The Making of André Agassi

Zum Geburtstag bekam ich die Autobiographie von André Agassi geschenkt. Levin, der edle Spender, sagte dazu, es sei das Beste, was er je über einen Tennisspieler gelesen hat. Levin ist selber ein vorzüglicher Tennisspieler, schöpfte klugerweise aber sein Talent nicht restlos aus, sondern studiert Jura wie seine Freundin, meine Tochter.

Einer meiner ersten Leitartikel bei der „Zeit“ handelte von einem 17jährigen Wimbledonsieger namens Boris Becker, über den sich Deutschland herzlich freute. Die Überschrift lautete „Aufschlag in die deutschen Herzen“. Sie war nicht von mir, sie war mir peinlich, aber sie traf die Stimmung im Land. Wie sich herausstellt, mochte André Agassi diesen Becker überhaupt nicht. Die beiden verband eine tiefe Abneigung, wie sie wohl nur unter verfeindeten Konkurrenten möglich ist.

André Agassi nahm ich als Tennisspieler schon wahr, interessierte mich aber nicht für ihn. Mit seiner Matte sah er schrecklich aus, die kurzen, knappen Jeans, die er trug, fand ich bescheuert. Er spielte gut, schon wahr, aber als Sportpatriot war ich auf der Seite des herrlich unschuldigen Rotschopfs aus Leimen und mehr noch auf der Seite von Steffi Graf, die gleichzeitig auftauchte. Becker war der wilde Spieler und brave Junge. Graf war die beherrschte, kühle Strategin mit der harten Vorhand. Becker zeigte Herz. Sie nicht. Ich fand beide eindrucksvoll.

Dass Agassi dereinst die Nummer 1 im Tennis werden würde, wusste sein Vater schon vor der Geburt. Er war der Vater, den kein Kind haben will. Ein Tyrann. Ein Diktator. Ein Knochenbrecher. Ein Kinderbrecher. Zwei seiner Kinder hatten es nicht zu Tennisgrößen geschafft. Für ihn waren sie Verlierer. Er bleute es ihnen ein, dass sie Enttäuschungen waren, immer wieder. Schrott. Seiner Hingabe nicht wert. André war der Jüngste, Vaters letzte Chance. Die Tennismaschine. Die Geldmaschine.

André Agassi liebte und hasste Tennis. Er hasste Tennis mehr, als er es liebte. Die hochgradige Ambivalenz, die ihn fast zerstört, ist sein Vatererbe. Zu den stärksten Passagen in diesem Buch gehört ein kurzes, erhellendes Gespräch mit Stefanie Graf (sie sagt zu André, sie denkt sich als Stefanie, nicht als Steffi, wie ihre Mutter sie nannte). Er beichtet ihr, dass er Tennis hasst. Er denkt, er sagt etwas Ungeheures, begeht ein Sakrileg und sie wird ihn gleich abschätzig mustern. Und sie? Nüchtern fragt sie zurück: Na klar, was sonst? Ambivalenz hält sie für einen Dauergemütszustand, der jeden normalen Tennisspieler peinigt.

Auch sie hatte einen tyrannischen Vater, der ihre Begabung im Alter von 3 Jahren erkannte und brutal förderte. Aber nicht der Vater, sondern das manische Tennisspiel ist für die extreme Ambivalenz verantwortlich. Das ist ihre ebenso kühle wie seelenrettende Erklärung.

Wunderkinder sind arme Kinder. Ihr Talent bringt sie um ihre Kindheit. Macht sie zu Robotern, die stundenlang am Tag Vorhand/Rückhand/Volley/Aufschläge üben, ohne dass sie jemand gefragt hätte, ob sie das wollen. Natürlich sind sie zu jung, um eigene Entscheidungen zu treffen. Natürlich bestimmt der Vater/Trainer/Manager ihren Lebensleidensweg, der für die nächsten 15, 20 Jahre nur noch aus Trainieren/Reisen/Trainieren/Spielen/Reisen usw. besteht.

Da ihre Begabung aber in diesen Kindern derart dominant ist, wie sie es ist, gibt es für Wunderkinder keine Alternative. Sie wollen aus Eigenem, was sie dann zwanghaft tun müssen, egal ob sie singen, Klavier spielen oder eben Tennis. Mit einer Sondergenehmigung verlässt Stefanie Graf die Realschule; mit knapp 14 wird sie Profi. André Agassi bricht die High School mit 14 ab.

Mit 13 tauscht er das Gefängnis zu Hause mit der Kaserne von Nick Bollitieri, einem Oberleutnant bei den Fallschirmjägern, der zum Oberleutnant seiner Tennisakademie in Florida wird und dort weitermacht, wo der Vater aufhörte. Der kleine André hat Heimweh, schreckliches Heimweh. Er haßt, wo er ist. Niemand ist nett zu ihm. Die anderen Jungs werden nicht zu Freunden, weil sie sich ständig miteinander messen. Konkurrenz vernichtet gewöhnliche seelische Regungen.

André Agassi wehrt sich gegen die Kaserne. Er rebelliert, färbt sich die Haare, schminkt sich, lässt sich eine Matte wachsen, die bald schon ein Haarteil benötigt, weil die Stirn früh licht wird. Er versteckt sich in der Verkleidung mit knappen Jeans und greller Frisur. Am allerwenigsten versteht er selber, warum er macht, was Bollitierei und später Medien wie Zuschauer verachten. Zutiefst unsicher ist er und bleibt es lange. Ein Kind, verlassen und ausgesetzt. Menschenscheu, gern im Abseits und bald auf der Suche nach Sinn in seinem seltsamen, verkürzten, monotonen Leben. Wegen seines Mangels an Bildung hat er Minderwertigkeitskomplexe. Glück? Allenfalls Genugtuung. Immerhin ist er begabt darin, gute Freunde zu finden und Freundschaften zu hegen. Sie schützen ihn, begleiten ihn, helfen ihm beim Überleben in diesem Geschäft, das sich auch um viele Millionen Dollar dreht.

Ich habe viele Sportlerbiographien gelesen, vor allem die von Basketballspielern. David Halberstam schrieb über Michael Jordan ein phantastisches Buch, das nicht nur die Herkunft des Besten aller Besten beschreibt, seine Ängste und Wünsche. Amerika am Anfang der achtziger Jahre steht in diesem Buch im Mittelpunkt. Veränderungen im Kapitalismus ereignen sich und sie sind wichtig für die Einordnung dieses großartigen Sportlers ins größere Ganze.

Eine kleine Klitsche in Kalifornien, die keiner kennt, bewirbt sich um den Star von morgen, um Michael Jordan, der eigentlich Adidas bevorzugt. Daraus erwächst der Nike-Konzern und die Air Jordans, sein Basketballschuh, werden zu sagenhaften Verkaufsschlagern. Ein kleiner Spartensender namens ESPN entschließt sich, ab jetzt amerikaweit Basketballspiele zu übertragen, in denen sich Ausnahmekönner wie Magic Johnson oder Larry Bird eine epische Konkurrenz liefern. Die NBA, deren Ruf unter dem Drogenkonsum vieler Spieler leidet, rafft sich auf und profitiert von dem cleanen Michael Jordan, der noch ein Rookie ist und bald die nächste Generation großartiger Spieler anführt. In diesem Dreiklang Jordan/Nike/ESPN entsteht das Milliardengeschäft Basketball.

David Halberstam, ein wunderbarer Autor, erzählt über Amerika, indem er über Michael Jordan erzählt. Seine Biographie blickt von hoch oben auf einen florierenden Geschäftszweig und beschreibt, wie aus einem Sport, von dem sich die weiße Mittelschicht abgewandt hatte, ein Sport wird, in dem herausragendes Talent mehr zählt als die Hautfarbe.

Über Dirk Nowitzki hat Thomas Pletzinger ein tiefgehendes Buch geschrieben: The Great Nowitzki. Es ist fast so gut, wie die TV-Dokumentation von Leopold Hoesch. Nur fast so gut, weil dem Autor seine Eitelkeit in die Quere kommt. Eindrucksvoll, weil Holger Geschwindner dem Autor Zugang gewährte, was selten vorkommt. Ohne Geschwinder wäre Nowitzki nicht zu Dörk geworden, den nicht nur Dallas liebt. Ohne Geschwindner wäre Nowitzki nicht Nowitzki geworden.

Zu den bemerkenswerten Selbstschreibern ihrer Biographie zählt Andrea Petkovic. Sie beantwortet die interessanteste Frage: Wie rettet sich ein einsamer junger Mensch, der vollkommen darauf ausgerichtet ist, nur eines zu machen: Tennis zu spielen? Die Literatur erlöst sie. Zuflucht findet sie in den Büchern, von Dostojewski bis zu David Foster Wallace. Das Schreiben führt sie zu sich. Übrigens ist sie die Ausnahme, weil sie zunächst ein Bombenabitur hinlegt und sich erst danach in den Wahnsinn stürzt. Weil sie selber schreibt, ist sie auch die Herrin über ihre Geschichte.

Agassi fand J.R. Moehringer, einen Journalisten, dem er unendlich viele Tonbänder voll erzählte. Moehringer wählte die Methode von unten. Er schlüpft in den kleinen, den mittleren und den großen André hinein. Er träumt mit ihm, er flucht mit ihm, er kifft und säuft mit ihm, er trifft mit ihm die Lebensfreunde, die seine Familie ersetzen, eine Folge aus Vaterfiguren und Mentoren.

Aus Moehringer spricht André, der Brooke Shields kennenlernt, heiratet, schon ahnt, dass die Ehe nicht lange hält und sie doch eingeht, weil dann wenigstens jemand da ist, wenn er nach Haue kommt. Shields versetzt sich nicht in ihren Mann, erleidet mit ihm weder Niederlagen, die ihn ins Herz treffen, noch Siege, die ihm nichts bedeuten. Warum sollte sie auch? Er macht seinen Job, sie macht ihren. Erfolg versteht sich von selbst, das ist beider Ziel, beider Selbstzweck. Brooke Shields hat einen Abschluss aus Princeton, der ihn einschüchtert. Sie rät ihm, als sie sich von ihm trennt, er sollte doch einen Therapeuten aufsuchen.

Recht hat sie. Sein Therapeut ist J.R. Moehringer.

Die Stärke der psychologischen Methode besteht darin, dass wir miterleben, mitfiebern, mittrauern. André tut uns leid, ärgert uns mit seinem nagenden Selbstzweifel, dem ewigen Herumlungern auf dem Sofa vor dem Fernseher, den Schlaftabletten. Mit ihm freuen wir uns, wenn er wieder einen Menschen kennenlernt, mit dem er reden kann, und wenn er erst einmal Vertrauen gefasst hat, hört er gar nicht mehr auf mit dem Reden, dem Sich-Öffnen, der Selbsthingabe. Ein Extremist, wie denn auch nicht, Das Wunderkind, das nicht allein erwachsen werden kann. Ein Junge mit Wohnungen und Autos, der großzügig hilft, wenn andere in Not sind. Mit Not kennt er sich aus, vor allem mit innerer Not.

Psychologie ist die klassische Methode eines Romans. So ist diese Autobiographie auch ein Roman des Suchens, Verfehlens, Verzweifelns und endlichen Findens. Ein spannender Bildungsroman: The making of André Agassi with a little help from his friends, against all odds. Sehr amerikanisch, das natürlich auch: You can make it, no matter how often you fail.

Psychologie hat auch den Vorteil, dass sie das Verständnis dafür bietet, was dort unten auf dem Centre Court zwischen zwei Kindmännern passiert. Wie sie sich beobachten, wie sie versuchen, ihre Mienen zu deuten, ihre Körpersprache. Wie gut ist Sampras/Courier/Muster/Federer heute drauf? Wie viel Zeit nehmen sie sich im fünften Satz für den Aufschlag? Bekommen sie den zweiten Atem und schleppen sie sich nur noch dahin?

Agassis Nemesis ist Pete Sampras. Pistole-Pete wegen seines mörderischen Aufschlags. Sie sind grundverschieden. Sampras: ein Ausbund an Ausgeglichenheit und Gleichmaß. Agassi: ein Romantiker mit wirrem Gemüt, ein Monster an Unausgeglichenheit. Herrliche Gegensätze, aus denen die Sportreporter wunderbare, wundersame Geschichten weben.

Und dann diese unerklärlichen Schwankungen in einem Spiel – was spielt sich in den Gemütern der Spieler ab? Grandiose Phasen, gefolgt von unforced Errors in Serie. Und dann, wenn es gut geht, das Zurückfinden zu den Schlägen, die den Gegner über den Platz jagen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Keinen Tennisspieler gibt es ohne Auf und Ab. Manchmal bleibt nur das Beobachten, während die perfekten Aufschläge mit monströser Geschwindigkeit unerreichbar vorbei jagen: Wie lange hält er das durch? Wann bricht er ein? Lässt er mir noch eine Chance oder zieht er dieses furchtbare Spiel durch? Was soll ich machen?

Agassi schweift mitten im Spiel mit den Gedanken ab, ohne dass er daran etwas ändern könnte. Es ereignet sich ohne Ankündigung. Es lässt sich nicht abstellen. Man kann es nur aushalten. Verliert Agassi aus Ungeduld noch mehr an Konzentration, verliert er den Satz. Findet er nicht aus dem inneren Abschweifen zurück auf den Platz, verliert er ganz schnell das Spiel.

Eindrucksvoll an diesem Buch ist diese Schonungslosigkeit, mit der Agassi seine Schwächen bloßlegt. Die Selbstgespräche enden entweder in Selbstmitleid oder Selbsthass. Nur zu oft schleicht er vom Platz und versteckt sich in seinem Hotel, seinem Haus. Niederlagen sind grausam, wenn es nur Tennis gibt. Niederlagen werden erträglich, wenn ein Leben wartet.

Das happy Ending auf dem langen Weg über Rom/Paris/Melbourne/Wimbledon zu André Agassi ereignet sich in zwei Stufen. Auf der ersten Stufe gründet er eine Charterschule in einem armen Viertel von Las Vegas. Charterschulen sind private Gründungen, die der Staat unterstützt. Agassi bietet armen Kindern aus dysfunktionalen Familien alles, was sie nicht haben: eine Schuluniform, einen Schlafplatz, eine tolle Schule mit engagierten Lehrern, den Antrieb zur Bildung und das Ziel, aufs College zu gehen. Was er nicht hatte, haben diese Kinder vom Kindergarten bis zum High-School-Abschluss: Lebenslernchancen.

Für seine Schule spielt er nun, denn darauf verwendet er seine Preisgelder. Das Tennisspielen hat seither einen Zweck und ein Ziel. Zuvor freute er sich nicht über seine Grand Slams, jetzt schon. Die ewige Wut, sein Vatererbe, ebbt ab. Siege sind nicht mehr alles. Niederlagen versetzen nicht mehr in Depression. Tennis ist nicht alles. Dieses IchIchIch reicht nicht für ein Leben. Es gibt etwas Größeres als André Agassi. Übrigens eine Erfahrung, die dem verhassten Boris Becker verschlossen blieb.

Die zweite Stufe zum Glück ist Stefanie Graf. Sie versteht, was ihn treibt. Sein Gemüt. Seine Obsessionen. Aus eigner Erfahrung kennt sie alles, was es zu kennen gibt. André Agassi ist schon vor der Ehe mit Brooke Shields fasziniert von Stefanie Graf, schwärmt von ihr, prallt aber an ihr ab. Kein Interesse. Keine Ablenkung. Tiefenscharf konzentriert ist sie auf das Spielen, das Gewinnen. Dann hört sie auf, mit 29, gerade in den Tagen, als sie damit anfangen zu telefonieren, zu reden. Der Körper will nicht mehr und sie hört auf ihren Körper. Ohne Drama endet ihre einzigartige Karriere. Eine große Spielerin mit einem Charakter, der sie nicht trügt, der sie nicht in die Irre führt. Viel früher als André wusste sie, wer sie war.

André Agassi spielt noch, als seine Tochter und sein Sohn schon zugucken, wenn er spielt, und zuhören, wie er stöhnt und stampft und brütet und wütet und tatsächlich noch einmal die Nummer 1 in der Welt wird, die älteste Nummer 1 je. Mit 36 hört er mit dem Spielen auf. Versöhnt mit sich und dem Tennis und seinem Vater.

Eine schöne Geschichte erzählt Moehringer alias Agassi aus diesem langen Tennisleben, das die Suche nach einem Sinn jenseits des Courts ist. Fast zu schön, um wahr zu sein. Aber egal, sollen sie glücklich werden, ich gönne es ihnen.

Die Stimmungskiller sind unter uns

Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann hätte die Bundeskanzlerin ihre Pressekonferenz heute nacht mit einer kleinen Demutsgeste begonnen, mit einer Entschuldigung dafür, dass sie wieder über Ausgangssperren, kontaktarmen Urlaub (was für ein Wort!)) und Ähnliches referieren muss. Natürlich liegt der Grund in den steigenden Zahlen, aber mehr noch in all dem, was sie und ihre Kombattanten nicht hinbekommen: das Impfen, das Testen, Zuversicht.

Wir haben Ende April und 9 Prozent der Deutschen sind geimpft. Neun Prozent. Nicht mehr. Der Clown, der Premierminister in England ist, will Mitte Mai die Herdenimmunität erreichen, die Freiheit zurück gibt, anstatt mehr von ihr zu nehmen. Glückwunsch! Das 320-Millionen-Einwohner-Land Amerika ist wohl Ende Mai so weit. Dort impfen sie auf Parkplätzen und wo immer auch Menschen in größerer Zahl versammelt werden können, anstatt an der einmal festgelegten Priorisierung (auch so ein Kunstwort) festzuhalten, weil sie nun einmal festgelegt ist. Alle Achtung!

Beim vorletzten Mal, als Bund und Länder eine Videokonferenz abhielten, sagte Angela Merkel hinterher mit verhaltener Ironie, wir müssten zur deutschen Gründlichkeit ein bisschen Flexibilität hinzufügen. Klang gut. Klang einsichtig. Diesmal aber wird Gründlichkeit durch noch mehr Gründlichkeit ersetzt.

Es geht nicht anders, weil es so ist, wie es ist. Die Infektionszahlen steigen. Menschen sterben und sterben an der Pandemie. Die Logik ist wieder, wie sie immer ist: Wir sollen nicht reisen, uns nicht an Ostern in größeren Zirkeln treffen. Wir sollen aufpassen, uns nicht anstecken, niemanden anders anstecken. Am besten würden, dieser Logik entsprechend, auch wieder die Schulen und Kitas geschlossen. Und wenn die Inzidenz steigt, und das wird sie ja, das ist abzusehen, folgt die Ausgangssperre. Geht noch mehr?

Zur neuen Gründlichkeit gehört es, dass Deutsche, die etwa über Ostern nach Mallorca reisen wollen, als Vaterlandsverräter dastehen, als Wohlstandsflüchtlinge. Der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil meinte, Mallorca sein ein Stimmungskiller, weil nicht sein darf, dass die einen raus dürfen und die anderen nicht einmal in die Lüneburger Heise fahren können. Das nennt man in der Politik ein gelungenes Ablenkungsmanöver, da nun kurz mal die Empörung und Abscheu auf eine winzige Minderheit gelenkt wird, die auf einer Insel Urlaub mit geringer Inzidenz (20!) machen will.

Der Stimmungskiller ist doch wohl, dass jetzt erst Menschen Mitte 70 mit dem Impfen an die Reihe kommen. Der Stimmungskiller ist doch wohl, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern hinten dran hängt. Der Stimmungskiller ist, dass wir von 150 Millionen Selbsttests reden, die aber noch nicht zur Verfügung stehen. Dass bald Ärzte impfen dürfen, falls sie denn Impfstoff geliefert bekommen. Und auch nicht witzig ist, dass uns viel abverlangt wird, aber nicht der Wirtschaft, die nur freundlich darum gebeten wird, ihre Angestellten doch bitte zu testen. Danke der Rücksichtnahme.

Die Kanzlerin liegt ja meist richtig mit der Einschätzung der Lage. Sie handelt konsequent. Dafür ist sie mit Vertrauen belohnt worden. Mit Geduld. Man könnte sagen, die Deutschen haben in ihrer großen Mehrheit ihren Job getan und sich weitgehend an die Regeln gehalten. 

Nur haben sie in Berlin ihren Job nicht so getan, wie sie es von uns verlangen. Wir sollten mit dem impfen viel weiter sein. Wir wollten darüber nachdenken, mit welchem Konzept mehr Restaurants, Cafés etc. öffnen können, anstatt uns zu fragen, wo wir eigentlich am Ostersamstag einkaufen dürfen. Wir sollten darüber reden, wann es endlich besser wird. Nicht zufällig sagt momentan kein Ministerpräsident und keine Kanzlerin, dass bis zur Bundestagswahl im September 70 Prozent der Deutschen geimpft sein werden. 

Der Frühling kommt und die Stimmungskiller bleiben. Ostern kommt und die Zahl der Infizierten steigt exponentiell, wie es aussieht. Dagegen steigt die Zahl der Geimpften nur langsam, verzweifelt langsam. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Die Sehnsucht nach Charakter und Heiterkeit

Bei allem, was sie unterscheidet, haben Winfried Kretschmann und Malu Dreyer einiges gemeinsam. Sie haben Charakter, der sie glaubwürdig macht. Sie zeigen Gelassenheit und nehmen sich nicht so ernst, wie viele andere, die vor Kraft kaum laufen können. Sie bleiben in ihrem Land verwurzelt und schielen nicht nach höheren Weihen. Vielleicht hätte Kretschmann Bundespräsident werden können. Sicherlich hätte Dreyer SPD-Vorsitzende werden können. Wollten sie nicht, in richtiger Einschätzung seiner Chancen der eine und in richtiger Einschätzung ihrer Kräfte die andere.

Für ihren Erfolg ist auch entscheidend, dass sie nicht in ihrer Partei aufgehen, ohne sie zu verleugnen. Dreyer wie Kretschmann haben sich Eigensinn bewahrt, kommen den pragmatischen Notwendigkeiten ihres Amtes nach und gehören doch unverkennbar dem Stall an, aus dem sie herausgewachsen sind. 

Mehr noch zeigen sie ihren Parteien, was möglich ist. Nicht zufällig liegt die SPD in Rheinland-Pfalz bei knapp 36 Prozent, einer einsamen Höhe, die nur Peter Tschenscher in Hamburg mit 39,2 Prozent übertraf. Nicht zufällig hat  die CDU in Baden-Württemberg auf rund 23 Prozent abgewirtschaftet und in Hamburg auf sage und schreibe 11 Prozent. Es geht rasend schnell ins Tal, wenn eine Reihe falscher Leute steuern dürfen und nur langsam, aber sicher aufwärts, wenn die richtigen Leute die richtigen Themen setzen und auf sympathische Weise dafür einstehen.

Nichts ist garantiert, nichts ist gesichert. Sieben Jahre brauchte die Hamburger CDU, um von 48 Prozent ins Niemandsland abzusacken. Dass ein Grüner je in die Villa Reitzenstein einziehen könnte, vermochten sich die Herren Filbinger/Späth/Öttinger nie vorzustellen. Auf Personen kommt es eben an, wer sie sind und was sie wollen. Wenn ihnen ihre Parteien keine Felsbrocken in den Weg rollen, geht morgen womöglich, was heute absolut unmöglich erscheint. Wer heute oben ist, ist morgen vielleicht schon wieder auf dem absteigenden Ast. Wo landen die Grünen ohne Winfried Kretschmann? Wo bleibt die SPD ohne Malu Dreyer?

Alles ist möglich und auch das Gegenteil. Deshalb ist es verdammt schwer, solide Rückschlüsse aus den beiden Landtagswahlen für den 26. September zu ziehen. Versuchen wir’s mal.

1.) Die Bundestagswahl wird eine Pandemie-Bilanz sein. Wenn nicht endlich das Impfen in Schwung kommt und das Testen zur Selbstverständlichkeit wird, ergeht es der CDU schlecht. Nicht nur verliert sie den Rest an Merkel-Bonus, sie rutscht dann ziemlich sicher unter die heiligen 30 Prozent. Wer profitiert davon? In erster Linie die FDP und in zweiter Linie die Grünen, am wenigsten die AfD, weil ihre Verantwortungslosigkeit sie um den Kollateralnutzen bringt. In dritter Linie die SPD, bei der Olaf Scholz den Orden wider den tierischen Ernst verdient, weil er frohgemut behauptet, er könne Kanzler werden.

2.) Das Laschet-Bashing dürfte zunehmen, so ist das nun einmal. Sagt er zu wenig, wird es ihm angekreidet, sagt er zu viel, wird das moniert. Zu seinen Vorteilen gehört die Unbeirrbarkeit, mit der er schlechte Zeiten durchsteht, um dann, wenn er lange genug als Verlierer aussah, die Sache zum Erstaunen aller zu gewinnen. Mehr denn je muss er diese Fähigkeit voll ausschöpfen, will er Kanzler werden und das will er, kein Zweifel. Hat er Glück und genug Impfstoff kommt rechtzeitig zu uns, kommt niemand an ihm vorbei. Hat er Pech, wird er dennoch Kanzler, denn warum sollte sich Markus Söder nach vorne drängeln, wenn die Wähler die Union mit dem schlechtesten Ergebnis aller Zeiten abstrafen wollen?

3.) Der AfD könnte es am 26. September ähnlich ergehen wie an diesem Sonntag: einstellig, nicht mehr zweistellig. Dafür sorgt der Schwefelgeruch, der ihr anhaftet und sie spaltet. Davon kann insbesondere die CDU profitieren, auch mit Laschet, natürlich mit Söder. Jedenfalls hat die AfD ihren Schrecken verloren.

4.) Olaf Scholz geht jetzt mit dem Satz hausieren, es gäbe eine Regierung ohne die CDU. Kann in Stuttgart entstehen, wenn Kretschmann will, gibt es wieder in Mainz. Dass dieses Modell auf Berlin übertragbar sein soll, ist von heute ausgesehen eine hübsche Illusion.

5.) Die Frage ist nicht nur Armin oder Markus, sie ist auch Annalena oder Robert. Zwischen ihnen müssen sich die Grünen bald entscheiden. Robert Habeck hat von Annalena Baerbock gelernt, dass schiere Sachlichkeit beeindruckt und nimmt sein Ego ähnlich zurück wie Markus Söder. Aber natürlich werden es sich die Grünen nicht entgehen lassen, den Anzugmännern mit ihren Alphatier-Ritualen eine Frau beizugesellen. Und dass Annalena Baerbock die chancensteigernde Kombination aus Charakter, Eigensinn und Heiterkeit verbindet, ist ja nun offensichtlich. Damit ist nicht gesagt, dass sie Kanzlerin wird, obwohl ja nun mal so ziemlich alles möglich ist, doch aufs Außenministerium bereitet sie sich ersatzweise schon umsichtig vor und das ist ja auch ein schönes Amt.

Jetzt schon kann man sagen, dass uns eine unberechenbare Wahl bevorsteht. Richtig freuen kann man sich darüber nicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Spahn hätte zum Pandemie-Helden werden können

Stellen Sie sich Folgendes vor: Innerhalb von 300 Tagen hat der Corona-Virus sechs Millionen Menschen infiziert. Ursprung der Pandemie ist ein Wildmarkt in Südostasien. Eine Messestadt in Norddeutschland und eine Universitätsstadt in Süddeutschland sorgen für Verbreitung hierzulande. Bald sind die Krankenhäuser vollständig überlastet, denn das Virus trifft alle gleichmäßig, Junge wie Alte. Die Sterberate liegt bei zehn Prozent. Nach drei Jahren sind mindestens siebeneinhalb Millionen Menschen gestorben. Erst dann haben Wissenschaftler einen Impfstoff gefunden.

Was das ist? Eine Fiktion, eine Modellrechnung, aber auch eine hellsichtige Vorwegnahme der realen Pandemie, mit der wir uns noch länger herumschlagen werden. Die Zahlen der Infizierten und Toten entstammen einer Risikoanalyse, die das Innenministerium im Jahr 2013 in Auftrag gab. Das Robert-Koch-Institut führte sie durch. Nichts davon ist geheim. Alles ist nachzulesen in der Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestages.

Verglichen mit dieser Fiktion sind wir in unserer Wirklichkeit glimpflich davon gekommen. Nicht drei Jahre lang mussten wir auf einen Impfstoff warten, sondern nur ein Jahr lang. Nach heutigem Stand wurden zweieinhalb Millionen Menschen infiziert und starben 72 000 Menschen am Corona-Virus.

Interessant ist, dass die Wirklichkeit hinter der Phantasie der Risikoanalytiker zurückblieb; normalerweise ist es umgekehrt. Noch interessanter ist allerdings, dass alles, was wir erleben, schon mal sehr gründlich durchdacht worden war, als der Corona-Virus, aus Asien kommend, wirklich in Deutschland ankam. Was die Pandemie bedeutet, war nur für uns Bürger neu und unbekannt, denn wir wussten ja nichts von dem Planspiel, das der Innenminister (er hieß Hans-Peter Friedrich und gehörte der CSU an) in Auftrag gegeben hatte.

Bürokratien führen solche Planspiele regelmäßig durch, sei es für den Fall von Hochwasser, das Städte bedroht, sei es durch Pandemien, die ein ganzes Land auf den Kopf stellen. Die Frage ist nur: Nehmen die Auftraggeber die Analysen ernst? Treffen sie Vorkehrungen?

Zu den Eigentümlichkeiten dieser Pandemie zählt, dass die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten mehr als ein halbes Jahr lang ziemlich viel ziemlich richtig machte. Vielleicht diente ihnen ja die Risikoanalyse als Handbuch. Darin wird  aufgezählt, was zu tun ist, von der Schulschließung bis zum Verbot von Menschenansammlungen. In dieser Phase vertraute die große Mehrheit der Deutschen vor allem der Kanzlerin, die sachlich und nüchtern für die Freiheitsbeschränkungen warb.

Die Wendepunkt trat ausgerechnet da ein, als Biontech den Impfstoff in Rekordzeit entwickelte und sich herausstellte, dass die europäische Bürokratie mit ihren Bestellungen saumselig gewesen war und dann auch noch Hersteller wie AstraZeneca der Bundesregierung auf der Nase herumtanzten. Seither klappt nichts mehr. Seither kündigt der Gesundheitsminister das eine an, das die Kanzlerin morgen zurücknimmt, und im großen Inzidenzen-Palaver der Ministerpräsidenten geht das höchste Gut verloren, das Vertrauen in die Regierenden.

Vielleicht liegt der Umschwung daran, dass in der Risikoanalyse nichts davon steht, wie es weitergehen sollte, wenn endlich ein Impfstoff gefunden ist. Natürlich steht auch nichts von Schnelltests oder Selbsttests drin und kann es auch gar nicht. Und so kommt es, dass im Schneckentempo geimpft wird und jetzt ausgerechnet Aldi Selbsttests anbietet, während Apotheker und Ärzte, die Tests anbieten sollen, nicht wissen, wann sie genügend davon auf Lager haben werden.

Andere Länder sind beneidenswert schneller. Amerika will bis Ende Mai mit dem Impfen durch sein. Amerika! Weit mehr als 200 Millionen Menschen sind dann geimpft. Sie impfen jetzt sogar schon Menschenaffen, die das Virus auch verbreiten können. Ausgerechnet Donald Trump hatte riesige Mengen an Impfstoff vorbestellt und davon profitiert jetzt ironischerweise sein Nachfolger.

Es war schon richtig, dass Deutschland für eine europäische Lösung eintrat; die politischen Folgen eines Alleingangs wären verhängnisvoll gewesen. Aber dieser Umstand rechtfertigt nicht das Vorgehen der europäischen Bürokratie und auch nicht die Entdeckung der Langsamkeit in Deutschland.

Wer ist schuld an der deutschen Misere? Verständlich, dass sich alle Augen auf Jens Spahn richten. Der „Spiegel“ fordert seinen Rücktritt, na klar, am liebsten auch noch den der Kanzlerin. Nichts davon wird eintreten. Sagen wir es so: Für höhere Aufgaben hat sich der Gesundheitsminister nicht gerade empfohlen. Zu viele Versprechungen und zu wenige Taten. Zu viel Kreisen ums Ich und zu wenig Orientierung an der Sache. Angenommen, Armin Laschet wird Kanzler (was ich für wahrscheinlich halte): Dann hätte Jens Spahn zuerst Fraktionschef und später dessen Nachfolger werden können. Beides vermiest er sich gerade.

Spahn hätte der Held der Pandemie werden können, hätte er nur sein Ministerium auf Effizienz getrimmt. Aber offenbar gehört er zu den Politikern, die immer etwas werden wollen, was sie nicht sind, und sich nicht auf das konzentrieren, was sie sind. Und nicht zufällig, machen sie ihm jetzt das Sündenregister auf: Das Posieren mit seinem Mann und dem US-Botschafter und dessen Mann; der Kauf einer Millionen-Villa zu falschen Zeit; die seltsame Intervention bei der Wahl des CDU-Chefs. Schlechtes Timing und Blackouts durch Überehrgeiz.

Man stelle sich vor, Spahn und ein paar andere in Berlin wie Brüssel hätten Konsequenzen aus dem Planspiel von 2013 gezogen und genügende Mengen an Impfstoff bestellt und überhaupt immer schon die jeweils nächste Phase der Pandemie geplant: Wo wären wir dann heute?

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Klopp, eindimensional

Heute hat der FC Liverpool sein sechstes Heimspiel verloren: gegen Fulham, tief unten im Tabellenkeller. Der Trainer ist ratlos und ideenlos. Er sagt, die Mannschaft hat ihren Schwung verloren, sie hatte ja Ende des Jahres noch an erster Stelle gestanden. Ich hoffe, er sucht das Problem auch anderswo, zum Beispiel bei sich.

Jürgen Klopp ist bekannt für seinen Enthusiasmus, den er auf seine Mannschaften übertragen kann. Er ist wegen seines Freimuts und seiner Ironie beliebt. Überhaupt dürfte er so gut wie keine Feinde besitzen. Beneidenswert.

Auf den Stil, den er zuerst Borussia Dortmund und dann Liverpool beibog, hat er kein Monopol, aber er hat ihn zur Perfektion getrieben. Gelingt dieses Pressing, entsteht ein faszinierender Wirbel, ein enormer Sog, der alle mitreißt, die elf Spieler auf dem Platz, das Publikum und natürlich auch den Trainer, der wie ein Derwisch dort draußen am Spielfeldrand herumtanzt. Den Spielern verlangt das enorme Laufbereitschaft und pausenlose Konzentration ab. In Dortmund wie in Liverpool fand Klopp eine junge, hochtalentierte Mannschaft vor, die für ihn durchs Feuer ging. Der Erfolg erschien wie das zwangsläufige Produkt von Begabung und Hingabe.

Trainer bleiben selten lange in derselben Stadt. Viele ziehen schnell weiter. Thomas Tuchel ging in Paris durch die Tür raus und in Chelsea durch die Tür rein. Klopp bevorzugt lange Verweildauer. Freiwillig verließ er Dortmund. Ginge es nach ihm, bliebe er wohl auch noch lange in Liverpool.

Das Problem für Klopp besteht darin, dass er nur ein System kennt. Eben das hohe Pressing mit schnellst möglicher Balleroberung nach Ballverlust. In Dortmund hatte es sich erschöpft. In seinem letzten Jahr stand der BVB bei Halbzeit der Saison an letzter Stelle. An letzter Stelle! Liverpool wird gerade durchgereicht, momentan steht die Mannschaft an siebter Stelle, Tendenz sinkend.

Ja, der grandiose Virgil van Dijk fehlt schmerzlich, genauso wie Joe Gomez oder Joel Matip in der Defensive . Ja, der grandiose Torhüter Allison Becker macht Fehler, die er sonst nie macht. Ja, Mo Salah und Sadio Mané sind weit weniger explosiv und treffsicher als noch vor kurzem. Vor allem aber ist diese Mannschaft nach ein paar Jahren Dauerpressing erschöpft, seelisch wie körperlich. Und weil entscheidende Spieler fehlen, kommt es auf den Trainer an. er muss sich einiges einfallen lassen, um die Ausfälle zu kompensieren und mit den Spielern, die da sind, eben anders zu spielen. Er müsste seinen Stil ändern, den Gegebenheiten anpassen, damit auskommen, was er hat.

Thomas Tuchel und Pep Guardiola haben eine Idee vom perfekten Fußballspiel. Für sie sind Spieler wie Schachfiguren, die sie hin und her schieben. Stehen Spiele gegen starke Mannschaften an, tüfteln sie so lange, bis ihnen etwas eingefallen ist. Mit einer geschwächten BVB-Truppe (Hummels/Gündogan/Mikytarian waren weggegangen, drei Spieler, die den Unterschied machten) holte er den Pokal. Man City ist in dieser Saison beinahe so gut, wie eine Mannschaft sein kann (auch wenn sie heute gegen United verlor).

Diese Alternative steht ihm aber nicht zur Verfügung. Er bleibt bei seinem Stil, auf Teufel komm raus.

Mit Dortmund gewann Klopp zweimal die Meisterschaft, einmal den Pokal und verlor das Finale in der Champions League. Liverpool gewann mit Klopp die Champions League und die Meisterschaft. In Dortmund blieb er sieben Jahre. In Liverpool ist er seit sechs Jahren. Er ist ein ungewöhnlich erfolgreicher Trainer, den das Publikum und die Presse lieben und alle bedauern, wenn ihn der Erfolg wegen seiner Eindimensionalität verlässt. Gut möglich, dass er bald weiterzieht, zu einer jungen, hungrigen Mannschaft in einer alten Arbeiterstadt, die nach Meisterschaften lechzt.

Der BVB und seine Trainer

Gestern habe ich mir das Spiel des BVB gegen Gladbach angeschaut. Wie man so schön sagt: intensiv, aber nicht sehr toll. Mehrere fein herausgespielte Tore, die der Kölner Keller nicht gab. Ein herrlich herausgespielter Treffer, mit dem Jadon Sancho das Spiel entschied.

Dortmund war gut eingestellt. Dortmund spielt stabiler als noch vor einigen Wochen. Der Trainer vertraut Jude Bellingham. Ich ziehe Gio Reyna vor, aber der wirkte zuletzt überspielt. Der Trainer vertraut Martin Hitz und hatte Recht, weil der Torwart einen sagenhaften Hammer aus mittlerer Distanz blitzartig parierte. Der Trainer vertraut Mahmoud Dahoud, der endlich mal so spielt, wie er es seit zwei Jahren verspricht. Der Trainer stellt nach Form und Notwendigkeit auf, wie es ein guter Trainer eben so macht.

Dortmund hat seit Jahren ein Trainer-Problem oder genauer gesagt ein Führungs-Problem, weil die Ungeduld – nein, der Widerwille, nach dem Pokalsieg 2017 weiterhin mit Thomas Tuchel zu arbeiten, so groß war, dass Achim Watzke ihn feuerte. Habe ich damals nicht verstanden, verstehe ich heute noch nicht, werde ich morgen nicht verstehen, wenn Marco Rose die x-te Nachfolge antritt: nach Bosz/Stöger/Favre/Tedić. Der Vorgang könnte sich diesmal wiederholen, holt der BVB den Pokal und stutzt trotzdem den Trainer, der immerhin Co-Trainer bleiben darf, es sei denn, ein anderer Verein findet so viel Gefallen an ihm, dass er ihn verpflichtet.

Rose hat mit seinem angekündigten Wechsel seine Mannschaft verloren. Sie startete furios in die Saison, zeigte tolle Leistungen in einer Hammergruppe der Champions League, spielte astreinen Fußball, wobei zwei ehemalige BVB-Spieler überragten, Matthias Ginter und Jonas Hofmann. Dann fing Rose an zu tändeln, druckste herum und gab schließlich bekannt, er werde künftig den BVB trainieren, den seine Mannschaft kurz zuvor 4:2 geschlagen und damit in eine Krise gestürzt hatte. Gladbach verlor den Faden, wird gegen Man City in der Champions League ausscheiden, alles andere wäre mehr als ein Wunder, und verpasst vielleicht sogar die Euroleague, wenn die Mannschaft sich nicht schleunigst fängt.

Psychologisch interessant ist natürlich, wie eine eher junge Mannschaft von ihrem Trainer dermaßen abhängt, dass sie aus der Fassung gerät, wenn er sagt: Das war’s hier, ich zieh weiter, Dortmund hat mehr Bedeutung als dieser Verein, jedenfalls für mich, so ist das Geschäft, wisst ihr ja. Beschädigt sind nun aber beide, auch Rose, der das Wasser nicht halten konnte und den Einfluss seiner Entscheidung nicht absah, was nun dazu führt, dass unsereins sich fragt: Ist das ein reifer Trainer oder nur ein Job-Hopper, mit dem der Erfolg nicht zieht, so dass Dortmund dem nächsten Irrtum aufsitzt?

Edin Terzić besticht schon mal durch seine Souveränität, mit der er seine Degradierung zum künftigen Co-Trainer unter Rose hinnimmt. Außerdem hat er die Mannschaft, verunsichert durch Favre, jetzt so geformt, dass sie gestern endlich mal richtig kämpfte und verdient gewann. Unter Terzić hat der BVB die direkten Kontrahenten Wolfsburg und Leipzig geschlagen, brach ein, raffte sich wieder auf und liegt momentan drei Punkte hinter einem Champions-League-Platz. Alles drin, im Pokal, in der Meisterschaft, in der Champions League.

Terzić ist offenbar ein Trainer, der sich nicht beirren lässt. Die Mannschaft vertraut ihm. Die Führung nicht. Die Mannschaft hat nur dann etwas zu sagen, wenn sie sagt, was die Führung hören will, wie damals bei Tuchel. Die Führung bekommt wieder ein sattes Problem, falls der BVB am nächsten Wochenende gegen Bayern in München gewinnen sollte. Ist ja möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich. Verliert Dortmund und Frankfurt wie Wolfsburg gewinnen, wird es ziemlich schwer, noch unter die ersten Vier in der Bundesliga zu kommen und enorm viel Geld wird im Etat 21/22 fehlen.

Das neue Dortmunder Modell soll also so aussehen, dass ein Trainer, der das Vertrauen seiner Mannschaft verlor, mit einem Co-Trainer zusammen arbeitet, der das Vertrauen seiner Mannschaft besitzt. Kann das funktionieren? Glaube ich nicht. Um so weniger, je mehr Erfolg Tedić mit dem BVB in dieser Saison noch hat. Rose muss das innere Gefüge erst noch kennenlernen, das sein Co bestens kennt. Rose muss beweisen, dass er zu Recht die Nummer 1 ist, was seine Nummer 2 schon bewiesen hat. Ob die beiden wollen oder nicht, ist ein Gefälle in dieses Modell eingebaut, das für beide ungünstig ist. Aber sie haben sich nicht ausgesucht, womit sie sich nun herumschlagen müssen. Die Führung in ihrer unendlichen Weisheit zwingt sie in dieses Modell.

Tedić hat ab jetzt den Vorteil, dass er sich das Modell antun kann, aber nicht muss.