Drei sind zwei zu viel

Die CSU ist eine moderne Partei. 800 Mitglieder haben am Samstag einen tadellosen Parteitag hingelegt. 800 Mitglieder fassten Beschlüsse, wonach ihre Partei weiblicher und grüner werden soll und Bayern sich in das deutsche Kalifornien verwandeln wird, ohne Brennmotoren ab 2035.

Unter der Regie von Markus Söder geht es machtvoll voran. Seine größte Leistung besteht darin, was er uns vergessen macht: dass er Bayern keineswegs alleine regiert, sondern in einer Koalition mit den Freien Wähler; und dass er gestern noch aus der CSU eine Über-AfD machen wollte.

Jetzt also Frauen in herausgehobene Ämter und mehr Ökologie. Erinnert uns das an jemanden? Das ist die Methode Merkel: Übernimm von den ernstzunehmenden Gegnern, was die auszeichnet. Die Bundeskanzlerin sammelte-SPD-Substanz, Söder greift bei den Grünen ab.

Zugleich erzählte der CSU-Chef auf dem digitalen Parteitag, dass die CDU über drei hervorragende Kandidaten verfügt und er mit jedem von ihnen zusammen zu arbeiten gedenkt. Ansonsten behält er sich das Vorschlagsrecht für den Kanzlerkandidaten vor. Hat er das? Natürlich nicht. Weist ihn irgendjemand in die Schranken? Natürlich nicht.

Den Koryphäen der CDU dämmert schon länger, dass die Auswahl unter Laschet/Merz/Röttgen keine Auszeichnung ist, sondern ein Problem. Vor knapp zwei Jahren mochte das noch angehen, als Annegret Kramp-Karrenbauer das Schaulaufen in einer Hamburger Halle gewann. Unter Corona-Bedingungen ist die Dreier-Konkurrenz allerdings ein Alptraum.

Stellen Sie sich das doch mal vor: Friedrich Merz sitzt oder steht irgendwo, ein paar Claqueure um sich, und hält eine flammende Rede ins Leere, denn die Großzahl der Delegierten sitzen im digitalen Irgendwo verteilt. Dann folgt ihm Armin Laschet aus dem Irgendwo und Norbert Röttgen spricht zu guter letzt Bedeutungsvolles in den virtuellen Raum. 

Es kann noch anders werden. Die Zahl der Kandidaten lässt sich schrumpfen. Zuerst könnte ein Kandidat einsehen, dass er nicht werden wird, was er werden wollte und die Konsequenz ziehen. Und in Nähe zum 3. Dezember könnte es ihm ein zweiter nachmachen und die CDU vom Gespenst des digitalen Dreikampfs auf einem digitalen Parteitag befreien.

Auf Annegret Kramp-Karrenbauer kommt es jetzt an. Sie ist Parteichefin, auch wenn wir sie an den Rand unseres Bewusstsein gerückt haben. Als sie im Februar ihren Verzicht erklärte, sagte sie, sie werde den Übergang zu ihrem Nachfolger organisieren. Soll sie mal. Sie kann jetzt damit anfangen.

Heute ist eine gute Gelegenheit. Heute trifft sie sich mit den drei Herren der Schöpfung, die sein wollen, was sie noch ist, um somit das Recht auf die Nachfolge für Angela Merkel beanspruchen zu dürfen. Vielleicht nimmt sie das Sinnvolle auf sich und wendet sich an Norbert Röttgen. Sie könnte an die Größe erinnern, die im Verzicht liegt, und an die Priorität, der CDU nicht durch Sturheit zu schaden.

Dass er nicht gewinnt, weiß der Kandidat Röttgen natürlich auch. Wie es auf diesen Höhen der Politik üblich ist, schraubt er den Preis für den Rückzug höher, indem er noch ein bisschen im Rennen bleibt. Das liegt ebenso in der Logik des Metiers wie diese Logik schal und abstoßend wirkt.

Aus meiner Sicht wäre Friedrich Merz der Nächste, den es treffen sollte. Wie sehr er aus der Zeit gefallen ist, hat er mit der Analogie bewiesen, dass Homosexualität an Pädophilie grenzt. Dass er sich durch Nachinterpretation herauswinden wollte, machte ihn vollends unglaubwürdig. Hat er keine Berater? Bereitet er sich nicht auf Interviews vor? Der nahtlose Übergang von Lässigkeit zu Fahrlässigkeit lässt sich an ihm studieren.

Einsicht gehört nicht zu seinen größten Stärken. Das Reden über das große Ganze liegt ihm näher, Appelle an Europa inbegriffen, auch die Forderung nach dem Primat der Wirtschaft, aber sein Nachteil ist das Schweben im luftleeren Raum, ohne Amt, ohne Verantwortung.

Damit bliebe Armin Laschet alleine übrig. Bei seinen Auftritten in der vorigen Woche bei Maischberger und vor der Jungen Union in Hannover legte er wieder seine sympathische Souveränität an den Tag, die ihn auszeichnet und die für ihn wirbt. Seine schwächere Phase mit aufgeregten Haspeleien liegt vielleicht ja hinter ihm und sofern er grobe Schnitzer bis zum 3. Dezember in Stuttgart vermeidet, dürfte er sich ohne große Schwierigkeiten durchsetzen.

Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen steht ihm die große Bühne offen. Neuerdings nutzt er sie, um seine Verbundenheit mit Markus Söder herauszustellen. Hört man ihm zu, dann ist der Unterschied zu Bayern im Zeichen der Pandemie minimal und die Wertschätzung für den Ministerpräsidenten richtig groß.

Da fügt sich günstig, dass gerade eine wohlwollende Biographie über Armin Laschet erschienen ist, geschrieben von zwei Journalisten. Solche Werke, egal wie gut sie sind, werden gerne prominent vorgestellt in nettem Rahmen. Und wer ist an diesem Mittwoch der Laudator für Laschet? Richtig, Markus Söder nimmt liebend gerne die Rezension auf sich und siedelt sie dort an, wohin sie gehört: im Kosmos der Pandemie und der Kanzlerkandidatenkür.

Wieder werden die beiden Nähe vorführen, selbstverständlich mit Ironie gewürzt. Wieder wird Markus Söder süffisante Bemerkungen über seine Heimat Bayern, die er nicht zu verlassen gedenkt, fallen lassen. Wieder wird jedes Wort von Armin Laschet gewogen werden. Und das Politikum, dass sich beide gegenseitig loben, wird ausführlich in den Zeitungen und im Fernsehen kommentiert werden.

Wirkliche Entscheidungen werden in der Öffentlichkeit vorbereitet und im stillen Kämmerlein gefällt. So ist das, und deshalb sollten wir genau hinhören. Nicht nur AKK dürfte nach und nach auf ein schlankeres Feld aus weniger Kandidaten dringen, auch Markus Söder, der Allzuständige, wird bald schon seinen Wunsch und Willen nach geklärten Verhältnissen Ausdruck verleihen.

Königsmacher ist eine schöne Aufgabe. König zu sein ist natürlich noch viel schöner, aber darüber können sich Armin Laschet und Markus Söder tief im nächsten Jahr verständigen.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Montag.

Die wahren Säulen der Gesellschaft

Seit es Corona gibt, haben einige Berufe, die es verdienen, neue Wertschätzung erlangt. Es handelt sich um Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten: im Krankenhaus und in Altenheimen, auf Intensivstationen und in Heimen für Demente. Moralische Würdigung ist gut, mehr Gehalt natürlich noch besser, weil schwierige Arbeit großzügiger entlohnt werden sollte. Passiert wohl auch, wenn nicht, wäre es eine Schande.

Corona lässt neue Blicke auf die Gesellschaft zu, das ist nicht schlecht. Was wichtig ist und was weniger wichtig, lässt sich jetzt genauer sagen. Wer zum Ganzen beiträgt und wer nur so tut, zeigt sich wie beiläufig in diesen Tagen.

Wie es sich fügt, hat die Staatsanwaltschaft vor kurzem den Beschluss gefasst, Anklage gegen Martin Winterkorn, den VW-Vorstandsvorsitzenden in der Zeit der Manipulationen mit dem Abgassystem, zu erheben. Gut so. Wie es sich fügt, müssen sich momentan die Bafin und der Finanzminister fragen lassen, warum sie nicht bemerkten, dass Wirecard ein monströses Windei war – während zwei britische Journalisten die Zahlen lasen und Alarm schlugen. Wie es sich fügt, müssen seit gestern deutsche Banken erklären, ob sie zur Geldwäsche beitrugen – nach den vielen Skandalen um Cum-Ex-Geschäfte, um Währunsgmanipulationen usw.

Es ist ja merkwürdig, dass seit der großen Finanzkrise 2008 die Serie der Skandale im Herzen des Kapitalismus nicht abreißt. Die dort oben sollten sich was schämen, könnte man sagen, und sie sollten in sich gehen und ansonsten ist es nur folgerichtig, wenn sie vor einem Richter stehen, der sie angemessen verurteilt. Die Zeit der Nachsicht mit denen, die sch als Säulen der Gesellschaft verstehen, sollte vorbei sein.

Die Zeit der Wertschätzung für die wirklich tragenden Säulen sollte nicht abreißen. Dafür gibt es gute Gründe und Nachholbedarf auch anderswo. Womit ich bei einem meiner neuesten Lieblingsthemen bin: den Polizistinnen und Polizisten.

Gestern gab es in Düsseldorf eine Querdenker-Demonstration. Einige Tausende kamen, dazu aufgerufen von einem Mann namens Michael Schele aus Hagen, einem DJ , der seit Beginn der Coronakrise nach eigenen Angaben keine Jobs bekam. Wer kam, trug keine Maske, weil er die Pandemie für eine Lüge hält, eine Erfindung von wem auch immer. 

Worauf es mir ankommt: Jeder dieser Demonstrationszüge wird von jungen Polizistinnen und Polizisten passiv begleitet, egal wie dicht beieinander die Demonstranten durch die Straßen ziehen, wie sehr sie sich über die Regierung lustig machen oder wie niederträchtig sie sich äußern und egal gegen welche Regeln sie sonst noch verstoßen. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, Spätsommerherrlichkeit, und etliche Hundert haben Dienst. Was geht ihnen da durch den Kopf?

Kann ja gut sein, dass einige dieser Polizistinnen und Polizisten klammheimlich Sympathie für die Querdenker aufbringen. Gut möglich aber auch, dass eine Mehrheit von ihnen mit den Zähnen knirscht, weil Verstöße gegen die Corona-Regeln ungeahndet bleiben.

Diese Arbeit ist der Normalfall im Leben von jungen Polizistinnen und Polizisten, egal ob im Umkreis der besetzte Häuser in der Rigaer Straße, in Auseinandersetzungen mit Hooligans in vollen Fußballstadien oder bei wild gewordenen Clan-Hochzeiten. Sie sind mitten drin, sie setzen sich ein, sie setzen Recht und Ordnung durch. Sie üben einen undankbaren Job für das Gemeinwohl aus, also für uns, und haben wenig davon, materiell wie moralisch. 

Wie wäre es mit Wertschätzung? Der Bundespräsident hat neulich damit angefangen, als er die drei Polizisten einlud, die den Reichstag gegen die Anstürmer gesichert hatten. Nachahmung empfohlen.

Ich komme darauf, weil alle Nas lang irgendjemand ultimativ fordert, den latenten Rassismus in der Polizei zu entlarven, am besten durch eine Studie, die sämtliche Vorurteile belegt, die Saskia Esken oder Bodo Ramelow hegen. Was wäre denn, wenn sie recht hätten? Was würde daraus folgen?

Sie können sich ja gar nicht wünschen, dass sie recht haben. Sie reagieren nur wortreich, weil grelle Fälle dazu einladen.

Aber dass Leute, die aus Amtsstuben heraus bösartige Mails an Anwälte und Politiker und andere Figuren des öffentlichen Lebens verschicken, nichts in der Polizei zu suchen haben, versteht sich von selber. Dass Leute, die tief in der Hitler-Zeit steckengeblieben sind, nichts in der Polizei zu suchen haben, ist ja wohl auch klar. Ob sie rechtsradikale Schläfer waren oder sich im Dienst radikalisiert haben, würde mich brennend interessieren, aber das findet man an besten anhand ihrer Fälle heraus – mit solider, wacher Polizeiarbeit.

So reflexhaft wie Linke eine Studie nach ihren Vorstellungen einklagen, so reflexhaft wehrt der Innenminister Horst Seehof sie ab. Damit ist niemandem geholfen. Ende September wird eine Studie erwartet, die der Verfassungsschutz über die Sicherheitsbehörden, vom BND über das Zollamt bis zur Polizei, ausarbeiten soll. Ich bin gespannt, ob sie zur Wahrheitsfindung beiträgt oder niemandem weh tun möchte.

Rund 250 000 Polizisten gibt es in Deutschland. Knapp ein Drittel von ihnen stammt aus Migrantenfamilien, nicht gerade wenig. Kein schlechtes Verhältnis. Sicherlich finden auch unter den Beamtinnen und Beamten Alltagsdebatten statt, was rassistisch ist und was noch geht, wann eine Grenze überschritten wird und wie sie mit rechten Kollegen umgehen sollen und wann sie einen der Ihren dem Vorgesetzten melden sollten.

Für eine Studie, die den Alltag beschreibt und die interne Konflikte behandelt, die mir erzählt, wie Demos à la Düsseldorf oder Berlin auf diejenigen in Uniform wirken, die neben den Demonstranten herlaufen und mit anhören, was dort oben auf der Tribüne an Theorien über die Gesellschaft verbreitet wird und was das mit ihnen macht – dafür würde ich mich interessieren. Denn im Normalfall formt die Arbeit die Einstellung der Arbeitenden zur Arbeit, was denn sonst.

Werden sie irre an ihrem Beruf? Zynisch? Was folgern sie für sich selber aus den Erlebnissen und was erzählen sie, wenn sie heim zu ihren Familien kommen?

Daraus würde wie von selbst eine Studie über die Einstellung der Polizisten und Polizisten zu ihrem Job und zu ihrem Land entstehen. Eine Mentalitätsstudie über ein bestimmtes Milieu innerhalb der Sicherheitsbehörden, aus der sich Konsequenzen ziehen ließen, vor allem dann, wenn sie so vorurteilsfrei wie möglich angelegt wäre.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute

Jimi

Heute vor 50 Jahren starb John Allen Hendrix, den seit Vater später in James Marshall umbenannte, ehe er einfach zu Jimi wurde. Ein furchtbar trauriges Leben, die Mutter früh an ihrem Alkoholismus gestorben, der Vater nicht viel besser. Aufwachsen in Armut und Haltlosigkeit. Die Eltern ließen sich scheiden, Jimi wurde herumgereicht, lebte bei seiner Großmutter und dann wieder beim Vater und wieder bei irgendjemanden. Als seine Mutter 1958 starb, weigerte sich sein Vater, ihn zur Beerdigung mitzunehmen. Er gab ihm Whiskey und sagte ihm, er solle gefälligst wie ein Mann mit dem Verlust umgehen. Da war Jimi 16.

Mit einer Mundharmonika begann es, da war er 4 Jahre alt. In der Schule fiel er damit auf, dass er auf einen Besen einen Gitarristen imitierte. Sein Vater dachte gar nicht daran, ihm eine Gitarre zu kaufen; wahrscheinlich hatte er dafür einfach kein Geld. Eine Sozialarbeiterin sah, was in dem Jungen vor sich ging, und bat die Schule, die einen Fonds für unterprivilegierte Kinder besaß, um Hilfe. Abgelehnt.. Im Müll fand Jimi eine Ukulele, lernte nach Gehör, spielte die Lieder von Elvis Presley. Endlich kaufte ihm sein Vater, für 5 Dollar, eine gebrauchte akustische Gitarre, auf der Jimi die Saiten verkehrt herum aufzog, er war ja Linkshänder.

Nichts an diesem Leben war auch nur entfernt leicht. Jimi Hendrix war schüchtern und mit dem Ruhm kamen die Drogen, zuerst nur Haschisch, dann LSD, dazu Alkohol und Tabletten, der ganze Höllenmix. Ihm blieben nur wenige Jahre mit Der Jimi Hendrix Experience. Er war 27 Jahre alt, als er in London starb. Er trug einen in Rotwein getränkten Schal um den Hals, hatte am Abend vieles von allem eingeworfen und erstickte an seinem Erbrochenen.

Was für ein trauriges Leben. Was für eine fabelhafte Musik.

Ich höre fast täglich „All along the watchtower“. Bob Dylan, der große Überlebende, schrieb den Text. Keiner singt ihn so vollendet, so selbstverständlich wie Jimi Hendrix, der früh Verströmte. There musst be some way outta here/Said the joker to the thief/There’s too much confusion/I can’t get no relief. Wer würde bei diesen Zeilen nicht an dieses Leben denken, an das verstörte Kind, den verstörten Sänger, den genialen Gitarristen mit dem Tremolohebel, den einzigartigen Effektkünstler. „The Star Spargeld Banner“ zersägt die amerikanische Hymne. Das war sein Kommentar zum Vietnamkrieg, das ist ein Kommentar zur Tram-Gegenwart.

Ich habe Jimi Hendrix am 16. Januar 1969 in Nürnberg gesehen, in der Messehalle, in der sonst Symphonieorchester auftraten. Wir waren zu viert gekommen, mein Freund Walter fuhr einen alten Mercedes, den er einem Begräbnisunternehmen abgekauft hatte. Wir waren früh in der Halle, wir saßen natürlich auf nummerierten Plätzen, damals saß man auch bei Rock-Konzerten. Ich war heillos aufgeregt. Jeder von uns war heillos aufgeregt. Wir sahen zu, wie die Roadies zwei Schlagzeuge aufbauten und vor jede Trommel mindestens ein Mikrophon stellten. Dann kam der winzige Mitch Mitchell auf die Bühne und setzte sich mitten in diesen Wald. Auch er war ein Autodiktat, die kongeniale Ergänzung für Hendrix am Schlagzeug. Er starb 2008 mit 61.

Noel Redding war eigentlich Gitarrist, schulte zum Bassisten um. Was wir über die drei Jahre wissen, in denen es die Jimi Hendrix Experience gab, wissen wir aus seiner Biographie „Are You Experienced“. Die Drei seien in jeder Hinsicht unerfahren gewesen und seien von Anwälten und Managern ausgenommen worden.

Als in der Messehalle Jimi Hendrix auf die Bühne kam und seine Gitarre stimmte, brach ein Höllenjubel los. Jimi schaute ins Publikum, zögerte kurz, ging vor ans Mikrophon und sagte: Wenn ihr hier seid, um herum zu schreien, dann ist das in Ordnung. Wenn ihr aber hier seid, um unsere Musik zu hören, dann schreit nicht so rum.

Sehr seltsam. Brav wie wir waren, verstummte der Lärm. Sie begannen mit „Hey Joe“, natürlich, darauf „Purple Haze“ und die wunderbaren Lied für seine verflossene Liebe Kathy Etchingham: „The Wind Cries Mary“ und „Fox Lady“.

Wir wussten nichts von der Melancholie, vom unglücklichen Bewusstsein, vom trostlosen Leben, von der Selbstzerstörung, von Drogen und Alkohol und Tabletten. Wir hörten die Musik, wir lebten in der Popkultur, sie prägte uns. Jimi Hendrix und Janis Joplin, Brian Jones und Janis Joplin waren plötzlich tot, irrwitzigerweise jeder von ihnen 27 Jahre alt. Was passierte da? Was war in ihrem Leben los? Warum pumpten sie sich voll?

Wir fanden keine Antworten. Es war einfach so. Ihre Musik war wichtig für uns. Ihr Tod fast ein Verrat an uns. Egal. Unser Leben ging weiter

Hannah und ER

Am Sonntag war ich in der Hannah-Arendt-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Pädagogisch sehr wertvoll ist ihr Leben in die Wirklichkeit eingebettet. Zu den Exponaten rund um den Eichmann-Prozess, über den sie im „New Yorker“ schrieb und dabei den Terminus „Banalität des Bösen“ prägte, womit sie etliche alte Freundschaften aufs Äußerste strapazierte, vor allem zu Gershom Scholem, taucht „Der Stellvertreter“ auf, mit dem Rolf Hochhuth Furore 1963 machte. Hannah Arendt sah den gleichen Reflex in der Rezeption am Werk: die ideologische Ablenkung von der Sache, um die es recht eigentlich geht.

Aus dem zurecht berühmten Interview mit Günter Gaus, einer Sternstunde des Journalismus, läuft jene Passage in Endlosschleife, in der Hannah Arendt erzählt, wie sie in New York 1943 zum ersten Mal vom industriellen Mord an den Juden in den Vernichtungslagern erfährt. Was dort geschehen war, lag jenseits ihres Vorstellungsvermögen, auch wenn sie völlig illusionslos war, was den Charakter der Menschen und den Verlauf der Geschichte anbelangte.

Wir erfahren von ihrer Skepsis gegenüber der deutschen Studentenbewegung, die sie für unpolitisch hielt. Manch einer der altgewordenen 68er-Zauseln wird nicht amüsiert sein. Damals phantasierten sie über die sozialistische Revolution und ignorierten die real existierende DDR. Ernst nahm Hannah Arendt die französische Bewegung, mit der sich phasenweise die Arbeiterschaft soldarisierte. Auch die amerikanische Bewegung imponierte ihr, die sich am Vietnamkrieg entzündete.

Die Ausstellung geht nicht chronologisch vor, das ist gut so. Sie setzt 16 thematische Schwerpunkt, vom Antisemitismus über den Kolonialismus und en Nationalsozialismus bis zum Stalinismus. Dabei wird überwältigend erhellt, wie eigensinnig diese wunderbare Frau war, wie unerschrocken. Zu den schönsten Texten gehört der über das Urteilen, eine Aufforderung an uns, selber zu denken, auch eine Zumutung, denn aus welchem Grund sollten wir uns der Anstrengung unterziehen, die Sachverhalte vor den Gerichtshof unserer eigenen Vernunft zu ziehen? Weil erst die Reflexion uns zu verantwortlichen Zeitgenossen macht, war ihre Kantsche Antwort.

Uns begegnet Hannah Arendt als ultimative public intellectual, tief eingegraben in die Auseinandersetzungen der Zeit. Das war sie auch, aber nicht nur. Sie war das intellektuell früh reife Kind, das wie selbstverständlich Kant und Hegel las. Als junge Studentin spazierte sie selbstsicher und wissbegierig im Bannkreis der Philosophie herum. Und dann begegnete sie Martin Heidegger, der ein junger, charismatischer Professor war und Vorlesung ohne Notizen, geschweige denn ausgeschriebene Manuskripte, absolvierte und die Studenten faszinierte. Den „heimlichen König der Philosophie“ nannten sie ihn in Marburg, seiner ersten Station als Professor der Philosophie. Manchmal kam er in Skikluft in die Vorlesung, im Sommer trug er Lodenanzug und Kniebundhosen, die Studenten nennen ihn den „existentiellen Anzug“. Ein Ereignis. Ein Phänomen. Ein Bruch mit der herrschenden Philosophie und der akademischen Rolle des Philosophen.

Hannah Arendt schreibt über den Ruf, der Heidegger vorauseilt: „Das Gerücht sagt es ganz einfach: Das Denken ist wieder lebendig geworden, die totgeglaubten Bildungsschätze der Vergangenheit werden zum Sprechen gebracht, wobei sich herausstellt, dass sie ganz andere Dinge hervorbringen, als man misstrauisch vermutet hat. Es gibt einen Lehrer; man kann vielleicht das Denken lernen. Dies Denken, das als Leidenschaft aus dem einfachen Faktum des In-die-Welt-Geborenseins aufsteigt und so wenig einen Endzweck haben kann, wie das Leben.“

In Marburg tauchte diese junge Frau mit ihrem Bubikopf in modischer Kleidung auf und erregte Aufsehen. Wegen ihres grünen Kleides hieß sie bei den Studenten „die Grüne“. Ein Freund erzählt, wie in der Mensa an ihrem Tisch das Gespräch verstummte, sobald sie das Wort ergriff. Auch sie war ein Ereignis. Eine Phänomen.

Von ihrem Verhältnis zu Martin Heidegger wussten nicht einmal ihre besten Freunde, zu denen bald Benno von Wiese und Hans Jonas gehörten. Es muss eine große Liebe gewesen sein, für beide. So groß wie die Liebe auch war, so einseitig bestimmt blieb sie. Martin Heidegger legte die Grundbedingung: Heimlichkeit. Er nahm Hannah ernst, weil sie sein Denken verstand und selber dachte. Er bekannte, dass er ohne sie „Sein und Zeit“ nicht hätte schreiben können. Sie blieben einander tief verbunden, weit über ihre Affäre hinaus. Hannah beendete die heimliche Liaison, als sie zu Karl Jaspers nach Heidelberg wechselte, der ihr zuerst ein Mentor und später ein Freund war.

In Hannah Arendts Abkehr von der Philosophie und im Übergang zur politischen Theorie sah Martin Heidegger einen Verrat. „Er wird Hannah Arendts Bücher nicht lesen oder doch nur sehr flüchtig, und was er da liest, das wird ihn kränken,“ schreibt Rüdiger Safranski in seinem Buch „Ein Meister aus Deutschland“.

Was ihr Heidegger und was sie ihm war, kommt in der Ausstellung nicht vor. Darin liegt ein entscheidender Mangel. Als sie 1949 nach Deutschland kam, traf sie auch Heidegger und wartete auf ein Wort der Selbstkritik oder doch nur eine klärende Andeutung über sein Leben im Nationalsozialismus, über seine Irrtümer, über seine Philosophie. Den Zusammenhang seines Denkens mit dieser Zeit meißelte sie heraus: „Hannah Arendt“, schreibt Safranski, habe die These entwickelt, „dass in der deutschen Version des Existentialismus, beginnend bei Schelling über Nietzsche bis hin zu Heidegger, die Tendenz immer stärker geworden sei, das vereinzelte menschliche Wesen als einen Ort der Wahrheit dem unwahren gesellschaftlichen Ganzen gegenüberzustellen.“ Für sie habe sich die Frage gestellt: „Wie sollte sie Heidegger, den sie politisch unter die Verfolger rechnen musste, eine Treue bewahren, ohne die Übereinstimmung mit sich selbst aufzugeben?“

Gute Frage. Sie ließ sich nicht theoretisch lösen, nicht philosophisch. Sie blieb ein fundamentaler Widerspruch. Ich habe mir gedacht, sie hat vor diesem Problem kapituliert. Die Behelfslösung bestand in der Unterscheidung des Privaten vom Politischen. Die Kapitulation fand im Privaten statt.

Heidegger war einer der Deutschen, von denen Hannah Arendt bei ihrem Aufenthalt 1949 sagte, dass sie das Vergangene vergangen sein lassen wollen. Mit seinem reuelosen Schweigen war er der ultimative Repräsentant der Nachkriegszeit. Er hätte bestens in die Themensetzung gepasst, die der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zugrunde liegt.

Ohne ihr widerspruchsreiches Verhältnis zu Heidegger ist Hannah Arendt nicht zu verstehen. Deshalb entbehrt die Ausstellung der Tiefenschärfe, die ihr Denken und ihre Existenz auszeichnet.

Moira und wir

Anfang August besuchte Armin Laschet das Lager Moria. Hinterher sagte er viel Richtiges: Die Flüchtlinge lebten in einer „Situation der Perspektivlosigkeit“, er sprach von einem „Aufschrei der Verzweifelten“, er sagte, Europa dürfe die griechische Regierung nicht allein lassen und der Umstand, dass die EU-Ratspräsidentschaft momentan bei Deutschland liege, biete Hoffnung auf „eine dauerhafte Lösung“ für die Geflüchteten.

Als Laschet von seinem Aufenthalt in Moira erzählte, erntete er kaum mehr als höfliche Aufmerksamkeit. Moira war fern, Moira war uninteressant. Das hat sich vier Wochen später schlagartig geändert.

Auf einer ehemaligen Militäranlage entstand im Oktober 2015 auf Lesbos ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, das rasch zum größten europäischen Flüchtlingslager heranwuchs. Um das eigentliche Camp zogen Migranten Zelte und provisorische Behausungen hoch. Schlägereien, Messerstechereien zwischen Migranten aus unterschiedlichen Ländern gehören dort zum Alltag.

14 000 Menschen leben auf engem Raum unter erbärmlichen Verhältnissen. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, was aus ihnen wird, ein Tag ist wie jeder andere, ohne Aussicht auf Veränderung, jeder ist sich selbst der Nächste, Hilflosigkeit und Wut und Zorn und Gewalt gehören zum Alltag. Dass sie auf die Idee kamen (oder gebracht wurden), ihr Lager in Flammen aufgehen zu lassen, damit Europa dort draußen sich ihrer erinnert, ist verständlich.

Europa erinnert sich jetzt. Europa muss sich um Moira kümmern. Möglichst vernünftig. Möglichst umsichtig. Das ist das Schwerste überhaupt, weil so viele Interessen dagegen stehen.

Ende September wird die Europäische Union über die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln beraten. Ohne Deutschland geht nichts, da hat Armin Laschet recht. Mit Deutschland geht mehr, aber auch nicht viel. Verbindliche Regeln für eine Verteilung der Flüchtlinge wären ein echter Fortschritt, aber allenfalls 10 von 27 könnten sich darauf einlassen. Der Einfluss Deutschlands ist in diesem Fall nicht besonders groß.

Zu den unangenehmen Einsichten in diesen Tagen gehört es, dass Europa eben nur bedingt eine Wertegemeinschaft bildet. Sie ist grundsätzlich eine Wirtschafts- und Währungsunion, also eine Interessenallianz. Interessen können genauso trennen, wie sie verbinden. Spätestens seit 2015 treibt die EU auseinander. Im Umgang mit den Flüchtlingen ist an die Überwindung der Gegensätze gar nicht zu denken, nicht einmal zwischen Deutschland und Österreich.

Zu den klügsten Menschen, die sich mit Migration und ihren Folgen beschäftigen, gehört Gerald Knaus. Er ist Österreicher, hat den Think Tank „European Stabilität Initiative“ gegründet, lebte in der Ukraine, in Bosnien und im Kosovo. Ein erfahrener Mann, urteilskräftig und klarsichtig. Er sagt, Angela Merkel habe vor fünf Jahren „Europas Ehre und Seele gerettet“, aber um einen Preis, dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in Europa, besonders im Osten – den Feinden Europas. Sie seien besonders radikal dort, wo es nur eine Hundertschaft Flüchtlinge gebe, zum Beispiel in Ungarn.

Knaus ist alles andere als ein Romantiker. Auf ihn geht das Tauschgeschäft Milliarden gegen geschlossene Grenzen zwischen der EU und der Türkei vom 18. März 2016 zurück. Heute schlägt  er eine Erneuerung des Abkommens vor, um die humanitäre Krise auf den griechischen Inseln zu beenden.

Ob sie will oder nicht, muss die Europäische Union aufs Neue mit der Türkei verhandeln. Präsident Erdogan hat schon einmal die Grenzen aufgemacht, damit Europa nicht vergisst, auf wen es hier ankommt und man muss ihm jederzeit zutrauen, dass er einen neuen Grund zur Erpressung findet, zum Beispiel um Griechenland in Schwierigkeiten zu stürzen, mit dem er im Konflikt um die Ausbeutung der Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer liegt. Da ist es nur eine Frage der Zeit, wann er wieder Tausende Flüchtlinge losschickt. Verlässlich an ihm ist allein die absolute Unberechenbarkeit.

Auf Moira werden jetzt neue Unterkünfte gebaut. Immerhin. Am menschlichen Elend ändert das wenig. Vermutlich werden sich nach einigem Zögern ein paar willige EU-Länder finden, die einen Gutteil der 12 000 Menschen aufnehmen. Immerhin.

Gerald Knaus sagt dazu, es gebe kein Recht auf Migration, das nicht, aber es gebe den Respekt vor dem humanitären Grundsatz, Menschen nicht in die Gefahr zu stoßen. Darauf sollte sich Europa einigen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute

Aus dem Archiv: Das Gesetz der Serie

Von Gerhard Spörl

Raus mit dem Alten – her mit dem Gegenteil: Nach diesem Credo wählen die US-Bürger seit Generationen ihren Präsidenten. Ein Vorteil für Donald Trump. Und ein riesiges Problem für Hillary Clinton.

Dieser Artikel erschien am 28.05.2016 um 07.43 Uhr auf SPIEGELOnline.

Zu den Abendeinladungsgesprächen in diesen Tagen gehört die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass ein Mann wie Donald Trump zu einem ernsthaften Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufsteigt. Die Antwort ist oft genug schlichter Anti-Amerikanismus. Das hilft immer, man kann dann noch einmal die Enttäuschung über Barack Obama beklagen und an den Vietnamkrieg erinnern. Wenn der Abend fortgeschritten und die fünfte Rotweinflasche geleert ist, landet die Runde unweigerlich bei den Massakern an den Indianern.

Was mir persönlich mehr zu schaffen macht, ist das Gesetz der Serie in den amerikanischen Wahlen. Es besagt, dass gerne das Gegenteil des Amtsinhabers gewählt wird.

Das Gegenteil von Richard Nixon und dessen Vizepräsident Gerald Ford war Jimmy Carter, der fromme und unerfahrene und wohlmeinende Mann aus Georgia.

Das Gegenteil von Jimmy Carter war Ronald Reagan, schon erfahren, mit lässiger Arbeitsauffassung ausgestattet, mit großer Intuition und der Neigung, bedenkenlosen Beratern freien Lauf zu lassen.

Das Gegenteil von Reagan und dessen Vize George Herbert Walker Bush war Bill Clinton, der junge Mann aus einfachen Verhältnissen in Arkansas, eine riesige politische Begabung mit erstaunlichen Charakterschwächen.

Das Gegenteil vom jeweiligen Amtsinhaber ist der neue Präsident

Das Gegenteil von Bill Clinton und dessen Vize Al Gore war George W. Bush, nicht besonders helle, nicht besonders ambitioniert, dem 9/11 widerfuhr und zu jeder Menge Fehlentscheidungen antrieb, die Amerikas Ruf weltweit untergruben.

Das Gegenteil von George W. Bush und John McCain war Barack Obama, jung und klug und idealistisch gesonnen und mit großem Ehrgeiz, den Fluch zu brechen, der über Amerika lag, weil Republikaner und Demokraten sich gegenseitig lähmten und so das politische System dysfunktional wurde. Wäre er weiß, hätte er mehr erreicht. Da er schwarz ist, radikalisierte sich die weiße Gegenwelt.

Das Gegenteil von Barack Obama ist Donald Trump, der Mann, der Ignoranz für eine Tugend hält, das Produkt des dysfunktionalen Systems, bei dem sich die Republikaner selbst zerstörten, der Mann ohne Scham und mit sadistischer Neigung, Gegner zu zerstören. Womit wir bei Hillary Clinton wären, die auf ihre Weise eine Verlängerung der Ära Obama wäre und also, nach dem Gesetz der Serie, nicht gewählt werden wird.

Für sie wäre es einfacher, das Gesetz der Serie zu brechen, wenn sie nicht Hillary Clinton wäre und die Schwäche der Clintons noch steigern würde: die Neigung zu glauben, dass Regeln und sogar auch mal Gesetze für andere gelten, nicht unbedingt für sie; die Neigung, die verfolgte Unschuld zu spielen.

Hillary Clintons Chancen im November stünden besser, wenn sie sich als die erfahrene und redliche und empathische Alternative zum dümmlichen und politisch gefährlichen Donald Trump darstellen könnte. Das kann sie aber nicht. Erfahren ist sie, doch sie wird zum Beispiel die E-Mail-Geschichte als Außenministerin nicht los, weil sie einen privaten Account zu Amtszwecken nutzte, und diesen Umstand zuerst leugnete und dann mühsam zugab, allerdings nicht den untersuchenden Instanzen Rede und Antwort stand. Typisch Hillary, sagen sie in Amerika resigniert, so verhält sie sich immer, so ist sie. Deshalb gelingt es ihr nicht, auch nur annähernd so viel Enthusiasmus auszulösen wie Obama vor acht Jahren.

Kürzlich stand in der „New York Times“, dass 67 Prozent aller Amerikaner weder Trump noch Clinton für ehrliche Menschen halten. Trump kann das, wie die Dinge liegen, egal sein. Für Clinton bedeutet diese Einschätzung eine Katastrophe. Für sie ist die Zahl auch ein Hinweis darauf, dass 2017 wieder das Gesetz der Serie gelten kann.

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Aus dem Archiv: Dramen, Kriege, magische Momente

Dank Michael Jordan und Co. wurde unser Autor Gerhard Spörl zum Basketball-Fanatiker. Mittlerweile ist er aus den USA zurück in der Diaspora Deutschland. Okay, dann eben runterkommen von dem Trip, dachte er – jetzt stellt er fest: „Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach.

Vor ein paar Tagen machte mich ein Freund aus Amerika auf einen Artikel aufmerksam, der sich um Gilbert Arenas drehte, den Guard der Washington Wizards, der verdammt gut und leider auch verdammt unbeständig spielt. Die „Washington Post“ hatte sich mit seiner Herkunft und seiner Mentalität beschäftigt und daraus eine zweiteilige Serie gemacht. Ich habe ihn oft spielen sehen, er kam von den Golden State Warriors aus Kalifornien. Michael Jordan war gerade davon gejagt worden, es wäre natürlich apart gewesen zu sehen, wie dieser alt gewordene Wunderspieler mit dem Riesentalent zurecht gekommen wäre. Na ja, wahrscheinlich konnte Arenas nichts Besseres passieren, als dass um ihn herum ein neues Team geformt werden musste. Mit ihm begann die Nach-Jordan-Ära, wird die „Washington Post“ irgendwann einmal schreiben. Bis hier und heute ist es noch keine Ära, aber ein Anfang.

Arenas fiel mir auf, weil er die Nummer 0 trägt. Wer jung ist und hoch hinaus will, trägt die 23, die Michael Jordan zur heiligen Zahl erhob und die Clevelands Superstar LeBron James für sich auswählte, ein Zeichen seines unfassbaren Selbstbewusstseins, eigentlich ein Sakrileg. Wer Miamis derzeit verletzten Center Shaquille O’Neal (2,16 Meter groß und fast 148 Kilogramm schwer; die Red.)nacheifern möchte, nimmt die 34, aber wer sieht schon so aus wie „Shaq“? Oder er greift sich die 8, die die Nummer des Lakers-Topscorers Kobe Bryant ist. Aber die 0? Was soll uns das sagen? Da wir allesamt Freudianer sind, ahnen wir schon, worauf das hinausläuft: Da hält einer nicht viel von sich. Und wir ahnen auch schon den Gegen-Satz: Da hält einer viel von sich. Zero reimt sich auf Hero.

Arenas ist 24, die ersten dreieinhalb Jahre lebte er in einem Crack-Haus in Miami bei seiner Mutter. So trostlos, wie die Wirklichkeit für den kleinen Jungen gewesen sein dürfte, kann sich das Unsereiner gar nicht vorstellen. Dann hatte irgendjemand ein Einsehen, rief den Vater an, der sich davon gemacht hatte und wenigstens Ansätze von Lebenstauglichkeit aufwies, und der kam vorbei, packte den Kleinen samt seiner kümmerlichen Habe – drei Kleidungsstücke, ohne Unterwäsche – und fuhr davon. Das gehörte zum Besten, was Gilbert widerfahren konnte.

From Zero to Hero

Der Vater wollte Schauspieler sein, bemühte sich immerhin darum und damit um ein Mindestmaß an Bürgerlichkeit. Die beiden zogen später nach Los Angeles, Gilbert senior bekam eine Sprechrolle in „Miami Vice“, drehte ein paar Werbefilmchen, schlug sich durchs Leben und verschaffte seinem Sohn eine einigermaßen solide Schulbildung. Dann das Übliche: Stipendium an einer Universität, Profivertrag bei den Warriors, und nun die Wizards: ein Vertrag für sechs Jahre über 65 Millionen Dollar. Ferrari. Haus in Virginia. Tochter von der Freundin, der er ein Haus samt Wagen etc. in der Nähe finanziert.

Nähe, das ist das Problem des Menschen Arenas. Er traut nur sich, er vertraut keinem anderen. Er hat Angst, wieder aufgegeben zu werden. From Zero to Hero: Das ist sein Straßenname im Südosten Washingtons, dort, wo er im Sommer Straßenbasketball spielt, wo er Schulen großzügig unterstützt. Eine Schule hat er sich ausgesucht, die bekommt pro Punkt 100 Dollar. Das Spiel gegen die Lakers, das 147:141 endete und in dem Arenas 60 Punkte warf (NBA-Saisonrekord; die Red.), brachte dieser Schule 6000 Dollar ein.

Seine Mutter tauchte vor dreieinhalb Jahren bei einem Spiel der Golden State Warriors in Miami auf. Nach 18 Jahren. Er ließ sich ihre Telefonnummer geben, er versprach zögernd, mal anzurufen. Das hat er bis heute verschoben. Alleingelassene Buben verzeihen nur schwer, wenn überhaupt. Die Geschichte, die die „Washington Post“ aus dem Leben des Gilbert Arenas erzählt hat, ist nicht besonders traurig, es gibt viel schlimmere, die Basketball-Courts der NBA sind gepflastert mit Biographien, die von Zero to Hero gehen, und manchmal gehen sie auch zurück zu Zero. Einen Augenblick lang aber ist es eine Geschichte, die nur in Amerika gelebt und geschrieben werden kann.

Ich lese solche Geschichten immer wieder mit wehmütiger Andacht. Sie sind prall des Lebens, das die Schwarzen erleiden, sie sind erfüllt mit dem Traum, den Amerika lebt und Wirklichkeit werden lässt. Sie sind mir fremd, spielen sich in einer anderen Welt ab, auf einem anderen Planeten. Auf unserem Planeten kommen Arenas und die anderen erst an, wenn sie diese furchtbaren Eltern, diese schrecklichen Sozialbauten, das Crack, das Heroin, die toten Freunde, gestorben an einer Kugel, an einer Überdosis oder an Aids, hinter sich gelassen haben. Räumlich. Denn ihre Vergangenheit schleppen sie, wir Freudianer wissen das, mit sich herum, auf dem Court wie im Leben.

Grundtrauer schwingt immer mit

Ich habe die Bücher verschlungen, die die Basketball-Legenden Larry Bird oder Earvin „Magic“ Johnson schreiben ließen, ich liebe Basketballfilme, ich nehme Anteil an diesem verzweifelten Versuch Isiah Thomas‘, aus den New York Knicks ein Team zu schmieden. Basketball ist ein faszinierendes Spiel, gespielt von Menschen, die ich nie treffen würde, wenn sie nicht Basketball spielen würden. Menschendramen. Magische Momente. Kriege. Das kannst du alles haben, wenn du dich auf der Tribüne niederlässt, nach Erklingen der amerikanischen Nationalhymne, und diese sagenhaft gewandten Riesenkörper aufeinander losgehen und der Ball (wieder der alte, der aus Leder!) durch den Korb schmatzt.

Morgendlich schleiche ich, draußen ist es dunkel, an den Computer und rufe die Website der NBA auf. Wenn ich Glück habe, spielen sie in Kalifornien gerade noch. Ich habe gedacht, das ist Spinnerei, das lässt nach. Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach. Grundtrauer schwingt immer mit in meinem morgendlichen Gemüt. Spät-Obsession. Hochgradig neurotisch. Völlig in Ordnung. Oder willst du nicht dabei sein, wenn Allen Iverson, vormals bei den Philadelphia 76ers, in Denver aufschlägt? Wenn Carmelo Anthony, Iversons künftiger Teamkollege bei den Nuggets, im Madison Square Garden so lange auf ein paar Knicks eindrischt, bis er 15 Spiele gesperrt ist? Wenn Yao Ming, Center der Houston Rockets, endlich so spielt, wie wir immer dachten, dass er spielen kann?

Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Basketball zur Ersatzreligion werden kann, wenn einen der Fußballgott in jungen Jahren verschmäht. 

Ich habe in meinem früheren Leben auch Basketball gespielt, doch in Wahrheit bin ich auf einem Fußballplatz aufgewachsen, auf dem Platz des SV Viktoria am Saaledurchstich in Hof. Wir wohnten um die Ecke, Lessingstraße 16, zwei Minuten, wenn man ging. Ich ging nie. Ich rannte. Ich war klein, schnell, beidfüßig, vielfach einsetzbar. Das musste ich sein, denn die anderen waren alle älter, größer, aber nicht besser. Mit der Schule habe ich mich sofort ausgesöhnt, denn sie – ein Holzbau für die ersten beiden Klassen der Grundschule – stand genau auf diesem Fußballplatz. Unsere Helden spielten für FC Bayern Hof, wir identifizierten uns nicht nur mit ihnen, wir waren sie, wir gaben uns ihre Namen, ich war Bachmann, die Nummer 10. An jedem Montag gratulierten wir den Torschützen vom Vortag oder beschimpften ihn, wenn er Bockmist gespielt hatte. Magisches Denken. In effigie.

Damals in den fünfziger Jahren begannen wir mit zehn, in einer Schülermannschaft zu spielen. Wir waren gut, ich war jetzt beim ESV Hof, dem Eisenbahnersportverein am Schollenteich, wir waren umgezogen. Ausrangierte Eisenbahnwaggons dienten uns als Umkleidekabinen. Wir hatten einen Rasenplatz, wir hatten Zuschauer, wir waren sehr gut, ich trug jetzt die Nummer 11, weil ich beidfüßig war, aber wir wirbelten ohnehin durch die Positionen.

Oh Gott, waren wir aufgeregt

Und dann kam dieser Sommertag im Jahr 1962, der größte Tag in meinem kleinen Leben. Wahnsinns-Aufregung. Wir fuhren in einem Bus nach Bayreuth, hinter uns die Kolonne der Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels und sonstigen Anhänger, wir fuhren zum entscheidenden Spiel gegen die SpVgg Bayreuth, wir spielten um die Oberfränkische Meisterschaft. Wir waren ein kleiner Verein, wir waren die Außenseiter, nie zuvor hatte es eine Schülermannschaft des ESV Hof so weit gebracht. Oh Gott, waren wir aufgeregt.

Wir bestritten das Vorspiel zum Länderpokal-Endspiel Bayern gegen Hessen, wobei im Tor der Bayern eine 18-jährige Nachwuchskraft namens Sepp Maier stand. Wir spielten am Ende vor 10.000 Zuschauern. Ein metaphysisches Erlebnis. Unvergesslich für ein langes Leben. Ungerecht wie das Leben. In der dritten Minute breche ich durch, werde am Elf-Meter-Punkt umgesäbelt. Was gibt es? Nein, eben nicht. Freistoß, zurückverlegt an die Strafraumkante. Kein Tor. Dann wird unser Torwart gefoult: Gehirnerschütterung. Keine Auswechslung, damals. Wir verlieren 1:7. Alle, die da waren, wissen, es war Betrug, himmelschreiende Ungerechtigkeit, grundstürzender Verlust allen Glaubens an den Fußballgott. Trauer. Depression. Tränen ohne Ende. Ich war zwölf.

Der Form halber soll gesagt sein, dass wir das Rückspiel 4:2 gewannen. Mit einem Schiedsrichter. Mit einem Fußballgott, der sich auf seine Pflicht besann. Die Welt war halbwegs wieder eingerenkt. Halbwegs. Diese Gefühlswucht, diese Tiefenschärfe gab mir der Fußball bis zur Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Das Spiel gegen England. Das Spiel gegen Italien. Overath! Weber! Titanische Kämpfe in dünner Luft. Ein bisschen was davon brachte mir der Basketball zurück. Die Intensität. Die fast absurde Diskrepanz zwischen überquellender Körperlichkeit und graziler Gewandtheit. Die Intensität. Michael Jordan. Ich leide mit, ich ertrage es nicht, ich bin gebannt.

Seitdem ich wieder in Deutschland lebe, habe ich mich mit dem Fußball versöhnt. Das hat der FC Arsenal gebracht, dieses rasante Passspiel, diese Intelligenz, der Bewegungskünstler Thierry Henry, der manchmal wunderbare Cesc Fabregas. Und gewiss doch hat das Gemüt im Sommer der Weltmeisterschaft mitgeschwungen. Und wie Oliver Kahn vor dem Elfmeterschießen Jens Lehmann die Pranke drückt: groß, sehr groß. Und wie klein jetzt wieder, wenn Kahn erzählt, mit ihm wäre Deutschland Weltmeister geworden. Ich mochte Kahn nie. Ich bin für Lehmann. Kahn ist gestern: Für ihn ist der Tormann der Mann auf der Linie und im Strafraum. Lehmann ist heute. Das peitschende Tempo Arsenals beginnt mit ihm, wenn er den Ball schnell abwirft oder abschlägt. Der kommt nämlich an, dort, wo er hin soll, fast immer.

Meinem Sohn Jonathan, da war er 24, hatte ich eine Karte fürs WM-Halbfinale gegen Italien geschenkt, ich wäre mit ihm hingefahren, konnte aber nicht. Er rief nach der Verlängerung an, ich war nach all der Anspannung und Begeisterung gleich wieder cool und sagte ihm sehr klug, sehr weise, sehr blöde, dass die Deutschen in der zweiten Halbzeit den Sieg verdient gehabt hätten, die Italiener aber eben in der Verlängerung die bessere Mannschaft gewesen sei.

Es war so richtig, es war so unnütz.

Schweigen am anderen Ende. Er hatte mitgefiebert, mitgelitten, mitgeschwungen. Er war ganz da, ihm stand das Spiel noch vor Augen und im Herzen. Existentiell, freudianisch, ganz Gemüt. Er war Trauer und zweifelte an Gott, der Gerechtigkeit, dem Sinn des Lebens.

Er war wie ich früher.

Ich glaube, ich habe mich geschämt.

Veröffentlicht am 22.12.2006 auf SpiegelOnline

Es muss wehtun, aber wie?

Wenn jemand einen anderen Mensch ermorden will, wird er vor Gericht gestellt und verurteilt. So geht es im richtigen Leben zu. Wenn der russische Geheimdienst in London oder im Tiergarten zuschlägt oder wenn er Alexey Nawalny vergiftet, ist es schon schwieriger, die Täter vor Gericht zu ziehen und deren Auftraggeber anzuklagen, selbst wenn es eine lückenlose Beweiskette geben sollte. Was macht man dann?

Man prüft seine Optionen. Man sucht sich Verbündete fürs politische Vorgehen. Man schaut sich nach Präzedenzfällen um. Man versucht, aus moralischer Empörung Politik zu machen. Allerdings ist das praktische Vorgehen ziemlich schwierig. Als Maßstab dient: Es muss wehtun, Wladimir Putin soll sich besinnen müssen. Zugleich verbieten sich Illusionen, wie wir wissen, gerade im Umgang mit Russland.

Es ist aber einfach zu viel passiert, um den Giftanschlag zu ignorieren. Die Erklärungen, die jedes Mal aus Moskau zu hören sind, sind zu banal, um sich damit zufrieden zu geben. Mich persönlich macht immer noch fassungslos, dass eine Soldateska von Putins Gnaden ein Passagierflugzeug über der Ostukraine abschossen. Das war am 17. Juli 2014, knapp 300 Menschen starben, darunter 80 Kinder.

Dazu Syrien. Libyen. Die Annexion der Krim. Der Kleinkrieg in der Ostukraine. Die Cyberangriffe. Die bevorzugte Behandlung für Rechtsextreme. In Belarus ziehen Panzer auf. Ohne Rückendeckung unternimmt Alexander Lukaschenko nichts mehr. Putin nutzt jede Gelegenheit, um seine destruktive Kraft zu entfalten. Was man in Berlin oder London oder Paris davon hält, ist ihm egal. Wenn es sein muss, schickt er seinen Außenminister Sergey Lawrow vor, den Zen-Meister des Zynismus, der unterhaltsam wäre, wenn er nicht rechtfertigen würde, was er nicht rechtfertigen kann.

Alexey Nawalny ist ein mutiger Mann. Oft genug landete er im Gefängnis. Err lässt sich nicht einschüchtern. Vielleicht hat er gedacht, seine Prominenz schützt ihn. Seit Tagen liegt er im Koma in der Charité.

Was sind die Optionen? In einem Interview mit „Bild am Sonntag“ hat der deutsche Außenminister Heiko Maas vorsichtig den Horizont abgeschritten.  Wenn schon Sanktionen gegen Täter und Urheber, dann nicht alllein von Deutschland, sondern als europäische Initiative, sagt er. Der versuchte Mord an Nawalny verstößt ja auch gegen die internationale Ordnung, die  in der Charta der Vereinten Nationen oder der OSZE niedergelegt ist. 

Dazu gibt es Nordstream 2, die so gut wie fertige neue Pipeline, auf dem Grund der Ostsee in zwei Strängen verlegt, 1230 Kilometer lang. 55 Milliarden Kubikmeter Gas sollen direkt nach Deutschland fließen und in Lubmin bei Greifswald ankommen. Ab Januar 2021 kann es losgehen. Könnte.

Der Bau begann im Jahr 2011. Die Krim war noch nicht besetzt, der Arabische Frühling stand aus, der Krieg in Syrien stand im Anfang. Erst unter dem Einfluss der Weltpolitik wurde Nordstream 2 zum Politikum, vor allem für die  USA. Sie droht Deutschland mit Sanktionen, falls die letzten paar Kilometer der Pipeline fertig gestellt werden sollten. Besonders Donald Trump findet verächtliche Worte dafür, dass sich Deutschland einerseits von Russlands Öl und Gas abhängig macht und andererseits vor Russland militärisch geschützt werden will.

Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. Jetzt schon bezieht Deutschland 51 Prozent seiner Energieversorgung aus Russland. Durch Nordstream 2 wird das nicht weniger, versteht sich. Was tun?

Norbert Röttgen, der CDU-Kandidat für die Kanzlerschaft, verlangt danach, dass die Regierung Merkel Nordstream 2 stoppt. Manfred Weber, der CSU-Europapolitiker meint das Gleiche, formuliert im „Spiegel“-Interview nur vorsichtiger: „Das Ende von Nordstream 2 darf nicht mehr ausgeschlossen werden.“

Der Hang zu radikalen Konsequenzen wächst mit der Entfernung zur Regierung. So ist das nun einmal. Röttgen wie Weber könnten ihr Argument schärfen, indem sie sagen, Deutschland müsse grundsätzlich über seine Energieversorgung nachdenken, weil wir uns in die Abhängigkeit von Russland begeben haben. Machen sie nicht und das spricht gegen sie.

Dummerweise ist die Welt voller unerfreulicher Staats- und Regierungschefs, die leider auch noch unübersehbar sind. Der Umgang mit ihnen ist ebenso unerfreulich wie nötig. China: betreibt rücksichtslose Machtpolitik im südchinesischen Meer und gegenüber Hongkong. Saudi-Arabien: unterdrückt Frauen, führt Krieg im Jemen, tötet einen Journalisten in seiner Botschaft. USA: Trump. Russland: Putin.

Sie machen, was sie wollen, scheren sich nicht um den Aufschrei im Westen. Sie sind entweder groß oder wichtig oder beides und wir können ihnen nichts anhaben. Und mittelgroße Länder wie Deutschland müssen mit ihnen zurecht kommen, ob es will oder nicht.

Die Welt ist, wie sie ist. Moralische Empörung ist nur zu verständlich. Die Gründe für den Wunsch nach Bestrafung nehmen mit der Zahl der Fälle nicht ab, sondern zu. Die Rückwirkung auf den Pragmatismus als Normalfall des Regierungshandelns ist nicht zu übersehen: Ihn bringt der herrschende Zynismus um sein ideelles Fundament.

Wie die Dinge stehen, verbieten sich Illusionen. Maximalismus ist ein frommer Wunsch. Oft geht nicht mehr als Minimalismus, so trostlos das auch bleibt. Deshalb ist es nur folgerichtig,  dass Heiko Maas lieber über europäische Sanktionen redet als über das Ende für Nordstream 2. Deutschland steckt im Dilemma: Hier Amerika mit wüsten Drohungen, dort Russland mit seinen gewaltigen Reserven. Was macht man dann?

Zeit gewinnen. Wenn es gut geht, ist Donald Trump ab 3. November nicht mehr Präsident, wird die Pipeline zu Ende gebaut. Putin ist da und bleibt da. Die Europäische Union sollte Sanktionen gegen Täter wie Urheber des Anschlags auf Alexey Nawalny verhängen. Das ist das Mindeste, weil mehr nicht geht, wie schade.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern

Sie sind unter uns, sie bleiben unter uns

Aus zwei Perspektiven kann man die wilde Ansammlung von Menschen betrachten, die gegen Corona und die Regierung auf die Straße gehen. Die zahlenmäßige: Es ist ja nur ein versprengtes Häufchen von Spinnern, die nicht ins Gewicht fallen, weil die übergroße Mehrheit der Deutschen die staatlichen Einschränkungen akzeptiert. Die Inhaltliche: Wer mit Plakaten rumläuft, auf denen Wissenschaftler und Politiker in Häftlingskleidung abgebildet sind, wer mit Reichskriegsflaggen den Reichstag stürmen will, wer zum Abklatschen von Journalisten aufruft oder Jens Spahn bespuckt und bepöbelt und mit Schwulenhass-Tiraden bedenkt, wie in Bergisch Gladbach, der ist ein Feind dieser Demokratie.

Dass eine kleine radikale Minderheit erstaunliche Wirkung erzielen kann, wissen wir schon länger. Nehmen wir sie also ernst. Was sich in Berlin ereignet hat, wird sich ja wiederholen, solange das Wetter noch einigermaßen freundlich ist. Auf ihren Webseiten feiern sie sich, loben sich sich für ihren Mut vor Feindesthron, bejubeln sie ihre Kunst der Provokation. Sie sind unter uns und sie bleiben unter uns.

Die drei Polizisten vor dem Reichstag geben ein Beispiel für professionelle Courage. Natürlich ist es ihre Aufgabe, gegen fahnenschwenkende Reichsbürger und ihre Entourage aus Esoterikern, Neonazis und Waldschraten vorzugehen, die das Parlament zumindest symbolisch einnehmen wollen. Aber es ist unsere Aufgabe, den Polizisten dafür zu Dank zu zollen, wie wir in der ersten Phase der Pandemie gelernt haben, die Arbeit von Krankenschwestern und Pfleger zu würdigen. Der Bundespräsident hat heute eine Abordnung aus Polizisten eingeladen. Gut so.

Diese Polizisten halten den Kopf für uns hin. Sie sind schlecht bezahlt, sie werden nur zu oft, von Linken mehr noch als von Rechten, beleidigt und geschmäht. Wir im Kritikastern geübten Journalisten könnten ja auch mal in uns gehen, denn die Aufrufe im Netz, Fernsehteams zu jagen, müssen wir ernst nehmen. Und wer schützt uns im Zweifelsfall?

Den Gerichten, die Versammlungsverbote aufheben können, dürfte es beim nächsten Mal schwerer fallen, gegen den Innensenator zu entscheiden. Zum Wesen der Corona-Gegner gehört es, staatliche Maßnahmen für Auswüchse des tyrannenartigen Staates zu halten und gegen Auflagen wie Abstand und Masken gezielt zu verstoßen. Zur Choreographie dieser Demonstrationen gehört auch die Auflösung durch die Polizei. Erst dann geht es richtig los, wie die Richter nunmehr wissen können. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber wer sie so nutzt wie die Querdenker, der verwirkt seinen Anspruch darauf.

Wenn ein Innensenator von einem Gericht gemaßregelt wird, sieht er schlecht aus. Andreas Geisel hat das Verbot juristisch so gut begründet, wie er es begründen konnte. Dass er zusätzlich sagte, er sei nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht werde, kann man als Fehler ansehen, weil der Satz nichts zur Rechtsfindung beiträgt, aber genau darum wird es beim nächsten Mal gehen: Gilt die Versammlungsfreiheit auch für Leute, die sie systematisch missbrauchen?

Politisch ist wichtig, dass sich die AfD an die Querdenker dranhängt. Björn Höcke war in Berlin dabei. Fraglos sieht der Mann, der sich einen Faschisten nennen lassen muss, im Dunstkreis der Demonstranten ein Potential für seine Gefolgschaft. Ironisch nur, dass die Reichsbürger mit ihrer Reichskriegsflagge, die aus dem Kaiserreich herrührt und bis 1935 von den Nazis geschwenkt wurde, die AfD verachten, wie sie alles verachten, was Nachkriegsdeutschland ausmacht.

Unter den 30 000 oder 40 000 Demonstranten in Berlin waren natürlich auch harmlose Zeitgenossen, die aus Sorge oder Unsicherheit oder aus anderen Gründen die Nähe von Gleichgesinnten suchen. Sie bilden die Kulisse für die Feinde der Demokratie, ob sie wollen oder nicht. Vielleicht gehen sie ja in sich und fragen sich, ob sie sich auch das nächste Mal als die netten Menschen für den Mob aus Nazis und Reichsbürgern hergeben wollen.

Diese zweite Berlin-Demonstration ist eine Zäsur, politisch wie juristisch. Ich bin gespannt, was wir fürs nächste Mal daraus lernen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern