Aus dem Archiv: Gespräch mit John Grisham

Ich habe gerade wieder einen Roman von John Grisham gelesen: „Das Manuskript“. Wieder ist es eine spannende Geschichte wie ein Pfeil. Wieder der Verzicht auf jede Metaebene. Wieder dieser Sog von der ersten Seite an. Ich beginne zu lesen und höre nicht mehr auf. Ich fange morgens an und lese die letzte Seite nachts. Ich kann nicht anders.

Anfangs habe ich Grisham gelesen, damit ich das amerikanische Rechtssystem besser verstehe. Durch ihn habe ich es besser verstanden. Seither lese ich seine Bücher, weil er sagt, er rechne jederzeit mit dem Ende seines Erfolgs. Und ich lese sie, weil ich fasziniert davon bin, dass er für seine Geschichten jeweils eine eigene Sprache findet. Das beste Buch ist für mich „Das Bekenntnis“, 2019 geschrieben.

Es gibt noch einen anderen Grund, ihn immer wieder zu lesen. Dieser Mann ist immun gegen Eitelkeit. Ich habe ihn im Oktober 2010 in München interviewt und konnte nicht fassen, wie wenig beeindruckt er von seinen irrwitzigen Verkaufszahlen weltweit ist (rund 350 Millionen). Aber lesen Sie selber. Die Überschrift lautete damals: „Wo ist der Held?“ Barack Obama war Präsident und natürlich ging es auch um ihn, aber im Mittelpunkt des „Spiegel“-Gesprächs stand der Autor John Grisham und seine Geschichte.

SPIEGEL: Mr. Gris­ham, bis­her ha­ben Sie nur Thril­ler ver­öf­fent­licht. Jetzt ha­ben Sie »Das Ge­setz« ge­schrie­ben, ein Buch mit sie­ben Kurz­ge­schich­ten. Die Men­schen, die Sie dort be­schrei­ben, sind tö­rich­te, ver­na­gel­te Fi­gu­ren, die nichts auf die Rei­he be­kom­men. War­um ver­zich­ten Sie dies­mal auf Ihre üb­li­chen Hel­den?

Gris­ham: Als ich mit die­sen Ge­schich­ten an­fing, man­che be­schäf­ti­gen mich seit 20 Jah­ren, da glaub­te ich noch, jede sei gut für ei­nen Ro­man. Dann habe ich dar­an her­um­ge­bas­telt und her­um­ge­spielt, wo­bei mir klar­ wur­de, dass die Stof­fe nicht rei­chen für ei­nen lan­gen Ro­man. Es hat sich so ent­wi­ckelt.

SPIEGEL: Ihre bis­he­ri­gen Bü­cher han­deln vom Kampf zwi­schen Hel­den und Schur­ken, wo­bei das Gute siegt – das ist der ewi­ge ame­ri­ka­ni­sche Traum. Fällt es Ih­nen heu­te schwe­rer als vor 20 Jah­ren, Hel­den zu kon­stru­ie­ren?

Gris­ham: Wir Ame­ri­ka­ner glau­ben noch im­mer, dass je­dem, der ar­bei­ten will und Op­fer bringt, das Glück winkt, so dass er Gro­ßes leis­ten kann. Es gibt im­mer noch ge­nug Hel­den im Kampf um Recht und Ge­rech­tig­keit, die klei­ne Leu­te ver­tre­ten, de­nen BP auf die Füße ge­tre­ten ist oder de­nen fälsch­lich Ver­bre­chen zur Last ge­legt wer­den, die ins Ge­fäng­nis kom­men oder zum Tod ver­ur­teilt wer­den. Noch gibt es ge­nü­gend An­wäl­te in den Schüt­zen­grä­ben, die sich für Ge­rech­tig­keit ein­set­zen. Dar­an glau­be ich nach wie vor. Na­tür­lich gibt es auch An­wäl­te, die ich nicht mag, weil es ih­nen ums Geld geht und sonst um nichts: die BP ver­tei­di­gen und an­de­re Groß­kon­zer­ne. Noch im­mer las­sen sich wun­der­ba­re Ge­schich­ten über die­sen Kampf er­zäh­len, ob­wohl ich ein­räu­men muss, bei mei­nem neu­en Ro­man »The Con­fes­si­on«, der in die­ser Wo­che in den USA und Groß­bri­tan­ni­en her­aus­ge­kom­men ist, habe ich mich beim Schrei­ben ge­fragt: Wer ist der Held? Wo ist un­ser Held?

 SPIEGEL: Sie er­zäh­len in die­sem Ro­man die Ge­schich­te ei­nes Foot­ball­spie­lers, der zu Un­recht zum Tod ver­ur­teilt wird we­gen ei­nes Mor­des an ei­ner Cheer­lea­de­rin. Sind Sie heu­te noch ge­nau­so zu­ver­sicht­lich wie vor 25 Jah­ren, als Sie mit dem Schrei­ben an­fin­gen, dass Ame­ri­ka auf gu­tem Wege ist?

Gris­ham: Das ist wirk­lich schwer zu sa­gen. Als Oba­ma vor zwei Jah­ren die Wahl ge­wann, hat das gro­ßen Op­ti­mis­mus aus­ge­löst – wir konn­ten gar nicht glau­ben, dass wir je­man­den wie Oba­ma zum Prä­si­den­ten ge­macht hat­ten. Sei­ne In­au­gu­ra­ti­on war ein stol­zer Mo­ment. Das ist nicht lan­ge her. Aber die Po­li­tik in Wa­shing­ton, der Kon­gress, ist so schlimm, wie sie im­mer schon war. Die Wirt­schaft er­holt sich nicht. Aus die­sen bei­den Krie­gen kom­men wir nicht her­aus. Den ame­ri­ka­ni­schen Traum gibt es schon noch, aber es ist schwie­rig, Leu­te da­von zu über­zeu­gen, die ihr Haus und den Job ver­lo­ren ha­ben.

SPIEGEL: Sind Sie von Oba­ma ent­täuscht?

Gris­ham: Nein, ich bin im­mer noch sein An­hän­ger. Ich glau­be, er wird wie­der­ge­wählt wer­den, und hof­fent­lich kann er dann in sei­ner zwei­ten Amts­zeit tun, was er tun will, und für Fort­schritt sor­gen, für Chan­ge. Heu­te hat Oba­ma je­den Tag eine neue Kri­se: BP, die Mo­schee in New York, den ver­rück­ten Pas­tor, der den Ko­ran ver­bren­nen woll­te. Sie ma­chen Oba­ma für die Mo­schee, für BP ver­ant­wort­lich – so ist die Po­li­tik nun ein­mal.

SPIEGEL: In Ih­ren Sto­rys wim­melt es von Men­schen, die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und Ge­rüch­te lie­ben. Al­les po­ten­ti­el­le An­hän­ger der fun­da­men­ta­lis­ti­schen Tea Par­ty.

Gris­ham: Ja, sie den­ken ganz ähn­lich. Im länd­li­chen Sü­den sind die Wei­ßen ex­trem kon­ser­va­tiv. In die­ser Kul­tur, in die­ser Um­ge­bung bin ich auf­ge­wach­sen. Jetzt fällt es mir schwer, dort zu sein, weil die Po­li­tik so sehr spal­tet.

SPIEGEL: Selbst ge­mä­ßig­te Re­pu­bli­ka­ner sind ver­blüfft über die Wut der Tea Par­ty auf den Prä­si­den­ten. Ist Ras­sis­mus der Kern die­ser Gras­wur­zel­be­we­gung?

Gris­ham: Ich ver­ste­he die Frus­tra­ti­on über die Re­gie­rung, aber das ist nichts Neu­es. Die Re­gie­rung ist schon seit Jah­ren zu groß und zu teu­er. Ras­sis­mus ist si­cher ein wich­ti­ger Fak­tor, denn die­se Leu­te möch­ten nicht, dass Oba­ma Er­folg hat.

SPIEGEL: Sie ak­zep­tie­ren nicht, dass er im Wei­ßen Haus sitzt.

Gris­ham: 25 Pro­zent die­ser Leu­te glau­ben, dass er nicht in den USA ge­bo­ren wur­de oder Mus­lim ist. Wie ar­gu­men­tiert man mit sol­chen Leu­ten? Dar­un­ter sind vie­le Fa­na­ti­ker. Ich ver­ste­he ihre Frus­tra­ti­on über Wa­shing­ton, der Se­nat ist so dys­funk­tio­nal wie kein an­de­res ge­wähl­tes po­li­ti­sches Gre­mi­um in die­sem Land. Sie ver­ab­schie­den nichts, sie re­den nicht mit­ein­an­der. Der Gra­ben zwi­schen bei­den Par­tei­en ist so tief, da herrscht Krieg.

SPIEGEL: Und was stört Sie am meis­ten an der Tea Par­ty?

Gris­ham: Ich ver­ste­he nicht, wo die­se Leu­te vor zwei Jah­ren wa­ren. Sie sind die­sel­ben Leu­te, die Bush zwei­mal ge­wählt ha­ben, und den­noch be­haup­ten sie, sie sei­en ein­ge­fleisch­te Kon­ser­va­ti­ve, de­nen das Haus­halts­de­fi­zit miss­fällt. Nie­mand hat tie­fe­re Lö­cher ge­ris­sen als Bush, aber die­se Leu­te gin­gen da­mals kei­nes­wegs auf die Stra­ße.

SPIEGEL: Bush war ihr Prä­si­dent.

Gris­ham: Ja.

SPIEGEL: Und nun ist Oba­ma der Prä­si­dent.

Gris­ham: Ge­nau. Und so ist eine äu­ßerst rechts­las­ti­ge kon­ser­va­ti­ve Be­we­gung mit ei­nem Schuss Ras­sis­mus ent­stan­den.

SPIEGEL: Vor zwei Jah­ren gab es in den USA für ei­nen kur­zen Mo­ment die Hoff­nung auf ein Ende der po­li­ti­schen Gra­ben­krie­ge. Es ist noch schlim­mer ge­wor­den. Wel­chen An­teil hat Oba­ma?

Gris­ham: Mei­ner Mei­nung nach hät­te sich Oba­ma im ers­ten Jahr bes­ser auf die Wirt­schaft kon­zen­trie­ren sol­len, an­statt mit ei­ner Re­form des Ge­sund­heits­we­sens zu kom­men, die vie­le Men­schen in sei­ner ei­ge­nen Par­tei nicht wol­len und die noch viel teu­rer aus­fal­len wird als ver­mu­tet, ob­wohl die Kos­ten schon heu­te as­tro­no­misch sind. Gleich­zei­tig wird die Ent­wick­lung der Staats­schul­den in den nächs­ten 15 bis 20 Jah­ren zum Rie­sen­pro­blem. Das kön­nen wir mit un­se­rer heu­ti­gen Steu­er­struk­tur nicht be­zah­len, und das rief die Tea Par­ty ins Le­ben.

SPIEGEL: Oba­ma hat sie er­weckt?

Gris­ham: Die De­mo­kra­ten wa­ren es. Sie sind nicht die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me an­ge­gan­gen und ha­ben an­fangs nicht die Aus­ga­ben ein­ge­dämmt. Aber eins ist klar: ohne Oba­ma kei­ne Tea Par­ty.

SPIEGEL: Sie wa­ren in den acht­zi­ger Jah­ren eine Zeit­lang selbst Po­li­ti­ker, Sie sa­ßen für die De­mo­kra­ten im Lan­des­par­la­ment Ih­res Hei­mat­staats Mis­sis­sip­pi. War­um sind Sie in die Po­li­tik ge­gan­gen, und war­um ha­ben Sie sich zu­rück­ge­zo­gen?

Gris­ham: Ich war ein Idea­list. Als ich auf­wuchs, war Mis­sis­sip­pi ein ar­mer Bun­des­staat, und ich glaub­te, da lie­ße sich ei­ni­ges tun. Nach dem Jura-Ex­amen wur­de ich An­walt in mei­ner Hei­mat­stadt Sout­ha­ven und be­warb mich für das Lan­des­par­la­ment. Ich woll­te et­was für die Bil­dung tun. Als ich die Wirk­lich­keit der Po­li­tik ken­nen­lern­te und den Ge­setz­ge­bungs­pro­zess, war ich schnell ent­täuscht. Es war wirk­lich schwer, ir­gend­et­was hin­zu­be­kom­men, und das Da­sein als Po­li­ti­ker be­hag­te mir auch nicht. Ich war nicht da­für ge­macht. Ich zog mich im sel­ben Au­gen­blick zu­rück, als ich mit dem An­walts­be­ruf auf­hör­te, weil mei­ne Bü­cher plötz­lich er­folg­reich wur­den.

SPIEGEL: Ihr al­ler­ers­tes Buch »Die Jury« ha­ben Sie aus dem Kof­fer­raum Ih­res Au­tos ver­kauft und es an Su­per­märk­te, Bü­che­rei­en, Tank­stel­len aus­ge­lie­fert.

Gris­ham: Im Rück­blick klingt das lus­tig, aber da­mals war es furcht­bar. Ich hat­te schon ge­glaubt, »Die Jury« wür­de nie­mals ver­öf­fent­licht wer­den, vie­le Ver­la­ge lehn­ten ab. End­lich fan­den wir ei­nen klei­nen, brand­neu­en Ver­lag in New York, der das Buch auf den Markt brach­te, aber kein Geld für Wer­bung hat­te. Um den Ver­kauf an­zu­kur­beln, habe ich 1000 der 5000 Bü­cher ge­kauft. Ich fuhr zu 30, 35 Bü­che­rei­en in klei­nen Städ­ten. Ich rief vor­her an, sie schmis­sen eine Par­ty, die Da­men sorg­ten für Bow­le und Plätz­chen, und ich stif­te­te ih­nen ei­ni­ge Kar­tons Bü­cher. Die­se Leu­te hat­ten nie zu­vor in ih­rem Le­ben ei­nen Schrift­stel­ler ge­se­hen. Des­halb ha­ben wir wahr­schein­lich 900 Bü­cher ver­kauft.

SPIEGEL: War­um ha­ben Sie ei­gent­lich da­mals nicht auf­ge­ge­ben? Sie wa­ren An­walt, hat­ten eine jun­ge Fa­mi­lie, ein leid­li­ches Aus­kom­men.

Gris­ham: Zu die­sem Zeit­punkt hat­te ich »Die Fir­ma«, mein zwei­tes Buch, zur Hälf­te fer­tig, ich woll­te es zu Ende schrei­ben und es noch ein­mal ver­su­chen. Schrei­ben soll­te nicht mein heim­li­ches Hob­by wer­den. Mei­ne Hal­tung war: Ent­we­der es klappt jetzt, oder ich höre auf. »Die Jury« und »Die Fir­ma« habe ich in­ner­halb von fünf Jah­ren ge­schrie­ben, oft um 5.30 Uhr mor­gens in mei­ner Kanz­lei vor der Ar­beit. Wahr­schein­lich habe ich des­we­gen heu­te Schlaf­stö­run­gen.

SPIEGEL: Dann pas­sier­te es: Hol­ly­wood kauf­te die Rech­te an der »Fir­ma«.

Gris­ham: Nicht gleich. Im Herbst 1989 war ich fer­tig da­mit, schick­te es an mei­nen Agen­ten in New York. Er moch­te es. Er zeig­te es ei­ni­gen Ver­le­gern, kei­ner biss an. Er ver­lang­te von mir, dass ich Ände­run­gen vor­neh­men soll­te, was ich aber nicht woll­te.

SPIEGEL: Und Sie wa­ren auf dem Weg in die Ver­zweif­lung?

Gris­ham: Ich war noch nicht ver­zwei­felt, weil ich ge­ra­de ei­nen sat­ten Fall ge­won­nen hat­te. Ich hat­te Geld in der Ta­sche, was sel­ten vor­kam. Und dann tauch­te ein Ex­em­plar des Buchs in Hol­ly­wood auf. Hol­ly­wood kauf­te die Rech­te, und jetzt wach­ten die Ver­le­ger in New York auf und kauf­ten es, und da­nach wur­de es ver­rückt. Seit­her hat es nicht mehr auf­ge­hört, ver­rückt zu sein.

SPIEGEL: Mitt­ler­wei­le ha­ben Sie fast 300 Mil­lio­nen Bü­cher auf der gan­zen Welt ver­kauft, und die Le­ser be­zie­hen ihr Ame­ri­ka-Bild auch aus Ih­ren Thril­lern. Was macht das mit Ih­nen?

Gris­ham: Ich ma­che mir kei­nen Kopf, was die Le­ser über die Fi­gu­ren und de­ren Hand­lun­gen in mei­nem neu­en Buch den­ken könn­ten. Wenn ich ein Buch schrei­be, will ich un­ter­hal­ten. Die Le­ser sol­len es schnell le­sen, sehr schnell, Sei­te für Sei­te. Ja, schon wahr, ge­le­gent­lich schrei­be ich ein Buch über ein be­stimm­tes Pro­blem: To­des­stra­fe, Kor­rup­ti­on bei Wah­len, Ver­si­che­rungs­schwin­del, Zi­ga­ret­ten­in­dus­trie, Ob­dach­lo­sig­keit. Ich neh­me ein Pro­blem und webe ei­nen Ro­man dar­um. Der Ro­man, den ich ge­ra­de ab­ge­schlos­sen habe, ist so trau­rig, dass ich vor ei­nem Mo­nat ge­sagt habe: Oh ja, mein nächs­tes Buch wird leicht und lau­nig aus­fal­len, ohne erns­te Bot­schaft. Auf die­se Wei­se sprin­ge ich hin und her in mei­nen Bü­chern.

SPIEGEL: Aber ein Gris­ham-Ro­man, der kein Me­ga­sel­ler ist, wäre eine Ka­ta­stro­phe.

Gris­ham: Noch ha­ben wir kein Buch auf den Markt ge­bracht, das ein Flop ge­we­sen wäre. Aber es wird pas­sie­ren, das lässt sich gar nicht ver­mei­den. Und ich weiß heu­te nicht, wie ich dar­auf re­agie­ren wer­de. Wahr­schein­lich schrei­be ich dann schnell ein an­de­res Buch.

SPIEGEL: Wel­che Bü­cher le­sen Sie denn?

Gris­ham: Ich habe den neu­en John le Car­ré ge­le­sen, den neu­en Scott Turow, ich habe »Frei­heit« von Jo­na­than Fran­zen an­ge­fan­gen, nachts zehn Sei­ten ge­le­sen und muss noch ein­mal an­fan­gen. Es ist ein gro­ßes, schwe­res Buch, das dem Le­ser ei­ni­ges ab­ver­langt, was gut ist. Und ich lie­be Mark Twain.

SPIEGEL: Jo­na­than Fran­zens Ehr­geiz ist es, den ame­ri­ka­ni­schen Ge­gen­warts­ro­man zu schrei­ben. Ihr Ehr­geiz ist es, gute Ge­schich­ten zu schrei­ben, und da­mit ver­kau­fen Sie ver­mut­lich mehr Bü­cher als Fran­zen, Phi­lip Roth oder John Up­di­ke zu­sam­men.

Gris­ham: All das sind groß­ar­ti­ge Au­to­ren. Ich weiß, was ich kann. Ich ken­ne mei­nen Platz in der Li­te­ra­tur und bin sehr zu­frie­den da­mit. Ich weiß, dass eine Men­ge Le­ser mein neu­es Buch le­sen wer­den. Ist es gut, ha­ben sie Spaß dar­an, re­den sie auch dar­über, und das ist gut für den Ver­kauf. Ist es nicht gut, re­den sie dar­über, und das ist wo­mög­lich schlecht für den Ver­kauf. Ich ge­hö­re nicht ins li­te­ra­ri­sche Es­ta­blish­ment, ich will es auch nicht.

SPIEGEL: War­um ei­gent­lich nicht?

Gris­ham: Mei­ne Frau und ich sa­gen uns im­mer, dass wir gro­ßes Glück ha­ben. Sol­chen Er­folg gibt es sel­ten, und er wird nicht ewig an­hal­ten. Ei­nes Ta­ges wer­den wir zu­rück­schau­en und uns sa­gen, dass es ein Höl­len­ritt war und Spaß ge­macht hat. Aber wir füh­ren ein nor­ma­les Le­ben, wir zie­hen nor­ma­le Kin­der auf, wir neh­men den Ruhm nicht ernst. Wir ha­ben ei­nen klei­nen Freun­des­kreis, und wenn wir uns tref­fen, re­den wir nicht über Bü­cher und Fil­me und ähn­li­che The­men.

SPIEGEL: Mr. Gris­ham, wir dan­ken Ih­nen für die­ses Ge­spräch.

Was zum Lesen: Was Tennis bedeutet

Ich mag Bücher über Sport. Als ich mich in Basketball vertiefte, las ich, was mir in die Hände fiel. Charles Barkley fand (oder ließ Michael Wilbon, den wunderbaren Reporter der „Washington Post“, finden) einen hinreißenden Titel für seine Biographie, den ich mindestens einmal wöchentlich zitiere: „I may be wrong, but I doubt it“. Ist das nicht herrlich? Also, theoretisch mag es möglich sein, dass ich mich irre, aber daran zweifle ich. Schönste Selbstgefälligkeit, getaucht in Selbstironie. Oder Barkley alias Kant: A priori habe ich recht und nur aus Gründen der Vernunft führe ich den Zweifel an. Oder Barkley alias Peter Szondi: Jener Zweifel, der der Vernunft innewohnt, ist deren Ausdruck.

Das beste Buch, das ich je über Basketball gelesen habe, schrieb David Halberstam, ein wunderbarer Autor. „Playing for Keeps“ heißt es und dreht sich um den Dreiklang Michael Jordan/Nike/ESPN, aus dem das Milliardenunternehmen NBA erwuchs.

Es gibt Bücher über Baseball (auch von David Halberstam) und Football („Friday Night Lights“ von Buzzi Bissinger). Und es gibt ein brillantes Stück über die Bedeutung des Tennis für ein Leben, das David Foster Wallace über Roger Federer schrieb.

Mittlerweile gibt es noch ein anderes bemerkenswertes Buch, das sogar eine Tennisspielerin über ihr Leben geschrieben hat. ohne Ghostwriter- Andrea Petković nennt es „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“. Viel hat sie gelesen, die Bücher haben sie gerettet in ihrer Einsamkeit auf der Tour in Hotelzimmern, in der Angst vor dem nächsten Spiel, in der Trauer über ein verlorenes Spiel oder in der Verlorenheit dieser Existenz, wenn der Sinn und Zweck dessen, was sie Tag für Tag tut, ihr entgleitet.

Nicht nur gelesen hat sie Dostojevski und Philip Roth und Wallace und David Sedaris und all die anderen Autoren, sie halfen ihr dabei, eine Stimme zu finden, in der sie ausdrücken kann, was ihr widerfahren ist, was sie erlitten hat, diese Routine aus tausenden Übungsstunden für einen kurzen Moment des Glücks im Triumph, der rasch verglüht wie eine Sternschnuppe. Darin liegt Tragik des Einwandererkindes aus Serbien, das unbedingt dazu gehören will und dafür Disziplin, Härte und Selbstverleugnung aufbringt, und dem der dauerhafte Genuss des Erfolgs nicht beschieden ist.

Aber lest selber. Es lohnt sich wirklich. Sport ist immer auch das Drama des Sportlers, wenn nicht seine Tragödie.

Zur Einstimmung hier noch einmal der Aufsatz von David Foster Wallace, der bis zu seinem 14. Lebensjahr intensiv Tennis spielte, bis er einsehen musste, dass es zu Großem nicht reichte. Übrigens erzählt Federer von seinem Treffen mit Wallace, der habe ihn nur angeschaut und keine einige Frage gestellt. Aus der Beobachtung entstanden seine Betrachtungen. Sie erschienen im „Spiegel“ am 6. November 2006. Die Überschrift lautete: Poesie in Bewegung

Fast jeder Tennisfan, der die großen Herrenturniere vor dem Fernseher verfolgt, hat in den vergangenen Jahren das erlebt, was man einen Federer-Moment nennen könnte. Das sind die Momente, in denen man dem jungen Schweizer mit offenem Mund und weitaufgerissenen Augen zusieht und dabei Laute ausstößt, dass die Frau aus dem Nachbarzimmer kommt, um zu schauen, ob sie den Notarzt rufen soll.

Noch intensiver sind diese Momente, wenn man selbst Tennis gespielt hat und weiß, dass das gerade Gesehene im Grunde unmöglich ist.

Vierter Satz, Finale der U. S. Open 2005, Roger Federer schlägt auf gegen Andre Agassi. Zuerst ist es das typische Hin und Her des modernen Power-Grundlinienspiels, Federer und Agassi hetzen einander von einer Seite zur anderen, bis schließlich Agassi einen Ball gegen die Laufrichtung Federers schmettern kann, eigentlich ein tödlicher Ball. Federer ist noch im linken Feld, fast schon an der Mittellinie, doch er schaltet irgendwie auf Umkehrschub, macht drei, vier unglaublich schnelle Schritte zurück und schlägt, das ganze Gewicht nach hinten verlagernd, aus der linken Ecke eine Vorhand, der Ball passiert Agassi, Federer tänzelt noch, während der Ball aufspringt. Entsetztes Schweigen bei den New Yorker Zuschauern, bevor die Menge explodiert. John McEnroe, der das Spiel im Fernsehen kommentiert, sagt (mehr oder weniger zu sich, so klingt es jedenfalls): „Wie kann man aus dieser Position einen solchen Ball schlagen?“

Es war unmöglich. Es war wie eine Szene aus dem Film „Matrix“, in der die Grenzen der Schwerkraft nicht mehr gelten. Ich weiß nicht, welche Geräusche ich gemacht habe, aber meine Frau sagt, überall auf der Couch habe Popcorn gelegen, und ich hätte mit weit aufgerissenen Augen vor dem Bildschirm gekniet.

Das jedenfalls war so ein Federer-Moment, obwohl ich ihn nur im Fernsehen erlebt habe und obwohl natürlich Tennis im Fernsehen sich zu real erlebtem Tennis verhält wie ein Pornofilm zu real erlebter Liebe.

Roger Federer ist gegenwärtig der beste Tennisspieler der Welt, vielleicht der beste aller Zeiten. Seine Herkunft, sein Elternhaus in Basel, sein enges Verhältnis zu seinem Trainer, der 2002 bei einem Unfall tödlich verunglückte, seine 44 Turniersiege, seine 9 Grand Slams, die Rolle seiner Freundin, die mit ihm auf Reisen geht (selten im Herrentennis) und sich um seine Vermarktung kümmert (einmalig im Herrentennis), seine psychische Stärke, seine Fairness, seine Großzügigkeit – all das ist bekannt und kann mit einem Mausklick im Internet abgerufen werden.

Und doch: Sieht man Roger Federer live spielen, ist das so etwas wie eine „religiöse Erfahrung“. Das klingt wie eine Übertreibung, aber sie trifft den Kern der Sache.

Im Leistungssport geht es nicht um Schönheit, aber der Spitzensport ist ein Ort, an dem sich menschliche Schönheit zeigt. Diese Schönheit, um die es hier geht, ist von besonderer Art; man könnte sie als kinetische Schönheit bezeichnen, als eine Schönheit der Bewegung. Ihre Anziehungskraft ist universell, und sie hat nichts mit Sex zu tun, nichts mit kulturellen Normen, sondern mit den anscheinend grenzenlosen Möglichkeiten eines menschlichen Körpers.

Im Männersport redet natürlich niemand von Schönheit oder Anmut der Körper. Männer reden vielleicht von ihrer „Liebe“ zum Sport, aber diese Liebe hat immer etwas Kriegerisches: Angriff, Gegenangriff, Rang und Status, Zahlenvergleiche, technische Analysen, regionale oder nationale Leidenschaften, Uniformen, Massenjubel, Fahnen, Kriegsbemalung, Drohgebärden und so weiter. Die meisten von uns fühlen sich in der Sprache des Krieges sicherer als in der Sprache der Liebe.

Die Schönheit eines Spitzenathleten lässt sich unmöglich direkt beschreiben. Federers Vorhand beispielsweise erinnert mich an einen Peitschenhieb. Sein Slice mit der einhändigen Rückhand ist derart angeschnitten, dass der Ball in der Luft Figuren beschreibt und auf dem Gras höchstens bis auf Knöchelhöhe aufspringt. Sein Aufschlag ist so schnell und genau und variantenreich, wie das kein anderer Spieler schafft. Federers Antizipation und sein Gespür für den Platz sind legendär, seine Beinarbeit ist unerreicht – als Kind war er ein sehr guter Fußballer.

All das stimmt, und doch erklärt es im Grunde nichts und vermittelt auch nicht, was es heißt, die Schönheit und die Genialität von Federers Spiel mit eigenen Augen zu sehen. Man muss sich Federers ästhetischen Qualitäten anders nähern, durch Umschreibungen zum Beispiel, oder so wie der Theologe Thomas von Aquin sich seinem Gegenstand näherte – indem er definierte, was Gott nicht ist.

Zum Beispiel ist Federers Schönheit nicht fernsehtauglich, jedenfalls nicht ganz. Tennis im Fernsehen hat Vorteile, aber die Wiederholungen in Zeitlupe und die Nahaufnahmen schaffen nur eine Illusion von Nähe, während sich der Zuschauer in Wahrheit gar keine Vorstellung davon machen kann, wie viel bei der Übertragung verlorengeht.

Reales Tennis ist dreidimensional, das TV-Bild aber nur zweidimensional. Verloren geht die tatsächliche Länge des Spielfelds (knapp 24 Meter zwischen den Grundlinien) und die Geschwindigkeit, mit der der Ball diese Entfernung zurücklegt – auf dem Bildschirm wird das nicht fassbar, auf dem Platz erfüllt es den Beobachter mit ehrfürchtigem Staunen. Gehen Sie mal zu einem Profiturnier, wo Sie nur ein paar Meter neben der Seitenlinie sitzen, und erleben Sie, wie hart die Profis den Ball schlagen und wie wenig Zeit ihnen bleibt, ihn zu erwischen, wie schnell sie sich bewegen und schlagen und sich wieder neu orientieren. Und niemand ist schneller und scheinbar müheloser als Roger Federer.

Was im Fernsehen interessanterweise deutlich wird, ist Federers Intelligenz. Federer besitzt wie kein anderer die Fähigkeit, den richtigen Winkel für einen Schlag zu erkennen, und im Fernsehen kann man diese Art von „Federer-Momenten“ ideal nachvollziehen. Schwerer nachzuvollziehen ist jedoch, dass diese spektakulär geschlagenen Winner nicht aus dem Nichts kommen – sie sind meist über mehrere Spielzüge angelegt und hängen nicht nur davon ab, wie Federer die Bewegungen des Gegners bestimmt, sondern auch von Tempo und Platzierung des entscheidenden Schlags. Und wer begreifen will, warum Federer andere Weltklasseathleten derart mühelos kontrolliert, braucht wiederum sehr viel mehr technisches Wissen über das moderne Power-Grundlinienspiel, als es das Fernsehen vermitteln kann.

Seit fast zwei Jahrzehnten wird offiziell erklärt, dass sich das professionelle Tennis von einem Spiel, das von Tempo und Finesse geprägt war, in ein körperbetontes, fast brutales Spiel verwandelt hat. Die Profis von heute sind messbar größer, stärker und fitter, und die modernen Hightech-Schläger geben ihnen die Möglichkeit, mit mehr Tempo und Spin zu spielen. Die Frage ist, wieso ausgerechnet jemand von Federers Eleganz das Herrentennis dominiert.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Eine davon hat mit Metaphysik zu tun, und wahrscheinlich kommt sie der Wahrheit am nächsten. Die anderen sind eher technischer Natur und lassen sich besser in Worte fassen.

Die metaphysische Erklärung ist die, dass Federer einer jener seltenen Athleten ist, für die bestimmte physikalische Gesetze nicht zu gelten scheinen. Ähnlich liegen die Dinge bei dem Basketballer Michael Jordan, der nicht nur unglaublich hoch springen, sondern sich auch etwas länger in der Luft halten konnte, als es die Schwerkraft eigentlich erlaubt. Oder bei Muhammad Ali, der wirklich über den Boden zu fliegen schien.

Seit 1960 gibt es wahrscheinlich ein halbes Dutzend solcher Beispiele. Federer gehört ebenfalls in diese Kategorie – man könnte diese Sportler als Genies oder Mutanten oder übernatürliche Wesen bezeichnen. Federer wirkt nie gehetzt, verliert nie die Balance. Seine Bewegungen sind eher harmonisch als athletisch. Genau wie Ali, Jordan oder Maradona, wirkt er realer und zugleich irrealer als seine Gegner. Federer in Weiß auf dem Wimbledon-Rasen ist wie ein Wesen aus Fleisch und Licht.

Nach dem Halbfinale von Wimbledon in diesem Sommer zwischen Federer und dem Schweden Jonas Björkman, bei dem Federer den Schweden nicht nur einfach besiegt, sondern vernichtend geschlagen hatte, sagte Björkman auf der anschließenden Pressekonferenz, dass er sich gefreut habe, dem Schweizer vom besten Platz des Hauses aus zusehen zu dürfen. Vor der Pressekonferenz hatten die beiden Freunde miteinander gescherzt und geplaudert, Björkman sprach davon, wie unnatürlich groß der Ball auf dem Platz gewirkt habe, was Federer bestätigte: so groß wie eine Bowlingkugel oder ein Basketball.

Federer wollte seinem Freund gegenüber höflich sein, aber seine Bemerkung verrät auch, was Tennis für Federer wirklich ist. Wenn jemand übernatürliche Reflexe, Koordination und Schnelligkeit hat, wird er auf dem Platz nicht das Gefühl haben, sehr schnell oder reaktionsstark zu sein, sondern eher den Eindruck haben, dass der Tennisball sehr groß ist und sich langsam bewegt, was wiederum auch bedeutet, dass man mehr Zeit hat, den Ball zu treffen. Für den staunenden Zuschauer mag das alles sehr schnell aussehen und überaus geschickt, ein Spieler wie Federer aber wird dies selbst nicht empfinden.

Schnelligkeit ist nur ein Teil des Geheimnisses. Tennis wird oft als Spiel bezeichnet, in dem es um Zentimeter geht. Aus Sicht eines Spielers ist es ein Spiel, in dem es um Mikrometer geht. Jede noch so geringfügig veränderte Schlägerhaltung im Moment des Auftreffens hat große Auswirkungen auf die Flugbahn des Balls.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen knapp hinter der Grundlinie. Der Gegner schlägt den Ball auf Ihre Vorhand. Sie bringen sich in die entsprechende Position und holen mit der Vorhand aus. Der heranfliegende Ball ist nun kurz vor Ihrer Hüfte, rund 15 Zentimeter vom Treffpunkt entfernt. Sie haben nun viele Möglichkeiten: Durch leichtes Kippen des Schlägers um ein paar Grad nach vorn oder hinten produzieren Sie einen Topspin beziehungsweise einen Slice. Ein senkrecht gehaltener Schläger produziert eine flache Flugbahn ohne Drall. Wenn Sie den Schläger etwas nach links oder rechts ziehen und den Ball vielleicht eine Tausendstelsekunde früher oder später schlagen, produzieren Sie einen cross beziehungsweise longline geschlagenen Return. Außerdem beeinflussen kleine Nuancen bei der Schlägerhaltung, wie hoch der Ball über das Netz fliegt. Dies und die Härte Ihres Returns wirken sich darauf aus, wie tief oder flach der Ball in der gegnerischen Spielfeldhälfte landet, wie hoch er abspringt. Das alles ist wichtig, aber genauso wichtig ist es auch, wie nahe Sie den Ball an sich heranlassen, wie Sie den Schläger halten, wie tief Sie die Knie beugen, wie weit Sie Ihr Gewicht nach vorn verlagern und ob Sie imstande sind, die Flugbahn des von Ihnen geschlagenen Balls zu verfolgen und gleichzeitig zu beobachten, wie Ihr Gegner reagiert. Außerdem müssen Sie bedenken, dass Sie nicht ein statisches Objekt in Bewegung setzen, sondern die Flugbahn eines Balls umkehren, der auf Sie zugeflogen kommt – im Profitennis wohlgemerkt mit einer Geschwindigkeit, bei der keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibt. Der Aufschlag des kroatischen Spielers Mario Ancic beispielsweise erreicht ein Tempo von etwa 210 Stundenkilometern. Da die Entfernung zwischen Ancic‘ Grundlinie und Ihnen etwa 24 Meter beträgt, bedeutet das, dass der Ball in 0,4 Sekunden bei Ihnen ist. Das reicht nicht einmal für einen doppelten Lidschlag.

Im Profitennis geht es also um Bewegungsabläufe, die so schnell sind, dass dem Spieler bewusste Entscheidungen nicht mehr möglich sind. Wir befinden uns hier im Bereich von Reflexen, von unbewusst ablaufenden physischen Reaktionen. Und doch hängt ein erfolgreicher Aufschlagreturn von vielen Entscheidungen und physikalischen Feinabstimmungen ab, die weitaus komplexer und gezielter sind, als es ein Blinzeln oder ein erschrockenes Zusammenzucken erfordern.

Ein erfolgreicher Aufschlagreturn verlangt kinästhetisches Gespür, das heißt: die Fähigkeit, den Körper und dessen künstliche Verlängerung durch komplexe, blitzschnelle Reaktionen zu steuern. Also: Gespür, Antizipation, Ballgefühl, Auge-Hand-Koordination, Bewegungsfluss, Reflexe und dergleichen mehr. Für talentierte Jugendspieler geht es im Training vor allem darum, ihre kinästhetische Wahrnehmung zu verfeinern. Trainiert werden sowohl Muskeln als auch Nervenbahnen. Wer täglich Tausende Bälle schlägt, entwickelt die Fähigkeit, durch Gespür und Ahnung etwas zu bewältigen, was mit bewusstem Denken nicht möglich ist.

Weil das nur mit viel Zeit und Disziplin erreicht werden kann, fangen Top-Tennisspieler meist schon früh an. Federer hat mit 16 die Schule verlassen und gewann bald den Juniorentitel in Wimbledon. Dafür aber braucht es mehr als nur Zeit und Training – eben Talent. Federers Herrschaft ließe sich also damit erklären, dass er kinästhetisch etwas begabter ist als seine Konkurrenten. Nur ein kleines bisschen begabter, denn jeder unter den Top 100 ist hinreichend begabt, aber wie gesagt, beim Tennis geht es um Mikrometer.

Diese Erklärung ist plausibel, aber unvollständig. 1980 wäre sie vermutlich vollständig gewesen. Doch im Jahr 2006 stellt sich die Frage, warum es noch immer auf diese Sorte Talent ankommt. Roger Federer dominiert das größte, stärkste, fitteste, besttrainierte Feld im Profi-Herrentennis aller Zeiten, in dem Schläger verwendet werden, von denen es heißt, sie würden die kinästhetischen Talente der Spieler überflüssig machen – so als wollten sie während eines Metallica-Konzerts Mozart pfeifen.

Tatsächlich ist es so, dass die modernen Graphitschläger um einiges leichter und größer sind als die alten Holzschläger. Bei einem modernen Schläger muss man den Ball nicht exakt in der geometrischen Mitte der Bespannungsfläche treffen, um ein hohes Tempo zu produzieren, oder genau den richtigen Punkt, um ihn mit Topspin zu schlagen. Diese Schläger ermöglichen wesentlich schnellere und härtere Grundlinienschläge als noch vor 20 Jahren. Im Vergleich zum altmodischen Serve-and-Volley oder zu den ermüdenden Grundlinienduellen von früher ist das moderne Hochgeschwindigkeits-Grundlinienspiel nicht langweilig, aber es ist relativ statisch und begrenzt. Es ist aber nicht, wie Tennisgurus seit Jahren befürchten, der Endpunkt des Tennissports. Und genau das beweist Roger Federer.

Wimbledon Finale, 9. Juli 2006, zweiter Satz des Finales. Federers Gegner ist der Spanier Rafael Nadal, der sehr jung ist und einen mächtigen Bizeps besitzt, ein geradezu prototypischer Spieler des modernen Power-Tennis. Nadal führt 2:1 und schlägt auf. Federer hat den ersten Satz zu null gewonnen, doch dann ließ er ein wenig nach, wie das manchmal bei ihm vorkommt, und rasch liegt er ein Break zurück. Nadal ist deswegen ein so unangenehmer Gegner, weil er schneller ist als die anderen, weil er all die Bälle erreicht, die sie nicht erreichen. Im Verlauf dieses Ballwechsels schlägt Federer mehrmals hintereinander mit einem Slice auf die beidhändige Rückhand Nadals, der wie hypnotisiert wirkt und zwischen den Ballwechseln nicht mehr in die Mitte der Grundlinie zurückläuft. Federer schlägt nun eine extrem harte Rückhand mit tiefem Topspin in Nadals Vorhandecke, Nadal erwischt den Ball und schlägt ihn cross, Federer antwortet mit einer noch härteren cross geschlagenen Rückhand bis zur Grundlinie, Nadal schlägt den Ball wieder in Federers Rückhandecke und läuft schon zur Mitte zurück, während Federer nun eine völlig andere Rückhand schlägt, cross, aber sehr viel kürzer und in einem steileren Winkel, den niemand erwarten würde, und mit so viel Topspin, dass der Ball knapp vor der Seitenlinie landet und hart wegspringt, unerreichbar für Nadal. Ein spektakulärer Schlag, ein Federer-Moment.

Wer diese Szene live verfolgt hat, konnte auch sehen, dass Federer den entscheidenden Schlag mit vier oder fünf Schlägen vorbereitet hat. Alles, was nach dem ersten longline Slice kam, sollte Nadal einlullen und seinen Rhythmus stören, ihn aus der Balance bringen und schließlich diesen letzten, unglaublichen Ball ermöglichen.

Federer ist ein erstklassiger, kraftvoller Power-Grundlinienspieler, aber noch viel mehr. Da ist seine Intelligenz, seine Antizipation, sein Gefühl für den Platz, sein Talent, den Gegner zu lesen und zu dominieren, Drall und Tempo zu kombinieren, zu täuschen, taktische Voraussicht und kinästhetische Fähigkeiten einzusetzen statt nur schieres Tempo. Federers Spiel zeigt die Grenzen – und die Möglichkeiten des Herrentennis von heute.

All das mag vielleicht etwas überzogen klingen und allzu bewundernd, doch wir sollten wissen, dass im Fall Roger Federer nichts überzogen klingen kann. Er zeigt, dass Geschwindigkeit und Härte nur das Skelett des modernen Herrentennis sind, aber nicht das Fleisch. Federer hat das Herrentennis neu erfunden, er verkörpert es, buchstäblich und im übertragenen Sinne.

Von der List der Vernunft überwältigt

Am zweiten Weihnachtsabend fragte mich jemand, was von 2020 bleiben werde, als Produkt der Pandemie. Typische Frage bei Rotwein, wenn uns die Reste der Gans vorwurfsvoll ansehen und das ersterbende Gespräch wiederbelebt werden muss.

Erstens: Der Kapitalismus hat sein klassisches Doppelgesicht im ablaufenden Jahr gezeigt, das ist schon mal wichtig. Der Staat, in Gestalt unserer Regierung, federt mit ungeheuer viel Geld so viele negative Folgen wie irgend möglich ab. Staatskapitalismus ist zwar keine begeisternde Utopie, sonst wäre Deutschland allezeit ein kleines China, aber im Notstand fällt die soziale Marktwirtschaft eben darauf zurück und das ist gut so, das wissen wir jetzt. Vorübergehend nur soll der Staat stark sein, das ist ausgemacht, auch wenn der eine oder andere Linke im Lande an ihm Gefallen findet, und auch der eine oder andere Rechte ohnehin Stärke für einen Selbstzweck hält. Die Extreme berühren sich eben immer wieder.

Die Kehrseite des Kapitalismus ist das Hütchenspiel, mit dem der digitale Dienstleister Wirecard den Finanzmarkt zum Narren hielt. Betrug und Hochstapelei, Schneeballsysteme und Ponzo-Spielchen gehören unabänderlich zum freien Spiel der Kräfte hinzu, da muss man sich keine Illusionen machen. Wenn aber nur ein Konzern die Kunden und Banken um ein paar Milliarden Euro schröpft, sind Lug und Trug zu verkraften.

Man muss sich nur kurz mal vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn eine Finanzkrise wie im Jahr 2007/08 Covid-19 flankieren würde. Eine Pandemie ist schlimm genug. Zwei Pandemien wären die Hölle.

Zweitens: Einer meiner Lieblingsgedanken ist dieser: Es gibt die List der Vernunft, die sich hinterrücks durchsetzt, ohne dass es derjenige ahnt, auf den sie es abgesehen hat. Ohne Pandemie wäre Donald Trump Präsident geblieben. Ohne seine steinerne Gleichgültigkeit gegenüber den Toten wäre er Amerika nochmals vier Jahre erhalten geblieben. Er konnte ja sich leisten, was er wollte, und wir konnten uns so maßlos empören, wie wir wollten: Nichts konnte ihn beeindrucken, aber die Pandemie kann es.

Trump muss es in den Wahnsinn treiben, dass ein Mann, der noch älter ist und eigentlich keine Zukunft mehr hatte, am 20. Januar seine Stelle im Weißen Haus einnehmen wird. Ohne Trump kein Joseph Biden jr.

Die List der Vernunft hat zugeschlagen.

Drittens: Boris Johnson hingegen ist nur ein Clown, kein Mephisto. Bevor ihn die Kombination aus Pandemie und Brexit wegfegen kann, biegt er bei. Schnell noch macht er, was er in schöner Selbstgefälligkeit nicht machen wollte, und lässt sich auf einen Handelsvertrag mit der Europäischen Union ein. Mag er ihn noch so wortreich als geniales Abwarten bis zur allerletzten Minute ausgeben, weiß doch jedermann, dass er knapp eine Katastrophe abwendete. Kurz vor Weihnachten konnte das Königreich absehen, was ein vertragsloser Zustand bedeuten würde, als Europa die Grenzen dicht machte: leere Regale und volle Lastwagen, die sich in Calais stauen. Auch Boris Johnsons Besinnung kann man unter List der Vernunft abbuchen.

Viertens: Dass es nicht zum Bruch mit Großbritannien kommt, ist auch ein Verdienst der unermüdlichen Verhandlerin, die wir in unserer Bundeskanzlerin haben. Ab jetzt dreht sie ihre letzte Runde und wenn sie im September abtritt, ist hoffentlich die Pandemie so gut wie vorbei. Zugleich können wir uns schon ab der zweiten Januarhälfte an den Gedanken gewöhnen, dass ein frisch gewählter Bundesvorsitzende der CDU sie beerben will.

Der Kontrast dürfte allerdings wenig erbaulich ausfallen. Was Angela Merkel lässig aus dem Ärmel schüttelt, muss sich der Neue erst mühselig aneignen, auch wenn Friedrich Merz so groß von sich denkt, als sei er für die Kanzlerschaft geboren und nur durch unglückliche Umstände noch nicht dort angelangt, wohin er gehört, während Armin Laschet mit seinem Weiter-so-wie-unter-Angela-Merkel die Bescheidenheit  zur Tugend erklärt. Natürlich wollen wir auch nicht Markus Söder vergessen, den Ich-habe-Recht-und-zwar-immer-egal-was-ich-sage. Zyniker würden sagen: Das wird noch lustig mit den Dreien.

Erst einmal klingt das Jahr der Pandemie still aus. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass sich die Zahl der Infizierten und Toten bis zum 10. Januar erheblich vrringern wird. Der Lockdown, er wird verlängert und vielleicht sogar noch einmal verschärft. Na ja, immerhin hat der Wettlauf zwischen Virus und Impfung begonnen. Daraus lässt sich gedämpfte Zuversicht für 2021 schöpfen, ist doch was.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Letzte Tage mit The Donald

Vor kurzem begnadigte der amerikanische Präsident den General Michael Flynn, der wenige Wochen lang sein Nationaler Sicherheitsberater gewesen war. Loyalität wird belohnt, so hält es die Mafia und so halten es Autokraten vom Naturell Donald Trumps. Flynn war ja nur Lug und Trug nachgewiesen worden, weshalb er einem Deal einwilligte und ins Gefängnis musste, aber er packte nicht aus. Lug und Trug sind kein Maßstab in diesem Weißen Haus. 

Aus Dankbarkeit verfiel der begnadigte General auf die formidable Idee, der Präsident möge doch das Kriegsrecht im Land einführen, um zu verhindern, dass Joseph Biden jr. Präsident werden kann, da doch nun einmal Donald Trump die Wahl haushoch gewann, was eindeutig durch die Tatsache nachweisbar ist, dass Donald Trump höchstselbst dieser unumstößlichen Überzeugung anhängt, egal was die Gerichte sagen mögen, vor die seine Unterlinge für ihn gezogen sind, unerschüttert vom Sammeln von Niederlage auf Niederlage.

Was mit einem Führerbunker gemeint ist, lässt sich an der Pensylvania Avenue 1600 studieren. Hier in seinem Amtssitz verharrt Trump unmaskiert mit seinen Getreuen, die sich nach und nach das Virus einfangen. Wer ihm darin zustimmt, dies sei die korrupteste Wahl in der Geschichte der USA, darf bleiben. Wer Zweifel erkennen lässt, wie der Justizminister William Barr, wird von der Tafelrunde verbannt, egal wie tapfer er das Lied des Herrn jahrelang gesungen hat. Wer sich für den großen Donald bis zur Lächerlichkeit aufreibt wie Rudy Giuliani, darf auf präventive Amnestie hoffen. Und wer sich vor den TV-Kameras impfen lässt, wie Vizepräsident Mike Pence, gilt im Führerbunker als Weichei.

Was ist schon diese Pandemie mit 17,6 Millionen Infizierten und 310 000 Verstorbenen in den USA im Vergleich zur persönlichen Tragödie Donald Trumps, der das Weiße Haus verlassen muss, von dem aus er so stilvoll zum Golfen in seine Resorts fliegen konnte. Die Tragödie besteht darin, dass diesmal alles Leugnen nichts hilft, dass seine Macht nicht hinreicht, um die Fakten zu fälschen. Ihm bleibt nur Destruktion aus Rache und deshalb vergiftet er das Land so sehr er nur kann.

Es fällt schwer, die letzten Tage des Donald Trump ohne Sarkasmus zu beobachten. Sarkasmus macht keinen Spaß. Sarkasmus erwächst aus der Irritation über Verantwortungslosigkeit von Figuren, für die Verantwortung keine Kategorie ist, weil für sie nur eines zählt, genauer gesagt nur einer: das IchIchIch.

Niemand außer Trump kann ernsthaft bestreiten, dass die Pandemie eine erschütternde Tragödie ist. Weltweit 1,69 Millionen Menschen sind schon am Virus gestorben, Tendenz in vielen Ländern steigend, auch in Deutschland. Kleine Länder wie Litauen und Schweden sind momentan besonders schlimm betroffen. In England und Südafrika tritt eine verschärfte Mutation von Covid-19 auf. Solche verheerenden Informationen überlagern sogar den Beginn der Impfung in Amerika und Großbritannien und bald auch in Deutschland. 

Im Rückblick auf das Jahr der Pandemie ragt dieses Phänomen, das Trump ist, bei weitem heraus. Der Trost, dass er am 20. Januar das Feld räumen muss, fällt schal aus. Joe Biden erbt die Pandemie und das vergiftete Land; darum ist er nicht beneiden. Gegen Trump ist selbst Boris Johnson ein halbwegs kurierter Clown, weil er für sein Land die Konsequenzen aus Corona zieht und seine Spielchen auf die Auseinandersetzung mit der Europäischen Union beschränkt, bei der es vermutlich bis zur letzten Minute um einen neuen Handelsvertrag nach dem Brexit gehen wird.

Amerikas neues Jahr beginnt erst am 20. Januar, wenn Joe Biden ohne das übliche Brimborium vereidigt wird. Bescheidenheit ist angemessen, solange die Pandemie wütet. Ein bisschen Hoffnung darf sein, weil Donald Trump, der böswillige Narziss, sich einen anderen Standort für seine vergifteten Tweets suchen muss.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der Mann, der uns George Smiley schenkte

Ich war jung, als ich David Cornwell, alias John le Carré, kennenlernte und ungemein beeindruckt war von ihm. Er war ein feinsinniger Mann mit schmalem Kopf, der gerne lächelte. Lautes Lachen erschien ihm wohl unangemessen, wie er die Welt sah, als einen Tummelplatz seltsamer Spione, gebrochen und tückisch und besessen von ihrem Handwerk, das sie zum Scheitern verdammte, selbst im Erfolg Außerdem war er nun einmal Brite und benahm sich auch so, obwohl er keineswegs aus guter oder gar wohlhabender Familie stammte, eher aus dem Gegenteil. 

Er mochte Deutschland, er kam regelmäßig herüber. Er lebte in jungen Jahren in Bonn und Hamburg, sprach gut deutsch in diesem behutsamen Singsang, weil Menschen sich in einer zweiten Sprache, so gut sie sie auch sprechen, stets in der Angst vor Fehlern bewegen, die sie in Verlegenheit stürzen könnten.

In einem seiner letzten Interviews erzählte Le Carré von seinen Ursprüngen als Autor von Kriminalromanen. „Ich habe das Glück gehabt,“ sagte er, „dass ich mit einem Thema auf die Welt kam.“ Das Thema war nicht etwa der Kalte Krieg in der geteilten Nachkriegswelt, das Thema war sein Vater. Der war ein ebenso außergewöhnlicher wie unersättlicher Krimineller, ein lebenslanger Hochstapler mit Verbindung zum organisierten Verbrechen in London.

„Eine endlose Prozession faszinierender Leute“ mit verbrecherischem Hintergrund habe seine Kindheit bevölkert, sagte le Carré in diesem Interview. Er habe gar nicht gewusst, was Wahrheit ist. Wahrheit war das, womit man durch kam. Die Mutter brannte mit einem Geschäftsfreund ihres Mannes durch, als David 5 Jahre alt war. Der Vater sagte, sie sei tot. Dann steckte er ihn und seinen Bruder in teure Internate, weil Hochstapler eben groß denken. 

Was wird aus so einem Kind, Jugendlichen, jungen Mann, der so aufgewachsen ist? David Cornwell flüchtete in die Institutionen, die hinter seinem Vater her waren. Als Student in Bern erwies er dem britischen Auslandsnachrichtendienst M.I. 6 kleine Dienste. In Oxford dann arbeitete er für den Inlandsgeheimdienst M.I. 5 und horchte kleine kommunistische Studentenzirkel aus.

In England gehörte es im und nach dem Krieg dazu, dass einige Studenten aus bestem Haus eine seltsame Vorliebe fürs Spionieren entwickelten. Kim Philby zum Beispiel war Teil einer Clique, die der Sowjetunion Geheimmaterial zukommen ließ. Le Carré tat das Gegenteil und hatte keine sonderliche Sympathie für die Kilbys seines Landes. In „Dame, König, As, Spion“ verarbeitete er diese fünfte Kolonne, deren Enttarnung ein Riesenskandal in England war.

Ehe David Cornwell zu John le Carré wurde, unterrichtete er den Nachwuchs der britischen Elite in Eton und versuchte sich als Kinderbuch-Illustrator. Dann trat er vollends dem Inlandsgeheimdienst bei und lernte Agenten zu führen, Telefone anzuzapfen und andere Spione zu verhören, eben das reiche, seelenlose Handwerk, aus dem er später seine Geschichten schöpfte.

Sein berühmtestes Buch blieb „Der Spion, der aus der Kälte kam“. Le Carré war gleich nach dem Mauerbau nach Berlin geschickt worden. Berlin war das Dorado für sämtliche Geheimdienste der Erde. Ein idealer Ort für diesen Roman, der zum ersten unter zahllosen Bestsellern geriet, 1965 verfilmt, mit Richard Burton in der Hauptrolle.

Le Carré wies damals seine Bank an, sie möge ihn benachrichtigen, sobald 20 000 Pfund auf seinem Konto lägen. Als es soweit war, schied er aus dem Dienst aus und war fortan ein freier Mann, ein freier Schriftsteller. Er kreierte seine eigene Welt aus Spionen und brachte darin Biographisches aus dem echten Leben unter.

John le Carrés Hauptfigur ist George Smiley. Er ist klein und dick. Ein ebenso bescheidener Melancholiker wie brillanter Mann. Er ist der Inbegriff des desillusionierten Meisterspions, der an seinem Dienst irre wird und den seine Frau betrügt.

 Zugleich ist Smiley so etwas wie Carrés Ersatzvater für den leiblichen Vater, dem Monster an Lüge und Betrug, für den der Sohn immer wieder aufkam, wenn er pleite war, Schulden angehäuft hatte, ohne je zur Besinnung zu kommen. Le Carré sagte dazu: „Smiley war als Vaterfigur in meiner Phantasie die genaue Antithese zu meinem echten unberechenbaren Vater.“

In seinem letzten Buch „Federball“ ist Carré ganz in der Gegenwart angekommen. Der amerikanische Präsident lässt seinen Geheimdienst mit den Briten zusammenarbeiten, um die demokratischen Institutionen der Europäischen Union zu untergraben. „Schrecklich plausibel“ nannte Le Carré diese Romanhandlung und verwies auf Donald Trump. Die Gegenwart liefert nun einmal die besten Geschichten, die niemand glauben würde, dächte ein Autor sie sich nur aus. 

Am Ende seines Lebens wollte David Cornwell nicht einmal mehr Brite sein. Den Brexit fand er grauenvoll, besser gesagt fand er die Menschen grauenvoll, die den Brexit wollten und auch diejenigen, die ihn nicht verhinderten. So wurde aus ihm im Oktober 2019 ein Staatsbürger der Republik Irland.

60 Jahre lang hat John Le Carré Bücher geschrieben. Die Welt mit Geschichten beschenkt, die unsterblich sind. Bescheiden ist er geblieben und unnachgiebig in seinem Eigensinn. Was für ein Leben, was für ein Mann, was für ein Werk! Danke, David.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute morgen.

Der BVB und seine Trainer

Borussia Dortmund hat seinen Trainer Lucien Favre entlassen. War abzusehen, stand schon länger bevor und als Mats Hummels am Samstag nach der 1:5 Klatsche gegen den Neuling VfB Stuttgart ein paar passende Bemerkungen machte, tickte die Uhr.

Es geht nicht um Favre, der Reyna dazu verhalf, ein richtig guter Spieler zu werden, der Sancho richtig behandelte, der überhaupt einzelne Spieler bestens entwickelte, aber die Mannschaft verlor. Es geht um Achim Watzke, der einen elementaren Fehler machte und dann nacheinander Bosz, Stöger und jetzt eben Favre entlassen musste. Ich wüsste wirklich zu gerne, ob er sich eingesteht, woran die Misere mit diesen drei Trainern krankt.

Der letzte Titel, den Borussia Dortmund gewann, liegt ein paar Jahre zurück. 2:1 gewann der BVB im Jahr 2017 gegen die Frankfurter Eintracht. Der Trainer hieß Thomas Tuchel. Er musste ohne die Erfolgachse der Klopp-Jahre auskommen: Hummels ging nach München, Mchitarjan nach Manchester, Gündogan zu ManCity. Er machte großartige Spieler aus Dembele und Aubameyang. Im Halbfinale gewann Dortmund bei Bayern in München in einem ungemein spannenden Spiel 3:2. Das dürfte der letzte Sieg in einer laufenden Saison gegen die Bayern gewesen sein.

Tuchel war damals ein junger, schwieriger Trainer. Filigran und nervös. Ein Tüftler und Könner. Einer, der ein Konzept gegen jede Mannschaft ersann. Einer, der sich nicht reinreden ließ. Damit machte er sich angreifbar. Zumal bei Watzke, der von Klopp träumte, von Klopp redete und einen zweiten Klopp haben wollte: zum Biertrinken, Skatspielen, Plaudern. Das größte Manko Tuchels bestand darin, dass er nicht wie Klopp war – dass er nicht Klopp war.

Nach dem Pokalsieg 2017 entließ der Geschäftsführer Watzke den Trainer Tuchel. Er sagte, es musste sein. Er sagte, die Mannschaft wollte es so. Er sagte, auf das Wort Tuchels könne sich niemand verlassen. Er rede heute so und morgen so. Das bezog sich auf den Anschlag auf die Mannschaft, die Tags darauf ihr Champions-League-Spiel bestritt, war ihr nicht gut tat. Tuchel war erst dafür und erkannt dann, dass es ein Fehler gewesen war.

Ein Geschäftsführer begeht einen Fehler, wenn er einen erfolgreichen Trainer, dem er außergewöhnliche Eigenschaften zubilligt, in die Wüste schickt. Es rächt sich. Es hat sich gerächt.

Tuchel trainiert unter schwierigsten Umständen ein schwer zu trainierendes Team. Paris war im Sommer mit ihm im Endspiel der Champions League und ist in diesem Jahr auch wieder gut dabei. Wer sich in Paris mit den eigenwilligen Eigentümern vom Persischen Golf herumschlagen muss und mit Primadonnen wie Mbappé und Neymar klar kommt, wer es versteht immer auf der Rasierklinge zu reiten, kann nicht so fürchterlich schlechter Charakter gewesen sein, wozu sie in Dortmund erklärt haben. Ist Guardiola nicht schwierig? Oder Mourinho? Das ist ist Trainer-Elite, in der Tuchel anzusiedeln ist.

Bosz macht einen guten Job in Leverkusen. Stöger macht einen guten Job bei Austria Vien. Und Tuchel? Schon möglich, dass er nicht mehr lange in Paris bleibt. Die nächste Station könnte Real Madrid oder CF Barçelona sein.

Kleiner Unterschied, oder? Und wen holt jetzt der BVB?

Was wäre die Alternative?

Ich gehöre nicht zu den umsichtigen Menschen, die schon alle Geschenke beisammen haben. Ich werde Mühe haben, für jeden etwas bis Dienstag zu bekommen, bevor das Land in Starre verfällt. An Weihnachten sitzen wir sonst immer in großer Runde zusammen. Diesmal bleiben wir zu dritt, Eltern und Tochter, und wir werden uns komisch fühlen. Dann Silvester: ohne Böller ist der Jahreswechsel langweilig, na klar.

Ist aber eben so. Muss so sein, wenn sich Menschen massenweise Tag für Tag neu infizieren, wenn Tag für Tag 400 bis 500 Menschen sterben. Demokratien müssen dann Humanität beweisen und versuchen, diese üble Pandemie mit äußersten Mitteln einzudämmen. Wenn es mit einem leichten Lockdown nicht geht, dann liegt die Verschärfung nahe, die seit heute morgen beschlossene Sache ist.

Natürlich sind die Folgen für unser Wirtschaftsleben und die Kultur fatal. Natürlich führen Stillstand und Ausschluss zu Spannungen in kleinen Wohnungen mit vielen Menschen einerseits und zur Vereinsamung von Alleinlebenden andererseits. Aber was wäre die Alternative? Mehr Gleichgültigkeit oder Zynismus?

Die Länder um uns herum sind da ohnehin weiter. Österreich oder Frankreich fingen früher mit durchgreifenden Maßnahmen an, ohne dass die zweite Welle gebrochen wäre. Die Schweiz dagegen bleibt stur, obwohl die Zahlen dort auch steigen. Der im Weißen Haus verbarrikadierte Präsident schert sich nicht um die monströse Zahl an Infizierten und Toten, weil er sich immer und ewig nur um sich selber schert und preist sich jetzt dafür, dass der Impfstoff da ist. Absurder Sonderfall.

In Deutschland ist es für einen Nachruf zu früh, schon wahr, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir unsere Bundeskanzlerin ziemlich bald vermissen werden, sobald sie uns mit den 16 Zwergen aus den Bergen alleine lässt. In den letzten Wochen und Monaten hat sie mehr Klarsicht und größere Urteilskraft als jeder von ihnen bewiesen. Wäre es nach ihr gegangen, wäre der Lockdown Ende Oktober weniger leicht ausgefallen und müsste jetzt nicht ausgerechnet zur Weihnachtszeit verschärft werden.

Ging es aber nicht. Die Ministerpräsidenten wussten es besser, wollten das eine nicht und das andere gleich gar nicht. Sie wollten sich voneinander unterscheiden und die Pandemie nach eigenem Gusto handhaben. So kam dieses seltsame Hin und Her der letzten Wochen zustande, das die Bürger eher ratlos macht und so das Vertrauen in die Regierung schmälert.

Bei den Rückblicken auf dieses Virus-Jahr dürfte die Debatte im Bundestag der vorigen Woche nicht fehlen, als die Kanzlerin gegen ihre Gewohnheit zeigte, wie ihr zumute ist. Sätze wie diese graben sich ins Gedächtnis ein: „Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben!“ Als sie sagte, dass die Pandemie in die entscheidende Phase eingetreten sei, rief Beatrix von Storch dazwischen, dass sei ja alles nicht bewiesen. Da reagierte die Kanzlerin angenehm grundsätzlich. „Wissen Sie, das ist der Unterschied. Ich glaube an die Kraft der Aufklärung.“ Sie fuhr fort, „dass man die Schwerkraft nicht außer Kraft setzen kann, die Lichtgeschwindigkeit und auch andere Fakten nicht.“

Gut gebrüllt. Hätte sie öfter machen sollen, das Visier mal herunter zu klappen.

Auch unter meinen Bekannten gibt es Merkel-Verächter, die sie für einen Irrtum von Anfang an halten: Alles falsch gemacht, 16 Jahre lang, eine einzige Katastrophe. Sie schreiben es auch in ihren Kommentaren zur Lage der Nation und zwischendurch habe ich gedacht: Dahinter steckt ein Geschäftsmodell und nicht unbedingt Überzeugung. Inzwischen weiß ich, dass sie es so meinen.

Sei es wie es sei. Mir bleibt in Erinnerung, was Alice Weidel von der AfD dazu anmerkte: Sie faselte von der „Trickkiste der autoritären Herrschaft“, die Bürger einsperre und obendrein „Klimaschutzhysterie“ betreibe. Zur Abrundung sagte sie im Orgelton der Niedertracht:. „Kommen Sie raus aus Ihrem geistigen Wandlitz!“

Diese fortgeschrittene Ignoranz ist jedenfalls keine Alternative zur Regierungspolitik. Deutsche Trumps.

Markus Söder hat mal gesagt, jeder Politiker müsse sich am Umgang mit Covid-19 messen lassen. Klingt gut, könnte auch richtig sein. Gilt auch für ihn. Bayern hat nicht die größten Fallzahlen, aber die meisten Toten zu verzeichnen: 4848 bis letzten Freitag.

Der bayerische Ministerpräsident hat gerade zugegeben, dass der leichte Lockdown seit Ende Oktober ein Irrtum war. Immerhin. Über ihn lässt sich leicht sagen, dass er das Markige liebt und den großen Auftritt sucht. Stimmt schon, ist aber nicht alles. Ihm nimmt das Publikum eben auch das rastlose Bemühen ab, der Herausforderung gerecht zu werden. Die Merksätze bei der Pressekonferenz heute kamen von ihm: Bergamo sei nachher, als manche glaubten. Ganz oder gar nicht sei, das sei die Alternative.

Nordrhein-Westfalen hat die meisten Infizierten, kein Wunder, ist ja auch das größte Bundesland: 314 937. Womit wir bei Armin Laschet wären. Was seine Partei von seinem Krisenmanagement hält, wird sie ihm im  Januar mitteilen. Dann wählt sie den neuen Vorsitzenden, der zumindest ein Zugriffsrecht auf die Kanzlerschaft besitzt. Die Kenner des CDU-Innenlebens sehen momentan Friedrich Merz vorn. Soll das etwa eine gute Nachricht sein? Und für wen? Wie gut, dass wir noch eine Weile diese Kanzlerin haben.

Die Pandemie macht mit uns, was sie will. Wie lange noch? Weiß keiner. Am 10. Dezember ziehen wir erneut Bilanz.

Von jetzt an gilt noch mehr als zuvor das Prinzip Hoffnung. Von jetzt an werden wir in zwei Welten leben. In der einen Welt erschrecken wir über die Rekorde an Toten und Infizierten und hoffen darauf, dass der Lockdown die zweite Welle brechen kann. In der anderen Welt stellen wir uns bald schon in den Impfzentren an, um uns gegen das Virus impfen zu lassen.

Viel Glück! Und: bleiben Sie vom Virus verschont!

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was Corona für Celan bedeutete

In den vergangenen Tagen habe ich immer mal wieder in einem Gedichtband geblättert. Ich mag Gedichte. Einige habe ich in einer Phase meines Lebens auswendig gelernt, als ich dachte, ich bräuchte etwas für mich allein, ohne die permanente Ausrichtung auf den Zweck, der damals übermächtig war. Also habe ich nach dem Zufallsprinzip angefangen. Die Bürgschaft übte ungemein, weil sie so lange ist. Rilke wegen der Denkgedichte. Benn und Brecht, Goethe sowieso, natürlich Kästner, Morgenstern etc.

Lange habe ich keines mehr gelernt und das schmerzte mich plötzlich, als ich diese Zeilen las:

Aus der Hand frisst der Herbst mir das Blatt; wir sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie geh’n: /Die Zeit kehrt zurück in die Schale. / Im Spiegel ist Sonntag, / im Traum wird geschlafen, / der Mund redet wahr.

Kenner werden längst wissen, dass wir Celan vor uns haben. Weiter geht es so:

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten: / wir sehen uns an, / wir sagen uns Dunkles, / wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, / wir schlafen wie Wein in den Muscheln, wie das Meer im Blutstrahl des Mondes. / Wir stehen umschlungen im Fenster, / sie sehen uns zu von der Straße: / es ist Zeit, dass man weiß! / Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, dass der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, dass es Zeit wird. / Es ist Zeit.

Das Gedicht gehört in den Zyklus „Mohn und Gedächtnis“ und erschien im Jahr 1952. Die Interpretation überlasse ich anderen. Mich verblüffte der Titel: Corona. In der „Welt“ schrieb Hans-Christian Buch im Frühling dieses Jahres darüber und zitierte aus Petris Fremdwörterbuch von 1889, was unter Corona zu lesen steht: Krone, Kranz, Tonsur, Mannschaft, Sippschaft, syphilitischer Ausschlag. Er schreibt dazu: „Keine dieser Bedeutungen passt zu Celans Gedicht, wohl aber der Hinweis auf die von Perseus verlassene Ariadne, die ihm mit ihrem Wollknäuel zur Flucht aus dem Labyrinth verhalf. Der Weingott Dionysos verliebte sich in Ariadne und versetzte sie nach ihrem Tod an den Nachthimmel, ins Sternbild der Corona.“

Wie tröstlich, dass Corona ein Sternbild ist, von Celan in ein Gedicht verwandelt.