Klug, urteilssicher und amüsant

Natürlich hätte man von ihr gerne noch gewusst, was sie von Putin hält und ob sie glaubt, dass er es bei der Ukraine beläßt. Madeleine Albright gehörte zu den Menschen, die klare Meinungen ihr eigen nennen und damit nicht hinter dem Berg halten. Ihre Stimme war kraftvoll und vibrierte in den höheren Tönen. Damit erreichte sie Kultstatus, der ihr Gastauftritte bei den „Gilmore Girls“ und in „Madame Secretary“ bescherte. Natürlich war sie ein ernsthafter Mensch, gebildet, lehrte in Georgetown, war die erste Außenministerin der USA, aber sie war auch amüsant und nahm sich selber nicht blutig ernst. Schöne Charakterzüge. 

Mit Joschka Fischer verstand sie sich richtig gut. Sie mochte ihn, den Autodiktaten, der oft so angestrengt wirkte, weil er sich und der Welt unbedingt beweisen wollte, dass er so gut wie ein geborener Außenminister war. Sie wurde in Prag geboren, kam aus einer Diplomatenfamilie, bürgerlicher geht es kaum. Er stammte aus einer ungarischen Familie, weitaus kleinere Verhältnisse.

Vielleicht wirkte das Gegensätzliche weniger als das Gemeinsame: die Wurzeln in einem anderen Boden, die Flucht, und die nicht einfache Ankunft in einem anderen Land. Das Mütterliche in ihr richtete sich freundlich auf ihn aus und so wurde aus Madeleine und Joschka ein vorzügliches Tandem auf der Weltbühne. Sie sagte über ihn: „Er ist eine der klügsten und moralischsten Persönlichkeiten, die ich kenne.“ Dieses Urteil bildete sie im Kosovo-Krieg, den beide hochmodisch begründeten.

Ihre Eltern hatten 1938 gerade noch im letzten Augenblick die Tschechoslowakei verlassen und die kleine Madeleine wuchs in Amerika auf. Sie beriet etliche demokratische Präsidentschaftskandidaten, eher Verlierer, die heute vergessen sind, mit der Ausnahme Jimmy Carter. Sie pendelte zwischen Universität und Politik, die sie faszinierte und anzog. Sie war 58 Jahre alt und Bill Clintons Kandidatin für das Außenministerium, als sich ihr Leben im Jahr 1996 auf den Kopf stellte.

Ihre Eltern hatten ihr nie erzählt, dass sie jüdischen Glaubens waren und viele Familienmitglieder im Holocaust umgebracht worden waren. Dass erfuhr sie detailliert zum ersten Mal von einem Reporter der „Washington Post“. Er sei plötzlich an sie herangetreten „und zeigte mir eine List von Nazi-Opfern mit den Namen meiner Verwandten. Es war eine Sache, von meinen jüdischen Wurzeln zu erfahren, eine ganz andere, mit dem Horror des Todes in den Lagern konfrontiert zu werden“, sagte sie dem „Spiegel“ vor einem Jahr.

Vor knapp 30 Jahren waren Frauen in herausragenden Ämtern noch eine Seltenheit. Es war ziemlich schlau, dass sie daraus Symbolik schlugen. Margaret Thatcher setzte ihre Handtasche wirkungsvoll ein, zückte sie we ein Schwert und platzierte sie lautmalerisch neben sich. Madeleine Albright fiel durch ihre überdimensionierten Broschen auf, die sie maximal auffälligem Revers  trug. Angeblich verband sie damit politische Botschaften an jeweilige Gesprächspartner, was natürlich  Quatsch war, aber sie hat sich ganz bestimmt über die Beschäftigung der Journalisten mit Nebensächlichkeiten amüsiert.

Nach ihrer Zeit als Außenministerin schrieb sie Buch auf Buch, war gefragt und ließ sich gerne fragen, reiste umher und suchte Freunde wie Joschka Fischer auf. Ihre Bemerkungen über Putin waren stets von tiefem Misstrauen geprägt. Sie warf ihm falsches Spiel vor, traute ihm viel zu und ermahnte westliche Politiker zur Vorsicht im Umgang mit ihm und zu Klartext im Gespräch, das auch. Tja, sie war eben klug aus historischer Erfahrung. Die jungen Frauen an den heutigen Schalthebeln der Macht können von Madeleine Albright lernen, wenn sie mögen.

Am Mittwoch starb sie nach längerer Krankheit an Krebs.

Veröffentlich auf t-online.de, gestern.

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Der große Gescheiterte

Oskar Lafontaine ist der große Gescheiterte der deutschen Politik. Er wollte viel, war ungemein begabt, ein guter Redner, ein Menschenfänger in seinen besten Zeiten. Mit einer einzigen Rede fegte er einen Vorsitzenden hinweg, das war Rudolf Scharping, an den sich nur noch die Älteren unter uns erinnern, mühsam. Mit seinem Mangel an Begeisterung für die Wiedervereinigung war Lafontaine ein Solitär unter den führenden Sozialdemokraten und entzweite sich deshalb mit Willy Brandt, seinem Vorbild und Mentor.

Natürlich ist Lafontaine auch eine tragische Figur, weil eine geistig verwirrte Frau ihm ein Messer in den Hals rammte, das war am 25. April 1990. Er gönnte sich keine längere Rekonvaleszenz, sondern stieg bald wieder ins Geschäft ein. Dass er fortan noch misstrauischer gegenüber Menschen war, die es gut mit ihm meinten, dass er sich nicht nur innerlich, sondern äußerlich isolierte, hängt vermutlich mit der geringen Ruhezeit nach dem Attentat zusammen. 

