermeidlich und die Katastrophe, die daraus entstehen könne, „schlimmer als die beiden Weltkriege“ – es sei denn, die beiden Weltmächte brächten es fertig, ihre Konflikte einzudämmen. Ordnung in der Welt, doziert er immer wieder, entsteht nur durch die Selbstbeschränkung der Großmächte, woraus ein Gleichgewicht hervorgeht, das kleine, begrenzte Kriege nicht zu großen Vernichtungskriegen werden lässt – wenn es hoch kommt für 50 Jahre, vielleicht sogar für 100 Jahre. Denn Geschichte, das war für Henry Kissinger der immerwährende Rhythmus aus Anarchie und Ordnung, aus Krieg und Befriedung, aus Aufstieg und Niedergang der Kulturen.

Wer so alt wird, dem sieht man vieles nach. Am Ende seines Lebens war Henry Kissinger wie ein antikes Orakel, das seine Kenntnisse aus einer Tiefe schöpft, die anderen Zeitgenossen verschlossen bleibt. Nun ist das Orakel verstummt. 

Veröffentlicht auf t-onöone.de, heute.

Ampelfußball

Normalerweise freue ich mich bei einem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft über gelungene Szenen und fluche über misslungene. Gestern Abend aber war ich still. Fassungslos. Apathisch. 

Grausam schlecht der Sturm, das Mittelfeld und die Abwehr. Keine einzige Torchance in fast 100 Minuten. Die Österreicher schienen überrascht von der armseligen Vorstellung zu sein, sonst hätten sie leichthin 4:0 oder 5:0 gewonnen. Auch hinterher zeigten sie Mitleid mit uns, das ist die Höchststrafe. Wir sind im freien Fall in die Bedeutungslosigkeit.

Nun lässt sich der Sport immer auch als Spiegelbild des Landes verstehen, das er repräsentiert. Der Vergleich trifft mal  mehr, mal weniger ins Schwarze, aber selten traf er dermaßen ins Schwarze wie in diesen Tagen.

Eigentlich gibt es ja keine einzige Sphäre der Gesellschaft, die frei von Krisenerscheinungen wäre. Deutschland ist das einzige Land in Europa in der Rezession. Konzerne kommen nur dann ins Land, wenn Milliarden Euro an Subventionen winken. In der Digitalisierung sind viele Länder viel weiter als Deutschland. Am Krieg in der Ukraine werden die üblichen Talk-Show-Gäste allmählich müde, ohne die Folgen zu bedenken. Der Krieg im Gaza treibt Künstler und  Schriftsteller in verschiedene Lager, als ließe sich dagegen nichts tun. Die antikoloniale Grundstimmung an den Universitäten richtet sich eher gegen Israel als gegen die Hamas. Dazu der grassierende Antisemitismus in der arabischen Community, aber auch unter deutschen Linken, während die Rechte es aus Islam-Feindseligkeit mit Israel hält: Ziemlich viel auf einmal, ziemlich peinlich, verkehrte Welt.

Deutschland war ehedem berühmt für seine verlässliche Fähigkeit zum Konsens, der auch schon mal biedermeierlich ausfiel. Die Deutschland AG war eine Symbiose aus Wirtschaft und Politik; dazu waren die Gewerkschaften notorisch kompromissbereit. Verfassungspatriotismus war die philosophisch begründete Übereinkunft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Deutschland, ein langweiliges, gefestigtes Land? Vorbei, verweht.

Dissens ist heute der Normalfall. Rechthaberei und Verweigerung von Diskussionen, vor allem an Universitären. Minderheiten beharren auf ihrem Recht, was ja in Ordnung ist, aber wo bitte geht es zum Konsens, der ja keinesfalls ein Luxusprodukt ist? Jeder macht seins und stellt Ansprüche an Staat und Regierung, die ansonsten gering geschätzt sind.

Deutschland ist weder ein langweiliges, noch ein gefestigtes Land. Es gibt nur einen Nutznießer am Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Sphären, das ist die Rechte, die AfD.

Nun zur  Bundesregierung: Wie lange hält sie durch? Genauso ratlos wie Julian Nagelsmann antworten Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz auf berechtigte Fragen nach dem Wie-kommen-Sie-jetzt-aus-dieser-Falle-heraus.

Auch an weniger bitteren Tagen haben sich die drei Parteien zuverlässig in ihre Einzelteile zerlegt. An etwaiger Einigkeit, ausgelöst durch die Angst vor dem Machtverlust und die Folgen fürs politische System, glauben nur fröhliche Optimisten. In der FDP rufen sie nach dem Austritt aus der Regierung. Machtversessen und machtvergessen, als käme es auf sie an, ist diese schrumpfende Partei.

