Der Windkümmerer

Gerade habe ich über einen Beruf gelesen, der mir bisher entgangen war. Es handelt sich um einen Windkümmerer, der, was natürlich nahe liegt, einer besonderen Aufgabe nachgeht, die sich nicht sofort erschließt. Die Zusammensetzung des Wortes ist genial: Wind ist gut, wissen wir ja, wir brauchen viel davon, damit er die Windräder antreibt, von denen es bald sehr viel mehr geben soll, wie wir seit dem Auftritt Robert Habecks mit seinen Schautafeln wissen, sonst wird es nichts mit der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Und Kümmerer ist sowieso gut. Die Parteien wollen sich neuerdings auch um ihre Verächter kümmern. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind große Kümmerer und schließen im Zweifelsfall diejenigen ein, die sie abschaffen wollen. In der Pandemie sind unsere größten Kümmerer und Kümmerinnen (sagt man so? Man will ja nicht gegen den Comment verstoßen, gegen den Purismus der Puristen und Puristinnen) – sind also die arbeitenden Menschen in den Altenheimen und Krankenhäusern beklatscht worden. Zu schweigen von durchaus bekannten Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, die sich zum Beispiel zu Sterbebegleitern (und -innen) ausbilden lassen. Kümmern als moralisch hochachtbarer Zweitberuf.

Der Windkümmerer berät, überzeugt, moderiert und dient auch schon mal als Blitzableiter. Er tritt immer dann in Erscheinung, wenn eine bayerische Kommune in Gestalt ihres Bürgermeisters auf den verwegenen Gedanken verfällt, Windkraftanlagen in die begnadet schöne Landschaft zu stellen – beziehungsweise dem Gedanken nahe tritt und deshalb in der eigenen Bevölkerung auf entschiedenen Widerstand trifft. Dann also kümmert sich der Windkümmerer um Ausgleich und Vermittlung der widersprechenden Interessen. Keine leichte Aufgabe.

Nun tritt Bayern ohnehin nicht mit massenhaften Bauwünschen nach Windrädern hervor, eher im Gegenteil. In den beiden vergangenen Jahren gingen je acht Windräder in Betrieb, mehr nicht. Das ist kein Zufall, denn dort gilt die 10-h-Regel, wonach der Abstand bis zur nächsten Wohnsiedlung das Zehnfache der Höhe der Anlage betragen muss. Ist die Anlage 200 Meter hoch, soll sie 2 Kilometer entfernt stehen. Einerseits gilt diese Regel, andererseits gilt sie nicht.

Jedem Bürgermeister (und jeder -in) steht es nämlich frei, in seinem/ihrem Stadt- oder Gemeinderat einen Beschluss über einen geringeren Abstand zwischen der Stadt oder dem Dorf und der Anlage herbeizuführen. Da Konflikte drohen, wie jeder ahnt, sobald ein solcher Beschluss gefasst ist, haben sich sieben Gemeinden in Oberbayern zusammen geschlossen und der Dienste Peter Beermanns versichert. Beermann hat Fachkenntnis, denn er besitzt in München ein Planungsbüro für Windanlagen. Eine Ausschreibung des Freistaates gewann er und so ist er nunmehr der Windkümmerer für die sieben oberbayerischen Gemeinden.

Wer ein Planungsbüro betreibt, dürfte der Erzeugung von Strom durch Wind nicht gänzlich abhold sein. Die 10-h-Regel hält Beermann für überdimensioniert. Gälte eine 3-h-Regel – folglich 600 Meter Pflichtabstand –, wäre schon viel erreicht und Robert Habeck glücklich. Der bayerische Sonderweg ist aus Beermanns Sicht jedoch nicht allein verantwortlich für das Hinterherhinken, es gibt ja auch noch den Artenschutz, der zwar notwendig sein mag, aber jede Planung um mindestens ein Jahr verzögert, wobei dann zumeist die Klagen der Verbände eintrudeln und die Genehmigung in die Länge ziehen. Der Milan und der Schwarzstorch sind besonders gefährdet.

Meine Weisheit entstammt einem vorzüglichen Artikel der FAZ vom Donnerstag. Sein Titel: Zwei Prozent. Er erzählt, wie komplex der Bau von Windrädern ist, vor allem dann, wenn eine Vorgabe der Regierung fehlt. Wobei wir bei Markus Söder wären, der sich mit der 10-h-Regel die Windanlagen vom Leibe hält, einerseits, sich aber andererseits als grünster aller CSU-Menschen zelebriert. Darin steckt jedoch eine andere Geschichte und damit ein anderer Artikel.

Den Windkümmerer gibt es erst seit einem Jahr. An einer empirischen Grundlage für Erfolg oder Misserfolg mangelt es deshalb noch. Die sieben Gemeinden sind geneigt, Windräder aufzustellen. In diesem Bestreben sind sie unterschiedlich weit. Eine prüft noch, ob eigentlich genug Wind herrscht, in einer anderen ist schon das Vermittlungsverfahren eröffnet. Arbeit für den Windkümmerer, versteht sich.

Vier Leben und hellwach bis zuletzt

Mit 88 saß er in einer Sendung bei Markus Lanz und erzählte, dass er in deutsche Schulen ging, um über Schuld zu reden. Das war vor fünf Jahren, und Hardy Krüger sah so beneidenswert aus wie immer: Hellwach die blauen Augen, das Haar noch voll und leicht verstruppelt, aber nicht so kunstvoll wie bei Boris Johnson. Das Blond war dem Weiß gewichen, so ist das nun mal im hohen Alter, das ihm äußerlich ansonsten erstaunlich wenig anhaben konnte. Er erzählte aus seinem Leben und er hatte einiges zu erzählen. Das Arrogante, das ihn wie ein Strahlenkranz als Filmstar umgeben hatte, war nicht ganz gewichen, in der Stimme klang sie immer noch an.

Hardy Krüger besaß eine deutsche Biographie wie aus dem Bilderbuch, Schrecken inbegriffen, Schuld natürlich auch. Im Elternhaus stand eine Büste Adolf Hitlers, den Vater und Mutter verehrten. Konsequent meldeten sie ihren Sohn Eberhard August Franz Ewald mit 13 auf einer NS-Eliteschule an, auf der die Nazis die nächste Generation für die Zeit nach dem Krieg formen und prägen wollten. Bald drehte er seinen ersten Film, Nazi-Propanda, was sonst: „Junge Adler“.

Ein folgsamer Junge seiner Eltern, so sah es aus. Ideologische Kontinuität wie erwünscht. Frühe Schuld könnte man sagen, aber er war ja nur ein Junge. Mit 16 (mit 16!) musste er in den Krieg an der Westfront ziehen. Als er sich in den allerletzten Kriegstagen weigerte, auf einen amerikanische Spähtrupp zu schießen, verurteilten sie ihn zum Tode. So ging es zu im März 1945, Saboteure und Deserteure töteten sie bis in die allerletzte Stunde. Doch Hardy Krüger blieb dieses Schicksal erspart, weil ein SS-Offizier einen Rest an Anstand besaß. Und so konnte Hardy Krüger desertieren und überlebte.

Es gibt auch die Schuld, die Überlebende empfinden, weil ihnen das Privileg zuteil worden war, zu überleben, wo rings um sie massenhaft gestorben wurde. Davon erzählte Hardy Krüger bei Markus Lanz und in den Schulen, und ich kann mir vorstellen, dass er aufmerksame Zuhörer fand. „Ich bin nicht verführt, ich bin falsch erzogen worden von meinen Eltern,“ sagte er häufig.

Wie viele Leben hat ein Mensch? Als Erwachsener hatte Hardy Krüger mindestens vier. Im ersten Leben war er ein deutscher Filmstar, der nach Hollywood ging und mit den Großen drehte: mit Richard Burton und John Wayne, mit Claudia Cardinale und James Stewart. Oft genug musste er den blonden, blauäugigen Nazi-Offizier spielen, zu dem er nach dem Willen der Eltern werden sollte. Nun machten ihn die typisch deutschen Attribute, es waren die 1960er Jahre, zum Weltstar.

Irgendwann erfüllte ihn das Schauspielern nicht mehr, vielleicht blieben auch die feinen Rollen aus, die ihn fasziniert hätten. Deshalb stieg Hardy Krüger um und begann sein zweites Leben, in dem er Dokumentationen für die ARD drehte, die er „Weltenbummler“ nannte. Darin erzählte er mit seiner sonoren Stimme von fremden Ländern und fremden Gebräuchen. Er reiste umher, traf überall Freunde (tatsächlich fast ausschließlich Männer), die ihm und damit dem Publikum erklärten, warum es dort anders zuging als daheim in Deutschland. Die Reihe gibt es heute noch als DVD.

Hardy Krüger war zum Weltbürger geworden. Er lebte in Hamburg, aber mehr noch in Amerika, zumal seine dritte Frau Anita aus Kalifornien stammte. Sein Sohn, den er auch Hardy nannte, stammt aus der zweiten Ehe mit einer italienischen Malerin. Das Verhältnis zum Vater war, milde gesagt, nicht das einfachste.

Hardy Krüger sen. freundete sich mit Helmut Schmidt an, was beiden ungemein schmeichelte. Er begann sein drittes Leben, das Schreiben von Romanen und Reiseberichten. Keine gehobene Literatur, aber interessant genug, um es auf Bestsellerlisten zu schaffen. Ihm gelang, was überhaupt nicht selbstverständlich ist: So oft er sich auch häutete, blieb er doch immer eine Figur des öffentlichen Lebens, wozu eben Auftritte wie bei Markus Lanz im hohen Alter gehörten.

In seinem vierten Leben wurde er politisch –  zum Demokraten, der gegen die neue Rechte anredete. Er trat der Amadeu Antonio Stiftung bei, wetterte gegen Pegida und AfD, gehörte zu den Gründern der Initiative „Gemeinsam gegen rechte Gewalt“. Den Nimbus, der ihn bis zuletzt umwehte, setzte er für die Demokratie ein. Vor einem Jahr noch sagte er in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“: „All diese Demagogen von AfD und Pegida, die nun in den Parlamenten sitzen, müssen wieder heraus gewählt werden.“

Das ist nun das Vermächtnis aus dem vierten Leben, das  Hardy Krüger, im stolzen Alter von 93 Jahren gestorben in Palm Springs, uns hinterlässt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was zum Hören: You destroyed me with a smile

Mal wieder ein Lied aus der Feder von Bob Dylan. Schreibt er Verse dieser Art, sagt er ja immer, sie seien einem magischen Moment entsprungen. Meine Güte, so viele magische Momente muss man erst einmal haben.

„Love sick“ ist das erste Stücke auf seinem 30. Album, das 1997 herauskam und „Out of My Mind“ heißt. Mir imponiert die Schlichtheit der Lyrik. Das Leichte ist das Schwerste, weiß man ja. Ich mag diese Liebesschwermutslieder, die zu Zimmy passen, zu seinen immer irgendwie erstaunten Augen, den hochgezogenen Augenbrauen, der ausdruckslosen Miene, der Menschenscheue, dem verwehenden Singsang. „You destroyed me with a smile“: geht’s besser?

