Ted Sommer zum 90.

Vor zwei Tagen ist Theo Sommer, den alle Ted nennen, 90 Jahre alt geworden. Wer für Unverwüstlichkeit eine Illustration sucht, sollte sein Photo ausstellen. Die Natur hat es gut mit ihm gemeint. Die Gene haben es gut mit ihm gemeint. Das Leben meint es gut mit ihm. Von all den zumeist wunderbaren, selten unangenehmen Menschen, die mir am 2. September 1980 in der „Zeit“ begegneten, ist er der letzte Überlebende. Last Man Standing, das wird ihm gefallen.

Ich erstarrte in Ehrfurcht, an jenem Tag im September. Ich kam mir klein vor. Jeder meiner neuen Kollegen war ein Ausbund an Kompetenz, an schreiberischem Können. Kurt Becker, der stellvertretende Chefredakteur und mein Mentor, holte mich in meinem Büro ab und zeigte mir, wo die Konferenz des Politik-Ressorts stattfand und sagte den klassischen Satz, den ich seither häufig wiederholt habe: „Hier gibt es keine Sitzordnung, aber wehe, Sie verstoßen dagegen.“ Ich war zehn Jahre jünger als der bis dahin Jüngste, das war Horst Bieber, ein wandelndes Lexikon. Er las Partituren in seiner Freizeit und schrieb Kriminalromane, die verfilmt wurden. Ihn interessierte Umweltpolitik, die damals die allerwenigsten interessierte. Auf ihn münzte Ted Sommer den zweiten klassischen Satz, den ich seither oft zitiert habe: „Er weiß alles und versteht nichts.“ Horst Bieber ist vor kurzem gestorben.

Im Herbst 1980 tobte ein Bundestagswahlkampf der spektakulären Art: Helmut Schmidt gegen Franz-Josef Strauß. In der „Zeit“ tobte parallel ein Machtkampf zwischen Ted Sommer und Dieter Stolze. Sommer war für Schmidt und eine liberale „Zeit“. Stolze war für Strauß und eine konservative „Zeit“. Der Eigentümer Gerd Bucerius schaute lange zu und ließ nicht erkennen, wozu er neigte. Der Machtkampf verlief fair und unter Einnahme von viel Whiskey. Ich erinnere mich, wie die beiden großen Männer laut und lärmend wie beste Freunde über den Flur liefen. Irgendwann entschied sich Bucerius für Ted und Stolze musste gehen. Er wurde dann Jahre später Regierungssprecher unter Helmut Kohl.

Die Mehrheit im Haus war froh über den Ausgang des Machtkampfes. Der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, er hieß Hans Schueler, sagte in der ersten Gesamtkonferenz des Blattes nach der Krise: „Ted, wir sind nicht für Sie, weil wir Sie mögen, sondern weil Sie die richtige Haltung haben.“ Man war selbstbewusst in diesem Haus. Jeder Redakteur fühlte sich fürs Ganze verantwortlich. Wirklich verantwortlich für das Ganze aber waren Ted Sommer und die Gräfin, meine Nachbarin zur Linken: Marion Gräfin Dönhoff, eine große Frau, eine eindrucksvoller Erscheinung, gesegnet mit einem kühlen Blick und einem herzhaften Lachen, das auch schmutzig klingen konnte.

Sommer verbreitete gute Laune. Sommer verbreitete Optimismus. Sommer war und ist ein angstfreier Mensch, ein freier Mensch. Als ich meine ersten Leitartikel schreiben durfte, gab er mir das Gefühl: Du kannst es, du weißt es vielleicht nicht, aber ich weiß es, nur zu! Natürlich war klar, dass er ihn im Zweifelsfall umschreiben würde, aber das behielt er für sich. Er setzte Vertrauen in seine Redakteure und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Später habe ich meine Erfahrungen mit Chefredakteuren gemacht, die unsicher waren und Unsicherheit vermittelten. Die misstrauisch waren und Pessimismus vermittelten. Das ist bescheuert, wenn man selber erfahren ist. Es ist furchtbar, wenn man jung ist und in dieser Atmosphäre reifen soll. Der „Spiegel“ war in vielem das Gegenteil der „Zeit“. Eine Ausnahme bildete Stefan Aust, auch ein leidenschaftlicher Journalist, auch jemand, der groß handelte und furchtlos war. Mit ihm wurde ich nach einiger Zeit warm, lernte ihn zu schätzen und hatte jede Menge Spaß mit ihm, als wir morgens um 5 durch New York liefen, nach einem Interview mit Bill Clinton und einer Nachtarbeit mit Bearbeitung auf Deutsch und Englisch.

