Wenn nicht mehr genug im Tank ist

Manchmal ist es ja so, dass etwas Bemerkenswertes passiert, aber nicht gegen weltbewegende Ereignisse bestehen kann und deshalb ungenügend gewürdigt wird. Das Versäumnis will ich heute wettmachen und über zwei Frauen schreiben, die vor kurzem Ungewöhnliches taten: Sie legten ihr Amt freiwillig nieder.

Es begann mit Jacinda Arderb, die ihren Rückzug damit begründete, dass ihr die Energie fehle, die Tatkraft für das Amt der Ministerpräsidentin von Neuseeland. Ihr folgte wenige Tage später Nicola Sturgeon, deren Funktion die Schotten „First Minister“ nennen, wobei sich, nebenbei gesagt, die genderfreie englische Sprache aufs Schönste bewährt.

Zwei Frauen gestehen sich und der Welt ein, dass sie nach Jahren in herausragenden Ämtern erschöpft sind, seelisch wie körperlich. Sie ziehen die Konsequenzen und treten zurück. Sie verzichten auf Macht. Sie nehmen Abschied, eher leise, als wäre es selbstverständlich und bitten um Verständnis.

Ohne Außendruck den Rückzug einzuleiten ist unüblich. Das Gegenteil ist Normalität. Konrad Adenauer wäre am liebsten auch noch nach seinem Tod Bundeskanzler geblieben. Helmut Kohl verpasste den richtigen Zeitpunkt, was niemanden verwunderte. Gerhard Schröder sah noch eine Chance zum Weiterregieren, als da keine mehr war. Angela Merkel ist nur eine bedingte Ausnahme, da sie schon 2017 gehen wollte, sich aber zum überlangen Bleiben überreden ließ.

Jacinda Ardern, eine linke Politikerin aus der Labour Party, war 37 Jahre alt, als sie 2017 Ministerpräsidentin von Neuseeland wurde. Im Jahr darauf bekam sie ihr drittes Kind und saß nach sechs Wochen wieder am Schreibtisch. Kurz darauf brachte ein Rechtsextremist 51 Menschen in zwei Moscheen in Christchurch um. Jacinda Ardern fand angemessene Worte, sie war die richtige Frau in einem schrecklichen Augenblick. Plötzlich schaute die Welt auf sie und bewunderte ihre Haltung, ihren Charakter. Plötzlich war sie eine Ikone der Linken, die sich in Amerika oder England oder Deutschland jemanden wie sie wünschten.

Fünfeinhalb Jahre lang war Jacinda Ardern Premierministerin ihres herrlichen Landes. „Ich weiß, was man für diesen Job braucht, und ich weiß, dass ich nicht mehr genug im Tank habe. So einfach ist das“, begründete sie ihren Rücktritt. Natürlich sah sie dabei nicht glücklich aus.

Nicola Sturgeon erlitt den Brexit, der ihr Land noch mehr von England entfremdete. Schottland ist proeuropäisch gesinnt, aber ohnmächtig gegen die radikalisierten britischen Konservativen. Die Schotten würde schon lange gerne die britische Vormundschaft abschütteln; jetzt noch mehr. Die linksliberale Ministerpräsidentin ist das Herz und die Seele der Weg-von-London-Bewegung. Acht Jahre lang hat sie dieses Amt ausgeübt, das ihr nach und nach die Lebensenergie aussaugte.

Neuseeland und Schottland sind keine Weltmächte, schon wahr. Der ukrainische Präsident Wolodmir Selenskij bat weder Wellington noch Edinburgh um Waffen oder Munition oder Panzer. Beide Länder liegen im Windschatten der Geschichte. Dennoch kommt diesen beiden Frauen das Verdienst zu, dass sie in Freimut über das Schwinden der Kraft reden, das jedermann ereilt, so machtversessen er oder sie auch sein mag.

Wem die Luft zum Atmen knapp wird, muss sich zunächst selber klar machen, dass es in ihm brodelt. Vermutlich vergeht einige Zeit, bis das Gefühl der Unrast, das jagende Herz beim Aufwachen mitten in der Nacht, die aufsteigende Angst, die gelegentliche Antriebslosigkeit zu einem unentwirrbaren Gemütsknäuel wird. Allmählich dringt die innere Not ins Bewusstsein und schreit nach Konsequenzen.

Vermutlich gingen Ardern und Sturgeon erst einmal Kompromisse ein, strichen Termine aus dem übervollen Kalender, leiteten kleine Veränderungen ein, beanspruchten mehr Privatheit im Tagesablauf, über den die Mitarbeiter bestimmen, und das mag sogar Wirkung gezeitigt haben, wenigstens für eine gewisse Zeit. Denn eine so endgültige  Entscheidung wie der Rücktritt ist ein Prozess, der sich quälend hinzieht, bevor er in die Einsicht mündet, es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr so wenig von mir selber haben, von meinem Kind, von meinem Mann. Am Ende steht die Pressekonferenz, auf der sich der komplexe Gemütsprozess in wenigen klaren Sätzen auflöst.

Was bleibt zurück? Die Trauer um den Verlust eines Amtes, auf das sie energisch und zielsicher hingearbeitet hatten. Die Befreiung aus der Tretmühle. Die Rückgewinnung des funktionsfreien Ich. Jacinda Ardern ist 42 Jahre alt, Nicola Sturgeon 52, da geht noch einiges, keine Frage,

Zwei Frauen treten den Rückzug zur Überraschung ihrer Landsleute an. Châpeau! Aber warum thematisieren sie, worunter Männer genauso leiden, ohne es sich und anderen einzugestehen, geschweige denn die Konsequenzen zu ziehen?

Vermutlich haben weniger Frauen als Männer diese Allmachtsphantasien, die zum Anstreben und Ausüben von Macht gehören. Vielleicht schauen Frauen öfter nach Innen, prüfen sich strenger, sind überhaupt kritischer im Umgang mit sich. Vielleicht ist es häufiger so, dass Frauen Macht zum Machen benutzen und nicht als Selbstzweck verstehen, woraus ja fast zwangsläufig die Notwendigkeit zur Machtsicherung fließt, die auch jede Menge Energie bindet.

Timing ist nicht alles in der Politik, aber ohne Timing ist alles nichts. Nun kennen wir zwei Beispiele für die Einsicht in die Notwendigkeit, das Amt niederzulegen. Freiwillig. Aus eigenem Recht. Das bleibt im Gedächtnis der Öffentlichkeit. Und damit stehen die Apostel der Machtversessenheit ab jetzt unter dem Zwang, ihre Verweildauer in Ämtern zu rechtfertigen. Dafür haben die zwei bemerkenswerten Frauen aus Neuseeland und Schottland gesorgt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Basketballer und Bürgerrechtler

Vor ein paar Tagen habe ich eine schreckliche Lücke gefüllt, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte. Auf Netflix sind zwei Folgen über Bill Russell zu sehen, den ich zwar kannte, aber nicht gut, und wie ich verspätet verstanden habe, hätte ich mich mal besser früher um ihn gekümmert.

Als ich in Amerika lebte, von 2001 bis 2005, entdeckte ich den Basketball für mich. Der Grund lag an Michael Jordan, der zu diesem Zeitpunkt für die Mannschaft bei den Washington Wizards zuständig war. Es war sein erster Job im Management nach einer beispiellosen Karriere, die ebenfalls in einer fabelhaften Serie auf Netflix zu sehen ist, mit dem schönenTitel: The last dance.

Am 11. September 2001 um 10 Uhr morgens wollte Michael Jordan in einer Pressekonferenz bekannt geben, dass er von nun an für die Wizards Basketball spielen wollte, sein drittes Comeback, was natürlich eine Weltsensation bedeutete. Der beste Basketballspieler seiner Generation (um es vorsichtig zu sagen) würde wieder die Zunge rausstrecken, in der Luft stehen (in seinen eigenen Nike-Schuhen) und swutsch würde der Ball durchs Netz zischen, ohne den Ring zu berühren, versteht sich.

Ich war in Washington, MJ war in Washington, wir würden eine wunderbare Zeit miteinander verleben, dachte ich, hoffte ich, malte ich mir aus. Wie man sich denken kann, fiel die heiß erwartete Pressekonferenz aus, weil Mohammed Atta und seine Freunde drei Flugzeuge kaperten und zwei davon in die Twin Towers steuerten und eines nicht ins Kapitol fliege konnten, weil mutige Passagiere für den Absturz der Maschine bei Shanksville sorgten.

Mit den Folgen dieser Zeitenwende war mein Dasein als Korrespondent in den USA fortan ausgelastet. Zur Entspannung, zur Abwechslung, aber auch um dieses Land zu verstehen, schaute ich mir Basketballspiele an, schrieb eine Kolumne für SPIEGELOnline und flößte mir Sachkenntnis ein, indem ich Bücher las: von Charles Barkley (herrlicher Titel: I might be wrong, but I doubt it), von Magic Johnson. Dazu David Halberstams sensationelle Biographie über Michael Jordan und natürlich las ich auch Michael Wilbons Kolumnen in der „Washington Post“.

Ich fühlte mich auf sicherem Boden. Die Geschichte der NBA hatte ich inhaliert. Die heilige Dreifaltigkeit aus Nike, ESPN und Michael Jordan, die aus der NBA ein Milliardengschäft machte, leuchtete mir ein. Ich lernte Dirk Nowitzki kennen, stand vor (genauer gesagt: unter) Shaquille O‘ Neal und saß im „Milano“ an MJ’s Nachbartisch.

Aber ich hatte Bill Russell ausgelassen. Er sagte mir nichts, abgesehen von vielen Ringen, die er für die NBA-Meisterschaften (World Series heißen sie in Amerika in gewohnter Bescheidenheit) gewonnen hatte. Ich hatte Nachholbedarf, dringenden Nachholbedarf, und ahnte es noch nicht einmal. Ich war ignorant, was für ein Mist.

Bill Russell spielte als einer der ersten schwarzen Spieler in der NBA (sie sprachen damals wie selbstverständlich von den Negroes in der Liga). Seine Eltern waren wegen des Rassismus aus dem tiefen Süden nach Kalifornien gezogen. Sie waren vor dem Ku-Klux-Klan und dem Haß der Weißen in den Westen emigriert. Bill Russell spielte nach dem College für die Boston Celtics und gewann in 13 Jahren 11 Meisterschaften. 11! Er war gekommen und ein mittelmäßiges Team verwandelte sich in ein starkes Team.

Nun könnte man meinen: Boston, Neuengland, liberal, keine Vorurteile gegen Schwarze, aber von wegen. Boston war eine schrecklich rassistische Stadt, die einen schwarzen Spieler bei den Celtics duldete, weil er Siege garantierte, aber als Nachbarn wollten sie ihn nicht haben. Dort lebten in den 1950er und 1960er Jahren lauter Alexander Gaulands, der ja auch nicht Jerome Boateng in der Nachbarschaft dulden wollte. Was für eine Schande, was für eine Schmach, die sich Boston da antat. Aber auch die NBA, denn es dauerte, bis der überragende Spieler, nämlich Bill Russell, endlich als MVP ausgezeichnet wurde. Zuvor hatte sich immer irgendein Weißer gefunden, den sie dem Schwarzen vorzogen.

Bill Russell spielte Center. Er brachte es regelmäßig auf 20 bis 30 Punkte und 20 bis 40 Rebounds. Phänomenal. Immer noch bewundernswert anzuschauen, wie er die Bälle pflückt, die vom Brett oder vom Ring abspringen. Nichts daran war Zufall. Russell pflegte zu sagen, Basketball sei wie Geometrie. Der Winkel, unter dem der Ball abprallte, ließ sich berechnen. Es kam nur darauf an, richtig zu stehen, im richtigen Augenblick hochzuspringen und den Ball festzuhalten und sofort zum Konter zu passen, eine Kunstform, die er wie keiner beherrschte. Bill Russell machte ziemlich ziemlich viel richtig.

Im Sport gibt es häufig zwei hervorragende Spieler zu selben Zeit. Beckenbauer und Cruyff. Netzer und Overath. Messi und Ronaldo. Bill Russell lieferte sich mit Wilt Chamberlain epische Duelle. Chamberlain war ein Scorer, sein Rekord mit 100 Punkten steht noch heute und nicht einmal LeBron James reicht heran.

Chamberlain war das Gegenteil von Russell. Russell spielte 13 Jahre für die Celtics. Chamberlain fing im Showbusiness bei den Harlem Globetrotters an, spielte in San Francisco für die Warriors, in Philadelphia für die 76ers und für die Lakers in Los Angeles. Er gewann zwei Meisterschaften. Er war ein Egoman, ein Starspieler. Großartig, das schon, 2,18 m groß, 12 cm mehr als Russell, aber Bill Russell gewann 11 Ringe, weil er das Herz und der Kopf einer Mannschaft war.

Der tiergehende Unterschied zu Chamberlain war dieser: Russell war ein Bürgerrechtler. Er setzte sich für die Gleichberechtigung der Rassen ein. Er demonstrierte mit, er war beim Marsch Martin Luther Kings in Washington dabei. King wollte ihn auf der Bühne haben, aber Russell lehnte ab, das stehe ihm nicht zu, er sein nur ein Basketballspieler, was natürlich nicht stimmte, aber typisch für ihn war, für diese Demut, für das Wissen um seinen Platz.

Wilt Chamberlain beschränkte sich auf seinen eigenen Wohlstand und seinen eigenen Ruhm. Nach ihm hielt es Michael Jordan übrigens genauso. Von ihm stammt der Satz, auch Weiße zahlten Eintritt zu seinen Spielen, warum also sollte er sich gegen sie stellen?

Von Quietismus war Bill Russell weit entfernt. Damit machte er sich verhasst, nicht nur in Boston, aber vor allem dort. Als die Familie eines Tages aus dem Urlaub zurückkommt, findet sie das Haus verwüstet, rassistische Sprüche sind mit Kot an die Wände geschmiert.

Jetzt endlich weiß ich viel über Bill Russell und wie immer lerne ich über den Basketball das Amerika kennen, das seinen Rassismus bewahrt, ohne dass ich wüsste, warum diese Wunde sich nicht schließt, verdammt noch mal.

Freiwillig gehen, aus eigenem Recht – wow!

Es begann mit Jacinda Ahern, die ihren Rückzug damit begründete, dass ihr die Energie fehle, die Tatkraft für dieses Amt der Ministerpräsidentin von Neuseeland. Ihr folgte wenige Tage später Nicola Sturgeon, deren Funktion die Schotten First Minister nennen, wobei sich, nebenbei gesagt, die genderfreie englische Sprache aufs Schönste bewährt.

Zwei Frauen, gestehen sich ein, dass sie erschöpft sind, seelisch wie körperlich. Jacinda Ahern bekam ein Kind und man (Mann) kann sich nicht vorstellen, was Schwangerschaft und Geburt für einen Menschen bedeuten, der viel zu tun hat, um es neutral zu sagen. Dann noch ein Ausnahmezustand mit der Pandemie. Wer kein Herz aus Stein hat, den überkommt gelegentlich Mitgefühl für Amtsträger und Amtsträgerinnen, die Entscheidungen in historisch beispiellosen Lebenslagen treffen müssen, die sie um Schlaf und Resilienz bringen. Fünfeinhalb Jahre war Jacinda Ahern Premierministerin ihres schönen Landes.

Nicola Sturgeon erlitt den Brexit, der ihr Land noch mehr England entfremdete. Schottland wäre gerne unabhängig, die Ministerpräsidentin ist Herz und Seele der Bewegung-los-von-London. Acht Jahre hat sie dieses Amt inne, das ihr die Lebensenergie aussaugte.

Neuseeland und Schottland sind keine Weltmächte. Ihre Probleme sind weniger fundamental. Selenskij fragte weder da noch dort um Waffen oder Munition oder Panzer nach. Beide Länder liegen im Windschatten der Geschichte, schon wahr.

Wem die Luft zum Atmen knapp wird, muss sich zunächst selber klar machen, dass die Kraft nachlässt. Vermutlich vergeht einige Zeit, bis sich das Gefühl der Unrast, das Aufwachen mitten in der Nacht, die gelegentliche Antriebslosigkeit zu einem Bündel zusammen schießt, so dass der innere Wandel ins Bewusstsein dringt und nach Konsequenzen schreit. Vermutlich geht man (Frau) Kompromisse ein, stiehlt sich erst einmal Zeit, leitet kleine Veränderungen ein, geht möglichst dann und wann, wenn es sich ergibt, früher schlafen, beansprucht mehr Freizeit im Kalender, den andere für sie führen, wenigstens am Wochenende, leitet Abwechslung ein und das mag sogar Wirkung zeitigen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Das ist ein Prozess, der sich quälend hinzieht und in die Einsicht mündet, es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr so wenig von mir, von meinem Kind, von meinem Mann haben. Am Ende steht die Pressekonferenz, auf der sich die lang anhaltende Unklarheit in wenigen klaren Sätzen auflöst.

Was bleibt zurück? Das Eingeständnis von Schwäche durch Ermattung der Stärke. Die Trauer um den Verlust eines Amtes, auf das man (Frau) energisch und zielsicher hingearbeitet hatte. Die Befreiung von der Tretmühle. Die Rückgewinnung des funktionsfreien Ich. Dennoch: gemischte Gefühle dürften sie erfüllen, was denn sonst. Wenn es gut geht, verliert das Bedauern seine Tiefenschärfe und gewinnt die Befreiung an Kraft für einen Neuanfang. Jacinda Ahern ist 42 Jahre alt, Nicola Sturgeon 52, da geht noch was, keine Frage.

Zwei Frauen treten den Rückzug zur Überraschung ihrer Länder an. Niemand verlangte es ihnen ab. Keine von ihnen stand unter Bedrängnis. Ungewöhnlich. Châpeau! Vermutlich haben weniger Frauen als Männer Allmachtsphantasien, schauen öfter nach Innen, prüfen sich strenger, sind überhaupt kritischer im Umgang mit sich selber, eventuell auch grundsätzlich ambivalent gegenüber höchsten Ämtern. Vielleicht ist es häufiger so, dass Frauen Macht zum Machen benutzen und nicht als Selbstzweck verstehen, woraus ja fast zwangsläufig die Notwendigkeit zur Machtsicherung fließt.

Natürlich fallen mir sofort Gegenbeispiele ein, Angela Merkel zum Beispiel, die ja aber auch eigentlich 2017 aufhören wollte und von honorigen Figuren wie Obama beschworen wurde zu bleiben, weil ihre Erfahrung den richtigen Umgang mit dem Springteufel Trump eingeben würde. Gut möglich, dass sie sich hinterher sagte, hat ja nichts gebracht, diesen schrecklichen Kerl konnte eh niemand einhegen. Aber es ist schon gut, wenn Frauen imstande sind, die ihnen verliehene Macht virtuos zu handhaben. Selbst Angela Merkels Minenspiel ist fern der Glückseligkeit geblieben, die Helmut Kohl oder Gerhard Schröder im Ausüben der Macht durchglühte.

Timing ist nicht alles in der Politik, aber ohne Timing ist alles nichts. Nun kennen wir zwei Beispiele von Demut aus Einsicht in die Notwendigkeit das Amt niederzulegen. Freiwillig, aus eigenem Recht, ohne äußere Not. Das bleibt, das schlägt sich im Bewußtsein der Öffentlichkeit nieder. Und damit stehen die Apostel der Ewigkeit ab jetzt unter dem Zwang, dass sie ihre lange Verweildauer in Ämtern rechtfertigen müssen. Dafür sorgen die zwei bemerkenswerten Beispiele aus Neuseeland und Schottland.

Wie viel Veränderung verträgt Berlin?

Berlin ist wild, bunt, anarchisch auch. Zugleich ist Berlin in manchen Kiezen genauso bürgerlich wie Hamburg und ähnlich ordentlich wie München, manchmal sogar langweilig wie Stuttgart, wenn man Stuttgart 21 mit dem BER aufrechnet. Aber die Stimmung, ja die ist einzigartig in dieser großen Stadt.

Wurschtig. Übellaunig. Zynisch amüsiert über all das, was nicht klappt, und das ist ja bekanntlich ziemlich viel. Wenn es so etwas wie autoaggressiven Stadt-Patriotismus gibt, dann findet der sich hier.

Deshalb lieben sie die Hertha, weil es dem Verein gelingt, Hunderte Millionen Euro zu verpulvern, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass sie immer noch weiter hinten in der Tabelle herum krebst, als sich dunkel erahnen ließ. Hertha versucht es nun ja mit einer Berliner Lösung, was immer die Vereinsführung darunter verstehen mag, vielleicht dass Bescheidenheit ziert und Investoren böse sind. Stimmt ja beides, oder?

Der Big City Club aber liegt weit drüben im Osten, in der Alten Försterei, nix Olympiastadion. Der 1. FC Union ausgerechnet steigt und steigt, in der Tabelle und finanziell, wer hätte das gedacht. Ist doch eine herrliche Überraschung, mit der sich endlich mal renommieren ließe. Lässt sich aber nur bedingt, weil Erfolgsgeschichten in Berlin gegen den Komment verstoßen, nicht wahr?

Berlin wählt neuerdings gerne, zum zweiten Mal schon innerhalb von anderthalb Jahren, während eine Legislaturperiode eigentlich fünf Jahre dauert. Multitasking ist nicht so die Sache der Stadt. War ja auch viel, an jenem Sonntag im September 2021: Marathon und Bundestagswahl, Bezirkswahl und Volksentscheid. Nach dem Gesetz, wonach alles schief geht, was schief gehen kann, ging eben einfach alles schief. 

Das Schöne an Wahlkämpfen ist allerdings, dass wir vom Spitzenpersonal der Parteien erfahren, welches Berlin sie meinen, wenn sie über Berlin sprechen.

Fangen wir mit Bettina Jarasch an, der es gerade wie Annalena Baerbock ergeht – sie springt weit und dürfte zu kurz landen. Regierende Bürgermeisterin will sie werden und zwar als Patronin aller Radfahrer, für die sie Raum gegenüber den Automobilen schaffen will, ein redliches Unterfangen, das schon. Nun zeichnet es allerdings viele Radfahrer aus, dass sie die Farbe Rot für eine Empfehlung halten, die sie großmütig ausschlagen, wodurch sie sich wenig von vielen Autofahrern unterscheiden, die in aller Gemütsruhe bei Dunkelrot über die Kreuzung trudeln.

Selbstverständlich hat Bettina Jarasch nur die regelkonformen Radfahrer im Sinn, wie sie in vielen Interviews sagt. In diesem Zusammenhang fiel aber ein Satz, es war bei t-online zufällig, der Beachtung verdient. Er lautet so: „Mein Maßstab für das Gemeinwohl sind immer die Schwächsten. Im Straßenverkehr sind die Schwächsten die Fußgänger und Radfahrer.“

Gemeinwohl ist ein hehres Wort, ein staatstragender Begriff, leicht angestaubt in einer Zeit, die bis zum Abwinken Authentizität und Nahe-bei-den-Menschen bei allzeit politischer Korrektheit einklagt. Beim Gemeinwohl geht es um das Gesamtinteresse einer Gesellschaft, das ist geradezu der Gegenbegriff zu Einzel- oder Gruppeninteressen wie den Radfahrern. 

Damit sind wir beim Grundproblem des politischen Berlin angelangt. Jede Partei beschränkt sich auf Gruppeninteressen – die Grünen, die Linken sowieso, die FDP aus Prinzip. Ergänzt wird dieser Tatbestand durch ein Ungleichgewicht zwischen den Spitzen und ihren Parteien. Bettina Jaraschs Spielraum engen Hardcore-Grüne in Kreuzberg und Friedrichshain ein. Franziska Giffey wollte schon 2021 mit der CDU regieren, was ihr die SPD jedoch verwehrte. 

Die noch und vielleicht auch wieder Regierende Bürgermeisterin erweckt noch am ehesten den Anschein, dass sie an das ganze Berlin denkt – eben an das Gemeinwohl. Zu den Silvester-Angriffen auf Polizei und Feuerwehr fand sie alleine, die mal Bürgermeister in Neukölln war, angemessene Worte. Die CDU hingegen wollte unbedingt die Vornamen der Täter in Erfahrung bringen. Was sie damit bezweckte, bleibt ihr Geheimnis. Auf die Provokation kam es ihr an, da sie doch wissen musste, dass im Zweifelsfall Feuerwehrleute oder Polizisten die gleichen türkischen oder arabischen Vornamen tragen wie die Angreifer, welche die CDU stigmatisieren wollte.

Dennoch darf sich die CDU, ihr Vorsitzender heißt Kai Wegner und versteht sich als Schutzpatron der Verdrängung erleidenden Autofahrer, in der Hoffnung wiegen, die stärkste Partei zu werden. Seit ihrem Untergang mit der Bankengesellschaft vor 22 Jahren wäre das eine Wiederauferstehung. Nicht dass der Spitzenkandidat ein Ausbund an Popularität wäre, aber wer nicht länger Rot-Rot-Grün wie ein Perpetuum Mobile bekommen will, bedient sich eben der CDU.

Vielleicht tut sich ja was in Berlin, politisch gesehen. Aber kann man sich die Stadt ohne den Kultursenator Klaus Lederer vorstellen? Und die Bundesliga ohne Hertha, während der 1. FC Union Champions League spielt? Und darf man Berlin, das sich wohlig in seiner Dysfunktionalität eingerichtet hat, so viel Veränderung überhaupt zumuten?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der Mann, der die DDR nicht retten durfte

Hans Modrow war ein milder Mann, der Metall in seine Stimme legte, um Missverständnissen vorzubeugen. Diese Gewohnheit hatte er sich zugelegt, weil die beiden Erichs, Honecker und Mielke, ihn ernst nehmen sollten, was sie allerdings nicht nahmen. Ihnen war der Genosse zu soft, zu unentschlossen, er sollte bleiben, was er war, Bezirksleiter der SED in Dresden, in der Provinz.

Modrows Stunde schlug erst, als die beiden Erichs und der dritte dazu, Krenz nämlich, auf dem Friedhof des Sozialismus gelandet waren. Plötzlich stand der ewige Außenseiter im Zentrum der Ereignisse und versuchte sich als ehrlicher Makler, das muss man ihm zugute halten, auch wenn er sein Land nicht retten durfte, wie sich alsbald erwies.

Am 19. Dezember 1989 nahm der bundesdeutsche Machtpolitiker Helmut Kohl diesen Modrow in Augenschein und befand ihn ebenfalls als zu weich, zu ideenlos, wie die DDR ökonomisch überleben könnte. Am Abend feierte Kohl  dann mit Zehntausenden begeisterter DDR-Bürger die Vorwegnahme der Wiedervereinigung, ein dramatisches Ereignis unter nächtlichem Winterhimmel, das mich schwer beeindruckte.

Seither war Hans Modrow kalt gestellt. Die Geschichte räumte ihm nur noch die tragische Rolle des Erblassers der Resterampe DDR ein. Von ihm geblieben ist ironischerweise lediglich das „Modrow-Gesetz“ vom 1. März 1990, womit sämtliche volkseigene Betriebe und Kombinate in Kapitalgesellschaften übergeführt wurden. 

Interessant ist, wie sich Modrows Ruf unter seinen ostdeutschen Landsleuten veränderte. Jahrzehntelang hatte er der SED-Nomenklatura angehört. Die Menschen, die seit Oktober auf die Straße gingen und „Wir sind das Volk“ gegen Honecker/Mielke/Wolf/Modrow skandierten, machten keinen Unterschied zwischen den Erichs und ihm. Die kleinen feinen Unterschiede fielen erst im Nachhinein ins Gewicht, als sich die Folgen der Transformation zum Kapitalismus in Massenarbeitslosigkeit und sozialer Entwurzelung niederschlugen.

Modrow hatte anderes gewollt, darauf kam es jetzt an. Ein Drei-Phasen-Modell zur Wiedervereinigung hatte ihm vorgeschwebt, gestreckt über viele, viele Jahre. Am Ende dann sollte das neue Gebilde Gesamtdeutschland Neutralität wahren. Denn da sich der Warschauer Pakt aufgelöst hatte, die militärische Organisation des Ostblocks, sollte sich konsequent auch die westliche Nato auflösen, das war die Überlegung, die nicht ganz von der Hand zu weisen war. Außerdem hatte Modrow die Idee aufgegriffen, dass den Bürgern der DDR Anteilsscheine an allen Betrieben und Unternehmen der DDR zustünden, die sie dann verkaufen durften, wenn sie wollten. Dem Volk sollten die volkseigenen Betriebe wenigstens nominell gehören.

Plausible Vorstellungen waren das zu ihrer Zeit. Die Geschichte ging allerdings kaltherzig, wie sie ist, darüber hinweg – in Gestalt der Regierung Kohl/Genscher/Waigel und deren Ausführungsorgan Treuhand. Doch die treibende geschichtliche Kraft waren diese Zehntausenden Demonstranten im Herbst 1989, die unbedingt die DDR loshaben wollten. Sie waren der eminenten Beschleuniger, der auch über bedenkenswerte Vorstellungen hinwegfegte.

Noch in seinen letzten Interviews rügte Hans Modrow den Mann, auf den es in diesen geschichtlichen Augenblicken wirklich ankam: Michail Gorbatschow. Im Grunde konnte Modrow es nicht fassen, das die glorreiche Sowjetunion, die Panzer in die DDR, nach Ungarn und die Tschechoslowakei zur Rettung ihres Nachkriegsimperiums geschickt hatte, so mir nichts, dir nichts weggab, was ohne sie keine Zukunft haben würde.

Modrow wollte noch im Oktober 1989 im alten Geist handeln, das gehört zu seiner Lebensgeschichte. Er entwarf Pläne zur gewaltsamen Unterdrückung der Demonstranten in Dresden. Er ließ Tausende Bürger verhaften, die zum Bahnhof geeilt waren, als die Freiheitszüge aus Prag Dresden passierten.

Das Milde war gepaart mit eisernen Zähnen. Seltsamerweise aber lag der metallene Modrow neben der historischen Spur. Milde in diesem Augenblick wäre taktisch klüger gewesen. Aber gutes Timing gehörte nicht zu seinen Stärken. Das erwies sich auch in einer Episode am 3. Dezember 1989, an die sich die Nachwelt erinnern sollte.

Überliefert hat sie Wolfgang Berghofer, der damals neben Modrow Oberbürgermeister der schönen Stadt Dresden gewesen war und im Westen ebenfalls als Mann mit Zukunft galt. „Genossen, wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige“, habe Modrow gesagt. „Die Schuldigen sind wir“, will Berghofer eingewandt haben, was Modrow nicht beeindruckte: Die Massen müssten schnell einen Verantwortlichen präsentiert bekommen, der Schuldige solle das Ministerium für Staatssicherheit sein.

Stümperhaft, könnte man sagen, mit dem Wissen von heute. Die friedliche Revolution war Anfang Dezember 1989 über solche Vorstellungen längst hinweggegangen. Freundlicher formuliert dachte Modrow noch immer innerhalb der DDR-Systemlogik, weil er sich sich ein Europa ohne DDR einfach nicht vorstellen konnte.

Hans Modrow blieb hell und wach und streitbar bis an sein Ende im Alter von 95 Jahren. Sein Land, die sozialistische DDR, konnte er nicht retten, aber das hätte ja auch wirklich niemand vermocht.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Mesut Özil, das Genie, hört auf

Mesut Özil hört auf, habe ich gelesen. Von ihm kam noch keine offizielle Verlautbarung, wonach er sich aus dem Fußballsport zurückziehen wird. Es passt zu ihm, dass er sich nicht äußert oder mit Verspätung oder eben erst dann, wenn er es für nötig befindet.

Ich habe ihm anfangs ungläubig, dann mit Staunen und, als ich mich an sein Ingenium gewöhnt hatte, voller Neugierde zugeschaut. Er war der erste deutsche Fußballspieler, der Räume sah, die kein anderer sah. Er führte den Ball am linken Fuß, schob ihn mit dem Außenrist knapp am Gegenspieler vorbei, so dass der wie ein Tölpel aussah, und schon war ein Mitspieler in den freien Raum gestartet, zog den Ball mit und wie aus dem Nichts war eine Chance entstanden.

Mesut Özil fing bei RW Essen und bei Schalke 04 an. Den Schalkern müssen die Tränen kommen, wenn sie daran denken, dass ihr Verein seinen Vertrag nicht verlängern wollte. Damals konnte sich Rudi Assauer solche Kapriolen leisten. Schalke war gut, spielte Champions League und ein aggressiver Berater, Özils Vater, prallte mit seinen Forderungen an der Selbstgefälligkeit der Vereinsführung ab.

Dann zwei Jahre in Bremen, Werder wurde wie Schalke im Jahr zuvor Vizemeister, und dann Real Madrid. 15 Millionen Ablöse, ein Schnäppchen nach heutigen Kriterien. Erste Saison: 36 Spiele, 6 Tore, 19 (!) Vorlagen. Im Tor stand Casillas, Ramos spielte in der Innenverteidigung, Xabi Alonso im defensiven Mittelfeld mit Sami Khedira, im Sturm CR 7, Benzema, di Maria. Mourinho war Trainer.

Mesut Özil war ein scheuer Mensch, schüchtern, in sich gekehrt. Manches gab sich mit dem Erfolg. Was blieb, war das Erratische, das sich psychologisch als Korrelat zu seiner Genialität verstehen lässt. Sein Elixier war das Unberechenbare, dieses Aufblitzen, der Pass, den keiner kommen sah, nur irgendein Mitspieler, der im Training ein Gespür dafür bekommen hatte, dass Mesut wie eine Vision einen leeren Raum öffnete und eine Chance kreierte und eine Hintermannschaft mit einem sanften Pass schachmatt setzte.

Natürlich erweist sich im Rückblick die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien als der Höhepunkt seiner Karriere. Toni Kroos war das Metronom, Özil der Schöpfer feiner Chancen und wieder ein überaus mannschaftsdienlicher Spieler, was gerne vergessen wird. Südafrika vier Jahre später: der Tiefpunkt. Das Foto: Gündogan und Özil mit Erdogan. Das vom DFB orchestrierte Fußball-Deutschland machte Mesut Özil zum Sündenbock, zum Schuldigen für das erbarmungswürdige Scheitern. An seiner Leistung konnten sie nichts festmachen, also stürzten sie sich auf seinen Charakter. Das Stille erschien ihnen als Provokation. Das Schüchterne als Arroganz. Die Melancholie, die ihm eigen war, als Gleichgültigkeit.

Medien können Missgunst und Zorn steuern und sie steuerten die herrschende Niedertracht hin zu Mesut Özil. Der konnte sich nicht wehren, wollte es vielleicht auch nicht. Niemand interessierte sich ohnehin für seine Deutung des Ausscheidens. Manuel Neuer als Kapitän versagte, wie er immer versagt, wenn es darauf ankommt, Stellung für andere zu beziehen, für einen Mitspieler, Stellung auch gegen die tumben Toren vom DFB. Neuer ist der Inbegriff des Jasagers. Erst im Alter, als sein Freund und Torwarttrainer kaltblütig rausgeschmissen wurde, als er in der Reha war, wehrte er sich. Hätte er nur mal früher damit angefangen und vor allem den Mut gehabt, für andere einzutreten.

Was das Anprangern in Özil auslöste, für ihn bedeutete, wüsste ich gerne. Irgendjemand wird irgendwann auf die Idee kommen, mit Özil ein langes Lebensgespräch zu führen und vielleicht erzählt dieser wunderbare Spieler darin von seinem Erleiden fundamentaler Ungerechtigkeit. Bei Arsenal fiel er in Ungnade, ging zu türkischen Vereinen und hoffte wohl darauf, dass ihn die Verehrung wieder zu schönen Spielen inspirieren würde, so dass seine Genialität nochmals zu voller Entfaltung kommen könnte. War nicht so. Stellte sich nicht ein. Wie schade.

Jetzt hat es ein Ende. Ginge es mit rechten Dingen zu, würde Deutschland dem ersten Genie seit Franz Beckenbauer einen Kranz flechten oder wenigstens ein Abschiedsspiel mit einer internationalen Mannschaft organisieren. Ich bin gespannt, ob der Sportdirektor des DFB, der ehrwürdige Rudi Völler, einen Sinn dafür besitzt, dass Deutschland sich etwas Gutes antut, wenn es Mesut Özil ehrt, den Mann, der Räume sah, die gar nicht da waren.

Wenn unerwünschte Worte aus dem Munde purzeln

Annalena Baerbock ließ sich dabei ertappen, wie sie sagte, was sie denkt.: „Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander.“ Wer müde ist, zermürbt und entnervt vom Wahnsinn der Ereignisse, dem löst sich schon mal ungewollt die Zunge, so dass ihm eine Wahrheit entschlüpft, die besser ungesagt geblieben wäre.

Es gilt nun mal der alte Satz: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Diplomaten sollten ihn rundum beherzigen und allenfalls privat Dampf ablassen. Nicht umsonst werden ihnen Floskeln und Formeln beigebracht, die sie noch im Schlaf beherrschen sollen. Wo Worten Gewicht zukommt, wägt man sie besser.

Das Auswärtige Amt bemühte sich händeringend um mildernde Interpretation: Wladimir Putin verstoße mit seinem Krieg gegen die europäische Friedensordnung und das Völkerrecht. Das stimmt natürlich, rettet aber den ominösen Satz nicht davor, richtig verstanden zu werden. So denkt sie, die Annalena, und erstaunlicherweise purzeln ihr die Worte sogar aus dem Mund.

Deutschland legt Wert darauf, nicht Kriegspartei zu sein. Deutschland liefert Waffen jeglicher Art und stimmt sich dabei mit den Bündnispartnern ab. Deutschland unterstützt die Ukraine auch finanziell, moralisch ohnehin, und nimmt Geflüchtete großzügig auf. Nichts davon ist selbstverständlich und deshalb hat das stete Drängen nach immer neuen Waffen auch etwas Ärgerliches. Damit ist wohlgemerkt nicht Präsident Selenskij gemeint.

Interessant ist aber, wie der Ukraine-Krieg Deutschland politisiert hat. Pazifisten, die eben noch Schwerter zu Pflugscharen verwandeln wollten, sind schnurstracks zu Sicherheitspolitikern mit exakter Kenntnis der Spurbreite von Schützenpanzern mutiert.

Vor 20 Jahren veränderte der Irak-Krieg Amerika ganz ähnlich. Plötzlich brachten Demokraten Verständnis für die verachteten republikanischen Neokons auf, die Regimewechsel durch Krieg schon immer für angemessen hielten, und wurden über Nacht selber zu Neokons. In Deutschland war der Konservatismus mit seiner Nähe zur Bundeswehr und seinem Verständnis für militärische Einsätze ein Monopol von CDU/CSU. Heute gibt es bemerkenswert viele Neokons unter den Grünen und der FDP sowieso, verhaltener in der SPD.

Annalena Baerbock macht kein Hehl daraus, dass aus ihrer Sicht das Kanzleramt oft zu lange zögert, bevor das Richtige geschieht. Ihr Satz, wonach wir einen Krieg gegen Russland kämpfen, hätte unter anderen Umständen eine Regierungskrise ausgelöst, an deren Ende die Außenministerin ihr Amt einbüßen könnte. 

Im Kanzleramt sind sie sicherlich vor Wut im Dreieck gesprungen. Hatte sich doch soeben die Lautsprecherin Marie-Agnes Strack-Zimmermann vor der Ankündigung, Deutschland werde die Leos 2 in die Ukraine schicken, domestizieren lassen und die Neokons unter den Grünen verhielten sich endlich mal still. Deshalb war der Versprecher der Außenministerin besonders ärgerlich. Damit beeinträchtigte sie den Coup, dass Deutschland bei seiner Entscheidung die USA hinter sich her gezogen hatte.

Was bedeuten die Leos 2 für das Kriegsgeschehen? Im Leitartikel meint der “Spiegel“, die Lieferung sei ein „Gamechanger“ insofern, als Putin damit an den Verhandlungstisch gezwungen werden könnte. Na ja, wohl dem, der so viel Vertrauen aufbringt. Die Logik geht andersherum: Der Krieg dürfte andauern, solange Putin Präsident ist.

Es geht weiter, immer weiter, mit dem Krieg, und auch damit, dass der Westen in Bälde Kampfjets liefern soll und weitreichende Raketen und auch U-Boote. Rote Linien waren gestern. Das Scholzsche Zögern hat auch darin seinen Grund, dass Deutschland eines tunlichst vermeiden sollte – dass wir einen Krieg gegen Russland kämpfen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Typus Fundamentalist, Fundamentalistin

Anton Hofreiter, der Grüne mit der blonden Mähne und dem bayerischen Sprechgesang, hat wieder einmal und ultimativ dazu aufgefordert, endlich Kampfpanzer aus deutscher Edelproduktion in die Ukraine zu schicken. Er steht nicht allein, das stimmt. Heftiger und öfter noch erhebt Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihre Stimme und kritikastert den Bundeskanzler.

Ich hebe die beiden hervor, weil die Mehrheit in der veröffentlichten Meinung sich ihrer als Kronzeugen gegen den zögernden Olaf Scholz bedient. Dabei fällt auf, dass niemand nach den Beweggründen der beiden fragt, wobei es sich doch offensichtlich um zwei Zukurzgekommene handelt. Hofreiter wäre zu gerne Bundeslandwirtschaftsminister geworden, wobei seine Partei jedoch Cem Özdemir vorzog. Die Frau mit dem doppelten Doppelnamen macht kein Hehl daraus, wie gerne sie auf Christine Lambrecht gefolgt wäre, was ihr verwehrt blieb, weil sie, erstens, der falschen Partei angehört und, zweitens, mit ihrer forschen Art, um es freundlich auszudrücken, den Kanzler zur Weißglut bringen dürfte.

Interessanter aus meiner Sicht ist der Typus Anton Hofreiter, den es ja unter den Grünen in vielfältiger Ausfertigung gibt. Hofreiter ist Agrarexperte, das ist unbestreitbar. Er gehört dem linken Flügel seiner Partei an, wogegen sich nichts sagen lässt. Mir geht es um die jeweilige Unbedingtheit, mit derer auftritt und argumentiert. Fundamentalist ist er als Großkritiker der Landwirtschaft und Fundamentalist ist er jetzt als Sicherheitspolitiker, der er gar nicht ist, denn das Ersatzamt, das er bekam, ist der Vorsitz im Europa-Ausschuss des Deutschen Bundestages.

Fundamentalist hier und Fundamentalist dort. Würde er morgen den Fußball als Betätigungsfeld entdecken, würd er fundamental den DFB kritisieren, was man zweifellos machen kann, und eine Wende einklagen, egal wohin, die Hauptsache fundamental. Würde er übermorgen die Bildung als Betätigungsfeld entdecken, würde er eine Wende einklagen, vielleicht zum Prinzip Waldorfschule, was ja nicht falsch sein müsste, die Hauptsache einklagen und zwar fundamental. Undsoweiterundsofort.

Der Fundamentalist/die Fundamentalistin ist eine Erscheinungsform unserer Zeit. Er oder sie will etwas und zwar grundsätzlich und überhaupt auf der Stelle, also subito. Er oder sie argumentiert unzweideutig und teilt die Welt in Freund und Feind ein. Carl Schmitt ist sein und ihr Kronzeuge, auch wenn er und sie den Totengräber der Weimarer Republik entweder nicht kennt oder fundamental jede Nähe zu ihm abstreitet. Der Fundamentalist oder die Fundamentalistin findet sich bei „Friday for Future“, an den Universitäten, bei jeder Debatte, sei es Me-too, sei es beim Gendern, beim Kolonialismus, in der Literatur, bei Filmen etc. Er oder sie ist nicht einer Meinung, sondern diese Meinung ist absolut gesetzt und schließt aus, dass andere Meinungen faktisch gleichberechtigt oder moralisch gleichwertig sein könnten. Es gibt nur die eine Wahrheit, es gibt keineswegs Teilwahrheiten. Das Ideal ist der Absolutismus.

Fundamentalisten erzählen immer nur eine Geschichte, die eine Perspektive hat und einen Raum beherrscht. ihm liegt der Gedanke fern, dass er Toleranz üben sollte, weil ja die Meinung des Andersdenkenden falsch ist, unbedingt falsch. Argumentieren wird ersetzt durch Dekretieren. Er und sie fühlen sich in der Gruppe Gleichgesinnter wohl. Beide frönen dem Stammesdenken und stehen dem Taliban nahe, ob sie es für möglich halten oder nicht.

Nachdenken, gerade im Fall fundamentaler Entscheidungen, ist eine Stärke, keine Schwäche. Ein Bundeskanzler, der sich von den Hysterikern hetzen ließe, würde seinem Amt nicht gerecht.

Die Diva, der das Filmen wenig bedeutete

Die ersten Lieben halten am längsten. In meinem frühen realen Leben bedeutete mir meine Ellen die Welt; schön war sie, stolz und ein wenig unnahbar. In meinen Filmträumen bedeutete mir La Lollo die Welt. Unfassbar schön spielt sie im Melodram „Die Schönen der Nacht“ oder in „Der Glöckner von Notre Dame“.

Für meine Generation gab es in den 1960er Jahren zwei richtungweisende Fragen: Bist du für die Beatles oder die Stones? Natürlich war ich für die Fab Four und folgerichtig fiel die Antwort auf die zweite Frage aus: Bist du für Gina Lollobrigida oder Sophia Loren? Beatles und Gina nazionale gehörten zusammen. Kunst und Schönheit flossen harmonisch ineinander. Stones und die Loren, das war Wildheit mit einem Schuss Straßenanarchie. Nichts für mich.

Mir gefiel die Vielzahl ihrer Talente. Ja, sie war ein Sexsymbol, aber in Reinheit, eben nicht vulgär wie Elizabeth Taylor oder Anita Ekberg oder gar Mae West in der Vorgängerinnen-Generation. Einen Satz wie Mae West hätte La Lollo nie über die Lippen gebracht: „Ist da ein Revolver in Ihrer Hose oder freuen Sie sich nur, mich zu sehen?“ (Sorry, ein Frauenwitz!)

Gina Lollobrigida kam zuerst. Sophia Loren war sieben Jahre jünger und genoß den Vorzug, dass sie mit Carlo Ponti verheiratet war, dem berühmten und erfolgreichen Filmproduzenten, der zum Beispiel „Dr. Schiwago“ oder „Blow up“ produzierte. Ein produktiver Umstand, der ihr zu vorzüglichen Rollen verhalf.

Eigentlich waren es drei italienische Diven in der Nachkriegszeit, die das Schönheitsideal bestimmten, denn natürlich gehört Claudia Cardinale in diese Reihe. Sophia Loren war und blieb Schauspielerin, genauso wie Claudia Cardinale. Gina Lollobrigida aber war ein Multitalent. Sie hatte Bildhauerei studiert, arbeitete als Modefotografin und ließ sich zur Opernsängerin ausbilden. Konsequent widmete sie sich ihren anderen Gaben und blieb dem Filmen zusehends fern.

Wer so viel kann, macht sich verdächtig. Später sagte man ihr nach, sie sei ja nur eine mittelmäßige Schauspielerin gewesen. Das ist nicht falsch, war aber systembedingt. Damals mussten Frauen vor allem eines sein: schön. Darauf beschränkten Regisseure ihre Rollen. Und ob eine Schauspielerin zum Großstar heranwuchs, hing vom Film ab. Die Cardinale wird für alle Zeiten mit „Der Leopard“ verbunden sein, einem großen Film nach einem großen Roman. Dieses Glück ward Gina Lollobrigida nicht beschieden. Sie drehte viele Filme, von denen mancher zurecht in Vergessenheit geriet.

Ihre beste Zeit, die 1950er und 1960er Jahre, war auch die große Zeit des italienischen Kinos. Visconti, Fellini, Bertolucci, auch Sergio Leone, mit dessen „Spiel mir das Lied vom Tode“ sich die Ära ihrem Ende neigte. Danach übernahmen französische Regisseure mit französischen Filmen das Zepter. Goldene Jahre des europäischen Films, in dem sich Hollywood-Stars  um Rollen rissen.

Wie klug, wie umsichtig war doch Gina Lollobrigida. Sie zog sich aus dem Geschäft zurück. Die Alternativen lockten sie, das merkte man. Sie konnte eben mehr als andere. Sie war noch jung, Mitte 40, in ihr ruhten viele expressive Möglichkeiten. Die Kamera war nur eine davon.

Nur wenigen Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt rechtzeitig der Abschied von der Leinwand. Die meisten hoffen darauf, dass es irgendwie immer weiter geht. Clint Eastwood ist die große Ausnahme. Als hoch betagter Regisseur gibt er sich hochbetagte Rollen wie in „The Mule“. Er stirbt wahrscheinlich am Set oder auf dem Weg dorthin oder auf dem Heimweg von Nachtaufnahmen.

Nun ist sie gestorben, La Lollo, im gesegneten 96. Lebensjahr. Möge ihr Leben so rund gewesen sei, wie es den Anschein hatte.

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Deutsche Stimmungsdemokratie

Lützerath ist geräumt. Nur Pinky und Brain, zwei Öko-Aktivisten, harrten noch länger in ihrem Tunnel mit Tunnellinde aus. Christine Lambrecht wird heute zurücktreten. Ja, und die Leopards 2 aus deutscher Produktion dürften bald schon für die ukrainische Armee im Krieg gegen Russland rollen.

Drei Vorkommnisse der letzten Tage, die gemeinsam die Schlagzeilen beherrschten. Sie verbindet die Neigung zu Opportunismus und Maximalismus.

Lützerath war auch ein routiniertes Schauspiel, das nach dem bekannten Muster ablief, das in Brokdorf, Gorleben oder Mutlangen geformt worden war. Politik entlädt sich oft genug im Schauspiel, und so ist auch der Protest gegen die Politik ein Drama mit Prolog, Höhepunkt und Ende. Zu den Protagonisten zählte diesmal Greta Thunberg, die sich zu dem Satz verstieg, Deutschland sei „einer der größten Klimasünder weltweit“. 

Wirklich? Mir fallen da die USA, China oder Indien ein, die gemeinsam weit mehr als die Hälfte der CO2-Emissionen sorgen. Deutschlands Anteil liegt bei 2,0 Prozent, nicht toll, aber bestimmt kein exzeptioneller Klimasünder. In Zusammenhang, der den Maximalismus relativiert, gehören retardierende Ereignisse wie die Pandemie und der Ukraine-Krieg, 

Mir ist schon klar, dass man mit purer Sachlichkeit bei einer hitzigen Demonstration in der Nähe eines Dorfes, das dem Tagebau weichen soll, niemanden vom Hocker reißt. Aber der Opportunismus, der im Maximalismus steckt, verleitet eben zur Übertreibung.

Zu den Bildern der vergangenen Tage, die im Gedächtnis bleiben, gehört Luisa Neubauer, die telegen ein Buch von Hans Jonas in Händen hält. Jonas war Schüler von Martin Heidegger; er emigrierte 1933. Jonas hat sehr früh, schon 1979, über eine Ethik für das technologische Zeitalter nachgedacht. Sein Buch „Das Prinzip Verantwortung“ taugt zur Bibel für jeden ernsthaften Menschen, der den Klimawandel gedanklich durchdringen will. Damit lässt sich aber auch mit einer kleinen Performance öffentlicher Eindruck schinden.

Ein besonders beredtes Beispiel für Opportunismus verkörpert Nike Slawik. Die junge Frau, sie ist 27, sitzt für die Grünen im Bundestag. Am 1. Dezember stimmte sie für den um 8 Jahre vorgezogenen Ausstieg aus der Braunkohle im Rheinischen Revier – 2030 anstatt 2038. Die Kröte, welche die Grünen schluckten, heißt Lützerath, das letzte Dorf, das weichen muss, damit die RWE Braunkohle aus der Erde holen kann. Ein eigentlich vorzüglicher Kompromiss sollte man meinen und meint auch Robert Habeck. In einem Interview mit dem „Spiegel“ bezeichnete er Lützerath deshalb als das falsche Symbol für die Öko-Apo: „Lützerath ist gerade nicht das Symbol für ein Weiter-so, es ist der Schlussstrich.“

Nike Slawik ließ sich in Lützerath von der Stimmung mitreißen: „Ich habe mich entfremdet. Entfremdet davon, wie manche die Räumung in Lützerath und den Deal mit RWE verteidigen.“ Sie hat sich von sich selbst entfremdet. Der jeweilige Ort bestimmt ihr Bewusstsein. Berlin ja, Lützerath nein. Sie war dafür, bevor sie dagegen war.

Christine Lambrecht tritt heute zurück. Das wissen wir seit Freitag, weil irgendjemand in Berlin das Wasser nicht halten wollte oder sollte. Dem Kanzler fällt es nicht leicht, einen glaubwürdigen Nachfolger zu finden, na klar. Zeit zu schinden ist deshalb ein letzter loyaler Dienst, den Lambrecht leistet. Wer derart am Pranger steht, besudelt von Riesenstaatsmännern wie Mario Czaja (CDU) oder Wolfgang Kubicki (FDP), würde wohl lieber im Erdboden versinken als abzuwarten, bis Olaf Scholz mit einer Alternative niedergekommen ist.

Wer auch immer auf Christine Lambrecht folgt oder genauer: folgen muss, wird es schwer haben. Er oder sie bekommt es zu tun mit Pazifisten von gestern, die heute Neomilitaristen sind. Ihnen kann es gar nicht schnell genug gehen mit der Lieferung von Leopards 2. Haben doch England und Frankreich ihre Kampfpanzer schon zugesagt.

Es ist aber ein Unterschied, ob England auf seiner schönen Insel Rüstungszusagen erteilt oder Deutschland mitten in Europa einen Quantensprung vollzieht. Denn darin liegt die Bedeutung der Leos. Deshalb empfiehlt sich Zurückhaltung und Vorsicht. Nachdenken ist von Vorteil, auch wenn fahrlässige Eile höher im Kurs steht. Insofern sind wir nach wie vor mit diesem Bundeskanzler gut bedient. Das Problem sind eher die Neomilitaristen, die in allen Parteien und vielen Redaktionen sitzen.

Lützerath ist Geschichte, Christine Lambrecht auch. Mit der Lieferung des Leopard 2 schreibt Deutschland Geschichte. Was daraus entsteht? Werden wir sehen.

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