Nachschub für den Fleischwolf

Bachmut ist gefallen. Bachmut ist nicht gefallen. Vielleicht fällt die Stadt, die nur noch eine einzige Ruine ist, in den nächsten Tagen, aber wer weiß das schon. 

Den Krieg politisch und/oder historisch einzuordnen, ist einigermaßen seriös möglich. Militärisch ernsthafte Prognosen zu fällen, ist dagegen verdammt schwierig. Bachmut ist erst zum Begriff geworden, seit dort tonnenweise gestorben wird. „Fleischwolf“ sagen die Experten dazu, ein grauenhafter Ausdruck, der aber leider der Wahrheit ziemlich nahe kommt. Bachmut, sagt man uns aber auch, sei strategisch von keinem besonderen Interesse. Warum also wird dort dermaßen erbittert gekämpft, als ginge es um viel mehr als nur um diese in Trümmer gelegte Stadt, in der im Frieden Salz gewonnen wird und vor kurzem noch 74 000 Menschen lebten und jetzt nur noch 5 000? 

Weil Russland unbedingt einen Erfolg braucht, egal was es an Menschenleben kostet, weil Menschenleben dem Kriegsherrn im Kreml  ohnehin gleichgültig sind. Weil damit der Weg nach Kramatorsk frei würde, die 160 000-Einwohner-Stadt, die allerdings gut gesichert sein soll. Was soll man da glauben?

Kriege sind Fleischwölfe. Kriege fressen ihre Kinder. Kriege kennen keine Moral. Kriegen unterscheiden nicht Wahrheit von Propaganda. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Russland an der Seite Baschar al-Assads steht, der seit vielen Jahren einen Krieg gegen seine eigenen Bürger führt. Ohne Russland und Iran wäre Assad längst irgendwo im Exil, so aber nahm ihn die Bruderschaft der arabischen Länder am Golf gerade wieder huldvoll in ihren Kreis auf. Seit 12 Jahren währt dieser Krieg, an dem noch die Türkei, Saudi-Arabien, Katar, die libanesische Hisbollah beteiligt sind und Israels Luftwaffe periodisch Angriffe fliegt.

Im März 2011 begann dieser Krieg. Jetzt neigt er sich dem Ende zu, weil sich die Interessen zweier Staaten verändert haben. Iran und Saudi-Arabien stellen ihre Feindschaft erst einmal ein. Und so könnte nebenbei auch der Krieg in Jemen ausklingen, woran neuerdings Saudi-Arabien gelegen ist.

Verglichen mit dem Nahen Osten ist der Krieg in der Ukraine überschaubar. Hier Russland, versorgt mit iranischen Drohnen und mit Belarus als zweitem Frontstaat. Dort die Ukraine, aufgerüstet vom Westen. Daraus folgt keineswegs, dass der Krieg nicht lange andauern wird. Russland sieht auf absehbare Zeit keinerlei Notwendigkeit, über ein Ende auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Wladimir Putin hat Geduld und kann noch viele neue Rekruten in den Fleischwolf schicken, in welcher Stadt auch immer der Fleischwolf stehen mag. Die Ukraine kämpft mit enormen Beharrungsvermögen um ihre Existenz als Staat. So schnell wird sich an dieser Grundkonstellation nichts ändern.

Wie viele Menschen in diesem Krieg schon gestorben sind, wie viele Kriegsversehrte es gibt, weiß niemand genau. Vielleicht haben die Geheimdienste in Amerika und England dank ihrer Satelliten so exakte Einblicke, wie sie nur haben können. Ansonsten sind Radio, Fernsehen und Zeitungen überall im Westen voller Mutmaßungen, ausgesprochen von militärischen Experten, von denen man den Eindruck gewinnt, dass gelegentlich die Meinung umgekehrt proportional zum verfügbaren Wissen ist. Journalisten sagen dazu: Kenntnis schwach, Stimme heben.

Von der bevorstehenden Offensive sagen die einen: Davon hängt vieles ab, womöglich das Ende des Krieges. Die anderen sagen. Die Offensive kann ja gar nicht die gesamte Front von 1 000 Kilometern Länge betreffen. Deshalb sind vielleicht Durchbrüche da und dort möglich, welche die Moral stärken, die aber nicht kriegsentscheidend sein werden. Beiderlei Prognosen sind schiere Glaubenssache. Ich schlage mich notorisch auf die Seite der Skeptiker.

Präsident Selenskij war auf Beutezug nach neuen Waffen in Berlin, Paris, London, Hiroshima. „Kampfjet-Allianz“ taufte er seinen Wunsch nach F-16-Jets aus amerikanischen Rüstungsfabriken. Die US-Luftwaffe wird nun ukrainische Piloten ausbilden, während europäische Verbündete, vorneweg Großbritannien und die Niederlande, das Allwetter-Mehrzweckkampfflugzeug liefern wollen. So schnell kommen die Jets allerdings nicht zum Einsatz. Die Frühjahrs-Offensive muss wohl noch ohne sie auskommen,

Militär-Experten sagen uns, dass die Gegenoffensive der Ukraine aus westlicher Sicht die lang ersehnte Entscheidung bringen muss. Warum? Weil der Angriff der letzte große Versuch sein dürfte, die territoriale Integrität der Ukraine wiederherzustellen. Und was, wenn der Versuch scheitert? Das wäre verhängnisvoll, heißt es, da im kommenden Jahr aus dem Westen keine Waffen in großer Zahl mehr geliefert werden könnten. Warum nicht? Weil ohne einen großen militärischen Erfolg der Glaube daran fehlen wird, dass die Ukraine irgendwann doch noch siegen könnte.

Tja, nicht ganz einfach, in dieser Kaskade der Vermutungen die Ruhe zu bewahren. Manchmal hilft am ehesten der gesunde Menschenverstand, der uns sagt, wir sollten die Ukraine nicht mit Erwartungen überfrachten. Denn die entscheidende Frage lautet: Kann es sich der Westen erlauben, die Ukraine fallen zu lassen? Die schlichte Antwort lautet: Kann er nicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

 „Der beste Treiber ist der eigene Geldbeutel“

Michael Geißler, 61, ist Geschäftsführer der Berliner Energieagentur und auch Vorstandsvorsitzender des Branchenverbandes. Seine Agentur berät Unternehmen und Privatleute darin, was sie auf dem Weg zur Klimaneutralität tun können. Privat ist Geißler ein überzeugter Anhänger von Alba Berlin.

t-online: Herr Geißler, welche Frage wird Ihnen momentan am häufigsten gestellt?

Geißler: Was kommt auf uns zu und welche Möglichkeiten haben wir? Denn die meisten Unternehmen und Gebäude-Eigentümer*innen wollen gerne in mehr Klimaschutz investieren. Jedoch treibt sie oft die Sorge, ob sie die Kosten am Ende nicht überfordern werden. Mit immer kürzeren Regelungsintervallen und -änderungen nimmt die Unsicherheit zwangsläufig zu und führt dann womöglich zu Verdruss und Resignation. Viele Menschen schreckt auch die Komplexität der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Förderung ab. Deshalb brauchen sie vor allem Planungs- und Investitionssicherheit.

65 Prozent an erneuerbarer Energie soll Pflicht werden, wahrscheinlich schon ab nächstem Jahr. Sind solche strikten Vorgaben eigentlich sinnvoll?

Es muss der Politik in erster Linie gelingen, die Bürger:innen vom Mehrwert der Energiewende zu überzeugen. Denn natürlich müssen wir alles daran setzen, von fossiler Energie wegzukommen. Die Extremwetter-Ereignisse der letzten Jahre machen mehr als deutlich, dass die Folgen des Klimawandels auch bei uns angekommen sind und uns die Zeit zum Handeln zwischen den Fingern verrinnt. Eine Verschiebung auf später macht am Ende alles nur noch viel teurer, auch für jeden Einzelnen.

Umgekehrt könnte man argumentieren, dass in den Privathaushalten eben zu wenig gegen den Klimawandel passiert, wenn nicht der Staat gesetzliche Vorschriften erlässt.

Für die Transformation zur Klimaneutralität braucht es selbstverständlich gesetzliche Regelungen, wie wir sie aus allen anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen und akzeptieren. Grundsätzlich sollte es dabei immer ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Fordern und Fördern geben. Der beste Treiber ist dabei meistens der eigene Geldbeutel.

Als Allheilmittel für den Klimawandel gilt die Wärmepumpe. Ist diese Konzentration verständlich?

Grundsätzlich sollten wir uns alle Optionen offenhalten. Denn wenn wir uns aus den Fesseln der fossilen Energie-Abhängigkeit befreien wollen, dann sind vor allem dezentrale Ansätze sinnvoll. Dazu kann die Wärmepumpe einen wichtigen Anteil leisten, wenn auch weniger in den Städten, da hier die Besiedlung dann doch zu dicht ist. Gleichzeitig müssen wir aber auch verstärkt auf Abwärmenutzung und auf Nah- und Fernwärmenetze setzen, die dann zukünftig erneuerbar versorgt werden müssen.

Nehmen wir an, in ein älteres Haus mit betagtem Gaskessel soll im Jahr 2024 eine Wärmepumpe eingebaut werden. Was muss der Besitzer beachten?

Wichtig ist, dass zunächst für Effizienz im Haus gesorgt wird – dass zum Beispiel das Verteilungssystem der Heizung gut eingestellt ist und auch die technischen Voraussetzungen für die Wärmepumpe erfüllt sind. Die einzelnen Bestandteile müssen dann aufeinander abgestimmt und richtig dimensioniert sein.

Wenn die Pumpe mit Luft arbeitet und es ist draußen kalt, wird die Pumpe zur Elektroheizung. Ein entscheidender Nachteil?

Entscheidend ist die Jahresarbeitszahl. Sie gibt an, wieviele Einheiten Wärme in einer Kilowattstunde Strom erzeugt werden können. Je mehr der Energiebedarf des Gebäudes bereits durch Sanierung gesenkt worden ist, desto besser kann die Wärmepumpe ihre Wirkung entfalten. Auch bei einer Außentemperatur von -12°C liefert die Wärmepumpe bei 50°C Vorlauftemperatur noch eine Arbeitszahl von über 2 – es wird doppelt so viel Wärme erzeugt wie beim Heizen mit Strom. In älteren Gebäuden ist das oft schwierig umzusetzen, daher wird sicherlich der Einsatz von Hybridheizungen sinnvoll sein – beispielsweise eine Gasbrennwertheizung in Kombination mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe. Dann kann die Gasheizung einspringen, wenn es draußen besonders kalt ist.

Gehört ein Garten zum besagten Haus, könnte die Wärmepumpe mit Erdwärme arbeiten. Wie groß muss ein Garten sein und wie tief sollten die Sonden liegen?

Üblich sind knapp 100 Meter tief gebohrte Erdsonden. In Berlin muss dafür ein Abstand von 10 Metern zu Sonden der Nachbarn eingehalten werden. Für rund 30 Kilowatt an Heizleistung benötigt man 6 Bohrungen in 100 Meter Tiefe, die auf einer Fläche von circa 400 Quadratmetern angebracht werden sollten. Ein gut gedämmtes Einfamilienhaus kommt hingegen mit 100 Quadratmetern aus.

Lohnt sich die Solaranlage als Ergänzung auf dem Dach?

Im Sommer sowie in den Übergangszeiten auf das Frühjahr und den Herbst lässt sich der Wärmebedarf mit zusätzlicher Photovoltaik decken. Daher würde ich empfehlen, das Dach für den Einsatz einer PV-Anlage prüfen zu lassen.

Das Gesetz heißt ja Gebäudeenergiegesetz. Es geht also nicht nur um den Keller, sondern um das ganze Haus. Wo überall kann ein Haus gedämmt werden – an der Fassade, an den Fenstern?

Man muss ein Gebäude als einen Gesamtorganismus verstehen, bei dem die einzelnen Teile zusammenspielen. Daher ist es immer richtig zu prüfen, was kann ich energetisch verbessern und vor allem in welcher Reihenfolge. Dabei kann ein individueller Sanierungsfahrplan helfen, der genau aufzeigt, in welchen Schritten man vorgehen kann, um sein Haus fit zu machen. Dann weiß man auch, ob es sinnvoll ist, die Fenster auszutauschen, die Kellerdecke zu dämmen oder sogar die Fassade. Dabei sollte man natürlich auch die staatliche Förderung im Auge behalten. Übrigens wird sogar die Beratung bei einem Sanierungsplan vom Gesetzgeber gefördert.

Experten unterbreiten den Vorschlag, nicht immer nur von einzelnen Gebäuden auszugehen, sondern ein Quartier zu sanieren, dessen Häuser zum Beispiel in kommunaler Hand sind. Überzeugt Sie diese Idee?

Das Quartier ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung der Wärmewende. Daher begrüße ich es sehr, dass der Bundesrat sich dafür ausgesprochen, diesen Ansatz im Gesetz zu verankern. Das fordern wir Agenturen übrigens schon seit vielen Jahren. Denn nicht jedes einzelne Gebäude und nicht jede Immobilie kann die Klimaziele alleine erreichen. Es

ist oftmals leichter und wirtschaftlicher, eine Lösung für eine Gruppe von Gebäuden zu finden.

Wer Fernwärme bezieht, ist fein heraus. Lässt sich das Netz unschwer ausbauen?

Der Ausbau hängt von örtlichen Gegebenheiten und dem zukünftigen Energiebedarf der Häuser ab. Ein Ausbau kostet natürlich Geld, daher ist eine genaue Planung wichtig – und hier sind wir beim Punkt der kommunalen Wärmeplanung. Sie muss und wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob wir die Wärmewende umfassend und vor allem sozialverträglich umsetzen können. Denn die kommunalen Wärmepläne zeigen auf der Grundlage von Bestands- und Potenzialanalysen, wie das Netz bestmöglich ausgebaut werden kann. Sie schaffen damit eine belastbare Grundlage für die Planung und geben Planungssicherheit für die an der Wärmewende beteiligten Akteure. In Baden-Württemberg zum Beispiel ist das jetzt schon Pflicht. Eine bundesweite Regelung, die bereits bestehende Länderregelungen berücksichtigt, wäre wichtig.

Horrende Zahlen über die Kosten der Gebäudesanierung schwirren umher. Der bayerische Ministerpräsident, der bekanntermaßen im Wahlkampfmodus steckt, hat behauptet, auf Hausbesitzer kämen Kosten in Höhe von 300 000 Euro zu. Ist das mehr als Angstmache?

Die aktuelle Diskussion hat einfach zu großer Verunsicherung geführt. Da wird sicherlich auch mit Zahlen hantiert, die unpräzise sind. Denn jedes Gebäude muss individuell betrachtet werden. Entscheidend ist, wie die Förderung zum Gebäudeeenergiegesetz ausfallen wird. Und dabei ist auf eine Staffelung nach Einkommen zu achten, die finanziell schwache Haushalte besser unterstützt als stärkere. Niemand sollte über Gebühr belastet werden.

Momentan gibt es eine Jagd nach Gas- und Erdölbrennern. Ist das ein Kollateralschaden der hastigen Ankündigungen aus dem Wirtschaftsministerium?

Das ist eine Reaktion, wie sie oft im Zuge neuer Gesetze zu beobachten ist. Die Menschen wollen in erster Linie Planungssicherheit. Ihnen liegt daran, abschätzen zu können, welche Belastungen auf sie zukommen. Das geht beim Altbewährten oft einfacher als beim noch neuen Unbekannten. Vor diesem Hintergrund sehen viele Menschen den Einbau einer neuen fossilen Heizungsanlage als vermutlich sicheren Weg. Angesichts der perspektivisch steigenden Kosten für fossile Energie und der anwachsenden CO2-Preise

sind solche Vorsichtsmaßnahmen jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn steigt der CO2-Preis – wie von vielen Experten erwartet – auf über 100 Euro pro Tonne in den nächsten Jahren, dann kann es sein, dass über die Laufzeit einer neuen fossilen Heizung von 20 bis 25 Jahren eine fünfstellige Summe zusammen kommt. Solche Schnellkäufe sind eben ein Beleg dafür, dass wir mehr Zeit und Aufklärung benötigen.

Wenn in einigen Jahren Millionen Wärmepumpen laufen, viele Elektroautos fahren und die Industrie hohen Bedarf an grünem Strom hat, so dass dann ungefähr die vierfache Menge an Strom gebraucht wird: Muss dann der Stromverbrauch reguliert werden?

Sicher ist, dass der Strombedarf stark zunehmen wird. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien von derzeit knapp 240 Terrawattstunden auf 600 im Jahr 2030 gesteigert werden muss. Das setzt einen massiven Ausbau und vor allem einen effektiveren Einsatz voraus. Hierfür müssen zum Beispiel intelligente Steuerungssysteme die Voraussetzungen schaffen. Denn es geht vor allem um Steuerung, nicht um Regulierung. Dafür brauchen wir neben Speichern vor allem ein besseres Management, das auf die erneuerbaren Potentiale abgestimmt ist.

Also könnte eventuell dann vorgeschrieben werden, dass E-Autos nur nachts aufladen dürfen und Waschmaschinen, Trockner, Spülmaschinen nur zwischen 10 und 16 Uhr laufen dürfen?

Mit dem vor Kurzem verabschiedeten Gesetz zur Beschleunigung der Di- gitalisierung der Energiewende ist man hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen. Wir brauchen in der Breite intelligente Mess- und Steuerungselemente für unsere Strom- und Wärmeversorgung, die es einfach und unkompliziert ermöglicht, flexible Stromtarife zu nutzen. Bei den hohen Strommengen ist das unbedingt wichtig. Ich glaube nicht, dass man dann Strom nur zu bestimmten Zeiten nutzen darf, sondern dass über die variablen Strompreise die Nutzer*innen den für sie passenderen Tarif wählen werden.

An Robert Habecks Gesetzesvorlagen irritiert die Eindimensionalität. Dabei könnte die Lehre aus der einseitigen Abhängigkeit von russischem Gas sein, dass Optionen besser sind. Lassen Sie uns einige durchgehen. Ist Biogas eine Alternative?

Wir werden nur vorwärts kommen, wenn wir alle Optionen im Blick behalten. Das betrifft alle erneuerbaren Ansätze, also auch Holz, Biomasse und klimaneutrale Gase. Dafür muss das Gesetz Möglichkeiten eröffnen, denn

gerade im ländlichen Raum kann darin eine Alternative beim gleichzeitigen Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten liegen.

Solarthermie, aus der Wärme entsteht, lässt sich sogar speichern. Warum ist davon so wenig die Rede?

Zu den Optionen gehört auch ein breiter Einsatz der Solarthermie, idealerweise ebenfalls im Quartier und vor allem zur Nutzung für die Erzeugung von Warmwasser. Die Solarthermie reduziert im Sommer den Energiebedarf für die Warmwassererzeugung und kann im Winter die Wärmeerzeugung effektiv unterstützen. Hierfür gibt es schon viele gute Beispiele aus der Praxis wie in Freiburg, wo im Quartier Gutleutmatten 500 Wohneinheiten, bestehend aus 39 Mehrfamilien- und zehn Reihenhäusern mit rund 1.300 Personen, von der nachhaltigen Energieversorgung profitieren.

Oder die Abwärme vom Warmwasser, das jetzt in der Kanalisation verschwindet. Wie ließe sich die Abwärme besser verwerten?

Auch hier kann der Quartiersansatz eine entscheidende Rolle spielen, denn es ist oft praktikabler, die Abwärme im unmittelbaren Umfeld direkt zu nutzen. Dabei geht es um sämtliche Formen der Abwärme, die etwa auch bei Produktionsprozessen anfällt. Die Wärme aus einem Rechenzentrum kann dann direkt für das Heizen der umliegenden Wohngebäude genutzt werden. Diese Potentiale sind riesig. In Frankfurt am Main gibt es zum Beispiel rund 60 Rechenzentren, die zusammen 1,6 Terrawattstunden Strom verbrauchen. Bei einer kompletten Nutzung der Abwärme bis 2030 können rein rechnerisch sämtliche Wohn- und Büroräume der Mainmetropole CO2- neutral geheizt werden. Auch in Berlin sind wir hier bereits intensiv unterwegs, denn hier kann die Abwasserwärme langfristig einen Beitrag von bis zu 5 Prozent des gesamten Wärmebedarfes decken.

Schließlich Wasserstoff. Ab wann könnte darin eine Alternative liegen?

Das kann heute niemand seriös sagen. Die Produktion von Wasserstoff ist aktuell noch sehr kostspielig und wird es auch in den kommenden Jahren bleiben. Zugleich ist es nach wie vor fraglich, wie groß die tatsächlich produzierbaren Mengen dann sein werden. Perspektivisch sehe ich eher die Schwerindustrie als Abnehmer. Wir sollten daher nicht allein auf denkbare Lösungen setzen, die wohl, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren in Frage kommen. Wir müssen jetzt direkt ins Umsetzen kommen. Energieeffizienz und Energieeinsparung sind das beste Mittel zum Zweck.

Herr Geissler, danke für das Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Sonntag.

Vorbereitungen für das große Sterben

Vielleicht wird man später einmal sagen, dass dieser Krieg in der Ukraine Anfang Mai in einer ungewöhnlichen Phase steckte. Dazu tragen ein paar Ereignisse bei, die sich in Russland abspielen.

Drohnen wurden auf den Kreml abgefeuert – genauer gesagt, sollen auf Wladimir Putins Heiligtum abgefeuert worden sein, denn die Quelle der Behauptung ist russisch. Wilde Flüche spien daraufhin die Propagandisten im Fernsehen und forderten mal wieder dazu auf, Selenskyi umzubringen. Na ja, das wollen sie schon lange, eigentlich von Anfang an, ist also nichts Neues und gelingt ihnen hoffentlich auch nicht. Was aber  am Echo auf  diesen seltsamen Vorfall auffällt, ist eine merkwürdige Nervosität, die bis in höchste Ränge hinein zu reichen scheint. Und dazu wird die Ukraine neuerdings ernst genommen, so ernst, dass man ihr das Beschießen des Kreml mit Drohnen zutraut. 

Jewgenij Prigoschin ist ein russischer Oligarch, der die Wagner Gruppe finanziert und steuert. Bemerkenswert häufig meldet er sich mit exzentrischen Kommentaren zu den Ereignissen des Krieges zu Wort. Weil der Blutzoll hoch ist und die Ausrüstung schlecht, drohte er  damit, seine Soldateska aus Bachmut herauszuziehen. Davon ist er jedoch wieder abgerückt, da ihm Nachschub an Munition und Gerät samt Flankenschutz zugesagt worden sei, wie er behauptet. Erwähnenswert ist das Geplänkel, weil Prigoschin militärische Probleme unverblümt anspricht. Er nimmt sich Freimut heraus und kritisiert die russische Militärführung. Was sagt eigentlich Putin dazu?

Indes bereitet das ukrainische Militär die Offensive im Süden und Südosten vor, von der schon seit geraumer Zeit die Rede ist. Es dauert, weil der April verregnet war und die Wege daher verschlammt sind. Erst wenn die Frühlingssonne  für Trockenheit gesorgt hat, kann es los gehen. Bis zu 100 000 Soldaten sollen in die Gefechte ziehen. Die westlichen Partner haben, wie es heißt, so ziemlich alle versprochenen Waffen und Munition geliefert. Dazu gehören, so sagt es der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, 230 Panzer und 1 550 gepanzerte Feuerzeuge. Darunter sind auch 18 Leopard-2-Panzer aus Deutschland.

So viel man weiß, hat die russische Armee an möglichen Angriffspunkten Panzergräben und Schützengräben ausgehoben und Artilleriestellungen aufgebaut. Vor allem die Landbrücke auf die Krim ist eminent geschützt. Für die Vorsichtsmaßnahme gibt es Gründe. Ukrainische Drohnen hatten Treibstofftanks auf der Halbinsel in Brand gesetzt und angeblich einen Raketentransport auf Bahngleisen teilweise zerstört. Die Befreiung der Krim gehört zu den ukrainischen Kriegszielen.

Es ist alles gerichtet für den Start der Offensive, die ein großes Sterben auslösen wird. Leid und Kummer sind die unvermeidlichen Begleiter auch gerechter Kriege, denn in diese Kategorie gehört der Kampf der Ukraine um ihre Existenz als Staat. Wie viele Soldaten auf beiden Seiten schon gestorben sind, weiß niemand im Westen ganz genau. Die Zahlen sind  manipuliert und damit entweder übertrieben oder untertrieben. Vermutlich werden die Toten in der Ukraine auch nach dem Krieg in ehrenvoller Erinnerung bleiben. Und die Toten in Russland?

Heute ist es 78 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation gegenüber England und Amerika endete. Tags darauf holte die Sowjetunion die Unterzeichnung in Karlshorst nach. Die Siegesparade in Moskau findet morgen wiederum ohne ausländische Gäste statt und anscheinend mit weniger militärischem Gepränge als sonst üblich. Natürlich wird Wladimir Putin eine Rede halten und überall auf der Welt aufmerksame Zuhörer finden.

Am Ende dieser Woche will Wolodymyr Selenskyi in Deutschland sein. Ein schwatzhafter Berliner Polizist hat es jedoch der „B.Z.“ verraten; nach ihm wird nun intern gefahndet. Der ukrainische Präsident möchte kurz in Berlin vorbeischauen und dann in Aachen den Karlspreis entgegennehmen. Der Bundeskanzler hat ihn eingeladen. Ich nehme an, er wird kommen, sonst wäre es ein Treppenwitz, dass ein Berliner Polizist die Reise sabotieren konnte.

Der Krieg geht weiter. Das große Sterben geht weiter. Die Unsicherheit nimmt zu, sogar in Moskau, das offenbart sich in diesem Mai, in dem die Ukraine eine Offensive vorbereitet, von der sie sich viel erhofft.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wie eine Selbstauslöschung

Felix Schmidt , 89, gehörte zu den herausragenden Journalisten seiner Generation. Er war Ressortleiter beim „Spiegel“ und Programmdirektor beim SWR gewesen, bevor er einer von drei Chefredakteuren beim „Stern“ wurde. Er musste für die gefälschten Hitler-Tagebücher geradestehen, obwohl der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr im Glauben an eine Weltsensation den Rechercheur Gerd Heidemann mit Millionen für die Beschaffung der 62 Kladden versorgt hatte. Schmidt und Heidemann,91, sind die letzten Überleben der Katastrophe, die den „Stern“ um seinen Ruf brachte.

t-online: Vor 40 Jahren, am 28. April 1983, erschien der „Stern“ mit dem sensationellen Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Sie waren damals einer von drei Chefredakteuren. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an diese Tage denken, als Ihr Blatt die Welt in ungläubiges Staunen versetzte?

Schmidt: Ich habe mitgestaunt und gehofft, dass alles gut geht. Denn in Wahrheit hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache, hatte aber nicht den Mut Zweifel zu äußern. Die immer wieder übermäßig bekundete Gewissheit der Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen in die Echtheit der Tagebücher ließ keine Zweifel mehr zu.

Und die unfassbare Schmach, als sich herausstellte: 62 Kladden mit schwarzer Tinte – gefälscht?

Meinem Freund Thomas Schröder habe ich kurz vor Drucklegung der Tagebücher meine Zweifel mit dem Satz anvertraut: „Wenn wir einer Fälschung aufgesessen sind, ist die tiefste Stelle der Alster nicht tief genug uns aufzunehmen“. Als die Tagesschau am Samstag, dem 7. Mai, den Rücktritt der beiden Chefredakteure Koch und Schmidt meldete, klang das in meinen Ohren wie eine Selbstauslöschung.

Skurril war ja, dass Gerd Heidemann an der Chefredaktion vorbei mit dem Verlag den Ankauf der Tagebücher abgesprochen hatte. Sie und Ihre beiden Kollegen wurden erst nach geraumer Zeit eingeweiht. Das muss Sie doch fürchterlich geärgert haben.

Ich wollte zurücktreten, aber mein Co-Chefredakteur Peter Koch bat mich um der Loyalität willen zu bleiben. Er sagte: „Wenn die Sache für den ‚Stern‘ ein Erfolg wird, dann ist doch gleichgültig wie wir dazu gekommen sind.“

War der kollektive Wahn, die tollste Geschichte auf dem Erdkreis zu haben, so stark, dass auch Sie Heidemann auf den Leim gingen?

 Offensichtlich ja.

Heidemann bekam die Tagebücher angeblich über einen General der DDR-Volksarmee auf abenteuerlichen Wegen, versteckt in transportierten Klavieren für den Westen. Warum glaubte die gesamte „Stern“-Führung diese wilde Geschichte?

Die Fundgeschichte in der DDR-Gemeinde Börnersdorf, wo im April 1945 tatsächlich ein Flugzeug mit Gegenständen aus dem Besitz Hitlers, darunter angeblich die Tagebücher, auf dem Weg nach Salzburg abgestürzt war, klang glaubwürdig. Denn der Absturz ist nachprüfbar richtig. Die Tagebücher und den Volksarmee-General, der die von Bauern aus den Trümmern geborgenen Kladden im Verwahr habe, wurde von Heidemann in die Geschichte hineingeschmuggelt. Ich kann seinen Namen nicht nennen, sagte Heidemann immer wieder, denn der Mann ist doch hochgefährdet, wenn ich mehr über ihn preisgebe, dann fliegt alles auf. Das war immer schon die Methode Heidemann, seine Stories zu verkaufen. Ein Teil war wahr, ein anderer dazu fantasiert.

Waren Sie zu vertrauensselig? Haben Sie gedacht, wer so viele Millionen ausgibt, wird schon für hinreichende Prüfung sorgen?

Ich habe mich nicht dem Argument verschlossen, dass der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr doch erst nach reiflicher Prüfung einem derart riskanten und teuren Ankauf der Tagebücher zugestimmt habe.

Waren Sie informiert darüber, mit welchen Schrift- und Papiersachverständigen und welchen Historikern der „Stern“ die Tagebücher prüfen ließ? 

Peter Koch war der für Politik und Zeitgeschichte zuständige Chefredakteur, ich war für Unterhaltung und Kultur im weitesten Sinne verantwortlich. Im Groben war ich jedoch über die überaus positiven Ergebnisse der einzelnen Prüfungen der Tagebücher informiert. In der „heißen Phase“ war es Koch, der das Verfahren dann bestimmte.

Ihr Kollege Peter Koch, ein studierter Historiker, riss die Geschichte an sich, reiste nach Amerika für die Weltrechte und trat in der berühmten Pressekonferenz als omnipotenter Mr. „Stern“ auf. Wie war Ihre Rolle in diesem Prozess, der sich über zweieinhalb Jahre zog? 

Zum Prozess gegen Kujau und Heidemann wurde ich als Zeuge nicht zugelassen. Das Gericht glaubte, mich meinem Anwalt gegenüber als „kleines Licht in der Angelegenheit Hitler-Tagebücher“ einstufen zu müssen. 

Pünktlich zum 40. Jubiläum erschien eine dreiteilige Dokumentation des SWR, in der Gerd Heidemann im Mittelpunk steht, der Mann, der 9,3 Millionen Mark für die Fälschungen ausgab. Erklären Sie uns diesen Mann in seiner Sonderrolle im „Stern“.

Heidemann, der einst ein Star beim „Stern“ war, ist für die Hitler-Tagebuch-Geschichte kräftig geprügelt und wegen Betrugs verurteilt worden. Ich habe keinen Anlass die Keule erneut herauszuholen. Nur soviel:  Dem Bekunden seines Ressortleiters Thomas Walde zufolge, hatte Heidemann Angst, mit einem höllischen Gelächter abgefertigt zu werden, wenn er mit so einer brisanten Nazi-Geschichte bei den Chefredakteuren auftauche.

Heidemann weigerte sich beharrlich, den Namen seines Kontaktmannes zu nennen. Das ist ungewöhnlich, im Normalfall erfährt zumindest die Chefredaktion, wer die Quelle ist. Warum musste er den Namen Ihnen nicht herausrücken?

Heidemann hat immer wieder bekundet, dass er Menschenleben in Gefahr bringe, wenn er Namen nennen würde. Das wiederholte er auch immer wieder, bis er unter dem Druck der aufgedeckten Fälschung am Samstag, dem  7.Mai, um fünf Uhr morgens mit dem Namen des Fälschers herausrückte: Dr. Konrad Fischer aus Bietigheim-Bissingen. Nach drei Stunden haben wir herausbekommen, dass Dr. Fischer identisch ist mit Konrad Kujau. Später wird zutage gefördert, dass Thomas Walde den Namen Fischer frühzeitig gekannt hat.

Was ein Welterfolg werden sollte, entpuppte sich als Räuberpistole. Wie lange hat es gedauert, bis Sie nicht mehr auf die Selbsthypnose einer ganzen Gruppe von Führungsfiguren unter dem Einfluss eines Rechercheurs mit Nazi-Sentimentalität angesprochen wurden?

Wie dieses Interview zeigt: bis auf den heutigen Tag. Diese Geschichte hängt den Beteiligten ein Leben lang an. Die meisten von ihnen haben den Vorzug, schon tot zu sein.

Die Verlagsführung trug eigentlich die Verantwortung, weil sie die Hitler-Tagebücher zur geheimen Kommandosache erklärt hatte. Aber keiner aus diesem Kreis verlor seinen Job, wohl aber die Chefredakteure, also auch Sie. Löst das in Ihnen heute noch Bitterkeit aus?

 Ja. Über m

ich. Noch wenige Stunden vorher hatte ich in einem selbsthypnotischen Anfall in einer Konferenz verkündet: „Ich war nie sicherer, dass die Tagebücher echt sind.“ Wenn ich auf diese Worte angesprochen werde, möchte ich so schnell wie möglich im Boden versinken.

In der Dokumentation ist immer wieder Gerd Heidemann, 91, in seinem Archiv inmitten von Nazi-Memorabilia zu sehen. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf? 

Was für ein großartiger Museumswärter!

Am 28. April 1983 erschien der „Stern“ in einer Auflage von 2,4 Millionen mit einer Geschichte, in die er 9,3 Millionen Mark investiert hatte. Es waren die goldenen Zeiten des „Stern“, der danach abstürzte. Lässt sich heute jüngeren Menschen erklären, was sich damals ereignete?

Ich kann es nicht. Denn ich müsste erklären, wie leicht Wahn, Mystifikation und Geld die Vernunft erwachsener, halbwegs gebildeter Menschen außer Kraft gesetzt hat. Und ich müsste über meine unverzeihliche Mutlosigkeit gegenüber übergriffigen Vorgesetzten sprechen.

Herr Schmidt, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was soll das?

Es ist ja nicht weiter verwunderlich, dass etliche Menschen Gedanken wälzen, wie es mit der Ukraine weitergehen wird. Je länger der Krieg andauert und je weniger sich Land mit den jeweiligen Offensiven erobern lässt, desto drängender stellen sich Fragen nach der Zukunft dieses geschundenen Landes.

Wie es seine Art ist, prescht Emmanuel Macron furios vor. Der Vorzug besteht darin, dass seine Urteile und Ideen immer blitzblank ausfallen. In seiner klirrenden Klarheit ist er dem auf Konsens bedachten Pragmatismus deutscher Provenienz haushoch überlegen. Entweder hat er groß recht oder er liegt groß falsch. Gehirntot nannte er die Nato vor dem Einfall der russischen Armee in die Ukraine. Egal, jedenfalls hat Putin sie wach geküsst. Nach seiner China-Reise riet Macron ultimativ  Europa von einer Einmischung in die künftigen Konflikte zwischen China und Amerika ab. Na ja, an militärische Intervention in einen Krieg um Taiwan war ohnehin nicht gedacht, oder? Aber an moralischer und politischer Unterstützung käme Europa dann wohl kaum vorbei.

Auch Macrons neueste Initiative hat es in sich. Der französische Präsident drängt Xi Jinping zur Friedensvermittlung in der Ukraine. Aber warum sollte der neue Mao ihm den Gefallen tun? Der Krieg in der Ukraine hat den angenehmen Nebeneffekt, dass Russland noch mehr auf China angewiesen ist als zuvor. Und aus Xis Sicht liegt der Vorteil des Krieges darin, dass die USA in Europa gebunden sind. Worin sollte also Chinas Interesse an einem  Frieden liegen, der womöglich eine Demütigung Putins mit sich brächte? 

Macrons Vorschläge haben zwei Gemeinsamkeiten: Darin äußert sich der politische Primat, den französische Präsidenten in der Europäischen Union beanspruchen. Deutschland mag eine ökonomische Macht sein, aber politisch hält es sich seit je her zurück, von Helmut Schmidt über Angela Merkel bis hin zu Olaf Scholz. Ist das klug? Im Prinzip ja, in der Wirklichkeit immer weniger, zumal mit einem Irrlicht wie Emmanuel Macron im Élysée. Die zweite Gemeinsamkeit betrifft die Skepsis gegenüber Amerika, die in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland.

Man kann sich vorstellen, dass Wolodymyr Selenskyji wenig amüsiert über Frankreichs Sonderwege ist. Nicht nur aus seiner Perspektive nimmt Xi Partei für Russland und ist schon deshalb als Vermittler kompromittiert, wenn nicht diskreditiert. Selenskyjis Mantra fällt nach wie vor maximal aus: Rückeroberung aller okkupierter Gebiete im Süden und Osten plus der Krim. Ob dieser Kompromisslosigkeit eigentlich Wirklichkeitssinn innewohnt oder nicht, ist eine andere Frage. Denn für die Motivation seiner Soldaten ist bedingungsloser Optimismus unbedingt nötig, vor allem für die Eingekesselten in der Geisterstadt Bachmut.

Die neueste ukrainische Gegenoffensive gegen die neueste gescheiterte russische Offensive steht bevor. Zudem werden ukrainische Soldaten in Amerika auf die M1-Abrams-Panzern eingeschworen, die früher als vorgesehen ausgeliefert werden sollen. Lettland will außerdem sämtliche Stinger-Raketen, mit denen sich Flugzeuge und Hubschrauber abschießen lassen, dem ukrainischen Militär überlassen. Und zur Abwechslung bombardierte die russische Armee mal die eigene 400000-Einwohner-Stadt Belgorod – und gestand den Irrtum sogar ein, was die eigentliche Sensation ist.

Indes haben die G7-Außenminister aufs Neue den russischen Angriffskrieg scharf verurteilt und als krassen Verstoß gegen das Völkerrecht angeprangert. Sie würden die Ukraine so lange wie nötig unterstützen, sagten sie, inklusive der französischen Außenministerin, die Zweifel an der Haltung ihres Landes zerstreuen wollte.

Worte und Taten halten sich im Westen momentan einigermaßen die Waage, immerhin. Zugleich schleicht sich Unbehagen ein, da ja im nächsten Jahr in Amerika ein Präsident gewählt wird, der vielleicht wieder Joe Biden heißt, auch wenn der in seiner zweiten Amtszeit ins Greisenalter hinein wachsen würde. Schlimmer kann es immer kommen, egal ob der alte Donald Trump oder einer seiner jungen Klone ins Weiße Haus einzieht. Auch wegen dieser Unsicherheit sagen Geostrategen in vielen Ländern, dass dieses Jahr entscheidend für die Ukraine ist. Was sie 2023 nicht erreichen kann, lässt sich vielleicht nicht mehr erreichen. Mit der USA lässt sich leichter optimistisch sein als ohne sie.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ginge es nach der Ukraine, wäre sie heute schon Mitgliedsstaat in der Nato und der Europäischen Union. Natürlich ist sie de facto noch lange nicht reif für die EU, aber ein politisches Signal ginge selbstverständlich vom Einstieg in die Beitrittsverhandlungen aus. Solidarität dieser Art lässt sich der Ukraine nur schwerlich abschlagen. Aber unten, wo das Leben konkret ist, wird es schwierig. Die Ukraine ist ein im Frieden ertragreiches Agrarland, das billiges Getreide und andere Agrarprodukte auf den gemeinsamen Markt werfen kann. Davon sind Polen, Ungarn und die Slowakei nicht begeistert. Schon jetzt haben sie teilweise Einfuhrverbot für ukrainische Getreide verhängt, um ihre eigenen Bauern zu schützen.

Nicht viel anders steht es um die Nato. Beitritt heißt Selbstverpflichtung der Nato auf militärische Hilfe im Falle eines Angriffskrieges wie im Februar 2022.Davor schreckt sie zurück, so ist das. Deshalb muss sich das westliche Bündnis gut überlegen, welche Garantien für die Souveränität des Landes unterhalb eines Blankoschecks so überzeugend ausfielen, dass die Ukraine damit leben kann, ohne in Ressentiments gegenüber dem wankelmütigen Westen zu verfallen.

Die Politik rückt uns mächtig auf den Leib

Endlich bricht der Frühling aus. Feiertag reiht sich an Feiertag. Die Familien finden generationenübergreifend zusammen, womöglich erfreuen sie sich sogar aneinander. Vielleicht reden sie über wesentliche Dinge miteinander – wem es in der Verwandtschaft gut geht und wem nicht, gesundheitlich oder beruflich. Wer nicht mehr mit wem redet und warum nicht. Ja, und vermutlich kreisen Diskussionen auch darum, was uns drohen mag: von Putin, der Nuklearwaffen in Belarus aufstellt, von Trump, wenn er wieder Präsident ist, von der deutschen Regierung, die mehr denn je in unser Leben eingreift.

In diesen Tagen machen sich in Deutschland ziemlich viele Haus- oder Wohnungseigentümer kundig über Wärmepumpen und fragen sich, wie viele Sonden sie wohl im Garten in welcher Tiefe verlegen müssen, um künftig mit Erdwärme die Pumpe zu betreiben, damit sie demnächst auf die 65 Prozent Alternativenergie kommen, die Robert Habeck ihnen abverlangt. Energieberater sind momentan gefragt wie nie und geben geduldig Auskunft darüber, in welcher Himmelsrichtung ein Dach liegen sollte, damit sich Photovoltaik oder Solarthermie wirklich rentieren. Und natürlich interessiert brennend, wie viel so eine Modernisierung wegen des Klimawandels kostet und wie hoch die Zuschüsse vom Staat ausfallen.

Politik ist uns seit einiger Zeit mächtig auf den Leib gerückt und der Klimawandel zwingt zu Konsequenzen tief ins Private hinein. So ist das, so muss das sein, sagt die Regierung, und natürlich hat sie nicht unrecht damit. Aber auf diese Bewegung mitten hinein in die Lebenswirklichkeit der Menschen folgt fast automatisch eine Gegenbewegung gegen diese Zumutungen. Dazu gehört der freie Fall der drei Regierungsparteien, der sich in Meinungsumfragen niederschlägt. Dazu vor allem das Ressentiment gegenüber den Politikern, die Entscheidungen treffen, die ins Private zielen. Robert Habeck, gerade eben noch bewundertes Vorbild für Nachdenklichkeit, dient inzwischen als Feindbild. Olaf Scholz schlägt amüsierte Verachtung entgegen und Christian Lindner legt mit seiner Kombination aus Professionalität und Arroganz ohnehin wenig Wert auf übergroße Popularität.

Ich teile diese Ressentiments nicht, aber die handelnden Personen tun gut daran, sie ernst zu nehmen. Der Bundeskanzler tut es offensichtlich, so erklärt sich seine Sorge, dass sich in Deutschland organisierter Zorn auf der Straße entlädt und sich in Gelbwesten symbolisiert. Dazu müssten sich Gewerkschaften wie Verdi, die das Land mit Streiks lahm legen können, mit der Wut der Menschen über teure Klimawandel-Gebote verbünden und die Gegner westlicher Aufrüstung der Ukraine aus Angst vor russischen Atomschlägen müssten sich anschließen.

Zum Glück zeichnet sich so ein aggressives Anti-Regierungsbündnis wie in Paris nicht ab. Noch macht jeder seins. Verdi will so viele Prozente wie möglich aus den Verhandlungen mit den Arbeitgebern herausholen und übt ansonsten Solidarität mit der Ukraine. Dass die österliche Friedensbewegung die Regierung dazu auffordert, keine Waffen mehr an die Ukraine zu liefern, und nach Frieden sofort verlangt, ist sogar verständlich und war zu erwarten. Diese Einseitigkeit hatte jedoch Konsequenzen. Der DGB wie die Partei Die Linke, beide traditionelle Ostermarschierer,  hielten sich diesmal wegen der politischen Schlagseite fern.

Russland ist die Trennlinie, wie sich schon an den verschiedenen Friedens-Manifesten ausgewählter Prominenter wie Alice Schwarzer und Sarah Wagenknecht zeigte. Schon wahr, Solidarität für die Ukraine und Sorge vor der Eskalation des Krieges halten sich in der Bevölkerung die Waage. Aber nicht zufällig zögert Sarah Wagenknecht mit der Gründung einer Partei nach ihren Vorstellungen. Unterschriften zu sammeln ist nicht besonders schwierig. Es ist so schön unverbindlich, schriftlich für Frieden und gegen den Atomkrieg einzutreten. Aber eine Partei aus dem Boden zu stampfen, ist eine ganz andere Sache. Parteien entwickeln sich langsam von unten, nicht schnell von oben, das lehrt die Erfahrung.

So bleibt es fürs Erste dabei, dass die Regierung für ungeschicktes Vorgehen demoskopisch abgestraft wird. Aber ihre Zumutungen sollten Scholz/Habeck/Lindner besser als bislang erklären, sonst schüren sie das frei flottierende Ressentiment. Es geht ja um ziemlich viel, in jeder Hinsicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Oh Bayern, oh BVB

In dieser Woche habe ich mir beide Pokalspiele angeschaut, in denen der Beste und der Zweitbeste der Bundesliga spielten. Am Dienstag war der FC Bayern gegen den Freiburger SC zugange, am Mittwoch spielte mein BVB in Leipzig. Dass der BVB verlor, lag von vornherein im Bereich des Möglichen. Dass der FC Bayern verlor, hätte vorher niemand geglaubt.

Die Spiele fielen völlig unterschiedlich aus. Bayern war maßlos überlegen. Der BVB maßlos unterlegen. Bayern schoss immerhin ein irreguläres Tor, das der Video-Schiedsrichter, falls er nicht gerade in sein Vesperbrot gebissen haben sollte, monieren musste, aber nicht monierte. Der BVB schoß in der vorletzten Minute zum ersten Mal gefährlich auf das Tor. Herzlichen Glückwunsch.

Die Gründe für beide Niederlagen sind nun wirklich old school. Die Mannschaften mögen Spielzüge so lange üben, bis sie zu Automatismen werden, wie es in der Techniker-Sprache der Trainer heißt. Die Trainer mögen sich etwas einfallen lassen, womit der gegnerische Trainer überrascht wird. Kurze Ecken können einstudiert werden, um die Standards, wie es auch so schön heißt, unberechenbar zu machen. Der Video-Trainer mag Szenen zusammenstellen, aus denen sich die Taktik der generischen Truppe plastisch ergibt, so dass sie auch noch der letzte Hirnbeiß versteht. Alles schön und gut, aber manchmal kommt es eben auf anderes an.

Bayern vermochte aus seinem Powerplay nur wenige ernsthaft gefährliche Spielzüge zu entwickeln, mit denen sie dem Tor der Freiburger nahe gekommen wären. Effizienz entsteht durch die Wucht, die aus dem Willen kommt, jetzt unbedingt ein Tor zu schießen und zwar egal wie. Aus dem Willen entsteht die Kraft, die dem verteidigenden Gegner allmählich die Kraft raubt und ihn zu Fehlern zwingt. Deshalb fallen so viele Tore innerhalb der letzten zehn Minuten oder in der Nachspielzeit. Die Wucht lässt dann nicht nach. Die Mannschaft glaubt daran, dass irgendwie irgendwann noch ein Tor fallen wird und hört nicht damit auf, über die Außen Flanken schlagen zu lassen, die im Zentrum ein Zufallstor produzieren.

Freiburg kämpfte aufopferungsvoll, schlug die Bälle blind nach vorn, wo kein eigener Stürmer stand, weil sie alle mit verteidigten auf Teufel komm raus. Sie wollten nicht schon wieder 5:0 verlieren, so sah es für mich aus. Sie wollten ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen. Wie aus Zufall waren sie höllisch effizient. Und wie es sich in Pokalspielen eben manchmal fügt, hatten sie Glück für fünf Spiele und bekamen in den letzten Sekunden einen berechtigten Elfmeter zugesprochen, den Lucas Höler sicher verwandelte.

Am Ende läuft die Ursachenforschung darauf hinaus, dass es den Bayern, vielleicht aus Überheblichkeit, vielleicht in Fehleinschätzung ihrer Form nach dem geschenkten Sieg über den BVB, an Esprit und Wucht mangelte. Sie spielten, als könnten sie nicht glauben, dass Freiburg gewinnen kann. Freiburg warf sich ins Spiel in der Hoffnung, eine Packung vermeiden zu können und mit dem Hintergedanken, Chancen zu nutzen, falls sie sich ergeben sollten. Der Unterschied bestand darin, dass die Bayern in Routine erstarrten, während Freiburg erst ein Sonntagstor schoß und dann eben den Elfmeter, den ihm das Schicksal bescherte, dankend verwandelte.

In München brachte sich der BVB selber aus dem Rhythmus, als sein Torwart ein Luftloch schlug. So ein Tor schwächt ungemein, ist eine Demütigung für die gesamte Mannschaft und raubt den Anfangsschwung. Der BVB erholte sich nicht davon.So ein Luftloch-Tor baut den Gegner auf, dem das Schicksal an diesem Abend wohl gesonnen ist. In Leipzig ließ sich der BVB überwältigen, brachte keinen sicheren Spielaufbau zustande, rannte immer hinterher, verlor ständig Bälle im Mittelfeld und bezog noch ein verhängnisvolles Tor, als Kobel bei der Ecke in der letzten Minute der Nachspielzeit im generischen Strafraum auftauchte. Das 0:2 bedeutete dann wieder so ein demütigendes Tor, von dem sich eine Mannschaft bis zum nächsten Spiel erholen muss, sonst setzt es gleich noch eine Niederlage.

Leipzig wollte unbedingt die Negativserie mit drei Niederlagen ohne eigenes Tor beenden. Der Trainer, der den BVB aus eigener Erfahrung kennt, hatte sich eine erfolgreiche Taktik ausgedacht: Greift sie sofort an, gleich hinter dem Strafraum, lasst sie nicht zur Entfaltung bringen, nehmt ihnen den Atem, bringt sie aus der Fassung. Der Dortmunder Trainer hatte auf Defensive gesetzt, aber mit Spielern wie Öczan oder Can lässt sich nur bedingt ein feines Angriffsspiel aufziehen, das ist nicht ihre primäre Aufgabe. Sie sollen Angriffe im Mittelfeld unterbinden und Gegenangriff ermöglichen, die dann Brandt und Reus und Malen ins Laufen bringen. Nichts davon klappte. Der BVB ging unter. War chancenlos. Brachte einen gelungenen Angriff in der vorletzten Minute zustande, doch den satten Schuss meisterte der Leipziger Torwart.

Was lernt uns das? Der Kader der Bayern ist lange nicht so gut, wie er von Kahn und Brazzo eingeschätzt wird. Tuchel muss wie Nagelsmann erkennen, dass zu wenig Leben in der Mannschaft steckt und Leute wie Mané vermutlich gar nicht zu ihr passen. Hinter dem BVB liegt womöglich die beste Phase dieser Saison. Die Bayern bieten geradezu an, dass eine andere Mannschaft Meister wird, aber dieser BVB wird es nicht sein. Malen passt wie Mané nicht recht zur Mannschaft und solange Brandt seiner Form hinterher läuft, fehlt der entscheidende Faktor hinter dem Zentrum. Zwar bietet sich Reyna als Ersatz an, der aber unter Terzić auf der Ersatzbank verhungert.

Der BVB spielt morgen gegen Union. Bayern in Freiburg, wie seltsam, und dann am Mittwoch gegen ManCity, oha.

Dörk forever

Heute habe ich gelesen, dass Dirk Nowitzki in die Hall of Fame berufen werden soll. Schon jetzt, nur vier Jahre nach seinem tränenreichen Abschied aus der NBA. Mich freut das ungemein. Er hat diese ungewöhnliche Ehre verdient. Wieder wird er um Worte ringen, weil er nichts für selbstverständlich hält. Andere platzen vor Selbstbewusstsein, selbst Dennis Schröder, der bei den Lakers immer weiter nach hinten auf der Bank gereicht wird. Dirk Nowitzki, Nummer 41, gehört ganz sicher nicht zu den Selbstgefälligen.

Sobald er im Mittelpunkt steht, wirkt er wie jemand, der bestimmt nicht im Mittelpunkt stehen will. Wenn er es dennoch muss, ist er ein Ausbund an Verlegenheit und weist darauf an, dass er doch nur ein Mensch ist, der zufällig den Ball ganz gut in den dafür vorgesehenen Korb werfen kann. Dadurch wird er noch sympathischer und nicht zufällig hat ihn Charles Barkley den nettesten Menschen genannt, der je Basketball in der NBA gespielt hat.

Natürlich wäre es einfach, in solchen Momenten eine Rede vorbereitet zu haben, die er ablesen kann, um einigermaßen Sicherheit vor einer Halle von Menschen zu gewinnen. Vielleicht hat er sich sogar die richtigen Sätze ausgedacht, bringt sie aber nicht so heraus, wie er es sich vorgenommen hatte. Aber wahrscheinlich ist es so, dass die Scheu vor Öffentlichkeit zum Gesamtkunstwerk des Basketballspileers Dirk Nowitzki gehört. Und das Publikum in Dallas würde ihn auch dann mit herzlichem Beifall überschütten, wenn er gar nichts sagen würde, sondern nur da stehen würde, mit den Füßen scharrend und sich mit dem Handrücken die Tränen abwischt. Dallas liebt Dirk Nowitzki, wie er ist. Anstatt weiter zu ziehen, um einen NBA-Titel zu gewinnen, vor allem nach der deprimierenden Niederlage gegen Miami, blieb er daheim in Dallas und setzte alles dahinter, doch noch einen Titel zu holen. Nie werden sie ihm diese Demut und Hingabe vergessen.

Ist das deutsch? Natürlich nicht. Bill Russell spielte 14 Jahre für die Boston Celtics. John Stockton spielte 19 Jahre für Utah. Michael Jordan spielte 13 Jahre für die Chicago Bulls (sein Comeback für die Washington Wizards war ein Irrtum). Karl Malone spielte mit Stockton 18 Jahre ein unvergleichliches Spiel bei den Jazz, ehe es ihn für 2 späte Jahre zu den Lakers zog, um endlich mal einen Titel zu gewinnen. Larry Bird spielte 13 Jahre lang bei den Celtics.

Es gibt treue Gesellen und es gab sie schon immer. Und es gibt die anderen, die Legionäre wie LeBron James, der über Cleveland nach Miami zog, zurück zu den Cavaliers kam und sich dann den Lakers anzuschließen. Jeder Wechsel geriet zum großen Tamtam. Jede Veränderung bekam historische Weihen. Überlebensgröße, wie LeBron James eben LeBron James sieht. Oder Kevin Durant: Unstetigkeit als Erkennungsmerkmal – Seattle, Oklahoma, Golden State Warriors, Brooklyn Nets, derzeit Phoenix Suns.

Am Ende kommt es auf die Mentalität. Nowitzki und die anderen überschätzen sich weder selber noch die gesellschaftliche Bedeutung ihres Sports. James und die anderen besitzen ein monströses Ego für die Jagd nach dem noch besser dotierten Vertrag bei der noch besseren Mannschaft. Nowitzki ist das andere Extrem: Verzicht auf Millionen Dollar, die ihm vertraglich zustanden, damit sein Klub zusätzliche Spieler verpflichten konnte.

Nowitzki ist ohne Holger Gschwindner nicht zu denken. Gschwindner rechnete anhand von Körpergröße, Armlänge und Handspannweite den richtigen Winkel aus, in dem der Ball zum Korb fliegen musste. Nowitzki war der gelehrigste Schüler, den man sich denken kann. Der Fadeaway Jumper, sein Markenzeichen, verdankt sich mathematischer Berechnung und ungewöhnlicher Körperbeherrschung. So konnte aus einem 2,13 Mann nicht etwa ein Center, sondern ein Power Forward werden, ein Alleskönner, der zum Korb zog, Dreier warf und dann auch noch diesen wunderbaren Fadeaway Jumper aus allen Lebenslagen warf.

Das Begnadet ist harte Arbeit. Kobe Bryant, Michael Jordan und all die anderen waren und sind Arbeitsethiker, die sich nie mit dem Stand ihres Könnens zufrieden gaben, vielmehr immer und immer wieder übten, was sie nicht aus reinem Talent drauf hatten. Beidhändig zum Korb ziehen zu können. No-look-Pässe zu werfen, weil sie jederzeit wissen, wie die anderen Spieler laufen.

Dirk Nowitzki hat nun alles, was man als Basketballspieler in Amerika haben kann. Eine Statue vor der Halle. Das Trikot mit der 41 hochgezogen wie eine Trophäe. In Dallas verehrt wie ein eingeborener Sohn der Stadt. Und nun die Hall of Fame. Wie Charles Barkley sagen würde: Congrats, man, you really deserve it, ‚cause you changed the game of Basketball forever.

Wenn sich Misstrauen hineinfrisst

Vertrauen ist gut. Vertrauen kann tragen. Wenn jemand zu einem von uns sagt: Ich vertraue dir, dann stellt sich ein wohliges Gefühl ein. So können Menschen auch zueinander sein, so miteinander umzugehen ist schön.

Nun weiß man aus dem richtigen Leben, dass es ganz schön schwierig ist, auf Dauer Vertrauen zu haben und zu bekommen. So schön es ist, währt es selten lange. Fragen stellen sich, was das jetzt soll, es war doch ein anderer Ton vereinbart. Ein falscher Zungenschlag, vielleicht aus Versehen, kann massiv irritieren, bringt eine Unwucht ins Verhältnis. 

Politik ist Konkurrenz. In der Politik gibt es selten eine Grundlage dafür, einander zu vertrauen. So gut wie niemand hat geglaubt, dass  die Eintracht vom Anfang der Dreier-Koalition ewigen Bestand haben würde. Aus dem Leben weiß man, dass Dreier-Konstellationen ihre Tücken haben. Entweder einigen sich zwei und der Dritte fühlt sich ausgeschlossen, oder jeder der Drei macht das Seine und so ergibt sich kein Ganzes mehr.

Im Grunde sollten wir Robert Habeck dankbar für seinen Wutausbruch zur besten Sendezeit sein. Er sprach ja nur aus, was jeder sehen konnte: Das Vertrauen ist verloren gegangen. Misstrauen ist gesät. Misstrauen aber zersetzt, gräbt sich in die Seelen. Hat es sich erst einmal ausgedehnt, gehen die Schotten herunter und jeder denkt nur noch an sein Überleben. Die existentiell bedrohte FDP denkt an ihre Klientel, die Grünen verzweifeln am gemeinsamen Projekt und die SPD wirkt  geistesabwesend.

Das Ganze muss der Kanzler zusammenhalten, wer denn sonst. Wie er dafür sorgt, laut oder leise, mit Machtwort oder kraft seiner Amtsautorität, folgt aus seiner Mentalität. Olaf Scholz wirkt manchmal unbeteiligt, was eine Stärke sein kann, weil er den anderen erst einmal beim Tanzen zuschaut, bevor er eingreift. Es kann aber genauso gut eine Schwäche sein, wenn er zu lange passiv bleibt, wozu er neigt. Natürlich kann der Kanzler nicht andauernd dazwischen schlagen, aber er sollte schon zeigen, wo der Hammer hängt. Aber wo hängt er?

Momentan hängt er anderswo. Der bundesweite Streik heute ist vielleicht nur der Anfang von Verhältnissen, die nicht unbedingt wie in Frankreich ausarten müssen, aber die Regierung hat zweifellos ein Problem – eines mehr neben all den anderen. Und da ist noch ein Zeichen an einer anderen Wand, das die Koalition lesen sollte. Geschrieben haben es die Berliner gleich zweimal kurz hintereinander: Zuerst wählten sie ihr Dreier-Bündnis wegen Kompetenzmangels ab und gestern haben sie  den Volksentscheid für beschleunigten Klimaschutz abgelehnt. Beides war eine Überraschung in diesem hitzigen, experimentierfreudigen Biotop.

Da dreht sich vielleicht etwas, da ändert sich womöglich etwas im Land. Die Herren Scholz/Lindner/Habeck tun gut daran, diesen Zeichen Beachtung zu schenken. Womöglich haben die Wähler und Bürger in den letzten Jahren genug an Zumutungen erlebt, von der Pandemie über die Folgen des Ukraine-Krieges bis zum Klimawandel. Diese Erfahrung, dass Zumutungen endlich sind, mussten etliche Vorgänger von Olaf Scholz machen, zum Beispiel Helmut Schmidt mit seiner eigenen Partei oder Helmut Kohl im Gefolge der Wiedervereinigung. Jeder von ihnen musste einsehen, dass Überpolitisierung zu ihrem Nachteil ausschlägt.

Wenn das Vertrauen innerhalb der Koalition aufgebraucht ist, wie sollen dann die Wähler, vor allem diejenigen, die diese Regierung nicht gewählt haben, das nötige Vertrauen entwickeln, dass der Klimawandel im richtigen Tempo mit den richtigen Optionen traktiert wird? Vertrauensverlust dort wird mit Vertrauensverlust hier erwidert. Das ist menschlich verständlich und politisch nur konsequent. Und es ist fatal für die ökologische Transformation der Gesellschaft. 

Die Regierung sollte die Dinge neu sortieren und besser erklären. Wärmepumpen ja, aber ohne Sanierung der Gebäude sind sie unwirksam, aber was kostet das alles zusammen? Autos wird es weiterhin geben, aber muss Stigmatisierung sein? Die Reihe kann beliebig fortgesetzt werden.

Die Menschen mitnehmen, heißt das im politischen Gefühlsdeutsch. Die Regierung muss Vertrauen in sich selber zurück gewinnen, sonst wird sie scheitern. Und nur wenn sie Vertrauen ausstrahlt, kann sie Vertrauen zurückgewinnen. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Den Scheinriesen Russland „tot rüsten“

t-online: Herr Ischinger, lassen Sie uns über Xi Jinping reden, der sein Land gleich zweimal in kurzer Zeit als Vermittler placiert hat. Hat sich damit die Weltordnung schneller als erwartet verschoben?

Ischinger: Ja: da ist ein rumpelndes Stühlerücken in der machtpolitischen Tischordnung im Gange. Aktuell entsteht dadurch allerdings mehr Unordnung als Ordnung, mehr Instabilität und Rivalität. Aber klar ist eines: China rückt an diesem Tisch auf. 

Die chinesische Geostrategie ist offensichtlich darauf angelegt, Amerika zu schwächen. Hat damit der offene Wettlauf zwischen der alten und der neuen Weltmacht begonnen?

Der Wettlauf im Sinne von machtpolitischer  Rivalität ist schon seit einiger Zeit im Gang. Leider findet er als Nullsummenspiel statt: entweder wir – das heißt die USA – gewinnen, oder China gewinnt. Besser wäre es, über eine Formel für die Koexistenz zwischen China und Amerika nachzudenken, so wie es der bald 100jährige Henry Kissinger seit langem und immer wieder predigt.

Drei Tage lang war Xi Jinping auf Staatsbesuch in Moskau und nahm sich viel Zeit zu Gesprächen mit Wladimir Putin. Haben China und Russland eine militärische Allianz geschlossen?

So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Aber die Bilder aus Moskau haben es Putin ermöglicht, dass er trotz Kriegsverbrechertribunals keineswegs so isoliert ist, wie wir ihn uns wünschen. 

Das Interesse von Xi dürfte darin liegen, dass Russland am Ende den Krieg in der Ukraine irgendwie gewinnt oder jedenfalls nicht verliert. Schließt dieses Ziel Waffenlieferungen ein?

Hoffen wir, dass China dem russischem Drängen nach Waffen nicht nachgibt. Das Vertrauen in Putin ist übrigens nicht grenzenlos. Es wird wohl so sein, dass China kein Interesse an einer vollen militärischen Niederlage Russlands hat. Aber ein abhängiges, schwaches Russland passt sehr wohl in Xis Kalkül. 

Präsident Joe Biden warnt China vor Konsequenzen, die vermutlich in einem Wirtschaftskrieg bestünden. Wie weit geht Xi nach Ihrer Einschätzung?

China kann sich keine neuen ökonomischen Belastungen aufhalsen, zumal nach den schweren Pandemie-Jahren, die das Riesenreich tief getroffen haben. Amerikanische Sanktionen wird Xi  deshalb unter allen Umständen vermeiden wollen. 

Rote Linien sind im letzten Jahr ständig missachtet worden. Der Westen schickte Waffen und Fahrzeuge, die er kurz vorher noch nicht liefern wollte. Wieso sollte sich China anders verhalten?

Es macht schon einen Unterschied, ob man die angegriffene Ukraine oder den Aggressor Russland militärisch unterstützt. Vergessen wir nicht, dass sich mehr als 140 Staaten in den Vereinten Nationen gegen Russland gestellt haben. China kann deshalb kaum gleichzeitig und glaubwürdig Champion des Globalen Südens und Waffenlieferant an Russland sein. 

China legte vor kurzem einen 12-Punkte-Plan vor zur Lösung der „Ukraine- Krise“, wie dort der russische Überfall beschönigend genannt wird. War das mehr als ein billiger Gefallen für Wladimir Putin?

Ja, das war es, denn es wäre keine gute Entscheidung, die 12 Punkte einfach weg zu wischen. China spricht sich darin erneut unzweideutig gegen den Einsatz nuklearer Waffen aus, das ist hilfreich. Und in diesem Papier finden sich auch potentiell interessante Ansatzpunkte für den Tag, an dem die Waffen schweigen. 

Spektakulärer als der Friedensplan für die Ukraine ist die chinesisch vermittelte Annäherung zwischen den gerade eben noch Todfeinden Iran und Saudi-Arabien. Wie ordnen Sie diesen Vorgang ein?

China führt uns vor, wie weit sein Arm jetzt schon reicht. Die Vermittlung zwischen den beiden Rivalen im Nahen Osten sah niemand kommen, was natürlich auch eine Schmach für die Geheimdienste bedeutet. Diese Sensation gehört zum Aufrücken Chinas am Tisch.

Was muss passiert sein, wenn religiöse und politische Feinde versucht sind, die Feindschaft beiseite zu legen?

Im Nahen Osten ist schon immer alles im Fluss. Vor 20 Jahren gab es zum Beispiel geheime Beziehungen zwischen Israel und Iran. Heute sind diese beiden Länder wieder Todfeinde. Aber auch das kann sich wieder ändern, weil eben morgen vieles möglich erscheint, was heute noch ausgeschlossen zu sein schien.

Könnte es sich um einen Nuklear-Deal handeln, den Iran sich vom Westen nicht abhandeln lassen wollte?

Das halte ich für zu viel der Spekulation. 

Saudi-Arabien hat öfter schon damit gedroht, seinerseits Atomwaffen zu bauen. Glauben Sie, dass Mohammed Bin Salam jetzt davon absieht?

Saudi-Arabien wird nur dann vom Bau nuklearer Waffen absehen, wenn denn vorneweg Iran darauf verzichtet. Daher hängt viel davon ab, was Iran sich als nächstes einfallen lässt. 

Israel hat erst vor wenigen Jahren Beziehungen zu Bahrain und den Golf- Emiraten aufgenommen und auch Saudi-Arabien schien einer Annäherung nicht abgeneigt zu sein. Richtet sich der Schwenk in erster Linie gegen Israel?

Für Israel kann diese unheilige Allianz nur eine schlechte Nachricht sein, soviel ist klar. Aber warten wir zuerst einmal ab, ob dieses erstaunliche Bündnis sich auch wirklich als stabil erweist. 

Die Regierung Netanjahu mit ihren radikalen Koalitionspartnern richtet sich stark nach innen und löst mit ihren Vorhaben Protestwellen aus. Liegt auch darin ein Grund für die Verschiebungen im Nahen Osten?

Ja, das ist wohl so, das muss man so sehen. Alle Freunde Israels verfolgen mit großer Sorge, dass Israel seine Kräfte momentan innenpolitisch aufzehrt und die Regierung Netanjahu an der demokratischen Gewaltenteilung rüttelt. 

Zugleich reiste der syrische Präsident nach Abu Dhabi und wurde dort als Bruder empfangen, der in sein arabisches Umfeld nach langer Zeit zurückkehre. Gerät Israel jetzt in die Isolation?

Der Vorgang ist eher ein Beweis für den schwindenden Einfluss und das Scheitern der USA und auch der Europäischen Union in der Region. 

Die alte Ordnungsmacht USA schaut den Veränderungen im Nahen Osten eher passiv zu. Zufällig jährt sich der Irak-Krieg, mit falschen Behauptungen begründet, zum zwanzigsten Mal. Iran, die Türkei, Russland und Saudi- Arabien füllten die Lücke und ordnen unter chinesischer Beteiligung die Dinge neu. Was davon haben Sie kommen gesehen und was überrascht Sie am meisten?

Noch sind die USA im Nahen Osten sehr präsent. Von der EU kann man das leider nicht behaupten. Wir Europäer schauen vom Spielfeldrand zu, was in der Nachbarregionen passiert. Die Europäische Union hatte doch gerade noch den Ehrgeiz, ein geostrategischer Akteur zu werden. Davon ist leider aber nur wenig zu sehen. Wirklich überrascht hat mich das chinesische Auftreten als Vermittler im Nahen Osten. Da erscheint ein selbstbewusster neuer Akteur im Nahen Osten. 

Nato und Europa sind auf den Krieg in der Ukraine konzentriert. Dieses Jahr gilt als entscheidend, da 2024 ein neuer Präsident in den USA gewählt wird. Wie optimistisch sind Sie, dass die Ukraine den Krieg nicht verliert?

Die Ukraine kann und wird nicht verlieren, wenn der Westen seine eigentliche Stärke ausnützt und den Scheinriesen Russland einfach „tot rüstet“. Wir sollten nicht vergessen dass die russische Wirtschaftskraft  kleiner ist als die italienische. Russland hat keine Chance, wenn der Westen klare Kante zeigt und die Ukraine noch mehr und noch schneller unterstützt und versorgt.. Dann endet der Krieg vielleicht doch noch in diesem Jahr. 

Herr Ischinger, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.