Die verschärften Schwierigkeiten für die Regierung und damit fürs ganze Land rühren vom Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Interessant wäre es herauszufinden, ob die Richter über die Konsequenzen ihres Urteils genau Bescheid wussten oder davon unangenehm überrascht wurden.

Die vielen Milliarden aus dem verworfenen Klima- und Technologiefonds sollten ja in die Modernisierung Deutschlands fließen: ökologische Gebäudesanierung, Elektromobilität und neue Wasserstoff-Technologien, Investitionen in Mikroelektronik und Chipindustrie. Da folglich auch der zweite Buchhaltungstrick, der Wirtschaftsstabiliserungsfonds, nicht verfassungskonform sein kann, fällt das ganze Gebäude, das sich die Dreier-Koalition gegönnt hat, geräuschvoll in sich zusammen. Und somit ist die  Transformation des Landes und seine Zukunftsfähigkeit ernsthaft bedroht.

Was für ein Drama, an dem wir Zeugen sind. Wie endet es? Wir müssen an uns arbeiten, sagt Julian Nagelsmann, der unglückliche Bundestrainer. Was aber sagt der unglückliche Bundeskanzler, wie er den Ausgang des Dramas beeinflussen will? Wird höchste Zeit, dass er sich dazu äußert.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Penis-Colada mit Mr. Brexit

Lange nichts gehört von Nigel Farage, dem bunten Vogel, dem Großbritannien einiges zu verdanken hat, zum Beispiel den Austritt aus der Europäischen Union. Vermutlich langweilt er sich, seitdem er nicht mehr sein Land aufmischen darf. Vielleicht sucht er diese herrliche Aufmerksamkeit, die ihm vor nicht allzu langer Zeit zuteil geworden war, oder er braucht schlichtweg Geld wie Eike Immel. Egal warum, ab diesem Sonntag bevölkert Farage die Mutter aller Dschungelcamps auf dem Sender ITV und damit ist er natürlich die Sensation der neuen Staffel. Eine Million Pfund bekommt er dafür, nicht schlecht, oder?

Auf deutsche Verhältnisse übertragen ist das ungefähr so, als würde Alexander Gauland ins Dschungelcamp einziehen und dann ein angebrütetes Entenei verspeisen oder am Penis-Colada teilnehmen. Bizarre Vorstellung, ich weiß und will sie gar nicht vertiefen, auch wenn sich die beiden Herren in ihrer Wirkmächtigkeit auf die politischen Verhältnisse durchaus ähnlich sind. Gauland ist der Gottvater der AfD, Farage der Gottvater des Brexit.

Großbritannien muss in diesen Tagen gleich zwei halbwegs vergessene Wiedergänger verkraften. Der Zufall fügt es, dass auch David Cameron aus dem Nirwana zurückkehrt. Er war mal konservativer Premierminister und ließ es sich im Jahr 2016 einfallen, ein für allemal das leidige Problem Europa durch ein Referendum zu erledigen, denn er war felsenfest davon überzeugt, dass er es gewinnen würde, wobei er freilich nicht mit Nigel Farage gerechnet hatte, der einen fulminant hysterischen Wahlkampf hinlegte. Cameron trat daraufhin zurück, Farage triumphierte, bevor er sich wenig später auch aus der Politik zurückzog. Warum, verstand so ziemlich niemand außer ihm. Aber die Tories sind ja heutzutage genauso selbstvergessen radikal wie es Farage war. Sie sind seine Memes.

Cameron bekommt es jetzt mit Annalena Baerbock und Tony Blincken zu tun. Farage darf sich mit Britney Spears Schwester Jamie Lynn verlustieren, die von sich sagt, sie sei bestens bekannt als Sängerin und Schauspielerin. Na ja, lässt sich vorsichtig einwenden, wenn überhaupt, kennt man sie als Schwester. Dazu begegnet Farage im Dschungel Nella Rose, einer belgisch-britischen Größe aus der Welt der Social Media, was ihm schwerfallen dürfte, weil er ja das weiße Großbritannien eindeutig dem farbigen vorzieht, wobei ihn allerdings die polnischen Klempner und die deutschen Ärzte noch mehr gestört hatten.

Farage ist schon in Australien gelandet, um sich seelisch und ästhetisch auf die kulinarischen Herausforderungen einzustellen. Natürlich hat er ausschließlich Hehres im Sinn. Nicht am staffelüblichen Lästern über abwesende Eherauen möchte er teilhaben und auch das Nacktduschen mit einer reizenden Kandidatin liegt ihm fern. Nein, am Kontakt zu den jungen Wählern liegt ihm, denen er seine politischen Überzeugungen nahe bringen möchte, so sagt er uns. Welche Überzeugungen waren das noch mal? Ah ja.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.