Treulos davon

Wir haben eine neue Wohnung bezogen. Darin fühlen wir uns sehr wohl, wir genießen das Urbane, dieses Abends-auf-die-Straße-gehen, Leute zu treffen, die wir erst seit kurzem kennen, die aber schon vertraut sind, im Restaurant über der Straße oder gleich nebenan oder einen Block weiter. Der Hund muss sich erst noch an die Stadt gewöhnen, denn er ist ein Landei, ein Waldhund, dem so ziemlich alles fremd hier ist, die Gerüche, die Geräusche, seltsame Menschen, die unverhofft an den Tisch treten, weil sie uns Zeitungen verkaufen wollen.

An mir fällt mir wieder einmal auf, wie treulos ich sein kann. Ich konnte schon immer gut weg gehen. Aus Städten. Aus Wohnungen. Bekannte, auch Freunde hinter mir lassen. Zuerst war Mainz, immerhin die Stadt, in der ich zehn Jahre gelebt hatte, zehn entscheidende Lebensjahre mit Studium, Promotion, Heirat, Geburt eines Sohnes. Dann Hamburg. Zwischendurch Amerika. Eine sehr schöne Wohnung in Winterhude, eingetauscht gegen eine Eigentumswohnung an der Elbchaussee. Dann Berlin. Jetzt zweiter Umzug innerhalb Berlins.

Ich bin weiß Gott nicht mehr der Jüngste und verlasse dennoch ohne Wehmut jetzt wieder einen sehr schönen Stadtteil mit viel Wald und zwei Seen. Tausche Urbanität ein. Das Alte streife ich ab und stürze mich ins Neue. Ohne Nostalgie. Warum ist das so?

Vielleicht liegt der Grund darin, dass ich in einer Stadt aufgewachsen bin, die man verlassen musste, wenn man vorankommen wollte. Also Übung im Weggehen früh in mir angelegt. Na ja, andererseits sind viele meiner Mitschüler zurückgegangen und haben ans Frühere angeknüpft. Für mich kam es nicht in Frage. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Das Verlassen muss tiefer in mir liegen.

Vielleicht ist eine existentielle Unruhe in mir angelegt. Sie könnte ihre Ursache in frühem Leid durch schwere Krankheit haben. Daraus mag eine innere Unabhängigkeit von äußeren Umständen entstanden sein. Diese Freiheit hat mir die Tuberkulose verschafft. Das ewige Lesen, das eine existentielle Note besaß, weil es mich vor der Langeweile, der Wiederkehr derselben Abläufe Tag für Tag bewahrte. Dazu diese Angst vor einer Operation und die Verstörung darüber, dass Menschen, die ich kannte, plötzlich starben. Da blieb eben die Notwendigkeit zum Rückzug auf mich selber.

Ich erzähle immer, mein heutiges Leben habe damals in Kutzenberg begonnen, in der Lungenheilanstalt, in die ich am Tag vor meinem 18. Geburtstag eingeliefert worden war. Die Selbstbeschäftigung war mir auferlegt. Es gab den Zwang zur Anpassung und der Zwang führte dazu, dass aus mir ein anderer wurde. Auch vorher hatte ich gelesen, aber jetzt bekam das Lesen eine andere Funktion für mich. Der Weg ins Innere vollzog sich nicht freiwillig. Die Freiheit, die mir die Krankheit verschaffte, war der Ausgang aus der Not, in die sie mich stürzte.

Natürlich frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht in Kutzenberg gelandet wäre. Wenn mein Leben einfach auf der Bahn weitergegangen wäre, auf der ich gestartet war. Wahrscheinlich wäre ich Lehrer geworden wie mein Bruder. Wahrscheinlich wäre ich im Mainzer Umland geblieben. Auch kein schlechtes Leben.

Die Unruhe hatte ihren Preis. Meine erste Ehe ging auch deswegen in die Brüche, weil meine Frau sich in der neuen Stadt Hamburg einsam fühlte. Ihre Kindheitsfreundin zog weg und dann war da niemand Vertrautes für sie, während ich viele Stunden arbeiten ging. Ein paar Jahre später wechselte ich nach Bonn aus beruflichen Gründen. Zu viel Veränderung für sie. Keine Kontinuität. Kaum war sie eingewöhnt, wollte ich weiterziehen. Scheidung.

Dabei bin ich eigentlich gar nicht sonderlich unruhig. Ich suche nicht nach Veränderung, ich sehne mich auch nicht danach. Aber wenn es sich anbietet, das Leben neu einzurichten, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, in einer anderen Wohnung, dann bin ich dabei. Eher als Unruhe ist es Neugierde, die mich antreibt. Neugierig kann man auch ohne Wohnung- oder Stadtwechsel sein. Man kann am selben Fleck bleiben und sich mit einer Philosophin beschäftigen oder mit einer Autorin. Judith Shklar lief mir über den Weg, ich hatte sie nicht gekannt. Sie ist das Äquivalent zu Hannah Arendt, ohne Ausflug in die Metaphysik. Chimamanda Ngozi Adichie wurde mir empfohlen und daraufhin las ich alles von ihr. Bob Dylan beschäftigte mich, weil ich herausfinden wollte, ob er zurecht den Literaturnobelpreis bekam (hat er).

Aber damit ist nicht verständlich gemacht, warum ich mit Städten auch Menschen verlasse Freunde, mit denen ich Zeit verbracht hatte, die mir gerade noch wichtig waren und dann plötzlich nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn. Moralisch ist dieser blinde Fleck fragwürdig. Man macht das nicht, man bleibt in Kontakt mit Menschen, die einem etwas bedeuten. Ich bringe es trotzdem fertig, als würde ich denken, alles hat seine Zeit und dann eben tschüs. Ich denke aber in dieser Phase des Übergangs gar nicht darüber nach, ob ich die Verbindung aufrechterhalten möchte oder nicht. Es passiert mir. Und diese Gedankenlosigkeit macht es noch schlimmer.

Ich würde es nicht mögen, wenn mich jemand so zurückließe, wie ich andere zurück lasse. Ich mag es auch nicht an mir. Es macht mich aber anscheinend sogar aus, dass ich zu dieser Treulosigkeit fähig bin. Mir fallen, während ich dies schreibe, etliche Namen ein, bei denen ich mich entschuldigen müsste.

Kann sie Trump verhindern?

Joe Biden zieht sich zurück. Er macht den Weg für Kamala Harris frei. Dafür gebührt ihm Anerkennung und seine Partei sollte es ihm danken. Biden kann jetzt in Anstand seine Präsidentschaft zu Ende bringen. Ab jetzt ist er nur noch eine Nebenfigur in dieser wichtigen Phase der amerikanischen Geschichte.

Ins Zentrum rücken nun zwei Menschen, die das bis zum Zerreißen gespaltene Amerika versinnbildlichen. Der Frauenverächter Donald Trump bekommt es mit einer Frau zu tun. Der ultimative alte weiße Macho steht gegen Kamala Harris, die eine Inderin als Mutter und einen Jamaikaner zum Vater hat. Illiberal trifft auf liberal. Er ist 78 und damit ist er jetzt der Alte, der sich dafür rechtfertigen muss. Sie wird im Oktober 60, auch nicht die Jüngste, aber eben 18 Jahre jünger als Trump. Und schließlich steht New York gegen Kalifornien, Wall Street gegen HiTech.

Aus heutiger Sicht wäre es natürlich besser gewesen, wenn Joe Biden seine Vizepräsidentin als seine Nachfolgerin aufgebaut hätte. Hat er aber nicht, wollte er nicht. Vielleicht vertraute er ihr nicht und bedachte sie deshalb mit unangenehmen Aufgaben wie der Grenzsicherung. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings, dass sie sich gegen Zumutungen nicht wehrte. Sie schien sich damit zu begnügen, Vizepräsidentin zu sein. Dieses Stigma muss sie schnell abstreifen.

Wer Präsidentin werden will, muss es wirklich wollen, mit allen Fasern ihrer Person. Wahlkampf in Amerika ist die Hölle. Kamala Harris’ Leben wird nun ausgeleuchtet, abgetastet, auf den Kopf gestellt. Sie war zuerst Bezirksanwältin und dann Generalstaatsanwältin. Die Todesstrafe vermied sie. Ihre dunkle Hautfarbe spielt in ihrem Leben eine Rolle. Sie und ihre kleine Schwester waren isoliert. Dazu sagt Kamala Harris: „Die Kinder in der Nachbarschaft durften nicht mit uns spielen, weil wir schwarz waren.“

Donald Trump kennt keine Skrupel und Grenzen sind ihm fremd. Er wird sich auf sie stürzen und sie schlecht reden. Rücksicht verbietet sich aus seiner Sicht schon einmal deshalb, weil Schwarze ihn ohnehin nicht wählen. Entscheidend wird sein, ob die großen Geldgeber der Demokraten Kamala Harris zutrauen, Trump zu verhindern oder nicht.

Auf dem Spiel steht viel. Im Jahr 2008 besiegte Barack Obama den Konkurrenten John McCain. Kamala Harris ist nicht Obama und gegen Trump war McCain ein Waisenknabe. Dennoch dürfte sich verschärft wiederholen, was sich damals nur andeutete: Das weiße republikanische Trump-Amerika wird alle Register ziehen, um eine schwarze Frau im Weißen Haus zu verhindern.

Bis zum 5. November ist noch viel Zeit. Die nächste Etappe ist der Parteitag der Demokraten ab dem 19. August. Dort muss Kamal Harris einen Sog entfalten, der diese zerrissene, gespaltene Partei mitreißt. Gelingt es ihr nicht, wächst sofort die Kritik an ihr. Ihre fragile Partei würde sofort wieder in viele Partikularinteressen zerfallen.

Die gute Nachricht für Kamala Harris kommt aus der Demoskopie. Der knappe Vorsprung Donald Trumps ist immer noch knapp. Er ist in der Endphase des Kandidaten Biden nicht gewachsen, wie man meinen könnte, er stagniert. Daraus folgt, dass Harris das Ruder noch herumreißen kann. Die Voraussetzung ist selbstverständlich eine kluge Strategie, durch die unentschlossene Wähler angezogen werden.

Auf Dauer genügt es nicht, Donald Trump als Lügner, Kriminellen und Demokratiefeind zu bezeichnen. All das ist er, aber das weiß jetzt auch jeder und es kann ihm in seiner Anhängerschaft nichts anhaben. Es verfängt auch nicht, immer wieder an das Kapern des Kapitols zu erinnern. Es gibt Richter, von Trump eingesetzt, die in seinem Sinne urteilen. Darüber zu jammern ist ebenso verständlich wie nutzlos. Die Demokraten müssen einsehen, dass der Trumpismus zu einer Weltanschauung geworden ist, die über Trump hinausweist.

Die Republikaner, die mal die Partei der Wall Street war, haben sich in eine Partei der Arbeiterklasse verwandelt, wie sich im übrigen auch rechte Parteien in Europa so wandeln. Der Vize und damit politische Erbe, den Trump wählte, JD Vance, kommt aus einer prekären Familie und schrieb ein Buch („Hillbillie Elegy“) über die Transformation der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Dieser Schicht zollt Trump Respekt, so merkwürdig es auch anmutet, wenn ein New Yorker Geschäftsmann sich zum Champion der Entrechteten und Verlorenen im Lande aufschwingt. 

Trump und Vance entwerfen ein düsteres Bild der Gegenwart. Kriminelle Horden strömen ins Land. China beutet Amerika aus und Europa legt sich auf die faule Haut, anstatt angemessen in die Nato einzuzahlen. Der Krieg in der Ukraine kostet zu viele Milliarden Dollar. Gefahr durch Veränderung, wohin immer auch Trump und Vance blicken.

Schon wahr, Unsicherheit und Unübersichtlichkeit bereiten breiten Wählerschichten Angst. Sie verlangen nach Garantien für mehr Sicherheit in jeder Form. Trump verspricht Schutz vor der Dynamik des Globalismus, der sich nirgendwo stärker ausprägt als in Amerika. Aber diese destruktive Kraft des Kapitalismus ist für Trump und seine Wähler nur die Schuld der Eliten an Ost- und Westküste, die sich um die sozialen Folgen der Entindustrialisierung wenig scheren.

Düstere Erzählungen sind immer noch ungewöhnlich für einen Kandidaten der Republikaner. Der idealtypische Vertreter des Gegenteils war Ronald Reagan. Für ihn war die Zukunft rosig. An jedem Tag, den Gott werden ließ, ging die Sonne golden für Amerika auf. Und die Implosion des Kommunismus war für ihn nur eine Frage der Zeit.

Amerika ist eigentlich identisch mit Optimismus. Optimismus verhalf zu Erfolgen. Pessimismus war die Ideologie der Verlierer. Pessimismus war unamerikanisch. Insofern hat Trump die republikanische Partei wirklich nach seinem Bild geformt.

Was folgt für Kamala Harris und die Demokraten daraus? Sie müssen ihre Neigung zügeln, in Trumps Wähler nur Verirrte zu sehen und ihnen falsches Bewusstsein zu attestieren. Und der düsteren Weltanschauung des Trumpismus sollten sie eine Prise Optimismus entgegensetzen. Dazu ließe sich an die alte Erzählung anknüpfen, die Reagan, aber auch Bill Clinton und Barack Obama ins Weiße Haus trug. Schließlich hat sich Amerika in seiner Geschichte immer wieder neu erfunden. Warum nicht auch jetzt?

Kamala Harris strahlt diese Zuversicht aus. Sie besitzt dieses ansteckende Lachen und eine besondere Herzlichkeit. Die Bühne gehört jetzt ihr. Das ganze Land wird sie gespannt unter die Lupe nehmen. Bis zum 5. November kann sie zeigen, was in ihr steckt. Hat sie die gläserne Härte, die Widerstandskraft und die Ausdauer, Trumps Gemeinheiten zu verkraften und ihr Narrativ durchzusetzen, kann sie durchaus die erste schwarze Präsidentin Amerikas werden. Wir sollten es ihr wünschen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Erinnerung an Henry, Seine Durchlaucht

Henry ist gestorben. Henry habe ich für eine Weile gut gekannt. Wir waren Freunde. Unsere Wege trennten sich, wie das so ist, wenn der eine aus einer normalen Familie stammt und der andere aus einem uralten Adelsgeschlecht. Manchmal wollte es der Zufall, dass ich irgendwo las, was ihm widerfahren war. Heirat. Erbfolge. Eine Geschichte, die sich um Kokain drehte. Vielleicht verfolgte Henry meinen Weg aus der Ferne so sporadisch wie ich den seinen.

