Klopp, eindimensional

Heute hat der FC Liverpool sein sechstes Heimspiel verloren: gegen Fulham, tief unten im Tabellenkeller. Der Trainer ist ratlos und ideenlos. Er sagt, die Mannschaft hat ihren Schwung verloren, sie hatte ja Ende des Jahres noch an erster Stelle gestanden. Ich hoffe, er sucht das Problem auch anderswo, zum Beispiel bei sich.

Jürgen Klopp ist bekannt für seinen Enthusiasmus, den er auf seine Mannschaften übertragen kann. Er ist wegen seines Freimuts und seiner Ironie beliebt. Überhaupt dürfte er so gut wie keine Feinde besitzen. Beneidenswert.

Auf den Stil, den er zuerst Borussia Dortmund und dann Liverpool beibog, hat er kein Monopol, aber er hat ihn zur Perfektion getrieben. Gelingt dieses Pressing, entsteht ein faszinierender Wirbel, ein enormer Sog, der alle mitreißt, die elf Spieler auf dem Platz, das Publikum und natürlich auch den Trainer, der wie ein Derwisch dort draußen am Spielfeldrand herumtanzt. Den Spielern verlangt das enorme Laufbereitschaft und pausenlose Konzentration ab. In Dortmund wie in Liverpool fand Klopp eine junge, hochtalentierte Mannschaft vor, die für ihn durchs Feuer ging. Der Erfolg erschien wie das zwangsläufige Produkt von Begabung und Hingabe.

Trainer bleiben selten lange in derselben Stadt. Viele ziehen schnell weiter. Thomas Tuchel ging in Paris durch die Tür raus und in Chelsea durch die Tür rein. Klopp bevorzugt lange Verweildauer. Freiwillig verließ er Dortmund. Ginge es nach ihm, bliebe er wohl auch noch lange in Liverpool.

Das Problem für Klopp besteht darin, dass er nur ein System kennt. Eben das hohe Pressing mit schnellst möglicher Balleroberung nach Ballverlust. In Dortmund hatte es sich erschöpft. In seinem letzten Jahr stand der BVB bei Halbzeit der Saison an letzter Stelle. An letzter Stelle! Liverpool wird gerade durchgereicht, momentan steht die Mannschaft an siebter Stelle, Tendenz sinkend.

Ja, der grandiose Virgil van Dijk fehlt schmerzlich, genauso wie Joe Gomez oder Joel Matip in der Defensive . Ja, der grandiose Torhüter Allison Becker macht Fehler, die er sonst nie macht. Ja, Mo Salah und Sadio Mané sind weit weniger explosiv und treffsicher als noch vor kurzem. Vor allem aber ist diese Mannschaft nach ein paar Jahren Dauerpressing erschöpft, seelisch wie körperlich. Und weil entscheidende Spieler fehlen, kommt es auf den Trainer an. er muss sich einiges einfallen lassen, um die Ausfälle zu kompensieren und mit den Spielern, die da sind, eben anders zu spielen. Er müsste seinen Stil ändern, den Gegebenheiten anpassen, damit auskommen, was er hat.

Thomas Tuchel und Pep Guardiola haben eine Idee vom perfekten Fußballspiel. Für sie sind Spieler wie Schachfiguren, die sie hin und her schieben. Stehen Spiele gegen starke Mannschaften an, tüfteln sie so lange, bis ihnen etwas eingefallen ist. Mit einer geschwächten BVB-Truppe (Hummels/Gündogan/Mikytarian waren weggegangen, drei Spieler, die den Unterschied machten) holte er den Pokal. Man City ist in dieser Saison beinahe so gut, wie eine Mannschaft sein kann (auch wenn sie heute gegen United verlor).

Diese Alternative steht ihm aber nicht zur Verfügung. Er bleibt bei seinem Stil, auf Teufel komm raus.

Mit Dortmund gewann Klopp zweimal die Meisterschaft, einmal den Pokal und verlor das Finale in der Champions League. Liverpool gewann mit Klopp die Champions League und die Meisterschaft. In Dortmund blieb er sieben Jahre. In Liverpool ist er seit sechs Jahren. Er ist ein ungewöhnlich erfolgreicher Trainer, den das Publikum und die Presse lieben und alle bedauern, wenn ihn der Erfolg wegen seiner Eindimensionalität verlässt. Gut möglich, dass er bald weiterzieht, zu einer jungen, hungrigen Mannschaft in einer alten Arbeiterstadt, die nach Meisterschaften lechzt.

