Unser Basketball, signiert von MJ

Gestern war ich zum Stöbern in unserem Keller. Was ich gesucht habe, ließ sich nicht finden, wohl aber fiel mir unser alter Basketball in die Hände. Er ist 35 Jahre alt, aber das Alter ist unerheblich. Er ist auch kein gewöhnlicher Basketball, er ist unser Stolz, ein Schmuckstück, ein historisches Objekt, denn signiert ist er vom Größten aller Großen.

Mitte der achtziger Jahre flog ich öfter mal nach Washington. Meinen beiden Buben brachte ich immer ein kleines Geschenk mit, das ich auf der M Street in Georgetown in einem Sportladen gekauft hatte. Meistens verfiel ich auf T-Shirts. Vincent war damals 7, Jonathan 4. Sie freuten sich über die T-Shirts, das schon, auch mit Sneakers waren sie gut versorgt.

Als ich in den Laden kam, war nichts los und ein junger Angestellter hatte tatsächlich Lust, mir zur Hand zu gehen, was nicht selbstverständlich war. Ich sagte ihm, keine T-Shirts, keine Sportschuhe, irgendetwas anders, ich sagte, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Er ging an den Stand mit Bällen jeder Art und gab mir einen Basketball. Ich sagte, na ja, ganz schön schon, aber die Buben sind noch zu klein für den hohen Korb. Macht nichts, Mann, sagte er, das ist ein Ball für die Ewigkeit, schauen Sie, der Typ, der ihn signiert hat, wird in kurzer Zeit weltberühmt sein, er wird sicher der Rookie des Jahres, er kommt von einem College in North Carolina und spielt jetzt für die Chicago Bulls, einem lausigen Team – noch, denn das wird sich ändern, er wird größer als Magic Johnson oder Larry Bird, glauben Sie mir, kaufen Sie das Teil, es kostet nur 20 Dollar, doch in ein paar Jahren können Sie ihn für 5000 verkaufen.

Michael Jeffrey Jordan war 21, als er in die NBA kam. Aus dem Verliererteam machte er in ein paar Jahren ein Siegerteam. Zweimal scheiterten die Bulls an den Detroit Pistons, der härtesten Mannschaft damals, gebildet um Isaiah Thomas. Dann schafften die Bulls drei NBA-Titel hintereinander und später noch einmal drei, eine ungeheure Leistung.

Jordan tyrannisierte seine Mitspieler. Er triezte sie, beschimpfte sie, sprach auf sie ein, demütigte sie, beschwor sie, sein Repertoire war unerschöpflich. Er wollte gewinnen, mit allen Mitteln, wie er ungefähr tausend Mal sagte. Dazu brauchte er ein Team, das über sich hinauswuchs, jeder einzelne.

Anfangs gab es nur Michael Jordan und die anderen Bulls. Dann kam Scottie Pippen, der ernste, sozial gestimmte, irrsinnig gute Scottie. Dann kam Phil Jackson, der Coach, der „THE TIRANGLE“ spielen ließ, was die Fixierung auf den Starspieler beendete. Dann kam Dennis Rodman von den Pistons, der schrägste aller Typen und einer der besten Rebounder aller Zeiten. MJ lernte es, den Mitspielern zu vertrauen, wenn es in den letzten Sekunden darauf ankam. Zuerst war es John Paxson, der unbehelligt 3 Punkte warf, weil sich alle auf Jordan stürzten. Danach war es Steve Kerr, der in aller Ruhe den Sieg herbei warf.

Als Michael Jordan im Jahr 2009 in die Hall of Fame aufgenommen wurde, hielt er eine Rede über seinen Ehrgeiz und den unbedingten Willen zu gewinnen. Die Eltern impften ihren fünf Kindern die Kampfkraft und das unbändige Konkurrenzdenken ein. Im ständigen Wettbewerb maßen sie sich, im Baseball, Basketball und wahrscheinlich auch im Tipkick, falls sie das gespielt haben sollten. Dabei sagte MJ auch, dass er nur dank Scottie Pippen erreichen konnte, was er erreichte.

1998 spielen die Bulls gegen die Utah Jazz um die Weltmeisterschaft, wie die NBA-Finalspiele in aller Bescheidenheit genannt werden. Im 6. Spiel ist Michael Jordan eigentlich krank: Lebensmittelvergiftung, Fieber, Schlaflosigkeit, Durchfall, Erbrechen. Die Jazz haben den genialen John Stockten und den genialen Karl „The Mailman“ Malone. Sie müssen dieses Spiel gewinnen, damit es das entscheidende Spiel 7 geben kann. Sie können gar nicht verlieren, da Jordan geschwächt ist. Aber die Rollenspieler der Bulls wachsen über sich hinaus, der Vorsprung bleibt gering. Pippen und Rodman leisten noch mehr als sonst und halten die Bulls im Spiel. Und Jordans schiere Willenskraft sorgt dann für den Sieg.

Von seinem entscheidenden Wurf 6,6 Sekunden vor Schluss gibt es ein ikonographisches Foto. Jordan wirft, der Ball fliegt und der Fotograf Fernando Medina schießt ein Bild von den Zuschauern hinter dem Korb: Entsetzen, Niedergeschlagenheit, Fassungslosigkeit sind in ihre Gesichter eingegraben, als der Ball noch in der Luft ist und sich allmählich in hohem Bogen dem Korb nähert. Mitten unter ihnen ist ein kleiner Junge im Bulls-Shirt, er reißt schon die Arme hoch. Alle sehen, was kommt, alle wissen, was passieren wird, ehe es passiert. Der kranke, geschwächte, siegesobsessive MJ mit der Nummer 23 hat den Ball so herrlich geworfen, dass er durchs Netz rauscht, ohne den Ring im Entferntesten zu berühren.

Unseren Basketball hat der junge Michael Jordan am Anfang seiner grandiosen Karriere signiert. Dem schlauen Verkäufer auf M-Street bin ich heute noch dankbar für seine Überzeugungskraft. Er bleibt in unserem Besitz. Morgen gehe ich in den Fahrradladen gegenüber und lasse ihn aufpumpen. Am Sonntag heiratet Vincent und Jonathan wird in Berlin sein. Wir müssen den Ball unbedingt fliegen lassen.

https://www.newyorker.com/magazine/1998/12/21/jordans-moment?utm_source=onsite-share&utm_medium=email&utm_campaign=onsite-share&utm_brand=the-new-yorker

Hier schreibt David Halberstam, der „Playing For The Keeps“, die beste Biographie über MJ verfasste, über das 6. Spiel gegen die Jazz.

Was Persönliches zu Goethe

Heute ist Goethes Geburtstag. 1749 geboren, wird er also 271 Jahre alt. Nichts Rundes, dieses Jahr gehört Beethoven und Hegel, beide geprägt durch die Französische Revolution.

Ich will was Kleines zu diesem Großen beitragen, was Persönliches. Zu Goethe fallen mir zwei Gedichte ein, die ich mir ab und zu aufsage, wenn ich nicht einschlafen kann. „An den Mond“ war wichtig in meinem Studium, weil ich auf ein Referat eine 1 bekam und fasziniert war von diesen Zeilen: Selig wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt, / Einen Freund am Busen hält, / Und mit dem genießt, / Was von Menschen nicht gewußt / Oder nicht bedacht, / Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt in der Nacht.

Was von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht: Goethe schrieb das Gedicht wohl mit 27 und veröffentlichte es mit 28. Freud entdeckte das Unbewusste, das im Labyrinth des Gemüts waltet, mehr als 100 Jahre später. Goethe hat ihn antizipiert. Nicht schlecht. Mir hat er damit imponiert. Nebenbei gesagt versteht man Freuds dunkle Theorie durch Goethe sogar besser.

Das zweite Gedicht, das ich liebe, trägt den Titel: „Willkommen und Abschied“. Es gehört zu den Sesenheimer Liedern. Sesenheim deshalb, weil dort Friederike von Brion lebte, die Pfarrerstochter, die ihn vermutlich mehr liebte als er sie. Erschienen erstmals 1771, da war unser aller Goethe 22 Jahre alt. Die endgültige Fassung, weit besser, bekam das Poem, genauso wie „An den Mond“, in den achtziger Jahre nach der Rückkehr aus Italien. Wieder geht es um die Rückwirkung der Liebe auf das Gemüt, diesmal jubilierend.

Als meine Tochter knapp 3 Jahre alt war, kam meine Frau auf die Idee, dass ich, anstatt ihr abends vorzulesen, meine Gedichte vortragen sollte. Das habe ich gemacht und nach einiger Zeit immer das letzte Wort jeder Verszeile weggelassen, das dieses kleine Mädchen dann prompt ergänzte. Nach wieder einiger Zeit habe ich nur noch die ersten Worte gesagt und Antonia hat das Gedicht zu Ende erzählt. „Welch Glück geliebt zu werden / Und lieben, Götter, welch ein Glück“ hat sie dann ähnlich dramatisch rezitiert wie ich, aber herzerwärmend, wie nur Kinder das vermögen.

Neulich unterhielten wir uns über diese frühen Übungen in Poetik. Sie sagte, sie habe nichts verstanden, kein Wunder, kann aber heute noch etliche der abendlich vorgetragenen Gedichte wie das amüsante „Zahnweh“ von Wilhelm Busch oder das fabelhafte „Karussell“ von Rilke und eben das suggestive „An den Mond“. Der Sinn für Poesie ist ihr geblieben, wie schön.

Wenn zwei Gedichte zwei Gemüter bewegen, 271 Jahre später, dann kann man sich nur verneigen. Happy birthday, JW.

Was zum Lesen: Die USA vor der Wahl

Die Abstimmung über den nächsten Präsidenten droht in Chaos und Gewalt zu münden. Daran sind Republikaner wie Demokraten schuld, die behaupten, ein möglicher Sieg der Gegenseite sei illegal und fatal.

Die Seite können Sie sich unter dieser Adresse anschauen: https://sz.de/1.5012081

So rum oder so rum

Die Grünen machen es schlau. Sie lassen nicht ihren Parteitag oder gar die Mitglieder über ihr Spitzenpersonal entscheiden. Sie überlassen es ihren beiden Koryphäen persönlich, wer die Nummer 1 und wer die Nummer 2 sein möchte, der Robert (Habeck) oder die Annalena (Baerbock).

Die Grünen beteiligen sich auch nicht an dem Wer-mit-wem-Spiel. Sie halten sich fein heraus, sie überlassen es der Esken/Walter-Borjans/Kühnert-SPD, über ein Bündnis mit der Linken und den Grünen zu fachsimpeln. Die Grünen können so rum oder so rum, wobei ihnen eine Regierung mit der Union lieber ist, wie man unschwer bemerken kann.

Der Sommer geht allmählich zu Ende. Die Politikerinnen und Politiker kehren voller Tatendrang aus dem Urlaub zurück und formieren sich allmählich. In wenig mehr als einem Jahr steht die Bundestagswahl an. Sie wirft einen langen Schatten, denn unser aller Bundeskanzlerin seit nunmehr 15 Jahren wird sich in den Ruhestand verabschieden und überlässt uns dann – ja, wem eigentlich?

Die erste Phase der Ohne-Angela-Wahl endet auf dem Parteitag der CDU im Dezember. Ich vermute stark, dass es nicht so kommt, wie es der Olaf-Scholz-SPD recht wäre, nämlich dass Friedrich Merz aufs Schild gehoben wird. Von ihm versprechen sich die Sozialdemokraten den Aufschwung, der bisher unerbittlich ausblieb.

Anstatt Merz dürfte es Armin Laschet schaffen und fortan neben der Noch-Kanzlerin seine Kreise ziehen, die notgedrungen klein ausfallen werden, weil unser aller Frau Merkel noch hierzulande und in Europa und draußen in der Welt gebraucht wird. Bis zur letzten Stunde wird sie Probleme beschreiben, analysieren und vielleicht sogar lösen und ansonsten auf ihrer Abschiedstour gefeiert werden wie Dirk Nowitzki auf seiner.

Die zweite Phase endet dann, wenn der CDU-Vorsitzende und der CSU-Vorsitzende unter sich ausmachen, wer als Kanzlerkandidat antreten darf. Wer es sein wird, hängt davon ab, wie frei Laschet neben der Kanzlerin atmen kann und ob er eine Glückssträhne erwischt oder nicht. Vermag er es nicht, Autorität aufzubauen, wird sich Markus Söder die Chance nicht entgehen lassen, wendig und schnell und schmerzfrei, wie er ist.

Zu den Parteien, die sich auf den Bundestagswahlkampf einstimmen, gehört die FDP. Sie ist das Mauerblümchen, fast vergessen, jedenfalls gebricht es ihr an Wertschätzung. Kein Wunder, sie besteht aus Christian Lindner und sonst niemandem. Das ist sogar Christian Lindner aufgefallen und deshalb hat er seine Generalsekretärin abgesetzt. Linda Teuteberg kann sicherlich nichts für die Stagnationsperiode, in der die FDP fest steckt. Dafür sind schon die Entscheidungen des Vorsitzenden verantwortlich, der keine Blumen neben sich blühen lässt und Fehler persönlich begeht, von der Jamaika-Flucht bis zum FDP-Ministerpräsidenten in Thüringen von Gnaden der AfD.

Wie kommt die FDP aus dem Jammertal heraus? Mit einer Neuorientierung nach altem Muster auf den Wirtschaftskurs und das Sozialliberale. Das ist sinnvoll, zumal in der Nach-Corona-Zeit, die ja hoffentlich rechtzeitig vor dem September 2021 endet, die Reduktion des Staates anstehen wird. Die Grünen wie die Union wie die SPD tendieren zum Gouvernementalen und dazu fügt sich der weit gefächerte Staat gut. Daraus könnte der FDP wieder eine Aufgabe erwachsen.

Sie muss gebraucht werden, sonst krebst sie im Niemandsland der 5 Prozent herum. Bleibt sie im Abseits, wird es kritisch. Die Ironie der Geschichte wird am Ende darin bestehen, dass Christian Lindner die Jamaika-Koalition herbei beten muss, die er im November 2017 platzen ließ, mit dem schönen Spruch: „Es ist besser, nicht zu regieren, als schlecht zu regieren.“

Wir wollen schon gut regiert werden. Und wer uns das verspricht, den wählen wir. Auf den Kanzler kommt es an, schon wahr. Und mit wem der Aussichtsreichste regieren will. Nie zuvor gab es derart viele Möglichkeiten. R2G, Schwarz-Grün, Jamaika, Große Koalition, Grün-Rot-Gelb womöglich auch.

Das Jahr, das kommt, hat es in sich, wird stark politisiert sein, wobei sich nebenbei die AfD häutet oder auch nicht. Und das Jahr, das kommt, steht unter dem Vorbehalt der Pandemie, die weiterhin das Gewohnte beeinträchtigen kann, auch das Politische. Lassen wir es langsam angehen und nehmen wir nicht alles bluternst, worüber SPD/FDP/Grüne/CDU/CSU/Linke sich den Kopf zerbrechen.

A propos Kopf: Was die Grünen anbelangt, ziehe ich die Annalena vor. Geradeaus ist sie, klug schnörkellos, weniger selbstverliebt als der Robert. Kann ja wohl nicht sein, dass es die Männer im September allein unter sich ausmachen.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Meine zweite Geburt

Heute ist der 23. August, der in meinem Leben eine besondere Rolle spielt. Heute vor 52 Jahren wurde ich aus der Lungenheilstätte Kutzenberg in der Fränkischen Schweiz entlassen. Auf eigenem Wunsch und auf eigenes Risiko, denn ich wollte unbedingt Abitur machen und hatte schon genug Zeit verloren.

Ich hatte mir Tuberkulose eingefangen, keine Ahnung wie, keine Ahnung warum. Ich war sportlich, rauchte nicht. Ich fiel einfach am Aschermittwoch 1968 um und wieder um, im Bad, auf der Treppe zu meinem Zimmer. Der Lungenarzt Dr. Pachl war ein Briefmarkenfreund meines Vaters und stellte diese ungeheure Diagnose: Tbc.

Auf meinen 18. Geburtstag hatte ich mich groß gefreut. Ich würde den Führerschein machen, ich würde nicht mehr darum betteln müssen, dass mich mein Vater oder mein Bruder nach Haidt fährt, draußen vor der Stadt Hof, wohin kein Bus fuhr. Unabhängig würde ich sein, frei von unwirschen Chauffeuren. Ich würde Ellen sehen, wann und wie ich wollte.

Am 16. März schüttete es. Ich schaute aus dem Fenster und konnte es nicht fassen. Mir kamen die Tränen, ich war leer, ich hatte Angst. Es war mein erster Morgen in diesem Sanatorium. Ich lag da, ich starrte vor mich hin, warum war ich hier, was blühte mir, warum war ich krank, wann würde ich hier rauskommen, was sollte das?

Tbc hieß Tabletten. Tbc hieß schonen, schonen, schonen. Liegen, liegen, liegen. Im Bett und auf dem Bock. Der Bock war die Liege draußen im Freien, geschützt vor Wind und Regen. Dorthin wechselten wir an jedem Tag, den Gott werden ließ, nach dem Mittagessen. Tbc hieß sterben. Der Seemann starb, mit dem ich einen Samstagnachmittag im Kabuff Bier soff und Zigaretten rauchte, bis mir furchtbar übel war. Der Koch, mein Freund, erwachte nicht aus der Narkose. Herr Halm, der Student, der mir Bücher empfahl und mit mir geistreiche Gespräche führen wollte, ein wunderbarer Mensch, erzählte mir, er sei nicht nur unheilbar krank, sondern auch schizophren. Er starb in einer geschlossenen Anstalt.

Ich hatte Glück. Unfassbares Glück. Am 10. Mai 1968 unterzog ich mich einer Bronchoskopie, bei der die Lunge abgesaugt wird. Die Ärzte wollten schauen, wie viel meiner Lunge sie wegnehmen mussten. Bei dieser Vorstufe zur Operation saugten sie die käseartigen Stücke, die beim Platzen der Lymphknoten an der Lungenwurzel in die Lunge diffundiert waren, vollständig heraus. Ich war nicht geheilt, musste aber nicht operiert werden.

Glück ist immer unverdient. Niemand kann mir erklären, weshalb die einen starben und ich nicht. Glück ist wahllos. Wem es zufällt, kommt unverdient davon. Wen es auslässt, stirbt unverdient. Glück ist unfair.

Das Sanatorium war meine zweite Geburtsstätte. Gegen diese Leere, gegen diese Langeweile half nur das Lesen. Ich las alles, was mir in die Hände fiel. Huxley, Nietzsche, Hesse, Fontane. Wahllos und willkürlich. Ich las wie um mein Leben. Zur Ablenkung, das gewiss auch. Aber ich las nicht gemütlich, sondern existentiell. Ich las nicht vor mich hin, sondern zum Überstehen dieser unermesslich vielen Stunden, die sich heillos müde dahinschleppten.

Die Krankheit war aber auch ein Glück. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich Lehrer geworden, das lag in meinem Horizont und dem meiner Eltern. Das spannende, abwechslungsreiche Leben als Journalist hat mir erst meine Krankheit eröffnet. Seither habe ich eine Schwäche für das Paradox. Unglück wird zu Glück. Aus Krankheit erwächst Zukunft. Ein Sanatorium gibt mir die Chance zur Selbstdefinition.

Ich bin nicht allein, trotz alledem, auch das liegt in der Tbc-Erfahrung. Ellen, meine schöne Freundin, kam an jedem Mittwoch mit dem Zug angefahren, ich glaube, sie war vier Stunden hin und zurück unterwegs. An jedem Sonntag kam sie mit meinen Eltern. Sie schrieb mir Briefe, wir telefonierten, selten zwar, es war sehr teuer damals, sie war für mich da, klaglos und zuverlässig und liebevoll. Nie werde ich das vergessen.

Eigentlich sollte ich bis zum Ende des Jahres 1968 in der Lungenheilstätte bleiben, um mich ganz auszukurieren. Meine Ärztin sagte, ich könnte einen Rückfall erleiden. Ich hätte ihr das Blaue vom Himmel versprochen, ich wollte nur raus hier, nach Hause, Abitur machen, meine Freunde sehen, Ellen sehen.

Am 23. August durfte ich gehen. Mein Gott, war ich glücklich.

Was zum Lesen: Obamas Rede auf dem Nominierungsparteitag

Barack Obama: Good evening, everybody. As you’ve seen by now, this isn’t a normal convention. It’s not a normal time. So tonight, I want to talk as plainly as I can about the stakes in this election. Because what we do these next 76 days will echo through generations to come.

I’m in Philadelphia, where our Constitution was drafted and signed. It wasn’t a perfect document. It allowed for the inhumanity of slavery and failed to guarantee women — and even men who didn’t own property — the right to participate in the political process. But embedded in this document was a North Star that would guide future generations; a system of representative government — a democracy — through which we could better realize our highest ideals. Through civil war and bitter struggles, we improved this Constitution to include the voices of those who’d once been left out. And gradually, we made this country more just, more equal and more free.

The one Constitutional office elected by all of the people is the presidency. So at minimum, we should expect a president to feel a sense of responsibility for the safety and welfare of all 330 million of us — regardless of what we look like, how we worship, who we love, how much money we have — or who we voted for.

But we should also expect a president to be the custodian of this democracy. We should expect that regardless of ego, ambition or political beliefs, the president will preserve, protect and defend the freedoms and ideals that so many Americans marched for and went to jail for; fought for and died for.

I have sat in the Oval Office with both of the men who are running for president. I never expected that my successor would embrace my vision or continue my policies. I did hope, for the sake of our country, that Donald Trump might show some interest in taking the job seriously, that he might come to feel the weight of the office and discover some reverence for the democracy that had been placed in his care.

But he never did. For close to four years now, he’s shown no interest in putting in the work; no interest in finding common ground; no interest in using the awesome power of his office to help anyone but himself and his friends; no interest in treating the presidency as anything but one more reality show that he can use to get the attention he craves.

Donald Trump hasn’t grown into the job because he can’t. And the consequences of that failure are severe: 170,000 Americans dead, millions of jobs gone while those at the top take in more than ever. Our worst impulses unleashed, our proud reputation around the world badly diminished and our democratic institutions threatened like never before.

Now, I know that in times as polarized as these, most of you have already made up your mind. But maybe you’re still not sure which candidate you’ll vote for — or whether you’ll vote at all. Maybe you’re tired of the direction we’re headed, but you can’t see a better path yet, or you just don’t know enough about the person who wants to lead us there.

So let me tell you about my friend Joe Biden.

Twelve years ago, when I began my search for a vice president, I didn’t know I’d end up finding a brother. Joe and I came from different places and different generations. But what I quickly came to admire about him is his resilience, born of too much struggle; his empathy, born of too much grief. Joe’s a man who learned — early on — to treat every person he meets with respect and dignity, living by the words his parents taught him: “No one’s better than you, Joe, but you’re better than nobody.”

That empathy, that decency, the belief that everybody counts — that’s who Joe is.

When he talks with someone who’s lost her job, Joe remembers the night his father sat him down to say that he’d lost his.

When Joe listens to a parent who’s trying to hold it all together right now, he does it as the single dad who took the train back to Wilmington each and every night so he could tuck his kids into bed.

When he meets with military families who’ve lost their hero, he does it as a kindred spirit; the parent of an American soldier; somebody whose faith has endured the hardest loss there is.

For eight years, Joe was the last one in the room whenever I faced a big decision. He made me a better president — and he’s got the character and the experience to make us a better country.

And in my friend Kamala Harris, he’s chosen an ideal partner who’s more than prepared for the job; someone who knows what it’s like to overcome barriers and who’s made a career fighting to help others live out their own American dream.

Along with the experience needed to get things done, Joe and Kamala have concrete policies that will turn their vision of a better, fairer, stronger country into reality.

They’ll get this pandemic under control, like Joe did when he helped me manage H1N1 and prevent an Ebola outbreak from reaching our shores.

They’ll expand health care to more Americans, like Joe and I did 10 years ago when he helped craft the Affordable Care Act and nail down the votes to make it the law.

They’ll rescue the economy, like Joe helped me do after the Great Recession. I asked him to manage the Recovery Act, which jump-started the longest stretch of job growth in history. And he sees this moment now not as a chance to get back to where we were, but to make long-overdue changes so that our economy actually makes life a little easier for everybody — whether it’s the waitress trying to raise a kid on her own, or the shift worker always on the edge of getting laid off or the student figuring out how to pay for next semester’s classes.

Joe and Kamala will restore our standing in the world — and as we’ve learned from this pandemic, that matters. Joe knows the world, and the world knows him. He knows that our true strength comes from setting an example the world wants to follow. A nation that stands with democracy, not dictators. A nation that can inspire and mobilize others to overcome threats like climate change, terrorism, poverty and disease.

But more than anything, what I know about Joe and Kamala is that they actually care about every American. And they care deeply about this democracy.

They believe that in a democracy, the right to vote is sacred, and we should be making it easier for people to cast their ballot, not harder.

They believe that no one — including the president — is above the law, and that no public official — including the president — should use their office to enrich themselves or their supporters.

They understand that in this democracy, the commander in chief doesn’t use the men and women of our military, who are willing to risk everything to protect our nation, as political props to deploy against peaceful protesters on our own soil. They understand that political opponents aren’t “un-American” just because they disagree with you; that a free press isn’t the “enemy” but the way we hold officials accountable; that our ability to work together to solve big problems like a pandemic depends on a fidelity to facts and science and logic and not just making stuff up.

None of this should be controversial. These shouldn’t be Republican principles or Democratic principles. They’re American principles. But at this moment, this president and those who enable him, have shown they don’t believe in these things.

Tonight, I am asking you to believe in Joe and Kamala’s ability to lead this country out of these dark times and build it back better. But here’s the thing: no single American can fix this country alone. Not even a president. Democracy was never meant to be transactional — you give me your vote; I make everything better. It requires an active and informed citizenry. So I am also asking you to believe in your own ability — to embrace your own responsibility as citizens — to make sure that the basic tenets of our democracy endure.

Because that’s what’s at stake right now. Our democracy.

Look, I understand why many Americans are down on government. The way the rules have been set up and abused in Congress make it easy for special interests to stop progress. Believe me, I know. I understand why a white factory worker who’s seen his wages cut or his job shipped overseas might feel like the government no longer looks out for him, and why a Black mother might feel like it never looked out for her at all. I understand why a new immigrant might look around this country and wonder whether there’s still a place for him here; why a young person might look at politics right now, the circus of it all, the meanness and the lies and crazy conspiracy theories and think, What’s the point?

Well, here’s the point: this president and those in power — those who benefit from keeping things the way they are — they are counting on your cynicism. They know they can’t win you over with their policies. So they’re hoping to make it as hard as possible for you to vote, and to convince you that your vote doesn’t matter. That’s how they win. That’s how they get to keep making decisions that affect your life, and the lives of the people you love. That’s how the economy will keep getting skewed to the wealthy and well-connected, how our health systems will let more people fall through the cracks. That’s how a democracy withers, until it’s no democracy at all.

We can’t let that happen. Do not let them take away your power. Don’t let them take away your democracy. Make a plan right now for how you’re going to get involved and vote. Do it as early as you can and tell your family and friends how they can vote too. Do what Americans have done for over two centuries when faced with even tougher times than this — all those quiet heroes who found the courage to keep marching, keep pushing in the face of hardship and injustice.

Last month, we lost a giant of American democracy in John Lewis. Some years ago, I sat down with John and the few remaining leaders of the early civil rights movement. One of them told me he never imagined he’d walk into the White House and see a president who looked like his grandson. Then he told me that he’d looked it up, and it turned out that on the very day that I was born, he was marching into a jail cell, trying to end Jim Crow segregation in the South.

What we do echoes through the generations.

Whatever our backgrounds, we’re all the children of Americans who fought the good fight. Great-grandparents working in firetraps and sweatshops without rights or representation. Farmers losing their dreams to dust. Irish and Italians and Asians and Latinos told to go back where they came from. Jews and Catholics, Muslims and Sikhs, made to feel suspect for the way they worshiped. Black Americans chained and whipped and hanged. Spit on for trying to sit at lunch counters. Beaten for trying to vote.

If anyone had a right to believe that this democracy did not work, and could not work, it was those Americans. Our ancestors. They were on the receiving end of a democracy that had fallen short all their lives. They knew how far the daily reality of America strayed from the myth. And yet, instead of giving up, they joined together and said somehow, some way, we are going to make this work. We are going to bring those words, in our founding documents, to life.

I’ve seen that same spirit rising these past few years. Folks of every age and background who packed city centers and airports and rural roads so that families wouldn’t be separated. So that another classroom wouldn’t get shot up. So that our kids won’t grow up on an uninhabitable planet. Americans of all races joining together to declare, in the face of injustice and brutality at the hands of the state, that Black lives matter, no more, but no less, so that no child in this country feels the continuing sting of racism.

To the young people who led us this summer, telling us we need to be better — in so many ways, you are this country’s dreams fulfilled. Earlier generations had to be persuaded that everyone has equal worth. For you, it’s a given — a conviction. And what I want you to know is that for all its messiness and frustrations, your system of self-government can be harnessed to help you realize those convictions.

You can give our democracy new meaning. You can take it to a better place. You’re the missing ingredient — the ones who will decide whether or not America becomes the country that fully lives up to its creed.

That work will continue long after this election. But any chance of success depends entirely on the outcome of this election. This administration has shown it will tear our democracy down if that’s what it takes to win. So we have to get busy building it up — by pouring all our effort into these 76 days, and by voting like never before — for Joe and Kamala, and candidates up and down the ticket, so that we leave no doubt about what this country we love stands for — today and for all our days to come.

Stay safe. God bless.

Wenn die Zeit abläuft

In drei Ländern herrscht momentan Aufruhr, gehen die Menschen auf die Straße und würden am liebsten ihre korrupten, selbstgefälligen, abhängigen Regime loswerden. In Hongkong dauern die Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht am längsten an und dort gehen die wahren Herrscher in Peking mittlerweile am härtesten gegen die Opposition vor. In Weißrussland (oder Belarus) ließ sich der Dauerherrscher Lukaschenka vom massiven Widerstand wegen der manipulierten Wahl vor einer Woche überraschen. Und im Libanon gehen die Menschen nach der Explosion im Hafen von Beirut gegen die schwache, inkompetente Regierung von Gnaden der Hisbollah vor.

Wir schauen von außen zu, nehmen Anteil, unsere Regierungen beteiligen sich an Sanktionen, die Diplomaten sprechen vor und versuchen zu mäßigen. All das ist richtig, all das verlangen sich Demokratien ab, auch wenn sie sich keinen Illusionen über ihren Einfluss hingeben und kaum auf Einsicht oder gar Mäßigung bei der KP Chinas, den theokratischen Regime in Iran oder in Russland erwarten, eben jenen größeren Mächten hinter den kleineren im Vordergrund.

Alexander Lukaschenka hat vor ein paar Tagen mit Wladimir Putin telefoniert. Offenbar ist er auf Rückversicherung bedacht, vielleicht hält er es sogar für möglich, dass er hinweggefegt wird. Seine Widersacherin Swetlana Tichanowskaja hat er ins Exil getrieben. Seine Sicherheitskräfte greifen Demonstranten auf und lassen sie im Gefängnis verschwinden. Nichts davon wirkt so abschreckend, wie er es gewohnt ist. 26 Jahre der Herrschaft über das 9,5 Millionen-Land sollten genug sein. Die Zeit läuft für Lukaschenka ab, selbst wenn er sich dank Putin behaupten kann.

Zwangsherrscher wie Lukaschenka gehen einen Deal mit ihrem Volk ein: Ich sorge für euch und ihr lasst mich machen. Lange ging das gut. Im Vergleich etwa zur Ukraine geht es Weißrussland mehr als passabel. Der Staat verfügt über Industriekonglomerate, Traktorenfabriken und Großraffinerien. Der Staat ist der Patron. Arbeiter und Rentner bekommen Löhne und Renten zuverlässig ausgezahlt. In vielen Nachbarstaaten gilt diese Sicherheit als Errungenschaft.

Die Abhängigkeit von Russland beruht auf den Ölimporten. 24 Millionen Tonnen Rohöl führt Weißrussland zu Vorzugspreisen ein. Das ist mehr als das Land braucht. Deshalb verfiel Lukaschenka auf einen Bauerntrick und verkauft sechs Millionen Tonnen auf dem Weltmarkt zu Weltmarktpreisen. Auch deshalb war er im eigenen Land beliebt und galt im nahen Ausland als schlauer Fuchs.

Der Libanon ist ein herrliches Land mit einem komplizierten politischen Pakt auf religiöser Grundlage, der die Ämter zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen und den Christen verteilt. Auch das ging einige Zeit gut. Bürgerkriege und Kriege haben das Land jedoch ruiniert. Die wahre Macht im Lande ist die Hisbollah von iranischen Gnaden.

Jahrelang lagen 2750 Tonnen Sprengstoff im Hafen von Beirut. Zuerst auf einem Schiff, das vom russischen Eigner aufgegeben worden war, dann in einem Lager. Vor zwei Wochen ereignete sich diese monströse Explosion, die das ganze Land erschütterte, angeblich ausgelöst durch Schweißarbeiten. Die Erklärung überzeugt eigentlich niemanden. Die Analogie mit dem Brand in Notre Dame liegt verdächtig nahe – ein Alibi, nicht mehr. Die Hafenbehörden hatten die Regierung auf die gewaltige Gefahr im Lagerhaus aufmerksam gemacht. 2750 Tonnen! Nichts passierte. So etwas nennt man organisierte Verantwortungslosigkeit.

Hasan Nasrallah ist der Chef der Hisbollah. Er lebt permanent in wechselnden Verstecken aus Angst vor Attentaten. Er hielt in der vergangenen Woche eine Ansprache, die man sich auf YouTube in englischer Übersetzung anhören kann. Wer ein Prachtexemplar an Gefühllosigkeit für fast 200 Tote und knapp 3000 Verletzte erleben möchte, liegt bei Nasrallah goldrichtig.

Zwangsherrscher sind gut beraten, wenn sie Demonstranten nicht nur für bezahlte Agenten des Auslandes erklären. Aus Gründen der Beruhigung sollten sie wenigstens zu fingierter Selbstkritik fähig sein. Ihr Überleben ist ja ohnehin gesichert, weil im Zweifelsfall der große Bruder eingreift. Allerdings drehen sie meistens die Logik um und verhalten sich anders: Weil ihr Überleben gesichert ist, schlagen sie um sich und füllen ihre Gefängnisse. Wer sollte ihnen schon etwas anhaben.

In Hongkong bewundere ich den Mut der meistens jungen Menschen, die seit einem Jahr einfallsreich und konsequent eintreten für den Rest ihrer Freiheiten eintreten. Sie tun das Richtige. Sie wissen, dass ihnen niemand helfen kann, nicht der einstige Kolonialherr Großbritannien, nicht Amerika. Trotzdem setzen sie ihre Zukunft aufs Spiel, vielleicht sogar ihr Leben. Für die Freiheit, für diese Idee, die seit 200 Jahren in der Welt ist.

In der vorigen Woche hat die Polizei Jimmy Lai abgeholt, einen Unternehmer, der die Demokratiebewegung unterstützt. Wenn noch ein Zeichen nötig gewesen sein sollte, dass die chinesische KP ernst macht, dann ist es jetzt erfolgt. Für Peking ist Demokratie westliche Dekadenz. Peking ist egal, was die Welt dort draußen denkt. Die Macht kommt aus den Gewehren und nicht aus den Regenschirmen der Studenten. So zynisch kann man die Dinge sehen.

Der Westen erfährt seine Ohnmacht in Weißrussland, im Libanon, in Hongkong, das ist leider wahr. Zugleich aber zeigen uns die Menschen auf den Straßen von Minsk, Beirut und Hongkong die Macht des Wunsches, in verantwortungsvollen Verhältnissen zu leben. Versteht sich, dass wir an ihrer Seite stehen.

Veröffentlicht auf t-online am 17. August.

Als der BVB den letzten Titel holte

Heute habe ich mir auf YouTube noch mal die Tore angeschaut, die damals im Pokalhalbfinale in München fielen, als der BVB 3:2 gewann. Ich war mit meinem Sohn Jonathan im Stadion, der viel von der Psychologie versteht, die im Fußball vorherrscht.

Es stand 2:1 für Bayern. Bayern war in dieser Phase haushoch überlegen. Der BVB verlor im Mittelfeld reihenweise den Ball, bekam wenig zustande. Chance auf Chance häufte sich. Dann kam die berühmte Szene: Bürki macht Bockmist, das Tor ist leer, Robben schießt und auf der Linie macht Sven Bender ein langes, langes Bein und lenkt den Ball an den Pfosten.

In diesem Augenblick sagte mein schlauer Sohn Jonathan: Jetzt gewinnt Dortmund! Er sagte es mit großer Überzeugung, als verstünde es sich von selber. Er las das Spiel richtig. Bayern hatte sich fusselig gespielt, brachte das 3:1 nicht hin, erlahmte allmählich, fühlte sich sicher und Dortmund schöpfte neue Kraft aus dem seltsamen Versagen des Schussglücks.

Der Trainer des BVB hieß Thomas Tuchel. Er verstärkte das Mittelfeld, indem er Erik Turm als Weberschiffchen einsetzte. Guerrero machte ein phantastisches Spiel. Bis zur 60. Minute war Dembele grottenschlecht, lief alibimäßig nach hinten mit, leistete sich Fehlpässe im Mittelfeld. Lucien Favre hätte ihn ausgewechselt.

Tuchel ließ Dembele weiterspielen und wartete auf dessen Geniestreiche. Der kam in Form einer herrlich hohen Flanke vom Strafraum rechts auf den langen Pfosten zwei Meter vor dem Tor. Aubameyang rauschte heran und köpfte ins hohe linke Eck. 2:2.

Von nun an war es herrlich anzusehen, wie Reuss/Aubameyang/Dembele losjagten, sobald ein Mitspieler den Ball bekam. Sie vertändelten nun ihrerseits Chancen, trugen Angriffe schlampig vor, blieben hängen. Auch der Angriff zum 3:2 wäre fast schief gegangen, Reuss verhaspelte sich, schob aber im letzten Moment den Ball nach rechts zu Dembele, der sich den Ball mit einem Schlenker den Ball auf den linken Fuß legte und ins Netzt jagte.

Der Rest war einfach und unspektakulär. 2:1 gegen die Frankfurter Eintracht im Endspiel in Berlin. Pokalsieger.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Den letzten Titel für den BVB holte Thomas Tuchel. Keiner hatte es von ihm erwartet. Der BVB hatte Hummels und Gündogan und Mikhytarjan verkauft, die Achse der Mannschaft. Der Pokalsieg war einzig und allein Tuchels Verdienst. Er ließ sich was einfallen, er studierte den Gegner und stellte seine Mannschaft entsprechend auf und entsprechend ein.

Seither reden sie beim BVB darüber, ob sie darüber reden sollen: Dass sie einen Titel holen. Sie reden von Mentalität und Gier. Sie haben einen guten Trainer, der aber sämtliche entscheidende Spiele verliert. Und sie wollen nicht daran erinnert werden, wer den letzten Titel geholt.

Nach der Siegerehrung saß Achim Watzke ganz allein und versonnen oben auf der Tribüne und rauchte Zigarillo. Ich ging zu ihm hin und wünschte ihm Glück bei seiner Entscheidung. Größe hätte darin bestanden, Tuchel zu halten, so umstritten er intern auch war. Dass der einer der besten Trainer Europas ist, sagte sogar Watzke. Hätte Tuchel Bier getrunken und Skat gespielt – hätte er mit den hohen Herren fraternisiert, wäre alles gut gewesen. War es aber nicht. Tuchel fraternisierte nicht. Er zog Grenzen. Er machte Fehler, wie denn auch nicht. Aber erwarte der beste Trainer, den der BVB haben konnte.

Vorzügliche Leute hinterlassen Lücken, wenn sie gegangen werden, ist ja klar. Bosz/Stöger/Favre kamen nach Tuchel. Keiner konnte ihm das Wasser reichen. Er machte ein Jahr Pause, lernte Französisch und ging nach Paris. Mit seinem Klub dürfte er morgen ins Halbfinale der Champions League einziehen. Ich gönne es ihm. Der BVB: ausgeschieden gegen Tuchel im Achtelfinale. Klopps Liverpool ausgeschieden im Achtelfinale.

Was lernt uns das Pokalhalbfinale 2017? Die einen Trainer arbeiten bedingungslos für den Erfolg und reden nicht vom Tiel. Die anderen Trainer reden vom Titel, wie Favre auf Geheiß von Watzke, und scheitern an ihrer Phantasie oder ihrer Kaltblütigkeit oder an beidem.