Ted Sommers „Zeit“ ist aus heutiger Sicht ein Unikum, ein Phänomen. Ein Blatt, in dem Sommer kurz mal ins Verteidigungsministerium wechselte und die Gräfin hätte Bundespräsidentin werden können, wenn sie gewollt hätte. Hier arbeiteten Journalisten, die sich als Ratgeber der Regierung verstanden und von Kanzlern auch so verstanden wurden. Ein Blatt, in dem Helmut Schmidt Herausgeber wurde und wie selbstverständlich in der Politik-Konferenz saß und Widerspruch hinnahm, mürrisch vor allem dann, wenn er gut begründet war. Und alle machten ein Blatt, das sie gerne lesen wollten – noch so ein klassischer Satz.

Die liberale Zeit wuchs auf eine halbe Million. Sie war beliebt, nicht gefürchtet wie der „Spiegel“. Sie war ein Meinungsmacherblatt und natürlich irrten die Meinungsmacher auch gewaltig, Ted Sommer voran. Er wäre der Letzte, der es abstreiten würde.

Vor drei Jahren war ich mit ihm zum Essen verabredet. Er humpelte herein, ging am Stock. Ich erschrak, ich dachte, jetzt wird er doch alt und gebrechlich, wie schade. ich war bereit, so zu tun, als ob ich nichts sähe, nicht erschrocken sei. Auf meine Frage, was denn passiert war, sagte: „Der Meniskus, beim Joggen falsch aufgetreten.“ Ich nehme an, er musste sich beim Joggen dringend nach einer schönen Frau, jung natürlich, umdrehen.

So ist er, der Ted, mein Lieblingschef, unverwüstlich, unverändert, unveränderbar. Morgen rufe ich ihn an und verabrede mich mit ihm.

Man wird doch wohl mal loben dürfen

Als ich neulich in einer Kolumne die Regierung lobte, schrieb mir ein wütender Leser, ich sei wohl von Helge Braun, dem Kanzleramtsminister, gekauft worden, denn sonst würde ich ja wohl nicht so blöd sein und gegen jeden gesunden Menschenverstand für gut befinden, was objektiv falsch sei. Ich weiß nicht, warum der Leser ausgerechnet den freundlichen Herrn Braun, den ich im übrigen gar nicht persönlich kenne, als Geldverteiler auserkoren hatte. Wahrscheinlich lag es an seinen moderaten Auftritten in einigen Talkshows.

Nichts Ungewöhnliches war passiert. Auch im richtigen Leben mosern wir mal und loben wir mal. Mal finden wir jemanden gut, mal ärgern wir uns über ihn oder sie. Mal bekommen wir Schmähbriefe auf Artikel hin, mal klopft uns jemand auf die Schulter. Alltag eben.

Journalisten sind Menschen, die das Privileg haben, Ereignisse zu beschreiben und zu analysieren, und da Ereignisse menschengemacht sind, urteilen wir über Menschen. Dabei kann die Kritik heftig ausfallen oder das Lob enthusiastisch. Es kommt eben auf die Umstände an. Aus Prinzip nie zu loben, käme mir komisch vor. Prinzipienreiter sind anstrengende Menschen.

Schauen wir uns doch mal die Ereignisse der letzten Tage an. Die Regierung hat ein Konjunkturprogramm verabschiedet. Gut oder schlecht? Ziemlich gut, würde ich sagen, wobei mir besonders das Ausbleiben des Kotaus vor der Automobilindustrie auffiel. Also keine Abwrackprämie, prima. Die Branche war nicht amüsiert. An Selbstherrlichkeit sind die Herren Diess etc. schwer zu überbieten; allenfalls die Atomenergiemanager kamen ihnen nahe, aber mit derem Geschäftsmodell ist es ja länger schon vorbei. Ein Grund mehr, die Kanzlerin und ihren Finanzminister zu loben.

Weiter: Für jedes Kind bekommen die Familien jetzt 300 Euro extra. Eine Art Corona-Bonus für die Eltern im Home Office. Richtig oder falsch? Falsch. Die Prämie sollten Familien bekommen, die es wirklich brauchen. Statt dessen bekommt jeder Kindergeld, der Steuern zahlt, egal wie viel er oder sie dem Staat gibt und auch egal wie viel er oder sie verdient. Das ganze System sollte am ökonomischen Bedarf ausgerichtet werden. Das wäre gerecht, nicht die herrschende Egalität.

Am Samstag knieten die Spieler meines Vereins, das ist der BVB, gemeinsam mit denen von Hertha BSC am Anstoßkreis nieder. Richtig oder falsch? Richtig. Solidarität ist immer gut, auch wenn das Opfer in Minneapolis unter dem Gewicht eines Polizisten starb. Das Schweigen dazu gefiel mir ebenfalls. Rassismus ist in Amerika eine nationale Wunde und gehört auf trostlose Weise zur Geschichte dieses Landes von Anfang an, aber weder Deutschland noch Großbritannien noch Frankreich haben Grund dazu, mit dem dicken Finger nach Minnesota oder New York oder Cedar Rapids zu zeigen. Wahrscheinlich könnte jeder der dunkelhäutigen Bundesligaspieler ein Lied davon singen, wie es früher für sie als Kinder oder Jugendliche war, bevor sie sich durch Reichtum abschotten konnten.

Übrigens ist das Interesse an den Übertragungen der Bundesliga eher mager. Die ARD-Sportschau kommt nur noch auf knapp 20 Prozent, das sind fünf Punkte weniger als vor Corona. Gut oder schlecht? Gut in dem Sinne, dass dieses ganze künstliche Dramatisieren beim Ankündigen der Spiele wegfällt, deren Ergebnis die meisten von uns längst kennen. Ich mag die Pseudo-Aufregung nicht. Deshalb könnten die Zusammenfassung auch dann ohne Gedöns und Tamtam auskommen, wenn die Geisterspiele Vergangenheit sind.

USA: Donald Trump denkt gar nicht daran, sich wie ein normaler Präsident zu benehmen. Normale Präsidenten würden das Opfer der Polizeigewalt beklagen, würden hehre Worte an die Nation richten, würden mit den Angehörigen trauern und Reformen in Aussicht stellen. Trump dagegen droht mit dem Militär. Er verdammt die Demonstranten, die die Ausgangssperre missachten. Er posiert mit der Bibel vor einer Kirche in Begleitung von Ministern und einem General in Camouflage. Ist natürlich falsch, fürchterlich, unentschuldbar. Aber den Rassismus in Amerika hat er nicht erfunden. Er macht ihn sich nur zunutze. Der Ingrimm, mit dem sich manche Blätter auf Trump stürzen, tendiert zur Maßlosigkeit.

Man kann aber auch anders auf die Ereignisse dieser Tage in Amerika schauen: dialektisch. Was Donald Trump für sich nutzen will, kostet ihn die Wiederwahl, die ihm vor Corona und George Floyd schon sicher zu sein schien. Die Niederlage, die nicht zu erwarten war, bereitet er sich selber. Alles Schlechte hat auch ein Gutes.

Zurück in unser Gewerbe: In einem Podcast unterhielten sich Matthias Döpfner und Julian Reichelt über Fehler und Zweifel. Döpfner ist Springer-Vorstandschef, Reichelt ist der „Bild“-Chef, der die ruchlose Kampagne gegen Christian Drosten verantwortete, den Virologen und Berater der Regierung. „Bild“ war einfach zu weit gegangen, weiter noch als sonst. Selbst Friede Springer soll sich intern beschwert haben. Was tun? So entstand die Idee eines Gesprächs mit dem Chef Döpfner, in dem Reichelt unter einem Berg von Worten Fehler einräumte. Gut oder schlecht? Schon gut. Selbstkritik ist aller Einsicht Anfang, vor allem dann, wenn der Chef nachhilft und für Wirkung sorgt.

So geht das in unserem Gewerbe zu, sollten unsere Leser wissen. Wir machen Fehler und geben sie entweder freiwillig zu oder unfreiwillig.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

In der dritten Phase

Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, das auf interessante Weise von uns in Zeiten von Corona handelt. Der Titel lautet schön verrätselt: Der Wal und das Ende der Welt. Geschrieben hat es John Ironmonger, ein Brite. Auf Deutsch kam es vor einem Jahr heraus. 

Das Buch handelt von einer Pandemie, die der spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges nachempfunden ist. Das Virus rafft die Jungen dahin. Den Ausnahmezustand verschärft eine Krise im Persischen Golf, weshalb Öl ausbleibt und dem Land der Strom ausgeht. Die Versorgung mit Nahrungsmittel versiegt. Jede große  Stadt und jedes keine Dorf ist auf sich allein gestellt. Niemand in London weiß, was im sonstigen England los ist.

Was passiert jetzt mit dem Land? Das Buch ist auch ein Gedankenexperiment, das sich darum dreht, ob Thomas Hobbes recht behält, der britische Geschichtsphilosoph, für den der Mensch des Menschen Wolf ist. Die Konsequenz ist ein autoritärer Staat, der den nackten Egoismus bändigt.

Anders als die Pandemie im Buch rafft das Corona-Virus Alte und Kranke dahin. Auch wissen wir, was anderswo passiert. Deutschland kommt bisher dank rechtzeitiger Maßnahmen einer verantwortungsvollen Regierung mit weniger Infizierten und weniger Toten davon als viele andere Länder. Und dennoch stellt sich die gleiche Frage wie im Buch: Nehmen die inneren Konflikte zu, nimmt der Hass zu, auch die politische Spaltung? Wie wirkt sich die Krankheit gesellschaftlich aus?

Ich glaube, dass der Ausgang noch offen ist. Ich glaube auch, dass der Unmut wächst, die Ungeduld. Die Jagd nach Sündenböcken ist eröffnet, wie man an den Verschwörungstheorien absehen kann und am Hass, der sich im Netz gegen Bill Gates genau so wie gegen die Kanzlerin oder Kommunalpolitiker ergießt. An die Spitze hat sich die „Bild“-Zeitung mit ihrer Verleumdungsarie gegen Christian Drosten gesetzt, den Virologen und Berater der Bundesregierung. 

Wir leben jetzt in der dritten Phase der Corona-Zeit. In der ersten gab es großes Vertrauen in die Ruhe und Kompetenz der Kanzlerin. Weder ging sie soweit wie Frankreich oder Spanien, die Ausgangssperren verhängten, noch unterschätzte sie das Virus ähnlich wie Boris Johnson oder Donald Trump. Im richtigen Augenblick, das war die zweite Phase, ließ die Kanzlerin Lockerungen zu und trat die Verantwortung für die konkrete Umsetzung an die Ministerpräsidenten ab, so dass Bayern restriktiv handeln darf und Baden-Württemberg oder Thüringen weiter gehen können. So finden nun Geisterspiele in der Bundesliga statt, können wir Restaurants besuchen und Motorboot fahren, die kleinen Kinder stundenweise die Kita schicken und Urlaub planen, immerhin.  

In der dritten Phase entscheidet sich, was Deutschland nach der Pandemie für ein Land sein wird. Der Deutungskampf ist schon ausgebrochen, dafür sind die Verschwörungstheoretiker vom Schlage Ken Jebsen oder Attila Hildmann die Vorboten. Ich glaube, dass solche Jahrmarktschreier ihre Stunden haben und danach im schwarzen Loch des Internet verschwinden.

Grundstimmungen ändern sich so schnell nicht, es sei denn den Regierungen unterlaufen schwerwiegende Fehler oder Fehleinschätzungen. Kann passieren, muss aber nicht. Die Rechte hofft darauf, dass sich 2015 wiederholt, als zuerst eine Welle der Solidarität durchs Land ging, bevor die AfD ihre Geburtsstunde als nationalkonservative bis halbfaschistische Partei erlebte. Momentan sieht es nach dem Gegenteil aus, der Wiederauferstehung der CDU/CSU als Volkspartei.

An der Grundstimmung dürfte sich erst einmal nichts ändern. Die Deutschen genießen das Mehr an Beweglichkeit bei schönem Wetter, freuen sich auf ihren Urlaub, der sie vermutlich an andere Orte als gedacht führen wird. Nach den Ferien öffnen Kitas und Schulen. Gesichtsmasken und Abstand bleiben Alltag. Normalität und Ausnahmezustand existieren nebeneinander.

Was wird, entscheidet sich im Herbst. Dann zeichnet sich die Tiefe der Rezession ab und zeigt sich die Wirkung der Milliarden-Programme.  Vieles hängt davon ab, wann es Medikamente für die Infizierten gibt und wann einen Impfstoff für uns alle.

Und wie sieht das Deutschland dann aus? Ich hoffe, im Großen und Ganzen wie zuvor, nur ein bisschen geläutert, vielleicht auch ein bisschen demütiger, sogar dankbar für gute Führung in schwieriger Zeit. Demokratien kommen besser mit unbekannten Krisen klar, das sollte eine Corona-Botschaft sein. Parlamentarismus verdient Respekt, weil aus seiner Mitte das richtige Führungspersonal im richtigen Moment aufsteigt.

Im Buch bekommt Thomas Hobbes mit seinem pessimistischen Menschenbild nicht recht. Die Menschen fallen nicht übereinander her, sondern helfen einander. Sie üben Solidarität und werden mit der schrecklichen Krise besser fertig als befürchtet. Das Buch hat ein versöhnliches Ende.

Das lässt hoffen für uns und unsere Krise. Dann bekommt Immanuel Kant Recht, der deutsche Philosoph mit seinem skeptischen Optimismus. Der Mensch mag aus krummem Holz sein, aber er weiß gutes Regieren zu schätzen und er ist gut beraten, wenn er andere Menschen so behandelt, wie er selber behandelt werden möchte. 

Dann hätte die Pandemie sogar ein happy ending.

Veröffentlicht gestern auf t-online

Christos Geschenk

Im Juni 1995 schrieb der „Spiegel“ eine Geschichte darüber, dass der Reichstag verhüllt werden sollte. Ich war Politik-Chef und hatte sie verantwortet. Hinterher dachte ich lässig, das wäre doch ein Grund, mal wieder ein Wochenende nach Berlin zu fahren. Zu Viert bestiegen wir meinen alten VW-Käfer mit Blumenvase und Philipps-Röhrenradio und zuckelten frohgemut los.

Von Christo wusste ich, dass er ganze Stadtviertel und Brücken mit Tuch verhüllte. Das waren Aktionen, denen ich wenig abgewinnen konnte, was auch daran lag, dass es mir schwer fiel, mir die Wirkung vorzustellen. Das änderte sich, als ich nachts den Reichstag zum ersten Mal sah, sorgsam eingehüllt in weißes feuerfestes Tuch wie ein Geschenk. Ich stand staunend da, wie so viele andere Menschen aus vielen Städten und Ländern, die genau so wie wir neugierig gekommen waren, ohne zu wissen, was sie erwartete, und nun beglückt sahen, was Christo und Jeanne-Claude sich für uns ausgedacht hatten.

Der Reichstag war für meine Generation ein finsteres Gebäude. In ihm spiegelte sich das große Scheitern der ersten deutschen Demokratie nach 1918. Hier war den Nazis das Land zum Fraß vorgeworfen worden, hier war Hitler Reichskanzler gewesen und hatte aus den Resten der Demokratie eine Diktatur geschmiedet. Als der Reichstag in der Nacht zum 28. Februar 1933 brannte, machte er daraus ein Fanal zur Unterdrückung der deutschen Linken. 

Dieses machtvolle Bauwerk, beladen mit deutscher Geschichte, zu verhüllen, war ein genialer Gedanke. Es war wie eine Katharsis: Seht her, das ist nur Stein, der nicht verantwortlich für die Geschichte ist. Er trägt die Spuren der Vergangenheit, ist aber nicht schuld an ihr. Diese Wahrheit, um es pathetisch zu sagen, hat Christo uns durch Verhüllung offenbart.

Der Bundestag hatte seine Erlaubnis gegeben, gegen den Willen des Kanzlers Kohl. Das war ein einheitsstiftender Akt, denn die vielen Deutschen, die in jenen Tagen zum verhüllten Reichstag pilgerten, fanden es nicht mehr abwegig, dass Berlin wieder Hauptstadt werden sollte. Und der Umbau des Reichstags samt Kuppel war später dank Christo weitaus weniger umstritten, als er unter anderen Umständen gewesen wäre. Heute ist er ein Monument der deutschen Demokratie, was denn sonst.

Den Reichstag hat uns Christo nahe gebracht. Dafür gebührt ihm mehr als Dank. Nun ist dieser eigensinnige Weltbürger aus Bulgarien gestorben und bleibt doch unsterblich.

Am 31.Mai veröffentlicht auf t-online

Xi und die Zinnsoldaten

Momentan tagt in Peking der Volkskongress, dieses Riesenparlament aus 3000 Delegierten, die mit Maske dicht an dicht stehen, wie die Zinnsoldaten, die sie ja auch tatsächlich sind, der ergebene Chor zum Bejubeln der Führung, die alles richtig macht, grundsätzlich und immerdar.

Den Rechenschaftsbericht verlas der Ministerpräsident Li Keqiang. Immerhin gestand er ein, dass die Zeiten unübersichtlich sind. Damit meinte er die Pandemie und deren Folgen für die Weltwirtschaft, weshalb die Staats- und Parteiführung   auf Wachstumsziele für die kommenden Jahre verzichtet. Ein ungewöhnliches Zugeständnis.

Li ist aber nur eine Nebenfigur in diesem genau abgestimmten System. Die Sonne scheint einzig und allein auf Xi Jinping, den zweiten Mao, für den etliche Gesetze nicht gelten, die für seine Vorgänger galten. Er will länger an der Macht bleiben, als eigentlich zulässig ist. Er erhebt sich zum absoluten Herrscher in einem totalitären System und wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass China in den kommenden Jahrzehnten in den Rang der ersten Weltmacht aufrücken wird.

Corona ist, so gesehen, eine lästige Unterbrechung im Prozess der Geschichte, der auf Chinas Wiederaufstieg abzielt. China denkt ja wie selbstverständlich in langen Etappen und ist wie eh und je auf sich selbst zentriert. Nun ist Corona aber in China entsprungen, vielleicht schon bei den Militärweltspielen Ende Oktober, ganz sicher wenig später auf einem Wildtiermarkt in Wuhan. Von dort ging die Pandemie aus und suchte sämtliche Kontinente heim. Im Ursprung handelt es sich um eine chinesische Krankheit, die von Tieren auf Menschen überging.

Auch darauf kam Xi auf dem Volkskongress zu sprechen, und ich war gespannt, was er sagen würde. Bei den Angehörigen jenes Arztes Li Wenliang, der früh vor dem Virus warnte und dafür bestraft wurde und am Ende traurigerweise an der Krankheit starb, hatte sich die regionale Führung entschuldigt. Und nun, vor den 3000? Kleine Zeichen von Selbstkritik, national oder gar international?

Natürlich nicht. X ging es um anderes. Um Machtdemonstration. Um den Führungsanspruch der KP. Um die Umdeutung der Ereignisse. Er erzählte, wie souverän und schnell und gezielt die KP auf die Krise antwortete. Nicht zögernd, verschleiernd, unsicher. Seine Apologie gipfelte in dem dürftigen Allerweltssatz, dass Krisen große Chancen bieten.

Wirklich souverän wäre es gewesen, wenn Xi sich zu einem anderen Satz verstanden hätte: Tut uns leid, Welt dort draußen, dass hier bei uns diese furchtbare Pandemie zuerst ausbrach und dann sich ausbreitete,  überall die Volkswirtschaft lahmlegte, die Bürger zu Hause isolierte und hiermit historisch beispiellose Konsequenzen verursachte. Wir werden die Wildtiermärkte nicht nur vorübergehend schließen, sondern für immer. Für das, was uns allen widerfuhr, übernehmen wir die Verantwortung.

Totalitäre Herrscher reden so nicht. Sie würden das Gesicht verlieren. Sie würden zugeben, dass sie sterblich sind, menschlich, dass ihnen Fehler unterlaufen, Irrtümer auch, Dummheiten, ja selbst die. Sie würden ihre Absolutheitsanspruch in Frage stellen. Und sie haben ja die Machtmittel, mit denen sich die Dinge auf den Kopf stellen lassen. Der chinesische Propaganda-Apparat läuft momentan auf Hochtouren, damit kein Zweifel an der Umsicht und dem Überblick aufkommt, den die KP angeblich jederzeit und immer wieder behält und somit die Geschicke des Volkes zu Wohlstand und Sicherheit lenkt und leitet.

Im nächsten Jahr wird die KP Chinas 100 Jahre alt, und sie wird den 23. Juli als welthistorisches Ereignis feiern und den imperialen Anspruch gegenüber dem Westen und der niedergehenden Supermacht USA untermauern. Im Jahr darauf finden die olympischen Winterspiele im Land statt. Noch eine Gelegenheit der Welt zu zeigen, was China kann, was China will.

Was China kann, ist imposant: Fast eine Milliarde Menschen aus der Armut befreien. Was es will, ist bedrohlich: Hongkong übernehmen, Taiwan einverleiben.

Noch aber lebt das Riesenreich im Bann von Corona wie der Rest der Welt. Erst ein Impfstoff wird das Infizieren und Sterben beenden. Erst dann verliert die Pandemie ihren Schrecken und wird Vergangenheit. Und am Vergessen hat China, das uns die Krankheit schickte, das allergrößte Interesse.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

MJ und die Schatztruhe

Fünf Montage lang war ich gespannt, aufgeregt, fieberte ich „The Last Dance“ entgegen. Netflix hatte sich darauf kapriziert, die zehnteilige Serie über Michael Jordan und die Chicago Bulls im Zweierpack anzubieten, anstatt wie sonst alle Folgen auf einmal anzubieten. Dafür gibt es einen Grund. Die Rechte liegen beim amerikanischen Sportsender ESPN, der die Serie in Amerika ausstrahlte. Keine andere Sportdokumentation hatte je so viele Zuschauer.

„The Last Dance“ nannte Phil Jackson die Saison 1997/98. Noch einmal spielten sie zusammen, Michael Jordan und Scottie Pippen, Dennis Roman, Toni Kukoc und Steve Kerr und die anderen. Danach würde es vorbei sein, wie es Jerry Krause, der kleine, runde, gemeine Generalmanager der Bulls Anfang der Saison ankündigte. Egal, ob sie zum sechsten Mal die Meisterschaft gewännen oder nicht, die Mannschaft würde zerschlagen werden. Die Drohung galt in erster Linie Phil Jackson, dem Trainer.

Für diesen Tanz eröffnete Michael Jordan einem Fernsehteam exklusiven Zugang. 10 000 Stunden an Material entstanden, dazu kommt Ungesehenes aus den Jahren zuvor, eine Schatztruhe an Aufnahmen aus dem innersten Zirkel, aus dem Training, kleine Biographien über Pippen, Rodman, Kerr und Jackson. Und immer wieder wilde Szenen unter dem Korb und immer wieder Michael Jordans heraushängende Zunge, wenn er in die Luft steigt, stehen bleibt, während sich sein Gegenspieler schon wieder dem Boden nähert und dann verlässt der Ball seine Hand und swutsch, zischt er durchs Netz. Im Mittelpunkt des ganzen Kunstwerks steht er, der Größte aller Großen, der grandiose Hüter seines Erbes und seines Rufs, bekannt auf der ganzen Welt und nie in Vergessenheit geraten. Jordan behielt sich vor, und durfte es ganz selbstverständlich, dass das Öffnen der Schatztruhe von seiner Zustimmung abhing. Von seiner und von sonst niemandens.

Er erteilte sie im Sommer 2016. Gerade hatten die Cleveland Cavaliers den NBA-Titel geholt, der in amerikanischer Bescheidenheit Weltmeisterschaft heißt. LeBron James holte seinen dritten Ring. Er gilt als der Beste seiner Generation, er hat von Anfang an die Nummer 23 getragen , die Nummer, die MJ gehörte. Er suchte den Vergleich mit MJ, er ließ sich davon anspornen und vorantreiben, er misst sich an ihm. So halten es die Großen, sie definieren ihre eigenen Herausforderungen, sie erfüllen sich ihre eigenen Träume.

Zu unserem Glück fühlte sich Michael Jordan herausgefordert. Die Gefahr, dass James ihn einholt, ist zwar gering. Jordan gewann 6 Ringe, James wechselte in der Saison 2016/17 nach Los Angeles zu den Lakers, um ihn wurde eine neue Mannschaft aufgebaut, die in dieser Corona-Saison beste Chancen auf den Titel gehabt hätte, aber er wird 36, allzu viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. MJ jedenfalls muss sich gedacht haben: Wird Zeit, dass ich mich in Erinnerung bringe. Er erteilte sein Placet und aus dem Irrsinnsmaterial entstand ein Meisterwerk der Sportdokumentation, eine Hagiographie, das auch, aber vor allem die Geschichte des Basketballs von einer peripheren Sportart zu einem Milliardengeschäft.

Jordan kam 1984 in die NBA. Damals war Basketball verschrieen als Sport der Schwarzen (so hieß das nun mal in jenen Tagen), die gerne koksten und von Groupies umgeben waren, die sich Kinder machen ließen, weil sie damit ausgesorgt hatten. So unvorteilhaft war der Ruf, so vernichtend das Image, zumindest für die Weißen (so hieß das nun mal in jenen Tagen), die Baseball oder Football vorzogen, eben den Sport, den Weiße dominierten. Bei Basketballspielen waren die Hallen selten ausverkauft, Fernsehübertragungen eine Seltenheit. Das begann sich schon mit Magic Johnson und Larry Bird zu ändern, vor allem aber mit MJ.

Drei Dinge kamen zusammen, damit sich der Basketball rehabilitieren und zu einem typisch amerikanischen Geschäft werden konnte:

  1. Eine kleine, ehrgeizige Klitsche in Kalifornien strebte damals auf den Markt und suchte dafür eine Galionsfigur. Sie lud den jungen Jordan ein, der keine Lust hatte und lieber einen Vertrag mit Adidas eingegangen wäre, aber sein Vater sagte ihm, lass uns hinfahren und ihnen eine Chance geben. So unterschrieb der unwillige junge Herr Jordan mit Nike einen Vertrag, der zur Grundlage für sein Vermögen geworden ist, mit dem Gehalt der Bulls als Beigabe. Das erste Paar „Nike Air Jordan 1S“ ging vor ein paar Tagen bei Sotheby’s für eine halbe Million Dollar an einen Bieter, dem Fünffachen des Schätzpreises.
  2. Ein kleiner Spartensender in Connecticut drängte damals ins nationale Geschäft. Ein NBC-Reporter namens Bill Rasmussen gründete ihn und nannte ihn kurz ESPN; Ghetty Oil kaufte sich noch vor dem Start ein. Der Sender war gedacht als private Konkurrenz für die traditionellen Kanäle und die Sportseiten der Tageszeitungen. ESPN erwarb unter anderem die Rechte zur Übertragung von Basketballspielen. Übrigens gab der Sender für den neuesten Vertrag 24 Milliarden Dollar aus.
  3. 1984 trat ein neuer Geschäftsführer sein Amt bei der NBA an: David Stern, ein fintenreicher, kluger, umsichtiger Mann, der dafür sorgte, dass die 23 Mannschaften auf 30 aufgestockt wurden und sich das Geschäft professionalisierte. Dazu fügte sich, dass Michael Jordan, der aus North Carolina stammt, bei der Lotterie 1984 von den Chicago Bulls gezogen wurde.

Jordan war nie so untadelig, wie ihn die Legende haben wollte. Glaubwürdig ist aber, dass er nicht kokste und von außerehelichen Kindern weiß ich auch nichts. Er wollte immer nur eines: gewinnen, gewinnen, gewinnen; so viele Ringe wie möglich; der Größte aller Zeiten werden. Eine Offenbarung war er schon als Rookie, als Anfänger. Allerdings dauerte es einige Jahre lang, bis eine konkurrenzfähige Mannschaft entstanden war. Es dauerte auch, bis die Bulls 1991 zum ersten Mal die Detroit Pistons schlugen, die überragende Mannschaft, die Nemesis, die den Bulls zweimal die Grenzen aufzeigten, eine Mannschaft, die mit allen Wassern gewaschen war, mit vielen Tricks und noch mehr Tücke und Willenskraft andere Teams weniger besiegte, als in den Wahnsinn trieb. Isiah Thomas war ihr Star und die Inkarnation des schmutzigen Basketballs, den seine Mannschaft aus Mangel an überragendem Talent bevorzugte. Erst als die Bulls Dennis Rodman den Pistons wegnahmen, den überragenden Verteidiger, waren sie komplett – die vielleicht beste Mannschaft aller Zeiten, auch wenn solche Superlative immer ebenso falsch wie richtig sind.

Ohne Scottie Pippen wäre MJ nicht MJ geworden. Ohne Dennis Rodman hätten sie wichtige Spiele verloren. Ohne John Parsons und Steve Kerrs Dreier wären sie nicht in Endspiele gekommen. Jordan war klug genug, seinen Mitspielern in entscheidenen Momenten zu vertrauen. Er zog zwei Gegenspieler auf sich und bediente Paxson und Kerr, die frei standen und in aller Ruhe warfen. Die Mannschaft gewann als Mannschaft.

Nein, nicht die Mannschaft, die Organisation, der Klub, die Bulls gewannen, sagte Jerry Krause, der Generalmanager. Und noch einmal, damit es auch alle verstanden, sagte er laut und deutlich, nicht Mannschaften gewinnen, Organisationen gewinnen. Er war klein, dick und größenwahnsinnig und zog viel Häme auf sich. Aber Recht hatte er doch. Krause machte Phil Jackson zum Trainer, einen ehemaligen Spieler der New York Knicks, der bis dahin nichts vorzuweisen hatte. Er holte Scottie Pippen und die anderen Rollenspieler. Er formte die Mannschaft. MJ musste nicht mehr wie früher jeden Ball haben und jeden Wurf nehmen und dann doch verlieren, obwohl er 40, 50, 60 Punkte machte. Er konnte beweisen, dass er eine Mannschaft besser machen konnte wie Magic Johnson, dass er eine Mannschaft führen konnte wie Larry Bird. Erst unter diesen glücklichen Umständen wurde aus Michael Jordan der König des Basketballs, weltweit verehrt und weltweit gekauft. Der ungeliebte, auftrumpfende, verkannte Jerry Krause krönte den geliebten, genialen Michael Jordan.

Natürlich wäre es zu viel verlangt, wenn Michael Jordan zur Rehabilitation Jerry Krauses beitrüge, der 2017 starb und posthum in die Hall of Fame aufgenommen wurde, immerhin. Mit so viel Souveränität hätte MJ seinen Ruhm allerdings auch mehren können.

„The Last Dance“ ist eine wunderbare Dokumentation, über die sich noch viel mehr schreiben ließe, über Jordan und seinen Vater, über den Jordan, der 2001 sein drittes Comeback für die Washington Wizards feierte, natürlich wenig glücklich, über die Reagan-Jahre, in denen er aufstieg, über seine Abstinenz von jeder Politik, über seine wilde Zockerei. Aber, Freunde, schaut euch einfach die zehn Folgen an, sie sind jetzt alle auf einmal zu haben.