Kabul wird fallen

t-online: Herr Ischinger, systematisch erobern die Taliban das Land zurück, aus dem sie vor 20 Jahren durch die Intervention des Westens vertrieben worden waren. Überrascht Sie die Schnelligkeit des Vormarsches?

Ischinger: Ja, denn ich hatte mit größerer Widerstandskraft gerechnet. Die afghanischen Streitkräfte sind ja gut ausgebildet und ausgerüstet. Aber die Taliban sind von einem tiefreligiösen Glauben bewegt, für den sie auch zu sterben bereit sind. Diese Bereitschaft unterscheidet sie von den Truppen der Regierung, denen es eher um den Sold geht und nicht um die Religion.

Mehrere Richterinnen und Journalistinnen töteten die Taliban in den letzten Tagen, auch einen landesweit bekannten Comedian. Sie verhalten sich genau so repressiv und grausam wie vor 20 Jahren. Muss Afghanistan mit dem Schlimmsten rechnen?

In der Sicherheitspolitik ist es immer richtig und sogar vernünftig, vom schlimmsten Fall auszugehen. Ich wäre angenehm überrascht, wenn die Taliban plötzlich zur Teilung der Macht bereit wären und zu einer maßvollen Politik.

Offensichtlich wollen die Taliban die Spuren von 20 Jahren Fremdherrschaft tilgen, wozu die Bestrafung der Menschen gehört, die für Amerikaner oder Kanadier oder Deutsche arbeiteten. Hat sich der Westen zu wenig um Fahrer, Übersetzer oder Sicherheitskräfte gekümmert?

Gerade wir Deutschen saßen und sitzen ja besonders gern auf dem hohen Roß und halten es in der Außenpolitik mit der Moral. Deshalb steht es uns nicht gut zu Gesicht, wenn wir nicht sämtliche örtliche Hilfskräften in Sicherheit bringen. Sonst sind sie in Todesgefahr, kein Zweifel.

Auf Afghanistan nehmen jetzt wieder die Nachbarn Einfluss, allen voran der ISI, der pakistanische Geheimdienst, der immer sein eigenes Spiel spielte: Einerseits unterstützte er den Westen nach 9/11, andererseits fanden die Taliban in Quetta Asyl und Osama bin Laden in Abbottabad. Was verspricht sich Pakistan jetzt von den Taliban?

Es ist einfach wahr, dass Pakistan und vor allem sein Geheimdienst immer auf zwei Schultern getragen haben. Die Regierung wollte und brauchte gute Beziehungen zu den USA und strebte zugleich möglichst großen Einfluss auf Afghanistan an. Als islamisches Land und und direkter Nachbar, der dort wie nirgendwo sonst mitmischen kann, bleibt Pakistan massiv daran interessiert, was und wer die Macht dort innehat. Und natürlich will Pakistan unbedingt verhindern, dass Indien eine größere Rolle zufällt.

Alles, was Pakistan treibt, erfüllt Indien mit tiefstem Misstrauen. Deshalb unterstützt Indien die afghanische Regierung unter Präsident Ashraf Ghani, die um ihr Überleben kämpft. Glauben Sie, dass sie sich halten kann?

So schnell, wie die Taliban vordringen – gerade haben sie Herat und Kandahar, die zweit- und drittgrößte Stadt erobert –, und so gering, wie der Widerstand der afghanischen Streitkräfte ausfällt, wäre es fast ein Wunder, wenn es nicht schon bald um die Macht in Kabul ginge. Präsident Ghani bleibt nur die Hoffnung, dass die Taliban, vielleicht um der internationalen Akzeptanz willen, doch noch die Macht teilen. Nur dann könnte die Vielmillionenstadt Kabul von einer militärischen Auseinandersetzung verschont bleiben.

Auch Iran ist ein wichtiger Faktor. Angeblich leben dort schon zweieinhalb Million Afghanen, Hunderttausende könnten bald folgen. Iran scheint sich damit abzufinden, dass die Taliban die Macht militärisch erobern. Gib es denn überhaupt eine Alternative?

In der Vergangenheit hat sich Iran dem Westen immer wieder als Partner angeboten, eben auch den USA. Iran hat kein Interesse an der Fortsetzung des Krieges durch einen Bürgerkrieg in Afghanistan. Nur wenn dort einigermaßen stabile Zustände herrschen, könnten Hunderttausende Flüchtlinge nach Afghanistan zurückkehren.

Sie sind Diplomat, Diplomaten suchen Kompromisse, wo es keine zu geben scheint. Was würden Sie für Afghanistan vorschlagen?

In Syrien sieht sich der Sicherheitsrat der Uno seit zehn Jahren nicht in der Lage, für Frieden zu sorgen. In Afghanistan könnte es anders sein, weil weder Indien noch Russland und schon gar nicht China Interesse an einem radikalislamischen Regime haben, weil die KP Auswirkungen auf die muslimischen Uiguren befürchten muss. Also könnte es sein, dass der Sicherheitsrat sich diesmal seiner weltpolitischen Aufgabe bewusst wird.

US-Diplomaten verhandelten in Doha mit Taliban-Abgesandten. Ging es ihnen nur darum, die Truppen heimzuholen, und haben sie sich zu wenig um die Zeit nach dem Abmarsch gekümmert?

Der Chefunterhändler Zalmay Khalilzad ist ein guter alter Bekannter von mir. Er stammt aus Afghanistan, ist mit einer Österreicherin verheiratet, seine Kinder sprechen Deutsch. Als Unterhändler habe ich Khalilzad nicht beneidet. Wie sollte er die Taliban zu einem Kompromiss zwingen, da doch die Grundentscheidung zum Abzug lange schon gefallen war? Uns lehrt dieser Vorgang nur eines: Verhandle nie aus einer Position der Schwäche!

Was könnte Deutschland, was Europa jetzt tun?

Nicht sehr viel. Mit anderen internationalen Akteuren könnten wir unsere künftige finanzielle Hilfe an Bedingungen knüpfen. Ob wir damit Eindruck auf die Taliban machen? Das wissen wir erst hinterher.

Welche Bedeutung schreiben Sie Afghanistan unter diesen Umständen weltpolitisch zu?

Der Fall Afghanistan manifestiert geostrategisch die aktuelle Schwäche des Westens. Westlessness? Das verheißt nichts Gutes für andere Konfliktzonen und wird illiberale Strömungen eher stärken. Deshalb ist Afghanistan ein Lackmustest für die Fähigkeit der gesamten internationalen Gemeinschaft, Konflikte zu regeln. In Syrien, im Jemen, in Libyen hat sie Krisenprävention und Krisenmanagement nicht unter Beweis gestellt, um es freundlich zu sagen. Es wäre ein erbärmliches Signal, wenn die Vereinten Nationen in Afghanistan erneut versagen würden.