Der BVB und seine Trainer

Gestern habe ich mir das Spiel des BVB gegen Gladbach angeschaut. Wie man so schön sagt: intensiv, aber nicht sehr toll. Mehrere fein herausgespielte Tore, die der Kölner Keller nicht gab. Ein herrlich herausgespielter Treffer, mit dem Jadon Sancho das Spiel entschied.

Dortmund war gut eingestellt. Dortmund spielt stabiler als noch vor einigen Wochen. Der Trainer vertraut Jude Bellingham. Ich ziehe Gio Reyna vor, aber der wirkte zuletzt überspielt. Der Trainer vertraut Martin Hitz und hatte Recht, weil der Torwart einen sagenhaften Hammer aus mittlerer Distanz blitzartig parierte. Der Trainer vertraut Mahmoud Dahoud, der endlich mal so spielt, wie er es seit zwei Jahren verspricht. Der Trainer stellt nach Form und Notwendigkeit auf, wie es ein guter Trainer eben so macht.

Dortmund hat seit Jahren ein Trainer-Problem oder genauer gesagt ein Führungs-Problem, weil die Ungeduld – nein, der Widerwille, nach dem Pokalsieg 2017 weiterhin mit Thomas Tuchel zu arbeiten, so groß war, dass Achim Watzke ihn feuerte. Habe ich damals nicht verstanden, verstehe ich heute noch nicht, werde ich morgen nicht verstehen, wenn Marco Rose die x-te Nachfolge antritt: nach Bosz/Stöger/Favre/Tedić. Der Vorgang könnte sich diesmal wiederholen, holt der BVB den Pokal und stutzt trotzdem den Trainer, der immerhin Co-Trainer bleiben darf, es sei denn, ein anderer Verein findet so viel Gefallen an ihm, dass er ihn verpflichtet.

Rose hat mit seinem angekündigten Wechsel seine Mannschaft verloren. Sie startete furios in die Saison, zeigte tolle Leistungen in einer Hammergruppe der Champions League, spielte astreinen Fußball, wobei zwei ehemalige BVB-Spieler überragten, Matthias Ginter und Jonas Hofmann. Dann fing Rose an zu tändeln, druckste herum und gab schließlich bekannt, er werde künftig den BVB trainieren, den seine Mannschaft kurz zuvor 4:2 geschlagen und damit in eine Krise gestürzt hatte. Gladbach verlor den Faden, wird gegen Man City in der Champions League ausscheiden, alles andere wäre mehr als ein Wunder, und verpasst vielleicht sogar die Euroleague, wenn die Mannschaft sich nicht schleunigst fängt.

Psychologisch interessant ist natürlich, wie eine eher junge Mannschaft von ihrem Trainer dermaßen abhängt, dass sie aus der Fassung gerät, wenn er sagt: Das war’s hier, ich zieh weiter, Dortmund hat mehr Bedeutung als dieser Verein, jedenfalls für mich, so ist das Geschäft, wisst ihr ja. Beschädigt sind nun aber beide, auch Rose, der das Wasser nicht halten konnte und den Einfluss seiner Entscheidung nicht absah, was nun dazu führt, dass unsereins sich fragt: Ist das ein reifer Trainer oder nur ein Job-Hopper, mit dem der Erfolg nicht zieht, so dass Dortmund dem nächsten Irrtum aufsitzt?

Edin Terzić besticht schon mal durch seine Souveränität, mit der er seine Degradierung zum künftigen Co-Trainer unter Rose hinnimmt. Außerdem hat er die Mannschaft, verunsichert durch Favre, jetzt so geformt, dass sie gestern endlich mal richtig kämpfte und verdient gewann. Unter Terzić hat der BVB die direkten Kontrahenten Wolfsburg und Leipzig geschlagen, brach ein, raffte sich wieder auf und liegt momentan drei Punkte hinter einem Champions-League-Platz. Alles drin, im Pokal, in der Meisterschaft, in der Champions League.