Als ich 15 war, zog ich es vor, in ein Internat zu gehen. Die Lehrer am Schiller Gymnasium in Hof hatten mich auf dem Kieker, was ich ihnen aus der salomonischen Sicht von heute nicht einmal verdenken kann. Ich war faul, ich schwänzte den Unterricht. Ich war schlecht in Mathe und Physik. Ich war verwundbar, weil man mit zwei 5 im Zeugnis in Bayern durchfiel. Ich war 15 und in der 9. Klasse, mächtig pubertär. Die Herausforderung nahm ich an, kam durch ohne 5, wollte mich aber nach Bad Wiessee ins Internat begeben. Davon hatte mir Schnolzo erzählt, ein Freund, den ich beim Skifahren kennengelernt hatte.

Schnolzo war unfreiwillig dort, seine Eltern wollten es so. Ich wollte freiwillig dorthin, meine Eltern waren überrascht, aber einverstanden. So kam ich ins Internat. Genauer gesagt waren Internat und Schule getrennt. Das Internat war in Bad Wiessee, die Schule in Tegernsee. Jeden Morgen fuhren wir mit dem Schiff über den Tegernsee und nach der Schule zurück.

Wir waren höchstens 30 Schüler, darunter wenige Mädchen. Henry bezog das Zimmer gegenüber. Er war Neuling wie ich. Dieser Umstand verband uns. Wir mochten uns. Henry trug eine Brille und besaß Vergangenheit. Aus mehreren Internaten war er rausgeflogen, zuletzt aus St. Blasien. Henry war nicht der Schlaueste. Er ging in die achte Klasse, war genauso alt wie ich, aber zwei Klassen unter mir, also zweimal sitzengeblieben. Henry hatte ein Lernproblem.

Mit vollem Namen hieß Henry Heinrich Maximillian Egon Karl Prinz zu Fürstenberg. Er durfte und musste in Donaueschingen mit Durchlaucht angesprochen werden. Der Titel kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ursprünglich hell leuchten. Na ja, eine helle Leuchte war Henry nicht, aber ein netter Kerl, an den ich mich gerne erinnere.

Den gewaltigen sozialen Unterschied bemerkten wir immer dann, wenn ein Hubschrauber einschwebte und Henry fürs Wochenende heimholte. Er trug dann Blazer mit Einstecktuch und war weniger Henry als wochentags. Seinem Gesicht sahen wir an, dass ihm nicht wohl war, zur Familie zu fliegen. Wir bedauerten ihn und beneideten ihn zugleich. Hubschrauber! Schloss! Durchlaucht! Riesenvermögen! Sonntagabend war er zurück und wieder ganz Henry.

Bei der Erinnerung an Henry frage ich mich natürlich, warum ich ihn nicht mal angerufen oder geschrieben habe. Wie man sich eben nicht nur sinnvolle Fragen stellt, wenn jemand stirbt, den man kannte. Ich war nur für ein Jahr im Internat. Henry pflügte viele Internate durch.

Er sei nach langer Krankheit gestorben, heißt es in Nachrufen. Ruhe in Frieden, Henry.

Der beste Skatspieler ever

Vor ein paar Tagen ist Klaus Töpfer gestorben. Er war unter Helmut Kohl Umweltminister. Kein Parteisoldat, sondern ein unabhängiger Kopf mit weitreichender Kompetenz. Geschätzt von vielen über sämtliche Grenzen hinweg, die für weniger kundige Köpfe hochgezogen werden. Er ist mal durch den Rhein geschwommen, zum Beweis, dass seine Gewässer sich erholt hätten. Diese Show passte gar nicht zu ihm. Später ist er international unterwegs gewesen, für die Uno.

Ich will aber eine andere Geschichte mit Klaus Töpfer erzählen. Sie spielt in Rheinland-Pfalz, wo er sich die Meriten erwarb, die Helmut Kohl aufmerksam werden ließen. Eines Tages war ich in Mainz, um mir einen Ausschuss anzuschauen, der landesweite Bedeutung hatte. Ich mochte Mainz, ich hatte dort studiert und promoviert. Mein Sohn Vincent kam dort auf die Welt. Zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich in dieser Stadt mit ihrer stolzen Geschichte, ihrer Lässigkeit und dem heiteren Dualismus von Landeshauptstadt und Campus-Universität.

An diesem Tag war Ich aus Hamburg angereist und fröhlich, wieder da zu sein. Die Sitzung des Ausschusses, es ging um eine Falschaussage des Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl, war erwartbar langweilig. Da fragte mich Jürgen Busche, der auch vor kurzem starb, ob ich nicht Lust auf einen Skat hätte. Ich spiele gerne Skat, obwohl mir der Sinn nicht unbedingt in diesem Augenblick danach stand, als mich der Kollege der FAZ, den ich wegen seiner Unberechenbarkeit schätzte, dazu aufforderte. Er sagte, wie könnten Klaus Töpfer im Ministerium abholen und bei dem zu Hause biertrinkend Skat klopfen.

Ich staunte. Ich wusste nicht, dass man einen Landesminister nachmittags gegen 3 Uhr von seinem Schreibtisch loseisen konnte. Noch mehr staunte ich, als es genauso kam, wie Jürgen Busche vorausgesehen hatte. Wir gingen ins Ministerium, wir stießen in Töpfers Büro vor, der stand auf, der Fahrer fuhr uns nach Hause zu den Töpfers. Wir setzten uns hin und droschen stundenlang Skat. Wir tranken Bier auf Bier. Es war wunderbar.

Busche gehörte zu den Trinkern, die schon nach dem nächsten Bier jammern, wenn das vor ihnen stehende Glas noch knapp halbvoll war. Töpfer trank gleichmäßig. Ich hielt mich zurück. Was aber das Erstaunlichste an diesem wilden, überraschenden, lustigen, angeregten Nachmittag war, hatte mit dem Skatspieler Klaus Töpfer zu tun. Er war der beste Spieler, dem ich jemals gegenüber gesessen habe. Er machte aus wenig viel. Wir nahmen Busche Spiele ab, die er gut hätte gewinnen können. Busche, ein Choleriker, geriet in Wallung und vermutete Komplotte zu seinen Ungunsten, wo er doch so sehr Komplotte zu anderer Leute Ungunsten liebte.

An diesen Mainzer Nachmittag, der sich tief in die Abendstunden hinein bohrte, musste ich bei Klaus Töpfers Tod denken. Ich hoffe, er und Jürgen Busche finden einen dritten Mann in Himmel oder Hölle, wo auch immer sie sich getroffen haben mögen.

Der Mensch hinter der Maske

Als sie noch diese junge Frau aus dem Osten war, da fielen ihre großen Augen auf, mit denen sie wach und neugierig und immer leicht amüsiert die Welt und die Menschen betrachtete. Auch der Mund neigte sich ein bisschen belustigt, als wäre sie über das Getümmel um sie herum bass erstaunt.

Kurz vorher war sie noch Tag für Tag mit der S-Bahn an der Mauer entlang früh gegen 6 Uhr in ihr Institut gefahren. Ein monotones, berechenbares, langweiliges Leben an einem sicheren Ort, abgeschottet von der Diktatur des Proletariats. Jetzt aber ließ sie die Wissenschaft hinter sich, als hätte sie das immer im Sinn gehabt, und stürzte sich in die Politik.

Ehe diese Dr. Angela Merkel, Pfarrerstochter aus Templin, geboren in Hamburg am 17. Juli 1955, zahlreiche Parteifreunde aus dem West beiseite räumte, kaltblütig und machtfroh, hatte sie einige wichtige Förderer. Rainer Eppelmann, der mutige Pfarrer und Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruch“, war der erste Mentor. Er empfahl sie Lothar de Maizière, dem letzten DDR-Ministerpräsidenten, der sie wiederum Helmut Kohl ans Herz legte.

Keiner von ihnen hielt für möglich, dass sie Kanzlerin werden könnte. Frau! Aus dem Osten! Kohls Mädchen! Unterschätzung kann ein brauchbarer Weg zur Macht sein.

Der Rest ist Geschichte. Die mutige, witzige, forsche junge Frau verschwand hinter einer Maske. Die Hände formten sich zur Raute, einer Geste, die ihr Ruhe gab, ihr Inneres ordnete. Der Körper versteckte sich in ihrer Uniform, Jackett plus Hose. Die Wort verriegelte sie in Vorsicht.

Noch jedem Kanzler ist es so ergangen, dass die Macht ihren menschlichen Preise einforderte. Jeder von ihnen liebte es, die Nummer 1 im Staate zu sein, und jeder mochte sich vornehmen, dass er sich auch im hohen Staatsamt sein Ich bewahren würde. Keinem von ihnen ist es gelungen.

Immerhin erhielt sich Angela Merkel ihr ursprüngliches Ich im vertrauten Kreis, wie der berühmte Schauspieler Ulrich Matthes in einer fünfteiligen Dokumentation über Angela Merkel erzählt. Dann habe sie zum Beispiel andere Staatenführer imitiert, offenkundig eine besondere Gabe. Nicolas Sarkozy ahmte sie wohl besonders treffend nach. Dieser französische Präsident war ja auch der ultimative Macho, eine Spezies, auf die sie immer und überall traf. Wenn Angela Merkel sich sicher fühlte, durfte sie sein, wie sie war.

70 wird sie heute. Glückwunsch, Altkanzlerin! Seit knapp drei Jahren ist sie im Ruhestand. Sollte Olaf Scholz bis zur nächsten Bundestagswahl durchhalten, wird er genauso alt sein wie sie bei ihrem Rücktritt nach 16 Jahren Kanzlerschaft.

Angela Merkel ist Geschichte. Wir können sie jetzt unter die Lupe nehmen. Sie kann sich nicht wehren. Wir können barmherzig mit ihr umgehen oder umbarmherzig.

Ich habe mich immer gewundert, wie sehr die Kanzlerin moderat temperierte Gemüter in Wallung versetzen konnte. Ansonsten differenzierte Mensch ließen nicht erst 2015 kein gutes Haar an ihr. Sie wetterten gegen sie, erklärten sie zur Versagerin auf ganzer Linie und begruben sie unter wilden Adjektiven. Es war ziemlich egal, ob diese Unbarmherzigen eher liberal oder eher links standen. Die Wut, der Zorn auf die Kanzlerin fiel bemerkenswert tiefenscharf aus.

Natürlich kann man ihr im Nachhinein anlasten, dass sie einseitig auf Russland als Energielieferanten setzte. Dabei gerät allerdings in Vergessenheit, dass ihre Vorgänger seit dem Kalten Krieg in den 1970er Jahren das Land mit billigem Öl und Gas versorgten. Unser Wohlstand hing ja auch davon ab, wie denn auch nicht. Was hätten Industrie und Wirtschaft aufgeheult, wenn die Kanzlerin Nord Stream 2 nicht zugestimmt hätte. CDU und CSU hätten sie dafür gesteinigt.

Heute wissen wir auch, dass es keine gute Idee war, die Wehrpflicht so mir nichts, dir nichts auszusetzen. Sogar die rasche Abwicklung der Kernkraft war übereilt, weil die Eindimensionalität der Energievorsorge unbedacht blieb. Und wir kennen Wladimir Putin, dem sie mehr als andere misstraute, nun besser, da er die Ukraine überfallen ließ.

Geschichte, die gerade vergangen ist, wird kaum gerecht beurteilt. Angela Merkel wird am Wissen von heute gemessen. Wer vom Rathaus kommt, ist klüger als zuvor. Darüber kann sich die Altkanzlerin nicht beschweren. So ist Politik eben, keine rationale Wissenschaft, eher die schnöde Kunst, recht zu behalten, vor allem hinterher.

Seltsam mutet im Rückblick diese seltsame Kombination aus zähem Pragmatismus und spontihafter Abruptheit an, die sie auszeichnete. Sie konnte lange zuschauen und Dinge, die zur Entscheidung anstanden, sich entwickeln lassen. Sie konnte aber auch blitzschnell auf umwälzende Ereignisse reagieren und die Dinge auf den Kopf stellen. Beides war ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich.

Mir hat ein Konstruktionsfehler ihres politischen Verhaltens missfallen. Als Physikerin betrachtete sie sich entfaltende Ereignisse wie im Lichte einer Versuchsanordnung. Dafür gab es Hypothesen und Vermutungen. Entwickelte sich der Versuch anders als erhofft, änderte sie die Anordnung, oft eben sogar abrupt.

Die wirkliche Kunst der Politik aber besteht in der Doppelstrategie. Willy Brandt verband Annäherung mit Osteuropa mit der Hoffnung auf Wandel. Helmut Schmidts Doppelbeschluss beruhte auf einem Angebot, gepaart mit einer Drohung. Helmut Kohl sicherte die Wiedervereinigung durch den Euro ab. 

Angela Merkel beherrschte diese Kunst, das Eine mit dem Anderen zu verbinden, leider nicht. Geflüchtete ins Land zu lassen, war ein Akt der Humanität, der Deutschland Respekt und Anerkennung einbrachte. Dabei blieb sie aber stehen. Sie verknüpfte die Menschlichkeit nicht mit verschärfter staatlicher Aufsicht, wer da kommt und wie das Land vor den Gefahren der Immigration geschützt werden kann. Und deshalb förderte sie unwillentlich den rechten Rand der CDU/CSU. So konnte aus der insularen Professoren-Partei AfD eine rechte Massenpartei mit antidemokratischer Gesinnung entstehen.

Im übrigen schaue ich eher barmherzig auf Angela Merkel. Die Weltfinanzkrise 2007/8 mit ihren Auswirkungen auf Europa meisterte sie vorbildhaft. In der Pandemie hielt sie beispielhaft einfühlsame Reden und tat das Richtige. Das Ausland beneidete uns um sie. Im Inland allerdings lag sie oft quer zu Ministerpräsidenten wie Armin Laschet oder Markus Söder, die Eigeninteressen verfolgten. Und am Ende war Angela Merkel nicht mehr tatkräftig genug, um sich durchzusetzen.

Heute wird sie 70. Das ist nicht besonders alt, aber doch ein Vorbote der Endlichkeit des Daseins, ein Gedanke, der ihr als Pfarrerstochter vertraut ist. Wir sollten ihr wünschen, dass sie heiter und ausgelassen mit Freunden feiert – mit ihrem alten Ich, das sie nun nicht mehr verbergen muss.

Da läuft einer gegen die Wand

Mit mittellauter Stimme, aber unnachgiebig, erinnert Boris Pistorius daran, dass gerade einiges schief läuft. Die Bundeswehr benötigt mehr Soldaten, aber die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist blockiert. Um kriegstüchtig zu sein, braucht sie auch mehr Waffen jeder Art. Für beides müsste der Wehretat stark angehoben werden, was Pistorius allerdings verwehrt ist.

Aus seiner Sicht wiederholt sich damit eine Fehleinschätzung, die Tradition hat. Mehrere deutsche Regierungen haben Wladimir Putiin nicht richtig eingeschätzt. Seit dem 24. Februar 2022 könnte jedermann es besser wissen. Erst kommt die Ukraine und dann setzt Russland die Korrektur der Geschichtstragödie fort, die im Schwinden der Weltmacht seit 1989 bestand – das ist die Logik. Darüber redet Putin, Imperialismus hat er im Sinn, man sollte ihn nun wirklich ernst nehmen.

Demokratien sind aller Erfahrung nach friedlich gesonnen. Sie verbünden sich ökonomisch und militärisch mit anderen Demokratien, treffen damit Vorsorge für den Ernstfall, von dem sie aber annehmen, dass er nicht eintreffen wird. Ansonsten widmen sie sich der Marktwirtschaft und dem inneren Ausbau der Demokratie. Das ist der Normalfall, der allerdings hinter uns liegt.

In Zeiten wie diesen sind Zielkonflikte in der Demokratie unvermeidlich. Die Regierung Scholz/Habeck/Lindner stellt die Ökologie notgedrungen hintan und widmet sich dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Die Kindergrundsicherung bleibt zwar vermutlich auf der Strecke und das Bürgergeld wird aus einer milden Gabe zu einer auch fordernden Gabe umgewandelt. Aber vor allem die SPD würde gerne den Mindestlohn nochmals erhöhen und ist überdies der Auffassung, dass die Schuldenbremse ein massives Ärgernis ist.

Doch was ist mit Putin und dem Geschichtsrevisionismus? Boris Pistorius wird nicht müde auf die reale Gefahr hinzuweisen, dass Russland in einer zweiten Phase die baltischen Staaten angreifen wird, so dass für die Nato, also auch für Deutschland, der Bündnisfall eintritt. Nicht irgendwann, sondern schon bald. Aber wird er ernst genommen?

In den letzten Tagen ließ sich der Verteidigungsminister nicht zufällig von zwei Generälen flankieren, die er sehr schätzt und die hohes Ansehen in der Truppe genießen. Der eine heißt Jürgen-Joachim von Sandrart und befehligt das multinationale Korps Nordost, das in Stettin stationiert ist. Im dessen Stab sind 25 Nato-Länder vertreten.

Sandrart sagte vor kurzem, „Russland klein zu hoffen und zu denken, das wäre ein existentieller Fehler“. Dazu gehört aus seiner Sicht die Illusion, dass Putin durch den Krieg gegen die Ukraine auf Dauer gebunden ist: „Es besteht bereits jetzt ein Potenzial, das es Moskau ermöglichen könnte – sicherlich limitiert in Raum, Zeit und Kräfteansatz – einen weiteren Konfliktherd zu entfachen, unter anderem auch gegenüber der Nato.“

Der andere General heißt Carsten Breuer, ist Generalinspekteur der Bundeswehr und damit Ratgeber seines Ministers. Als sich abzeichnete, dass die Regierung die Streitkräfte nicht hinreichend im Etat bedenken würde, gab auch Breuer Interviews. Er sagte, das Sondervernögen von 100 Milliarden Euro diene zur Kriegstüchtigkeit und verlange konsequent nach einem steigenden Etat: „Denn neben der Ausstattung geht es um die Betriebsausgaben, die Instandsetzung, Ausbildung und Übungen, ohne die wir die Einsatzbereitschaft der Truppe nicht erhalten können. Was hilft also mehr Material, wenn die Soldaten es nicht nutzen können?“

Breuer spricht auch aus, was andere hohe Ränge in der Bundeswehr denken: „In fünf bis acht Jahren wird Russland sein Militär so erneuert haben, dass ein Angriff auf Nato-Gebiet möglich sein könnte. Das bedeutet für uns: Wir müssen uns an 2029 ausrichten. Bis dahin müssen wir spätestens bereit sein, uns gegen einen möglichen russischen Angriff verteidigen zu können.“

Vielleicht ist es gewöhnungsbedürftig, dass sich Generäle konzertiert in eine politische Debatte einschalten. Deutschlands Außenpolitik war eben über viele Jahrzehnte auf Ausgleich durch Entspannung eingestellt und damit auch erstaunlich erfolgreich. Ohne den Verzicht auf Großmannssucht wäre die Wiedervereinigung am Ende nicht so glatt über die Bühne gegangen. Die Schrumpfung der Bundeswehr schien konsequent zu sein, weil wir ja damals von Freunden umzingelt waren. Und wir wollten ja Pazifisten sein.

Vergangen, verweht. Die Welt ist gefährlich geworden. Der Kalte Krieg ist zurück. Jeder weiß es, auch Christian Lindner und Olaf Scholz wissen es. Nur ziehen sie anscheinend keine Konsequenzen daraus.

Die Stärkung der Bundeswehr im erforderlichen Maße scheitert schon mal an der Partei, der Boris Pistorius angehört. Die SPD ist mehrheitlich nach wie vor pazifistisch gesonnen. Sie mag zwar im Verteidigungsminister einen Kanzler-Ersatz sehen, teilt aber seine Überzeugung nicht, dass die Lage bitterernst ist und schon gar nicht die Einschätzung, dass schon in wenigen Jahren Deutschland der Nato-Ernstfall bevorstehen könnte.

Vielleicht ist die Prognose übertrieben, dass die baltischen Staaten in Kürze die nächsten Angriffsziele sein sollen und das Bündnis ihnen beispringen muss. Vielleicht steckt in der Skepsis aber auch magisches Denken – weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Was ist also das Richtige?

Richtig ist Vorsorge für den Fall der Fälle. Auch wer Krieg nicht will, muss sich auf ihn vorbereiten. Deshalb ist eine starke Bundeswehr eine Notwendigkeit, ob einem das gefällt oder nicht. Sie braucht Geld, also sollte sie es bekommen. Die Regierung könnte das einsehen, wenn sie wollte. Die Demokratie muss ja wohl wehrhaft sein, oder etwa nicht?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wenn die Kräfte schwinden

Alter zählt. Alter schwächt. Egon Bahr, der mit 93 starb, erzählte davon, dass es meistens bei den Beinen beginnt. Der Kopf mag noch eine Zeitlang solide arbeiten, aber die Gliedmaßen lassen zuerst nach.

An Joe Biden lässt sich der schleichende Verfall ablesen. Groß wie er ist, stakst er mit kleinen Schritten, weil er das Gleichgewicht nicht mehr sicher halten kann. Äußerlich wirkt er maskenhaft, was vermutlich an ästhetischen Korrekturen liegt, die so viele Menschen in fortgeschrittenem Alter an sich vornehmen lassen. Beim Reden verliert er den Faden, fängt irgendwo an und hört stockend anderswo auf.

Nur noch eine Frage von Tagen oder wenigen Wochen dürfte es sein, bis er die Konsequenzen aus seinen schwindenden Kräften zieht. Danach wird Donald Trump der alte Mann sein, der unter Beobachtung steht.

Kein Zweifel, der Wunsch nach Rache hält den Narzissten Trump unter Strom und deshalb wirkt er vital. Sein Problem ist auch nicht die Stringenz der Gedanken, sondern die Flut der Beschimpfungen, die aus seinem Munde quillt, wenn er meint, es geschehe ihm Unrecht. So ist es, wenn in Menschen der solipsistische Glaube vorherrscht, die Welt drehe sich ausschließlich um sie.

Aber was ist das richtige Alter für einen Präsidenten, einen Regierungschef, einen Kandidaten für hohe Staatsämter? Gibt es zu alt, gibt es zu jung?

Barack Obama war erst 55 am Ende seiner Zeit im Weißen Haus. Als er dort eingezogen war, wirkte er nicht nur jung, sondern auch unerfahren. Den Mangel kompensierte er mit Intelligenz und einem Schwarm ergebener, kluger Berater. Emmanuel Macron erreichte mit knapp 39 das Amt, das er mit 49 verlassen wird. Dann wird er ein Präsident gewesen sein, der seiner Neigung zu einsamen Beschlüssen umfassend nachgab. So sind Obama und Macron die größtmöglichen Gegensätze bei ähnlichen Ausgangspunkten.

Das Alter ist wichtig in der Politik, keine Frage. Mehr Gewicht fällt aber dem Gemüt zu, jenem inneren Mittelpunkt eines Menschen, in dem sich der Charakter, das politische Können und der Sinn für das Handeln im richtigen Moment bündelt. Darin unterscheiden sich die Menschen, die in höchste Ämter gelangen.

Keir Starmer ist 61 Jahre alt und seit Freitag Premierminister.

Wenig nur wissen wir über den haushohen Gewinner der britischen Unterhauswahlen. Bisher profitierte er vom Kontrast zu seinem linken Vorgänger Jeremy Corbyn, dessen Gefolgsleute er aus den vorderen Rängen vertrieb. Auch unterscheidet er sich vorteilhaft von Gaudiburschen wie Boris Johnson. Starmer gilt als langweilig, aber das ist momentan noch kein Nachteil, weil Großbritannien von egozentrischen Charismatikern die Nase voll hat.

Wer Keir Starmer ist und was er kann, ob er ein stabiles Gemüt und einen inneren Kompass besitzt, muss er jetzt zeigen. Aus dem Stand, ohne Anlauf. Morgen beginnt der Nato-Jubiläumsgipfel in Washington. Seine neuen Kolleginnen und Kollegen werden ihn freundlich begrüßen und neugierig verfolgen, ob er sich mit Redebeiträgen vordrängelt oder diskret zurückhält.

So stark wie am Tag der Machtübernahme wird Starmer nie wieder sein. Dafür dürfte auch seine Labour Party sorgen, die momentan trunken vor Siegesfreude ist und gerade deshalb Ansprüche an die Umgestaltung der herrschenden Verhältnisse stellen wird, die der Premierminister tunlichst nicht erfüllen sollte. Und wie verhält er sich gegenüber der EU – sucht er Annäherung, auch wenn er an den Brexit nicht rühren will?

Frankreich ist anders. Frankreich hätte fast einen blutjungen Premierminister bekommen, wenn denn die Linke und Macrons Mitte-Partei nicht ein Bündnis gegen die Rechte geschlossen hätten. 28 Jahre alt ist Jordan Bardella und Vorsitzender des Rassemblement National. Seine Altersgenossen mögen lange Wochenstunden in ihren ersten Jobs abreißen und schon gutes Geld verdienen. Bardella aber brach sein Studium ab und warf alles auf die Politik. Von seiner Mentorin Marine LePen lernte er, was ein rechter Anführer auf dem Kasten haben muss. Den Mangel an Erfahrung sucht er mit geschliffener Rhetorik wett zu machen.

Erfahrung kommt mit den Jahren, wie denn sonst. Olaf Scholz zum Beispiel ist vor kurzem 66 Jahre alt geworden. Klein und schlank, diszipliniert und sportlich wie er ist, könnte er eigentlich noch länger Bundeskanzler bleiben. An Erfahrung kommt ihm kaum einer gleich. Seine Schwäche ist diese merkwürdige Arroganz, vieles besser als viele andere zu wissen, und ein gewisser Realitätsverlust. 

Friedrich Merz wiederum wird im November 69. Mit knapp 70 könnte er unser nächster Bundeskanzler sein. Seine Neigung zu flapsiger Arroganz könnte ihn mehr noch als sein Alter in Schwierigkeiten bringen. Eigentlich wäre er die ideale Übergangsfigur. Wenn er nur wollte, könnte er einem jüngeren Christdemokraten den Weg ebnen und somit die Voraussetzung für längeres Regieren seiner Partei schaffen.

Wen sollte er protegieren? Na ja, da gibt es Hendrik Wüst oder Boris Rhein oder Daniel Günther. Es wäre doch ein Akt der Souveränität, wenn Merz einen der Drei ins Kabinett holte, ihn förderte und ihm nach zwei Jahren das Ruder überließe. Aber wer bringt ihn auf diese Idee? Auch bei Merz stellt sich die Frage, ob er sich etwas sagen lässt – nach dem Charakter.

Alter ist schwierig, Alter kann auch eher gemütliche Gemüter zu Starrsinn veranlassen und so ein Drama verursachen, das über das Persönliche weit hinausgeht. In Washington entfaltet es sich gerade. Joe Biden ist noch im Stadium Ich-will-es-nicht-wahrhaben, dass ich mich als Kandidat zurückziehen soll. Eine gewisse Frist bleibt ihm sogar noch, weil ja eine Alternative erst noch gefunden und auf biographische Unangreifbarkeit getestet werden muss. Auch das Unabänderliche will Weile haben.

Tragödie mit Ansage

Joe Biden wird sich zurückziehen, keine Frage. Er überschätzte sich, als er glaubte, er könne noch einmal als Präsident antreten, trotz seines Alters, trotz seiner Aussetzer. Es war aber auch niemand da, der ihm den Rang streitig gemacht hätte. Ein Armutszeugnis für die Demokraten, die viele Eigensinnige und Eigensüchtige in ihren Reihen aufweisen, aber keinen besseren Kandidaten.

Die Frage ist nur, ob seine Frau Jill oder ein Vertrauter Joe Biden nahebringen, dass es vorbei ist. Es könnte auch zum Beispiel Barack Obama gebeten werden, die richtigen Worte finden, um den Präsidenten zur Einsicht zu bekehren. Vielleicht ist es aber auch so, dass Joe Biden inzwischen weiß, was unvermeidlich ist, und selber die Reißleine zieht. Er kann Präsident bleiben, aber nicht über den 20. Januar hinaus, dem Tag der Amtsübergabe.

Donald Trump ist ein pathologischer Lügner. Erstaunlicherweise kam keiner der beiden Moderatoren im TV-Duell auf den Gedanken, seine abwegigen Behauptungen aufzuspießen. Und genauso wenig dürfte irgendein Republikaner darüber sinnieren, ob diese altehrwürdige Partei nicht auch ihren Kandidaten zurückziehen sollte, der eine echte Gefahr für die Demokratie bedeutet, wenn er die Gelegenheit zum Durchregieren bekommt.

Selbst wenn die Demokraten nach dem 5. November noch eine Mehrheit im Senat haben sollten, dürfte sich Trump nicht bändigen lassen. Sein Respekt vor Institutionen ist gleich null. Den Supreme Court muss er nicht fürchten; ihn hat er so konservativ gewendet, dass er ihm nicht in den Arm fallen wird. Amerika aber muss den entfesselten Trump fürchten.

Wenn nicht ein Wunder geschieht, dann ist die Wahl jetzt schon gelaufen. Ein kraftvoller Biden hätte eine echte Chance besessen. Schon einmal besiegte er Trump. Wirtschaft und Renommee Amerikas legten in seiner Präsidentschaft deutlich zu. Eine Tragödie, allerdings eine mit Ansage, dass seine Geisteskräfte schwinden.

Die Demokraten müssen schleunigst einen Ersatzmann oder eine Ersatzfrau finden. Kamala Harris wäre die Ideallösung, hätte sie sich in den vergangenen vier Jahren profiliert. Hat sie aber nicht, und deswegen scheidet sie als Kandidatin aus. Also muss es eine Figur aus dem Reservoir der Gouverneure sein, mit dem Makel fehlender nationaler Reichweite und Bekanntschaft. Sowohl Gavin Newsome (Kalifornien) als auch Gretchen Whitmer (Michigan) leiden unter diesem entscheidenden Nachteil.

Es läuft wohl auf Newsome zu. Er regiert den großen Bundesstaat Kalifornien, hat einen gewissen Bekanntheitsgrad, während Whitmer Gouverneurin im kleinere Michigan ist und außerhalb eine eher unbekannte Größe.

Vielleicht sogar legt Newsome in den nächsten Monaten einen fulminanten Wahlkampf hin. In Amerika ist ja vieles möglich, was sonst undenkbar wäre. Newsome ist vergleichsweise jung, 54 Jahre alt, er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, ehe er in die Politik ging. Der letzte Gouverneur Kaliforniens, der zum Präsident aufstieg, war Ronald Reagan.

Mit Newsome ließe sich endlich auch das Alter des Kandidaten Trump, er ist 78, thematisieren. Voraussetzung dafür wäre eine fast verzweifelte Geschlossenheit der Demokraten, die momentan in viele eifersüchtige Einzel-Egos auseinander fallen.

So schnell, wie es mit der Alternative zu Biden gehen müsste, wird es ohnehin nicht gehen. Zuerst muss die Biographie Newsomes bis ins intimste Detail durchforstet werden, damit die Gegenkampagne nichts ausgraben kann, was ihn schwächen würde. Newsome leidet zum Beispiel unter Dyslexie, einer Schreib- und Leseschwäche, die das Trump-Lager ausschlachten wird, keine Frage.

Am 19. August beginnt der Krönungsparteitag der Demokraten. Womöglich bringt es diese zerfaserte, disparate Partei fertig, bis dahin zu warten, weil sie sich nicht auf einen Kandidaten (oder eine Kandidatin) einigen kann. Wollen wir’s nicht hoffen.

Wenn Amerika einen Präsidenten wählt, schaut die Welt angespannt zu. Amerika besitzt noch immer eminenten Einfluss auf allen Kontinenten, natürlich auch in Europa. Wir sind zwar auch nicht mit einer glänzenden Regierung geschlagen, aber ein Präsident Trump wäre eine verhängnisvolle Last für Frankreich, Deutschland und Großbritannien, für die baltischen Staaten und Polen und vor allem für die Ukraine.

Joe Biden wird womöglich der letzte amerikanische Präsident gewesen sein, auf den sich Europa in West wie Ost verlassen konnte. Ihn prägte der Kalte Krieg und das interventionsbereite Amerika mit all seinen Stärken und Schwächen. Er ist der ultimative amerikanische Patriot und kenntnisreiche Außenpolitiker. Wir werden ihm noch nachtrauern.

Da er zudem ein redlicher Mann ist, wird er in Kürze die Konsequenzen ziehen und aufgeben. Er kann sagen: Mein Alter fordert seinen Tribut, deshalb mache ich einem Jüngeren Platz. Ihn werde ich als Präsident kraftvoll im Wahlkampf unterstützen.

Und dieser jüngere Mensch sollte unbedingt schnellstens auf den Plan treten und sein Möglichstes tun, um Trump wie durch ein Wunder als Präsident zu verhindern.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Er lässt die Konkurrenz erblassen

Wenn es so kommt, wie die meisten Franzosen glauben, dann wird ein junger Mann von 28 Jahren ihr nächster Premierminister. Er heißt Jordan Bardella, tritt stets perfekt gekleidet im Anzug mit fabelhaft geknoteter Krawatte auf und beweist sein rhetorisches Geschick im Fernsehen wie auf dem Marktplatz.

Bardella macht allerdings eine Einschränkung: Er wolle nur Regierungschef werden, wenn seinem rechten Rassemblement National die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung zufällt. Na ja, mal schauen, ob er sich besinnt, falls seine Partei unter 50 Prozent bleibt.

Bardella wirkt wie ein Wiedergänger des Österreichers Sebastian Kurz, der ebenfalls eine derart verblüffende Karriere begonnen hatte, bevor er das 30. Lebensjahr erreichte. In ihm wiederholt sich das Junggeniehafte und Angstfreie, das Glatte und Perfekte. Was daran Überzeugung ist und was flexibler Opportunismus wird sich in Kürze zeigen. Man darf gespannt sein, ob sich für Bardella auch der ikarushafte Absturz wiederholt, den Sebastian Kurz hinter sich brachte.

Bardella ist ein Zögling von Marine LePen. Schon vor zwei Jahren erhob sie ihn zum Vorsitzenden der rechten Partei und sieht jetzt für ihn den Durchbruch in ein hohes Regierungsamt vor. Im rechten Marsch durch die Institutionen wäre dann in zwei Jahren Marine LePen dran, Präsidentin zu werden. Voraussetzung ist natürlich, dass Bardella bei aller Unerfahrenheit einigermaßen über die Runden kommt.

Im Fernsehen maß sich Bardella schon mehrmals mit Gabriel Attal, dem jungenhaftem Premierminister, der 35 Jahre alt ist. Attal ist das Produkt Emmanuel Macrons. Er ist liberal wie sein Präsident. Er legt sich ungern fest und sah deswegen nicht besonders gut aus gegen den kühlen Bardella, der sein Lied vom Frankreich der kleinen Leute singt, die ein hartes Leben führen und deshalb von der hohen Steuer auf Benzin und Energie befreit würden, sobald er Premierminister ist. Dass auf Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst zukommen soll , wiederholt Bardella in dieser Schärfe nicht mehr. Kam nicht gut an, kann weg.

Gestern Abend debattierten Bardella und Attal mit Manuel Bompard im französischen Fernsehen. Bompard gehört zur Linken, die mit Ökologen und Kommunisten ein Bündnis eingingen, das sich „Nouveau Front Populaire“ nennt, neue Volksfront. Eine kühne Namensgebung, denn die alte Volksfront unter Léon Blum war in den Vorkriegsjahren 1936 bis 1938 ziemlich unerfreulich gescheitert.

Bompard, der auch erst 38 Jahre alt ist, wirkt wie das ästhetische Kontrastprogramm zu den beiden wohlgekleideten, wohlrasierten Kunstprodukten. Er trägt Fünf- bis Sechstagebart, legt keinen Wert auf feines Tuch, blickt melancholisch aus müden Augen und trägt streng vor, dass die Rente mit 60 und die Erhöhung des Mindestlohns von 14 auf 16 Euro notwendig seien und Lebensmittel nicht erhöht werden dürften.

So bleibt Frankreich bleibt die Wahl zwischen verschiedenen Lagern mit fundamentalen Unterschieden. Auch deshalb entwickelte sich die TV-Debatte zur Wortschlacht. Ständig fielen sich die drei Kombattanten ins Wort und erklärten sich gegenseitig zur größten Gefahr fürs Vaterland. Attal verteidigte seine Reformen und nannte die ökonomischen Ideen der anderen völlig abwegig. Bardella betete seine Aversion gegen Immigranten herunter und versprach, er werde für Sicherheit sorgen. Beide echauffierten sich über Bompards Vorstellungen vom noch früheren Ruhestand.

Die Extreme schaukeln sich bei dieser Wahl hoch. Dabei liegt die Rechte in den Umfragen stabil vorn. Auf der Strecke scheint die bürgerlich-liberale Mitte zu bleiben, die Emmanuel Macron anführt. Anstatt einer Wiederauferstehung erlebt seine Partei wohl einen herben Rückschlag.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Jordan Bardella ins Hôtel Matignon einziehen wird, wo der französische Premier residiert – der jüngste Premier aller Zeiten aus einer Partei, von der noch vor kurzem niemand  gedacht hätte, dass sie je regieren würde.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Schlafwandeln ins Aus

Wer studieren möchte, wie sich ein politisches System aufwirbeln lässt, sollte nach Frankreich schauen. Dort hat Emmanuel Macron mit seiner Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, Schock und Chaos ausgelöst. Für das Sortieren bleibt nicht viel Zeit, denn schon am Sonntag wird das neue Parlament gewählt.

Sinn und Zweck der Übung ist eine Korrektur. Bei der Europawahl ging Marine Le Pens Partei als alleinige Siegerin hervor. Dem Präsidenten gefällt das Ergebnis nicht und deshalb gibt er den Franzosen die Gelegenheit zur Berichtigung. So ist er, so kennen wir ihn, das Springteufelchen, und er kann es, da der Staatschef überragende Macht im politischen Gefüge der Republik besitzt.

Ob Macron mit diesem Manöver Erfolg hat? Kaum zu glauben. Macron ist höchst unbeliebt. Seine Bewegung kommt vermutlich nur als dritte Kraft ins Ziel. Die Extreme profitieren von der Zerrüttung der Mitte nach acht Jahren. Die zersplitterte Linke tut sich schnell zusammen und benennt sich bedeutungsvoll „Front Populaire“, also Volksfront. Das ist eine interessante Wahl, denn das linke Bündnis war unter Premier Léon Blum in der Vorkriegszeit von 1936 bis 1938 nur kurz und keineswegs erfolgreich an der Macht.

Wie es aussieht, findet sich das heillos polarisierte Frankreich demnächst mit einem Präsidenten wieder, der mit einer Mehrheit der nationalkonservativen Rassemblement National im Parlament leben muss. Kohabitation nennt sich diese Art von immanenten Antagonismus. In zwei Jahren wählen die Franzosen dann einen neuen Präsidenten. Oder die Präsidentin Marine Le Pen.

Zwei Wahlen stehen in Europa in den nächsten Tagen an. Sie dürften den Kontinent gehörig durchrütteln. Nicht nur im Europäischen Parlament ist die Rechte zu einer unübersehbaren Macht aufgerückt. Frankreich, das Europa politisch beherrscht und beherrschen will, bekommt es mit einer Rechten zu tun, die von Europa nicht viel hält.

Die andere Wahl steht Großbritannien am 4. Juli bevor. Das Land hatte unter dem Einfluss der Rechten die Europäische Union verlassen und fingiert seither das 19. Jahrhundert, als Großbritannien eine Insel für sich war, abgewandt vom Kontinent, ein eigener Kosmos mit Weltmachtgeltung. Heute ist sogar das Sonderverhältnis zur ehemaligen Kolonie USA hinfällig. Dazu leiden England, Wales und Schottland ökonomisch unter dem Brexit, was die konservative Regierung nie zugeben würde. Auch deshalb steht sie vor ihrer Ablösung.

14 Jahre lang durften die Torys regieren. Es begann mit David Cameron, dem Großbritannien den Brexit verdankt. Mit dem Referendum verfolgte er die Absicht, den Verbleib in der EU abzusichern. Nur beging er den Fehler, die Sache laufen zu lassen, ohne zu sagen: Hört her, ich halte diese Europäische Union für sinnvoll und wichtig für uns, also stimmt gefälligst mit Ja. So bekamen die Gegner um Nigel Farage Oberwasser und versammelten eine knappe Mehrheit hinter sich.

Cameron ist übrigens heute Außenminister. Und Nigel Farage tritt am 4. Juli mit einer neuen Partei und den alten tückischen Parolen an.

Nach Cameron kam Theresa May. Sie hatte das Problem, dass sie als Pro-Europäerin die Verhandlungen über die Loslösung von Brüssel aushandeln musste. Diese hochgradige Ambivalenz konnte sie nie abschütteln. Da sie zudem sehr steif auftrat, fiel sie ins Unpopuläre, was ihren innerparteilichen Gegnern das fiese Spiel erleichterte. Also hatte Boris Johnson, der Obergaukler, seinen Auftritt für zwei Jahre. Bei seinen Treffen mit Donald Trump fiel jede Menge Slapstick-Material für einen kommenden Charlie Chaplin an.

Johnson war ein geübter Wahrheitsverdreher. Sein Vater hatte über ihn gesagt, er wird zwar Premierminister, bleibt es aber nicht lange. Er kannte seinen Sohn. Danach wurde es aber nicht besser fürs Vereinte Königreich. Liz Truss kam. Sie hatte hochtrabende Ideen für das neoliberale Wirtschaften, aber leider waren sie nicht nur schräg, sondern abwegig. Sie amtierte vom 6. September 2022 bis zum 24. Oktober 2022, genau sieben Wochen. Ein Minusrekord fürs Guiness-Buch.

Interessant daran ist die Selbstvergessenheit der britischen Konservativen, die das Regieren für ihr Geburtsrecht halten. Nicht einmal der wachsende Vorsprung der Labour Party in den Umfragen konnte sie beeindrucken. Die Torys bekriegten sich untereinander, sie bekämpften den jeweiligen Bewohner von Downing Street 10. Sie frohlockten, wenn es ihnen gelang, den Amtsinhaber oder die Amtsinhaberin abzusägen. Sie waren und sind ebenso machtversessen wie machtvergessen.

Der letzte Mohikaner ist Rishi Sunak. Vermutlich wäre er unter normalen Umständen sogar ein eher passabler Premierminister, aber er ist nun einmal geschlagen mit einer omnipotenten Partei, die in viele Lager zerfällt und sich nach einer unterhaltsamen Figur à la Boris Johnson sehnt. Wie Macron rief Sunak überraschend früh Neuwahlen aus. Aber anders als in Frankreich hängt die Wahl des Regierungschefs in Großbritannien von der Mehrheit im Parlament ab.

Frankreich driftet nach rechts. Großbritannien trudelt nach links. Der nächste Premier dürfte Keir Starmer sein, der Anführer der Labour Party, ein solider Mann, der seine notorisch zerstrittene Partei zusammenhält. 

Aus Deutschland könnten wir uns die Aufregung in den beiden Ländern entspannt anschauen, wenn es Grund zur Entspannung gäbe. Dummerweise sind auch wir mit einer Regierung geschlagen, die ihren Kompass verloren hat. Auch für uns ist die Europawahl ein unerfreuliches Omen. Auch bei uns stehen Konsequenzen an. Welche? Dafür gibt es zwei Optionen.

Option eins: Die Ampel vermag es Anfang Juli nicht, sich auf einen Haushalt zu einigen. Die FDP will keinesfalls die Schuldenbremse lockern, sie SPD will es unbedingt, wagt aber nur halblauten Protest. Die Grünen sind hochgradig verunsichert und wissen nicht mehr, was sie wollen sollen. Also ringen sie die Hände und hoffen auf ein Ende des Sturzes ins Bodenlose. So schlafwandeln diese Drei womöglich ins Aus.

Option zwei: Nach den ostdeutschen Wahlen mit dem Durchbruch der AfD wechselt die SPD den Kanzler aus, wogegen weder die FDP noch die Grünen Einwände erheben. Boris Pistorius darf dann versuchen zu retten, was nur schwerlich zu retten ist.

Für die EU ist die Entwicklung in den drei großen, entscheidenden Ländern besorgniserregend. Ab Juli sind nicht nur Ungarn oder die Slowakei unsichere Kantonisten, sondern auch Frankreich. Und Deutschland stehen demnächst ebenfalls ein paar unerfreuliche Konsequenzen bevor, die einiges verändern.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.