Es ist seltsam, dass zwei herausragende Figuren deutscher Politik kurz hintereinander Opfer von Attentaten in der wilden Zeit rund um die Wiedervereinigung wurden, erst Lafontaine und dann am 12. Oktober 1990 Wolfgang Schäuble. So verschieden diese beiden politisch und kulturell auch waren, so gut verstanden sie sich als Schicksalsgenossen. Miteinander konnten sie offen reden, vielleicht haben sie sich sogar wechselseitig ein bisschen therapiert. Beide machten so schnell wie möglich wieder weiter mit der Politik, eigentlich vom Krankenbett aus. Beide kamen trotz der schrecklichen Zäsur in die Nähe des Kanzleramtes, das sie sich trotz alledem zutrauten, und scheiterten dann an einem Größeren.

Lafontaine scheiterte an Gerhard Schröder, den er nicht ganz ernst nahm, dem er sich überlegen fühlte. Lafontaine, nicht Schröder, war der Liebling der deutschen Linken in den Anfängen der Ökologiebewegung und auch der Medien, dem „Spiegel“ vornweg. Auch deshalb bewunderte der Gerd den Oskar, von dem er sich einiges abschaute. Und dann schaltete der Gerd den Oskar aus. Der Gerd wurde Kanzler und der Oskar sein Finanzminister. Das hielt der Oskar nicht aus und schon gar nicht durch. Am 11. März 1999 schmiss er hin, zog sich ins Saarland zurück. Ein Schock, nicht nur für die Regierung, sondern für das ganze Land. Und das passierte der Sozialdemokratie, in der sich Größere wie Brandt/Schmidt/Wehner miteinander arrangiert hatten und Solidarität ein Leitbegriff war, eher zu viel gebraucht als zu wenig.

Für Lafontaine gilt der Satz: Die wenigsten Menschen scheitern an ihrer Intelligenz, sie scheitern an ihrem Charakter. Andere traten vor ihm aus politischen Gründen von ihren Ämtern zurück, zum Beispiel Willy Brandt. Lafontaine aber genießt bis heute das Privileg, dass er hinwarf und nicht mehr gesehen ward.

Von da an ging es mit ihm bergab. Ein Rechthaber war er immer gewesen und wurde es jetzt umso mehr. Die Linke war für ihn das Instrument, die SPD klein zu machen, sie aus der Regierung zu hebeln und ihr irgendwann die Bedingungen fürs Regieren zu diktieren. Eine Zeitlang ging es ja auch gut. Die Linke wuchs, im Osten sowieso, aber auch im Westen. Rot-Rot-Grün schien sich zur Regierungsalternative auszuweiten. Was wäre das für ein Triumph gewesen! Was für eine Genugtuung hätte darin gelegen! Doch nichts ist daraus geworden.

Die Geschichte, weiß man seit Marx, wiederholt sich zweimal: zuerst als Tragödie, dann als Farce. Die Tragödie war die Entfremdung von der SPD. Die Entfremdung von der Linken war nur noch eine Farce, erwartbar und nicht einmal für die Linke ein Schock.  Immerhin hielt Lafontaine eine letzte Rede im saarländischen Landtag. Dort hatte er angefangen, dort hört er jetzt auf. 

Der Oskar ist jetzt Privatier, im Alter von 77 Jahren. Seine Memoiren vermisst niemand, aber er wird sie schreiben, was soll er sonst machen. Der Gerd, fünf Monate älter, reist umher und versucht seinen Ruf zu retten, von dem nichts mehr zu retten ist. So gesehen ist der Oskar heute besser dran.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was zum Hören: Zweimal Bob Dylan

Am 7. Juni 1969 trat ein wohlfrisierter junger Mann in Hemd und Jackett ans Mikrophon und spielte ein Lied, von dem Nick Cave viele Jahre später sagte, er hätte es zu gerne geschrieben. Es ist ein einfaches Lied, nicht sehr lang und der junge Mann singt es in der Johnny Cash Show so wohlartikuliert, dass wir heute noch gut verstehen, worum es geht und was er meint. Er singt von der verlorenen Liebe und bezichtigt sich, dass er sie schändlich behandelt hat und weggeworfen hat, was ihm jetzt, während er singt, leid tut, ohne dass er der Illusion anhängen würde, sie ließe sich wiederbeleben.

Bob Dylan stand da am Mikrophon und natürlich fragten sich die Dylan-Deuter, von denen es vermutlich viele Millionen gibt, wem er nachtrauert. Suze Retolo, die ihn in Literatur und Philosophie einführte? Joan Baez, die schon berühmt war, als er noch nicht berühmt war, und ihn auf die Bühne holte, während er, dann berühmt auch dank ihrer, sie auf der Tour durch England nicht auf die Bühne holte – nicht so großzügig, nicht so selbstlos wie sie, seine Freundin zu dieser Zeit?

Egal, ich glaube, da macht einer Zwischenbilanz und fragt sich, was da schief gelaufen ist. Er hat Sara Lowndes geheiratet, nach seinem Motorradunfall zog er sich ins Privatleben zurück, eben mit ordentlicher Frisur und bürgerlicher Kleidung. Dann tastet er sich in sein anderes Leben zurück, schreibt Lieder und geht ins Studio. „I threw it all away“ spielte er George und Pattie Harrison im November 1968 zum ersten Mal vor. Beim Auftritt in der Johnny Cash Show singt er diesen einfachen, fast unverhüllten Song erstmals öffentlich. Auf YouTube ist er der bemerkenswerte Auftritt des bürgerlichen Bob Dylan festgehalten. Unbedingt anschauen, unbedingt hörenswert, dieses einfache Lied, kurz für den Freund der langen Balladen.

 I once held her in my arms
She said she would always stay
But I was cruel
I treated her like a fool
I threw it all away

Once I had mountains in the palm of my hand
And rivers that ran through every day
I must have been mad
I never knew what I had
Until I threw it all away

Love is all there is, it makes the world go ‚round
Love and only love, it can’t be denied
No matter what you think about it
You just won’t be able to do without it
Take a tip from one who’s tried

So if you find someone that gives you all of her love
Take it to your heart, don’t let it stray
For one thing that’s certain
You will surely be a-hurtin‘
If you throw it all away
If you throw it all away

Ich bin kein Dylan-Experte. Ich bin jemand, der sich seit einiger Zeit mit ihm beschäftigt und immer wieder darüber staunt, was sich entdecken lässt. Zum Beispiel kenne ich seit gestern „It ain’t dark yet“, habe es mehrmals angehört und den Text nachgelesen. Bob Dylan hat es 1997 veröffentlicht, ziemlich genau 30 Jahre nach „I threw it all away“. Das Didaktische fehlt („Take a tip from one who’s tried“), der Pessimismus bordet über, grenzt an Nihilismus – „it ain’t dark yet„. Wer würde nicht als Selbstbeschreibung lesen: „I know it looks like I’m walking but I’m standing stil“. Und für den ganz langen Bogen seit „The times they are a-changing“ diese Zeile: „Well my sense of humanity has gone down the Drain“. Bemerkenswert die Gitarrenmelodie, die zu schweben scheint und diesmal dem Text nicht nur funktional zugeordnet ist, sondern gleichberechtigt ist. Unbedingt anhören, auf YouTube.

Shadows are fallin‘ and I’ve been here all day
It’s too hot to sleep and time is runnin‘ away
Feel like my soul has turned into steel
I’ve still got the scars that the sun didn’t heal
There’s not even room enough to be anywhere
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

 I once held her in my arms
She said she would always stay
But I was cruel
I treated her like a fool
I threw it all away

Once I had mountains in the palm of my hand
And rivers that ran through every day
I must have been mad
I never knew what I had
Until I threw it all away

Ich bin kein Bob-Dylan-Experte. Ich bin nur jemand, der sich seit einiger Zeit mit ihm beschäftigt und immer wieder staunt, was sich entdecken lässt. „It ain’t dark yet“ kannte ich bis gestern nicht, seither habe ich es oft gehört, den Text nachgelesen, wieder gehört. Es ist das Gegenteil und zugleich die Ergänzung zu „I threw it all away“. Auswegloser Pessimismus spricht daraus, Nihilismus sogar. „Well, my sense of humanity has gone down the drain“ lässt sich schon als Selbstaussage verstehen. „I know, it looks like I’m moving, but I’m standing still“ könnte eine poetische Selbstbeschreibung sein.

Das Lied singt er 1997 zum ersten Mal. Es ist wunderbar lyrisch durch den ungewöhnlichen Sound der Gitarren, die erstaunlich viel Eigenleben genießen dürfen, wo doch Dylan seinen immer sehr guten Musikern prinzipiell wenig Freiraum zugesteht. Sonst ist die Musik konzentriert auf den Text, diesmal Unterhalt sie ihn nicht nur, sondern bringt ihn zum Schweben. Großartig.

Shadows are fallin‘ and I’ve been here all day
It’s too hot to sleep and time is runnin‘ away
Feel like my soul has turned into steel
I’ve still got the scars that the sun didn’t heal
There’s not even room enough to be anywhere
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, my sense of humanity has gone down the drain
Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain
She wrote me a letter and she wrote it so kind
She put down in writin‘ what was in her mind
I just don’t see why I should even care
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

Well, I’ve been to London and I been to gay Paris
I’ve followed the river and I got to the sea
I’ve been down on the bottom of the world full of lies
I ain’t lookin‘ for nothin‘ in anyone’s eyes
Sometimes my burden is more than I can bear
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

I was born here and I’ll die here against my will
I know it looks like I’m movin‘ but I’m standin‘ still
Every nerve in my body is so naked and numb
I can’t even remember what it was I came here to get away from
Don’t even hear the murmur of a prayer
It’s not dark yet but it’s gettin‘ there

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Unberechenbar wie die Hölle

Wladimir Putin lässt Sirenenklänge hören, stellt ein Treffen mit Volodimir Selenskji in Aussicht, das aber gut vorbereitet sein müsste, wie er sagt, damit dabei etwas herauskommt. Glaubt man das? Eigentlich nicht. Zu oft gelogen, zu oft gedroht, zu viel Groll. Aber natürlich wäre es ein Segen, wenn dieser Krieg aufhören würde. Irgendwie, aber nicht irgendwann, sondern bald schon.

Illusionslosigkeit gegenüber diesem seltsamen Mann, der zu allem fähig zu sein scheint, inklusive dem Einsatz taktischer Atombomben, ist ein Gebot des gesunden Menschenverstandes. Der Brand in Tschernobyl, der Angriff auf einen Militärstützpunkt an der Grenze zu Polen, die Erinnerung an die Trümmerlandschaft in Grosny: Vom Schlimmsten auszugehen, empfiehlt sich gegenüber diesem Russland. Zu oft sind Macron und Scholz und andere zu Putin gepilgert und mussten sich von ihm täuschen lassen, im Wissen, dass sie getäuscht werden, wobei Putin genau wusste, dass sie wissen, dass er sie täuscht, aber sie nichts dagegen tun konnten. Wahrscheinlich liegt in dieser Tücke eine ungeheure Genugtuung für die westliche Geringschätzigkeit, zum Beispiel in Barack Obamas Satz, Russland sei doch nur noch eine Regionalmacht. 

Die Lage, wie sie ist, gibt nicht Aufschluss darüber, ob Putin ernsthaft Verhandlungen mit der Ukraine anstrebt, auf neutralem Boden, womöglich in Israel. Niemand kann auch die Gerüchte plausibel einschätzen, dass er Geheimdienstleute unter Hausarrest gestellt hat und Generäle auswechselt. Schauen wir uns einfach den Stand der Dinge an:

