Habt euch nicht so

Die Zahl der Infizierten geht auf die Million zu, die Zahl der Toten auf 15 000. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautet: Die Zunahme ist nicht mehr exponentiell. Der Lockdown light hat Wirkung erzielt. Und mehr als 80 Prozent aller Deutschen finden immer noch okay, was die Bundesregierung und die Landesregierungen ihnen auferlegen. Begeistert sind sie nicht, wie auch, aber sie sehen die Notwendigkeit ein, das genügt.

Nicht alles ist wie aus einem Guss. Keine Ahnung, warum ich Golf spielen darf, aber nicht Tennis in der Halle. Weshalb ich eine Galerie besuchen kann, jedoch nicht ein Museum. Wer sucht, findet jede Menge Widersprüche. Darüber kann man sich aufregen, damit kann man sich jedoch genau so gut abfinden, weil nun mal derart tiefgreifende Verordnungen in einer hochdifferenzierten Gesellschaft nicht nur überzeigend ausfallen können.

Friedrich Merz hat in einem Interview gesagt, dass er sich nicht vom Staat vorschreiben möchte, in welcher Zahl und mit wem er Weihnachten feiert. Sehr naseweis, wer möchte sich da schon dreinreden lassen. Es gehört auch wenig Mannesmut dazu, der Kanzlerin im einen oder anderen Punkt zu widersprechen, denn darum geht es ihm ja: In meinem Freiheitsdrang bin ich nicht aufzuhalten, schon gar nicht von der Angela Merkel, die ich liebend gern wissen lasse, dass ich klüger bin als sie – bin ich nicht großartig?

Ist er nicht. Kleines Karo. Dieser Mann will zuerst Bundesvorsitzender werden und dann Kanzlerkandidat. Also muss er sich heute schon daran messen lassen, was er morgen sein möchte. Erkennen lässt sich ein Muster: Flottes Dahinreden und ein ewiges Abarbeiten an der Kanzlerin, die ihn vor Jahr und Tag abgesägt hatte. Darüber scheint er nicht hinweg zu kommen. Deshalb dieses viele Ich, Ich, Ich. Folglich redet er fahrlässig vor sich hin im Glauben, dass ihm ausschließlich Substantielles aus dem Mund perlt. Mehr hat er nicht zu bieten?

Ja, wir bleiben eingeschränkt. Bars und Kneipen und Restaurants: geschlossen. Pleiten en masse wird es geben, nicht alle werden durchhalten, auch wenn der Staat mit Geld nur so um sich wirft, was nun mal richtig ist. Silvesterfesten fallen allenfalls klein aus. Immer weniger Länder auf der Erde lassen sich besuchen. Blöde. Unangenehm. Langweilig. Aber schlimm?

Schaut euch doch mal um: Österreich, Frankreich, England, Spanien, Balearen. Amerika. Asien. Wer ist da wohl besser dran als wir? Wer beneidet da wohl wen?

Und, hey, zweitens, vielleicht schon in dieser Woche kommt in den USA der Impfstoff aus dem Mainzer Labor des Ehepaares Sahin/Türeci auf den Markt. Er wird nicht der einzige bleiben, das ist jetzt schon klar. Ab jetzt geht es rasant voran. Es ist schon abzusehen, dass die Pandemie eingedämmt

werden kann. Wenn wir ganz kühn sein wollen, ist es im Hochsommer mit alledem vorbei. Kein Lockdown mehr. Restaurants: offen. Bars und Kneipen auch. Theater spielen wieder, Orchester spielen wieder., Musicals etc. spielen wieder. Das Leben hat uns wieder. Können wir uns nicht mal in Zuversicht üben?

Ich vermute mal, das erstaunlich ungebrochene Vertrauen in die Regierung hängt mit dieser Aussicht auf das Ende der dicken und dünnen Lockdowns zusammen. Vermutlich denken sich die Leute mit ihrem gesunden Menschenverstand, was die Kanzlerin in ihrer übergroßen Vorsicht auf den Pressekonferenzen nicht sagt. Wenn sie ab und zu mal Reden zur Lage der Nation hielte wie andere Regierungschefs, was sie aber eben nicht tut, weil sie ist, wie sie ist, dann könnte sie uns zur Geduld mahnen mit dem Ausblick auf das Impfen in absehbarer Zukunft.

So wird es noch eine Weile zugehen wie zuletzt. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten setzen sich an diesem Mittwoch wieder zusammen, streiten über das Ausmaß der Maßnahmen in Anbetracht der neuesten Zahl an Infizierten und Gestorbenen und einigen sich am Ende auf Kompromisse, die dann mehr oder weniger überzeugen. Und diejenigen, die sich Querdenker nennen, ziehen daraufhin durch die Städte auf der Suche nach maximaler Provokation.

Dazu gehören Figuren wie Jana aus Kassel, die sich für Sophie Scholl hält, weil sie den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht kennt. Dazu gehören die Eltern einer Elfjährigen, die ihren Geburtstag nicht so feiern durfte, wie sie wollte, und ihr einredeten, sie sei so arm dran wie Anne Frank. Dazu gehören auch die Abgeordneten der AfD, die Pöbler und Hetzer in den Bundestag einschleusen, damit sie Politiker, die nicht der AfD angehören, beschimpfen und belästigen konnten.

Die AfD hat erreicht, was sie seit Monaten erreichen wollte: Sie hat Einfluss auf die außerparlamentarische Opposition gewonnen, die sich in den Corona-Monaten gebildet hat. Ums Dabeisein ging es ihr zuerst. Ums Kapern ging es ihr dann, als drei Polizisten Eindringlinge in den Bundestag abwehrten.

Die Entschuldigung von Alexander Gauland im Bundestag („unzivilisiert und ungehörig“) ist vielleicht sogar ernst gemeint, aber sie bleibt unangemessen und zeigt am ehesten, dass seine Autorität geschrumpft ist. Das ist kein gutes Zeichen. Die AfD öffnet sämtliche Schleusen und hereinströmen nicht nur Impfgegner und Spiritualisten und einzelne Durchgeknallte wie Attila Hildmann, die es nach fünf Minuten Ruhm drängt, sondern Nazis, Reichsbürger und was auch immer antidemokratisch sein will. In derAngst, abgehängt zu werden, verändert sich die AfD zur Kenntlichkeit: als Pöbel-Partei.

In 31 Tagen ist Weihnachten. Wie es aussieht, wird für die Feiertage die eine oder andere Sanktion gelockert werden. Dann beginnt das neue Jahr mit der Aussicht, dass wir uns gegen Corona impfen lassen. Wir sollten geduldig bleiben und aufs Beste hoffen, auch darauf, dass die Demokratie gestärkt aus der Pandemie hervorgeht.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Goldene Herbsttage

Wer einen Sinn dafür hat, dem sind die goldenen November-Tage nicht nur wegen des Herbstes golden. Zuerst wird Donald Trump abgewählt, knapper als nötig zwar, aber immerhin solide und er scheint es sogar allmählich einzusehen, immerhin, wer hätte das gedacht. Groß ist auch die Erleichterung darüber, dass ein Ende der Pandemie abzusehen ist, weil Biontech mit einem Impfstoff fast am schon am Ziel ist und Curevac bald folgen könnte. Und dann steckt Boris Johnson in Schwierigkeiten und wirft seinen Mephisto raus, muss es tun – so jedenfalls hat es ihm seine Verlobte geraten, wie die britischen Zeitungen schreiben.

Zu Trump: Nicht dass er unverdrossen von der geklauten Wahl twitterte, sondern dass er schon knapp zwei Wochen nach der Wahl beizubiegen scheint, ist bemerkenswert. Gestern verließen seine Lieblingstochter Ivanka und sein Lieblingsschwiegersohn Jared das Weiße Haus und kehrten nach New York zurück. Die Lotsen des Präsidenten gehen vom sinkenden Schiff, so wirkte das auf mich.

Das bedeutet nicht viel. Trump mag gehen, aber der Trumpismus bleibt bestehen. Trumpismus ist die Verachtung der Regeln und Gesetze, der Demokratie und ihrer Prozesshaftigkeit. Trumpismus ist weiß und rassistisch. Wut und Hass inklusive. Trumpisten sind 73 Millionen Amerikaner, die ihn gewählt haben, die ihn behalten wollten, die zu ihm stehen. Die republikanischen Großfürsten, die im Kongress sitzen und kein Sterbenswörtchen darüber sagen, dass er die Wahl verloren hat und dass der Verlierer dem Sieger gefälligst gratulieren sollte, wie es die Gepflogenheit verlangt, denn was ist schon für Trump eine Gepflogenheit, der er sich unterwerfen soll, und was ist für ihn schon eine Tatsache, die er nicht umlügen kann – diese Republikaner schonen ihn, weil sie keinesfalls 73 Millionen Trump-Wähler entfremden wollen. Sie denken schon an 2024, wenn einer von ihnen antritt, der nicht Trump heißt, aber wie Trump redet, nur weniger vulgär, aber doch so, dass ihn möglichst alle 73 Millionen Amerikaner wählen. Gut möglich, dass Kamala Harris sie mobilisieren wird, wenn sie antritt, wovon man ja wohl ausgehen kann.

Joe Biden ist ein Interimspräsident. Die Pandemie ist jetzt seine Pandemie. Die Arbeitslosen sind seine Arbeitslosen. Und wie es sich fügt, stiehlt ihm jetzt auch noch sein alter Chef die Schau. Barack Obamas Memoiren, Band 1, kommen nicht zufällig gerade jetzt auf den Markt. Sie lesen sich wie ein Vermächtnis, wie ein Handbuch, dem Joe Biden, von dem Obama wohl zurecht sagt, dass er ein großer Verbocker ist, folgen soll. Der Präsident im Wartestand ist in diesen Tagen nicht zu beneiden: Trump wirft einen düsteren Schatten und Obama stellt ihn in den Schatten.

Zu Johnson: Sein Vater soll über ihn gesagt haben, er wird Präsident, aber nicht lange. Trump ist der große Zerstörer,  der Joker, Johnson dagegen ist nur ein Clown. Dominic Cummings war sein wichtigster Berater, sein Zirkusdirektor. Zirkusdirektoren halten sich Clowns. Zirkusdirektoren halten sich für unentbehrlich und wenn der Clown zufällig Premierminister des Vereinigten Königreichs ist, kommt es früher oder später zu Problemen. Zuletzt schadete Cummings dem Premier erheblich mehr, als er ihm nützte. Das fand jedenfalls Carrie Symonds, die Verlobte von Boris Johnson, die zuvor Kommunikationschefin der Konservativen Partei war, also was vom Geschäft versteht. Boris Johnson hört auf sie, was wahrscheinlich nur gut für ihn ist, wenn es auch komisch anmutet, dass es in den Zeitungen steht, wofür vermutlich sogar Cummings schnell noch sorgte, bevor er abtreten musste. 

Egal, der Clown muss jetzt ohne Zirkusdirektor auskommen. Die Pandemie verhagelt ihm ziemlich viel, denn nur bei einigermaßen geordneten Verhältnissen kann ein Clown mit seinen Späßchen das werte Publikum amüsieren. Ist die Lage ernst, fällt der ewige Unernst des Boris Johnson störend auf. Nicht zufällig verliert er rapide an Popularität. Nicht zufällig schleppt er die Verhandlungen über einen Vertrag mit der Europäischen Union nach dem Brexit dahin. Er wollte die EU für das Scheitern und die Folgen verantwortlich machen, wie er es immer andere für seine Probleme schuldig erklärt. Kaum zu glauben, dass er damit jetzt noch durchkommt.

Zum Impfstoff: Die Geschichte des Ehepaares Sahin ist natürlich fast zu schön, um wahr zu sein. Beide geboren in der Türkei, früh nach Deutschland gekommen. Ein Wissenschaftspaar wie die Curies. Gleich nach der Trauung zurück ins Labor. Ein Leben für die Wissenschaft. Schon viele Jahre forschen sie an Krebstherapien und der Impfstoff, den sie entwickeln, ist im Grunde nur ein Nebenprodukt ihrer experimentellen Onkologie. Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer. Ziemlich viel ziemlich richtig gemacht.

Wäre die Nachricht vom Durchbruch vor dem Wahltag am 3. November verkündet worden, hätte Donald Trump gesagt: Seht her, habt ihr mir zu verdanken, ich bin ein großer Präsident, die Pandemie ist jetzt schon vergangen, verweht, hab ich euch doch immer gesagt. Zufall oder nicht, Absicht oder nicht, sechs Tage nach der Wahl kam die Neuigkeit aus Mainz, auf welche die ganze Welt gewartet hat. Die Sahins werden nicht die einzigen bleiben, die einen Impfstoff entwickeln, und das ist gut so, aber sie sind die ersten.

Heute wird die Bundeskanzlerin sagen, wie es weitergehen soll, noch mehr vom Lockdown und bis wann. Die Infektionszahlen fallen nicht. Die Intensivstationen füllen sich. Aber einen wesentlichen Unterschied gibt es: Ein Ende ist in Sicht. Mitte nächstes Jahres, hoffentlich, sind wir geimpft und können wieder feiern, ausgehen, solange wir wollen, ins Theater gehen, ins Konzert, ins Stadion. In aller trüben Stimmung, in aller Beklommenheit, die uns umfängt, ist Hoffnung aufgestiegen.

Joe Biden wird auch Mitte nächsten Jahres nicht zu beneiden sein. Donald Trump steht dann vielleicht vor Gericht oder sagt, er hätte ohnehin keine Lust mehr auf Präsident gehabt. Boris Johnson wird mit den Folgen des harten oder weniger harten Brexit zu kämpfen haben und vielleicht den Spaß am Premierminister langsam verlieren. Und das Ehepaar Sahin bekommt den Nobelpreis für Medizin.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der Held der Stunde

Marcus Rashford ist mir nie besonders aufgefallen. Guter Spieler, jung, mal auf dem Flügel, mal im Zentrum. Spielt in Ansätzen wie Thierry Henry früher. Gab keinen Grund, ihn größer zu beachten.

Jetzt habe ich Hochachtung vor ihm. Vor dem Menschen. Vor dem Spieler mit seinem sozialen Engagement. Vor seiner Ernsthaftigkeit und seinem Geschick, die Öffentlichkeit für gesellschaftliche Probleme zu gewinnen, die Boris Johnson und seiner Regierung gleichgültig sind.

Ich weiß jetzt, dass Marcus Rashford in erbärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und es nicht vergessen hat. Mit seiner Mutter pilgerte er zur Weihnachtszeit im vorigen Jahr durch Obdachlosenasyle und Kinderheime und brachte jedem was mit. Als die Pandemie im März ausbrach, tat er sich mit der Organisation FareShare zusammen und sammelte bis heute rund 20 Millionen Pfand an Spenden für 4 Millionen Hungernde ein. Er brachte Restaurants, Supermärkte und Cafés dazu, Schülerinnen und Schülern Mahlzeiten gratis zu geben, als die Regierung freies Schulessen während der Ferien aussetzte. Mehr noch, er schrieb einen offenen Brief an Boris Johnson und forderte ihn auf, den Kindern aus einkommensschwachen Verhältnissen auch in den Ferien staatlich finanziertes Essen zukommen zu lassen. Der Premier, dem so ziemlich alles egal ist, außer schlechter Presse, bog bei. Das Gleiche geschah jetzt, als das Programm auslief, und wiederum musst Johnson nachgeben. Marcus Rashford ist Englands Held der Stunde. Weil er was macht, was nicht selbstverständlich ist, weil er einen Sinn für das Richtige besitzt. Die Königin ehrte ihn Mitte Oktober mit dem MBE: Member of the British Empire.

Rashford ist ein Profi. Er ist gerade 23 Jahre alt geworden. Normalerweise fangen Spieler in dieser Phase damit an, größere Autos zu bestellen, das Unterwäschenmodell auszutauschen und den Berater zu wechseln, der noch mehr Geld für sie herausschinden soll. Rashford ist die Ausnahme in diesem urkapitalistischen Wirtschaftszweig und ich finde ihn großartig. Vielleicht findet er Nachahmer auch hier in Deutschland, wäre großartig. Hummels traue ich zu, dass er zur Kenntnis genommen hat, was Rashford leistet, Kimmich und Goretzka auch. Ich bin gespannt, ob einer von ihnen Konsequenzen für sich zieht.

Da tut ein Fußballspieler in England aus eigenem Antrieb etwas für das Allgemeinwohl, weil er weiß, was es heißt, arm und hungrig zu sein. Ist das nicht wunderbar?

„Wir werden noch viel Hass und Schmutz erleben“

Wolfgang Ischinger, 74, verbrachte viele Jahre seines Lebens in den USA und ist ein herausragender Kenner der Weltmacht und ihrer Akteure. Joe Biden ist ein steter Gast der Münchner Sicherheitskonferenz gewesen, die Ischinger seit 2008 leitet.

T-online: Herr Ischinger, Sie kennen Joe Biden seit vielen Jahren. Was ist er für ein Mensch?

Ischinger:  Ein typisch offener herzlicher Amerikaner. Ein großer Networker, aber einer mit guten Manieren. Und jemand, der gelernt hat, mit tragischen Schicksalsschlägen umzugehen.

Was sind seine Stärken, was seine Schwächen?

Seine Erfahrung, seine Sachkompetenz aus über 40 Jahren ist eine Riesenstärke. Ihm muss man weder die Nato noch den Weg ins Oval Office erklären. Seine Schwächen? Vielleicht doch das Alter. Kann er mit fast 80 Jahren auf die Erwartungen und das Lebensgefühl der 25Jährigen Amerikaner eingehen, sie inspirieren? Das stelle ich mir als schwierig vor – ich bin selbst ja nur wenige Jahre jünger!

Was für ein Präsident kann er sein – der gütige Großvater, dem nichts Menschliches fremd ist und der am liebsten alle mit allen versöhnt?

Das wird er versuchen wollen und versuchen müssen, ja. Aber er wird sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch Härte zeigen müssen.

 Auf Joe Biden ruhen jetzt fast übergroße Hoffnungen, er selber spricht davon, er wolle Amerika heilen. Kann das mehr sein als ein frommer Wunsch, da Amerika in zwei Teile zerfällt und Trump die Gegensätze bis zum letzten Tag verschärfen dürfte?

Er kann sicher wichtige Anstöße zur Heilung geben, aber die Überwindung der Polarisierung Amerikas ist eine Generationenaufgabe. Das kann Joe Biden nicht, das kann überhaupt niemand innerhalb von vier Jahren schaffen.

Amerikas Demokratie hat Trump überlebt, stand im „New Yorker“. Ist das eine Übertreibung?

Nein, aber die Gefährdungen populistischer, spaltarischer Politik bleiben natürlich. Fast die Hälfte der Amerikaner, 70 Millionen, hätte ja gerne vier weitere Jahre Trump gehabt!

Nicht erst Trump hat Hass gesät, aber er hat ihn verschärft. Wie lange kann es dauern, bis Versöhnung in Amerika möglich wird – eine Generation, zwei Generationen? 

Es wird lange dauern und zur Zeit verschärfen sich die Gegensätze ja eher noch. Wir werden noch viel Schmutz und Hass erleben bis zur Inauguration Joe Bidens am 20. Januar. Und hinterher womöglich auch noch.

Die schwärende Wunde Amerikas ist der Rassismus. Warum hört er nicht auf?

Der Rassismus ist die überragende soziale Frage Amerikas. Der Rassismus sitzt tief. Aber wir sollte dabei auch mal an uns denken und uns fragen, wieso der Antisemitismus bei uns auch immer wieder hochkocht. Immerhin hat sich in Amerika in den letzten 60 Jahren viel verändert. 1960 gab es in den Südstaaten  noch eine umfassende Segregation: keine gemeinsamen Schulen für schwarze und weiße Kinder, Abtrennung in den Restaurants, in sämtlichen öffentlichen Einrichtungen, eine grundsätzliche Benachteiligung in allen Belangen.

Trump muss damit rechnen, nach der Präsidentschaft angeklagt zu werden. Vor 46 Jahren ist Richard Nixon, dem genau das bevorstand, von seinem Nachfolger amnestiert worden. Sollte Biden auch Trump vor einer Anklage bewahren?

Nein, auf keinen Fall. Wir sollten jetzt erst einmal abwarten, ob Trump vielleicht sogar einen eigenen Weg findet, sich selbst zu begnadigen. Darüber wird zur Zeit in Amerika spekuliert.

Die Erleichterung, dass Biden gewonnen hat, ist im demokratischen Teil Amerikas riesengroß. Wie lässt sich die Obama-Falle vermeiden – schale Ernüchterung nach großer Hoffnung?

Vor allzu großer Euphorie sollte man schon jetzt warnen. Biden steht vor fast unlösbaren Herausforderungen. Europa sollte ihm entgegenkommen, ihm Angebote zur Zusammenarbeit unterbreiten. Er braucht ein Europa, das mit ihm weltpolitisch an einem Strang zieht und nicht Däumchen dreht. 

Kennen Sie Kamala Harris?

Nein, nicht persönlich. Aber sie hat sich in Kalifornien einen tollen Ruf erarbeitet. Sie ist eine knallharte Anwältin und natürlich auch eine erfahrene Politikerin. 

Welche Rolle sollte sie spielen?

Sie sollte die Hoffnungen und Erwartungen der Jüngeren und der Nichtweißen repräsentieren! Sie sollte den Präsidenten ergänzen und seine Schwächen ausgleichen.

Was halten Sie von der Spekulation, dass Biden nur zwei Jahre Präsident sein wird und dann zurücktritt, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, und sie dann Präsidentin wird?

Davon halte ich nichts. Denn dann wäre Biden schon jetzt ein Lame Duck, er würde sich selber von Anfangen schwächen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit Kamala Harris einen derartigen Deal eingehen wird.

Würden Sie in diesem Fall den Obama-Effekt erwarten – Aufruhr im Trump-Amerika, das sich mit einer schwarzen Präsidentin nicht abfinden will?

Dadurch würden sich sicherlich die Gegensätze noch weiter verschärfen. Sie wäre ja nun mal die erste Frau im Weißen Haus. Für manche Machos in Amerika ist die bloße Vorstellung, dass Kamala Harris in vier Jahren Biden beerben könnte, leider immer noch so gut wie unvorstellbar, eine unerträgliche Zumutung.

 Biden wird Präsident in einem Land, das von der Pandemie versehrt ist und auf absehbare Zeit bleibt. An wem kann er sich ein Beispiel nehmen: an Deutschland oder Neuseeland?

Weder noch. Die USA stehen als kontinentales Riesenland vor anderen Herausforderungen als zum Beispiel Deutschland. Als Präsident wird Joe Biden hart durchgreifen müssen, da Donald Trump versucht hat, die Pandemie zu leugnen, herunterzuspielen. Bis zu Bidens Amtseinführung im Januar werden in Amerika noch sehr viele Menschen sterben!

Was bleibt von vier Jahren Trump, worin besteht sein Erbe und was lässt sich davon zurückdrehen?

Es bleibt eine Verrohung der Gesellschaft, jedenfalls in weiten Teilen. Aber nicht alles muss Biden in nächster Zeit zurückdrehen. Den Antischmusekurs gegenüber China zum Beispiel wird er fortführen wollen.

Erwarten Sie, dass der Konflikt mit Iran entschärft wird?

Ja, und ich hoffe, dass Iran bereit ist, den neuen Präsidenten als Chance zu begreifen, um über das Atomabkommen hinauszugehen.

Ist es im Interesse Amerikas, den Handelskrieg mit China abzubauen?

Ja, es ist besser, über die Handelspolitik  knallhart zu verhandeln als eine strategische Konfrontation anzustreben.

Amerika ist eine Weltmacht, deren Einfluss schrumpft, das bleibt. Welche strategischen Entscheidungen erwarten Sie von Biden?

Biden weiss, dass Amerika Allianzen und Partner benötigt. Allein wird’s nicht gehen. Deshalb wird er in Asien und Europa nach Verbündeten suchen – zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, mit der Stärkung der Nato. Für uns sind das gute Nachrichten, für uns ist Joe Biden eine gute Nachricht! 

Die Hauptkonflikte der Welt spielen sich künftig in Asien ab. Europa rückt an den Rand des Geschehens, das wissen wir seit längerem. Was muss passieren, damit Europa endlich Konsequenzen daraus zieht?

Die Europäische Union muss lernen, selbst europäische Interessen weltpolitisch zu verteidigen und zu formulieren. Voraussetzung dafür ist es, dass die EU mit einer Stimme spricht, anstatt zum Beispiel gegenüber China mit 27 Einzelstimmen aufzutreten.

In einem Jahr tritt Angela Merkel ab. Schwächt das den Einfluss Deutschlands in einem Moment, da Europa gestärkt werden müsste?

Das hängt von ihrem Nachfolger ab, egal wer es wird. Allerdings sollten wir auch nicht vergessen, dass  Angela Merkel bei ihrer ersten Wahl im Jahr 2005 beileibe nicht die angesehene Führungsfigur war, die sie heute ist. Dafür brauchte sie Zeit, dafür braucht der nächste Kanzler seine Zeit.

Gesetzt dem Fall, Biden bleibt vier Jahre Präsident: Was meinen Sie, wie sieht dann die Welt im besten Fall aus?

Der Westen bleibt eine stabile Größte, die Pandemie ist längst besiegt, es hat keinen neuen Krieg gegeben. Das Verhältnis zu China und Russland ist ordentlich.

Und im schlechtesten Fall?

Den schlechtesten Fall male ich mir lieber gar nicht erst aus. In der Außenpolitik muss man Optimist sein und bleiben! 

Herr Ischinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online, heute.

Was zum Nachdenken: Wir Heuchler

Heute morgen las ich in der SZ einen Kommentar, der sich mit der Bafin und ihrem Umgang mit Wirecard beschäftigt. Er begann mit diesen Sätzen:

Der Fall Wirecard ist für die deutsche Finanzaufsicht Bafin ein Desaster, keine Frage. Doch was hätte dort besser laufen können? Die europäische Finanzaufsicht, die das Verhalten der Bafin im Fall Wirecard untersucht hat, präsentierte diese Woche einen Bericht. Und der enthielt folgenden Tipp: Die Frauen und Männer der Bafin sollten regelmäßig angesehene, internationale Zeitungen in die Hand nehmen und auch mal auf deren Webseiten nachlesen, ob es Neuigkeiten gibt. Das würde dabei helfen, die richtigen Firmen für Bilanzprüfungen auszusuchen – beispielsweise retrospektive Wirecard.

Das sind gute Ratschläge an die Bafin, und wie es bewährte Übung unter uns Journalisten, gelten die guten Ratschläge den anderen und nicht uns selber. Aber nicht nur die Bafin hat versagt, auch unsere Branche, in Sonderheit die Wirtschaftsjournalisten der großen Blätter, stehen kläglich da. Sie hätten ja auch „internationale Zeitungen in die Hand nehmen“ können, vielleicht haben sie es sogar, was fast noch schlimmer wäre, weil sie dann nicht zur Kenntnis genommen haben, was der britische Kollege geschrieben hat, als die deutschen Kollegen noch besoffen waren von diesem sagenhaften Erfolg von Wirecard, das nach oben schoss und mir nichts, dir nichts in den Dax aufstieg, ohne dass sie die Fragen gestellt hätten, die sich nach Lektüre der FT stellen ließen: Geht das mit rechten Dingen zu? Hat dieser Einzelgänger etwa recht? Und wenn er recht hat, was sagt das über uns aus, die wir nicht genau hingeschaut haben?

Zuerst haben sie nicht genau hingeschaut. Und dann haben sie blitzschnell vergessen, dass nicht nur die Bafin versagt hat, sondern sie auch selber. Und weil sie keine Lust zur Selbstkritik haben oder sie, noch schlimmer, für unnötig erachten, sind sie jetzt auch so unerbittlich in ihrer Kritik am Zustand dieser zahnlosen Institution namens Bafin, anstatt wenigstens ein bisschen bestürzt zu sein, dass ihnen etwas durchgegangen ist, was dem britischen Kollegen nicht durchgegangen ist.

Man nennt das vornehm: Monday morning quarterbacking. Man nennt das weniger vornehm: Heuchelei.

Zu kompliziert gedacht

Am Montag habe ich eine Analyse über die Wahl in Amerika geschrieben, die davon ausging, dass dieses Land auf absehbare Zeit rechts bleiben wird. Ich dachte allerdings, dass Trump trotzdem einigermaßen klar verlieren würde, so dass die Republikaner hinterher die Chance bekämen, einen neuen moderaten Konservatismus zu entwerfen. Auch deshalb dachte ich, dass Trump klar verlieren würde, weil Rechte zwar rechts wählen, aber mit Trump zerfallen sind, weil er so ist, wie er ist.

Irrtum. Zu kompliziert gedacht, Trump hat sein Reservoir voll ausgeschöpft. Diesmal wählten sogar 12 Prozent der Schwarzen den Präsidenten, der ein Ausbund an White Supremacy ist. Für sie waren die Steuererleichterung wichtiger als seine Rassenhetze. Sehr seltsam, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Andererseits sagt die Wahl nur aus, was wir wissen: Dieses Amerika ist heillos gespalten und wird es bleiben, egal wer gewinnt. Dieses Amerika zerfällt in zwei Länder, blau und rot. Gewalt schlummert nicht nur unterhalb der Oberfläche, wie wir bald merken dürften, wenn es so kommt, wie es kommen kann, und wiederum ist es egal, wer von beiden gewinnt.

Man kann nur beten, dass in den Bundesstaaten, die knapp an einen von beiden gingen, sauber ausgezählt worden ist. Nicht auszudenken, wenn aus Dummheit/Fahrlässigkeit/Tücke Betrug begangen worden sein sollte. In Amerika ist immer alles möglich.

Wenn überhaupt, wird es für Biden ein deprimierender Sieg sein. Für Trump, wenn überhaupt, natürlich eine deprimierende Niederlage, die ihn aber nur zu einem neuen Höhenflug an Brandstifterei animieren wird. Und am Ende wird Trump das Oberste Gericht auf die Loyalität testen, die ihm die Richter/in schulden, weil er es war, der sie dort untergebracht hat.

It ain’t over, until it’s over.

Mein Amerika

Mit Mitte Zwanzig war ich zum ersten Mal in Amerika und habe über dieses Land gestaunt: die irrsinnig schöne Landschaft, die Gastfreundschaft, diese klugen Leute an den Universitäten. Mir fiel aber auch auf, wie die Weißen mit den Schwarzen umgingen: verklemmt, verlegen, unwillig, aggressiv. 

Von den Präsidenten mochte ich eigentlich nur John Fitzgerald Kennedy, den damals alle mochten, wenn er auch keineswegs ein Säulenheiliger war, wie wir später erfuhren. Und dann natürlich Barack Obama, dieser kluge Mann, der mehr Fehler und Irrtümer beging, als wir je gedacht hätten.

Ich habe kommen sehen, dass Donald Trump die Wahl gewinnt. Ich habe nicht kommen sehen, was er bedeuten würde: Lug und Trug, Rassenhetze, Bösartigkeit und Niedertracht. Als Politik. Als Machtkalkül. Ersonnen im Weißen Haus.

Amerika hat immer noch diese beneidenswerte Natur und die klügsten Leute im Erdkreis. Zugleich ist es nicht mehr ein Land, sondern zwei. Ist es geplagt von zivilen Unruhen. Jeder neue erschossene Schwarze kann wieder eine  brennende Stadt bedeuten. Nie gab es mehr Waffen in mehr Händen als heute in Amerika und nie gab es mehr Lustangst, die dazu führen kann, damit herum zu schießen. Auf den Nachbarn, der anders wählt. Auf den anderen, der auch eine Waffe hält. Auf die Feinde Trumps.

Was ist los in diesem Land? Wann hat der Irrsinn angefangen? 

  1.  Trump ist nicht an allem schuld, das wäre zu viel der Ehre. Er hat vieles verschlimmert, aber das politische System war lange vor ihm dysfunktional. Es begann unter Bill Clinton und seinem Lügen mit der Wahrheit, als seine Eckenstehereien mit Monica Lewinsky herauskamen. Technisch gesehen hatte er wirklich keinen Sex mit dieser Frau, wie er unnachahmlich sagte, weil Blowjobs so ablaufen, wie sie ablaufen. Die Amoralität und das Lügen mit der Wahrheit, dazu die Selbstgerechtigkeit beider Clintons, dass die Gesetz für alle anderen gelten, bildeten eine Vorahnung, was kommen könnte. Donald Trump hat vollendet, was bei den Clintons angelegt war. Vom Lügen mit der Wahrheit bis zum gänzlich unverschämten Lügen als Prinzip der Machtausübung ist es ein großer Schritt, aber auch ein folgerichtiger.

     Das zweite Prinzip steuerte George W. Bush bei, der ironischerweise an  Beliebtheit gewonnen hat, weil er Trump verachtet. Entweder sie sind für uns oder gegen uns, war sein Leitsatz. Nicht zu vergessen, die falschen Beweise für den Irak-Krieg.

2.   Rassismus ist die Ursünde der Republik der Weißen, welche die Schwarzen als Sklavenarbeitsheer in Ketten aus Afrika heranholen ließen. Weit mehr als 200 Jahren ist das her. Unfassbar, dass der Rassismus noch immer nicht Vergangenheit ist. Nicht nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die Schwarzen dienten. Nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem noch viel mehr Schwarze dabei waren. Nicht nach der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, als der Rassismus offiziell endete. Donald Trump hat den Rassismus verschärft, auf die Spitze getrieben, in seiner übelsten Form wiederbelebt. Als Präsident. Aus dem Weißen Haus heraus, das schwarze Sklaven bauten. Er protegiert den übelsten weißen Mob und lässt es zu, dass dieser Mob vom Bürgerkrieg gegen die Demokraten faselt. 

Amerika war immer ein Land der Gewalt. Oft genug bewaffneten sich Menschen und nannte sich Ku-Klux-Klan oder gingen in die Wälder oder verschanzten sich auf einsamen Gehöften. Nur gab es bislang keinen Präsidenten, der von solchen Banden sagt: Ich kenne sie nicht, aber sie mögen mich.

3.  Der Historiker Samuel Huntington sagte 1981, dass Amerika etwa 40 Jahre später, also heute, wieder mal in einen Fieberkrampf verfallen würde. Seine Theorie war nämlich, dass dieses Land ungefähr alle 60 Jahre einem solchen Kataklysmus erleide. In den sechziger Jahren waren es die Babyboomer, die sich durch Vietnam und Nixon radikalisierten. Sie brachten linksliberalen Moralismus über das Land, der sich vom Recht auf Abtreibung über die Pop-Kultur bis zur Verachtung überkommener Werte erstreckte. Trump surfte auf der Welle der Gegenbewegung ins Weiße Haus: weißer Nationalismus; Außenseitergruppen, vereint im Hass auf den Mainstream; Verachtung für konventionelle Politik, die sich im Gibst-du-mir-gebe-ich-dir-Konsens und im Heute-sind-wir-dran-und-morgen-ihr erschöpfte.

In der Vergangenheit lässt sich die These von den Konvulsionen im Ungefähr- 60-Jahre-Rhythmus belegen. Trifft sie weiterhin zu, bleibt Amerika noch lange im Bann der Rechten, die sich in die Mitte der Gesellschaft hinein bewegen mag, wie sich die Studentenrevolte auf den Marsch durch die Institutionen begeben hat. Trump hat ihnen eine Schneise geschlagen, das bleibt.

4.   Von Trump bleibt auch, dass er die Linke nach seiner Vorstellung geformt hat. Die demokratische Partei hat sich in den vergangenen vier Jahren genauso erschreckend radikalisiert wie die Rechte. Alles ist spiegelverkehrt: der Hass auf Trump, die Verachtung für seine Machtgrundlage in den Medien und unter den weißen Nationalisten, die Missachtung für Kompromisse und Rücksichtnahme im demokratischen System, die Vorliebe fürs Dysfunktionale. Denn falls die Demokraten im Repräsentantenhaus die Mehrheit behalten und sie im Senat gewinnen, gibt es keinerlei Grund, nicht durch zu regieren, nicht das Oberste Gericht durch linksliberale Richter so zu ergänzen, dass sich die Mehrheit wieder ändert. Rücksichtslosigkeit und Konsensfeindlichkeit sind kein rechtes Monopol. 

Von Trump lernen, heißt siegen lernen. Auch ohne Trump bleibt Amerika Trump-Land.

5.  Gehen wir mal davon aus, dass Trump abgewählt wird. Joe Biden wird dann kein Präsident aus eigenem Recht sein. Die Demokraten haben sich auf ihn geeinigt, weil er am ehesten mehrheitsfähig zu sein schien. Nicht weil er Amerika wieder groß macht oder versöhnt oder weil er das alte System vertritt, in dem zum Beispiel der Demokrat John Kerry und der Republikaner John McCain gemeinsam für diplomatische Beziehungen mit Vietnam eintraten. Nicht weil er für die Restauration des Alten steht, sondern weil er der gütige Großvater ist, dem man sagen kann, was er tun soll.

Vom ersten Tag nach der Wahl an werden unterschiedliche Kräfte an Biden zerren und ihn daran erinnern, dass nur sie ihn zu dem Präsidenten gemacht haben, der er auf seine alten Tage sein darf. Die Obama-Leute werden ihm Ratschläge für die Besetzung der wichtigsten Ämter im Weißen Haus und im Kabinett erteilen und einige Obama-Leute werden an Schaltstellen zurückkehren. Und die Bernie-Sanders-Leute werden dem guten Joe Ratschläge erteilen, wen er bloß nicht nehmen soll und was er auf keinen Fall sagen soll. Die Moderaten und die Linken werden sich eine Schlacht um die Vorherrschaft im Weißen Haus liefern, die uns noch oft den Kopf schütteln lässt.

6.  Wenn Joe Biden am Dienstag gewinnt, dann hoffentlich hoch und unzweifelhaft und unleugbar. Sonst gnade Gott Amerika.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute