Vom Blitzkrieg zum Blutbad

In Kürze jährt sich der Überfall auf die Ukraine. Nichts ist so gekommen, wie es sich der große Feldherr im Kreml ausgemalt hat.Wolodymyr Selenskyj ist noch immer Präsident, Kiew eine freie Stadt und das Land, dem Putin jede kulturelle oder politische Eigenständigkeit absprach, erweist sich als Hort nationalen Widerstandes. Gegenüber dem israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett gestand Wladimir Putin ein, dass die Ukraine wehrfähiger ist, als ihm eingeflüstert wurde. Er schickte aber hinterdrein: „Wir sind ein großes Land und haben Geduld.“

Für die nächsten Tage hat der Kreml eine große Rede des Präsidenten angekündigt. Niemand erwartet Friedensschalmeien. Im Gegenteil könnte Russland stärker auf Kriegswirtschaft umschalten oder noch mehr Kanonenfutter an die Front werfen. Alles andere wäre eine Überraschung. Für das Frühjahr bereitet Russland offenbar eine Offensive vor. Der Krieg, das Töten geht weiter, immer weiter.

Wie viele russische Soldaten schon gestorben sind und noch sterben werden, hat keine Auswirkungen auf Putins Gemüt. Seine Generäle misst er daran, ob sie ihre haarsträubenden Fehler, die auf seiner haarsträubenden Fehlern beruhen, wettmachen können. Diktatoren lassen gerne Köpfe rollen, damit der eigene Kopf möglichst fest auf dem Hals sitzen bleibt.

In einer aufwendigen Recherche hat die „New York Times“ die Anfänge des Krieges rund um den 24. Februar recherchiert. Die Reporter kamen in den Besitz geheimer Schlachtpläne, konnten abgefangene Funksprüche und Telefonate auswerten, interviewten russische Soldaten und sprachen auch mit Leuten, denen das Innenleben des Kreml vertraut ist.

Verwundete Soldaten erzählten, dass sie ohne ein Mindestmaß an militärischer Ausbildung in den Krieg ziehen mussten. Sie hätten nicht genug zu essen gehabt, Ausrüstung und Munition seien Mangelware gewesen. Scharfschützen hätten den Gebrauch ihrer Gewehre auf einem Wikipedia-Ausdruck studiert, die Landkarten für den Vormarsch in die Ukraine hätten aus den sechziger Jahren gestammt. Da viele Soldaten per Handy daheim anriefen, war es ein Leichtes sie zu orten. Auch so sind die hohen Verluste der russischen Streitkräfte zu erklären. 

Das Lehrbeispiel ist Syrien. Was sich nicht erobern lässt, wird eben zerstört. Wie viele Soldaten dabei ihr Leben lassen, ist zweitrangig. Angeblich ist Putins Limit 300 000 Tote. Aber wer will schon wissen, wann die Verluste an Menschenleben seine Macht bröckeln lassen?

Den großen Strategen Putin gab Selenskyj schnell nach Kriegsbeginn Rätsel auf. „Was für eine Art Jude ist er?“, fragte er den israelischen Ministerpräsidenten Bennett. „Er macht doch die Nazis dort salonfähig.“ Derart verantwortungslos, derart ahnungslos redet also der Mann, der sich für den Lenin des 21. Jahrhunderts  hält und die Ukraine heim ins Reich holen will.

Ein Blitzkrieg sollte es werden. Ein lang anhaltendes Blutbad ist daraus geworden. Kein demokratischer Kriegsherr könnte sich im Amt halten, wäre er dermaßen seiner Selbstsuggestion erlegen. Nur ein Diktator mit seinem riesigen Manipulationsapparat kann von seinem fundamentalen Versagen ablenken.

Der Krieg sei „ironischerweise so schwer zu beenden, weil Russland ihn verloren hat“, sagt der britische Historiker Lawrence Freedman in einem Interview. So ist es. Mit Putin gibt es keinen Frieden, lautet die Schlussfolgerung. Und ohne Putin?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was zum Lesen: Putins Krieg

From The New York Times:

Putin’s War: The Inside Story of a Catastrophe

Secret battle plans, intercepted communications and Russian soldiers explain how a “walk in the park” became a catastrophe for Russia.

https://www.nytimes.com/interactive/2022/12/16/world/europe/russia-putin-war-failures-ukraine.html?smid=em-share

Ein Herz für den ganzen Erdkreis

Soeben habe ich ein dickes Buch zu Ende gelesen, unglaublich verdienstvoll, unglaublich ausführlich. Darin steht die Biographie einer Frau, die mir bis dahin unbekannt gewesen war: Simone Weil, Französin, Philosophin, Aktivistin, Asketin und eine Heilige in einer unheiligen Zeit. Zeitgenossin von Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre und Hannah Arendt.

Insbesondere Simone de Beauvoir bewunderte sie für ihre Fähigkeit, Anteil an den Menschen und Ereignissen jener Tage zu nehmen – sie persönlich zu verstehen, auf sich zu beziehen. In ihrer Autobiographie schreibt sie: „Eine große Hungersnot hatte China heimgesucht, und man hatte mir erzählt, dass sie bei dieser Nachricht in Schluchzen ausgebrochen war. Diese Tränen nötigten mir noch mehr Achtung ab als ihre Begabung in Philosophie. Ich beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für einen ganzen Erdkreis zu schlagen.“

Dagegen waren Beauvoir wie Sartre gleichzeitig damit beschäftigt, die Welt auf Abstand zu halten. Die Menschen um sie herum erschienen ihnen belanglos. Sie waren „die anderen“, die sie am Café Flore vorbei eilen sahen, ein Gewimmel aus Menschen, die sich voneinander nicht unterschieden und folglich vernachlässigbar blieben.

Simone Weil besuchte die gleichen Schulen wie Beauvoir und Sartre, suchte aber keine Gemeinschaft. Ein Freund allein blieb ihr aus dieser Phase ihres Lebens: Maurice Schumann, zwei Jahre älter, nach dem Krieg Außenminister und Initiator der deutsch-französischen Versöhnung. Beim Begräbnis Simone Weil im Jahr 1943 gehörte er zu den wenigen Trauergästen.

Wie Sartre/Beauvoir ging Simone Weil in die französische Provinz als Philosophielehrerin. Während die andere Simone aber aus den Schülerinnen Liebhaberinnen für sich und Sartre rekrutierte, war die heilige Simone an ihrem Äußeren desinteressiert und offenbar eher asexuell. In ihrer Freizeit widmete sie sich der linken Gewerkschaftsbewegung und zwar ihrem anarcho-syndikalistischem Zweig. Wer darüber etwas wissen will oder gar über die Linke Frankreichs in den Jahren vor der Volksfrontregierung Blum, erfährt vieles aus dieser Biographie, die ihre Freundin Simone (noch eine Simone!) Pétrement schrieb.

Simone Weil imponiert mir aus zwei Gründen: wegen ihrer Hellsicht und ihrer inneren Unabhängigkeit. Ihre Hellsicht beweist sie zum Beispiel, als sie im Sommer 1932 einige Wochen in Deutschland verbringt. Sie sagt präzise voraus, was Hitler, der erst ein halbes Jahr später Reichskanzler werden darf, für Deutschland und Europa bedeutet. Dazu schätzt sie richtig ein, dass die deutsche Linke aus SPD und KPD sich gegenseitig zerfleischen wird, anstatt gemeinsam gegen die Rechte anzutreten.

Im Herbst 1933 geht Jean-Paul Sartre für ein Jahr als Stipendiat nach Berlin. Er liest Heidegger, Husserl und Kafka und widmet sich mehr noch zahllosen Amouren, wie er Simone de Beauvoir ausführlich mitteilt. Die Politik interessiert ihn wenig. Nun ist Hitler Reichskanzler geworden, den Reichstagsbrand nutzt er zur Vertreibung und Verfolgung der Linken. Wer sehen kann, sieht, was sich hier abspielt. Sartre aber betrachtet die Nazis als schnell vorübergehenden Spuk – als Inbegriff der anderen, die er verachtet.

Simone Weil ist für mich der Inbegriff geistiger Unabhängigkeit. Die faszinierende Klarheit, mit der sie den Krieg kommen sieht, leitet sie aus der „Ilias“ ab, dem großen antiken Text. Sie gehört zu den allerersten Denkern, denen die Ähnlichkeit von Kommunismus und Faschismus auffällt. Die drei Jahre ältere Hannah Arendt entwickelt daraus nach dem Krieg ihre Totalitarismus-Theorie. Zur Hellsicht geistiger Unabhängigkeit gehört auch, dass Simone Weil schon vor dem Krieg die gemeinsame Illusion von Kommunismus und Kapitalismus entdeckt: Beide glauben an das unendliche Wachstum der Wirtschaft, wobei aber doch die irdischen Ressourcen erkennbar endlich sind. Also liegen beide Denkweisen falsch, leiden beide an einem fundamentalen Irrtum. Diese Einsicht gewinnt Simone Weil am Ende der dreißiger Jahre! Da kann ich nur den Hut sehr tief ziehen.

Während sich Sartre in „Das Sein und das Nichts“ an Heidegger abarbeitet und Simone de Beauvoir (sie ist ein Jahr älter als Weil) langsam den Mitmenschen, den anderen, Bedeutung zumisst, stürzt sich Simone Weil ins Leben ihrer Zeit. Sie verdingt sich als Fabrikarbeiterin, wozu sie keinesfalls geeignet ist. Sie ist sich natürlich ihres Mangels an Alltagsfertigkeiten bewusst, aber ihre eiserne Disziplin hält sie bis zur völligen Erschöpfung durch. Sie gibt Kurse für Arbeiter, nimmt an Streiks und Demonstrationen teil. Sie reist von einem Gewerkschaftskongress zum nächsten, sucht Anschluss an lokale Gewerkschaftsgrößen rund um die Schulen, an denen sie Philosophie und Griechisch lehrt. Sie behält sich von ihrem Gehalt nur den Lohn einer Arbeiterin und spendet den Rest an die Gewerkschaftskasse. Bald geht sie weit darüberhinaus und reist nach Spanien, um im Bürgerkrieg den Aufständischen beizustehen. Sie verlangt nach einem Gewehr, aber erstens ist sie sehr kurzsichtig und zweitens grotesk ungeeignet für den Alltag, geschweige denn für die Teilnahme am Krieg.

Das Besondere an Simone Weil ist ihre Selbstaufzehrung in der Zeitgenossenschaft, ihre vita activa. So einfühlsam und nachsichtig, wie sie mit den Arbeitern in der Fabrik oder den anderen Helfern bei der Weinlese sein kann, so rücksichtslos ist sie sich selbst gegenüber. Eine kleine Person mit einem großen Herzen und einer Neigung zur Selbstzerstörung. Sie ißt zu wenig, heizt im kältesten Winter ihre kleinen, unwirtlichen Wohnungen nicht. Damit macht sie sich zu einem exemplarischen Fall eines Kindes aus großbürgerlichem Haus, das sich für ihre Privilegien bestraft, indem sie sich auf eine Stufe mit einer unterprivilegierten Arbeiterin stellt. Die Geschichte der europäischen Linken kennt ja viele Intellektuelle, die ihre Klasse nach dem Ersten Weltkrieg vorübergehend oder dauerhaft negierten, um sich der Revolution anzuschließen, von der ungarischen Räterepublik (Georg von Lukács, Bankierssohn aus Budapest) bis zur Münchner Räterepublik (Erich Toller, Erich Mühsam, Ernst Niekisch) bis zur Unterstützung der 1917 gegründeten kommunistischen Sowjetunion (André Gide, Sartre, André Malraux unter vielen anderen).

Simone Weil arbeitete dort, wo das Leben konkret ist: bei den einfachen Leuten, bei den Arbeitern, in der Gewerkschaftsbewegung. Der Glaube an die Revolution kam ihr abhanden; dagegen sprach die Empirie. Die Volksfrontregierung unter Léon Blum scheiterte nach kurzer Blütezeit. An ihrer persönlichen Askese änderten die Enttäuschungen nichts. Ihre Radikalität wandte sich auch immer gegen sich selbst.

Dazu kam, dass sie viele Jahre lang unter furchtbaren Kopfschmerzen litt. Nichts blieb unversucht, um die Gründe für die Tortur zu finden. Ihre Eltern, stets besorgt um ihre Tochter, so wenig geeignet für das, was sie sich vornahm, reisten mit ihr in die Städte, in die sie das Bildungsministerium als Philosophielehrerin entsandte, richtete ihre Wohnung ein, füllten die Vorräte auf – bemühten sich um die Lebenserleichterung, mit der sie an ihrer Tochter mal um mal scheiterten. Der ältere Bruder André, ein mathematisches Genie, machte Karriere und ging so durch das Leben, wie es einem Kind aus dem Großbürgertum eben möglich war. Nicht die unerträgliche Leichtigkeit war Simone Weils Elixier, sondern die unerträgliche Schwere.

Es müssen die Kopfschmerzen gewesen sein, die zur verblüffenden Wende in diesem Leben führte. Sie marterten sie, die Ärzten untersuchten sie auf Tumor, fanden aber nichts. Der Dauerschmerz linderte sich aber in bestimmten Augenblicken und an bestimmten Orten. Bei Orgelmusik in einer Kirche, unter dem Einfluss gregorianischer Gesänge, in einer Abtei fand sie Ablenkung und erlebte Epiphanien. Das Mildern verstand sie als Erscheinung Gottes in ihrem Dasein. Ihr Leiden erschien ihr als Ausdruck des Leidens des Gottessohnes Jesus Christus. Was ihr die Philosophie, deren Verstandestätigkeit sie verpflichtet war, notwendig verwehrte, die Integration des Gottesbegriffs, erlaubte ihr das Leben.

Über die Epiphanien schrieb sie: „In meinen Überlegungen über die Unlösbarkeit des Gottesproblems hatte ich diese Möglichkeit nicht vorausgesehen: die einer wirklichen Berührung von Person zu Person hienieden, zwischen dem menschlichen Wesen und Gott. Ich hatte wohl unbestimmt von dergleichen reden gehört, aber ich hatte es niemals geglaubt.“

Theologisch lehnte sie den erbarmungslosen Gott des Alten Testaments und die Übernahme des Christentums durch Rom ab. Sie versuchte sich darin, das antike Streben nach Selbsterkenntnis mit dem Neuen Testament in Einklang zu bringen. So wurde sie katholisch ohne Aufnahme in die katholische Kirche, mit der sie geschichtlich die Inquisition und die Religionskriege verband. Von Geburt war sie Jüdin und die Bedeutung dieses Umstandes machten ihr die Nazis nach der Eroberung Frankreichs im Jahr 1940 klar.

Rechtzeitig floh die Familie Weil nach Amerika, wohin sich der große Bruder André schon durchgeschlagen hatte. Simone aber blieb nicht in New York. Unbedingt wollte sie nach England und dort unter der Exilregierung unter Charles de Gaulle dienen. Dafür hatte sie genaue Vorstellungen: Sie wollte mit dem Fallschirm hinter den Linien abspringen, dem französischen Widerstand beitreten und Deutsche töten.

Nach England kam sie 1942. Mit ihren Ideen konnte sie niemanden überzeugen. Fürs Tun war sie ungeeignet, fürs Denken bestens geeignet. Also setzte man sie daran, eine Verfassung für das befreite Frankreich auszuarbeiten.

Mit 34 Jahren starb sie. Die Selbstzerstörung durch Askese war letztlich erfolgreich. Sie zog sich Tuberkulose zu, die eigentlich nach Ansicht ihrer Ärzte kurierbar war – sofern sie sich gut ernährte. Nichts lag ihr ferner. Sich selber Gutes zu tun, erschien ihr frevelhaft. Es muss ihr tiefer Wunsch gewesen sein, sich nicht zu retten. Sie aß immer weniger, trank zu wenig. Von London ließ sich in ein Sanatorium in Ashford verlegen. Am 30. August 1943 fand ihr Begräbnis statt. Der treue Maurice Schumann hatte sie auf dem Sterbebett besucht und stand nun mit einer Londoner Vermieterin, bei der Simone Weil gewohnt hatte, am Grab. Der Pfarrer hatte den Zug verpasst.

Was für eine Frau. Das Unbedingte war ihr gemäß. Was ihr zufiel, das Denken, achtete sie nicht in dem Maße, wie es ihr gut getan hätte. Unbedingt wollte sie, was ihr nicht gegeben war. Der Ruhm ergab sich später. Albert Camus bezeichnete Simone Weil als „den einzigen großen Geist unserer Zeit.“ T.S. Elliot bewunderte sie.

Vier Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte ein Freund ihre Essays, Gedichte, Briefe und Fabrik-Tagebücher. Sie hatte ihm den Papierberg in einer Aktentasche auf dem Bahnhof von Marseille übergeben, nicht wissend, ob sie überleben würde.

p.s. Ich muss noch erwähnen, wie ich auf Simone Weil gestoßen bin: Im wunderbaren Buch „Feuer der Freiheit“ von Wolfram Eilenberger, das mich zum Weiterlesen animierte – was lässt sich Besseres über ein Buch sagen?

Helden unserer Zeit

Das Regime in Teheran schafft die Sittenpolizei ab. Das ist eine gute Nachricht, ein bemerkenswerter Erfolg der zumeist jungen Leute, die seit vielen Wochen in vielen iranischen Städten demonstrieren. Es ist aber leider auch eine Nachricht ohne größeres Gewicht, denn daraus folgt keineswegs, dass die gesetzlich vorgeschriebene Verhüllung der weiblichen Körper durch einen langen Mantel und ein Haare bergendes Kopftuch aufgehoben wäre. Das Entscheidende ändert sich nicht. Noch nicht?

Also werden sie weiterhin ihr Leben in die Waagschale werfen, denn jederzeit können sie verprügelt und getötet werden. Wie Jina Mahsa Amini, die junge kurdische Frau, deren Tod zum Auslöser der größten Unruhen seit Jahrzehnten wurde. Wie rund 470 Demonstranten, die seither starben.

Was muss passieren, dass Frauen auf die Straße gehen, ohne zu wissen, ob sie wieder nach Hause kommen oder von Handlangern der Mullahs aufgegriffen werden oder ob sie gar eine Kugel trifft, wahllos in die Menge abgefeuert? Die Zukunft muss ihnen schal vorkommen, als eine Fortsetzung der Kontrolle, der Entmündigung, unter denen sie in der Gegenwart leiden. Und was ist das für eine erbärmliche Religion, die auf der Diskriminierung von Frauen fusst?

In China hat die Ein-Parteien-Diktatur einigen Städten erlaubt, Einkaufszentren, Märkte und Restaurants zu öffnen. Mit der U-Bahn darf man jetzt ohne Vorlage eines negativen Tests fahren. Medikamente gegen Fieber oder Halsschmerzen kann man ohne Registrierung kaufen. Auch dieses Regime reagiert hastig auf die Demonstranten mit dem hoch gehaltenen weißen Papier. Xi Jinping und seine Handlanger haben Angst vor dem Volk, das ihm gerade die Botschaft zukommen lässt: zu viel ist zu viel.

Die Zugeständnisse fallen halbherzig aus; trotzdem mögen die Demonstrationen abflauen. Aber die Erkenntnis bleibt, dass die Allmacht der Staats- und Regierungspartei auf Dauer nur eine Illusion ist.

Diktaturen werden sehr nervös, wenn sich die Straßen mit protestierenden Menschen füllen. Konkrete Vorwürfe an das Regime schlagen erfahrungsgemäß rasch in Forderungen nach grundlegenden Reformen um. Zunächst schickt das Regime seine prügelnden Bataillone. Lassen sich die Menschen nicht einschüchtern, gibt es eben Tote. Lassen sie sich dennoch nicht einschüchtern, gibt es noch mehr Tote.

In China ist eine Wiederkehr des Tian’anmen der Alptraum Xi Jinpings. Im Juni 1989 richtete die Armee ein Massaker unter den Studenten an, die mit Verweis auf Michail Gorbatschow nach Reformen verlangt hatten. 200 Menschen starben damals, 3000 verletzten sich. Der Wunsch der KP nach totaler Kontrolle über ihr Volk ist eine Folge von 1989. 

Das theokratische System in Iran ist aus riesigen Demonstrationen hervorgegangen, denen der Schah, der Machthaber jener Tage, im Jahr 1979 weichen musste. Ajatollah Khomeini reiste aus dem Pariser Exil an und riss alle Macht an sich. Aus diesem Grund nehmen seine Nachfolger jegliche Menschenansammlung auf Straßen und Dächern blutig ernst.

Die Menschen in Iran und in China sind die Helden unserer Zeit, die wir nur bewundern können. Sie sehnen sich nach der Freiheit, die wir für selbstverständlich halten. Selbst wenn sie am Ende scheitern sollten oder vorher aufgeben, war es ihnen wohl den Versuch wert. Diktaturen werden ratlos, wenn die Demonstrationen weitergehen. Diktaturen können scheitern, wie das Beispiel der Sowjetunion zeigt. 

Die Zeitenwende im Jahr 1989 hatte niemand vorhergesehen. Das lag an der Konzentration der westlichen Regierungen und Geheimdienste auf den östlichen Machthabern und an der Missachtung der Opposition. Daraus lässt sich lernen, dass unsere Regierungen von heute achtsam sein und die Gesellschaften anderswo  im Auge behalten sollten. Diktaturen sind nur an der Oberfläche stabil. Sie können implodieren oder explodieren, sobald die Zeit reif ist.

Die Geschichte dreht sich nicht nur um Wirtschaft und Macht. Den Menschen sind Freiheit und Mündigkeit wichtig. Worauf unsere Demokratien gründen, das wünschen sie sich offenbar in Xinjiang und Teheran. Was für ein schöner Gedanke, der daraus folgt: Auf lange Sicht sind Demokratien eben doch Diktaturen überlegen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Lasst uns auf die Frauen hoffen

Ich hatte mir die Europameisterschaft der Frauen angeschaut und war wirklich sehr angetan und mehr noch: begeistert von der deutschen Mannschaft. Kampfkraft und Technik. Mut und Willensstärke. Stürmende Außenverteidigerinnen, die konsequent verteidigten. Durchsetzungsstarke Mittelstürmerin. Pech im Endspiel, aber mit hoch erhobenem Haupt verloren.

Damals schrieb ich, Kimmich könne sich einiges von Lena Oberdorf abschauen. Im Nachhinein würde ich empfehlen, dass sich die gesamte Mannschaft und der Trainerstab vieles abschauen sollten, was die Frauen richtig machen und die Männer falsch. Die Enttäuschung von heute entspricht der hohen Anerkennung von damals.

Kimmich: hoher Anspruch, nicht eingelöst. Neuer: ein Schatten seiner selbst, 4 von 5 Toren hätte jemand mit seinem Anspruch halten müssen. Dass Müller seine Zeit hinter sich hat, sahen Millionen Zuschauer, nur der Bundestrainer nicht. Dass Gündogan die Schaltfigur im Mittelfeld war, gefiel den Zuschauern, aber hielt den Bundestrainer nicht davon ab, ihn stets auszuwechseln, damit die gegnerische Mannschaft Tore schießen konnte. Ich habe Flick in diesem Turnier selten verstanden.

Er wandte das Erfolgskonzept aus seiner Bayern-Zeit an und stellte so viele Bayern wie möglich auf. Bei Bayern hatten Gnabry, Sané, Müller und Musiala aber Lewandowski vor sich und Müller war mal vieles, aber nie ein Lewandowski. Immerhin sah Flick ein, dass Füllkrug die Intuition eines Tore-Garanten besitzt und nahm ihn mit. Warum er ihn gegen Costa Rica nicht von Anfang an einsetzte, bleibt sein Geheimnis.

Deutschland hat nicht wie Bayern München gespielt, sondern wie Borussia Dortmund. Dortmund ist auch so eine Mannschaft mit Talent und einem Mangel an Willenskraft. Deshalb steht der BVB in der Bundesliga dort, wo er steht. Deshalb ist Deutschland allenfalls Mittelmaß. Süle ist die Inkarnation der Trägheit hier wie dort. Mächtiger Körper, zittriges Gemüt, Hang zu Fehlern. Luftloch im eigenen Strafraum gegen Costa Rica! Oder Schlotterbeck: hier wie dort eine sichere Bank für schwache Gegenwehr.

In der spanischen Mannschaft spielen Spieler, die im Verein nicht unbedingt erste Wahl sind, eine herausragende Rolle. Olmo, in Leipzig meist von der Bank: Spielmacher. Asensio: bei Real zweite Wahl, in der Nationalmannschaft gesetzt. Was sieht Luis Enrique, was Hans-Dieter Flick nicht sieht? Offenbar das Entscheidende. Was lernt man daraus? Eine Mannschaft muss ein inneres Gefüge haben, das ihr Stabilität verleiht. Nicht eine Ansammlung der besten Spieler ist automatisch eine gute Mannschaft. Nicht die Spieler mit dem größten Anspruch lösen zuverlässig die hohen Erwartungen ein. Eine Mannschaft ist ein Mosaik, dessen Schlußstein ein eher unscheinbarer Spieler sein kann. Kanté bei Frankreich ist so einer; er ist verletzt und sein Fehlen wird sich noch bemerkbar machen. Choupo-Moting aktuell bei Bayern. Harry Maguire bei England. Schwarzenbeck früher in der deutschen Nationalmannschaft.

Mal schau’n, welche Konsequenzen der DFB ziehen wird. Wahrscheinlich lösen sie Bierhoff ab, damit wenigstens einer geht, der aber nicht Flick heißen darf. Es gibt da ja eine Tradition, siehe Löw. In anderthalb Jahren ist Europameisterschaft. Viel Glück.

Die Frauen spielen im nächsten Jahr ihre Weltmeisterschaft aus. Ich bin gespannt, ich freue mich darauf, ich halte Lena Oberdorf und Merle Frohms und den anderen ganz fest die Daumen. Sie werden uns nicht enttäuschen.

Was für ein Glück, dass es ihn für uns gab

Hans Magnus Enzensberger war Augenzeuge und Chronist. Mittäter und Aufschreiber. Er war Dichter und Schriftsteller, Zeitungsgründer und Übersetzer. Er war so vieles, dass es für viele Leben gereicht hätte. Und wenn andere unter der Mannigfaltigkeit ihrer Talente l, weil sie sich entscheiden mussten und und die Wahl so oder so falsch zu sein schien: Er hatte diese Anwandlungen nicht. Er häutete sich, er war mal dies und jenes und manches zugleich, und da immer exzellent ausfiel, was seine Hände verließ, war er vielleicht sogar ein fröhlicher Mensch, jedenfalls erweckte er diesen Endruck. Fröhlich vermutlich besonders dann, wenn er mal wieder schneller um die nächste Ecke zog, als seine Freunde und Gegner schauen konnten, und sie damit derart verblüffte, dass sie ihm Untreue an der gemeinsamen Sache vorwarfen. 

Dabei teilte er die Irrtümer seiner Generation, das schon, aber eben auf hohem Niveau. Kuba erschien ihm als interessantes Experiment und wie manch anderer blieb ihm Amerika lange ein ferner Kontinent. Er sympathisierte mit den 68ern, hielt sie jedoch auf Abstand, wie er vieles auf Abstand hielt, womit sich seine Generation ein Leben lang gemein machte, aus falsch verstandener Treue. In dieser Zeit gründete er das „Kursbuch“, das er zum Seismographen der Bundesrepublik machte. Kurz darauf rief er TransAtlantik ins Leben, ein Kulturmagazin, gemeinsam mit Gaston Salvatore, einem chilenischen Schriftsteller, der selbstverständlich links war.

Enzensberger gründete, legte mit Gedichten und Essays das Fundament und zog dann weiter. Aufhalten, Stehenbleiben, Stagnieren war nicht sein Existenzmodus. Stets unterwegs, war er beseelt von einer unversiegbaren Neugierde. Von Bob Dylan gibt es ein Lied auf seiner letzten CD, das „I contain multitudes“ heißt. Hans Magnus Enzensberger barg in sich Mannigfaltigkeit und ihm war es vergönnt, sie in seinem langen Leben beispielhaft zur Geltung zu bringen.

Wessen Gemüt so disponiert ist, neigt zwangsläufig zur Unzuverlässlichkeit. Nicht literarisch, nicht was die Qualität anbelangte, wohl aber politisch. Eigentümlichen Ruhm erlangte er zum Beispiel mit seinem Lob aufs Durchwurschteln, das er an einer besonderen Persönlichkeit exemplifizierte: an Helmut Kohl. Er fand, die Deutschen hätten in ihrer Geschichte im Übermaß die Dinge zu einem Ende gebracht. Er war eben Jahrgang 1929,  war alt genug, so dass sich ihm der Wahnsinn Hitlers ins Gedächtnis einbrannte. Und so sah er Kohl, die „Birne“, den Provinzler, der Intellektuelle verachtete, völlig anders als seine Bewunderer in der „Zeit“ oder im „Spiegel“, die fassungslos auf der Strecke blieben.

Weit vor dem Ende der bipolaren Welt reiste er für die „Zeit“ durch Europa, nicht durch die üblichen Zentren, sondern an die Ränder. Daraus entstand „Ach, Europa“, erst eine Zeitungsserie und danach ein Buch. Was sah er? Ein Europa der Wünsche, das die Zukunft noch nicht hinter sich hat. Was andere Treulosigkeit nannten, war in Wahrheit Unbestechlichkeit.

Auch im Alter sah noch der Junge aus ihm heraus, der mit Spiel und Ernst jonglierte. Er schrieb fabelhaft, er dichtete fabelhaft, er war der ultimative Intellektuelle, der das Leben als unaufhörlichen Prozess betrachtete, dem sich das Verstehen zu fügen hatte. Dabei wirkte leicht und locker, was er öffentlich sagte und schrieb. Je älter er wurde, desto lässiger wirkte er. Von Walter Benjamin stammt der Satz, man müsse immer radikal sein, aber besser nicht konsequent. Eine schöne Lebensmaxime, die Enzensberger maximal erfüllte.

Ich mochte seine Gedichte. Immer war ich neugierig, was jetzt er wohl wieder zu sagen hatte. Ich staunte über „Hammerstein oder: Der Eigensinn“, ein Buch über einen deutschen General mit Karriere in der Reichswehr, der 1934 zum Rücktritt gezwungen wird, weil er Hitler verabscheute. Enzensberger erforscht ihn in fiktiven Gesprächen. Er überraschte eben immer, weil er sich jederzeit überraschen ließ. 

Hans Magnus Enzensberger war mein Leben lang da. Ich zählte auf ihn. Ich mochte seine Treulosigkeit. Ich habe ihn ein paar Mal getroffen, aber das ist länger her. So jemand darf eigentlich nicht sterben, sein Tod ist unfair. Und doch was für ein Glück, dass es so einen Menschen für uns gab.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Hauptstadt der Wurschtigkeit

Das Papier für die Wahlzettel wird schon gedruckt und man kann nur hoffen, dass es sich diesmal ausschließlich um die richtigen handelt. Der Termin steht fest: 12.  Februar 2023. Nur der Terminus ist falsch: Natürlich kann man eine Wahl im Wortsinn nicht wiederholen. Zwischen dem 26. September und heute ist so einiges passiert, um es milde zu sagen: Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise. Es handelt sich zwangsläufig um eine Neuwahl.

Für sie sorgte das Berliner Verfassungsgericht, und das ist eigentlich erstaunlich. Denn zum Charakter der Stadt hätte ein Achselzucken aus der stadteigenen Wurschtigkeit gepasst, eine Geste des Amüsements, genauer gesagt des Zynismus, mit dem üblicherweise die Dysfunktionalität der Bürokratie und die Selbstvergessenheit des Senats medial begleitet wird.

Wobei man einräumen muss, dass sich die Regierende Bürgermeisterin redlich um die Annäherung an Normalverhältnisse bemühte, wie sie in München oder Hamburg herrschen. Nicht aber in Berlin, in dem die Bezirke zum Beispiel Macht besitzen, die sie auch gerne zur Blockade des Senats einsetzen. Die Grünen in Kreuzberg/Friedrichshain mit ihrem flexiblen Umgang mit dem Rechtsstaat sind ein beredtes Beispiel dafür.

Insofern ist es ungerecht, wenn auch folgerichtig, dass sich die Opposition in Gestalt von CDU und FDP nicht nur die Hände reibt, sondern auch Franziska Giffey für das Wahl-Fiasko verantwortlich erklärt. Sofort nach dem Urteil ist der Wahlkampf ausgebrochen. Bettina Jarasch von den Grünen wittert genauso Morgenluft wie Kai Wegner von der CDU.

Eine Wahl in der deutschen Hauptstadt muss komplett wiederholt werden; dazu wird die Bundestagswahl in Teilen wiederholt. Eigentlich eine Bankrotterklärung. Die deutsche Hauptstadt versagt jämmerlich. Eigentlich ein Grund zum kollektiven Innehalten des politischen Establishments. Zur Selbstbefragung, was hier passiert, was in dieser Stadt im Argen liegt, weshalb sie, näher betrachtet, fast schon ein failed state ist. Und wie so manche Stagnation mit dem Verhältnis von Senat zu Bezirk, von der Stadt zur Bürokratie zusammenhängt

Viele Fragen, gute Fragen. Wir wissen, wer sie nicht beantworten wollte. Der Innensenator Andreas Geisel war zwar für die Wahlen an diesem Tag verantwortlich, aber auch wieder nicht, wie er befand, oder wenn doch, dann jedenfalls nicht allein. Die Wahlleiterin fand das Chaos mit fehlerhaften Wahlzetteln und weit über 18 Uhr geöffneten Wahllokalen nicht so schlimm und musste zum Rücktritt bequemt werden. Der damals Regierende Bürgermeister Michael Müller verabschiedete sich in den Bundestag und war, obwohl es sich um einen Karriereknick handelte, vermutlich heilfroh darüber, dass andere mit dem Mist, den er hinterließ, fertig werden mussten.

Berlin ist eine extreme Stadt. Wunderbare Kultur, höchst subventioniert und und zuverlässig vorzüglich. Überall wird gebaut, aber immer ist es zu wenig und die Mieten zu teuer. Energieraubende Großstadt, die einzig wirkliche in Deutschland. Hohe Aggressivität, die sich im Kampf jeder gegen jeden tagtäglich im Stadtverkehr austobt. Rot ist nur eine Empfehlung. Radfahren ist regelfrei.

Zur Kehrseite gehört auch die erstaunliche Indifferenz gegenüber gravierenden Problemen. Der Flughafenbau begann im Jahr 2006 und sollte 2011 eröffnet werden. 2020 endlich eröffnet, Kosten explodiert. Aufregung darüber? Sehr moderat, eben Ausdruck von Wurschtigkeit. 

Interessant und lehrreich ist ja immer, worüber sich eine Stadt erregt, was ihr wichtig ist. In Hamburg trugen Mäzene zum Bau der Elbphilharmonie bei, die am Ende neunmal so viel kostete wie geplant. In Berlin mussten die Steuerzahler einspringen, als die Politiker in Berlin und Brandenburg den Bau an sich zogen und keinen Generalunternehmer beauftragten. Niemand musste zurücktreten, niemand übernahm Verantwortung.

Oder Hertha BSC: Die herrschende Meinung in der Stadt ist, dass Lars Windhorst der falsche Investor war und davon gejagt gehörte, was ja auch geschah; Antikapitalismus gehört nun mal zur DNA Berlins. Dass aber der Verein trotz der vielen Millionen Euro und einer Vielzahl an neuen Spielern, von denen etliche schnell wieder abgegeben wurden, weil sie ihr Geld nicht wert waren, immer noch am Tabellenende herumkrebst, löst in der Stadt eher Mitgefühl aus als Fassungslosigkeit.

Übrigens eine hübsche Pointe: Der FC Union wirtschaftet beispielhaft umsichtig und zielsicher. Der Ost-Klub! Sein Budget liegt bei rund 100 Millionen Euro. Hertha hat 375 Millionen seit Windhorsts Einstieg vor drei Jahren in den Wind geschossen. Bemerkenswerte Leistung. Spitzenklasse!

Bald wählt Berlin neu und bestimmt seine Regierung. Das Landesverfassungsgericht untermalte sein Urteil mit der Hoffnung, dass die Demokratie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen möge. Wäre schön, aber diese Hoffnung grenzt an Utopie. Die Berliner dürfen zufrieden sein, wenn es am 12. Februar keine größeren Pannen gibt.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Ein melancholischer Außenseiter

Werner Schulz war heute im Schloss Bellevue eingeladen, um den 33. Jahrestag des Mauerfalls zu feiern, wobei er etwas gegen dieses Wort vom Mauerfall einzuwenden hatte, denn die Mauer war ja nicht umgefallen, sie war eingestürzt worden und daran hatten viele Menschen ihren Anteil – eben das Volk der DDR, eben auch er.

Schulz gehört unbedingt zu dieser Feiergesellschaft, denn jene Tage rund um den 9. November 1989 waren die besten Tage seines Lebens gewesen. Er gehörte zu den Bürgerrechtlern, wie sie in der DDR genannt wurden, weil sie sich für die dort verratenen Rechte einsetzten. Der Name blieb an ihnen haften und wurde zu einer Gattungsbezeichnung, die sie gerne akzeptierten Wann immer eine Dokumentation über den Zusammenbruch der DDR oder über die Treuhand oder über Transformationsgesellschaften entstand, war der schmale, melancholische Mann ein gesuchter Zeitzeuge, der wortmächtig die historischen Vorgänge einordnete.

Natürlich ist dieser plötzliche Tod ein schauriges Ereignis und bedarf des Innehaltens. Aber wenn er denn schon eintreten muss und jeden von uns irgendwann holen wird, dann ist es doch ein tröstlicher Gedanke, dass Werner Schulz heute gestorben ist. Bei einer Jubiläumsfeier. Am Tag des Mauereinsturzes. Mehr deutsche Symbolik ist schlechterdings undenkbar. Einen Bürgerrechtler ereilt der Tod am Tag, an dem die Menschen in der DDR den Grundstein für die Wiedervereinigung legten.

Wobei man einschränken muss, dass Werner Schulz am liebsten die DDR mit menschlichen Antlitz behalten hätte; das war nur eine kurze vergebliche  Hoffnung. Danach wollte er sie vor der Übernahme durch die BRD schützen. Im Spätherbst 1989 saß er für das „Neue Forum“ am Runden Tisch und dachte sich Alternativen zur Destruktion durch Annexion aus – zu dem Vorhaben der Regierung Kohl/Genscher, die DDR als Resterampe zu behandeln. So entstand die Idee von einer Treuhandgesellschaft aus den Reihen der Bürgerrechtler, die den Zweck haben sollte, das Vermögen aus Industrie und Wirtschaft für die Bürger der DDR zu retten: Sie sollten Anteilscheine bekommen, die sie entweder verkaufen oder behalten konnten. So hätten sie das Land in die eigenen Hände bekommen.

Daraus wurde nichts. Im Einheitsvertrag findet sich nur noch eine Marginalie über die Coupon-Idee, Die Treuhand privatisierte, sanierte oder wickelte die volkseigenen Betriebe nach kapitalistischen Grundsätzen ab. Niemand fand dafür schärfere Worte als Werner Schulz, der von einem historisch beispiellosen Vorgang sprach, einem Verbrechen, das nicht mehr wettzumachen sei.

Werner Schulz war beides: zivilisiert und zornig. Vielleicht zog er aus seinen Erfahrungen mit der Unfreiheit in der DDR die Schlussfolgerung, dass er sich niemals wieder unterordnen würde. Im vereinten Deutschland blieb er der Außenseiter, der er in der DDR gewesen war. Als Grüner war er bald kein Freund Joschka Fischers mehr. Gerne wäre er 1998 Fraktionsvorsitzender geworden, was ihm Fischer jedoch verbaute. Schulz, dem Nicht-Pragmatiker,  blieb nur eine Nebenrolle, als die Grünen mit der SPD regierten. Seine Parteifreunde brachte er mit bissigen Bemerkungen wie dieser gegen sich auf: Der Bundestag verhalte sich wie die DDR-Volkskammer. Es ging im Jahr 2005 um eine Vertrauensfrage, die der Kanzler gestellt hatte, und da waren SPD und Grüne zur unbedingten Disziplin verdonnert worden.

Werner Schulz blieb verwehrt, was er sich gewünscht hatte. Die DDR ließ sich nicht retten. Die BRD nahm sich, was sie brauchte und verschrottete den Rest. Der Neuanfang im vereinen Land verlief ganz anders als erhofft. Und in der Politik fand er nicht die Rolle, die sein Talent verdient hätte.

Wie schade, dass die Demokratie mit einem wie ihm so wenig anzufangen wusste. Wie tröstlich, dass er am eigentlichen Feiertag der Deutschen starb, jäh und unverhofft.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Nur Rechthaber haben immer recht

Ein alter Leitspruch im Journalismus lautet: Argument schwach, Stimme heben. An ihn wird man in diesen Tagen immer mal erinnert.

Im „Spiegel“ steht ein flammender Leitartikel über das bürokratische Monstrum, zu dem Gas- und Strombremse geraten seien. Die Autorin, die ich eigentlich sehr schätze, gesteht unter Hinweisen auf ihre stattliche berufliche Erfahrung ein, dass sie selber nicht alle komplexen Details versteht. Also hebt sie die Stimme, gerade weil dieses persönliche Argument nicht sehr stark ist.

Wichtig ist doch das Wesentliche. Der Dezember wird ein guter Monat sein, weil da der Großteil der Gasrechnung vom Staat übernommen wird. Im Januar setzt die Strompreisbremse ein, auch gut. Darauf kommt es für die Verbraucher an, und für sie tut die Regierung das Nötige.

Müssen sämtliche Konsumenten eine genaue Vorstellung davon haben, auf welch komplizierten Wegen das Sinnvolle bürokratisch zustande kommt? Müssen sie nicht. Man kann auch gerne im Nachhinein noch einmal Kritik an dem langen Findungsprozess üben und daran erinnern, dass vor noch nicht allzu langer Zeit wir Konsumenten die Gasumlage für die Versorgungsunternehmen bezahlen sollten. Hat die Regierung jedoch am Ende verworfen. War richtig so. Ändern sich die Bedingungen, müssen sich auch die Meinungen ändern, das weiß man aus dem Leben. Nur Rechthaber haben immer Recht.

Annalena Baerbock passt die Teilhabe des chinesischen Staatskonzerns am kleinsten Hamburger Hafenterminal nicht und sie sagt es unüberhörbar. Daraus entsteht nun in manchen Blättern die raunende Frage, ob Baerbock auf Konfrontation gegen den Kanzler gegangen ist. Wenn eine Bundestagswahl bevorstünde, läge der Verdacht nahe. Steht aber nicht bevor. Und die Außenministerin erweckt durchaus den Eindruck, dass es ihr um die Sache geht. Gegen die Scholz-Entscheidung kann man mit gutem Grund sein.

Vor Jahren rief eine damals prominente Grüne, Antje Vollmer hieß sie, zur Ressourcenschonung auf. Gemeint war der Umgang der Journalisten mit den Regierenden. Sie bat um Geduld, um Fairness, um ein Mindestmaß an Verständnis. Wäre gut, wenn sie heute in unserer permanent erregungsbereiten Empörungsgesellschaft Nachfolger fände. Wir erleben nun einmal Ausnahmezeiten in Serie. Da wäre ein bisschen Nachsicht mit den Handelnden unter historisch beispiellosen Bedingungen nur menschenfreundlich. Anders gesagt: Gemach, liebe Jagdgesellschaft, beim Runterschreiben von Robert Habeck oder Häme für Christian Lindner.

Es geht ja um etwas. Meinungsverschiedenheiten sind erlaubt, selbst innerhalb einer Regierung, wenn Deutschland sich klar darüber werden will, welches Verhältnis es zur nächsten Supermacht China einnehmen soll. Das Hamburger Terminal ist ein Symbol dafür. Die mitreisenden Wirtschaftsführer treten natürlich für eine Ausdehnung des Handels mit China ein, genauso wie sie bis vor kurzem für billiges Gas aus Russland eingetreten waren. Sie sind an Handel interessiert und ob daraus ein Wandel wird, ist ihnen zweitrangig.

Politisch gesehen ist die These Wandel durch Handel seit dem Überfall auf die Ukraine vergiftet. Ohnehin verfällt wahrscheinlich niemand der Illusion, dass sich der Mao-Imitator Xi Jinping in irgendeiner Weise von Europa beeinflussen ließe. China braucht Europa, solange es Europa wirtschaftlich braucht. Strategisch oder gar militärisch ist der alte Kontinent belanglos, ein Anhängsel Amerikas, wenn überhaupt.