Love Sick

I’m walkin‘
Through streets that are dead
Walkin‘
Walkin‘ with you in my head
My feet are so tired
My brain is so wired
And the clouds are weepin‘

Did I
Hear someone tell a lie?
Did I
Hear someone’s distant cry?
I spoke like a child
You destroyed me with a smile
While I was sleepin‘

I’m sick of love
That I’m in the thick of it
This kind of love
I’m so sick of it

I see
I see lovers in the meadow
I see
I see silhouettes in the window


I watch them ‚til they’re gone
And they leave me hangin‘ on
To a shadow

I’m sick of love
I hear the clock tick
This kind of love:
I’m lovesick


The silence can be like thunder
Sometimes
I wanna take to the road and plunder
Could you ever be true?
I think of you
And I wonder

I’m sick of love
I wish I’d never met you
I’m sick of love
I’m tryin‘ to forget you

Just don’t know what to do
I’d give anything to
Be with you

Wer oder was treibt Wladimir Putin?

Was hat er vor und warum geht er so vor? Diese Fragen stellt sich momentan so ziemlich jeder, der Anteil an der Welt dort draußen nimmt, sei es privat, sei es öffentlich. Eine plausible Antwort hier wie dort lautet: Weil Wladimir Putin entweder unter Druck steht oder, angesichts seines Alters, sein Erbe sortieren will.

Putin ist 69 Jahre alt. Er lässt sein Land größer und wichtiger erscheinen, als es in Wahrheit ist. In Syrien. In Libyen. Barack Obama nannte Russland abschätzig eine Regionalmacht, womit er Recht hatte, was aber für die Nachbarländer eine existentielle Gefahr bedeutet. An den Unruhen in Kasachstan ist Russland vermutlich nicht unbeteiligt. Belarus ist abhängig wie in den alten guten Zeiten, denen Putin nachtrauert, was Größe und Einfluss anbelangt. Schließlich die Ukraine: Krim annektiert, Unruhen im Donbass orchestriert. Und jetzt 100 000 Mann unter Waffen an der Grenze. 

Wer mit Alter und Erbe argumentiert, geht davon aus, dass Putin einen politischen Zweck erreichen will: die Garantie, dass die Nato förmlich auf die Aufnahme der Ukraine und auch Georgiens verzichtet. Kann sie nicht, sagt sie, die Nato. Wenn aber die Alternative Krieg oder Zugeständnis noch näher rückt, was dann? Dann sollte der Westen Putin entgegenkommen, schreibt Klaus von Dohnanyi in seinem neuen Buch. Oder Amerika gesteht unter der Hand Russland zu, was es unbedingt zugesichert haben will. 

Putin ist gar nicht der neue Zar, nicht der unumstrittene Alleinherrscher im Kreml, wie der Westen denkt, so geht die andere Spekulation über die Gründe für sein erpresserisches Verhalten. Der Gedankengang vollzieht sich so: Zwei Fraktionen stehen sich in Moskau gegenüber – hier Putin und seine Gefolgschaft, dort die Hardliner in Militär und Geheimdienst, die kalt und illusionslos auf die Welt schauen. An Putin kritisieren sie die Fixierung auf Europa und Amerika, wobei es aus ihrer Sicht ganz egal ist, was der Westen sagt und macht. Entscheidend ist, dass er ein Papiertiger ist. Folglich wird der Westen keinesfalls eingreifen, wenn Russland sein Terrain maximal sortiert und sich Verlorenes zurückholt, wozu eindeutig die Ukraine zählt. Warum nicht das Land angreifen und besetzen, zumal es dort ja zumindest eine starke Minderheit der Russland-Freunde gibt?

Die Machtverhältnisse in Russland kann jetzt Annalena Baerbock studieren, wenn sie morgen in Moskau Sergej Lawrow trifft. Größer könnte der Gegensatz nicht sein: Hier die Novizin, dort der Veteran, seit 18 Jahren im Amt, der Inbegriff zynischer Interpretation russischer Interessen und Putins Zweitstimme. Kein Zweifel, dass er die Riege deutscher Außenminister der letzten Jahre nicht besonders ernst nahm: Steinmeier, Westerwelle, Steinmeier, Gabriel, Maas. Und jetzt wird er eben kalt lächelnd der neuen Außenministerin den unverrückbaren Standpunkt herunterbeten, wie es seine Kollegen vorher beim Treffen mit der US-Delegation und im Nato-Russland-Rat herunter gelte haben: Sicherheitsgarantien oder ihr werdet schon sehen.

Übrigens traue ich Annalena Baerbock durchaus zu, dass sie die deutschen Interessen nachhaltig vertritt. Sie hat den Vorteil, dass auch Lawrow weiß, wie wenig sie von Nord Stream 2 hält, und die Gründe, die dagegen sprechen, nehmen ja fast täglich zu. Und jemand wie sie, die mit frischen Augen den alten Haudegen studieren kann, kommt sicherlich mit neuen Eindrücken zurück, die vielleicht die Frage klären hilft, was Putin treibt: das Alter oder die Hardliner.

Allerdings muss auch die neue deutsche Regierung einsehen, dass sich der Konflikt zwischen Amerika und Russland abspielt und niemandem sonst. Das liegt schon einmal an Putins Ehrgeiz, als Großer nur mit den Großen dieser Erde zu verhandeln. Europa, und damit Deutschland, bleibt allein die Rolle des Vermittlers, wenn es hoch kommt. Und Vermittlung zwischen den Antagonisten könnte bald noch wichtiger werden.

Das Problem des Westens besteht ja darin, dass es ziemlich egal ist, ob Putin von seinem Alter oder von den Gegnern in Moskau getrieben wird. Wenn er nicht bekommt, was er will, wenn ihm lediglich ein Angebot gemacht wird, dass er eigentlich nicht annehmen kann, bleibt ihm nur diese Alternative: unehrenhafter Rückzug oder Angriff auf die Ukraine und Besetzung.

Und für Wladimir Putin ist das keine echte Alternative.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Kleine Bitte um Überraschung

Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident bleiben. Seine Wiederwahl wird überwältigend ausfallen. Alle sind für ihn, mit Ausnahme der Linken, die einen eigenen Kandidaten aufstellt, den man wegen seiner Aussichtslosigkeit als Zählkandidaten bezeichnet, und auch mit Ausnahme der AfD, die Max Otte präsentiert, der jetzt Probleme mit der CDU bekommt, seiner eigentlichen Partei.

Steinmeier also. Die bekannte Größe. Stabilität in einer Zeit, in der eine neue Regierung mit einer neuen Koalition Neues anstrebt und zu allem Überfluss in der Pandemie feststeckt und sich auch mit einer Impfpflicht auf Neuland bewegt, wobei die inneren Fliehkräfte mühselig gebändigt werden müssen, weil die FDP Kompromisse einzugehen gezwungen ist, die ihr zutiefst widerstreben. Na ja.

Stabilität in unübersichtlichen Verhältnissen tut gut. Kann man also leicht rechtfertigen. Wäre eine bis dahin der Öffentlichkeit unbekannt gebliebene Frau nicht Bundestagspräsidentin geworden, hätten Steinmeier Probleme erwartet. So aber hat Bärbel Bas, die man mit einigem Recht als Alibi-Frau bezeichnen kann, dem Präsidenten die zweite Amtszeit gerettet. Wäre Rolf Mützenich Bundestagspräsident geworden, was die eigentliche Option war, wäre der Ruf nach einer Frau in einem Spitzenamt erschallt, von den Grünen, der FDP. Und die CDU/CSU hätte mit einer respektablen Kandidatin den Keil in die Koalition getrieben. Hätte sie gerne, kann sie unter diesen Umständen aber nicht.

Dass Steinmeier sich vor etlichen Monaten selbst um Wiederwahl bewarb, was für einen Bundespräsidenten ungewöhnlich ist, denn üblicherweise sagt irgendjemand, vornehmlich der Kanzler oder die Kanzlerin, er halte den Amtsinhaber für unbedingt geeignet, das Land weiterhin für fünf Jahre zu repräsentieren: geschenkt. Er darf jederzeit sagen, was er will. Und dass er und seine Frau das Land vorzüglich vertreten, ist Herrschaftsmeinung.

Steinmeier sagt viel Richtiges. Er ist ungemein sympathisch, im persönlichen Umgang locker und menschenfreundlich, was nach so langer Zeit in der zweiten und ersten Reihe der deutschen Politik durchaus eine Charakterleistung darstellt. Er unterstützt die Regierung, er flankiert sie, er hilft ihr. Mit einem SPD-Kanzler mag ihm das noch beschwingter gelingen. Der Status quo ist bei ihm in guten Händen, genauso wie die geschmeidige Reform. Das Erwartbare ist sein Fluidum. So ist er, so kennen wir ihn.

Ich persönlich würde mich aber auch mal gerne überraschen lassen.

Er ließ weiße Rassisten ins Leere laufen

Für mich wird Sidney Poitier immer dieser unfassbar gut aussehende Detective bleiben, der tief unten in Mississippi stoisch für Gerechtigkeit sorgt, an der Rod Steiger, der weiße Rassisten-Sheriff, überhaupt nicht interessiert ist. Im Film war es damals, wie es heute noch in der Wirklichkeit ist: Der weiße Polizist verhaftet einen Schwarzen, der schon mal deshalb verdächtig ist, weil er schwarz ist, und es ist ihm ziemlich egal, ob der Mann schuldig ist oder nicht, die Hauptsache bleibt doch, dass der gewaltsame Tod des reichen Weißen ganz schnell aufgeklärt wird.

„In the Heat of the Night“ hieß der Film. 1967 kam er in die Kinos. Zum ersten Mal sah ich, wie es in einer kleinen Stadt wie Sparta zugeht. Die Hitze, das Fiebrige des Rassismus, die tiefe Ungerechtigkeit der Spaltung Amerikas in Schwarz und Weiß, die Wunde der Rassentrennung, die sich bis heute nicht geschlossen hat: Der Film als Spiegelbild der Verhältnisse. Poitier überlebt den Irrsinn nur deshalb, weil er in Wahrheit ein Detective aus dem Norden ist und nicht das ohnmächtige Opfer, das Steiger aus ihm machen will.

Im Film gibt es einen kleinen beispielhaften Dialog zwischen Steiger und Poitier, den ich heute noch aufsagen kann. Steiger fragt: „“Wie nennt man dich, Boy?“ Poitier antwortet: „Man nennt mich Mr. Tibbs!“ Ja, so kann man Rassisten ins Leere laufen lassen.

Hollywood schrieb auf Poitier Filme zu, in denen sich Schwarz und Weiß am Ende versöhnen. Der Weiße lernt, dass der Schwarze auch ein Mensch ist, so einfach kann das sein. Schön wäre es, Amerika hätte daraus fürs vorurteilsfreie Zusammenleben der Rassen gelernt, was ihm die Fiktion zu bedenken gab. So bleibt es die Tragik dieser Nation, dass sie sich nicht mit sich selber versöhnen kann.

Hollywood kalkulierte damals schon zynisch, was denn sonst. Dieser schöne Schwarze war dem weißen Publikum zumutbar, so dachten die Mogule des Filmgeschäfts. So dachten sie ihm Rollen zu, in denen er der den Weißen den Haß nahm. Rod Steiger, der Rassist, bringt am Ende Sidney Poitier zum Zug. Tony Curtis, der in „Flucht in Ketten“ den Rassisten spielt, lernt Sydney Poitier schätzen, als er auf ihn angewiesen ist.

Sidney Poitier war ein Pionier. Er war der erste schwarze Schauspieler, der richtig gute Rollen erhielt. Er war der erste schwarze Schauspieler, der einen Oscar bekam. Das war 1964 für eine alberne Komödie namens „Lilien auf dem Felde“, in der er einen Gelegenheitsarbeiter spielt, der auf fünf Nonnen trifft, die aus der DDR geflüchtet sind, aber egal wie töricht das Drehbuch auch ausfiel: Hollywood setzte mit diesem Oscar ein Zeichen mitten im Rassenkrieg, und darauf kam es an.

Mit seinem Ruhm bahnte Poitier Jüngeren wie Denzel Washington, Morgan Friedman, Whoopi Goldberg  oder auch Idris Elba den Weg. Nach seinem Tod werden sie ihn dafür rühmen, zurecht.

Zeitweise war Sidney Poitier der bestbezahlte Schauspieler Amerikas. Klugerweise lehnte er bald klischeebeladene Rollen ab. Er kannte seinen Stellenwert, er wusste sehr wohl, was ihm Hollywood zudachte, und ging behutsam mit seinen Möglichkeiten um. Persönlich war er schüchtern, musste sich erst seinen karibischen Dialekt abtrainieren, weil er auf den Bahamas aufgewachsen war. Er besaß kaum Schulbildung und war als Schauspieler ein bestaunenswerter Naturtalent. Ihm war diese coole Eleganz eigen, die ihn in den 1960er Jahren zum Star machte. Von ihm sagten seine Verächter, die es auch unter Schwarzen gab, er sei der Traum der Weißen von einem Schwarzen.

So kann man das sehen, und auch von Michael Jordan, dem besten Basketballspieler aller Zeiten sagte man, bei ihm vergäßen die weißen Zuschauer seine Hautfarbe. Aber Jordan wie Poitier suchen es sich nicht aus, sie gehen ihrem Beruf nach, in dem sie Ausnahmekönner sind. Deshalb werden aus ihnen große Stars und damit gewaltige Projektionsflächen. Was andere in ihnen sehen, Schwarze wie Weiße, dafür sind sie jedoch nicht verantwortlich. Verantwortlich sind die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Zugleich aber verkörpern herausragenden Menschen wie Sidney Poitier die beste Hoffnung darauf, dass Amerika dereinst seinen Rassismus hinter sich lassen könnte.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Alles Gute, „Spiegel“

Mein altes Blatt ist 75 geworden. Glückwunsch und alles Gute. Ich mag es nach wie vor, auch wenn es sich gewaltig geändert hat. Genauer gesagt, muss ich nicht gut finden, wie es sich geändert hat, aber wäre es so geblieben, wie.es einmal war, wäre der Schrumpfungsprozess noch weiter gegangen.

Ich kam am 2. September 1990 zum „Spiegel“. Als Ressortleiter Innenpolitik. Bonn war noch die Hauptstadt und gerade in den linksliberalen Zirkeln der 68er-Generation war der Glaube verbreitet, daran würde sich nichts ändern. Darüber hatte ich mich schon mit den Kollegen in der „Zeit“ gestritten. Rund um die Wiedervereinigung erwiesen sie sich als die Wertkonservativen, als die Freunde der Unveränderlichkeit der Verhältnisse. Sie bauten darauf, dass die Alliierten auch so dachten und steckten voller Abneigung gegen Kanzler Kohl, so dass sie ignorierten, wohin die Geschichte lief. Daran wollen sie heute nicht erinnert werden, die 68er-Rentner.

„Der Spiegel“ war groß, damals. Sturmgeschütz der Demokratie. Die „Spiegel“-Affäre hatte ihn groß gemacht. Die Aufdeckung von Skandalen und Affären wie „Neue Heimat“, Flick, Barschel etc. hielt ihn groß. Schlagkraft war das Leitmotiv. Feinsinn blieb der „Zeit“ vorbehalten. Im „Spiegel“ gab es die Heranschaffer, die bald Rechercheure genannt wurden, und es gab die Zusammenschreiber, das war die Aufgabe der Ressortleiter in Hamburg. Mächtig waren sie, vor allem intern. Schreiben konnten sie, was die Heranschaffer selten konnten. Eine glasklare Arbeitsteilung. Alle verdienten sie gut, die beim „Spiegel“ angestellt waren, verdammt gut. Von heute auf morgen bekam ich das Doppelte meines „Zeit“-Gehaltes.

Es waren die letzten Tage des Monopols als Nachrichtenmagazin, wobei der Name ein Witz war, denn es ging immer um die Bewertung der Nachrichten, weit mehr als um die Nachrichten selber. In den 1950er Jahren hatte Rudolf Augstein den „Spiegel“ als Kampfblatt gegen Adenauer und Strauß populär gemacht. Gegen Adenauer, weil der Kanzler die Westbindung über die Wiedervereinigung stellte, ein Zug zum Nationalen, der ihn im Alter einholte. Gegen Strauß, weil er von Atombewaffnung träumte und zum Autoritären neigte, was ihn einerseits mit Augstein verband und gerade deshalb von ihm trennte. Peter Merseburger hat über den „Spiegel“ jener Tage ein sehr gutes Buch geschrieben.

Der „Spiegel“ liebte Feinde und suchte sie sich sorgfältig aus. Der „Spiegel“ liebte Freunde und suchte sie sich wahllos aus. Freunde des Hauses schrieb er hoch und wieder runter. Willy Brandt. Helmut Schmidt. Oskar Lafontaine. Joschka Fischer. Gerhard Schröder. Otto Schily. Kurt Biedenkopf. Martin Schulz. You name it.

Ein Segen für das Haus war der Mann, den alle ablehnten: Stefan Aust. Der Verlust des Monopols durch das rasante Aufkommen des „Focus“ kostete einige Chefredakteure den Job. Erst dann konnte Rudolf Augstein diesen Stefan Aust, einen Fernsehmann, als Chefredakteur durchsetzen. Das Haus stand Kopf. Aust sagte anfangs Geniales: Tolles Blatt, große Tradition, an der er unbedingt festhalten wollte. Dann startete er die Revolution, die das Blatt rettete: Farbfotos! Namen! Klare Gliederung! Reporter!

So muss man das machen: Zuerst sagen, alles toll, nichts zu verändern, und dann den Laden auf den Kopf stellen. Davon kann jeder Kanzler, jeder CEO lernen.

Der Tod Rudolf Augstein bedeutete die größte Veränderung. Dass die Redaktion die Hälfte des Ladens besaß und den Chefredakteur bestimmte, stand bis dahin nur auf dem Papier. Am Ende bestimmte einer: der Alte. Als er tot war, musste und durfte die KG sein, was sie besser nie hätte sein sollen. die mächtigste Instanz im Haus. Sie wählte Geschäftsführer und Chefredakteure, die kamen und schnell wieder gingen. Sie griff daneben, korrigierte sich, indem sie wieder daneben griff. Na ja.

Stabil scheint mir der Laden heute zu sein. Opposition will er bleiben und muss er wohl auch, egal wer regiert. Das Starkstromdeutsch nimmt gelegentlich überhand, wie früher auch, vielleicht jetzt öfter, aus Unsicherheit in unsicheren Zeiten. Staatsversagen ist ein ungeheures Wort, das man vorsichtig gebrauchen sollte. Kleiner Hinweis am Rande.

Happy Birthday, altes Haus! Alles Gute und gelegentlich ein feines Händchen.

Fünf, auf die es ankommt

Wenn ich Zwanziger Jahre höre, denke ich automatisch an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, Ende der Monarchie, Babylon Berlin, Sie wissen schon. Ich muss mir ins Gedächtnis rufen, dass die Zwanziger ja Gegenwart sind, was denn sonst. Ist wohl so eine Eigenart, oder geht es Ihnen manchmal auch so?

Zwanzigzweiundzwanzig also. Gedämpfte Stimmung allerorten. Politisch wie privat. Die Pandemie ist wie die Dementoren in den Harry-Potter-Büchern: Sie entzieht uns Energie, zapft Lebenssaft ab, macht uns frieren. Wie gut, dass die Herren Drosten und Lauterbach neuerdings zum Optimismus neigen und uns damit trösten, dass Covid-19 im Herbst endemisch werden kann – keine neuen Varianten, die uns das griechische Alphabet beibringen, regelmäßiges Impfen, sonst nichts. Wenn das keine gute Nachricht ist, weiß ich nicht, was eine gute Nachricht sein soll.

Was steht an? Wenig vermag ich den Olympischen Winterspielen in Peking abzugewinnen. Ich fahre gern Ski und bewundere Menschen, die von sagenhaft hohen Schanzen sagenhaft weit hinunter fliegen und bombensicher landen. Auch finde ich Biathlon spannend, aber ich ziehe es vor, wenn solche Wettbewerbe in Finnland oder Schweden, in Italien oder Österreich stattfinden. Alles was in China stattfindet, ist zuerst und zuletzt Propaganda für dieses riesige Land, das damit seinen Herrschaftsanspruch auf Weltgeltung untermauert. Das Mindeste, was man tun kann, ist nicht hinzufahren, wie es die deutsche Außenministerin angekündigt hat und die ganze amerikanische Regierung auch.

Nicht weniger absurd ist die Fußballweltmeisterschaft in Katar am Jahresende. Ich liebe Fußball und kämpfe tapfer Regungen meines Verstandes nieder, der mir einredet, ich sollte endlich einsehen, dass der Kapitalismus meinen Kindertraum schon längst pervertiert hat. Im Kopf weiß ich, dass die Super Liga die logische Konsequenz ist, weil es dann nur noch um die Verteilung von irrsinnig viel Geld unter ganz wenigen Klubs geht, notfalls auch ohne Zuschauer. Das WM-Endspiel findet am 18. Dezember statt, absurd.

Kommen wir zur Politik im engeren Sinn. Auf fünf Leute setze ich in diesem Jahr, in dem wir schon mal aus Überlebenstrieb zu mehr Optimismus verdammt sind. Nicht nur Deutsche sind darunter, aber Europa ist ja ohnehin wichtiger als seine Nationalstaaten.

Nummer 1: Christine Lagarde, weil sie als Präsidentin der Europäischen Zentralbank dafür verantwortlich ist, welchen Zinssatz wir beim Kauf einer Wohnung, eines Hauses oder wofür wir auch immer einen Kredit aufnehmen mögen, bezahlen müssen. In der Weltfinanzkrise und der Eurokrise, Stichwort Griechenland, aber auch während der Pandemie hat die EZB vieles richtig gemacht, was sie auch hätte falsch machen können. So darf es bitte weitergehen.

Nummer 2: Mario Draghi, der Lagardes Vorgänger war („Whatever it takes“) und nun ein Segen für Italien ist, dem er als Ministerpräsident dient. Weniger Italiener als Draghi kann kein Italiener sein und er hat ein bisschen vom Unmöglichen schon in kurzer Zeit wahr gemacht, und ihm möge noch viel Zeit beschieden sein, damit er noch mehr vom Unmögliche möglich machen kann – Reformen an Haupt und Gliedern für das Land, an dem schon ganz andere gescheitert sind. Nun möchte Silvio Berlusconi, mit 85 endgültig zu zombiehafter Erscheinung durchoperiert, Staatspräsident werden. Doch Draghi scheint mir jemand zu sein, den nichts erschüttern kann. Möge er seinem Land und Europa lange erhalten bleiben.

Nummer 3: Emmanuel Macron. Frankreich wählt am 10. April seinen Staatspräsidenten. Macron ist erst 44 Jahre alt, immer noch verdammt jung. Einer der groß denkt, oft größer, als er springen kann, aber egal, die Welt steckt voller Kleingeister, so dass ein Großgeist angenehm auffällt. Soweit bedenkenswerte Initiativen für die Fortentwicklung Europas in den vergangenen Jahren hörbar wurden, kamen sie aus Paris und stießen auf Schweigen, vor allem in Berlin. Muss ja nicht so bleiben. Europa kann jedenfalls nur hoffen, dass Frankreich nicht durchdreht und einen Querschläger wie Eric Zemmour eine Chance gibt, gegen den Marine Le Pen  fast schon wieder seriös wirkt. Eine Erleichterung wäre es, dürfte Macron, der Springteufel, im Elysee bleiben.

Nummer 4: Olaf Scholz, für den es noch viele Debüts geben wird, national wie international, die er mit dieser Nüchternheit absolvieren wird, die wir vielleicht sogar bald schätzen lernen. Hier haben wir einen Kanzler, der es sich angewöhnt hat, sein Pensum herunter zu spulen, der sich aber auch ein paar Sätze zurechtgelegt hat, die mir gefallen: Wir sind kein gespaltenes Land, es gibt eine solide Mehrheit und die Demokratie-Verächter sind eine kleine, radikale Minderheit. Lasst uns einander Respekt zollen, sagt er auch, das zeichnet die Demokratie aus. Das Einfache zu sagen, ist oft das Schwerste. Mal schauen, wie lange er diesen wohl klingenden Grundton durchhält. Möglichst lange, will ich hoffen.

Nummer 5: Annalena Baerbock. Bei den Kleingeistern unter den Grünen laufen Wetten, wie lange es die Annalena ohne Fehler durchsteht und wann Cem Özdemir an ihre Stelle tritt und Anton Hofreiter endlich Landwirtschaftsminister werden darf. Ja, Parteifreunde reden so. Muss man sich nichts bei denken. Aber sie müssen ja nicht recht bekommen. Die Grünen haben die besten Minister, die sie haben können. An ihrer Intelligenz scheitern sie bestimmt nicht, am Durchhaltevermögen hoffentlich auch nicht. Die Klimawende fängt mit dem Trassenbau an, der Strom aus dem Norden in den Süden bringt. Müssen sie durchsetzen, was denn sonst. Fleisch soll teurer werden, ist richtig so, dann macht mal. Nord Stream 2? Dann eben nicht ans Netz. Wer die Sache bewegen will, macht sich Feinde. Ist so. Geht gar nicht anders. 

Ruhiger als 2021 wird es 2022 bestimmt nicht. Hoffen wir das Beste, was bleibt uns schon übrig. Für Optimismus müssen wir schon selber sorgen und ich finde, es gibt den einen oder anderen guten Grund dafür. Außerdem: Das Leben ist zu kurz für schlechte Laune und schlechten Wein..

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der gelungene Twist

Zur Entspannung habe ich mir in den letzten Tagen mehrere Filme angeschaut, die sich durch überraschende Wendungen auszeichneten, deren Logik sich erst im Nachhinein erschlossen. Ich mag es, wenn ich aus der sicheren Erwartung, wie sich die Handlung entwickeln wird, herausgerissen werde. Natürlich muss trotz aller Bereitschaft zur Verblüffung Folgerichtigkeit beim Umschwung herrschen, aber aus keinem der Filme kam ich enttäuscht heraus. Für mich liegt darin das Hitchcockhafte der Handlung.

Zwei Filme ragen heraus: „Dream House“ mit Daniel Craig, Rachel Weisz und Naomi Watts, und „The Woman in the Window“ mit Amy Adams und Gary Oldman.

„Dream House“: Daniel Craig nimmt Abschied von einem gut bezahlten Job in einer gut beleumdeten Zeitung in Manhattan und besteigt einen Vorortzug, der ihn in eine Kleinstadt weit weg vom Stadtmoloch bringt. Seine Frau, Rachel Weisz, und seine beiden Töchter erwarten ihn. Sie kann es gar nicht glauben, dass er seinen Vorsatz verwirklicht hat, seinen Job zu kündigen und hierin der neuen Umgebung ein Buch zu schreiben, für das er schon einen Vertrag besitz. Sie freut sich maßlos über das neue Leben unter den neuen Umständen.

Das Haus ist groß und schön. Die Familie ist vorbildhaft glücklich. Allerdings tauchen alsbald einige Seltsamkeiten auf, die das Idyll stören. Ein Mann schleicht ums Haus. Die Nachbarin, Naomi Watts, ist freundlich, aber schweigt auf Fragen, wer denn zuvor in diesem Haus gelebt hatte. Allmählich schält sich heraus, dass die Vorgängerfamilie einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel: Frau tot, Kinder tot, der Mann, offensichtlich der Mörder, schwer verletzt und eingeliefert in die Psychiatrie. Schlimmer noch, dieser Mörder, dieser Peter Ward, ist gerade aus dem sicheren Gewahrsam entlassen worden und womöglich derjenige, der ums Haus schleicht. Noch seltsamer, dass die Polizei keinerlei Anstalten macht, dem Verdacht nachzugehen, dass die neue Familie möglicherweise beschattet und bedroht wird. Man denkt, die Handlung dreht sich nun darum, wie Daniel Craig seine Familie vor diesem Peter Ward schützt und ihn am Ende umbringt. Weit gefehlt.

Daniel Craig stellt nun selber Nachforschungen an, begibt sich in die Psychiatrie, fragt nach Peter Ward und bekommt Fotos gezeigt, auf denen Peter Ward zu sehen ist. Er schaut sich diese Fotos immer wieder an, er kann es nicht fassen, denn dieser Mann mit dem verwilderten Bart ist ihm bekannt. Tatsächlich mehr als bekannt, denn er erkennt sich in ihm, er ist es selber. Er ist Peter Ward. Er ist der Mörder seiner Familie. Ja, er ist entlassen worden, aber aus der Psychiatrie. Nicht die Redaktion in Manhattan hat er aus freien Stücken verlassen, um ein neues Leben anzufangen. Etliche Jahre hat er in der geschlossenen Anstalt in der Kleinstadt verbracht und wurde vor kurzem als geheilt zurück ins Leben geschickt. Nun versteht er, dass er in seinem Wahn seine Frau und seine Kinder in seinem Haus gesehen hat, als sie glücklich miteinander waren, vor dem Tag der Katastrophe. In Wahrheit sind die drei tot, offenbar getötet von ihm, von seiner Hand. Er geht zurück zu dem Haus, in dem er einst mit seiner Familie gelebt hatte. Es ist heruntergekommen, steht seit Jahren leer, unbewohnbar. Dieses Haus ist als das Mordhaus in der Kleinstadt bekannt. Niemand will darin wohnen, niemand will es kaufen.

Peter Ward bricht in sein altes Haus ein, geht durch die Räume, redet mit seiner Frau, als wäre sie am Leben, aber diesmal mit dem Zweck heraus zu finden, was an jenem Tag passiert ist, als sie und die Kinder starben und er schwer verletzt wurde. Die Nachbarin, Naomi Watts, sieht ihn und nimmt ihn bei sich auf. Sie hat eine Tochter und einen Ex-Ehemann, der eine gewalttätige Gestalt ist, und ihr schwere Vorwürfe macht, dass sie diesen Peter Ward, diesen Mörder seiner Frau und seiner Kinder, im eigenen Haus aufnimmt und damit sich und ihre Tochter gefährdet.

Es passiert einiges, natürlich Wildes und Gewalttätiges. Naomi Watts und DanielCraig/Peter Ward werden beschossen, das alte Haus geht in Flammen auf. Und jetzt stellt sich heraus, was wirklich geschah: Der Ex-Ehemann von Naomi Watts hatte einen Killer damit beauftragt, seine Frau umzubringen, damit er das Sorgerecht für die Tochter bekam und die verhasste Ehefrau los wurde. Der Auftragsmörder war aber ins falsche Haus eingedrungen und hatte die Frau, Rachel Weisz, getötet und konsequent auch die beiden Töchter, als er seinen Irrtum bemerkte und nicht mehr zurück konnte. Daniel Craig/Peter Ward aber bekam eine Kugel in den Kopf und überlebte, wobei jedermann ihn für den Mörder hielt und er sich selber auch.

Die letzte Szene zeigt Daniel Craig/Peter Ward in Manhattan. Er geht an einem Buchladen vorbei, im Schaufenster steht sein Buch mit dem Titel „Dream House“.

Das Fluidum solcher Filme ist die Spannung, die durch den grundstürzenden Twist entsteht. Wir identifizieren uns mit der leidenden Hauptfigur, die nicht weiß, wie ihr geschehen ist. Wir gehen mit ihr auf den Weg zur Wahrheit, erkennen mit ihr langsam, aber sicher, was wirklich passiert ist und wer für die Katastrophe verantwortlich ist, welche als Ursache für die Verwirrung dient.

Dann wird sie an ihrem Fenster Zeugin eines Mordes: an der Mutter. Sie ruft, außer sich, die Polizei, die auch kommt und plötzlich mit der vollständigen Familie von drüben in Amy Adams‘ Haus steht. Die Frau, die sich als die Mutter ausgibt, sieht anders aus als die Frau, die bei ihr zu Besuch war, aber Vater und Sohn bestätigen: dass ist die Frau und Mutter von gegenüber. Zu den Polizisten gehört ein verständnisvoller Beamter, der alleine mit ihr redet. Dabei stellt sich heraus, dass Amy Adams‘ Ex-Ehemann und ihr Kind in Wahrheit tot sind. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass Amy Adams dafür verantwortlich ist. Sie saß am Steuer des Wagens, als ihr Mann ihr eröffnete, so gehe es nicht weiter, das Ganze sei eine Farce, eine Scheinheiligkeit, die er nicht mehr ertrage. Sie sagt, aber es waren doch schöne Tage, dieses Weihnachten, und sie möchte nicht, dass es endet. Das Telefon klingelt, sie will nicht rangehen. Er sagt, dass ist doch bestimmt er, ihr Liebhaber, mit dem sie „fremdgefickt“ hat, weshalb es mit ihrer Ehe vorbei sein muss. Er will den Anruf entgegennehmen, sie versucht es zu verhindern. Mann und Frau ringen um das Handy, dabei verliert sie die Herrschaft über den Wagen. Schwerer Unfall. Mann und Tochter tot. Damit ist der Grund für ihre Agoraphobie geklärt.

Amy Adams überwacht jetzt noch intensiver das Haus gegenüber. Wieder kommt der Junge herüber, doch ist er nun ein ganz anderer Junge, ein Psychopath. Er brachte die Frau um, die Amy Adams besucht hatte. Sie war die leibliche Mutter des Jungen. Der Junge bringt auch den Mieter im Souterrain um und will Amy Adams zuschauen, wie sie stirbt, denn das ist das Schönste für ihn, das Zuschauen, wie aus dem Menschen, den er umbringt, das Leben ganz langsam entweicht. Aber sie wehrt sich und bringt ihrerseits ihn um. Der nette Polizist, der ihr die Wahrheit über sie selber sagte, entschuldigt sich bei ihr. Sie hatte recht, sie war nicht verrückt. Die ganze Familie von gegenüber, die aus Boston floh, weil der Junge der Geliebten des Vaters beim Aushauchen des Lebens zugeschaut hatte, wird nun verhaftet.

Der Schluss: Amy Adams verlässt das Haus, an das sie wegen des katastrophalen Unfalls gebunden war. Es steht zum Verkauf. Ihr Leben kann nun weitergehen, irgendwo.

Beide Filme sind sehr gut konstruiert und komponiert. Beide Filme haben hervorragende Schauspieler. Amy Adams drehte vorzügliche Filme hintereinander, angefangen mit „American Hustle“. Gary Oldman bleibt leider nur eine kleinere Rolle, die er wunderbar füllt. Daniel Craig spielt für mich zum erstmal eine düstere Charakterrolle und macht das sehr gut. Die Regisseure Joe Wright und Jim Sheridan („Dream House“) sagen mir nichts, bauen aber äußerst geschickt die Spannung auf, die mich nicht los ließ.

Mehr als gute Unterhaltung. Hitchcock-Schule eben.