Alles Gute, „Spiegel“

Mein altes Blatt ist 75 geworden. Glückwunsch und alles Gute. Ich mag es nach wie vor, auch wenn es sich gewaltig geändert hat. Genauer gesagt, muss ich nicht gut finden, wie es sich geändert hat, aber wäre es so geblieben, wie.es einmal war, wäre der Schrumpfungsprozess noch weiter gegangen.

Ich kam am 2. September 1990 zum „Spiegel“. Als Ressortleiter Innenpolitik. Bonn war noch die Hauptstadt und gerade in den linksliberalen Zirkeln der 68er-Generation war der Glaube verbreitet, daran würde sich nichts ändern. Darüber hatte ich mich schon mit den Kollegen in der „Zeit“ gestritten. Rund um die Wiedervereinigung erwiesen sie sich als die Wertkonservativen, als die Freunde der Unveränderlichkeit der Verhältnisse. Sie bauten darauf, dass die Alliierten auch so dachten und steckten voller Abneigung gegen Kanzler Kohl, so dass sie ignorierten, wohin die Geschichte lief. Daran wollen sie heute nicht erinnert werden, die 68er-Rentner.

„Der Spiegel“ war groß, damals. Sturmgeschütz der Demokratie. Die „Spiegel“-Affäre hatte ihn groß gemacht. Die Aufdeckung von Skandalen und Affären wie „Neue Heimat“, Flick, Barschel etc. hielt ihn groß. Schlagkraft war das Leitmotiv. Feinsinn blieb der „Zeit“ vorbehalten. Im „Spiegel“ gab es die Heranschaffer, die bald Rechercheure genannt wurden, und es gab die Zusammenschreiber, das war die Aufgabe der Ressortleiter in Hamburg. Mächtig waren sie, vor allem intern. Schreiben konnten sie, was die Heranschaffer selten konnten. Eine glasklare Arbeitsteilung. Alle verdienten sie gut, die beim „Spiegel“ angestellt waren, verdammt gut. Von heute auf morgen bekam ich das Doppelte meines „Zeit“-Gehaltes.

Es waren die letzten Tage des Monopols als Nachrichtenmagazin, wobei der Name ein Witz war, denn es ging immer um die Bewertung der Nachrichten, weit mehr als um die Nachrichten selber. In den 1950er Jahren hatte Rudolf Augstein den „Spiegel“ als Kampfblatt gegen Adenauer und Strauß populär gemacht. Gegen Adenauer, weil der Kanzler die Westbindung über die Wiedervereinigung stellte, ein Zug zum Nationalen, der ihn im Alter einholte. Gegen Strauß, weil er von Atombewaffnung träumte und zum Autoritären neigte, was ihn einerseits mit Augstein verband und gerade deshalb von ihm trennte. Peter Merseburger hat über den „Spiegel“ jener Tage ein sehr gutes Buch geschrieben.

Der „Spiegel“ liebte Feinde und suchte sie sich sorgfältig aus. Der „Spiegel“ liebte Freunde und suchte sie sich wahllos aus. Freunde des Hauses schrieb er hoch und wieder runter. Willy Brandt. Helmut Schmidt. Oskar Lafontaine. Joschka Fischer. Gerhard Schröder. Otto Schily. Kurt Biedenkopf. Martin Schulz. You name it.

Ein Segen für das Haus war der Mann, den alle ablehnten: Stefan Aust. Der Verlust des Monopols durch das rasante Aufkommen des „Focus“ kostete einige Chefredakteure den Job. Erst dann konnte Rudolf Augstein diesen Stefan Aust, einen Fernsehmann, als Chefredakteur durchsetzen. Das Haus stand Kopf. Aust sagte anfangs Geniales: Tolles Blatt, große Tradition, an der er unbedingt festhalten wollte. Dann startete er die Revolution, die das Blatt rettete: Farbfotos! Namen! Klare Gliederung! Reporter!

So muss man das machen: Zuerst sagen, alles toll, nichts zu verändern, und dann den Laden auf den Kopf stellen. Davon kann jeder Kanzler, jeder CEO lernen.

Der Tod Rudolf Augstein bedeutete die größte Veränderung. Dass die Redaktion die Hälfte des Ladens besaß und den Chefredakteur bestimmte, stand bis dahin nur auf dem Papier. Am Ende bestimmte einer: der Alte. Als er tot war, musste und durfte die KG sein, was sie besser nie hätte sein sollen. die mächtigste Instanz im Haus. Sie wählte Geschäftsführer und Chefredakteure, die kamen und schnell wieder gingen. Sie griff daneben, korrigierte sich, indem sie wieder daneben griff. Na ja.

Stabil scheint mir der Laden heute zu sein. Opposition will er bleiben und muss er wohl auch, egal wer regiert. Das Starkstromdeutsch nimmt gelegentlich überhand, wie früher auch, vielleicht jetzt öfter, aus Unsicherheit in unsicheren Zeiten. Staatsversagen ist ein ungeheures Wort, das man vorsichtig gebrauchen sollte. Kleiner Hinweis am Rande.

Happy Birthday, altes Haus! Alles Gute und gelegentlich ein feines Händchen.

Fünf, auf die es ankommt

Wenn ich Zwanziger Jahre höre, denke ich automatisch an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, Ende der Monarchie, Babylon Berlin, Sie wissen schon. Ich muss mir ins Gedächtnis rufen, dass die Zwanziger ja Gegenwart sind, was denn sonst. Ist wohl so eine Eigenart, oder geht es Ihnen manchmal auch so?

Zwanzigzweiundzwanzig also. Gedämpfte Stimmung allerorten. Politisch wie privat. Die Pandemie ist wie die Dementoren in den Harry-Potter-Büchern: Sie entzieht uns Energie, zapft Lebenssaft ab, macht uns frieren. Wie gut, dass die Herren Drosten und Lauterbach neuerdings zum Optimismus neigen und uns damit trösten, dass Covid-19 im Herbst endemisch werden kann – keine neuen Varianten, die uns das griechische Alphabet beibringen, regelmäßiges Impfen, sonst nichts. Wenn das keine gute Nachricht ist, weiß ich nicht, was eine gute Nachricht sein soll.

Was steht an? Wenig vermag ich den Olympischen Winterspielen in Peking abzugewinnen. Ich fahre gern Ski und bewundere Menschen, die von sagenhaft hohen Schanzen sagenhaft weit hinunter fliegen und bombensicher landen. Auch finde ich Biathlon spannend, aber ich ziehe es vor, wenn solche Wettbewerbe in Finnland oder Schweden, in Italien oder Österreich stattfinden. Alles was in China stattfindet, ist zuerst und zuletzt Propaganda für dieses riesige Land, das damit seinen Herrschaftsanspruch auf Weltgeltung untermauert. Das Mindeste, was man tun kann, ist nicht hinzufahren, wie es die deutsche Außenministerin angekündigt hat und die ganze amerikanische Regierung auch.

Nicht weniger absurd ist die Fußballweltmeisterschaft in Katar am Jahresende. Ich liebe Fußball und kämpfe tapfer Regungen meines Verstandes nieder, der mir einredet, ich sollte endlich einsehen, dass der Kapitalismus meinen Kindertraum schon längst pervertiert hat. Im Kopf weiß ich, dass die Super Liga die logische Konsequenz ist, weil es dann nur noch um die Verteilung von irrsinnig viel Geld unter ganz wenigen Klubs geht, notfalls auch ohne Zuschauer. Das WM-Endspiel findet am 18. Dezember statt, absurd.

Kommen wir zur Politik im engeren Sinn. Auf fünf Leute setze ich in diesem Jahr, in dem wir schon mal aus Überlebenstrieb zu mehr Optimismus verdammt sind. Nicht nur Deutsche sind darunter, aber Europa ist ja ohnehin wichtiger als seine Nationalstaaten.

Nummer 1: Christine Lagarde, weil sie als Präsidentin der Europäischen Zentralbank dafür verantwortlich ist, welchen Zinssatz wir beim Kauf einer Wohnung, eines Hauses oder wofür wir auch immer einen Kredit aufnehmen mögen, bezahlen müssen. In der Weltfinanzkrise und der Eurokrise, Stichwort Griechenland, aber auch während der Pandemie hat die EZB vieles richtig gemacht, was sie auch hätte falsch machen können. So darf es bitte weitergehen.

Nummer 2: Mario Draghi, der Lagardes Vorgänger war („Whatever it takes“) und nun ein Segen für Italien ist, dem er als Ministerpräsident dient. Weniger Italiener als Draghi kann kein Italiener sein und er hat ein bisschen vom Unmöglichen schon in kurzer Zeit wahr gemacht, und ihm möge noch viel Zeit beschieden sein, damit er noch mehr vom Unmögliche möglich machen kann – Reformen an Haupt und Gliedern für das Land, an dem schon ganz andere gescheitert sind. Nun möchte Silvio Berlusconi, mit 85 endgültig zu zombiehafter Erscheinung durchoperiert, Staatspräsident werden. Doch Draghi scheint mir jemand zu sein, den nichts erschüttern kann. Möge er seinem Land und Europa lange erhalten bleiben.

Nummer 3: Emmanuel Macron. Frankreich wählt am 10. April seinen Staatspräsidenten. Macron ist erst 44 Jahre alt, immer noch verdammt jung. Einer der groß denkt, oft größer, als er springen kann, aber egal, die Welt steckt voller Kleingeister, so dass ein Großgeist angenehm auffällt. Soweit bedenkenswerte Initiativen für die Fortentwicklung Europas in den vergangenen Jahren hörbar wurden, kamen sie aus Paris und stießen auf Schweigen, vor allem in Berlin. Muss ja nicht so bleiben. Europa kann jedenfalls nur hoffen, dass Frankreich nicht durchdreht und einen Querschläger wie Eric Zemmour eine Chance gibt, gegen den Marine Le Pen  fast schon wieder seriös wirkt. Eine Erleichterung wäre es, dürfte Macron, der Springteufel, im Elysee bleiben.

Nummer 4: Olaf Scholz, für den es noch viele Debüts geben wird, national wie international, die er mit dieser Nüchternheit absolvieren wird, die wir vielleicht sogar bald schätzen lernen. Hier haben wir einen Kanzler, der es sich angewöhnt hat, sein Pensum herunter zu spulen, der sich aber auch ein paar Sätze zurechtgelegt hat, die mir gefallen: Wir sind kein gespaltenes Land, es gibt eine solide Mehrheit und die Demokratie-Verächter sind eine kleine, radikale Minderheit. Lasst uns einander Respekt zollen, sagt er auch, das zeichnet die Demokratie aus. Das Einfache zu sagen, ist oft das Schwerste. Mal schauen, wie lange er diesen wohl klingenden Grundton durchhält. Möglichst lange, will ich hoffen.

Nummer 5: Annalena Baerbock. Bei den Kleingeistern unter den Grünen laufen Wetten, wie lange es die Annalena ohne Fehler durchsteht und wann Cem Özdemir an ihre Stelle tritt und Anton Hofreiter endlich Landwirtschaftsminister werden darf. Ja, Parteifreunde reden so. Muss man sich nichts bei denken. Aber sie müssen ja nicht recht bekommen. Die Grünen haben die besten Minister, die sie haben können. An ihrer Intelligenz scheitern sie bestimmt nicht, am Durchhaltevermögen hoffentlich auch nicht. Die Klimawende fängt mit dem Trassenbau an, der Strom aus dem Norden in den Süden bringt. Müssen sie durchsetzen, was denn sonst. Fleisch soll teurer werden, ist richtig so, dann macht mal. Nord Stream 2? Dann eben nicht ans Netz. Wer die Sache bewegen will, macht sich Feinde. Ist so. Geht gar nicht anders. 

Ruhiger als 2021 wird es 2022 bestimmt nicht. Hoffen wir das Beste, was bleibt uns schon übrig. Für Optimismus müssen wir schon selber sorgen und ich finde, es gibt den einen oder anderen guten Grund dafür. Außerdem: Das Leben ist zu kurz für schlechte Laune und schlechten Wein..

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der gelungene Twist

Zur Entspannung habe ich mir in den letzten Tagen mehrere Filme angeschaut, die sich durch überraschende Wendungen auszeichneten, deren Logik sich erst im Nachhinein erschlossen. Ich mag es, wenn ich aus der sicheren Erwartung, wie sich die Handlung entwickeln wird, herausgerissen werde. Natürlich muss trotz aller Bereitschaft zur Verblüffung Folgerichtigkeit beim Umschwung herrschen, aber aus keinem der Filme kam ich enttäuscht heraus. Für mich liegt darin das Hitchcockhafte der Handlung.

Zwei Filme ragen heraus: „Dream House“ mit Daniel Craig, Rachel Weisz und Naomi Watts, und „The Woman in the Window“ mit Amy Adams und Gary Oldman.

„Dream House“: Daniel Craig nimmt Abschied von einem gut bezahlten Job in einer gut beleumdeten Zeitung in Manhattan und besteigt einen Vorortzug, der ihn in eine Kleinstadt weit weg vom Stadtmoloch bringt. Seine Frau, Rachel Weisz, und seine beiden Töchter erwarten ihn. Sie kann es gar nicht glauben, dass er seinen Vorsatz verwirklicht hat, seinen Job zu kündigen und hierin der neuen Umgebung ein Buch zu schreiben, für das er schon einen Vertrag besitz. Sie freut sich maßlos über das neue Leben unter den neuen Umständen.

Das Haus ist groß und schön. Die Familie ist vorbildhaft glücklich. Allerdings tauchen alsbald einige Seltsamkeiten auf, die das Idyll stören. Ein Mann schleicht ums Haus. Die Nachbarin, Naomi Watts, ist freundlich, aber schweigt auf Fragen, wer denn zuvor in diesem Haus gelebt hatte. Allmählich schält sich heraus, dass die Vorgängerfamilie einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel: Frau tot, Kinder tot, der Mann, offensichtlich der Mörder, schwer verletzt und eingeliefert in die Psychiatrie. Schlimmer noch, dieser Mörder, dieser Peter Ward, ist gerade aus dem sicheren Gewahrsam entlassen worden und womöglich derjenige, der ums Haus schleicht. Noch seltsamer, dass die Polizei keinerlei Anstalten macht, dem Verdacht nachzugehen, dass die neue Familie möglicherweise beschattet und bedroht wird. Man denkt, die Handlung dreht sich nun darum, wie Daniel Craig seine Familie vor diesem Peter Ward schützt und ihn am Ende umbringt. Weit gefehlt.

Daniel Craig stellt nun selber Nachforschungen an, begibt sich in die Psychiatrie, fragt nach Peter Ward und bekommt Fotos gezeigt, auf denen Peter Ward zu sehen ist. Er schaut sich diese Fotos immer wieder an, er kann es nicht fassen, denn dieser Mann mit dem verwilderten Bart ist ihm bekannt. Tatsächlich mehr als bekannt, denn er erkennt sich in ihm, er ist es selber. Er ist Peter Ward. Er ist der Mörder seiner Familie. Ja, er ist entlassen worden, aber aus der Psychiatrie. Nicht die Redaktion in Manhattan hat er aus freien Stücken verlassen, um ein neues Leben anzufangen. Etliche Jahre hat er in der geschlossenen Anstalt in der Kleinstadt verbracht und wurde vor kurzem als geheilt zurück ins Leben geschickt. Nun versteht er, dass er in seinem Wahn seine Frau und seine Kinder in seinem Haus gesehen hat, als sie glücklich miteinander waren, vor dem Tag der Katastrophe. In Wahrheit sind die drei tot, offenbar getötet von ihm, von seiner Hand. Er geht zurück zu dem Haus, in dem er einst mit seiner Familie gelebt hatte. Es ist heruntergekommen, steht seit Jahren leer, unbewohnbar. Dieses Haus ist als das Mordhaus in der Kleinstadt bekannt. Niemand will darin wohnen, niemand will es kaufen.

Peter Ward bricht in sein altes Haus ein, geht durch die Räume, redet mit seiner Frau, als wäre sie am Leben, aber diesmal mit dem Zweck heraus zu finden, was an jenem Tag passiert ist, als sie und die Kinder starben und er schwer verletzt wurde. Die Nachbarin, Naomi Watts, sieht ihn und nimmt ihn bei sich auf. Sie hat eine Tochter und einen Ex-Ehemann, der eine gewalttätige Gestalt ist, und ihr schwere Vorwürfe macht, dass sie diesen Peter Ward, diesen Mörder seiner Frau und seiner Kinder, im eigenen Haus aufnimmt und damit sich und ihre Tochter gefährdet.

Es passiert einiges, natürlich Wildes und Gewalttätiges. Naomi Watts und DanielCraig/Peter Ward werden beschossen, das alte Haus geht in Flammen auf. Und jetzt stellt sich heraus, was wirklich geschah: Der Ex-Ehemann von Naomi Watts hatte einen Killer damit beauftragt, seine Frau umzubringen, damit er das Sorgerecht für die Tochter bekam und die verhasste Ehefrau los wurde. Der Auftragsmörder war aber ins falsche Haus eingedrungen und hatte die Frau, Rachel Weisz, getötet und konsequent auch die beiden Töchter, als er seinen Irrtum bemerkte und nicht mehr zurück konnte. Daniel Craig/Peter Ward aber bekam eine Kugel in den Kopf und überlebte, wobei jedermann ihn für den Mörder hielt und er sich selber auch.

Die letzte Szene zeigt Daniel Craig/Peter Ward in Manhattan. Er geht an einem Buchladen vorbei, im Schaufenster steht sein Buch mit dem Titel „Dream House“.

Das Fluidum solcher Filme ist die Spannung, die durch den grundstürzenden Twist entsteht. Wir identifizieren uns mit der leidenden Hauptfigur, die nicht weiß, wie ihr geschehen ist. Wir gehen mit ihr auf den Weg zur Wahrheit, erkennen mit ihr langsam, aber sicher, was wirklich passiert ist und wer für die Katastrophe verantwortlich ist, welche als Ursache für die Verwirrung dient.

Dann wird sie an ihrem Fenster Zeugin eines Mordes: an der Mutter. Sie ruft, außer sich, die Polizei, die auch kommt und plötzlich mit der vollständigen Familie von drüben in Amy Adams‘ Haus steht. Die Frau, die sich als die Mutter ausgibt, sieht anders aus als die Frau, die bei ihr zu Besuch war, aber Vater und Sohn bestätigen: dass ist die Frau und Mutter von gegenüber. Zu den Polizisten gehört ein verständnisvoller Beamter, der alleine mit ihr redet. Dabei stellt sich heraus, dass Amy Adams‘ Ex-Ehemann und ihr Kind in Wahrheit tot sind. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass Amy Adams dafür verantwortlich ist. Sie saß am Steuer des Wagens, als ihr Mann ihr eröffnete, so gehe es nicht weiter, das Ganze sei eine Farce, eine Scheinheiligkeit, die er nicht mehr ertrage. Sie sagt, aber es waren doch schöne Tage, dieses Weihnachten, und sie möchte nicht, dass es endet. Das Telefon klingelt, sie will nicht rangehen. Er sagt, dass ist doch bestimmt er, ihr Liebhaber, mit dem sie „fremdgefickt“ hat, weshalb es mit ihrer Ehe vorbei sein muss. Er will den Anruf entgegennehmen, sie versucht es zu verhindern. Mann und Frau ringen um das Handy, dabei verliert sie die Herrschaft über den Wagen. Schwerer Unfall. Mann und Tochter tot. Damit ist der Grund für ihre Agoraphobie geklärt.

Amy Adams überwacht jetzt noch intensiver das Haus gegenüber. Wieder kommt der Junge herüber, doch ist er nun ein ganz anderer Junge, ein Psychopath. Er brachte die Frau um, die Amy Adams besucht hatte. Sie war die leibliche Mutter des Jungen. Der Junge bringt auch den Mieter im Souterrain um und will Amy Adams zuschauen, wie sie stirbt, denn das ist das Schönste für ihn, das Zuschauen, wie aus dem Menschen, den er umbringt, das Leben ganz langsam entweicht. Aber sie wehrt sich und bringt ihrerseits ihn um. Der nette Polizist, der ihr die Wahrheit über sie selber sagte, entschuldigt sich bei ihr. Sie hatte recht, sie war nicht verrückt. Die ganze Familie von gegenüber, die aus Boston floh, weil der Junge der Geliebten des Vaters beim Aushauchen des Lebens zugeschaut hatte, wird nun verhaftet.

Der Schluss: Amy Adams verlässt das Haus, an das sie wegen des katastrophalen Unfalls gebunden war. Es steht zum Verkauf. Ihr Leben kann nun weitergehen, irgendwo.

Beide Filme sind sehr gut konstruiert und komponiert. Beide Filme haben hervorragende Schauspieler. Amy Adams drehte vorzügliche Filme hintereinander, angefangen mit „American Hustle“. Gary Oldman bleibt leider nur eine kleinere Rolle, die er wunderbar füllt. Daniel Craig spielt für mich zum erstmal eine düstere Charakterrolle und macht das sehr gut. Die Regisseure Joe Wright und Jim Sheridan („Dream House“) sagen mir nichts, bauen aber äußerst geschickt die Spannung auf, die mich nicht los ließ.

Mehr als gute Unterhaltung. Hitchcock-Schule eben.

„Persönlich traue ich Putin sehr viel zu“

t-online: Herr Ischinger, an der Grenze zur Ukraine stehen mindestens 100 000 russische Soldaten in Gefechtsbereitschaft. Die Nato hält ihre schnelle Eingreiftruppe in Alarmbereitschaft. Was trauen Sie Wladimir Putin zu?

Ischinger: In solchen Fällen sollten wir immer zwischen Fähigkeiten und Absichten unterscheiden. Die militärischen Fähigkeiten sind angesichts der aktuellen massiven Truppenkonzentration an der russischen Westgrenze  außerordentlich bedrohlich. Bei den Absichten müssen wir im Prinzip immer vom „worst case“ ausgehen. Persönlich traue ich Putin, insbesondere  nach der Annexion der Krim im Jahr 2014, sehr viel zu. Ich halte ihn aber nicht für einen Hasardeur. 

In seiner Pressekonferenz kurz vor Weihnachten sagte Putin, der Westen müsse ihm Sicherheitsgarantien geben und zwar sofort. DieLogik ist: Entweder ihr gebt mir, was ich will, oder ich nehme es mir.

Putin pokert mit sehr hohem Einsatz. Er kalkuliert damit,  dass der Westen, vor allem Europa, angesichts seiner Drohung mit Krieg einknickt. Sein Problem besteht aber darin, dass er irgendwann von dem Baum wieder herunterklettern muss, auf den er so hoch gestiegen ist, ohne sein Gesicht zu verlieren, falls wir doch nicht einknicken sollten. 

Putin sagte schon öfter, der Westen habe Russland „dreist getäuscht“ und Russland „faktisch beraubt“. In der Sache meint er die Ausdehnung der Nato nach Osten. Wie viel Wahrheit steckt in diesen wüsten Vorwürfen?

Keinerlei Wahrheit steckt darin. Das Geraune über mündliche  Versprechungen im Jahr 1990 rund um die Wiedervereinigung Deutschlands ist spätestens seit 1997 hinfällig oder nur noch für Historiker interessant, weil  Russland mit der Unterschrift unter die Nato-Russland-Grundakte damals, also vor 24 Jahren, die Nato-Erweiterung nach Osten akzeptierte.

Immer geht es um die Ukraine, die einerseits von Putin als integraler Bestandteil Russlands reklamiert wird und andererseits imstande sein sollte, seine Bündnisse frei wählen. Setzt sich die nackte Machtpolitik durch?

Hoffentlich nicht. Putins Erpressung ist eine Bewährungsprobe für den Westen, für die Nato und die Europäische Union. Ich gebe zu, dass wir in der Defensive sind. Die europäische Sicherheitsordnung ist schwer erschüttert. Viel zu lange hat auch die deutsche Regierung an die schöne Vision umfassender Partnerschaft mit Russland geglaubt. Seit 2008, dem Krieg gegen Georgien, spätestens aber seit der Annexion der Krim 2014 ist dieser Traum ausgeträumt, aber viele in Berlin wollten es immer noch nicht wahrhaben.

Gehört die Ukraine, gehört Georgien in die Nato? Um beiden Staaten geht es Putin ja immer wieder.

Spätestens seit der Charta von Paris im Jahr 1990 gilt das Prinzip freier Bündniswahl. Wäre es entsprechend dem Geist und den Buchstaben der Nato-Russland-Grundakte gelungen, das Verhältnis zu Russland auf eine grundsätzlich neue, kooperativere Basis zu stellen, dann gäbe es heute keinen Grund für einen tiefgreifenden Konflikt. Das Projekt  ist jedoch aus verschiedenen Gründen gescheitert. Wir wissen schon seit 15 Jahren, dass eine Nato Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine aus russischer Sicht das Überschreiten einer roten Linie bedeuten würde. Deshalb stellten sich Deutschland und Frankreich von Anfang an gegen Amerika, das beiden Staaten den Weg in die Nato ebnen wollte. Daran hat sich bisher – leider – nichts geändert.

Putin legt Wert darauf, mit den USA direkt zu verhandeln und verlangt wieder nach Garantien, dass die Ukraine, aber auch Georgien, weder Aufnahme in die Nato noch in die EU finden. Sollte sich Präsident Biden darauf einlassen und wie weit kann er gehen?

Natürlich sollte Washington mit Moskau verhandeln. Aber die Aufnahme Georgiens und der Ukraine steht seit langem nicht mehr auf der Tagesordnung der Nato, auch wenn sich das Bündnis prinzipiell zur eventuellen Mitgliedschaft der beiden Staaten bekennt, da Georgien wie der Ukraine die Wahl der Bündnisse nun einmal frei steht. Joe Biden kann und will diesem Grundsatz nicht abschwören.

Könnte die Nato passiv bleiben, falls russische Truppen tatsächlich die Ukraine besetzten?

Hoffentlich herrscht in Moskau Unsicherheit über eine westliche Reaktion. Das wirkt abschreckend.

Wie lässt sich dieser Konflikt entschärfen und welche Rolle könnte Deutschland dabei einnehmen?

Berlin spielte bisher und spielt auch jetzt, gemeinsam mit Frankreich, eine operativ wichtige Rolle, bei der Umsetzung der Minsker Vereinbarungen, die auf Frieden im Donnas zielen. Kanzler und Außenministerin sollten sich intensiv gegenüber Moskau engagieren, aber bitte in engster Abstimmung mit der EU und insbesondere mit den unmittelbar gefährdeten östlichen Partnerländern. Wir dürfen dabei die erhebliche deutsche Glaubwürdigkeitslücke wegen Nord Stream 2 nicht außer Acht lassen.

Für Deutschland ist Nord Stream 2, die Gasleitung von Wyborg nach Lubmin, in die Auseinandersetzung mit Russland verwoben. Kanzler Olaf Scholz sagt kühl, die Inbetriebnahme sei eine unpolitische Entscheidung einer Behörde, der Netzagentur. Wie weit kommt er mit dieser Ausrede?

Richtig ist, dass die Bundesnetzagentur und die EU-Kommission zur Zeit einen bürokratischen Entscheidungsprozess zur Zertifizierung der Pipeline durchführen. Aber natürlich ist Nord Stream 2 längst zum Gegenstand geostrategischer Auseinandersetzungen geworden, nicht zuletzt durch die deutsch-amerikanische Vereinbarung vom Juli 2021, mit der Deutschland sich unter anderem zu Maßnahmen verpflichtet, sollte Russland die Gasl-Lieferungen als Waffe einsetzen. Also, es handelt sich um ein hochpolitisches und stark umstrittenes Projekt von strategischer Bedeutung, das die Glaubwürdigkeit deutscher Politik einem erheblichen Stress-Test aussetzt.

Die Verträge für Nord Stream 2 hat Gerhard Schröder in seinen letzten Kanzlertagen unterzeichnet, Lubmin liegt in Mecklenburg-Vorpommern, das Manuela Schwesig regiert, Scholz ist SPD-Kanzler.Ist die Gasleitung eine SPD-Leitung?

Die Regierung Merkel hielt 16 Jahre lang an dem Projekt gegen alle Einwände fest. Daran darf die CDU erinnert werden.

Was würden Sie der Ampel-Regierung empfehlen: Nicht-Inbetriebnahme bis zum Rückzug der Soldaten von der Grenze zur Ukraine?

Ich würde dringend empfehlen, einerseits Putin völlig im Unklaren über unsere Reaktion im Falle militärischer Aktionen zu belassen. Russland sollte befürchten müssen, dass die Pipeline stillgelegt wird. Dazu würde ich der deutschen Regierung engste Abstimmung mit unseren östlichen Partnern, einschließlich der Ukraine, nahe legen.

Im Jahr 2005, als der Vertrag mit Gazprom zustande kam, lagen die Verhältnisse anders. Seither veränderte sich Putin zur Kenntlichkeit.Ist es aus heutiger Sicht nicht verhängnisvoll, dass sich Deutschlandvon Russland energiepolitisch abhängig macht?

Deutschland ist ja nicht das einzige Land in Europa, das auf mittlere Sicht auf Gas angewiesen bleibt. Wo sind denn nach Kohle- und Atomausstieg die besseren Alternativen? Unabhängig davon war und ist die deutsche Nord-Stream-Politik das Gegenteil eines diplomatischen Meisterstücks. Sämtliche östliche Nachbarn sowie das Europäische Parlament, dazu Frankreich und die USA zugleich derart massiv zu vergrätzen und damit die eigene europapolitische Glaubwürdigkeit zu untergraben – so viel selbstverschuldetes Missgeschick ist der deutschen Außenpolitik schon lange nicht mehr passiert.

Die neue Außenministerin hat neulich von wertegeleiteter Außenpolitik gesprochen. Ist das ein Maßstab, der Ihnen einleuchtet?

Die deutsche Außenpolitik war von je her wertegeleitet. Entscheidend ist, ob es gelingt, Werte und Interessen in Einklang zu bringen.

Welchen Eindruck haben Sie von Annalena Baerbock gewonnen?

Viel hängt davon ab, ob es ihr gelingt, die ersten Monate als erste deutsche Außenministerin  fehlerfrei hinter sich zu bringen. Bisher ist ihr dieses Kunststück nach meinem Eindruck gut gelungen. Der professionelle Apparat des Auswärtigen Amtes hilft ihr dabei.

Haben Sie Vertrauen in die Ampel-Regierung und was erwarten Sie sich von ihr?

Ich erhoffe mir einen Aufbruch nach einem Jahrzehnt des Status-quo-Denkens. Dass wir in der Digitalisierung Nachholbedarf haben, sollte jedem spätestens in der Pandemie klar geworden sein. Vor allem aber erhoffe ich mir mehr Mut zur Führung, nicht nur in der Klimapolitik.

Sie sind ein Diplomat aus der Genscher-Schule. Was kann deutsche Diplomatie nach Ihrer Erfahrung erreichen und worauf sollte sie sichbeschränken?

Deutschland kann und muss der „Enabler“ für eine handlungsfähigere Europäische Union sein. Wenn wir unsere politisch-ökonomische Macht zu Gunsten einer geeinigten und respektierten EU einsetzen, liegen wir richtig. So kann die neue Bundesregierung auch ihrem Versprechen, mehr Führungsverantwortung zu übernehmen, am besten gerecht werden. Dabei wird Rücksichtnahme auf die kleineren EU-Mitglieder wichtig sein, die sich niemals marginalisiert fühlen dürfen. Zugleich sollten wir in der Außenpolitik nicht vor Überlegungen zu einem Kerneuropa zurückschrecken. Das Tempo der EU darf nicht vom Langsamsten definiert werden.

Dass Deutschland eine größere Rolle in der internationalen Politik spielen sollte, ist fast ein Gemeinplatz. Welche Empfehlungen würden Sie dem Kanzler und seiner Außenministerin geben?

Bitte außenpolitisch mit einer Stimme sprechen, mit oder ohne nationalen Sicherheitsrat. Und: Die G7- Präsidentschaft im Jahr 2022 beherzt nutzen, um die westliche Welt aus der Defensive herauszuführen.

Die Münchner Sicherheitskonferenz, die Sie leiten, ist ein Tummelplatz für internationale Konfliktzonen wie die Ukraine. Findet Sie wie geplant im Februar statt und mit wem?

Ich bin gedämpft optimistisch, dass wir trotz Omikron eine richtige, also nicht nur virtuelle  Konferenz organisieren können. Sicher aber wird die Zahl der Teilnehmer massiv reduziert sein und wer da ist, muss sich täglich PCR-Tests unterziehen. Schon jetzt haben sich zahlreiche hochrangige Delegationen aus der ganzen Welt angemeldet.

Sie geben die Konferenz-Leitung danach ab. Was war ein besonders guter Augenblick für Sie in Ihren 14 Jahren, was ein besonders weniger guter?

Es gab seit 2008 eigentlich keine negativen Erlebnisse, aber wirklich viele Höhepunkte, die sich mir ins Gedächtnis eingebrannt haben. Der jüngste Höhepunkt war der erstmalige – wenn auch virtuelle – Auftritt eines amtierenden US-Präsidenten im Februar 2021 mit der Botschaft: We are back! Besonders erfreulich ist für mich persönlich, dass ich vor drei Jahren die Münchner Sicherheitskonferenz mit ihrem großartigen Team  in eine von mir gegründete Stiftung einbringen konnte. Als Chef der Stiftung werde ich der Konferenz eng verbunden bleiben und meinen Nachfolger Christoph Heusgen tatkräftig unterstützen.

Herr Ischinger, danke für das Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden

Desmond Tutu ist tot. Lehrer. Priester. Freiheitskämpfer. Nobelpreisträger. Vor allem dieses ansteckende Lachen, diese Heiterkeit, aus der Tiefe humanistischer Gesinnung. Wo keine Gerechtigkeit herrscht, kann kein Frieden einziehen, sagte er. Gemünzt war dieser schöne, kluge Satz auf die Apartheid in seinem Land, das Höchstmaß an Ungerechtigkeit, aber damit kanzelte er auch Jacob Zuma ab, den Kleptomanen unter den Mandela-Nachfolgern.

Außer den weißen Südafrikanern mochte so gut wie jeder diesen fröhlichen Mann Gottes, der Gewalt nicht mit Gegengewalt bezahlen wollte, sondern es mit Gandhi hielt, dem König der Friedfertigkeit, die jede Gewalt ins Unrecht setzt und die Herrschenden in die Machtlosigkeit trieb, nachdem sie, natürlich, viel zu viele Menschen umgebracht, eingesperrt oder vertrieben hatten.

Tutu ist ein herausragendes Beispiel dafür, dass wir Menschen eine Sehnsucht nach souveränen Vertretern unserer Gattung haben, die uns ein Beispiel geben: für Zivilcourage, für Langmut, für Moralität der Gesinnung, für Charakter, für den Glauben an eine höhere Macht. Deshalb mochten ihn die Menschen, wo immer er auftauchte, seine sonoren, kraftvolle Stimme erhob und alle Lügen strafte, die da meinten, Gewalt müsse auf Gewalt treffen, Blut auf Blut, Unrecht auf Unrecht. Nicht alle Menschen konnten Desmond Tutu in seinem Glauben an Gott folgen, aber achten konnten sie seinen Glauben, aus dem er die Menschlichkeit schöpfte, die ihn auszeichnete.

Nun ist er gestorben. Hochbetagt. Menschen wie er reißen eine Lücke, von der wir nur hoffen können, dass sie andere irgendwann schließen. Möge er in Frieden ruhen. Ihm wäre zu gönnen, dass sein Glaube im Jenseits eine Heimstatt findet.

Das höllische Problem

In diesen Tagen lässt sich erstmals die Methode Scholz studieren. Vorsichtig wirft er kleine Steine ins Wasser und beobachtet die zarten Wellen, die er damit erzeugt. Über die trickreiche Gas-Pipeline Nordstream 2 sagte er, die Entscheidung über die Inbetriebnahme obliegt der Bundesnetzagentur, einer Behörde, die nach behördlichen Richtlinien arbeitet, und nicht etwa ihm, dem Bundeskanzler.

Die Außenministerin gab einen anderen Hinweis. Nordstream 2 müsse europäisches Recht einhalten, wozu gehört, dass der Gasproduzent keine Pipelines betreiben darf. Auch Annalena Baerbock lässt ein Sternchen zu Wasser und beobachtet unschuldsvoll den Wellenschlag.

Beide betreiben die Reduktion des Komplexen. Darin liegt der übliche Vorgang in der Politik, die tagaus, tagein aus komplexen Problemen besteht, die zur besseren Behandlung aufs Verständliche herunter gebrochen wird. Routine sozusagen. Der Vorteil liegt darin, dass die Handelnden hinter dem Problemen zuerst einmal verschwinden, indem sie sich auf Technisches berufen, eben auf die Bundesnetzagentur oder Europarecht.

Natürlich glaubt weder der Bundeskanzler noch die Außenministerin daran, dass sie mit dieser Reduktion des Komplexen durchkommen. Eine Etappe ist das, nicht mehr. So weit waren die Vorgänger in beiden Ämtern auch schon, sie wollten sich ähnlich herausreden und sind genau so daran gescheitert.

Nordstream 2 ist zu einem höllischen Problem für die deutsche Regierung geworden und zudem ist es ein tückisches Erbe der SPD. Der Urheber arbeitet heute für den russischen Monopolisten Gazprom und heißt Gerhard Schröder. In seinen letzten Amtstagen als Bundeskanzler unterzeichnete er 2005 die Verträge. Durch den Übertritt in die Gazprom-Dienste kurz darauf war dieses Erbe von Anfang an vergiftet.

Zugegeben lagen die Verhältnisse damals anders. Wladimir Putin veränderte sich seither zu neuer Kenntlichkeit. Heute ist das Problem beispiellos komplex und liegt längst nicht mehr in deutschen Händen allein.

100 000 Soldaten hat Russland an die Grenze zur Ukraine verlagert. Warum wohl? Um den Westen zu erpressen. Entweder ihr verzichtet auf jedwede Einmischung in der Ukraine (und Georgien dazu) oder wir sorgen für klare Verhältnisse – diese Botschaft sendet Putin. Entweder er sichert uns vertraglich zu, dass die Ukraine genauso wir Georgien in unserer Einflusszone liegt oder wir nehmen uns, was zu uns gehört und ihr könnt gar nichts dagegen machen oder wollt ihr etwa deswegen einen großen Krieg anfangen?

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass einmalige Chancen zu dauerhaftem Frieden und friedlicher Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Westen vertan wurden, wobei in der ersten Etappe der Westen fahrlässig handelte. Nach der Wiedervereinigung war vieles möglich, sogar die Aufnahme Russlands in die Nato schien nicht ausgeschlossen zu sein. Noch am 25. September 2001 hielt Putin im Bundestag eine vielbeachtete Rede, in der er den Kalten Krieg endgültig für beendet erklärte. 

Dann die Rosenrevolution in Georgien 2003. Dann die orangene Revolution in der Ukraine 2004/05. Demokratie und Orientierung nach Westen. Beitritt zu EU und/oder Nato als Absicherungswunsch. Wohlwollen im Westen. Schwenk in Moskau mit Verratsvorwürfen. Kurzer Krieg gegen Georgien. Annexion der Krim und Stellvertreterkrieg In der Ostukraine. 

Eigentlich gab es schon 2005 gute Gründe, keinen weiteren Vertrag  zur direkten Lieferung von Gas, an der Ukraine vorbei, nach Deutschland abzuschließen. Jetzt ist das Röhrensystem fertig, kostete 8 Milliarden Euro. Lubmin, der Ankunftsort, liegt in Mecklenburg-Vorpommern, wo Manuela Schwesig Ministerpräsidentin mit riesigem Interesse an der Inbetriebnahme amtiert und in Berlin regiert Olaf Scholz. Nordstream 2 ist ein Baby der SPD und deshalb muss der Kanzler irgendwann sagen: ich würde das Ding gerne wollen, aber ich kann nicht.

Die Europäische Union stellte das Junktim auf, dass Produzent und Netz nicht in einer Hand liegen darf. Eine Lex Putin. Polen und  die baltischen Staaten sind entschieden dagegen, dass Deutschland Deals mit Russland in dieser Dimension eingeht. Die USA sind gegen Nordstream 2, vermeiden aber einen Grundsatzkonflikt mit der Bundesregierung. Die Pipeline ist ein deutscher Sonderweg, der Misstrauen allüberall erzeugt.

Ein enormes strategisches Problem. Ein außenpolitisches Problem, das die Beziehungen innerhalb von Nato und EU verschlechtert. Abhängigkeit von einem auf Erpressung gepolten Autokraten. Ein Problem zwischen Ost und West im neuen Kalten Krieg. Die Ukraine als Spielball der Weltpolitik.

Mehr Komplexität geht nicht. Deutschland muss sich entscheiden. Auf den Bundeskanzler kommt es an. Unter diesen Umständen muss sich Olaf Scholz aus übergeordneten Interessen gegen das Baby der SPD wenden. Diesmal gilt, was selten gilt: Diese Entscheidung ist alternativlos. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Zwischenruf: Don’t overshare

Gerade eben habe ich gelesen, dass eine junge Frau namens Ricarda Lang, sie ist 27 Jahre alt, Bundesvorsitzende der Grünen werden möchte. Das ist nicht nur in Ordnung, sondern natürlich auch eine interessante Nachricht. Die Lücke, die Annalena Baerbock und Robert Habeck reißen, muss schließlich gefüllt werden. Ricarda Lang sitzt im Bundestag, stammt aus Nürtingen, die Mutter erzog sie alleine. Sie soll analytisch stark sein und weiter denken als andere, sagen andere über sie. Solche Leute brauchen die Grünen und braucht das Land. Dass sie das Studium abgebrochen hat, stellt sie in eine Reihe mit Paul Zimiak und Kevin Kühnert. Politik wird dann zur einzigen Option. Halte ich persönlich für ein Problem in einer Berufswelt, in der man sich besser etliche Optionen eröffnet.

Mehr noch beschäftigt mich, dass es in dem Artikel in der „Berliner Morgenpost“ heißt, sie sei „offen bisexuell“. Warum muss ich das wissen? Zeichnet sie sich dadurch aus? Was sagt diese Information über das aus, was sie politisch will, was die Grünen von ihr haben könnten? Dass sie daran arbeiten will, aus den Grünen die führende progressive Kraft zu machen, liegt nahe, da die Partei schon mal eine Kanzlerkandidatin aufstellte und bei der Bundestagswahl unter ihren Möglichkeiten blieb. Wenn sich das nächste Duo, Omid Nouripour bewirbt sich für die Realos, daran macht, die Grünen zu stärken, ist das nur folgerichtig.

Nouripour hat übrigens versäumt, uns mit seiner sexuellen Orientierung zu belästigen. Gut so. Im übrigen dachte ich bisher, wir sind weiter, es ist selbstverständlich, dass Menschen unterschiedlich sind, in vielerlei Hinsicht, und dass die Zeit vorbei ist, daraus ein großes Ding zu machen. Ich könnte mich jetzt auch über Identitätspolitik und deren Verdienste wie Tücken auslassen. Will ich aber nicht. Nur so viel: In Amerika sagen sie zu einem Übermaß an nicht unbedingt erkenntnisfördernder Information: don’t overshare.

Schau mer mal

Wie das eben so ist, wenn eine neue Regierung loslegt, bilden sich sofort wilde Gerüchte, die raunend verbreitet werden. Das eine Gerücht geht so: Die Grünen sagen sich, wenn es eine oder einer von ihnen nicht schafft, wechselt Cem Özdemir ins Außenministerin und Anton Hofreiter, der hinterrücks ausgetrickst worden ist, darf endlich Landwirtschaftsminister werden. Das setzt voraus, dass es Annalena nicht packt, womit sie rechnen, die Grünen, die solche Gedankenspiele anstellen. Das andere Gerücht kursiert unter Sozialdemokraten und kreist um den Finanzminister. Ob der’s wohl schafft, dieses anspruchsvolle Ministerium? Ist nicht besonders vorgebildet, der Gute, ja ja. Dem war ja nicht mal der Oskar gewachsen, damals, und der wusste eigentlich Bescheid.

Gegen Gerüchte ist natürlich kein Kraut gewachsen. Und dass der eine oder die andere scheitert, ist gut möglich. Aber genauso gut möglich ist es, dass weder die Außenministerin noch der Finanzminister scheitert. Und falls einer oder einer scheitern sollte, ist es genauso wenig ausgemacht, dass es Annalena Baerbock ist oder Christian Lindner. Beide wollten genau diese Ämter. Beide haben sich präventiv eingearbeitet und mit kundigen Leuten geredet. Das feit nicht vor Fehlern, aber naiv gehen sie nicht ans Werk.

Ich kenne Christine Lambrecht nicht, doch es sieht so aus, als sei sie davon überrascht worden, dass sie nicht Innen-, sondern Verteidigungsministerin wurde. Schwierig, schwierig, da kommt niemand ungeschoren davon. Damit will ich nicht sagen, dass es ihr schlecht ergehen muss. Im Außenministerium wird Baerbock behütet und von Profis umstellt, die ihr helfen, wo es nötig ist. Im Verteidigungsministerium aber lagern Sprengsätze allüberall und können jederzeit hochgehen, egal wie kompetent die Ministerin ist.

Ich neige dazu, den Neuen Schonfrist zu gewähren. Sie sollen erst einmal machen, dürfen auch Fehler begehen und dann können wir ja sehen, wie sie sich dazu verhalten. Wie beim Tennis sind jedoch die unforced errors entscheidend – Fehler, für die sie persönlich verantwortlich sind und nicht die Probleme oder Umstände oder die Ratgeber.

Also macht mal. Und dann schau mer mal.

„So ein Leben ist eine einzige große Anstrengung“

Herlinde Koelbl zählt zu den wenigen deutsche Fotografinnen mit Weltruhm. Berühmt für ihre Langzeitprojekte mit Politikerinnen und Politikern, bekam sie Ausstellungen in Seoul und Sydney, New York und Rotterdam. Diesmal fotografierte sie über 30 Jahre hinweg Angela Merkel. Daraus entstand ein Buch, das auf eigene Weise die Geschichte einer überraschenden Karriere bis ins Kanzleramt erzählt und in Portraits auch den Preis anschaulich macht, den sie dafür zahlte. 

t-online: Frau Koelbl, vor 30 Jahren haben Sie erstmals Angela Merkel fotografiert. Wie kam sie Ihnen damals vor und dachten Sie: Hier steht ein großes Talent?

Koelbl: Natürlich habe ich nicht die Kanzlerin in ihr gesehen. Was ich aber sehen konnte, war ihre Kraft und ihre Eigenwilligkeit. Und sie wirkte auf mich wie jemand, der sich nicht so leicht entmutigen lässt.

Vor 30 Jahren sahen Sie und ich auch anders aus. Altern Politiker schneller und folgenreicher?

Schneller altern sie auf jeden Fall, weil sie herausgehobene Ämter einnehmen und deshalb andauernd ungemein starkem Druck ausgesetzt sind. Sie leben wie im Schaufenster, werden ständig beurteilt, leben unregelmäßig, müssen ihre Macht absichern. Für Frauen gilt außerdem, dass sie nach ihren Frisuren und Kleidern bewertet werden. So ein Leben ist eine einzige große Anstrengung. 

Macht Macht sexy?

Das gilt nur für Männer. Frauen machen Männern eher Angst. 

Sie haben ja auch Gerhard Schröder und Joschka Fischer über die Jahre fotografiert. Formt die Macht Männer anders als Frauen?

Die Männerwelt ist noch immer eine eigene Welt, in der Kumpels miteinander konkurrieren, einander unterstützen, zugleich aber auch abschätzig übereinander reden und sich gegenseitig ausstechen. Hingegen müssen Frauen in der Politik noch immer darauf achten, ernst genommen zu werden. Das ist nicht leicht.

Wo im Kanzleramt fanden die Sitzungen statt und wie lange haben sie gedauert? 

In einem kleinen Sitzungssaal im Kanzleramt, jeweils für 15 Minuten.

Haben Sie immer dieselbe Kamera benutzt? Durften Sie Möbel schieben, Gardinen zuziehen, für künstliches Licht sorgen?

Ich benutzte immer eine Hasselblad 6xl6 Mittelformatkamera, immer das gleiche Objektiv und die gleiche Blitzlampe mit Schirm. So versuchte ich, größtmögliche Objektivität durch Stil und Technik zu erreichen. Ich gab nie Anweisungen, wie sie zu stehen oder sitzen hatte oder wie sie die Hände halten sollte. Mir ging es um die eigene Körpersprache, damit ich die Veränderungen an und in dem Menschen festhalten konnte.

Wie müssen wir uns das vorstellen: Die Kanzlerin kommt rein, begrüßt Sie und sagt: Dann machen Sie mal?

Ich hatte im Kanzleramt jedesmal einen Betreuer, das war Herr Brücher. Er begleitete mich in das Zimmer und stand mir auch Lichtmodell. Dann kam die Kanzlerin und wir wechselten ein paar Worte, für Smalltalk haben wir beide keinen Sinn, und dann begannen wir unser Ritual: ein Kopfportrait sitzend und stehend.

Haben Sie ihr Aufnahmen gezeigt? Wollte Sie die Kontrolle haben?

Wollte sie nicht, sie hat nie gefragt, und ich musste ihr auch nichts vorlegen. Die Aufnahmen sah sie erst im Buch. Das war ungewöhnlich, weil  viele Menschen in Machtpositionen auf Image-Kontrolle außerordentlich bedacht sind.

Auf welchem Foto sieht Angela Merkel so drein, dass Sie sagen: So ist sie? Und wie ist sie, wenn Sie ganz bei sich ist?

Das Foto von 1991 mag ich besonders gern. Da ist sie noch scheu, ungelenk, dabei aber durchaus selbstsicher und sie schaut wirklich in 

Kamen Sie ihr über die Jahre näher?

Na ja, ich will mal so sagen: Sie vertraute mir. Hätte sie mich und meine Arbeit nicht respektiert, wäre es nicht zu den 30 Aufnahmen seit 1991 gekommen. Für die „Spuren der Macht“, die im Jahr 1999 erschienen, hatte ich sie auch interviewt und das war wohl für sie die Grundlage für dieses Projekt.

Eigentlich ist der Fotograf ja der natürliche Feind eines Politikers oder einer Politikerin. Fotos können vernichten, siehe Armin Laschet in Erftstadt. Fotos können genau so gut Aura schaffen. Was ziehen Sie vor?

Ich sehe keinen Sinn darin, Politiker oder Politikerinnen zu manipulieren. Ich will ihnen weder schaden noch nutzen, sie weder stabilisieren noch destabilisieren. Ich halte mit der Kamera fest, wie sie sind und wie sie sich verändern. Darum geht es mir.

Im Normalfall sind Politiker Profis, die ihre Masken aufsetzen. Was machen Sie, damit Sie zum Menschen durchdringen?

Vor vielen Jahre schon habe ich mich mit Verhaltensforschung ausgiebig befasst. Elementar ist die Körpersprache. Körper senden Mitteilungen, die ich wahrnehme. Warten ist wichtig und völlige Konzentration, bis ich etwas sehe, was was mich weiterleitet. Und dann entsteht, wenn es gut gegangen ist, ein Foto, das ich für mich akzeptieren kann.

Ihre Fotos zeigen, was die Macht mit den Menschen macht. Was haben Sie über Angela Merkel oder Gerhard Schröder gelernt?

Es ist schon so, dass in der Handhabung der Macht der wahre Charakter  eines Menschen zutage tritt. Er zeigt sich vor allem im Umgang mit  anderen Menschen, die unter ihnen stehen: Gehen sie respektvoll mit ihnen um oder rücksichtslos? Lieben sie das Gepränge, das mit Macht einher geht, oder bleiben sie eher normal? Stehen sie auf einem Sockel und schauen herab oder nutzen sie ihre Macht nur dann, wenn Wichtiges auf dem Spiel steht?

Sie machen immer Langzeitprojekte – weil es nicht das eine Foto gibt, das die ganze Geschichte über einen Menschen erzählt?

Mir geht es nicht um das eine ultimative Foto, sondern ich will mit meinen Projekten eine Geschichte erzählen. Das ist wie bei einem Musikstück, es gibt einen Auftakt, ein Mittelstück und ein Ende. Und es sind die Gesichter, die uns etwas erzählen.

Als Fotografin haben Sie spät angefangen. Hatten Sie Ihre Begabung übersehen oder waren die Kinder aus dem Gröbsten heraus und Sie konnten durchstarten?

Es begann damit, dass mir vor vielen Jahren ein Freund einen Kodak Tri-X-Film mit hoher Auflösung schenkte, einen seltenen Film, den damals eigentlich nur Journalisten benutzten. Meine Kinder habe ich beim Gummihüpfen fotografiert und dazu habe ich mich mit ihnen ins Gras gesetzt und aus dieser Perspektive ziemlich gute Fotos gemacht. 

Was war Ihr erstes Projekt?

Es hieß „Deutsches Wohnzimmer“. Dazu habe ich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in ihren Wohnzimmern fotografiert, schon damals ohne Anweisungen, denn sie sollten sich so geben, wie sie eben waren. Für mich war spannend, ob sie sich berührten oder Abstand wahrten, zu wem sich die Kinder stellten und wie die Eltern sich verhielten.

Wie lange dauerte es, bis Sie bekannt wurden?

Ziemlich lange. Im Jahr 1986 machte ich ein Buch über „Feine Leute“. Ich hatte sie bei Opern, bei Festspieleröffnungen und anderen feierlichen bürgerlichen Events über mehrere Jahre hinweg fotografiert. 

Die Wirkung eines Fotos liegt in den Augen des Betrachters. Ist das nicht frustrierend für den Fotografen, dass er die Kontrolle aus der Hand geben muss?

Ich weiß es ja schon vorher, dass es so ist. Wenn nach vier oder fünf Jahren ein Buch erscheint, führt es ein eigenes Leben. Ich erinnere mich an ein Projekt, bei dem ich nackte Männer fotografiert hatte. Da waren zwei Männer in inniger Umarmung zu sehen und bei der Ausstellung hörte ich einen Mann sagen: Ich verstehe wirklich nicht, was das soll! Ein anderer Mann hörte das und sagte: Für mich ist das der Inbegriff von Liebe. Ganz offensichtlich sind es die Lebenserfahrungen, die Betrachter zu ihrem Urteil führen. Mit mir hat das dann nichts mehr zu tun.

Hatten Sie Vorbilder, als Sie anfingen? Woran haben Sie sich orientiert?

Als ich anfing, hatte ich schon deshalb keine Vorbilder, weil mir die Szene unbekannt war und die Medienwelt fremd. ich habe nicht groß überlegt, sondern einfach begonnen und bin meinen eigenen Weg genommen. Leicht war das nicht. 

Ist Fotografieren eigentlich ein einsames Geschäft?

Ja und nein. Nein, weil ich Menschen fotografiere und ihnen begegne. Das bereichert mich ungemein. Ja, weil man früher  in der Dunkelkammer und heute beim Sichten und Ordnen des Materials notwendigerweise allein mit sich bleibt.

Angela Merkel ist nicht mehr im Amt. Haben Sie schon mit Olaf Scholz ein Projekt vereinbart? Mit Robert Habeck? Interessiert Sie Annalena Baerbock mehr?

Mit keinem der Dreien habe ich ein Langzeitprojekt vereinbart. Das Privileg, 30 Jahre lang eine Frau zu fotografieren, aus der eine Kanzlerin geworden ist, die uns 16 Jahre regiert hat und nun ihren Abschied nimmt, ist einfach nicht zu toppen.

Und wen haben Sie zu Ihrem Leidwesen noch nicht vor die Kamera bekommen?

Ich hätte zu gerne Fidel Castro fotografiert und interviewt. Der Revolutionär, aus dem ein Diktator geworden ist: sehr facettenreich, dieser Mann. Hat sich nicht ergeben, wie schade.

Frau Koelbl, danke für dieses Gespräch. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Von Vätern und Söhnen

Gestern fiel mir ein Buch in die Hände, das „Nachkriegskinder“ heißt, schon vor zehn Jahren erschien und nun neu aufgelegt worden ist. Die Autorin heißt Sabine Bode. Sie ist an Menschen interessiert und erzählt deren Lebensgeschichten. Ohne theoretische Ansätze kommt so ein Buch aber natürlich nicht aus. Die Autorin schreibt schlank von deutscher Kollektivschuld – klassischer Einwand: Wenn alle irgendwie schuldig geworden sind, ist keiner schuldig und muss sich auch nicht so fühlen. Nun leiden aber die von ihr vorgestellten Personen unter der Gewalt, dem Schweigen, den Traumata der Kriegsväter und manchmal auch der Kriegsmütter. Freundliche, nicht schlagende Väter sind die Ausnahmen, aber es gibt sie. Das ist eben so mit den Erfahrungen, auch mit den Kriegserfahrungen, sie schlagen sich individuell nieder und werden individuell weitergegeben.

Die Generation der Kriegskinder ist weit gefasst in diesem Buch. Sie umfasst die Jahrgänge 1945 bis 1960. Was sich dagegen sagen lässt, möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob jemand, wie mein Bruder, 1945 geboren wurde, oder, wie ich, fünf Jahre später. Fünf Jahre machten damals eine Welt aus. Zwar gehören wir beide derselben Generation an, haben aber verschiedene Deutschlands in unseren Anfängen erlebt, die uns zwangsläufig unterschiedlich geprägt haben.

Hof, im März 1945. Der Vater. Bauernsohn, mit 19 eingezogen, zuerst Frankreich, nach Russland. Schwer kriegsversehrt, beide Beine amputiert. Bei Kriegsende 25 Jahre alt. Die Mutter: 20 Jahre alt, aus dem Elsaß nach Oberfranken gezogen in eine fremde Welt mit fremdem Zungenschlag. Das Kind, mein Bruder: Kurz vor Kriegsende geboren, ein Krischperl, kaum lebensfähig in dieser Mangelwirtschaft mit beginnendem Schwarzmarkt. Die jungen Eltern einquartiert in einer ramponierten Villa. Was für Anfänge für das Paar, für das Kind. Absolute Unsicherheit, was die Siegermächte mit dem Land nach der bedingungslosen Kapitulation vorhaben, welche Siegermacht sich am Übergang von Franken nach Thüringen festsetzen wird.

Dagegen ich: 1950 geboren. Seit einem Jahr gibt es die Westrepublik, beschützt und determiniert durch die Westalliierten, allen voran den USA. Vier Zimmer in der Lessingstraße 16, Toilette auf der halben Treppe. Vom Schutt geräumte Straßen, Hof ist glimpflich davon gekommen. Der Vater arbeitet bei der Alten Volksfürsorge, wie die Generali ursprünglich hieß, bekommt Versehrtenrente, bald Zuschüsse zu den Autos, die er fährt. 1956 erste Reise nach Italien im VW HO – C 204.

Die ersten Lebensjahre meines Bruders: absolute Unsicherheit. Meine: Sicherheit. Folge bei ihm: Sicherheitsbedürfnis. Bei mir: eher Neugier aufs Neue. Wichtig ist die Familienkonstellation: Er ist der angepasste Sohn, mir bleibt nur die Rolle des Rebellen. Die Mutter schlägt uns mit dem Teppichklopfer, der Vater ist Linkshänder und legt erst einmal in Ruhe die Uhr ab. Später sagen beide, wir wussten es nicht anders und entschuldigen sich. Der Vater ist Sohn rauher Bauern, die Mutter Tochter eines verarmten bürgerlichen Vaters.

Das Schweigen der Väter, von dem das Buch wimmelt: Mein Vater sagte das Nötige, wie schrecklich der Krieg war und verschont uns mit Einzelheiten, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. Er nimmt mich kleinen Jungen mit zum Versehrtensport und seither sind mir die vielfältigen Formen der Verstümmelungen geläufig. Will ich mehr wissen? Später ja und bekomme Antworten. Die Mutter erzählt vom Leben in Kusel, Metz und Saarbrücken und von der Flucht ins Landesinnere. Zwei ihrer Brüder sind „gefallen“, der Bruder meines Vaters auch. Die Mutter weint beim Erzählen. Der Vater: gefasst und selbstironisch.

Entscheidend ist, dass ich zum goldenen Jahrgang der Nachkriegsrepublik gehöre. Aufwachsen im geschützten Land, das in internationale Organisationen hineinwächst und lernt, das von den Alliierten auferlegte System aus Marktwirtschaft und Demokratie sich anzuverwandeln. Das Schulgeld fällt weg. Zugang zum Gymnasium über einen Test. Popmusik als eigene Kultur gegen die Erwachsenen. Ungezwungener Sex dank der Pille für die Freundinnen. Bafög bei Studienbeginn. Sorglose Berufswahl nach dem Examen. Stabile, reiche Republik. Und dann auch noch die Wiedervereinigung.

Ich habe meine Eltern in meinen Zwanzigern bestraft: durch Entzug, durch Nichtachtung, Geringschätzung, durch Schweigen. Hat sich dann erschöpft. Irgendwann sah ich ein, dass sich selber vergiftet, wer andere zu seinem Feind erklärt, zum Beispiel die Eltern oder die Geschwister. Studienmaterial fand ich in meiner nächsten Umgebung. Irgendwann wurde mir auch klar, dass dieses Abarbeiten an den Eltern kindlich war und ich war kein Kind mehr. Es ergab sich, dass ich ein Porträt meiner Heimatstadt für die „Zeit“ schreiben sollte, woraus eine Versöhnung mit meiner Herkunft erwuchs: mit der Stadt, aus der ich kam, mit den Eltern, mit der Region.

Das Leben kann ein Drama sein, es kann auch Tragik entfalten, im Wesentlichen aber ist es ein Prozess. Wer stehen bleibt, könnte sich ja auch mal fragen, warum er stehen bleibt. Und wollen wir nicht selber wer sein und damit mehr als das Produkt unserer Eltern?