Wenn die Zeit abläuft

In drei Ländern herrscht momentan Aufruhr, gehen die Menschen auf die Straße und würden am liebsten ihre korrupten, selbstgefälligen, abhängigen Regime loswerden. In Hongkong dauern die Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht am längsten an und dort gehen die wahren Herrscher in Peking mittlerweile am härtesten gegen die Opposition vor. In Weißrussland (oder Belarus) ließ sich der Dauerherrscher Lukaschenka vom massiven Widerstand wegen der manipulierten Wahl vor einer Woche überraschen. Und im Libanon gehen die Menschen nach der Explosion im Hafen von Beirut gegen die schwache, inkompetente Regierung von Gnaden der Hisbollah vor.

Wir schauen von außen zu, nehmen Anteil, unsere Regierungen beteiligen sich an Sanktionen, die Diplomaten sprechen vor und versuchen zu mäßigen. All das ist richtig, all das verlangen sich Demokratien ab, auch wenn sie sich keinen Illusionen über ihren Einfluss hingeben und kaum auf Einsicht oder gar Mäßigung bei der KP Chinas, den theokratischen Regime in Iran oder in Russland erwarten, eben jenen größeren Mächten hinter den kleineren im Vordergrund.

Alexander Lukaschenka hat vor ein paar Tagen mit Wladimir Putin telefoniert. Offenbar ist er auf Rückversicherung bedacht, vielleicht hält er es sogar für möglich, dass er hinweggefegt wird. Seine Widersacherin Swetlana Tichanowskaja hat er ins Exil getrieben. Seine Sicherheitskräfte greifen Demonstranten auf und lassen sie im Gefängnis verschwinden. Nichts davon wirkt so abschreckend, wie er es gewohnt ist. 26 Jahre der Herrschaft über das 9,5 Millionen-Land sollten genug sein. Die Zeit läuft für Lukaschenka ab, selbst wenn er sich dank Putin behaupten kann.

Zwangsherrscher wie Lukaschenka gehen einen Deal mit ihrem Volk ein: Ich sorge für euch und ihr lasst mich machen. Lange ging das gut. Im Vergleich etwa zur Ukraine geht es Weißrussland mehr als passabel. Der Staat verfügt über Industriekonglomerate, Traktorenfabriken und Großraffinerien. Der Staat ist der Patron. Arbeiter und Rentner bekommen Löhne und Renten zuverlässig ausgezahlt. In vielen Nachbarstaaten gilt diese Sicherheit als Errungenschaft.

Die Abhängigkeit von Russland beruht auf den Ölimporten. 24 Millionen Tonnen Rohöl führt Weißrussland zu Vorzugspreisen ein. Das ist mehr als das Land braucht. Deshalb verfiel Lukaschenka auf einen Bauerntrick und verkauft sechs Millionen Tonnen auf dem Weltmarkt zu Weltmarktpreisen. Auch deshalb war er im eigenen Land beliebt und galt im nahen Ausland als schlauer Fuchs.

Der Libanon ist ein herrliches Land mit einem komplizierten politischen Pakt auf religiöser Grundlage, der die Ämter zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen und den Christen verteilt. Auch das ging einige Zeit gut. Bürgerkriege und Kriege haben das Land jedoch ruiniert. Die wahre Macht im Lande ist die Hisbollah von iranischen Gnaden.

Jahrelang lagen 2750 Tonnen Sprengstoff im Hafen von Beirut. Zuerst auf einem Schiff, das vom russischen Eigner aufgegeben worden war, dann in einem Lager. Vor zwei Wochen ereignete sich diese monströse Explosion, die das ganze Land erschütterte, angeblich ausgelöst durch Schweißarbeiten. Die Erklärung überzeugt eigentlich niemanden. Die Analogie mit dem Brand in Notre Dame liegt verdächtig nahe – ein Alibi, nicht mehr. Die Hafenbehörden hatten die Regierung auf die gewaltige Gefahr im Lagerhaus aufmerksam gemacht. 2750 Tonnen! Nichts passierte. So etwas nennt man organisierte Verantwortungslosigkeit.

Hasan Nasrallah ist der Chef der Hisbollah. Er lebt permanent in wechselnden Verstecken aus Angst vor Attentaten. Er hielt in der vergangenen Woche eine Ansprache, die man sich auf YouTube in englischer Übersetzung anhören kann. Wer ein Prachtexemplar an Gefühllosigkeit für fast 200 Tote und knapp 3000 Verletzte erleben möchte, liegt bei Nasrallah goldrichtig.

Zwangsherrscher sind gut beraten, wenn sie Demonstranten nicht nur für bezahlte Agenten des Auslandes erklären. Aus Gründen der Beruhigung sollten sie wenigstens zu fingierter Selbstkritik fähig sein. Ihr Überleben ist ja ohnehin gesichert, weil im Zweifelsfall der große Bruder eingreift. Allerdings drehen sie meistens die Logik um und verhalten sich anders: Weil ihr Überleben gesichert ist, schlagen sie um sich und füllen ihre Gefängnisse. Wer sollte ihnen schon etwas anhaben.

In Hongkong bewundere ich den Mut der meistens jungen Menschen, die seit einem Jahr einfallsreich und konsequent eintreten für den Rest ihrer Freiheiten eintreten. Sie tun das Richtige. Sie wissen, dass ihnen niemand helfen kann, nicht der einstige Kolonialherr Großbritannien, nicht Amerika. Trotzdem setzen sie ihre Zukunft aufs Spiel, vielleicht sogar ihr Leben. Für die Freiheit, für diese Idee, die seit 200 Jahren in der Welt ist.

In der vorigen Woche hat die Polizei Jimmy Lai abgeholt, einen Unternehmer, der die Demokratiebewegung unterstützt. Wenn noch ein Zeichen nötig gewesen sein sollte, dass die chinesische KP ernst macht, dann ist es jetzt erfolgt. Für Peking ist Demokratie westliche Dekadenz. Peking ist egal, was die Welt dort draußen denkt. Die Macht kommt aus den Gewehren und nicht aus den Regenschirmen der Studenten. So zynisch kann man die Dinge sehen.

Der Westen erfährt seine Ohnmacht in Weißrussland, im Libanon, in Hongkong, das ist leider wahr. Zugleich aber zeigen uns die Menschen auf den Straßen von Minsk, Beirut und Hongkong die Macht des Wunsches, in verantwortungsvollen Verhältnissen zu leben. Versteht sich, dass wir an ihrer Seite stehen.

Veröffentlicht auf t-online am 17. August.

Als der BVB den letzten Titel holte

Heute habe ich mir auf YouTube noch mal die Tore angeschaut, die damals im Pokalhalbfinale in München fielen, als der BVB 3:2 gewann. Ich war mit meinem Sohn Jonathan im Stadion, der viel von der Psychologie versteht, die im Fußball vorherrscht.

Es stand 2:1 für Bayern. Bayern war in dieser Phase haushoch überlegen. Der BVB verlor im Mittelfeld reihenweise den Ball, bekam wenig zustande. Chance auf Chance häufte sich. Dann kam die berühmte Szene: Bürki macht Bockmist, das Tor ist leer, Robben schießt und auf der Linie macht Sven Bender ein langes, langes Bein und lenkt den Ball an den Pfosten.

In diesem Augenblick sagte mein schlauer Sohn Jonathan: Jetzt gewinnt Dortmund! Er sagte es mit großer Überzeugung, als verstünde es sich von selber. Er las das Spiel richtig. Bayern hatte sich fusselig gespielt, brachte das 3:1 nicht hin, erlahmte allmählich, fühlte sich sicher und Dortmund schöpfte neue Kraft aus dem seltsamen Versagen des Schussglücks.

Der Trainer des BVB hieß Thomas Tuchel. Er verstärkte das Mittelfeld, indem er Erik Turm als Weberschiffchen einsetzte. Guerrero machte ein phantastisches Spiel. Bis zur 60. Minute war Dembele grottenschlecht, lief alibimäßig nach hinten mit, leistete sich Fehlpässe im Mittelfeld. Lucien Favre hätte ihn ausgewechselt.

Tuchel ließ Dembele weiterspielen und wartete auf dessen Geniestreiche. Der kam in Form einer herrlich hohen Flanke vom Strafraum rechts auf den langen Pfosten zwei Meter vor dem Tor. Aubameyang rauschte heran und köpfte ins hohe linke Eck. 2:2.

Von nun an war es herrlich anzusehen, wie Reuss/Aubameyang/Dembele losjagten, sobald ein Mitspieler den Ball bekam. Sie vertändelten nun ihrerseits Chancen, trugen Angriffe schlampig vor, blieben hängen. Auch der Angriff zum 3:2 wäre fast schief gegangen, Reuss verhaspelte sich, schob aber im letzten Moment den Ball nach rechts zu Dembele, der sich den Ball mit einem Schlenker den Ball auf den linken Fuß legte und ins Netzt jagte.

Der Rest war einfach und unspektakulär. 2:1 gegen die Frankfurter Eintracht im Endspiel in Berlin. Pokalsieger.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Den letzten Titel für den BVB holte Thomas Tuchel. Keiner hatte es von ihm erwartet. Der BVB hatte Hummels und Gündogan und Mikhytarjan verkauft, die Achse der Mannschaft. Der Pokalsieg war einzig und allein Tuchels Verdienst. Er ließ sich was einfallen, er studierte den Gegner und stellte seine Mannschaft entsprechend auf und entsprechend ein.

Seither reden sie beim BVB darüber, ob sie darüber reden sollen: Dass sie einen Titel holen. Sie reden von Mentalität und Gier. Sie haben einen guten Trainer, der aber sämtliche entscheidende Spiele verliert. Und sie wollen nicht daran erinnert werden, wer den letzten Titel geholt.

Nach der Siegerehrung saß Achim Watzke ganz allein und versonnen oben auf der Tribüne und rauchte Zigarillo. Ich ging zu ihm hin und wünschte ihm Glück bei seiner Entscheidung. Größe hätte darin bestanden, Tuchel zu halten, so umstritten er intern auch war. Dass der einer der besten Trainer Europas ist, sagte sogar Watzke. Hätte Tuchel Bier getrunken und Skat gespielt – hätte er mit den hohen Herren fraternisiert, wäre alles gut gewesen. War es aber nicht. Tuchel fraternisierte nicht. Er zog Grenzen. Er machte Fehler, wie denn auch nicht. Aber erwarte der beste Trainer, den der BVB haben konnte.

Vorzügliche Leute hinterlassen Lücken, wenn sie gegangen werden, ist ja klar. Bosz/Stöger/Favre kamen nach Tuchel. Keiner konnte ihm das Wasser reichen. Er machte ein Jahr Pause, lernte Französisch und ging nach Paris. Mit seinem Klub dürfte er morgen ins Halbfinale der Champions League einziehen. Ich gönne es ihm. Der BVB: ausgeschieden gegen Tuchel im Achtelfinale. Klopps Liverpool ausgeschieden im Achtelfinale.

Was lernt uns das Pokalhalbfinale 2017? Die einen Trainer arbeiten bedingungslos für den Erfolg und reden nicht vom Tiel. Die anderen Trainer reden vom Titel, wie Favre auf Geheiß von Watzke, und scheitern an ihrer Phantasie oder ihrer Kaltblütigkeit oder an beidem.

Unser Umgang mit Corona

Mein Sohn heiratet in ein paar Wochen und wollte eigentlich ein großes Fest feiern. Er und seine Frau stammen aus Patchworkfamilien und haben auch noch viele Freunde, da kommt einiges zusammen, weit über 100 Leute. Dafür bräuchten sie ein großes Restaurant, um den Mindestabstand zwischen Tischen und Menschen einzuhalten, was nicht gerade die Stimmung heben würde. An Tanzen, an Ausgelassenheit ist ohnehin nicht zu denken. Also lassen sie es, also wird jetzt im kleinen Kreis gefeiert.

Das ist schade, aber richtig. Die meisten Entscheidungen in der Corona-Zeit machen keinen Spaß und folgen zähneknirschend der Einsicht in die Notwendigkeit. Abiturfeten fallen aus, runde Geburtstage finden im vertrauten Zirkel statt, Fernreisen werden verschoben, Flugzeuge gemieden. Vieles ist anders, aber es ist, wie es ist.

Es geht auf und ab. Heute ist die Zahl der Infizierten, laut dem Robert-Koch-Institut wieder gesunken. Vorige Woche war sie gestiegen und damit auch die Angst vor einer zweiten Welle. Die Unsicherheit ist unser Begleiter durch den Sommer. Daran wird sich nichts ändern, zumal die Schulen im Norden wieder aufmachen und ab jetzt wieder Normalbetrieb herrschen soll, während der Süden noch im Urlaub ist.

Um kurz mal innezuhalten: Erst seit einem halben Jahr leben wir mit der Pandemie. Deutschland hat nicht alles, aber vieles richtig gemacht. Es ging darum, die Kurve der Infizierten abzuflachen und Chaos in den Krankenhäusern zu verhindern. Beides ist gelungen. Im Ländervergleich kommen wir glimpflich davon und das soll so bleiben.

Es ging auch darum, den wirtschaftlichen Absturz zu dämpfen. Dafür hat die Bundesregierung beispiellos viel Geld investiert, was ebenso riskant wie richtig war. Verglichen mit Frankreich oder England und mit den USA sowieso sind wir glimpflich dran.

Weiter: Die große Mehrheit hat nach wie vor Vertrauen in den Staat, der allen einiges abverlangt. Es gibt so etwas wie Corona-Solidarität, auch wenn niemand gerne Maske trägt, aber schließlich haben wir uns auch daran gewöhnt, den Gurt im Auto anzulegen und nicht mehr in Restaurants zu rauchen. Im Unterschied dazu sind die Virus-Vorsichtsmaßnahmen auf Zeit angelegt: bis ein Impfstoff gefunden ist, noch in diesem Jahr, wie die Optimisten sagen, oder erst im Laufe des nächsten, wie die Pessimisten sagen, die ja vielleicht die Realisten sind.

Wie geht es weiter? Natürlich hängt es davon ab, ob das Vertrauen in die Regierungen und den Staat schrumpft, wie die Rezession ausfällt und ob die unfassbar vielen Milliarden Euro aus Berlin und Brüssel sinnvoll und wirkungsvoll eingesetzt werden. Aber auch auf uns kommt es an, auf unsere Geduld und Einsicht. Hier kommen ein paar Vorschläge fürs weitere Verhalten.

1.) Da nun einmal die Maske und der Mindestabstand Schlimmeres verhüten, ist es sinnvoll, dass beides durchgesetzt wird. Das ist Sache des Staates im weitesten Sinn. Ich habe gelesen, dass 90 Prozent der Deutschen die Mundschutzpflicht richtig finden und zwei Drittel sich härteres Vorgehen gegen Zuwiderhandeln wünschen, im Bus, im Park, im Aufzug. Wer gezielt und nicht etwa aus Versehen dagegen verstößt, kennt das Risiko und soll es dann auch tragen.

2.) Dass die Rückkehrer aus der Türkei oder den USA an den Flughäfen getestet werden, liegt nahe. Offenbar hat sich auch noch niemand ernsthaft darüber beschwert oder sich gar dagegen gewehrt, wobei es ihm auch nicht viel nützen würde. Inzwischen muss man nur noch eine Woche in Quarantäne, was auszuhalten ist.

3.) Der Lehrergewerkschaft gefällt vieles nicht an der Wiederöffnung der Schulen. Das ist ihr Job. Den Masterplan gibt es aber nicht. Improvisation ist gefragt. Wie immer in den Schulen hängt es von der Kreativität der Lehrerinnen und Lehrer ab, was im Unterricht passiert und was in den Pausen. Potentiell sind sie am meisten gefährdet, das ist wahr. Das Ganze ist ein Experiment und Experimente können auch schief gehen, müssen aber nicht. Und: Was wäre die Alternative?

3.) Es gibt die Mehrheit der Einsichtigen und die Minderheit der Andersdenkenden. Am Wochenende demonstrierte „Querdenken“ in Stuttgart und Dortmund. Die Leute trugen keine Masken, hielten aber Abstand zueinander. Ich finde das bemerkenswert. Keiner steckt sich freiwillig an, selbst wenn er die Pandemie für eine Erfindung der Regierung Merkel hält und Bill Gates für den Impf-Teufel – fast ein Zugeständnis an den vorherrschenden Pragmatismus. Ende August steht wieder eine Großdemonstration in Berlin an, die dann anders aussehen dürfte.

Was soll man von den Querdenkern halten? Der „Spiegel“ hat den Soziologen Armin Nassehi interviewt, der dazu etliches Bedenkenswertes sagt, zum Beispiel dies: „Jeder hat das Recht auch auf abwegige Positionen. Wir wollen doch gar keine Gesellschaft, in der alle stromförmig einig sind. Solange das ein paar wenige sind, ist das nicht schlimm. Gefährlich würde es, wenn die Institutionen selbst delegitimiert würden.“ Danach sieht es nicht aus, im Gegenteil haben die Legitimation von Staat und Regierung rasant zugenommen. 

4.) Wenn der Staat das Richtige tut und dafür Zustimmung findet, wenn sich die Zahl der Neuinfizierten in Grenzen hält, wenn die Zahl der Andersdenkenden marginal bleibt, können wir gelassen bleiben. Gelassenheit ist die Einsicht, dass jeder das Seine tun kann, um sich vor Erkrankung zu schützen. Die Zuversicht, dass alles weniger schlimm kommt, als es kommen könnte, gehört auch dazu. Natürlich ist das nur eine Haltung unter anderen. Man kann auch an den Ketten zerren, man darf auch wüten und klagen. Die Hauptsache ist, dass man am Ende die Nerven behält.

Jeder von uns muss in den nächsten Wochen und Monaten noch ein paar Entscheidungen treffen, die ihm bitter aufstoßen werden. Die Maske im Sommer ist eine Zumutung, schon wahr. Das Normalleben fällt bis auf Weiteres aus. Aber was sein muss, muss sein.

Veröffentlicht auf t-online, gestern.

Guter Mann, falsche Partei

Olaf Scholz wird Kanzlerkandidat. Darum ist er nicht zu beneiden, denn er wird von den falschen Leuten aus den falschen Gründen in diesen Stand erhoben. Und dass er nicht Kanzler wird, weiß er am besten, auch wenn er nun so tut, als glaubte er ernsthaft, dass er demnächst Kanzler werden kann.

Ich hätte da einen Vorschlag zu machen. Die SPD hält die große Koalition für Teufelswerk, sonst hätte sie das Duo infernale Esken/Walter-Bojans nicht gewählt, das unbedingt mit der Linken und den Grünen regieren will. Ist ja in Ordnung, sollen die beiden Ausnahmepolitiker wollen dürfen, auch wenn ihnen auffallen sollte, dass die Grünen in dröhnendes Schweigen verfallen, weil sie anderes im Sinn haben, nämlich eine Regierung mit der Union. Folglich ist das ganze Unterfangen mit dem Kanzlerkandidaten Scholz eine Totgeburt.

Olaf Scholz ist Mr. Zuverlässig. Sein Mangel an Ausstrahlung kommt ihm in Corona-Zeiten zugute. Mit der Kanzlerin versteht er sich gut, wie man aus gemeinsamen Pressekonferenzen weiß. Zur Wiedergeburt der Union trägt er als Finanzminister bei. Unfreiwillig, versteht sich. Dass die SPD bei 15, 16 Prozent herumkrebst, liegt nicht an ihm, sondern an den Gegensätzen in der SPD, denn schließlich wollte seine Partei ihn nicht als Vorsitzenden und eigentlich aus der Koalition herausschießen.

In seiner Partei steht der Olaf nicht in der Mitte, sondern am Rande. In die Merkel-CDU passte er viel besser, zumal sie sich bis zur Unkenntlichkeit der Scholz-SPD angenähert hatte, weshalb sie nach links rückt, um sich wieder zu unterscheiden. Mal ein Gedankenspiel: Olaf Scholz gehört der CDU an und bewirbt sich gegen Laschet/Merz/Söder um die Kanzlerschaft. Gediegen wie er ist, unideologisch und erfahren, wie er ist, wäre er der ideale Nachfolgekandidat für Angela Merkel.

Die SPD ist groß darin, von Opposition zu träumen, wenn sie den Kanzler stellt, siehe Helmut Schmidt, siehe Gerhard Schröder. Die SPD ist auch groß darin, ihre Vorsitzenden schlecht zu reden, siehe Andrea Nahles, siehe Sigmar Gabriel. Und außerdem ist die SPD groß darin, Kandidaten aufzustellen, die nicht in ihren Mainstream passen, siehe Steinmeier, siehe Steinbrück.

Jetzt also Scholz. Was für eine Vorlage für Laschet/Söder/Merz! Sie werden süffig sagen: Guter Mann, der Olaf, leider aber in der falschen Partei.

Konsequent inkonsequent ist sie, unsere SPD. Dabei steht der ideale Mann für sie bereit: Kevin Kühnert.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute

Happy Birthday, liebe SZ

Für Journalisten beginnt das Tagwerk damit, dass sie lesen, was andere Journalisten geschrieben haben. Jeder von uns hat seine eigene heilige Ordnung. Meine beginnt mit der Lektüre der „Süddeutschen Zeitung“.

Ich mag sie, weil sie mich nicht morgens schon mit alarmistischen Betrachtungen belästigt. Ich bewundere sie, weil sie beispiellose Nachwuchspflege betreibt. Viele von den heutigen Schreiberinnen und Schreibern kenne ich nicht mehr, sie müssen jung sein, sie wirken kompetent und sie setzen die Tradition der Zeitung fort, eine große Kunst, hinter der ich eine lenkende Hand vermute, auch wenn in unserem Gewerbe vieles durch eine Kombination aus Zufall und Absicht geschieht.

In diesem Jahr wird die SZ 75 Jahre alt. Der Geburtstag liegt zwar erst im Oktober, aber am Samstag veröffentlichte sie schon mal 10 Gebote, die sie einen Kompass für die digitale Transformation nennt. Das ist genau so ungewöhnlich wie lobenswert. Stellen Sie sich vor, die Deutsche Bank, die es nötig hätte, gäbe sich 10 Gebote, oder Borussia Dortmund käme auf diese Idee.

Besonders das dritte Gebot hat es mir angetan. Es lautet: Die SZ „ist ein vertrauter, unbestechlicher, neugieriger, offener, kluger und wenn möglich heiterer Freund und Begleiter“.

Schön gesagt. Vertraut: na klar, fast jeder aus meiner Generation hat sein bevorzugtes Blatt. Unbestechlich: finde ich unglücklich, um Neutralität bemüht, wäre mir lieber. Neugierig: Wer nicht neugierig ist, wäre falsch in unserem Metier. Freund und Begleiter: ja, so möchte man an seine Leser denken.

Gebote sind dazu da, dass wir sie so gut befolgen, wie nur irgend geht. Allerdings liegt es nicht immer in unserer Macht, was wir tun oder schreiben sollen. Manchmal liegt sie auch in den Umständen, die ihre eigene Logik entfalten. In den Konferenzen in der „Zeit“ oder im „Spiegel“ haben wir regelmäßig um Maßstäbe und Verhaltensweisen gerungen. In Wahrheit aber sind die Ausnahmen von den Geboten besonders interessant. Nicht nur in Kriegen oder Bürgerkriegen, sondern auch in Zeiten wie diesen.

„Wenn möglich heiter“: Unter dem Einfluss von Corona ist das nicht einfach. Das Gegenteil von Heiterkeit hat seine Berechtigung. Alarmismus bietet eine gute Chance, dass wir weiterhin glimpflich davon gekommen, glimpflicher als andere Länder. Also habe ich geschrieben, die Regierung verdient Vertrauen und Markus Söder mag richtig liegen und Armin Laschet nicht.

Wer so denkt und schreibt, muss sich natürlich vorhalten lassen, dass er die Grund- und Freiheitsrechte gering achtet, wobei ich einschränken würde: auf Zeit. Und wer sich nicht für allzuständig hält, muss einräumen, dass er sich womöglich in seiner Einschätzung des Notwendigen irrt. Nicht zufällig schränken Gerichte jetzt staatliche Maßnahmen ein oder heben sie gar auf. Nicht zufällig argumentieren die Richter, dass es eben auch ein bürgerliches Recht auf Risiko gibt. Wobei sich natürlich sofort die Frage aufdrängt: Muss auch ich dieses Recht auf Risiko ertragen, das sich jemand anderes nimmt?

„Wenn möglich heiter“ ist auch schwierig, wenn viele andere anders denken und schreiben. Zum Beispiel neulich der Gipfel der Europäischen Union, auf dem das Wiederaufbauprogramm über 750 Milliarden Euro beschlossen wurde. Da gab es zwei unterschiedliche Perspektiven. Die eine konzentrierte sich auf den Prozess, der sich über vier Tage hinzog, an denen böse Bemerkungen hin und her flogen, vier kleine Länder die zwei Großen in die Verzweiflung trieben und Scheitern plötzlich möglich zu sein schien.

Darüber ließ sich trefflich mokieren, das ließ sich herzhaft kritisieren, das machen wir gerne, weil wir uns damit größer machen, als wir sind. Wenig eignet sich mehr für Sarkasmus und böse Ironie als die Europäische Union.

Die andere Perspektive ging so: Vergesst den Prozess, schaut auf das Resultat. Am Tag nach der Einigung gingen zwei Fachleute so vor, die den Gipfel kommentierten. Im Interview mit t-online übte Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, zwar grundsätzliche Kritik an der EU, nannte aber die 750 Milliarden Euro an Krediten und Zuschüssen einen ermutigenden Erfolg. Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, schrieb auf SpiegelOnline, Deutschland sei der wirtschaftliche Gewinner dieses Gipfels und im Ergebnis liege ein größerer Erfolg als auf den ersten Blick ersichtlich.

Die einen sagten so. Die anderen sagten so. Oft stehen die heitere und die unheitere Betrachtung nebeneinander in einem Blatt oder auf einer News-Plattform. Der Vorteil liegt darin, dass die Aufgeregten unter den Lesern genau so wie die Unaufgeregten ihre Meinung widergespiegelt finden. Der innere Pluralismus einer Redaktion ist entscheidend, das respektvolle Nebeneinander unterschiedlicher Meinungen. Diese Offenheit ist wichtiger als „im Zweifelsfall heiter“.

Entscheidend ist ohnehin anderes. Der Umgang mit Irrtümern. Das Einräumen von Versäumnissen. Die Transparenz für redaktionelle Vorgänge, in denen sich Skandalöses ereignet. Was der „Spiegel“ im Fall Relotius offenlegte, war beispielhaft für die ganze Branche.

Im Fall Wirecard hätten viele Redaktionen Grund zur Selbstkritik. Der staunenswerte Aufstieg zum weltweiten Unternehmen für digitalen Zahlungsverkehr ist ja mit allerlei Ohs und Ahs in den Wirtschaftsteilen so ziemlich sämtlicher Erzeugnisse begleitet worden. Markus Braun, der Vorstandsvorsitzende, wurde wie ein Rockstar behandelt. Aus Aschheim in die Welt. Aus dem Nichts in den Dax. Dann aus dem Dax in das Nichts. Und Jan Marsalek auf der Flucht.

Allein zwei Kollegen der „Financial Times“ spielten nicht mit, machten frühzeitig auf vorgetäuschte Verträge und fingierte Umsätze aufmerksam, wurden deshalb verdächtigt, das Geschäft von trüben Finanziers zu betreiben, sogar von der BaFin. Das Blatt hielt durch, die beiden Journalisten ließen nicht locker. Von den deutschen Blättern bekamen sie, so weit ich sehe, keine Unterstützung. Am Ende aber hatten die Briten richtig gelegen und alle anderen falsch.

Manchmal fällt es eben schwer, offen und unbestechlich und neugierig den Ereignissen zu folgen. Manchmal ist es leichter, sich an den Mainstream zu halten. Immer ist es schade, wenn wir Journalisten unter unseren Möglichkeiten bleiben, vor allem wenn wir hinterher so tun, als hätten wir es immer schon gewusst. Und im Rückblick wären ein paar Worte der Selbstkritik und der Anerkennung für die beiden Briten angemessen, oder?

Was nichts daran ändert, dass morgen wieder mein Tagwerk mit der „Süddeutschen Zeitung“ beginnen wird. Nichts ist in unserem Beruf in Stein gemeißelt, nicht einmal die zehn Gebote. Was uns aber nicht daran hindern sollte, darüber nachzudenken, was wir tun und was wir versäumen.

Deshalb schon mal jetzt: Happy Birthday, liebe SZ.

Veröffentlicht auf t-online, heute.

Eine Entscheidung, strategisch falsch

t-online: Was bedeutet es für Deutschland, wenn die USA ein Drittel seiner Soldaten abzieht?

Ischinger: Eine schlechte Nachricht, eigentlich eine Strafaktion, weil die Trump-Regierung mit Berlin wegen der Nichterfüllung des Nato-Zwei-Prozent-Ziels unzufrieden ist und ein Exempel statuieren will. Damit verschlechtert sie die transatlantischen Beziehungen, schadet unserer Sicherheit und demontiert die Glaubwürdigkeit der Nato. Deutschland ist der wichtigste europäische Bündnispartner der USA. Wenn das deutsch-amerikanische Verhältnis krankt, leidet die ganze Nato. Für Russland ist das keine schlechte Nachricht.

t-online: Donald Trump bestraft Deutschland für seinen Mangel an Wohlverhalten. Zugleich liegt darin aber eine strategische Entscheidung. Absichtsvoll oder unbedacht?

Ischinger: Die meisten amerikanischen Fachleute, Generäle wie zivile Experten, halten die Entscheidung für strategisch falsch. Sie ist bezeichnenderweise ja auch nicht vom Pentagon vorgeschlagen worden. Sie ist also tatsächlich eine politische Strafaktion und strategisch kaum zu begründen. Amerika schwächt sich selbst und reduziert seine militärische Handlungsfähigkeit.

t-online: Die Nato ist aus Sicht Polens oder der baltischen Länder ein Garant ihrer nationalen Souveränität. Wird die Nato im Zentrum geschwächt, wird sie dann nicht auch an der Peripherie geschwächt?

Ischinger: Natürlich, deshalb wollten kluge Polen ja auch nicht nicht einfach die Verlegung amerikanischer Soldaten von Deutschland nach Polen, sondern hofften auf zusätzliche Kräfte aus den USA.

t-online: Gesetzt dem Fall, die Soldaten werden tatsächlich aus Deutschland abgezogen und ein Teil auf Belgien und Italien verteilt: Wie sieht Europa unter diesen Umständen für Wladimir Putin aus?

Ischinger: Zunächst zeigt die beabsichtigte Verlegung nach Belgien und Italien, wie wenig logisch durchdacht die Trumpsche Entscheidung ist: Wenn er Deutschland für mangelnde Verteidigungsbeiträge zur Nato abstrafen will, warum verlegt er einen Teil der Truppen dann in Partnerländer, die vom berühmten Zwei-Prozent-Ziel noch weiter entfernt sind als Deutschland? Aus Moskauer Sicht liegt darin sicherlich keine Stärkung der Glaubwürdigkeit der Nato und der US-Präsenz in Europa.

t-online: An Deutschland übte Donald Trump immer wieder scharfe Kritik: wegen des Handelsdefizits, wegen der Zölle auf amerikanische Autos, wegen der Nordstream-2-Pipeline. Was daran ist aus amerikanischem Interesse verständlich?

Ischinger: Manche der Kritik-Punkte hatten auch die Vorgänger von Trump bereits vorgetragen – zum Beispiel eben die Verteidigungsleistungen. Washington hat also durchaus Argumente. Aber in einem partnerschaftlichen Bündnis werden nicht Sanktionen verhängt, weder Wirtschaftssanktionen wie gegen Nordstream, die völkerrechtlich gar nicht zulässig sind, noch unabgestimmte militärische Strafakktionen. Sie sind Gift für die Beziehungen. Schon jetzt haben die USA Sanktionen gegen zwei Drittel der Menschheit verhängt. Dass es klug ist, dieses Instrument flächendeckend anzuwenden, daran habe ich meine Zweifel.

t-online: Auch andere Präsidenten haben Deutschland gerügt, weil es keine Anstrengungen unternimmt, wie versprochen zwei Prozent der Gesamtkosten an der Nato zu begleichen. Machen wir uns nicht fahrlässig angreifbar?

Ischinger: Richtig. Wir haben 2014 in Wales beim Nato-Gipfel zugesagt, uns bis zum Jahr 2024 dem Ziel der zwei Prozent zu nähern; das ist eine Selbstverpflichtung. Deutschland sieht in der Tat nicht sehr gut aus, auch wenn unser Budget in den letzten Jahren wieder stetig gewachsen ist. Es ist ja eigentlich nicht deutscher Stil, Verpflichtungen nicht ernst zu nehmen. Bis zu einem gewissen Grad ist die Große Koalition also selbst schuld und macht sich angreifbar. Helmut Schmidt würde sich im Grabe umdrehen.

t-online: In welchem Maße hängt Deutschlands Sicherheit heute noch von Amerika ab?

Ischinger: Als nichtnuklearer Staat in einer Welt mit einer wachsenden Zahl an Nuklearstaaten, neuerdings einschließlich Nordkorea, brauchen wir den Schutz durch die Nato und die USA, sonst wären wir ganz leicht erpressbar. Eine konkrete Alternative ist nicht in Sicht. Deutschland wird nie Nuklearstaat werden, dazu haben wir uns mehrfach offiziell verpflichtet, zuletzt im Zwei-plus-Vier- Vertrag im Jahr 1990, der die Wiedervereinigung international absicherte.

t-online: Im rheinländisch-pfälzischen Büchel liegen 20 atomare Sprengköpfe der US-Armee. Garantieren sie die deutsche Sicherheit?

Ischinger: Die sogenannte nukleare Teilhabe ist ein wichtiges Element, ein Bindeglied in der Nato- Struktur, die dazu dient, jeden möglichen Gegner glaubwürdig abzuschrecken. Sie verknüpft unsere Luftwaffe mit den US-Nuklearwaffen. Ob diese militärisch- technische Konfiguration – deutsches Flugzeug mit US-Bombe – allerdings im 21. Jahrhundert die technologisch beste und wirksamste Lösung ist, darf man Im Zeitalter von Drohnen, Cruise Missiles und künstlicher Intelligenz bezweifeln.

t-online: Der Bundestag hat schon vor zehn Jahren eine Resolution verabschiedet, wonach die Sprengköpfe vom Fliegerhorst abgezogen werden sollen. Verstehen die Amerikaner solche Aufforderungen als Mangel an Solidarität, an Dankbarkeit?

Ischinger: Jedermann versteht den Wunsch nach einer nuklearwaffenfreien Welt. Es ist aber nicht nur aus US-Sicht blauäugig, wenn die nukleare Komponente unserer Verteidigung einseitig aufgegeben würde. In Russland würde das Freude auslösen. Anstatt eines einseitigen Abzugs brauchen wir beiderseitige Rüstungskontrolle und Abrüstungsabkommen. Das erhöht die Sicherheit und stellt sie nicht in Frage.

t-online: Die nationale Alternative zum amerikanischen Schutz wäre eine starke Bundeswehr.

Ischinger: Ja, Das Beste, was wir und europäische Partner tun können, liegt darin, unsere konventionellen Kräfte zu stärken. Erfreulicherweise bekommt die Bundeswehr seit einigen Jahren mehr Ressourcen, doch bis zu einer modernen und voll ausgestatteten Armee ist ein weiter Weg. Allein könnten wir unser Land heute nicht schützen, das ist die beklagenswerte Tatsache. Wir wären in der strategischen Aufklärung und Kommunikation weitgehend blind und taub, wenn wir die USA und das Bündnis nicht hätten.

t-online: Die internationale Alternative wäre eine europäische Armee, in der die Bundeswehr aufgeht. Halten Sie das für wünschenswert und auch für erreichbar?

Ischinger: Wünschenswert als Fernziel: ja, unbedingt. Aktuell erreichbar: nein. Wer sollte denn für eine europäische Streitkraft den Einsatzbefehl geben, solange die EU in der Außen- und Sicherheitspolitik noch nach dem Einstimmigkeits-Prinzip entscheidet? Mal ganz abgesehen vom deutschen Grundgesetz, das die Zustimmung des Bundestags erzwingt. Eine europäische Armee, die erst eingesetzt werden kann, wenn der Bundestag sein Placet gibt? Kein Partner wird sich darauf verlassen wollen. Bei Licht betrachtet, ist Deutschland in dieser Frage leider nicht europafähig. Also auch hier gilt: noch ein weiter Weg!

t-online: Ganz will ja nicht einmal Donald Trump Deutschland aufgeben. Von Ramstein, dem Hauptquartier der Air Force, und von Landstuhl, dem medizinischen Zentrum in Europa, ist nicht die Rede.

Ischinger: Aus guten Gründen. Das Pentagon hat dort viele Milliarden Dollar investiert und sieht offenbar keine Alternativen.

t-online: Aufs Ganze gesehen: Welche Bedeutung hat Europa für die Strategie der Weltmacht USA?

Ischinger: Wir Europäer sind trotz allem die wichtigsten und verlässlichsten Partner der USA. Wer ist denn an der Seite der USA seit 19 Jahren militärisch in Afghanistan präsent, um nur ein Beispiel zu nennen.? Das wissen die Senatoren im Kongress, das weiß das amerikanische Verteidigungsministerium. Aber offenbar ist im Wahljahr „ America First“ wichtiger als die Pflege von Bündnissen und das Vertrauen der Partner.

t-online: Der Abzug der US-Soldaten und deren Verteilung kostet Milliarden Dollar. Wäre ja gut möglich, dass der Kongress da nicht mitspielt. Liegt darin mehr als Wunschdenken?

Ischinger: Der Widerstand im Kongress wird womöglich erheblich sein. Es ist noch nicht beschlossene Sache, dass er die Mittel in Milliardenhöhe freigibt. Aber darauf sollten wir jetzt nicht setzen.

t-online: In wenig mehr als drei Monaten wählt Amerika seinen Präsidenten, der nicht Trump heißen muss. Sie kennen Joe Biden als ständigen Gast der Münchner Sicherheitskonferenz. Glauben Sie, dass er alles beim Alten belässt?

Ischinger: Er würde bestimmt einen vertrauensvolleren Umgang pflegen. Die zahlreichen Differenzen zwischen uns und Washington – Handel, Lastenteilung, Energiepolitik, Russland- und Chinapolitik usw. – würden aber keineswegs über Nacht verschwinden. Europa muss mehr Eigenverantwortung übernehmen!

t-online: Herr Ischinger, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Da die meisten Deutschen momentan im Urlaub sind, schreibe ich mal eine Kolumne in Form eines Briefes, in dem stehen soll, was sich zu Hause tut. Manchmal ist es ja gut, wenn einer durchflöht, was wichtig ist und was nicht. Also los geht’s:

Liebe Corona-Urlauber, wo auch immer Sie sein mögen, daheim bleibt alles beim Alten, keine Sorge. Die Kanzlerin hält Europa zusammen, ziemlich schwierig, aber sie kriegt das hin. Die SPD ist, na ja, eben die SPD. Und die CDU bleibt interessant, weil sie immer noch weit oben in den Umfragen ist.

Ein paar Heimkehrer sind gerade positiv getestet worden, 70 von 25 000. Die Zahl muss man aus einem einfachen Grund ernst nehmen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Uns geht es ja gold, verglichen mit Spanien, wo Sie vielleicht gerade sind, zum Beispiel auf den Balearen. Und die Angst vor der zweiten Welle ist vermutlich die beste Vorkehrung gegen die zweite Welle.

Im neuen „Spiegel“ habe ich für Sie ein Interview mit Rolf Mützenich gelesen, das ist der Fraktionsvorsitzenden der SPD. An Langeweile schwer zu überbieten. Was will er uns sagen? Zum Beispiel dies: Ich bin wichtig, ich bin auch noch da, überseht mich gefälligst nicht. Lesen kann auch vertane Lebenszeit sein. Kleiner Tip: Den Namen Mützenich müssen Sie sich nicht groß merken.

Mit der SPD ist es ja so: Sie ist wie ein Karussell, sie kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. Auch die beiden anderen Großpolitiker Esken/Walter- Bojans (ehrlich gesagt muss ich die Namen jedesmal erst nachschauen) wollen möglichst im Gespräch bleiben, egal wie und auch egal wie die SPD da steht. Dass sie vielleicht auch deshalb so schlecht dran ist, wie sie es ist, weil die Führung so ist, wie sie ist, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie könnte die Große Koalition loben, weil sie das Notwendige zuverlässig erledigt. Geht aber nicht, denn die Drei wollen ja raus aus der Regierung. Drin ist Olaf Scholz, den sie früher oder später zu ihrem Spitzenkandidaten ausrufen müssen. Ist überfällig und bleibt es auch noch länger, weil er eben nun mal drin ist in der Regierung.

Stimmt schon, Nachfolgeregelungen gehören zum Schwierigsten, nicht nur in der Politik. Die SPD bringt, wie Sie aus Erfahrung wissen, Hingabe und Machtvergessenheit auf. Nichts Neues also unter der Sonne. Der Zufall will es, dass sich die CDU auch eine neue Führung geben muss. Neu ist nur, dass sie länger braucht, als ihr lieb sein kann, was unter anderem heißt, dass es ihr an Machtversessenheit fehlt.

Selbstrefenteriell nennen klügere Leute als ich solche Phasen, in den sich Menschen oder Organisationen mit sich selber beschäftigen und die Wirklichkeit aus den Augen verlieren. Dann betreiben sie Nabelschau, beobachten ihre Gefühle und hegen die Illusion, sie könnten sich neu erfinden. Können sie natürlich nicht. Können Sie und ich ja auch nicht.

Was wir alle aber können ist dies: Den Befindlichkeitswahn hinter uns lassen. Macht ja auf Dauer keinen Spaß. Womit wir zur CDU kommen, die sich ebenfalls müht und quält und nach einem Ausweg sucht.

Von Jens Spahn hieß es vor ein paar Tagen, er könne sich selbständig machen, nicht mehr gemeinsam mit Armin Laschet antreten, sondern auf eigene Rechnung. Glaube ich nicht, ist zu spät dafür, außerdem hat der gute Jens viel mehr Zeit als jeder andere. Also bleibt es bei dem Gespann Laschet/Spahn, das wie nebenbei bedeutet: Schafft es Laschet zum Kanzler, ist Spahn irgendwann sein Nachfolger.

Die beiden anderen Kandidaten sind Versehrte. Verwundet von der Kanzlerin. Norbert Röttgen hat sie mal als Minister entfernt. Friedrich Merz vor Jahr und Tag um den Fraktionsvorsitz gebracht. Kleine Wette: Röttgen quittiert in absehbarer Zeit still und leise, natürlich mit Aussicht auf Kompensation. Merz bleibt im Rennen, da er sich für eine weitere Niederlage nicht zu schade ist.

Am Ende bleiben in der Union zwei übrig, von denen der eine momentan unterschätzt wird, während der andere überschätzt wird. Der Unterschätzte regiert Nordrhein-Westfalen, der Überschätzte Bayern. Laschet will Vorsitzender und Kanzlerkandidat werden. Söder will in Bayern bleiben. Sagt er. Meint er nicht. Aber hinterher kann er sagen, er hat es immer so gemeint. Oder er sagt, ich will ja nicht, aber der Ruf ertönt dermaßen laut, dass ich gar nicht anders kann, obwohl ich nicht wollte. Strategisch gesehen hält er sich alle Optionen offen, was immer gut ist.

Laschet ist in der Defensive, das weiß jeder. Vorige Woche meldete sich der getreue Herbert Reuel, der einen guten Job als Innenminister macht, zu Wort. Er ließ fallen, dass dieses angeblich so tolle Krisenmanagement in Bayern gar nicht so toll ist. Jetzt ist es nur eine Frage von Tagen, bis sich da jemand aus Bayern rührt und sagt, dass Laschets Krisenmanagement gar nichts taugt. Können Sie drauf wetten!

Lieber Leser, legen Sie sich in die Sonne, genießen Sie kühle Getränke, bauen Sie Sandburgen mit den Kindern. Zu Hause regiert die Kanzlerin mit ruhiger Hand, hält den Laden zusammen, ihre Partei ganz oben, relativiert mit ihrer Nüchternheit den emsigen Söder und den quirligen Laschet. Kommen Sie gut und zuversichtlich zurück nach Hause. Wie unsereObsthändlerin auf dem Markt so schön sagt: Bleiben Sie gesund und: demokratisch.

Veröffentlicht auf t-online, gestern