Die Welt rast vor sich hin und überschüttet die Regierungen mit fundamentalen Problemen. Morgen zeichnet sich bei den Wahlen zum Kongress womöglich ab, dass Donald Trump erneut antritt oder auch nur einer seiner Klone Präsident werden will, schlimm genug. Die Welt gerät noch mehr aus den Fugen und bietet unliebsame Überraschungen in Serie. 

In Deutschland, solide regiert, tut man gut daran, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, anstatt die Stimme ständig zu heben.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Demut und Erkenntnis

Gestern hörte ich beim Fitness ein Interview mit Ferdinand von Schirach. Ich mag seine melancholische Art, sein Vortasten bei der Beantwortung einer Frage, die ihm wichtig erscheint, diese leuchtenden Augen beim Annähern an das, was er sagen will. Und natürlich schätze ich seine Bücher und Theaterstücke überaus. Demut und Erkenntnis, wie schön.

Im Interview macht Schirach eine Bemerkung, die mir im Gedächtnis bleibt. Er sagt, es sei ungut, wenn zu schnell beurteilt werde und nicht genügend beobachtet. Wenn ein Strafverteidiger, der er war, die Beobachtung der Beurteilung vorzieht, dann steckt darin etwas Kurioses. Sein Beruf ist das Studium eines Falles, um beurteilen zu können, welche Haltung er im Interesse seines Mandanten einnehmen kann. Beobachten ist eine möglichst rasch zu überbrückende Vorstufe zum Beurteilen. Ihr Prolog. Die zweckhafte Zurichtung des Verstandes aus ein Ziel hin.

Journalisten sind in ähnlicher läge. Sie beobachten ein Ereignis oder eine Persönlichkeit so lange, bis sie glauben, über genügend Material zu verfügen, um darüber zu schreiben. Die Schwierigkeit liegt meist darin, dass es an Eindeutigkeit fehlt. Das Wägen gehört deshalb im Leitartikel dazu. Beim Beschreiben einer Persönlichkeit empfiehlt es sich, unterschiedliche Einschätzungen über sie einzuholen und auszubreiten. Fast immer ist das Einfache falsch, weil es dem Komplexen nicht gerecht wird.

Wie lange der Übergang vom Beobachten oder Recherchieren zum Beurteilen für das Schreiben liegt, ist unterschiedlich und eine Funktion des Gegenstandes. Protagonisten wie Olaf Scholz versuchen aus naheliegenden Gründen, die Kontrolle über ihr öffentliches Bild zu behalten. Nicht zufällig gibt es kein in die Tiefe gehendes Porträt oder Buch über ihn. Wem er Zugang gewähren würde, müsste ihm von vornherein gewogen sein, das ist die unausgesprochene Bedingung. Angela Merkel hielt es nicht anders. Vertrauen ist in der Politik ein rares Gut, Misstrauen der Normalfall.

Gerade erschien ein Buch über Friedrich Merz, der sich offenbar länger gegen eingehende Beobachtung gewehrt hatte. Ich weiß nicht, was ihn dann zu bewegte, doch mit den Autoren länger zu reden, aber das Argument, das Journalisten im Alltag anbringen, lautet so: Das Porträt über Sie erscheint entweder mit Ihrer Beteiligung oder ohne Sie – wollen Sie Ihre Version über einzelne Vorkommnisse und Ihren Werdegang zur Geltung bringen, sollten Sie mit uns reden.

Unternehmer oder Manager sind nicht weniger vorsichtig im Umgang mit Öffentlichkeit. Berthold Beitz, ein großer Mann des Ruhrgebiets, ein mutiger Mann in der Nazi-Zeit, zog ein Manuskript aus dem Verkehr, das ihm nicht gerecht worden war, wie er befand; der von ihm beauftragte Autor bekam das volle Honorar ausbezahlt. Später erschien eine eindrucksvolle Biographie über Besitz, keineswegs liebedienerisch, aber auf der Höhe des Komplexität dieses reichen Lebens.

Das Einfache und das Komplexe und ihr Verhältnis zueinander gehören zu meinen Lieblingsthemen. Eine weniger abstrakte Variante davon ist The Danger of a Single Story. So lautet ein Ted-Talk der fabelhaften nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Adichie. In launigen Beispielen aus dem Leben erzählt sie von der Macht an Vorurteilen, die sich in Luft auflösen. Wer Interesse daran findet, sollte sich den Talk auf YouTube anhören.

Täglich ergeht es uns ähnlich. Olaf Scholz ist arrogant und stur, lautet das Vorurteil. Er geht raus, hält Bürgergespräche oder erregt sich im Bundestag über Friedrich Merz. Schon heißt es, der Kanzler hat Gefühle und zeigt sie. Ist die Erregung, das Ärgern und das Heben der Stimme wirklich eine Überraschung? Robert Habeck lässt uns rhetorisch an den Nöten und Schwierigkeiten beim Einschätzen der Lage und den pragmatischen Erfordernissen zum Bewältigen teilhaben, hieß es über viele Monate. Dann muss er von der Gasumlage lassen und wird des Umfallens oder der falschen Einschätzung der Möglichkeiten bezichtigt. Ist es wirklich überraschend, wenn jemand in historisch beispielloser Situation seine Meinung ändert? Und ist das negative Auslegen fair?

Zweierlei fällt mir dazu ein: Wer alles zu schnell beurteilt, muss sich revidieren; ihm bleibt allerdings die Chance, Habeck oder Scholz für das Zeigen einer anderen Seite verantwortlich zu machen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist unter Journalisten wenig ausgeprägt. Auch sie haben ja, um andere Beispiele zu nennen, an den sagenhaften Erfolg von Wirecard geglaubt, an das herausragende Talent von Relotius, geschweige denn, dass sie gesehen hätten, dass der NSU hinter zahlreichen Morden steht.

Das andere, was mich immer schon gestört hat, ist dies: Ein Mainstream bildet sich und reißt alle mit. Äußern sich intern in Redaktionen überhaupt Einwände oder Bedenken, werden sie mit dem Hinweis auf die allgemeine Meinung abgemeiert. So entsteht eine Single Story, die alle mit dem besten Wissen und Gewissen erzählen. Dabei weiß doch jedermann aus dem Leben, dass verschiedene Perspektiven verschiedene Einschätzungen ergeben. Dass nichts so einfach ist, wie es aussieht. Dass die Dinge fast nie so eindimensional ausfallen, wie man gerade noch gedacht hat.

Die Wahrheit liegt im Komplexen. Am Einerseits und Andererseits und Umgekehrt, dem Wägen und Abwägen, kommt man nicht ernsthaft vorbei – an der Demut, die zur Erkenntnis gehört.