Terzić ist offenbar ein Trainer, der sich nicht beirren lässt. Die Mannschaft vertraut ihm. Die Führung nicht. Die Mannschaft hat nur dann etwas zu sagen, wenn sie sagt, was die Führung hören will, wie damals bei Tuchel. Die Führung bekommt wieder ein sattes Problem, falls der BVB am nächsten Wochenende gegen Bayern in München gewinnen sollte. Ist ja möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich. Verliert Dortmund und Frankfurt wie Wolfsburg gewinnen, wird es ziemlich schwer, noch unter die ersten Vier in der Bundesliga zu kommen und enorm viel Geld wird im Etat 21/22 fehlen.

Das neue Dortmunder Modell soll also so aussehen, dass ein Trainer, der das Vertrauen seiner Mannschaft verlor, mit einem Co-Trainer zusammen arbeitet, der das Vertrauen seiner Mannschaft besitzt. Kann das funktionieren? Glaube ich nicht. Um so weniger, je mehr Erfolg Tedić mit dem BVB in dieser Saison noch hat. Rose muss das innere Gefüge erst noch kennenlernen, das sein Co bestens kennt. Rose muss beweisen, dass er zu Recht die Nummer 1 ist, was seine Nummer 2 schon bewiesen hat. Ob die beiden wollen oder nicht, ist ein Gefälle in dieses Modell eingebaut, das für beide ungünstig ist. Aber sie haben sich nicht ausgesucht, womit sie sich nun herumschlagen müssen. Die Führung in ihrer unendlichen Weisheit zwingt sie in dieses Modell.

Tedić hat ab jetzt den Vorteil, dass er sich das Modell antun kann, aber nicht muss.

Die Methoden sind ausgereizt

Ziemlich genau vor einem Jahr sagte Markus Söder, die Pandemie sei ein Charaktertest für die Gesellschaft. Stimmt. Ebenso wahr ist aber, dass die Pandemie ein Charaktertest ist für die Riege der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin.

Wie es aussieht, gehen wir in eine Woche, in der Entscheidungen von einiger Tragweite getroffen werden. Die Gesellschaft, also Sie und ich und alle anderen, hat in ihrer Mehrheit die Faxen dicke. Lange genug hat sie Charakter bewiesen, womit Langmut und Geduld und sogar Nachsicht mit gemeint sind. Wenn am Mittwoch zum x-ten Male die Kanzlerin mit den Länderchefs per Video konferiert, dann wissen sie, dass sie sich nicht länger mit Appellen an die Vernunft begnügen können. Was sie uns vorschlagen, wird Konsequenzen haben.

Von den Entscheidungen hängt die Grundstimmung für dieses Jahr ab. Mitte März wählen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Hier ist Malu Dreyer beliebt, dort Winfried Kretschmann. Beide sind wohltemperierte Gemüter, die ihren Eigensinn in der Pandemie gebändigt haben und auf Wiederwahl hoffen dürfen. Schlechte Laune färbt ab, gute Laune auch. Ich wette, dass die Mittwochsrunde viel Zeit aufs Abwägen verschwendet, welche politischen Auswirkungen ihre Beschlüsse haben könnten. 

Uns allen steht eine Pandemie-Bundestagswahl am 26. September bevor. Einen neuen Kanzler bekommen wir, wohl auch eine neue Koalition, aber ihr Spielraum hängt vom Geschick der alten Regierung ab, auf die neue Lage schlau zu reagieren, so dass sie die kleine Wiedergeburt der Parteien der Mitte nicht abwürgt.

Mit einigem Recht lässt sich behaupten, dass die Gesellschaft den Charaktertest ganz gut bestanden hat. Wir haben immer wieder Verständnis für Einschränkungen und noch mehr Einschränkungen aufgebracht. Aber das Land ist erschöpft, wie der „Spiegel“ in seiner Titelgeschichte richtig schreibt. Geduld ist ein endliches Gut. Geduld lässt sich nicht im Zwei-Wochen-Rhythmus strapazieren. Das ist der Stand der Dinge.

Wie es sich fügt, liegen die Bestandteile für eine Doppelstrategie bereit: Ja, die Mutanten treiben die Zahl der Infizierten wieder höher und noch immer sterben beklagenswert viele Menschen am Virus. Aber nun liegt genügend Impfstoff bereit. In Kürze erhält das Produkt von Johnson & Johnson die europäische Zulassung und AstraZeneca ist, wie sich zeigt, besser als sein Ruf. Zudem gibt es eine App mit dem schönen Namen Luca, die mehr kann als die Corona-App, so dass unsere Kontakte schlagartig nachverfolgt werden können, wenn uns das Virus erwischen sollte. Zudem stehen bald Schnelltests bereit, kostenlos sogar, wie es heißt.

Ja, wir müssen vorsichtig bleiben, ist ja gut, sind wir. Aber niedergelassene Ärzte sollten ins Impfen einbezogen werden. Dann geht eben, wer will, zu ihnen. Daraus entsteht vielleicht ein Durcheinander, wenn der Staat nicht mehr Mails oder Briefe verschickt, aber dann ist das eben so. Bis dahin sollten doch wohl die systemrelevanten Berufe nach Plan dran gekommen sein. Und wer geimpft ist, sollte wieder weitgehend tun dürfen, was er tun will. Die bloße Aussicht auf größere Freiheit kann die Impferei sogar beschleunigen.

Die Regierungen in Bund und Land haben uns einigermaßen gut durch die Pandemie gelotst. Ihre Methoden sind jedoch ausgereizt. Nun steht die zweite Phase des Charaktertests bevor. Bringt die Runde am Mittwoch eine durchdachte Doppelstrategie zustande, wird das müde Land aufgemuntert. Kriegt sie diese Kurve nicht überzeugend hin, wird aus der Müdigkeit Missmut. Mindestens.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ein bisschen Zuversicht, bitte

Wie so viele Menschen waren wir gestern im Sonnenschein beschwingt spazieren. Zufällig kamen wir an einem alten Fabrikgelände vorbei und trafen auf ein paar Bundeswehrsoldaten, die eine Zigarettenpause einlegten. Wir fragten sie, was denn hier los sei, und einer antwortete: „Na, das hier ist ein Impfzentrum. Wenn Sie um die Ecke gehen, sehen Sie die Leute Schlange stehen.“ Wir dankten, gingen um die Ecke und da standen reihenweise Taxen, die ältere Herrschaften zum Impfen brachten, auf sie warteten und sie dann wieder nach Hause fuhren, durch den makellosen Sonnenschein und die würzige Frühlingsluft.

Wir staunten nicht schlecht. Berlin! Sonntag! Impfen! Die Spätis wollen sie schließen, aber die Impfzentren immerhin öffnen sie sogar am Sonntag. Gut so! Schlagartig besserte sich unsere Laune, denn gerade noch hatten wir die wieder steigenden Infektionszahlen beklagt und uns über die Phantasielosigkeit der Kassandras geärgert, die uns andauernd mit schlechten Nachrichten belämmern.

Da ändert sich etwas. Von jetzt an werden sich Optimismus und Pessimismus abwechseln. Den Optimismus bestärken die zunehmenden Lieferungen an Impfstoff. Den Pessimismus bestärken Mutationen der Pandemie, die sich in Deutschland systematisch verbreiten.

Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Uns wird jetzt gesagt, dass Deutschland sich darauf vorbereiten muss, in seinen Impfzentren große Mengen an Impfstoff zu spritzen. Ein Luxusproblem, wie schön! Hatten wir lange nicht. Brauchen wir dringend. Damit sollten wir doch wohl fertig werden, oder?

Das Luxusproblem wird Folgen haben. Die bisherigen Impfpläne, in denen die Probanden fein säuberlich nach Alter und Systemrelevanz eingeteilt waren, sollen bald schon hinfällig sein, hören wir auch. Die Hamburger Gesundheitssenatorin, sie heißt Melanie Leonhard und gehört der SPD an, hat den schönen Satz geprägt: „Es wird in den nächsten Wochen immer schwieriger werden, an den Aufteilungen in den Prioritätengruppen festzuhalten.“

Ja, so was, die Bürokratie muss umdenken, soll sie mal. Es gibt Schlimmeres. Schon vergessen? Vor kurzem mussten wir noch zur Kenntnis nehmen, dass die Produktion von Biontech oder Moderna geringer als erwartet ausfällt. Der Vorstandsvorsitzende von AstraZeneca machte sich unbeliebt mit seiner schnöden Art der Mitteilung, dass sein Konzern leider nur weniger als die Hälfte der versprochenen 80 Millionen Dosen ausliefern kann.