Herr Ischinger, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Der Beelzebub der Stunde

Irgendwie warten wir ja wohl alle darauf, dass der Wahlkampf richtig los geht und nicht mehr nur vor sich hin wabert. Momentan scheint die Frage zu sein, wie schmutzig er wird.

Einen Vorgeschmack gibt es gerade in zahlreichen deutschen Städten, in denen Schmähplakate gegen die Grünen hängen. Sie sind täuschend echt mit sämtlichen Accessoires versehen, nur dass die Sonnenblume den Kopf hängen lässt und solche Leitbegriffe darauf stehen: „Sozialismus. Bevormundung. Verbote.“

Na ja, eher oberlehrerhaft, könnte auch Christian Lindner gesagt haben. Dann steht da aber auch dieser Dreiklang: „Industrievernichtung. Arbeitsplatzvernichtung. Wohlstandsvernichtung.“ Das ist schon härter und das Echo fiel entsprechend aus: CDU und SPD solidarisierten sich umgehend mit den Grünen, den Leidtragenden dieser Kampagne.

Worum es geht, sagt ein anderer Dreiklang aus: „Totalitär. Sozialistisch. Heimatfeindlich.“ Diese Formel stammt aus dem Wehrmachtstornister der Rechten. Der Mann, der die Kampagne orchestriert, heißt David Bendels, war mal in der CSU, die ihm aber zu links war und als sie sich nicht auf selige Strauß-Zeiten („Freiheit oder Sozialismus“) zurückdrehen mochte, wandte er sich der AfD zu. Er nannte sie schon vor Jahren die einzig wählbare Partei und trat dankbar mit Alice Weidel und Alexander Gauland auf.

Bendels ist so was wie ein kleiner deutscher Steve Bannon. Er ist Chefredakteur des „Deutschland-Kurier“ und führt den „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten“. Alles, was er macht, bezahlt er angeblich aus Spenden, aber das muss nicht die ganze Wahrheit sein. In 50 Städten Fake-Plakate kleben zu lassen, ist nicht nur logistisch anspruchsvoll, sondern auch teuer. Vielleicht hören wir da bald mehr.

Viele rechnen ja damit, dass der Hass, der das Netz vergiftet, direkt in die politische Arena schwappt und sie kontaminiert, wie es Donald Trump in Amerika vormachte. Sein Mephisto war damals Steve Bannon, der ihn zum Präsidenten machte, dann aber in Ungnade fiel und seither durch Europa tourt, um die hiesige nationale bis halbfaschistische Rechte zu großen Taten anzuspornen.

Leute wie Bannon und Trump machen keine halben Sachen, sie versuchen Gegner*innen zu zerstören, in den Wahnsinn zu treiben. Dafür ist ihnen kein Mittel zu schade und jeder recht, der sich anbietet. Bei uns gibt es manchmal Anklänge an solche Vorbilder, wie der Umgang der SPD mit Nathanael Liminski zeigt.

Liminski ist jung, 36 Jahre alt, und sehr katholisch. Vor allem aber ist er der Leiter der Staatskanzlei in Düsseldorf und für Armin Laschet eine wichtige Bezugsfigur. Wird Laschet Kanzler, dürfte Liminski ihn auch in Berlin privilegiert beraten.

Vor 14 Jahren, da war er 22, gab Liminski dem „Spiegel“ ein Interview, in dem er Abtreibungen ablehnte und von Homosexuellen sagte, manche täten ihm leid und die Ehe von Mann und Frau sei naturgegeben. Niemand hat ihn gefragt, ob er heute auch noch so denkt oder redet, aber die SPD hat ihm daraus einen Strick gedreht. Wer CDU wähle, wähle „erzkatholische Laschet-Vertraute, für die Sex vor der Ehe ein Tabu ist“, heißt es in einem Wahlkampfspot.

Ziemlich billig, aber eben auch ein abstoßendes Beispiel für negatives Campaigning, wie es im Neudeutschen heißt. Vielleicht fand die SPD die Idee, Laschet über Liminski zu treffen, besonders gelungen. Vielleicht war es aber auch nur ein dümmlicher Trugschluss, weil der geneigte Wähler jenseits von Düsseldorf kaum wissen dürfte, wer dieser Herr Liminski überhaupt ist. Außerdem könnte man ja professionell einwenden: Fällt euch, werte SPD, eigentlich nichts Intelligenteres gegen Armin Laschet ein?

Kann ja noch werden. Muss ja nicht so lau bleiben. Strengt euch mal an.

Wäre mehr los, wäre nicht halb Deutschland im Urlaub, dann wäre David Bendels auch nicht der Beelzebub der Stunde. Ich habe noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass Anfang September Ernst in die Diskussionen einzieht und es endlich um die Themen geht, die wirklich wichtig sind.

Dann ist der Schmutz à la Bendels/Bannon leichter erkennbar als das, was er ist: Schmutz.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der kleine Professor, ganz groß

Man nannte ihn den kleinen Professor und darin steckte die ganze Ambivalenz, die Kurt Biedenkopf wie eine Aura umgab. Er war klug wie wenige Professoren an den Universitäten und wenige Politiker. Und er konnte so arrogant auftreten, dass sich weniger Gebildete die Krätze ärgerten und ihm dann eben, wegen seiner napoleonischen Größe, abschätzig den kleinen Professor nannten.

Er hätte vieles sein können. In Amerika hatte er studiert und dorthin hätte er mit seiner Eloquenz und seiner Rhetorik bestens gepasst. Er arbeitete in der Wirtschaft, beim Henkel-Konzern, und hätte dort Karriere machen können. Er war promovierter Jurist und hätte als Wirtschaftsanwalt viel Geld verdienen können. Und in der Europäischen Union standen ihm ohnehin alle Türen offen.

Aber wie das so ist, mit diesen Vielfachbegabten, sie suchen sich genau das Feld aus, für das sie nicht prädestiniert sind. Darin liegt die Herausforderung ihres Lebens, ja ihr Lebenssinn. Also ging Kurt Biedenkopf in die Politik und nur sein Tagebuch, das er mehr für die Nachwelt als für sich führte, weiß genau, wie oft er diese Entscheidung bereute. Aber aufgeben gab es für ihn nicht. Scheitern war in seinem Eigenbild nicht vorgesehen. Die Welt würde am Ende schon merken, wer er war, und sich ihm fügen.

Biedenkopfs Nemesis war der gleichaltrige Helmut Kohl. Der holte ihn in die Politik, machte ihn zum Generalsekretär und zu seinem Vorzeige-Intellektuellen. Das ging gut, bis Biedenkopf ihn spüren ließ, wie wenig Kohl ihm geistig gewachsen war. Ein Fehler, ein typischer Fehler, eigentlich ein Anfängerfehler. Der angehende Kanzler ließ ihn fallen und verzieh ihm nie.

Was machte Biedenkopf? Er hätte seinen Ausflug in die Politik zum vorübergehenden Vergnügen erklären können. Er hätte nach Bochum, wo er zu den Stars der nagelneuen Universität zählte, zurückgehen können. So vieles stand ihm offen, aber nein, er entschied sich für die Ochsentour, suchte sich einen Wahlkreis im Ruhrgebiet, wurde CDU-Landesvorsitzender und drehte wie gewohnt das ganz große Rad, worüber seine Parteifreunde, im Großdenken ungeübt, nicht amüsiert waren.

Aus dem kleinen Professor wurde ein Musterbeispiel für jemanden, der recht hat, aber nicht recht bekommt. Die Landes-CDU war froh, ihn wieder los zu bekommen und drehte wieder das kleine Rad. Biedenkopf schrieb schlaue Bücher und sorgte im Alleingang dafür, dass er im Gespräch blieb. Er sah in sich Kanzler-Material, wie denn auch nicht. „Spiegel“ und „Zeit“ gaben ihm Gelegenheit, seine Sicht der Dinge auszubreiten. Der kleine Professor war immer ein Ereignis, das Wellen schlug.

Und dann kam die Wiedervereinigung. Und dann holte ihn die Weltgeschichte aus seinem Exil zurück. Und dann gaben ihm die Sachsen die Chance auf Rehabilitation. Sie wählten ihn 1990 zu ihrem Ministerpräsidenten. Er baute die absolute Mehrheit zweimal aus, was aus heutiger Sicht unvorstellbar ist. Nun endlich erntete er, was er eigentlich gar nicht gesät hatte.

Aus dem kleinen Professor wurde König Kurt. Er war beliebt, er sagte, was seine Untertanen dachten. Er renommierte weniger, er repräsentierte. Nun gut, Bundeskanzler wäre er lieber geworden, aber in Dresden freute er sich über das unverhoffte Glück der Wiederauferstehung.

12 Jahre lang blieb er König Kurt. Dann trat er zurück, umgeben von kleinen Affären, aber mehr noch, weil seine Zeit vorbei war.

Er zog sich an den Chiemsee zurück, zum Leben und zum Denken und zum Schreiben. Dort habe ich ihn besucht, sein Studierzimmer war ein eigener Seitenflügel des großen Hauses. Er las mir aus seinen Tagebüchern vor und sorgte mit Kommentaren fürs Verstehen der Zusammenhänge. In seiner Gegenwart schrumpfte nicht nur ich zum Studenten.

Kurt Biedenkopf blieb der Professor, der er von Gemüt und Charakter war. Einer der Großen im Betrieb der alten Republik und am Ende versöhnt mit dem Schicksal, das ihn in die Politik getrieben hatte.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Mein 13. August

Am Tag, als die Mauer gebaut wurde, war ich 11 Jahre alt und saß mit meinen Eltern und meinem Bruder im Wohnzimmer. Die Nachrichten des Tages hörten wir im Radio, einen Fernseher hatten wir nicht. Unser Untermieter war auch da, ein amerikanischer Zivilist, der oben auf der Radarstation arbeitete. Hof, meine Heimatstadt, besaß weltpolitisch strategische Bedeutung, denn sie lag nahe an der Grenze zur DDR (die damals das Pankower Regime oder Ulbrichts Regime hieß) und zur Tschechoslowakei. Unsere Besatzungsmacht Amerika lauschte tief in Feindesländer hinein. Hof stand die größte amerikanische Radarstation in Europa.

Meine Eltern hatten mit uns im Jahr zuvor das Haus in der Hügelstraße 33 bezogen, das sie gebaut hatten. Wir waren eine deutsche Nachkriegsvorzeigefamilie: VW Käfer, Urlaub auf dem Campingplatz in Italien, Haus gebaut, beide Kinder auf dem Gymnasium. Zur Finanzierung des Hauses trugen wechselnde Untermieter bei. Am liebsten waren uns die amerikanischen Soldaten oder Zivilisten, die uns sonntags mit auf die Base nahmen und immer lustig waren. Der Untermieter, der am 13. August bei uns saß, gehörte dem CIA an, wie wir herausfanden, nachdem er einen schweren Unfall hatte und sofort nach Ramstein ausgeflogen wurde. In seinem Wagen hatte er eine Halterung für das Whiskyglas angebracht, damit er nicht trocken in die Hügelstraße fahren musste.

Ich weiß nicht mehr, wie unser Untermieter hieß, aber er ist mir wegen des Dialogs im Gedächtnis geblieben, der sich zwischen meinem Vater und ihm entspann. Meine Vater sagte: „Und wenn es Krieg gibt, dann nimmst du den Friedel mit rüber in die USA, bitte!“ Friedel war mein Bruder, fünf Jahre älter, und er würde also weggehen, so viel verstand ich, als ich wie betäubt zuhörte. Meinen Bruder wollte mein Vater vor dem Krieg verschonen. Irgendwo in den Weiten Amerikas würde er leben, Englisch lernen, ein Ami werden und nie wieder zurückkommen. Ich aber würde dem Krieg, von dem mein Vater ja offensichtlich wusste, dass er kam, nicht verschont bleiben. Ich würde hier bleiben, in Hof, und mein Schicksal abwarten. Ich wusste nicht, was Krieg war, wie sollte ich auch. Aber er musste furchtbar sein, wenn mein Bruder deswegen gerettet werden musste.

Ich wollte schreien: Und warum darf ich nicht mit? Warum soll ich hier bleiben? Aber natürlich schrie ich nur nach innen, war betäubt, hatte Angst. Krieg. Amerika. Mitnehmen. Ich wusste in diesem Moment ganz sicher, dass die Weltgeschichte, die in Berlin eine Mauer baute, nichts Gutes mit mir im Sinn hatte.

Der Krieg war am 13. August ziemlich genau 16 Jahre vorbei. Mein Vater war doppelbeinamputiert. Was ein Wort: doppelbeinamputiert. Bürokratisch gebanntes Leiden. Der Krieg steckte ihm in den Knochen, wie man so schön sagt, nur dass die Knochen zehn Zentimeter unterhalb beider Knie abgesägt worden waren. Mein Vater war ein Bauernsohn. Er jammerte nie. Er trug seine Prothesen. Mit ihnen tanzte er, fuhr Auto, und manchmal waren die Knochen wund vom Laufen und Tanzen.

Heute kann ich mir gut vorstellen, was in ihm vorging, als er von den Berliner Vorgängen hörte. Er war der ältere von zwei Brüdern gewesen. Jetzt wollte er seinen Älteren retten. Wegschicken. In die Sicherheit ausfliegen. Für dieses Abenteuer war ich zu klein. Ich kam für die Rettungsaktion nicht in Frage. Ich musste in der Hügelstraße ausharren. Außerdem konnte der ESV Hof nicht auf seinen Linksaußen verzichten, tröstete ich mich. Krieg hin, Krieg her, wichtiger war für mich der Fußball.

Später habe ich viel über die Ereignisse hinter den Ereignissen gelesen. Chrustschows bäuerliche Auftritte in der Uno. Seine ständigen Drohungen, die Serie an Berlin-Krisen in den fünfziger Jahren. Der schlaue, uralte Adenauer. Der junge kranke JFK, kaltblütig und klug. In die Schweinebucht hatten ihn die Generale getrieben. Nie wieder würde er auf sie hören. Die Zivilisten regierten im Weißen Haus, The Best and the Brightest, wie David Halberstan später schrieb.

Dass ich Geschichte studierte und mich immer wieder für Geschichte interessierte, hat mit Hof zu tun, der weltpolitisch relevanten Stadt in Nordostoberfranken. Mit unserem Untermieter und der Radarstation. Mit dem 13. August 1961, als nicht nur Berlin geteilt war, sondern ganz Deutschland. Und natürlich mit dem ESV Hof, mit dem ich 1962 oberfränkischer Vizemeister wurde (nur Vizemeister, denn der Schiedsrichter, diese Pflaume, brachte uns um den Sieg).

Nichts davon kommt überraschend

In Afghanistan haben die Taliban eine Großoffensive gestartet und erobern im Westen, Südwesten und Norden Provinz auf Provinz und Hauptstadt auf Hauptstadt. Nimrus oder Tachar sagen uns Deutschen nicht viel, aber Kundus ist uns ein Begriff, denn dort war die Bundeswehr stationiert.

In diesem Handelszentrum, das auch ein Hauptumschlagplatz für den Drogenhandel ist, haben die Taliban jetzt die Macht übernommen und werden dort so vorgehen, wie sie überall vorgehen: Rache üben an Menschen, die im Sold des Westen standen; Schulen schließen, in die Mädchen gingen; ihren steinalten Islam zum Gesetz erheben; hängen oder erschießen, wer immer sich gegen sie auflehnt oder erhebt oder auch nur Missfallen äußert.

Nichts davon ist eine Überraschung. Es kommt, wie es kommen musste. Der Westen geht und die Führung der Taliban kommt aus dem pakistanischen Exil in Quetta zurück. Die Taliban übernehmen das Land wieder, das der Westen ihm nach den Anschlägen auf Amerika am 11. September 2001 abgejagt hatte, weil sie Osama bin Laden beherbergten.

Das deutsche Interesse an Afghanistan war immer lau. Dass dort am Hindukusch unsere Sicherheit verteidigt wird, hat ein Verteidigungsminister behauptet, um den Einsatz zu rechtfertigen. Er hieß Peter Struck, er meinte es ernst, auch wenn der Satz heute fast skurril wirkt. Sein Nachfolger, er hieß Franz Josef Jung, verbat sich, dass der Krieg Krieg genannt wurde; er stufte ihn zum Konflikt herab. Auch sehr komisch. In diesem Krieg, der keiner sein durfte, starben 59 deutsche Soldaten.

Auch jetzt wieder, da die Taliban nach Kandahar und Herat auch Kundus unterwarfen, herrscht im Westen große Verlegenheit, in der das Schweigen dröhnt. Aber was sollten sie auch sagen, Joe Biden oder Boris Johnson oder Angela Merkel?

Immerhin meldete sich ein deutscher Politiker zu Wort und allein diesen Umstand muss man ihm hoch anrechnen. Es ist Norbert Röttgen, der gerne geworden wäre, was Armin Laschet ist, nämlich CDU-Vorsitzender. In der Außenpolitik besitzt er Autorität.

Was sich momentan in Afghanistan ereignet, nennt Röttgen ein Desaster, womit er zweifellos Recht hat. Er sagt auch, der Westen dürfe nicht zulassen, dass die Taliban militärisch Fakten schaffen, da dann die Aussicht auf eine politische Lösung schrumpfe. Und er appelliert an Joe Biden, den Vormarsch der Taliban zu stoppen – militärisch, mit europäischer Unterstützung, auch der Bundeswehr.

Na ja, die Verzweiflung darüber, was in Afghanistan seinen Lauf nimmt, verstehe ich nur zu gut. In Kundus gibt es weder Wasser noch Strom. Leidtragende sind wie immer die Zivilisten. Im Fernsehen sind Schreckensbilder zu sehen, die an Syrien erinnern. Grausam. Trostlos. Aussichtslos.

Aber niemand kann ernsthaft glauben, dass sich die Uhr zurückdrehen lässt. 20 Jahre lang standen westliche Soldaten im Land. Milliarden Dollar flossen in Ausrüstung und Ausbildung von Armee und Polizei. US-Diplomaten verhandelten jahrelang mit den Taliban über die Bedingungen eines Abzugs. Die Taliban ließen sich auf keinerlei Kompromiss ein: keine Machtteilung mit der Regierung in Kabul, keine politische Lösung.

Sie wussten, dass der Westen raus will aus Afghanistan. So warteten sie ab und gehen nun militärisch vor. Die Gewalt, die aus den Gewehrläufen kommt, ist ihr Lebenselixier. Auch US-Bomben- oder Drohnenangriffe werden sie nicht davon abhalten, das Land systematisch zu erobern. Wann sie Kabul, die Hauptstadt, einnehmen werden, ist nur eine Frage der Zeit.

Die Taliban sind wie die Vietcong: an Entsagung gewöhnt, militärisch beispielhaft diszipliniert, erfindungsreich in der militärischen Unterlegenheit,  von ihrem Sieg bis zur Selbstaufgabe überzeugt.

Afghanistan ist ein hartes, sperriges, atavistisches Land, an dem noch jeder Eroberer gescheitert ist. Amerika, Vietnam im Gedächtnis, hätte wissen können, wie auch diese Expedition enden würde.

Veröffentlicht auf t-online.de

Zwei Kandidaten für Kleinkleckerland

Die eine Hälfte Deutschlands, der Norden, war weg und kehrt nun heim. Was findet er vor? Ein gepeinigtes Land, das Sintflut und Tod erlitt. Auch ein unlustiges Land, das am zukünftigen Kanzler mit seiner Gabe zum Verheddern keinen Spaß hat. Die andere Hälfte, der Süden, macht sich jetzt auf und kommt dann wieder, wenn die Pandemie wahrscheinlich wieder in Blüte steht.

Die vierte Welle also. Ist halt so. Ist wohl unvermeidlich. Ist vielleicht auch weniger schlimm oder gar tödlich wie Welle 2 oder 3. Wäre vermutlich weniger bedrohlich, wäre das Impfen nicht ins Stocken geraten. Die Frage ist jetzt, was das bedeutet und wie es sich ändern lässt.

Einige Konsequenzen sind ja schon ausgeschlossen worden. Impfpflicht traut sich niemand zu fordern, wäre vielleicht auch rechtlich anfechtbar. Nur mit den Schultern zu zucken, was soll man machen, ist aber auch keine Lösung. Besser hört sich an, fürs Impfen zu werben, indem jeder, der will, einfach ins Impfzentrum spazieren kann, ohne Termin. Und wenn die Menschen nicht ins Zentrum kommen, kann ja das Zentrum zum Menschen kommen: Vielleicht raffen sich dann Menschen, die zu scheu oder zu träge für längere Wege sind, zum Impfen im eigenen Kiez auf, weil sie ja eigentlich nicht grundsätzlich dagegen sind.

Die anderen erreichen weder Werbung noch Bedrohung. Querdenker waren gestern und vorgestern in Berlin unterwegs. Im Konvoi fuhren etwa 100 Autos durch die Stadt. Aus dem Lautsprecher erklangen lockere Sätze vom faschistischen Staat und von den medial verheimlichten Toten durch Impfung. Ehrlich jetzt? Man hört zu, wundert sich und die kalte Wut steigt auf.

Den Wahlkampf hat die vierte Welle noch nicht erreicht. Dass nunmehr wieder Testpflicht für diejenigen Urlauber herrscht, die weder Corona hatten noch doppelt geimpft ist, ist offenbar ohne Streitpotential. Momentan findet ohnehin nichts statt, was den Namen Wahlkampf verdient hätte. Über ihn wird vorrangig geredet und da ging wiederum Markus Söder zuerst im „Spiegel“ und dann im ZDF voran. Er sagte, wie er ist, der Wahlkampf, und wie er sein müsste. Klare Kante, Angriff, basta – eben södermäßig.

Wie immer hat er einerseits Recht und andererseits muss er uns unbedingt beweisen, wie gut er ist – sicher das Urteil, blendend die Rhetorik, die eigentlich nur der mittelfränkische Singsang trübt. Günstig der Kontrast, versteht sich, zu Armin Laschet, der am Sonntag zuvor im ZDF einen kraftlosen Auftritt hingelegt hatte und sich kurz auch noch darauf bezichtigte, in seinem Buch, geschrieben vor 12 Jahren, eine Quelle ungenügend benannt zu haben.

Ach jemine, so weit sind wir schon. Die eine, Annalena Baerbock, ist wirklich beim Abkupfern erwischt worden und entschuldigt sich im „Tagesspiegel“ erneut hingebungsvoll. Und der andere, Laschet, bekommt das große Muffensausen, dass ihn der Plagiatsjäger entlarven könnte, was der aber in richtiger Einschätzung der Sache gar nicht will.

Nur mal so zur Erinnerung: Es handelt sich um Deutschland, das die beiden regieren wollen, nicht um Kleinkleckerland.

Wie geht’s weiter? Grasen wir das Terrain ab.

  1. Die Unzufriedenheit mit dem Kandidaten Laschet wird bleiben. Hat er Glück, geht sie in Apathie über, denn dass er Kanzler wird, scheint unvermeidlich zu sein. Weiß auch Söder.
  2. Annalena Baerbock hat das stolze Reden eingestellt, dass sie Kanzlerin werden möchte. Vorerst. Denn der unausgesprochene Verzicht auf den Hochsitz hilft ihr nicht weiter, weil sie Gefangene ihres Anspruch ist. Die Konkurrenz würde ihr sofort vorhalten: Siehst, du traust dich nicht, unerfahren wie du bist. Also muss sie ihr Lied wieder singen: Ich will es und ich kann es.
  3. Die Kluft zwischen Geimpften und mutwillig Ungeimpften wird rechtzeitig vor der Wahl zunehmen. In Klubs oder Fußballstadien, in Kinos oder Restaurants werden sie die Geimpften vorziehen, was denn sonst. Selbst  Getestete dürften dann als unsichere Gesellen gelten, weil sie morgen Corona haben können, auch wenn sie heute negativ sind. Und warum sollte jemand dieses Risiko eingehen und sie einlassen?
  4. Die Pandemie bleibt ein großes Wahlkampfthema. Die Qualität des zukünftigen Personals auch. Steuern rauf oder runter – bietet sich als Reizthema immer an. Sanfter oder radikaler Wandel beim Klimawandel, das ist die Frage, an der sich entscheidet, wie die Stimmung im Lande ist – und wer regieren darf.

Nichts ist schon gebacken. Überraschungen sind jederzeit möglich. 55 Pandemietage sind es noch bis zur Wahl, eine Ewigkeit. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ein Freund, ein guter Freund

Gerade habe ich gelesen, dass heute der Tag der Freundschaft ist. Wusste ich nicht. In einem höheren Sinne ist das typisch für mich, denn ich bin kein guter Freundschaftspfleger. Meine Frau schafft es auf mir unerfindliche Weise, alte und neue Freundschaften zu pflegen. Ihre spärliche Freizeit verbringt sie mit Anrufen und Verabredungen. Sie vergisst keinen Geburtstag und verschwendet viel Zeit auf das Ausdenken ungewöhnlicher Geschenke. Sie ist ohnehin ein Menschenfreund, was ich von mir auch behaupten würde, aber sie ist in dieser kulturellen Sphäre eindeutig der bessere Mensch.

Wenn ich jetzt mal durchzähle, habe ich mindestens vier richtig gute Freunde. Drei davon sind neu. Berliner Zugewinn aus dreieinhalb Jahren, die ich in dieser Stadt lebe. Über jeden der Drei bin ich glücklich, weil sie schon beim Kennenlernen ohne Umschweife über Wesentliches reden wollten. Es ist nicht unbedingt meine Art, von Anfang an offen zu sein, zuzuhören, gespannt darauf, was kommt. Ich bin eher der Typ Beobachter: mal schauen, was er zu bieten hat. Erst dann schalte ich mich ein. Na ja. Andererseits ist das Leben im fortgeschrittenen Alter zu kurz für Smalltalk und so zufällig mir jeder der Drei über den Weg lief, kamen wir doch schnell ins Gespräch, beschlossen umgehend, es fortzusetzen, verabredeten uns und erzählten uns dann fast übergangslos unser Leben. Jeder der Drei hat einiges zu bieten, aber keiner von ihnen gab damit an. Im Gegenteil erzählten sie von Niederlagen, gescheiterten Ehen, Neuanfängen, seelischen Nöten. Wir lachten über uns und unsere ungelenken Versuche, ein rundes Leben zu führen. Keiner von uns hielt die erste Ehe durch. Einer bringt es auf fünf Ehen und schwört, dass er jetzt die richtige gefunden hat, mit der er alt werden will. Gegönnt sei es ihm.

Der Vierte lebt auch in Berlin, aber ihn kenne ich schon länger. Er ist der Verwegene und Ungewöhnliche unter uns. Er träumt davon, mich am Gleitschirm mitzunehmen. Ich habe Angst, würde es aber nie zugeben. Ihm zuliebe würde ich das Wagnis wahrscheinlich sogar eingehen und vermutlich mit geschlossenen Augen über mich ergehen lassen. Zugleich hoffe ich aber, dass der Wind auch beim nächsten Mal wieder dieses Abenteuer verhindern möge wie damals, als es fast soweit gewesen wäre, wenn der Berg nicht ein Einsehen gehabt hätte. Ich habe nämlich Höhenangst. Neuerdings vermeide ich es, aus höherer Höhe in die tiefere Tiefe zu gucken. Eine Alterserscheinung, vermutlich.

Nur zwei der Vier kennen sich mehr als flüchtig. Beruflich haben sie miteinander zu tun. Mehrmals habe ich daran gedacht, alle Vier einander näher zu bringen. Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund. Vielleicht mache ich es irgendwann. Die Frage ist, warum ich es nicht schon längst gemacht habe. Nicht daran gedacht, das ist wahr. Vielleicht aber auch mit Grund versäumt – weil ich nicht teilen will? Weil ich zu vorsichtig bin? Was würde daraus folgen, wenn A nach dem Kennenlernen von B sagen würde: Was, mit dem bist du befreundet? Oder ihn belanglos fände: Hätte ich nicht gedacht, dass du so einen Langweiler zum Freund hast. Oder wenn sie am Ende befreundet wären und sich ohne mich träfen.

Ich weiß wirklich nicht, was dahinter steckt, vielleicht gar nichts, jedenfalls nichts mit innerer Abwehr oder Unlust am Teilen. Aber am Tag der Freundschaft stellen sich eben Fragen darüber, mit wem ich befreundet bin und was daraus folgt.

Ich befürchte, früher war ich ein treuloser Freund. Aus Städten ging ich weg und ließ die dortigen Freunde hinter mir. Anderswo fing ich neu an, in jeder Hinsicht, auch mit Freundschaften. Das Neue verdrängte das Alte. So bedacht darauf war ich, an neuer Stätte gut anzukommen, dass ich vernachlässigte oder vergaß, was hinter mir lag. Oder sie waren mir nicht so wichtig gewesen, dass ich sie in meinem Leben hätte behalten wollen. Oder ich bin einfach auch ein Freundschaftsschuft.

Zwei meiner besten Freunde sind schon vor Jahren gestorben. Der eine, ein Bayer in Hamburg, Typ Snob, aber eben auch ein wunderbarer Freund, verließ uns vor acht Jahren. Er wollte, dass ich die Rede auf ihn in der katholischen Kirche halten sollte. Alles hatte er geregelt, von der Musik bis zum Programm. Er war dabei gewesen, als meine Eltern nacheinander starben und hatte die Reden gehört, die ich auf sie hielt. So was wollte er von mir hören. Es war mir eine Ehre.

Der zweite Freund starb vor fünf Jahren. Heroisch hatte er 17 Jahre lang gegen den Krebs angekämpft, der immer wieder Zugang zu einem seiner Organe fand. Heroisch heißt: lakonisch, als wäre es selbstverständlich, ohne jedes Gewese und ohne ausgeprägtes Selbstmitleid – wat mutt, dat mutt. Auch auf ihn hielt ich die Totenrede, seine Witwe wollte es so. Wieder war es mir eine Ehre.

Beim Schreiben fällt mir auf, dass ich der Totenredner bin. Ich mache das anscheinend gut. Eher liebevoll, mit einem Schuss Ironie. Was sagt das über mich aus? Mir fällt ein, was mir mein journalistischer Mentor einmal sagte: Lesen Sie Nachrufe, dann erfahren Sie, was die Leute gerne über sich hören würden. Nicht die Toten meinte er, sondern den Totenredner, der folglich so redet, dass er die Rede, würde sie auf ihn gehalten, gut fände – und das heißt wohl, dass sie schmeichelhaft, nachsichtig, rücksichtsvoll ausfallen sollte. Also wünsche ich mir wohl all dies, wenn es so weit ist – wenn er recht hat mit seiner Einsicht, der wunderbare Kurt Becker.

Eine Geschichte muss ich noch erzählen, und wie es der Zufall will, bin ich der Held darin, weil ich den Anfang machte, und mein Freund der zweite Held, weil er die richtige Antwort fand. Es begab sich vor langer Zeit, dass ich einen Kollegen vom Fernsehen kennenlernte, der eine Auszeit nehmen wollte und dann zum Print zu wechseln gedachte. Wir freundeten uns schnell an, denn er gehört zu den geselligen Menschen, die Freundschaften suchen und aus ihrer Gabe, mit Menschen umzugehen, einen Beruf machen.

An diese Anfänge vor nunmehr 31 Jahren musste ich nach vielen Jahren des Schweigens denken. Wie das so ist, hatten wir uns im Laufe der Zeit weniger gesehen. Jeder heiratete, jeder bekam Kinder, jeder entwickelte neue Interessen und Wünsche. Wir blieben befreundet, aber anders. Wir verloren uns nicht aus den Augen, gingen aber berufsmäßig miteinander um. Dann kam das große Zerwürfnis. Sieben Jahre lang Stille. Vor einigen Monaten beschloss ich, ihn anzurufen. Wir verabredeten uns. Eigentlich sei ich ein versöhnlicher Mensch, aber mit ihm nicht, sagte ich, und ich würde gerne in diesem Gespräch herausfinden, warum nicht. Wir redeten anderthalb Stunden und schonten weder den anderen noch uns selber. Dieses Gespräch gehört mit seinem Freimut und seiner Offenherzigkeit zu den Sternstunden der Freundschaftspflege.

In meinem Leben gibt es jetzt die Freunde in Berlin, Freunde in Hamburg und München. Dafür habe ich übrigens eine kleine Kategorienlehre entwickelt. Am liebsten sind mir Freunde der Gelassenheit und Ausgeglichenheit. Herzensfreunde sind selten und deshalb um so wunderbarer. Es gibt aber auch die Anstrengenden, die mir Toleranz abfordern und manchmal auch Entsagung, die dann aber wieder durch Herzlichkeit und Großzügigkeit ausgeglichen wird. Und natürlich gibt es Freunde, bei denen ich eher der Zuhörer bin, was in Ordnung ist. Anderen stehe ich von Herzen im Leid bei, was denn sonst. Und paradoxerweise gibt es einen guten Bekannten, den ich persönlich als Freund ansehe, weil ich mit ihm herrliche Gespräche über alles Erdenkliche führen kann, den ich jedoch sieze und er mich natürlich auch. Macht gar nichts. Gefällt mir sogar. Hat so was Ältliches, Gentlemanhaftes, aus der Zeit Gefallenes. Bleibt auch so. Ist ja was Besonderes.

Meine Freunde, sie sind nicht viele, aber mehr als ich gedacht hätte. Daraus entspringt Dankbarkeit und der Vorsatz, sie zu pflegen. Ganz so konsequent wie meine Frau kann ich nicht sein, doch bin ich schon viel besser geworden, finde ich.

Mindestmaß an Respekt

Reinhold Robbe (SPD) war der erste Zivildienstleistende, der zum Wehrbeauftragten des Bundestages gewählt wurde. Zwischen 2005 und 2010 lag der Schwerpunkt seiner Aufgabe im Norden Afghanistans, wo deutsche Soldaten und Soldatinnen stationiert waren. Er ist bekannt für seinen Freimut, mit dem er Kommandeure wie Verteidigungsminister öffentlich kritisierte. Oft bemängelte Robbe, 66, dass die Deutschen, ihrer Geschichte wegen, die Rolle der Bundeswehr in der Demokratie nicht angemessen achteten.

t-online: Herr Robbe, fast 20 Jahre waren deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Hätten Sie je gedacht, dass der Einsatz so lang dauern würde? 

Robbe: Nie und nimmer! Deshalb kann ich in keiner Weise nachvollziehen, wie klammheimlich dieser Einsatz beendet werden sollte. Aus meiner Sicht muss der Afghanistan-Einsatz zu einer Grundsatzdebatte über die Rolle der Bundeswehr zu führen. Wir brauchen außerdem eine schonungslose Aufarbeitung dieses Einsatzes. Ich werbe deshalb für eine Enquete-Kommission, die der neue Bundestag einsetzen sollte.

Wie oft waren Sie als Wehrbeauftragter dort und wie hat sich die Mission im Laufe der Zeit verändert? 

Mehrmals im Jahr war ich dort, um von Kabul über Masar-e-Scharif, Faizabad bis Kundus mit den Soldatinnen und Soldaten zu reden Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir anfangs im offenen Fahrzeug durchs Land fuhren, was bald darauf undenkbar war.


Die Truppe war in einem fernen, fremden Land stationiert und wusste nicht, wer Freund, wer Feind war. Was machte diese absolute Unsicherheit mit ihnen? 

Beispielsweise sprach ich mit jenen Soldaten, die 2002 unmittelbar nach dem Bundestagsbeschluss in Afghanistan landeten und einer amerikanischen Einheit zugeordnet wurden, allerdings keinen klaren Auftrag hatten, also im Grunde führungs- und orientierungslos waren. Das hat sich dann schnell geändert, als die Bundeswehr klare Aufträge und regionale Zuständigkeit innerhalb der alliierten ISAF-Streitkräfte übernahm. Es gab den „vernetzten Auftrag“, bei dem Bundeswehr, Diplomatie und Entwicklungshilfe scheinbar gleichberechtigt nebeneinander standen. Deshalb waren die Soldaten für die deutsche Öffentlichkeit in erster Linie „Brückenbauer“ und „Brunnenbohrer“, wobei die militärische Komponente bewusst vernachlässigt wurde. 

In der Heimat stritten Politiker semantisch darüber, ob es sich um einen Krieg oder nur um einen Konflikt handelte. Was sagten die Soldaten? 

Vom damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung wurde den Soldatinnen und Soldaten untersagt, den Begriff „Krieg“ zu verwenden. Das nahm obskure Formen an, denn je länger der Einsatz dauerte, desto mehr Taliban-Angriffe gab es auf Bundeswehr-Konvois und Stützpunkte und deshalb nannten die Soldaten es „Krieg“, wenn sie  aus einem schweren Gefecht mit toten und verwundeten Kameraden zurückkamen. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit als Wehrbeauftragter hatte ich deswegen eine harte Auseinandersetzung mit Minister Jung, indem ich ihn öffentlich dazu aufforderte, endlich die Wirklichkeit in Afghanistan beim Namen zu nennen. und er daraufhin entgegnete, er würde „seine Soldaten nicht in einen Krieg schicken“, deshalb verbitte er sich diese Bezeichnung.

Was haben Ihnen die Soldaten über ihre Erlebnisse und ihren Alltag erzählt? 

Durch meine unangemeldeten Truppenbesuche war ich in der Lage zu sehen, was wirklich vor sich ging. Gerade bei den Mannschaftsdienstgraden war es wichtig, dass bei meinen Gesprächen keine Vorgesetzten zugegen waren. So erfuhr ich, was ich wissen musste. Das reichte von fehlenden Nachtsichtgeräten, Schutzwesten oder gepanzerten Fahrzeugen bis hin zu Beschwerden über Verstöße gegen die Prinzipien der Inneren Führung. Zum Beispiel kritisierten etwa 30 Kompaniechefs, dass der Kommandeur eines Einsatzkontingentes nicht mit ihnen direkt kommunizierte; nebenbei bemerkt hat dieser Kommandeur dann trotzdem eine beachtliche Karriere gemacht. Oft konnte ich für Abhilfe sorgen, denn ich durfte die militärische Hierarchie und Bürokratie übergehen. Dies wusste die Truppe zu schätzen, die jeweiligen Verteidigungsminister weniger.

59 deutsche Soldaten starben im Einsatz. In anderen Ländern würde man sagen: im Dienst fürs Vaterland. Denken auch die Soldaten so? 

Nicht nur für 59 Soldaten und ihre Familien endete der Einsatz in einer Katastrophe. Dazu kommen Hunderte Soldaten mit schwersten Verwundungen und nicht zuletzt Tausende posttraumatisch belasteter Soldatinnen und Soldaten, die für den Rest ihres Lebens gezeichnet sind. Das muss man sich vor Augen führen, wenn man versucht, sich in die Lage der Soldaten hineinzuversetzen.

Groß ist die Enttäuschung, weil die Soldatinnen und Soldaten bis heute die gesellschaftliche Anerkennung vermissen, die sie mit Fug und Recht erwarten dürfen. Für alle anderen Länder der freien westlichen Welt ist dieses Mindestmaß an Würdigung und Respekt selbstverständlich. Bei uns hingegen trifft nach wie vor das Wort vom Bundespräsidenten Horst Köhler zu, der von einem „freundlichen Desinteresse“ der Deutschen am Dienst der Soldaten sprach. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Auch hier erwarte ich von einer neuen Bundesregierung endlich konkrete Vorschläge für einen anderen Umgang mit der Truppe..

Ein Verteidigungsminister sagte einmal, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Hatte er Recht? 

Es war Peter Struck, der versuchte, diesem ebenso komplexen wie widersprüchlichen Einsatz in Afghanistan einen Sinn zu geben. Damit stellte er die Kausalität her zwischen 9/11und der militärischen Antwort auf den Terror von Osama Bin Laden im Schutz der Taliban. Die Formel fand in weiten Teilen der Bundeswehr Akzeptanz. Richtig ist aber auch, dass sie mit den Misserfolgen weniger plausibel wirkte. Heute beruft sich kaum noch jemand darauf.

Im Gedächtnis bleibt natürlich Kundus. Die Taliban hatten zwei Tanklaster entführt. Ein Oberst der Bundeswehreinheit sorgte am 4. September 2009 dafür, dass zwei US-Flugzeuge Bomben darauf abwarfen. 100 Menschen starben, fast durchwegs Zivilisten, auch Kinder waren darunter – die größte Zahl an Opfern im gesamten Nato-Einsatz. Was bedeutete diese Katastrophe für die dort stationierten Soldaten? 

Nach allem, was wir heute wissen, handelte der verantwortliche Oberst Georg Klein nach bestem Wissen und Gewissen. Ihm konnte kein schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden, wenngleich er selber immer wieder betonte, wie sehr ihn diese Entscheidung sein Leben lang belasten wird. Bei allen dem Oberst unterstellten Soldaten gab es Verständnis und Respekt dafür, wie der Oberst mit dieser Katastrophe umging.

Die Gegner waren ja keine Soldaten in Uniform, sondern Taliban-Kämpfer, die sich als harmlose Zivilisten oder mit Burkas tarnten. Sie töteten insgesamt fast 3 600 westliche Soldatinnen und Soldaten und dazu mehrere Zehntausend Zivilisten. Deshalb wird Kundus von den Soldaten vollkommen anders betrachtet als von den meisten Mitteleuropäern, die vermutlich nicht genau wissen, wo Afghanistan auf der Landkarte zu finden ist.

Ganz anders fiel die Reaktion in Deutschland aus. Was lässt sich daraus für das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Bundeswehr ableiten? 

Es gab viele wohlfeile Kommentare, aber es gab auch seriöse Dokumentationen und einen Spielfilm zu Kundus. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Eine kritische Grundhaltung gegenüber allem Militärischen ist nicht nur nachvollziehbar aufgrund unserer Geschichte, sondern auch angemessen und richtig. Das entbindet uns aber als deutsche Zivilgesellschaft nicht von der Notwendigkeit, bewaffnete Streitkräften als Verteidigungselement einer starken Demokratie anzuerkennen. Und die Menschen, die Gesundheit und Leben einsetzen, haben ein Mindestmaß an moralischer Unterstützung und Achtung verdient – und zwar unabhängig von der politischen Bewertung einzelner Einsätze. 

Nach dem Abzug der Deutschen rücken die Taliban im Norden vor. Der Abzug des Westens bedeutet Freiheit für die Taliban zur Rückkehr an die Macht über das Land. War es so viele Milliarden Dollar und so viele Tote wert? 

Diese Frage wird nach jedem Einsatz und nach jedem Krieg gestellt. Hinterher ist man immer klüger. Es gab anfangs offensichtlich vollkommen unterschiedliche Einschätzungen und Erwartungen innerhalb der Nato und der Uno. In diesen 20 Jahren hat sich Afghanistan ja auch durchaus verändert. Der Wiederaufbau ist in Teilen gelungen, Frauen spielen heute eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, Mädchen können Schulen besuchen. Das kann sich jedoch alles schnell wieder ändern, wenn es den Taliban gelingt, die Macht an sich zu reißen, und danach sieht es leider aus. Deshalb muss die beabsichtigte Friedenserzwingung und Friedenssicherung als gescheitert betrachtet werden.

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Wäre es nicht angemessen, das Ende des Einsatzes im Bundestag zu begehen? 

Es ist sogar absolut notwendig, die Beendigung des Afghanistan-Einsatzes angemessen zu würdigen, der Opfer zu gedenken und vor allem den Soldatinnen und Soldaten Dank zu sagen. Der Ort dafür ist der Bundestag, denn er entscheidet über die Einsätze die Bundeswehr, nicht die Kanzlerin. Deshalb darf der Große Zapfenstreich vor dem Reichstag nicht alles sein. Dazu muss eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages kommen, in der die Bildung der Enquetekommission beschlossen werden sollte.


Und wie gedenkt die Bundeswehr der Gefallenen?

Es gibt in einer Ecke des Verteidigungsministeriums eine Gedenkstätte für die in Einsätzen getöteten Soldatinnen und Soldaten. Ich halte den Standort dieser Gedenkstätte für falsch und habe diese Auffassung auch öffentlich vertreten. Für die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr wäre ein prominenter und allgemein zugänglicher Standort in der Nähe des Parlaments richtig gewesen. Und dann gibt es noch den „Wald der Erinnerung“ beim Einsatzführungskommando in Potsdam – ebenfalls an einem abgelegenen Ort weit außerhalb der Stadt. Dieser Wald ist den Angehörigen und Kameraden gefallener Soldaten gewidmet. Eine kritische Bestandsaufnahme des Afghanistan-Einsatzes sollte deshalb Anlass sein, auch über Versäumnisse in der Erinnerungskultur der Bundeswehr nachzudenken. 

Herr Robbe, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.