  1. Die Truppen, die zur ersten Welle der Invasion gehörten, wurden offenbar im Dunkel belassen, worum es geht. Daraus erklärt sich der Mangel an Motivation, als aus der „Spezialoperation“, die ein  Blitzkrieg sein sollte, nichts wurde. Der erstaunliche Widerstand der ukrainischen Armee wiederum erklärt sich aus den Informationen, die ihnen der amerikanische Geheimdienst zukommen lässt – dank Satellitenaufnahmen über die Bewegung etwa der Versorgungsfahrzeuge, von denen einige nun Schrott sind, genauso wie der eine oder andere Panzer. Selenskji ist wohl besser auf dem Laufenden als der abgeschottete Putin in seinem Kreml.
  2. Die Ukraine ist doppelt so groß wie Deutschland. Kann man so ein Land einfach besetzen? Wohl kaum, zumal wenn die Bevölkerung feindselig eingestellt ist. Je mehr die russische Armee die Städte in Trümmer legt, desto größer fällt die Erbitterung aus und desto schwerer wird die Besetzung. Die Ukraine ist nicht fern wie Afghanistan. Dieses Drama spielt sich hier ab, in Europa, vor aller Augen. Und ein Rückzug in Unehren, auf den es ja hinausliefe, wenn der Krieg endete, wäre ein weltweit beachtetes Ereignis und für Putin eine geostrategische Katastrophe. Könnte er sie politisch überleben? Doch wohl nicht. 
  3. Interessant ist, worüber Wladimir Putin momentan nicht spricht: von der Entnazifizierung der Ukraine, von der Ukraine als Herz Russlands, das historisch kein Recht auf Eigenständigkeit besitzt. Er thematisiert auch nicht die stille Zusammenarbeit der USA mit dem ukrainischen Militär. Er könnte ja sagen: Seht her, ich hab’s doch immer gesagt, Amerika ist mitten drin dabei, ist Kriegspartei. Tut er momentan nicht, kann noch kommen, klar. Natürlich kann er morgen auch wieder mit nuklearen Schlägen drohen, ist nicht ausgeschlossen. Putin ist unberechenbar wie die Hölle.
  4. Das Kriegsziel bestand ursprünglich darin, die Regierung in Kiew wegzufegen und durch eine Marionettenregierung zu ersetzen – zurück zu den herrschenden Verhältnissen vor dem Maidan-Aufstand 2013. Nun könnte das Kriegsziel die Neutralisierung der Ukraine sein, wofür es eine Verfassungsänderung braucht. Selenskji könnte sagen: Okay, machen wir, kein Problem, denn Verfassungsänderungen können später irgendwann auch wieder geändert werden. Wer heute auf den Beitritt zur Nato verzichtet, muss nicht auf alle Ewigkeit darauf verzichten. Dazu käme noch die Anerkennung der Krim und der beiden Volksrepubliken im Donbass. Selenskji könnte die Kontaktlinie vor dem Krieg anerkennen, mehr geht wohl nicht. Vermutlich legt er es kompensatorisch darauf an, dass sein Land auf längere Sicht wenigstens der EU beitreten darf. Verdammt schmerzhafte Entscheidungen könnten bevorstehen. Doch wenn Aussicht auf ein Ende des Krieges besteht, mag vieles relativ werden. Die Ukraine ginge gestärkt hervor, Russland geschwächt.
  5. Die Vielzahl an Sanktionen beginnt zu wirken, kein Wunder, so breitflächig, wie sie angelegt sind. 7 bis 9 Prozent dürfte das russische Bruttosozialprodukt sinken, sagen Experten. Der Rubel ist in freiem Fall, der Börsenhandel ist ausgesetzt, Unternehmen stellen das Geschäft mit und in Russland ein. Ja, uns tut es geht, wenn es Putin schlecht geht. Moralisch ist das einwandfrei, doch ist es auch politisch klug? Ist es nicht. Diese Sanktionen haben eine entscheidende Schwäche: Sie sind als Selbstzweck gedacht, als Bestrafungsaktion. Besser wäre es, daraus ein Politikum zu machen. Klug wäre es, sie mit politischen Forderungen zu verbinden und damit eine Botschaft zu senden: Bei Waffenstillstand nehmen wir einige wichtige Sanktionen zurück. Bei Verhandlungen, wie sie Putin womöglich nur zum Schein, womöglich aber auch aus Not ankündigt, setzen wir einige Sanktionen aus.
  6. Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck hat in der Sendung von Sandra Maischberger den Satz fallen lassen: Ein bisschen frieren für die Freiheit sei den Deutschen zumutbar. Mächtige Empörung, großes Echo. So löst man eine Debatte aus. Wirtschaftlich wäre der Verzicht auf Nord Stream 1 eine Katastrophe, wohl wahr. Moralisch ist es eine Katastrophe, dass Putins Russland im vorigen Jahr aus Deutschland 19,4 Milliarden Euro für Öl und Gas überwiesen bekam und in diesem Jahr wegen der gestiegenen Preise noch ein paar Milliarden Euro mehr. Wir füttern seine Kriegsmaschinerie, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Syrien und Libyen, auch das ist wahr. Der Krieg kennt keine Unschuldigen. U

In diesen Tagen scheint vieles möglich zu sein. Schönes und Schreckliches. Kriegsende und Kriegsverschärfung. Verhandlungen und Städte in Schutt und Asche. Und beides hängt von einem einzigen Menschen ab, Wladimir Putin. Das ist der maximal beunruhigende Tatbestand.

Putin erzwingt Anpassungen, die niemand wollte

„ Wenn unsere Welt eine andere ist, dann muss auch unsere Politik eine andere sein,“ hat Annalena Baerbock gesagt und recht hat sie. Die andere Welt verlangt der Regierung und auch uns Veränderungen ab, die wir gerne vermieden hätten, aber nicht vermeiden können.

Dafür sorgt Wladimir Putin, der nicht nach Lenin oder Stalin aussieht, sondern sie nur imitiert. Auch wenn es auf mittlere Sicht so sein mag, dass er mit dem Angriff auf die Ukraine sein Ende einläutet, bleibt uns erst einmal sein ungeheurer Satz im Gedächtnis: Wer ihm Widerstand leistet, und damit sind Europa und die Nato gemeint, dem droht er Atomschläge an. Soweit würde er gehen. So viel muss man ihm zutrauen.

Die Bundesregierung hat gestern alles Zögernde, alles Mehltauige, das vor allem den Kanzler umflorte, hinter sich gelassen. Die Lieferung von 1000 Panzerabwehrraketen und 500 Boden-Luft-Raketen ist mehr als ein Anfang. Von jetzt an müssen wir wieder in militärischen Kategorien und Waffensystemen denken. Die alte Welt zieht uns in ihren Bann.

Der ewige Krieg in Syrien trudelt aus, Afghanistan ist wieder weit weg, aber Europa wird auf unabsehbare Zeit zum neuen Krisenfall mit Weiterungen, die von Wladimir Putin abhängen und von niemandem sonst. Damit erlegt er Deutschland Anpassungen auf, die sich im Handeln und Denken auf fünf Ebenen auswirken.

1. Ebene: 100 Milliarden Euro bekommt die Bundeswehr, damit sie mehr als bedingt abwehrbereit sein kann. Über die politisch gewollte Vernachlässigung ließe sich manches sagen, auch über die Haltung der Gesellschaft gegenüber seinen Soldaten, aber egal, wichtiger ist jetzt, dass wir sicherheitshalber wieder ein Land mit ernsthafter  Landesverteidigung und einem ernsthaften militärischen Beitrag zum Bündnis sein wollen. Es ist ja gut möglich, dass Russland nach der Ukraine irgendwann ein Nato-Land angreift, zum Beispiel im Baltikum. Dann würde Artikel 5 in kraft treten, wonach der Angriff auf ein Land mit dem Angriff auf alle gleichgesetzt wird. So ungeheur der Gedanke ist, dass Deutschland in einen Krieg eintritt, müssen wir jetzt das Ungeheure für möglich halten.

2. Ebene: Bald dürfte die Frage auftauchen, ob es eigentlich klug gewesen ist, die Wehrpflicht aufzugeben, und ob es nicht sinnvoll wäre, sie wieder einzuführen. Die Antwort der Regierung wird vermutlich von der öffentlichen Stimmung abhängen. Das Moralisieren, das die deutsche Außenpolitik auszeichnet, spiegelt ja nur die öffentliche Haltung wider. Gut möglich, dass sich diese pazifistisch bestimmte Grundhaltung, die eine Konsequenz aus der deutschen Vergangenheit ist, nun wandelt. Gestern durften Drohnen nicht bewaffnet werden, heute wird die Bundeswehr mächtig nachgerüstet. So grundstürzend kann es zugehen.

3. Ebene: Ohne Amerika ist Europa im jetzigen Zustand nicht verteidigbar. So war es im alten kalten Krieg, so ist es im neuen kalten Krieg, der nicht nur kalt ist. Klugerweise ließ Joe Biden die Atomdrohung Putins umkommentiert stehen. Aber wie wird sich Amerika verhalten, wenn der Ernstfall im Baltikum wirklich eintreten sollte? Irak und Syrien, Afghanistan und Libyen: Fehleinschätzungen und Fehlschläge – bloc raus, nicht wieder irgendwo rein. Und trotzdem Europa militärisch beistehen? Vielleicht ja, aber darauf verlassen? Auf Dauer muss Europa ohne die konventionelle und atomare Schutzmacht auskommen. Emmanuel Macron empfahl vor zwei Jahren den Aufbau einer europäischen Armee. Deutschland und Frankreich müssen auch hier die Welt endlich neu denken, wobei  Polen oder Ungarn diesmal nicht querschlagen werden.

4. In der Regierung müssen die Sozialdemokraten weitreichende Entscheidungen treffen. Sie sind mit einem ehemaligen Bundeskanzler geschlagen, der in russischem Sold steht. Solange Putin herrscht, kann kein Gas durch Nord Stream 2 fließen. Den Schaden hat Mecklenburg-Vorpommern und vor allem Manuela Schwesig, die unter fadenscheinigem Vorwand sogar eine Gazprom-finanzierte Stiftung einging und sich damit ins Unrecht setzte. In der SPD müssen etliche Leute in sich gehen. Und der Vorsitzende Lars Klingbeil, der bis gerade eben in der Sonne stand, muss seine Partei neu ausrichten.

5. Zum zweiten Mal müssen die Grünen Entscheidungen treffen, die mit Krieg einhergehen. Damals 1990 Kosovo, heute 2022 die Ukraine und was sonst noch kommen mag. Gut möglich, dass es ihnen am Ende so ergehen wird wie zuvor der SPD und der CDU/CSU: Abspaltung durch Regierungshandeln. Traditionell stehen die Grünen den Anti-Kriegs-Demonstranten nahe, die sich gestern in großer Zahl in Berlin auf der Straße waren. Eine der Hauptreden hielt Luisa Neubauer, eine Ikone der Fridays-for-Future-Bewegung. Um sie könnten sich grüne Gegner der grünen Partei versammeln. 

Transformation war bisher ein Begriff aus der Ökologie. Neues Denken. Transformation ist nun kein grünes Monopol mehr. Das alte Denken meldet sich machtvoll zurück. Leider.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Mittelfristig läutet Putin damit sein Ende ein

t-online: Herr Ischinger, bei unserem letzten Interview haben Sie gemeint, Putin sei kein Hasardeur, was wir alle gehofft haben. Wie kommt er Ihnen jetzt vor?

Ischinger: Kaltblütig verletzt er das Völkerrecht, im Glauben, dass er die Risiken autonom kalkulieren kann. Von Clausewitz stammt der Satz, dass nach dem Beginn des Schießens sämtliche Pläne für den Krieg nichtig sind. Clausewitz wird auch hier Recht behalten.

Niemand denke an eine Besetzung der Ukraine, behauptet ein Sprecher Putins. Glauben Sie das?

Es gibt zur Zeit kaum einen Grund, den Erklärungen der russischen Regierung zu vertrauen.

Der amerikanische Präsident Joe Biden war frühzeitig vom russischen Einmarsch über den Donbas hinaus überzeugt. Die Besetzung der Ukraine nimmt er hin, auch das machte er klar. Wo liegt seine rote Linie?

Von Hinnehmen kann ja keine Rede sein. Schließlich regiert der Westen mit massiven Sanktionen. Sobald aber Russland militärische Drohungen ausstößt oder sogar militärische Maßnahmen gegenüber Nato-Mitgliedern geht, ist sich die Nato einig: Dann gilt der Bündnisfall nach Artikel 5, wonach ein Angriff auf ein oder mehrere Mitglieder als Angriff auf alle angesehen wird.

Putin scheint Amerika nach den Erfahrungen in Syrien und Afghanistan für einen zahnlosen Tiger zu halten. Hat er recht oder täuscht er sich?

Er täuscht sich und überschätzt sich. Das Bruttosozialprodukt Russlands ist geringer als das Italiens. Der Angriff auf die Ukraine wird – jedenfalls mittelfristig – das Ende des Putin-Regimes in Moskau einläuten.

Die Nato verlegt Truppen und Kampfjets in die baltischen Staaten – als eine Geste oder um zu signalisieren, dass es Krieg gibt, falls Putin Lettland, Litauen oder Estland angreifen sollte?

Dabei geht es um die Sicherheit unseres Bündnisgebiets und natürlich geht es auch um Abschreckung, die auf das Verhüten eines Krieges zielt. 

Sind amerikanische und europäische Sanktionen, selbst die härtesten, nicht wirksam genug und doch nur Zeichen von Hilflosigkeit?

Selbstverständlich können Sanktionen kein Allheilmittel sein. Aber auch sie können zur Abschreckung gegen Weiterungen beitragen.

Kanzler Olaf Scholz hat gesagt, Putin habe einen schweren Fehler gemacht. Kann man so sagen, aber was folgt daraus und wie steht Deutschland in dieser schweren Krise da?

Wir müssen uns jetzt unserer Mitverantwortung stellen und kommen wohl auch nicht umhin, einige unangenehme Fragen beantworten. Zum Beispiel müssen wir uns fragen, ob unsere moralisch und legalistisch begründete Weigerung, der Ukraine militärisches Gerät zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit zu liefern, nicht die Abschreckung geschwächt hat. Waren wir zu lange zu naiv? Unser gesamtes überkommenes sicherheitspolitisches Gedankengebäude, einschließlich der allzu lange gehegten Illusion von einer Partnerschaft mit Russland ist jetzt eingestürzt. Das ist dramatisch. 

Nord Stream 2 ist nunmehr ein Milliardengrab?

Womöglich ja, doch zunächst einmal ist es nur auf Eis gelegt. Enteisung ist möglich, aber kurzfristig sehr unwahrscheinlich. 

Wozu würden Sie dem Kanzler und der Außenministerin jetzt raten?

Ich würde beiden zu resoluter und dauerhafter Geschlossenheit mit den Verbündeten raten. Die Europäische Union sollte alles tun, was die Ukraine zu fördern und zu unterstützen vermag – unser missbrauchtes und vergewaltigtes Nachbarland. Dennoch sollten die EU wie die Nato den Gesprächskanal mit Moskau offenhalten, auch wenn es natürlich unter den nunmehr herrschenden Umständen schwer fällt. 

Am Sonntag ging die Münchner Sicherheitskonferenz zu Ende, die Sie zum letzten Mal geleitet haben. Was glauben Sie, was befürchten Sie?

In Europa und anderen Teilen der Welt herrschen mehr denn je Konflikte, die brandgefährlich sind. Wer Illusionen hegte, sollte jetzt aufwachen. Wer Visionen von Friedlichkeit nachhing, wird gerade eines Besseren belehrt. Die Beschaulichkeit der deutschen Weltbetrachtung, idealistisch und moralisch geprägt, ist ans Ende gekommen. Jetzt unterliegen wir der Notwendigkeit, das Gefühl kollektiver Hilflosigkeit zu überwinden –  das war übrigens das Motto der Münchner Sicherheitskonferenz.

Herr Ischinger: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Lieder, die mir ans Herz gehen

Menschen haben Rituale, und das ist auch gut so. Zu meinen gehört es, dass ich täglich ein paar Lieder höre, bei denen mir mein Herz aufgeht. Ich fange an zu lesen oder zu schreiben und dazu singt mir (falls man seine Art der mündlichen Äußerung singen nennen kann) Bob Dylan „Murder most foul“, dieses dichte, ergreifende Klagelied seiner Generation auf den Verlust aller Träume und den Anfang von Melancholie und Zynismus und Trauer. John F. Kennedy wird ermordet und von jetzt an kann jeder an jedem Tag sterben. Robert Kennedy und Martin Luther King folgen, Malcolm X auch. „The Times they are a-changing“ ist Vergangenheit, eine Hymne der Naivität. „Things have changed“ ist Dylans Ballade der Desillusionierung.

Darauf folgt „All along the watchtower“, das auch Bob Dylan geschrieben hat, aber Jimi Hendrix unvergleichlich besser zu Gehör bringt. Kraftvoll. Wuchtig. Hammerhart und doch auch lyrisch. Jimi Hendrix habe ich 1969 in Nürnberg live erlebt. Das Wort stimmt: erlebt, ein Erlebnis fürs Leben. Und dann der Tod mit 27. Bob Dylan bekam seither den Nobelpreis und einen Oscar, eben für „Things have changed“. Und tourt und tourt und tourt. Unsterblich ist er sowieso wegen seiner zahllos vielen, unfassbar schönen Balladen, die man lesen muss, weil sie Literatur sind, die er singt, wie er eben singt, wobei sich die Art seines Singens ebenso ändert, wie er sich geändert hat.

Gary Brooker spielte und lebte auf einem anderen Planeten. Er war nicht die Stimme seiner Generation. Er knallte sich nicht den Kopf weg. Von Anfang an hatte er diese melancholische Stimme, die übrigens nicht in psychedelischen Texten aufging, auch wenn „A whiter shade of pale“ danach klingt. Ich finde, man muss Texte ernst nehmen, und wenn sie von absoluten Könnern wie Gary Brooker gesungen werden und eine Saite in uns anschlagen, die kein anderer anzuschlagen vermag, dann sollten wir den Text durch Aufmerksamkeit ehren.

„A whiter shade of pale“ gehört für mich in die gleiche Liga wie „Good Vibrations“ (für die Jüngeren unter uns, falls die bis hierher gelesen haben sollten: Das haben die Beach Boys gesungen, die man ansonsten weitgehend vergessen kann, jedenfalls unter dem Aspekt Lieder für die Ewigkeit) oder „American Pie“ (stammt von Don McLean, der auch noch „Vincent“ gesungen hat, also zwei Lieder für die Unsterblichkeit). Und nur mal so nebenbei gesagt: „Conquistador“ von Procul Harum ist immer unterschätzt worden, immer zu kurz gekommen.

Gary Brooker lässt sich auf seinen Alben erst richtig entdecken. Das sind keine Lieder, auch keine Balladen, es sind Symphonien. Herrlich gesungen, wunderbare Melodien, grandiose Musik. All das geschrieben und gesungen vor Jahrzehnten. Meine Frau, die zu jung ist für dieses Generation-Unsterblichkeits-Liedgut, liebt diese Musik auch, weil sie eben nicht nur für eine Generation geschrieben ist und nicht mit ihr vergilbt. Irgendwann spielte ich beim Abendessen „Grand Hotel“ ab und sie lauschte und war entzückt und staunte, als ich ihr sagte, wer diese Gruppe war und wann das Album veröffentlicht worden war. Heute hört sich manches vielleicht sogar noch jünger, noch frischer an als damals. Procul Harum wiederentdeckt erreicht viele Herzen, nicht nur meines.

Gary Brooker scheint ein stabiler Mensch gewesen zu sein. Er spielte nach Procul Harum mit allen Größen der Pop-Musik. Er war weit mehr als 50 Jahre mit derselben Frau verheiratet, genau so wie Charlie Watts, der andere Beständige in diesem Wahnsinnsgeschäft, das viele Große früh in den Tod riss.

Gary Brooker schaffte es bis kurz vor 77, der Krebs raffte ihn hin. Er machte nicht viel Gedöns um sich, um seine Lieder, um seine Musik. Er war das Beste, was man über ihn sagen kann: ein Sänger, der in seinen Liedern aufging. Hört mal wieder rein. Es geht ans Herz.

Ein Pionier des TV-Zeitalters

Er hatte diese dunkle Stimme und diese grüblerische Miene. Er war jeden Zoll ein ernsthafter Mensch in der guten alten Zeit des Fernsehens, als die öffentlich-rechtlichen Sender das Monopol besaßen. Als Peter Merseburger 1965 zum NDR kam, sollte er im Dritten Programm ab 20.15 Uhr, nach dem Heiligen Gral „Tagesschau“, den Abend füllen, mit eigenen Ideen und unbehelligt von den Einwürfen seiner Vorgesetzten. Muss man sich mal vorstellen. So viel Freiraum, so viel Eigensinn. Jedem heutigen Fernsehmenschen, eingemauert von Quoten, eisernen Vorgaben und Sparzwang, müssen da die Tränen kommen. 

Peter Merseburger war ein Intellektueller. Zerknittert wirkte er, zerknirscht von den schlimmen Nachrichten, aus aller Welt heran gespült, die Seinesgleichen einordnen und kommentierten sollten und durften. Dazu war er ein Doppeltalent, denn er kam vom Spiegel“, für den er als Korrespondent aus Brüssel geschrieben hatte, und wurde dann zu einem der markanten Fernsehköpfe, welche die ARD in Serie produzierte. Gründerjahre eben, Aufstiegsjahre des Fernsehens in der liberalen Ära des Landes, die eine von Willy Brandt geführte Bundesregierung wohltuend auslöste.

Mir persönlich war Merseburger zu streng, zu humorlos. Das Politische, wie  seine Generation es verstand, war das Schwere, das er den Zuschauern beizubringen versuchte. Immer ein bisschen Volkshochschule, stete Neigung zur Pädagogik. Zweifellos auch verdienstvoll und durchaus erfolgreich, wie das Echo belegte. Merseburger wie auch andere Fernsehgrößen wie Winfried Scharlau oder Gerhard Bott oder auch Claus Hinrich Casdorff zogen tiefe Spuren in der deutschen Fernsehgeschichte.

Umstritten war Merseburger nie. Als er „Panorama“ 1967 übernahm, so erinnerte er sich, da hätten etliche Leute öffentlich gegen ihn demonstriert, weil er ihnen allzu konservativ erschien. Darunter wären Stefan Aust und Ulrike Meinhof gewesen. Muss man sich mal vorstellen. Aus Stefan Aust wurde später ein „Panorama“-Redakteur und noch viel später ein „Spiegel“-Chefredakteur. Aus der begabten und beliebten Kolumnistin Ulrike Meinhof wurde später eine RAF-Terroristin, die sich dann das Leben im Gefängnis nahm.

Für mich war „Panorama“ damals eine Muss-Sendung. Sie war links, das schon, zum permanenten Ärger der CDU und mehr noch der CSU. Sie hatte Haltung, aber sie war um Fairness bemüht. Sie hielt sich von der Gesinnung fern, die heute einige seiner Nachfolger und vor allem Nachfolgerinnen für journalistisch angemessen erachten. Haltung lässt beide Seiten zu ihrem Recht kommen. Gesinnung ist Gefälle – die einen haben Recht und die anderen kommen nur mal so zu Gehör, damit der Rundfunkrat still hält.

Merseburger hatte ein überaus produktives Leben nach dem Fernsehen. Er schrieb Biographien, zum Beispiel über den Heros seiner Generation, Willy Brandt, auch über den Schmerzensmann der Nachkriegsrepublik, den Adenauer-Gegenspieler Kurt Schumacher. Sauber recherchiert, gut geschrieben, dicke Wälzer, immer eindrucksvoll.

Am besten gefiel mir seine Biographie über Rudolf Augstein, opulent und gerecht.  Der „Spiegel“-Gründer erfand in den 1950er Jahren den Kampagnen-Journalismus in seinen Kampf gegen Konrad Adenauer, der aus seiner Sicht die Wiedervereinigung wegen der Westbindung aufgab, und natürlich gegen Franz Josef Strauß, von dem er nur Übles erwartete. Merseburger beschrieb Augstein mit kritischem Wohlwollen. Kritisch, das war das Zauberwort seiner Generation.

Im späten Augstein spiegelte sich Merseburger, zweifellos. Auch er war 1989 ein Patriot, geboren im Osten Deutschlands, der sich über die Wiedervereinigung freute. Es gab eben damals etwas, was heute vielleicht wieder im Entstehen begriffen ist, einen linken Patriotismus. So gesehen steht zum Beispiel Robert Habeck in seiner Nachfolge.

Es bleibt eben immer etwas, auch über den Tod hinaus, der den Schreiber und Fernsehmenschen Peter Merseburger kurz vor seinem 94. Geburtstag ereilte.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Die Zeit verrinnt, der Fatalismus nimmt zu

Natürlich kann Wladimir Putin in seiner Selbstherrlichkeit jeden Tag den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine erteilen. Die Streitkräfte und das schwere Gerät und alles was man so braucht, wenn man der Welt Stärke zeigen will, stehen bereit. Deshalb ist es recht billig, wenn die Experten in Amerika oder Deutschland Tag für TagTipps abgeben, wann der Überfall fällig sein wird.

Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, ob Putin wirklich glaubte, er könnte mit seinen militärischen Drohungen sein politisches Ziel durchsetzen, vertragliche Garantien dafür zu bekommen, dass die Ukraine nicht in die Nato oder die Europäische Union aufgenommen wird. Oder ob die Verhandlungen der letzten Wochen nur der Vorwand für die Vollendung des massiven Aufmarschs an der Grenze waren. Entweder ihr gebt mir, was mir zusteht, oder ich nehme mir, was ich will: Nach dieser Devise geht er jedenfalls vor.

Gut möglich ist es ja auch, dass er sich verschätzt hat. Putin kennt den Westen und seine Logik. Er achtet die Nato gering und hält Amerika für eine Supermacht auf dem absteigenden Ast, von der Russland wenig zu befürchten hat. Diese Erfahrung nimmt er aus Syrien und Libyen mit und wendet sie auf die Ukraine an, die er als russisches Eigentum betrachtet und auch so behandelt. Die paar Soldaten, die von der Nato ins Baltikum geschickt worden sind, dürften ihn in seiner zynischen Einschätzung der Lage bestätigen, was denn sonst. Freundlicherweise haben ja allerlei Sicherheitsexperten in Brüssel und Washington, Paris und Berlin für klare Verhältnisse gesorgt, indem sie auf militärische Gegenmaßnahmen verzichten. Warum also sollte ihm der Westen nicht geben, was er haben will?

Gibt er ihm aber nicht. Das Jahr 2022 hält zwar eine Ahnung von 1938 bereit, aber die Ukraine ist nicht die Tschechoslowakei, die der Westen Hitler schenkte, im Glauben an dessen Genügsamkeit.

Frieden für unsere Zeit, so hat Neville Chamberlain das Münchner Abkommen 1938 bei seiner Rückkehr nach London gefeiert. Frieden für unsere Zeit haben zahlreiche Außenminister und Regierungschefs durch Telefonate und Besuche in Moskau zu retten versucht. Immerhin haben sie keine Zugeständnisse gemacht, die ihnen der russische Präsident abverlangt. Sie drohen ihm Sanktionen an, mehr können sie nicht, mehr wollen sie nicht. Sanktionen schrecken Putin jedoch nicht. Die Abhängigkeit Europas von russischer Energie nimmt Sanktionen die Schlagkraft.

Nun rinnt die Zeit aus. Morgen reist Bundeskanzler Olaf Scholz nach Moskau und wird wohl Putin vortragen, was der schon x-mal gehört hat, von Joe Biden und Emmanuel Macron, von Anthony Blinken und Annalena Baerbock und vielen anderen. Trotzdem ist es richtig, dass er auch noch von Scholz hört, was von seinem Erpressungsversuch zu halten ist. Vielleicht ringt sich der Kanzler sogar dazu durch, im Kreml zu sagen, dass er im Kriegsfall zu seinem größten Bedauern auf North Stream 2 verzichten müsse. Bislang hat er darauf verzichtet, was kein Fehler war, aber ein Symptom.

Egal was passiert, muss sich die deutsche Außenpolitik einer Revision unterziehen. Die SPD lehnt sich noch immer an Willy Brandts Entspannungspolitik an, aber Russland ist nun mal nicht die Sowjetunion, die im Kalten Krieg eine gewisse Verlässlichkeit besaß. Putin persönlich ist die personifizierte Unzuverlässigkeit mit permanenten Phantomschmerzen über den Verlust des Imperiums. Abhängigkeit von ihm, ist eine Schwäche, wofür Nord Stream 2 stellvertretend steht. Zum neuen Realismus gehört die Einsicht, dass die Pipeline ein politischer Fehler war, wie man schon länger wissen konnte.

Die SPD kommt auch nicht an einem Bruch mit Gerhard Schröder vorbei. Ein Alt-Kanzler als Gazprom-Lobbyist. Ein Alt-Kanzler als Sprachrohr des russischen Präsidenten. Unverhohlenes Verständnis für Willkür und Aggression. Materielle Interessen als Grund für ein beschämendes Alterswerk. Mit Würde und Anstand, die man von unseren ehemaligen Kanzler erwarten darf, hat das nicht im Geringsten zu tun. Fehlt nur noch die vollendete Apologie zum Einmarsch.

Olaf Scholz dürfte der letzte Politiker aus dem Westen sein, der auf Wladimir Putin einredet. Zugleich beginnt die dreitägige Münchner Sicherheitskonferenz, die sich wieder den großen Problemen der Weltpolitik widmet – fragt sich nur, ob vor einem Krieg in der Ukraine oder parallel zum Einmarsch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.