Und jetzt also müssen wir wieder leiden und zwar daran, dass wir schneller als erwartet mehr vom gewünschten Impfstoff bekommen, so dass die Bürokratie umdenken muss. Die Prioritäten ändern sich, ach ja. Das Leben ist ungerecht, die Pandemie sowieso und ein paar alte Pläne müssen schleunigst neu geschrieben werden. Geht’s noch? Gestern bekamen wir zu wenig, heute bekommen wir zu viel Impfstoff. Ist doch gut! Umgekehrt wäre es schlimmer: Wenn das zu wenig sich weit in den März hinein ziehen würde.

Die Herausforderung, so ringt unsere Hamburger Gesundheitssenatorin ihre Hände, besteht jetzt darin, schnell genug willige Impflinge zu finden und deren Berechtigung zu prüfen. Oh je: Die Anarchie zieht herauf und bringt die herrschenden Verhältnisse durcheinander, das scheint Melanie Leonhard zu befürchten. Jetzt mal ernsthaft. Wenn wirklich so viel Impfstoff zur Verfügung stehen sollte, dürfte es ziemlich leicht eine Alternative geben. Da sind ja auch noch die rund 100 000 Arztpraxen, welche die Impfzentren entlasten könnten.

Die Kanzlerin hat mal gesagt, bis kurz vor der Wahl am 26. September sollte geimpft sein, wer geimpft werden will, so dass Deutschland die Herdenimmunität erreicht. Vielleicht geht es schneller. Wäre schön. Ich kenne niemanden, der nicht nach guten Nachrichten dürstet, nach Zuversicht. Alle haben schlechte Nachrichten satt. Die Geduld lässt nach, schon wahr. Gut möglich, dass uns die guten Nachrichten bald schon die schlechten leichter ertragen lassen.

Natürlich ist die Lage ambivalent. Die britische Mutations-Variante wird sich wohl rasant vermehren. Auch in den nächsten Wochen werden wir die täglichen Bulletins über Infektionen und Tote studieren wie die Bundesligatabelle. Und daneben steht dann die Tabelle mit den Zahlen, wie viele Menschen geimpft wurden.

Heute öffnen in den meisten Bundesländern wieder Schulen mit ausgewählten Klassen. Das ist schön für die Kinder und riskant zugleich. Deshalb sollten die neuen Impf-Pläne schnellstens mit Lehrerinnen und Lehrern anfangen. Bis dahin sollte getestet werden, was das Zeug hält.

In zwei Wochen werden Ministerpräsidenten und Kanzlerin wieder zusammen kommen und an Beschlüsse feilen. Sie sollten wissen, dass unsere Geduld von der Perspektive abhängt, die sie uns geben. Schlechte Nachrichten haben wir im Übermaß. Jetzt sind gute Nachrichten dran.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Sie werden Biden testen

Normalerweise findet im Februar in München die Sicherheitskonferenz mit Staats- und Regierungschefs, Ministern und Sicherheitsexperten aus aller Welt statt. Doch die Pandemie erlaubt den großen Auftritt nicht. Als Alternative zum Großereignis dient diesmal eine Videokonferenz, zu der sich Joe Biden zuschalten lässt. Er ist der erste amtierende Präsident, der dieser traditionsreichen Konferenz seine Aufwartung macht. Wolfgang Ischinger ist Gastgeber der Sicherheitskonferenz.

t-online: Herr Ischinger, anstatt der großen Sicherheitskonferenz findet heute eine kleine, aber feine virtuelle Konferenz statt, an der sogar erstmals ein amerikanischer Präsident teilnimmt. Wie haben Sie Joe Biden dazu überredet?

Ischinger: In der Diplomatie ist eines wichtig: Vertrauen. Joe Biden kennt die Münchner Sicherheitskonferenz bestens. