Vorbereitungen für das große Sterben

Vielleicht wird man später einmal sagen, dass dieser Krieg in der Ukraine Anfang Mai in einer ungewöhnlichen Phase steckte. Dazu tragen ein paar Ereignisse bei, die sich in Russland abspielen.

Drohnen wurden auf den Kreml abgefeuert – genauer gesagt, sollen auf Wladimir Putins Heiligtum abgefeuert worden sein, denn die Quelle der Behauptung ist russisch. Wilde Flüche spien daraufhin die Propagandisten im Fernsehen und forderten mal wieder dazu auf, Selenskyi umzubringen. Na ja, das wollen sie schon lange, eigentlich von Anfang an, ist also nichts Neues und gelingt ihnen hoffentlich auch nicht. Was aber  am Echo auf  diesen seltsamen Vorfall auffällt, ist eine merkwürdige Nervosität, die bis in höchste Ränge hinein zu reichen scheint. Und dazu wird die Ukraine neuerdings ernst genommen, so ernst, dass man ihr das Beschießen des Kreml mit Drohnen zutraut. 

Jewgenij Prigoschin ist ein russischer Oligarch, der die Wagner Gruppe finanziert und steuert. Bemerkenswert häufig meldet er sich mit exzentrischen Kommentaren zu den Ereignissen des Krieges zu Wort. Weil der Blutzoll hoch ist und die Ausrüstung schlecht, drohte er  damit, seine Soldateska aus Bachmut herauszuziehen. Davon ist er jedoch wieder abgerückt, da ihm Nachschub an Munition und Gerät samt Flankenschutz zugesagt worden sei, wie er behauptet. Erwähnenswert ist das Geplänkel, weil Prigoschin militärische Probleme unverblümt anspricht. Er nimmt sich Freimut heraus und kritisiert die russische Militärführung. Was sagt eigentlich Putin dazu?

Indes bereitet das ukrainische Militär die Offensive im Süden und Südosten vor, von der schon seit geraumer Zeit die Rede ist. Es dauert, weil der April verregnet war und die Wege daher verschlammt sind. Erst wenn die Frühlingssonne  für Trockenheit gesorgt hat, kann es los gehen. Bis zu 100 000 Soldaten sollen in die Gefechte ziehen. Die westlichen Partner haben, wie es heißt, so ziemlich alle versprochenen Waffen und Munition geliefert. Dazu gehören, so sagt es der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, 230 Panzer und 1 550 gepanzerte Feuerzeuge. Darunter sind auch 18 Leopard-2-Panzer aus Deutschland.

So viel man weiß, hat die russische Armee an möglichen Angriffspunkten Panzergräben und Schützengräben ausgehoben und Artilleriestellungen aufgebaut. Vor allem die Landbrücke auf die Krim ist eminent geschützt. Für die Vorsichtsmaßnahme gibt es Gründe. Ukrainische Drohnen hatten Treibstofftanks auf der Halbinsel in Brand gesetzt und angeblich einen Raketentransport auf Bahngleisen teilweise zerstört. Die Befreiung der Krim gehört zu den ukrainischen Kriegszielen.

Es ist alles gerichtet für den Start der Offensive, die ein großes Sterben auslösen wird. Leid und Kummer sind die unvermeidlichen Begleiter auch gerechter Kriege, denn in diese Kategorie gehört der Kampf der Ukraine um ihre Existenz als Staat. Wie viele Soldaten auf beiden Seiten schon gestorben sind, weiß niemand im Westen ganz genau. Die Zahlen sind  manipuliert und damit entweder übertrieben oder untertrieben. Vermutlich werden die Toten in der Ukraine auch nach dem Krieg in ehrenvoller Erinnerung bleiben. Und die Toten in Russland?

Heute ist es 78 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation gegenüber England und Amerika endete. Tags darauf holte die Sowjetunion die Unterzeichnung in Karlshorst nach. Die Siegesparade in Moskau findet morgen wiederum ohne ausländische Gäste statt und anscheinend mit weniger militärischem Gepränge als sonst üblich. Natürlich wird Wladimir Putin eine Rede halten und überall auf der Welt aufmerksame Zuhörer finden.

Am Ende dieser Woche will Wolodymyr Selenskyi in Deutschland sein. Ein schwatzhafter Berliner Polizist hat es jedoch der „B.Z.“ verraten; nach ihm wird nun intern gefahndet. Der ukrainische Präsident möchte kurz in Berlin vorbeischauen und dann in Aachen den Karlspreis entgegennehmen. Der Bundeskanzler hat ihn eingeladen. Ich nehme an, er wird kommen, sonst wäre es ein Treppenwitz, dass ein Berliner Polizist die Reise sabotieren konnte.

Der Krieg geht weiter. Das große Sterben geht weiter. Die Unsicherheit nimmt zu, sogar in Moskau, das offenbart sich in diesem Mai, in dem die Ukraine eine Offensive vorbereitet, von der sie sich viel erhofft.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wie eine Selbstauslöschung

Felix Schmidt , 89, gehörte zu den herausragenden Journalisten seiner Generation. Er war Ressortleiter beim „Spiegel“ und Programmdirektor beim SWR gewesen, bevor er einer von drei Chefredakteuren beim „Stern“ wurde. Er musste für die gefälschten Hitler-Tagebücher geradestehen, obwohl der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr im Glauben an eine Weltsensation den Rechercheur Gerd Heidemann mit Millionen für die Beschaffung der 62 Kladden versorgt hatte. Schmidt und Heidemann,91, sind die letzten Überleben der Katastrophe, die den „Stern“ um seinen Ruf brachte.

t-online: Vor 40 Jahren, am 28. April 1983, erschien der „Stern“ mit dem sensationellen Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Sie waren damals einer von drei Chefredakteuren. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an diese Tage denken, als Ihr Blatt die Welt in ungläubiges Staunen versetzte?

Schmidt: Ich habe mitgestaunt und gehofft, dass alles gut geht. Denn in Wahrheit hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache, hatte aber nicht den Mut Zweifel zu äußern. Die immer wieder übermäßig bekundete Gewissheit der Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen in die Echtheit der Tagebücher ließ keine Zweifel mehr zu.

Und die unfassbare Schmach, als sich herausstellte: 62 Kladden mit schwarzer Tinte – gefälscht?

Meinem Freund Thomas Schröder habe ich kurz vor Drucklegung der Tagebücher meine Zweifel mit dem Satz anvertraut: „Wenn wir einer Fälschung aufgesessen sind, ist die tiefste Stelle der Alster nicht tief genug uns aufzunehmen“. Als die Tagesschau am Samstag, dem 7. Mai, den Rücktritt der beiden Chefredakteure Koch und Schmidt meldete, klang das in meinen Ohren wie eine Selbstauslöschung.

Skurril war ja, dass Gerd Heidemann an der Chefredaktion vorbei mit dem Verlag den Ankauf der Tagebücher abgesprochen hatte. Sie und Ihre beiden Kollegen wurden erst nach geraumer Zeit eingeweiht. Das muss Sie doch fürchterlich geärgert haben.

Ich wollte zurücktreten, aber mein Co-Chefredakteur Peter Koch bat mich um der Loyalität willen zu bleiben. Er sagte: „Wenn die Sache für den ‚Stern‘ ein Erfolg wird, dann ist doch gleichgültig wie wir dazu gekommen sind.“

War der kollektive Wahn, die tollste Geschichte auf dem Erdkreis zu haben, so stark, dass auch Sie Heidemann auf den Leim gingen?

 Offensichtlich ja.

Heidemann bekam die Tagebücher angeblich über einen General der DDR-Volksarmee auf abenteuerlichen Wegen, versteckt in transportierten Klavieren für den Westen. Warum glaubte die gesamte „Stern“-Führung diese wilde Geschichte?

Die Fundgeschichte in der DDR-Gemeinde Börnersdorf, wo im April 1945 tatsächlich ein Flugzeug mit Gegenständen aus dem Besitz Hitlers, darunter angeblich die Tagebücher, auf dem Weg nach Salzburg abgestürzt war, klang glaubwürdig. Denn der Absturz ist nachprüfbar richtig. Die Tagebücher und den Volksarmee-General, der die von Bauern aus den Trümmern geborgenen Kladden im Verwahr habe, wurde von Heidemann in die Geschichte hineingeschmuggelt. Ich kann seinen Namen nicht nennen, sagte Heidemann immer wieder, denn der Mann ist doch hochgefährdet, wenn ich mehr über ihn preisgebe, dann fliegt alles auf. Das war immer schon die Methode Heidemann, seine Stories zu verkaufen. Ein Teil war wahr, ein anderer dazu fantasiert.

Waren Sie zu vertrauensselig? Haben Sie gedacht, wer so viele Millionen ausgibt, wird schon für hinreichende Prüfung sorgen?

Ich habe mich nicht dem Argument verschlossen, dass der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr doch erst nach reiflicher Prüfung einem derart riskanten und teuren Ankauf der Tagebücher zugestimmt habe.

Waren Sie informiert darüber, mit welchen Schrift- und Papiersachverständigen und welchen Historikern der „Stern“ die Tagebücher prüfen ließ? 

Peter Koch war der für Politik und Zeitgeschichte zuständige Chefredakteur, ich war für Unterhaltung und Kultur im weitesten Sinne verantwortlich. Im Groben war ich jedoch über die überaus positiven Ergebnisse der einzelnen Prüfungen der Tagebücher informiert. In der „heißen Phase“ war es Koch, der das Verfahren dann bestimmte.

Ihr Kollege Peter Koch, ein studierter Historiker, riss die Geschichte an sich, reiste nach Amerika für die Weltrechte und trat in der berühmten Pressekonferenz als omnipotenter Mr. „Stern“ auf. Wie war Ihre Rolle in diesem Prozess, der sich über zweieinhalb Jahre zog? 

Zum Prozess gegen Kujau und Heidemann wurde ich als Zeuge nicht zugelassen. Das Gericht glaubte, mich meinem Anwalt gegenüber als „kleines Licht in der Angelegenheit Hitler-Tagebücher“ einstufen zu müssen. 

Pünktlich zum 40. Jubiläum erschien eine dreiteilige Dokumentation des SWR, in der Gerd Heidemann im Mittelpunk steht, der Mann, der 9,3 Millionen Mark für die Fälschungen ausgab. Erklären Sie uns diesen Mann in seiner Sonderrolle im „Stern“.

Heidemann, der einst ein Star beim „Stern“ war, ist für die Hitler-Tagebuch-Geschichte kräftig geprügelt und wegen Betrugs verurteilt worden. Ich habe keinen Anlass die Keule erneut herauszuholen. Nur soviel:  Dem Bekunden seines Ressortleiters Thomas Walde zufolge, hatte Heidemann Angst, mit einem höllischen Gelächter abgefertigt zu werden, wenn er mit so einer brisanten Nazi-Geschichte bei den Chefredakteuren auftauche.

Heidemann weigerte sich beharrlich, den Namen seines Kontaktmannes zu nennen. Das ist ungewöhnlich, im Normalfall erfährt zumindest die Chefredaktion, wer die Quelle ist. Warum musste er den Namen Ihnen nicht herausrücken?

Heidemann hat immer wieder bekundet, dass er Menschenleben in Gefahr bringe, wenn er Namen nennen würde. Das wiederholte er auch immer wieder, bis er unter dem Druck der aufgedeckten Fälschung am Samstag, dem  7.Mai, um fünf Uhr morgens mit dem Namen des Fälschers herausrückte: Dr. Konrad Fischer aus Bietigheim-Bissingen. Nach drei Stunden haben wir herausbekommen, dass Dr. Fischer identisch ist mit Konrad Kujau. Später wird zutage gefördert, dass Thomas Walde den Namen Fischer frühzeitig gekannt hat.

Was ein Welterfolg werden sollte, entpuppte sich als Räuberpistole. Wie lange hat es gedauert, bis Sie nicht mehr auf die Selbsthypnose einer ganzen Gruppe von Führungsfiguren unter dem Einfluss eines Rechercheurs mit Nazi-Sentimentalität angesprochen wurden?

Wie dieses Interview zeigt: bis auf den heutigen Tag. Diese Geschichte hängt den Beteiligten ein Leben lang an. Die meisten von ihnen haben den Vorzug, schon tot zu sein.

Die Verlagsführung trug eigentlich die Verantwortung, weil sie die Hitler-Tagebücher zur geheimen Kommandosache erklärt hatte. Aber keiner aus diesem Kreis verlor seinen Job, wohl aber die Chefredakteure, also auch Sie. Löst das in Ihnen heute noch Bitterkeit aus?

 Ja. Über m

ich. Noch wenige Stunden vorher hatte ich in einem selbsthypnotischen Anfall in einer Konferenz verkündet: „Ich war nie sicherer, dass die Tagebücher echt sind.“ Wenn ich auf diese Worte angesprochen werde, möchte ich so schnell wie möglich im Boden versinken.

In der Dokumentation ist immer wieder Gerd Heidemann, 91, in seinem Archiv inmitten von Nazi-Memorabilia zu sehen. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf? 

Was für ein großartiger Museumswärter!

Am 28. April 1983 erschien der „Stern“ in einer Auflage von 2,4 Millionen mit einer Geschichte, in die er 9,3 Millionen Mark investiert hatte. Es waren die goldenen Zeiten des „Stern“, der danach abstürzte. Lässt sich heute jüngeren Menschen erklären, was sich damals ereignete?

Ich kann es nicht. Denn ich müsste erklären, wie leicht Wahn, Mystifikation und Geld die Vernunft erwachsener, halbwegs gebildeter Menschen außer Kraft gesetzt hat. Und ich müsste über meine unverzeihliche Mutlosigkeit gegenüber übergriffigen Vorgesetzten sprechen.

Herr Schmidt, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was soll das?

Es ist ja nicht weiter verwunderlich, dass etliche Menschen Gedanken wälzen, wie es mit der Ukraine weitergehen wird. Je länger der Krieg andauert und je weniger sich Land mit den jeweiligen Offensiven erobern lässt, desto drängender stellen sich Fragen nach der Zukunft dieses geschundenen Landes.

Wie es seine Art ist, prescht Emmanuel Macron furios vor. Der Vorzug besteht darin, dass seine Urteile und Ideen immer blitzblank ausfallen. In seiner klirrenden Klarheit ist er dem auf Konsens bedachten Pragmatismus deutscher Provenienz haushoch überlegen. Entweder hat er groß recht oder er liegt groß falsch. Gehirntot nannte er die Nato vor dem Einfall der russischen Armee in die Ukraine. Egal, jedenfalls hat Putin sie wach geküsst. Nach seiner China-Reise riet Macron ultimativ  Europa von einer Einmischung in die künftigen Konflikte zwischen China und Amerika ab. Na ja, an militärische Intervention in einen Krieg um Taiwan war ohnehin nicht gedacht, oder? Aber an moralischer und politischer Unterstützung käme Europa dann wohl kaum vorbei.

Auch Macrons neueste Initiative hat es in sich. Der französische Präsident drängt Xi Jinping zur Friedensvermittlung in der Ukraine. Aber warum sollte der neue Mao ihm den Gefallen tun? Der Krieg in der Ukraine hat den angenehmen Nebeneffekt, dass Russland noch mehr auf China angewiesen ist als zuvor. Und aus Xis Sicht liegt der Vorteil des Krieges darin, dass die USA in Europa gebunden sind. Worin sollte also Chinas Interesse an einem  Frieden liegen, der womöglich eine Demütigung Putins mit sich brächte? 

Macrons Vorschläge haben zwei Gemeinsamkeiten: Darin äußert sich der politische Primat, den französische Präsidenten in der Europäischen Union beanspruchen. Deutschland mag eine ökonomische Macht sein, aber politisch hält es sich seit je her zurück, von Helmut Schmidt über Angela Merkel bis hin zu Olaf Scholz. Ist das klug? Im Prinzip ja, in der Wirklichkeit immer weniger, zumal mit einem Irrlicht wie Emmanuel Macron im Élysée. Die zweite Gemeinsamkeit betrifft die Skepsis gegenüber Amerika, die in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland.

Man kann sich vorstellen, dass Wolodymyr Selenskyji wenig amüsiert über Frankreichs Sonderwege ist. Nicht nur aus seiner Perspektive nimmt Xi Partei für Russland und ist schon deshalb als Vermittler kompromittiert, wenn nicht diskreditiert. Selenskyjis Mantra fällt nach wie vor maximal aus: Rückeroberung aller okkupierter Gebiete im Süden und Osten plus der Krim. Ob dieser Kompromisslosigkeit eigentlich Wirklichkeitssinn innewohnt oder nicht, ist eine andere Frage. Denn für die Motivation seiner Soldaten ist bedingungsloser Optimismus unbedingt nötig, vor allem für die Eingekesselten in der Geisterstadt Bachmut.

Die neueste ukrainische Gegenoffensive gegen die neueste gescheiterte russische Offensive steht bevor. Zudem werden ukrainische Soldaten in Amerika auf die M1-Abrams-Panzern eingeschworen, die früher als vorgesehen ausgeliefert werden sollen. Lettland will außerdem sämtliche Stinger-Raketen, mit denen sich Flugzeuge und Hubschrauber abschießen lassen, dem ukrainischen Militär überlassen. Und zur Abwechslung bombardierte die russische Armee mal die eigene 400000-Einwohner-Stadt Belgorod – und gestand den Irrtum sogar ein, was die eigentliche Sensation ist.

Indes haben die G7-Außenminister aufs Neue den russischen Angriffskrieg scharf verurteilt und als krassen Verstoß gegen das Völkerrecht angeprangert. Sie würden die Ukraine so lange wie nötig unterstützen, sagten sie, inklusive der französischen Außenministerin, die Zweifel an der Haltung ihres Landes zerstreuen wollte.

Worte und Taten halten sich im Westen momentan einigermaßen die Waage, immerhin. Zugleich schleicht sich Unbehagen ein, da ja im nächsten Jahr in Amerika ein Präsident gewählt wird, der vielleicht wieder Joe Biden heißt, auch wenn der in seiner zweiten Amtszeit ins Greisenalter hinein wachsen würde. Schlimmer kann es immer kommen, egal ob der alte Donald Trump oder einer seiner jungen Klone ins Weiße Haus einzieht. Auch wegen dieser Unsicherheit sagen Geostrategen in vielen Ländern, dass dieses Jahr entscheidend für die Ukraine ist. Was sie 2023 nicht erreichen kann, lässt sich vielleicht nicht mehr erreichen. Mit der USA lässt sich leichter optimistisch sein als ohne sie.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ginge es nach der Ukraine, wäre sie heute schon Mitgliedsstaat in der Nato und der Europäischen Union. Natürlich ist sie de facto noch lange nicht reif für die EU, aber ein politisches Signal ginge selbstverständlich vom Einstieg in die Beitrittsverhandlungen aus. Solidarität dieser Art lässt sich der Ukraine nur schwerlich abschlagen. Aber unten, wo das Leben konkret ist, wird es schwierig. Die Ukraine ist ein im Frieden ertragreiches Agrarland, das billiges Getreide und andere Agrarprodukte auf den gemeinsamen Markt werfen kann. Davon sind Polen, Ungarn und die Slowakei nicht begeistert. Schon jetzt haben sie teilweise Einfuhrverbot für ukrainische Getreide verhängt, um ihre eigenen Bauern zu schützen.

Nicht viel anders steht es um die Nato. Beitritt heißt Selbstverpflichtung der Nato auf militärische Hilfe im Falle eines Angriffskrieges wie im Februar 2022.Davor schreckt sie zurück, so ist das. Deshalb muss sich das westliche Bündnis gut überlegen, welche Garantien für die Souveränität des Landes unterhalb eines Blankoschecks so überzeugend ausfielen, dass die Ukraine damit leben kann, ohne in Ressentiments gegenüber dem wankelmütigen Westen zu verfallen.

Die Politik rückt uns mächtig auf den Leib

Endlich bricht der Frühling aus. Feiertag reiht sich an Feiertag. Die Familien finden generationenübergreifend zusammen, womöglich erfreuen sie sich sogar aneinander. Vielleicht reden sie über wesentliche Dinge miteinander – wem es in der Verwandtschaft gut geht und wem nicht, gesundheitlich oder beruflich. Wer nicht mehr mit wem redet und warum nicht. Ja, und vermutlich kreisen Diskussionen auch darum, was uns drohen mag: von Putin, der Nuklearwaffen in Belarus aufstellt, von Trump, wenn er wieder Präsident ist, von der deutschen Regierung, die mehr denn je in unser Leben eingreift.

In diesen Tagen machen sich in Deutschland ziemlich viele Haus- oder Wohnungseigentümer kundig über Wärmepumpen und fragen sich, wie viele Sonden sie wohl im Garten in welcher Tiefe verlegen müssen, um künftig mit Erdwärme die Pumpe zu betreiben, damit sie demnächst auf die 65 Prozent Alternativenergie kommen, die Robert Habeck ihnen abverlangt. Energieberater sind momentan gefragt wie nie und geben geduldig Auskunft darüber, in welcher Himmelsrichtung ein Dach liegen sollte, damit sich Photovoltaik oder Solarthermie wirklich rentieren. Und natürlich interessiert brennend, wie viel so eine Modernisierung wegen des Klimawandels kostet und wie hoch die Zuschüsse vom Staat ausfallen.

Politik ist uns seit einiger Zeit mächtig auf den Leib gerückt und der Klimawandel zwingt zu Konsequenzen tief ins Private hinein. So ist das, so muss das sein, sagt die Regierung, und natürlich hat sie nicht unrecht damit. Aber auf diese Bewegung mitten hinein in die Lebenswirklichkeit der Menschen folgt fast automatisch eine Gegenbewegung gegen diese Zumutungen. Dazu gehört der freie Fall der drei Regierungsparteien, der sich in Meinungsumfragen niederschlägt. Dazu vor allem das Ressentiment gegenüber den Politikern, die Entscheidungen treffen, die ins Private zielen. Robert Habeck, gerade eben noch bewundertes Vorbild für Nachdenklichkeit, dient inzwischen als Feindbild. Olaf Scholz schlägt amüsierte Verachtung entgegen und Christian Lindner legt mit seiner Kombination aus Professionalität und Arroganz ohnehin wenig Wert auf übergroße Popularität.

Ich teile diese Ressentiments nicht, aber die handelnden Personen tun gut daran, sie ernst zu nehmen. Der Bundeskanzler tut es offensichtlich, so erklärt sich seine Sorge, dass sich in Deutschland organisierter Zorn auf der Straße entlädt und sich in Gelbwesten symbolisiert. Dazu müssten sich Gewerkschaften wie Verdi, die das Land mit Streiks lahm legen können, mit der Wut der Menschen über teure Klimawandel-Gebote verbünden und die Gegner westlicher Aufrüstung der Ukraine aus Angst vor russischen Atomschlägen müssten sich anschließen.

Zum Glück zeichnet sich so ein aggressives Anti-Regierungsbündnis wie in Paris nicht ab. Noch macht jeder seins. Verdi will so viele Prozente wie möglich aus den Verhandlungen mit den Arbeitgebern herausholen und übt ansonsten Solidarität mit der Ukraine. Dass die österliche Friedensbewegung die Regierung dazu auffordert, keine Waffen mehr an die Ukraine zu liefern, und nach Frieden sofort verlangt, ist sogar verständlich und war zu erwarten. Diese Einseitigkeit hatte jedoch Konsequenzen. Der DGB wie die Partei Die Linke, beide traditionelle Ostermarschierer,  hielten sich diesmal wegen der politischen Schlagseite fern.

Russland ist die Trennlinie, wie sich schon an den verschiedenen Friedens-Manifesten ausgewählter Prominenter wie Alice Schwarzer und Sarah Wagenknecht zeigte. Schon wahr, Solidarität für die Ukraine und Sorge vor der Eskalation des Krieges halten sich in der Bevölkerung die Waage. Aber nicht zufällig zögert Sarah Wagenknecht mit der Gründung einer Partei nach ihren Vorstellungen. Unterschriften zu sammeln ist nicht besonders schwierig. Es ist so schön unverbindlich, schriftlich für Frieden und gegen den Atomkrieg einzutreten. Aber eine Partei aus dem Boden zu stampfen, ist eine ganz andere Sache. Parteien entwickeln sich langsam von unten, nicht schnell von oben, das lehrt die Erfahrung.

So bleibt es fürs Erste dabei, dass die Regierung für ungeschicktes Vorgehen demoskopisch abgestraft wird. Aber ihre Zumutungen sollten Scholz/Habeck/Lindner besser als bislang erklären, sonst schüren sie das frei flottierende Ressentiment. Es geht ja um ziemlich viel, in jeder Hinsicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Oh Bayern, oh BVB

In dieser Woche habe ich mir beide Pokalspiele angeschaut, in denen der Beste und der Zweitbeste der Bundesliga spielten. Am Dienstag war der FC Bayern gegen den Freiburger SC zugange, am Mittwoch spielte mein BVB in Leipzig. Dass der BVB verlor, lag von vornherein im Bereich des Möglichen. Dass der FC Bayern verlor, hätte vorher niemand geglaubt.

Die Spiele fielen völlig unterschiedlich aus. Bayern war maßlos überlegen. Der BVB maßlos unterlegen. Bayern schoss immerhin ein irreguläres Tor, das der Video-Schiedsrichter, falls er nicht gerade in sein Vesperbrot gebissen haben sollte, monieren musste, aber nicht monierte. Der BVB schoß in der vorletzten Minute zum ersten Mal gefährlich auf das Tor. Herzlichen Glückwunsch.

Die Gründe für beide Niederlagen sind nun wirklich old school. Die Mannschaften mögen Spielzüge so lange üben, bis sie zu Automatismen werden, wie es in der Techniker-Sprache der Trainer heißt. Die Trainer mögen sich etwas einfallen lassen, womit der gegnerische Trainer überrascht wird. Kurze Ecken können einstudiert werden, um die Standards, wie es auch so schön heißt, unberechenbar zu machen. Der Video-Trainer mag Szenen zusammenstellen, aus denen sich die Taktik der generischen Truppe plastisch ergibt, so dass sie auch noch der letzte Hirnbeiß versteht. Alles schön und gut, aber manchmal kommt es eben auf anderes an.

Bayern vermochte aus seinem Powerplay nur wenige ernsthaft gefährliche Spielzüge zu entwickeln, mit denen sie dem Tor der Freiburger nahe gekommen wären. Effizienz entsteht durch die Wucht, die aus dem Willen kommt, jetzt unbedingt ein Tor zu schießen und zwar egal wie. Aus dem Willen entsteht die Kraft, die dem verteidigenden Gegner allmählich die Kraft raubt und ihn zu Fehlern zwingt. Deshalb fallen so viele Tore innerhalb der letzten zehn Minuten oder in der Nachspielzeit. Die Wucht lässt dann nicht nach. Die Mannschaft glaubt daran, dass irgendwie irgendwann noch ein Tor fallen wird und hört nicht damit auf, über die Außen Flanken schlagen zu lassen, die im Zentrum ein Zufallstor produzieren.

Freiburg kämpfte aufopferungsvoll, schlug die Bälle blind nach vorn, wo kein eigener Stürmer stand, weil sie alle mit verteidigten auf Teufel komm raus. Sie wollten nicht schon wieder 5:0 verlieren, so sah es für mich aus. Sie wollten ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen. Wie aus Zufall waren sie höllisch effizient. Und wie es sich in Pokalspielen eben manchmal fügt, hatten sie Glück für fünf Spiele und bekamen in den letzten Sekunden einen berechtigten Elfmeter zugesprochen, den Lucas Höler sicher verwandelte.

Am Ende läuft die Ursachenforschung darauf hinaus, dass es den Bayern, vielleicht aus Überheblichkeit, vielleicht in Fehleinschätzung ihrer Form nach dem geschenkten Sieg über den BVB, an Esprit und Wucht mangelte. Sie spielten, als könnten sie nicht glauben, dass Freiburg gewinnen kann. Freiburg warf sich ins Spiel in der Hoffnung, eine Packung vermeiden zu können und mit dem Hintergedanken, Chancen zu nutzen, falls sie sich ergeben sollten. Der Unterschied bestand darin, dass die Bayern in Routine erstarrten, während Freiburg erst ein Sonntagstor schoß und dann eben den Elfmeter, den ihm das Schicksal bescherte, dankend verwandelte.

In München brachte sich der BVB selber aus dem Rhythmus, als sein Torwart ein Luftloch schlug. So ein Tor schwächt ungemein, ist eine Demütigung für die gesamte Mannschaft und raubt den Anfangsschwung. Der BVB erholte sich nicht davon.So ein Luftloch-Tor baut den Gegner auf, dem das Schicksal an diesem Abend wohl gesonnen ist. In Leipzig ließ sich der BVB überwältigen, brachte keinen sicheren Spielaufbau zustande, rannte immer hinterher, verlor ständig Bälle im Mittelfeld und bezog noch ein verhängnisvolles Tor, als Kobel bei der Ecke in der letzten Minute der Nachspielzeit im generischen Strafraum auftauchte. Das 0:2 bedeutete dann wieder so ein demütigendes Tor, von dem sich eine Mannschaft bis zum nächsten Spiel erholen muss, sonst setzt es gleich noch eine Niederlage.

Leipzig wollte unbedingt die Negativserie mit drei Niederlagen ohne eigenes Tor beenden. Der Trainer, der den BVB aus eigener Erfahrung kennt, hatte sich eine erfolgreiche Taktik ausgedacht: Greift sie sofort an, gleich hinter dem Strafraum, lasst sie nicht zur Entfaltung bringen, nehmt ihnen den Atem, bringt sie aus der Fassung. Der Dortmunder Trainer hatte auf Defensive gesetzt, aber mit Spielern wie Öczan oder Can lässt sich nur bedingt ein feines Angriffsspiel aufziehen, das ist nicht ihre primäre Aufgabe. Sie sollen Angriffe im Mittelfeld unterbinden und Gegenangriff ermöglichen, die dann Brandt und Reus und Malen ins Laufen bringen. Nichts davon klappte. Der BVB ging unter. War chancenlos. Brachte einen gelungenen Angriff in der vorletzten Minute zustande, doch den satten Schuss meisterte der Leipziger Torwart.

Was lernt uns das? Der Kader der Bayern ist lange nicht so gut, wie er von Kahn und Brazzo eingeschätzt wird. Tuchel muss wie Nagelsmann erkennen, dass zu wenig Leben in der Mannschaft steckt und Leute wie Mané vermutlich gar nicht zu ihr passen. Hinter dem BVB liegt womöglich die beste Phase dieser Saison. Die Bayern bieten geradezu an, dass eine andere Mannschaft Meister wird, aber dieser BVB wird es nicht sein. Malen passt wie Mané nicht recht zur Mannschaft und solange Brandt seiner Form hinterher läuft, fehlt der entscheidende Faktor hinter dem Zentrum. Zwar bietet sich Reyna als Ersatz an, der aber unter Terzić auf der Ersatzbank verhungert.

Der BVB spielt morgen gegen Union. Bayern in Freiburg, wie seltsam, und dann am Mittwoch gegen ManCity, oha.

Dörk forever

Heute habe ich gelesen, dass Dirk Nowitzki in die Hall of Fame berufen werden soll. Schon jetzt, nur vier Jahre nach seinem tränenreichen Abschied aus der NBA. Mich freut das ungemein. Er hat diese ungewöhnliche Ehre verdient. Wieder wird er um Worte ringen, weil er nichts für selbstverständlich hält. Andere platzen vor Selbstbewusstsein, selbst Dennis Schröder, der bei den Lakers immer weiter nach hinten auf der Bank gereicht wird. Dirk Nowitzki, Nummer 41, gehört ganz sicher nicht zu den Selbstgefälligen.

Sobald er im Mittelpunkt steht, wirkt er wie jemand, der bestimmt nicht im Mittelpunkt stehen will. Wenn er es dennoch muss, ist er ein Ausbund an Verlegenheit und weist darauf an, dass er doch nur ein Mensch ist, der zufällig den Ball ganz gut in den dafür vorgesehenen Korb werfen kann. Dadurch wird er noch sympathischer und nicht zufällig hat ihn Charles Barkley den nettesten Menschen genannt, der je Basketball in der NBA gespielt hat.

Natürlich wäre es einfach, in solchen Momenten eine Rede vorbereitet zu haben, die er ablesen kann, um einigermaßen Sicherheit vor einer Halle von Menschen zu gewinnen. Vielleicht hat er sich sogar die richtigen Sätze ausgedacht, bringt sie aber nicht so heraus, wie er es sich vorgenommen hatte. Aber wahrscheinlich ist es so, dass die Scheu vor Öffentlichkeit zum Gesamtkunstwerk des Basketballspileers Dirk Nowitzki gehört. Und das Publikum in Dallas würde ihn auch dann mit herzlichem Beifall überschütten, wenn er gar nichts sagen würde, sondern nur da stehen würde, mit den Füßen scharrend und sich mit dem Handrücken die Tränen abwischt. Dallas liebt Dirk Nowitzki, wie er ist. Anstatt weiter zu ziehen, um einen NBA-Titel zu gewinnen, vor allem nach der deprimierenden Niederlage gegen Miami, blieb er daheim in Dallas und setzte alles dahinter, doch noch einen Titel zu holen. Nie werden sie ihm diese Demut und Hingabe vergessen.

Ist das deutsch? Natürlich nicht. Bill Russell spielte 14 Jahre für die Boston Celtics. John Stockton spielte 19 Jahre für Utah. Michael Jordan spielte 13 Jahre für die Chicago Bulls (sein Comeback für die Washington Wizards war ein Irrtum). Karl Malone spielte mit Stockton 18 Jahre ein unvergleichliches Spiel bei den Jazz, ehe es ihn für 2 späte Jahre zu den Lakers zog, um endlich mal einen Titel zu gewinnen. Larry Bird spielte 13 Jahre lang bei den Celtics.

Es gibt treue Gesellen und es gab sie schon immer. Und es gibt die anderen, die Legionäre wie LeBron James, der über Cleveland nach Miami zog, zurück zu den Cavaliers kam und sich dann den Lakers anzuschließen. Jeder Wechsel geriet zum großen Tamtam. Jede Veränderung bekam historische Weihen. Überlebensgröße, wie LeBron James eben LeBron James sieht. Oder Kevin Durant: Unstetigkeit als Erkennungsmerkmal – Seattle, Oklahoma, Golden State Warriors, Brooklyn Nets, derzeit Phoenix Suns.

Am Ende kommt es auf die Mentalität. Nowitzki und die anderen überschätzen sich weder selber noch die gesellschaftliche Bedeutung ihres Sports. James und die anderen besitzen ein monströses Ego für die Jagd nach dem noch besser dotierten Vertrag bei der noch besseren Mannschaft. Nowitzki ist das andere Extrem: Verzicht auf Millionen Dollar, die ihm vertraglich zustanden, damit sein Klub zusätzliche Spieler verpflichten konnte.

Nowitzki ist ohne Holger Gschwindner nicht zu denken. Gschwindner rechnete anhand von Körpergröße, Armlänge und Handspannweite den richtigen Winkel aus, in dem der Ball zum Korb fliegen musste. Nowitzki war der gelehrigste Schüler, den man sich denken kann. Der Fadeaway Jumper, sein Markenzeichen, verdankt sich mathematischer Berechnung und ungewöhnlicher Körperbeherrschung. So konnte aus einem 2,13 Mann nicht etwa ein Center, sondern ein Power Forward werden, ein Alleskönner, der zum Korb zog, Dreier warf und dann auch noch diesen wunderbaren Fadeaway Jumper aus allen Lebenslagen warf.

Das Begnadet ist harte Arbeit. Kobe Bryant, Michael Jordan und all die anderen waren und sind Arbeitsethiker, die sich nie mit dem Stand ihres Könnens zufrieden gaben, vielmehr immer und immer wieder übten, was sie nicht aus reinem Talent drauf hatten. Beidhändig zum Korb ziehen zu können. No-look-Pässe zu werfen, weil sie jederzeit wissen, wie die anderen Spieler laufen.

Dirk Nowitzki hat nun alles, was man als Basketballspieler in Amerika haben kann. Eine Statue vor der Halle. Das Trikot mit der 41 hochgezogen wie eine Trophäe. In Dallas verehrt wie ein eingeborener Sohn der Stadt. Und nun die Hall of Fame. Wie Charles Barkley sagen würde: Congrats, man, you really deserve it, ‚cause you changed the game of Basketball forever.

Wenn sich Misstrauen hineinfrisst

Vertrauen ist gut. Vertrauen kann tragen. Wenn jemand zu einem von uns sagt: Ich vertraue dir, dann stellt sich ein wohliges Gefühl ein. So können Menschen auch zueinander sein, so miteinander umzugehen ist schön.

Nun weiß man aus dem richtigen Leben, dass es ganz schön schwierig ist, auf Dauer Vertrauen zu haben und zu bekommen. So schön es ist, währt es selten lange. Fragen stellen sich, was das jetzt soll, es war doch ein anderer Ton vereinbart. Ein falscher Zungenschlag, vielleicht aus Versehen, kann massiv irritieren, bringt eine Unwucht ins Verhältnis. 

Politik ist Konkurrenz. In der Politik gibt es selten eine Grundlage dafür, einander zu vertrauen. So gut wie niemand hat geglaubt, dass  die Eintracht vom Anfang der Dreier-Koalition ewigen Bestand haben würde. Aus dem Leben weiß man, dass Dreier-Konstellationen ihre Tücken haben. Entweder einigen sich zwei und der Dritte fühlt sich ausgeschlossen, oder jeder der Drei macht das Seine und so ergibt sich kein Ganzes mehr.

Im Grunde sollten wir Robert Habeck dankbar für seinen Wutausbruch zur besten Sendezeit sein. Er sprach ja nur aus, was jeder sehen konnte: Das Vertrauen ist verloren gegangen. Misstrauen ist gesät. Misstrauen aber zersetzt, gräbt sich in die Seelen. Hat es sich erst einmal ausgedehnt, gehen die Schotten herunter und jeder denkt nur noch an sein Überleben. Die existentiell bedrohte FDP denkt an ihre Klientel, die Grünen verzweifeln am gemeinsamen Projekt und die SPD wirkt  geistesabwesend.

Das Ganze muss der Kanzler zusammenhalten, wer denn sonst. Wie er dafür sorgt, laut oder leise, mit Machtwort oder kraft seiner Amtsautorität, folgt aus seiner Mentalität. Olaf Scholz wirkt manchmal unbeteiligt, was eine Stärke sein kann, weil er den anderen erst einmal beim Tanzen zuschaut, bevor er eingreift. Es kann aber genauso gut eine Schwäche sein, wenn er zu lange passiv bleibt, wozu er neigt. Natürlich kann der Kanzler nicht andauernd dazwischen schlagen, aber er sollte schon zeigen, wo der Hammer hängt. Aber wo hängt er?

Momentan hängt er anderswo. Der bundesweite Streik heute ist vielleicht nur der Anfang von Verhältnissen, die nicht unbedingt wie in Frankreich ausarten müssen, aber die Regierung hat zweifellos ein Problem – eines mehr neben all den anderen. Und da ist noch ein Zeichen an einer anderen Wand, das die Koalition lesen sollte. Geschrieben haben es die Berliner gleich zweimal kurz hintereinander: Zuerst wählten sie ihr Dreier-Bündnis wegen Kompetenzmangels ab und gestern haben sie  den Volksentscheid für beschleunigten Klimaschutz abgelehnt. Beides war eine Überraschung in diesem hitzigen, experimentierfreudigen Biotop.

Da dreht sich vielleicht etwas, da ändert sich womöglich etwas im Land. Die Herren Scholz/Lindner/Habeck tun gut daran, diesen Zeichen Beachtung zu schenken. Womöglich haben die Wähler und Bürger in den letzten Jahren genug an Zumutungen erlebt, von der Pandemie über die Folgen des Ukraine-Krieges bis zum Klimawandel. Diese Erfahrung, dass Zumutungen endlich sind, mussten etliche Vorgänger von Olaf Scholz machen, zum Beispiel Helmut Schmidt mit seiner eigenen Partei oder Helmut Kohl im Gefolge der Wiedervereinigung. Jeder von ihnen musste einsehen, dass Überpolitisierung zu ihrem Nachteil ausschlägt.

Wenn das Vertrauen innerhalb der Koalition aufgebraucht ist, wie sollen dann die Wähler, vor allem diejenigen, die diese Regierung nicht gewählt haben, das nötige Vertrauen entwickeln, dass der Klimawandel im richtigen Tempo mit den richtigen Optionen traktiert wird? Vertrauensverlust dort wird mit Vertrauensverlust hier erwidert. Das ist menschlich verständlich und politisch nur konsequent. Und es ist fatal für die ökologische Transformation der Gesellschaft. 

Die Regierung sollte die Dinge neu sortieren und besser erklären. Wärmepumpen ja, aber ohne Sanierung der Gebäude sind sie unwirksam, aber was kostet das alles zusammen? Autos wird es weiterhin geben, aber muss Stigmatisierung sein? Die Reihe kann beliebig fortgesetzt werden.

Die Menschen mitnehmen, heißt das im politischen Gefühlsdeutsch. Die Regierung muss Vertrauen in sich selber zurück gewinnen, sonst wird sie scheitern. Und nur wenn sie Vertrauen ausstrahlt, kann sie Vertrauen zurückgewinnen. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Den Scheinriesen Russland „tot rüsten“

t-online: Herr Ischinger, lassen Sie uns über Xi Jinping reden, der sein Land gleich zweimal in kurzer Zeit als Vermittler placiert hat. Hat sich damit die Weltordnung schneller als erwartet verschoben?

Ischinger: Ja: da ist ein rumpelndes Stühlerücken in der machtpolitischen Tischordnung im Gange. Aktuell entsteht dadurch allerdings mehr Unordnung als Ordnung, mehr Instabilität und Rivalität. Aber klar ist eines: China rückt an diesem Tisch auf. 

Die chinesische Geostrategie ist offensichtlich darauf angelegt, Amerika zu schwächen. Hat damit der offene Wettlauf zwischen der alten und der neuen Weltmacht begonnen?

Der Wettlauf im Sinne von machtpolitischer  Rivalität ist schon seit einiger Zeit im Gang. Leider findet er als Nullsummenspiel statt: entweder wir – das heißt die USA – gewinnen, oder China gewinnt. Besser wäre es, über eine Formel für die Koexistenz zwischen China und Amerika nachzudenken, so wie es der bald 100jährige Henry Kissinger seit langem und immer wieder predigt.

Drei Tage lang war Xi Jinping auf Staatsbesuch in Moskau und nahm sich viel Zeit zu Gesprächen mit Wladimir Putin. Haben China und Russland eine militärische Allianz geschlossen?

So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Aber die Bilder aus Moskau haben es Putin ermöglicht, dass er trotz Kriegsverbrechertribunals keineswegs so isoliert ist, wie wir ihn uns wünschen. 

Das Interesse von Xi dürfte darin liegen, dass Russland am Ende den Krieg in der Ukraine irgendwie gewinnt oder jedenfalls nicht verliert. Schließt dieses Ziel Waffenlieferungen ein?

Hoffen wir, dass China dem russischem Drängen nach Waffen nicht nachgibt. Das Vertrauen in Putin ist übrigens nicht grenzenlos. Es wird wohl so sein, dass China kein Interesse an einer vollen militärischen Niederlage Russlands hat. Aber ein abhängiges, schwaches Russland passt sehr wohl in Xis Kalkül. 

Präsident Joe Biden warnt China vor Konsequenzen, die vermutlich in einem Wirtschaftskrieg bestünden. Wie weit geht Xi nach Ihrer Einschätzung?

China kann sich keine neuen ökonomischen Belastungen aufhalsen, zumal nach den schweren Pandemie-Jahren, die das Riesenreich tief getroffen haben. Amerikanische Sanktionen wird Xi  deshalb unter allen Umständen vermeiden wollen. 

Rote Linien sind im letzten Jahr ständig missachtet worden. Der Westen schickte Waffen und Fahrzeuge, die er kurz vorher noch nicht liefern wollte. Wieso sollte sich China anders verhalten?

Es macht schon einen Unterschied, ob man die angegriffene Ukraine oder den Aggressor Russland militärisch unterstützt. Vergessen wir nicht, dass sich mehr als 140 Staaten in den Vereinten Nationen gegen Russland gestellt haben. China kann deshalb kaum gleichzeitig und glaubwürdig Champion des Globalen Südens und Waffenlieferant an Russland sein. 

China legte vor kurzem einen 12-Punkte-Plan vor zur Lösung der „Ukraine- Krise“, wie dort der russische Überfall beschönigend genannt wird. War das mehr als ein billiger Gefallen für Wladimir Putin?

Ja, das war es, denn es wäre keine gute Entscheidung, die 12 Punkte einfach weg zu wischen. China spricht sich darin erneut unzweideutig gegen den Einsatz nuklearer Waffen aus, das ist hilfreich. Und in diesem Papier finden sich auch potentiell interessante Ansatzpunkte für den Tag, an dem die Waffen schweigen. 

Spektakulärer als der Friedensplan für die Ukraine ist die chinesisch vermittelte Annäherung zwischen den gerade eben noch Todfeinden Iran und Saudi-Arabien. Wie ordnen Sie diesen Vorgang ein?

China führt uns vor, wie weit sein Arm jetzt schon reicht. Die Vermittlung zwischen den beiden Rivalen im Nahen Osten sah niemand kommen, was natürlich auch eine Schmach für die Geheimdienste bedeutet. Diese Sensation gehört zum Aufrücken Chinas am Tisch.

Was muss passiert sein, wenn religiöse und politische Feinde versucht sind, die Feindschaft beiseite zu legen?

Im Nahen Osten ist schon immer alles im Fluss. Vor 20 Jahren gab es zum Beispiel geheime Beziehungen zwischen Israel und Iran. Heute sind diese beiden Länder wieder Todfeinde. Aber auch das kann sich wieder ändern, weil eben morgen vieles möglich erscheint, was heute noch ausgeschlossen zu sein schien.

Könnte es sich um einen Nuklear-Deal handeln, den Iran sich vom Westen nicht abhandeln lassen wollte?

Das halte ich für zu viel der Spekulation. 

Saudi-Arabien hat öfter schon damit gedroht, seinerseits Atomwaffen zu bauen. Glauben Sie, dass Mohammed Bin Salam jetzt davon absieht?

Saudi-Arabien wird nur dann vom Bau nuklearer Waffen absehen, wenn denn vorneweg Iran darauf verzichtet. Daher hängt viel davon ab, was Iran sich als nächstes einfallen lässt. 

Israel hat erst vor wenigen Jahren Beziehungen zu Bahrain und den Golf- Emiraten aufgenommen und auch Saudi-Arabien schien einer Annäherung nicht abgeneigt zu sein. Richtet sich der Schwenk in erster Linie gegen Israel?

Für Israel kann diese unheilige Allianz nur eine schlechte Nachricht sein, soviel ist klar. Aber warten wir zuerst einmal ab, ob dieses erstaunliche Bündnis sich auch wirklich als stabil erweist. 

Die Regierung Netanjahu mit ihren radikalen Koalitionspartnern richtet sich stark nach innen und löst mit ihren Vorhaben Protestwellen aus. Liegt auch darin ein Grund für die Verschiebungen im Nahen Osten?

Ja, das ist wohl so, das muss man so sehen. Alle Freunde Israels verfolgen mit großer Sorge, dass Israel seine Kräfte momentan innenpolitisch aufzehrt und die Regierung Netanjahu an der demokratischen Gewaltenteilung rüttelt. 

Zugleich reiste der syrische Präsident nach Abu Dhabi und wurde dort als Bruder empfangen, der in sein arabisches Umfeld nach langer Zeit zurückkehre. Gerät Israel jetzt in die Isolation?

Der Vorgang ist eher ein Beweis für den schwindenden Einfluss und das Scheitern der USA und auch der Europäischen Union in der Region. 

Die alte Ordnungsmacht USA schaut den Veränderungen im Nahen Osten eher passiv zu. Zufällig jährt sich der Irak-Krieg, mit falschen Behauptungen begründet, zum zwanzigsten Mal. Iran, die Türkei, Russland und Saudi- Arabien füllten die Lücke und ordnen unter chinesischer Beteiligung die Dinge neu. Was davon haben Sie kommen gesehen und was überrascht Sie am meisten?

Noch sind die USA im Nahen Osten sehr präsent. Von der EU kann man das leider nicht behaupten. Wir Europäer schauen vom Spielfeldrand zu, was in der Nachbarregionen passiert. Die Europäische Union hatte doch gerade noch den Ehrgeiz, ein geostrategischer Akteur zu werden. Davon ist leider aber nur wenig zu sehen. Wirklich überrascht hat mich das chinesische Auftreten als Vermittler im Nahen Osten. Da erscheint ein selbstbewusster neuer Akteur im Nahen Osten. 

Nato und Europa sind auf den Krieg in der Ukraine konzentriert. Dieses Jahr gilt als entscheidend, da 2024 ein neuer Präsident in den USA gewählt wird. Wie optimistisch sind Sie, dass die Ukraine den Krieg nicht verliert?

Die Ukraine kann und wird nicht verlieren, wenn der Westen seine eigentliche Stärke ausnützt und den Scheinriesen Russland einfach „tot rüstet“. Wir sollten nicht vergessen dass die russische Wirtschaftskraft  kleiner ist als die italienische. Russland hat keine Chance, wenn der Westen klare Kante zeigt und die Ukraine noch mehr und noch schneller unterstützt und versorgt.. Dann endet der Krieg vielleicht doch noch in diesem Jahr. 

Herr Ischinger, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was dem Olli so einfällt

Der FC Bayern hat geruht, den Trainer zu entlassen. Die Vereinsführung um Oliver Rolf Kahn ertrug es nicht, dass Julian Nagelsmann in Leverkusen verlor. Das Argument lautet so: Der hervorragende Kader sei Wankelmut und Unstetheit anheimgefallen, was nicht am Kader gelegen habe, sondern am Trainer. Die Sport-Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ brachte es in ihrem Manierismus fertig, einen Zusammenhang zwischen der changierenden Kleidung des Trainers und der Unbeständigkeit der Mannschaft herzustellen, eine feine intellektuelle Leistung. Auf diese Beobachtung kommt nicht jeder. m

Schauen wir uns deshalb doch mal den herausragenden Kader an: Upamecano und Pavard verursachten zwei Elfmeter in Leverkusen. Wenn es ein Sinnbild für das Auf und Ab des FCB gibt, dann ist das Upamecano, der eine großartige Gabe besitzt, aber immer gut für einen Elfmeter ist. Damit erinnert er mich an Jérōme Boateng, der in seinen jungen Jahren auch so eine loose cannon war. Weiter: Alphonso Davies: irrwitzig schnell, im Vorwärtsdrang manchmal grandios, als reiner Verteidiger eher Durchschnitt. Er wiederum erinnert mich an Achraf Hakimi, den eben deshalb der auch junge Trainer Edin Terzić beim BVB ins Mittelfeld stellte. Oder Sané und Gnabry: Sind womöglich ewige Talente, weil sie nicht erwachsen werden. Gnabry experimentiert mit seinen Frisuren und wirkt auf mich wie jemand, der sich beständig im Spiegel beobachtet. Sané, der sein Gesicht mit Härchen umrankt, ist auch so ein Spieler, der zwischen Atemberaubend und Sinnlos hin und her schwankt. Oder Mané: Kann gut sein, dass er gar nicht richtig in diese Mannschaft passt. Choupo-Moting wiederum ist das beste Beispiel für das Auge eines richtig guten Trainers. Dass er in Leverkusen verletzt ausfiel, brachte das Mannschaftsgefüge durcheinander und trug zum Mangel an Durchschlagskraft bei.

Ja, Nagelsmann hat Fehler gemacht. Öffentliche Massregelung einzelner Spieler fällt darunter. Aber plausible Gründe, den Trainer im Sturzflug zu entlassen, gab es nicht. Die Herren Salihamidzić und Kahn sind höllisch darauf bedacht keinen Fehler zu begehen, und wer das so sehr nicht will, begeht sie eben. Und wie es sich fügte, lebt Thomas Tuchel in München und stünde vermutlich morgen nicht mehr zur Verfügung, weil ihn genügend Vereine für sich gewinnen wollen.

So kam es zu einer Entscheidung, für die es eigentlich keine immanente Begründung gibt. Und am Ende wird Julian Nagelsmann am meisten von dieser Sturzgeburt profitieren, zum Beispiel wenn er bei Real Madrid oder in Chelsea landet. Ich würde mich für ihn freuen.

Die Unbeugsame

Vor ein paar Tagen ist Antje Vollmer gestorben. Sie war eine kleine Frau mit leiser, leicht zittriger Stimme, einem klaren Kopf und ziemlich ausgeprägter Bildung. Sie gehörte zur Gründergeneration der Grünen im Bundestag und hat es länger durchgehalten als Waltraud Schoppe, Marieluise Beck-Overbeck oder Jutta von Ditfurth oder gar die früh gestorbene/ermordete Petra Kelly. Diese Frauen kamen nicht gegen die Männer auf, die durchwegs Machos waren: Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Dani Cohn-Bendit, Trampelt/Ebermann usw. Antje Vollmer hieß die Große Grüne, das war im Spaß gesagt und im Ernst gemeint, denn an Verstand und Vernunft machte ihr keiner was vor. Die Grünen im Bundestag nannte sie später „eines der kritischsten Psycho-Gebilde der Republik“. Jürgen Leinemann, der zu den besten Reportern seiner Zeit gehörte, schrieb im September 1994 über sie: „Dass auch sie bei den dynamischneurotischen Prozessen in den eigenen Reihen nicht immer nur mit Edelmut und Opfersinn tätig war, weiß Antje Vollmer heute. Sie bedauert manches. Vieles wirkt nach.“

Das Leben trieb es wild mit ihr. Lebenskrisen gehörten für sie dazu, tiefe Krisen, Blicke in den Abgrund. Sozialismus gepaart mit Christentum. Leidenschaft und Opfer-Pathos. Empfindsamkeit und schneidende Kälte. Solche Gegensätze muss man erst einmal aushalten. Sie können zerreißen, aber auch empor tragen. Meistens hängt der Ausgang von den Umständen ab. In der Politik kommt alles zusammen, das Existentielle mit dem Pragmatischen, das Freundliche mit dem Feindlichen. Der Einsatz für die inhaftierten Terroristen der RAF und das Kümmern um den von einer Messerstecherin schwerverletzten Oskar Lafontaine.

In Antje Vollmers Gemüt ist manches tiefer hineingefallen als bei Joschka oder Otto. Politisch fand sie Ruhe und Sicherheit im zeremoniellen Amt der Vizepräsidentin des Bundestages. Menschlich und theologisch fand sie Respekt und Anerkennung bei so unterschiedlichen Menschen wie Richard von Weizsäcker und Oskar Lafontaine. Der Bundespräsident mit seiner aristokratischen Noblesse mag in ihr die kluge, gefährdete Frau geschätzt und umsorgt haben. Lafontaine lebte diese tiefenscharfe innere Unruhe, die auch sie erfüllte, viel stärker aus, menschlich wie politisch, als es ihr je möglich gewesen wäre.

Antje Vollmer und die anderen grünen Frauen ihrer Generation suchten ihre Rolle jenseits der Macht, welche die Machos wie selbstverständlich an sich rissen. Aber ohne diese Frauen wären die Frauen von heute nicht so weit gekommen, wie sie gekommen sind. Ich weiß gar nicht, ob Annalena Baerbock öfter noch Antje Vollmer begegnet ist und etwas aus ihrem Lebensverständnis mitgenommen hat. Waltraud Schoppe ist im Film „Die Unbeugsamen“ zu sehen. Von ihr ist eine Rede im Bundestag am 5. Mai 1983 in Erinnerung, als sie bei einer Debatte über Abtreibung über von der „fahrlässigen Penetration“ beim Sex und dem alltäglichen Sexismus im Parlament redete. Wie recht sie hatte, bewiesen wütende Zwischenrufer, die geiferten, früher seien Weiber wie sie als Hexen verbrannt worden. So ging es zu, vor 40 Jahren im ehrenwerten deutschen Parlament, das von Schlipsträgern beherrscht war.

Antje Vollmer gehörte zu den Unbeugsamen. Sie leisteten die Vorarbeit, sie ebneten den Weg für die Außenministerin, die Umweltministerin, für Grün-Schwarz wie in Baden-Württemberg, für den Feminismus. Geht es mit einigermaßen rechten Dingen, sind sie dankbar für diese Pionierinnen.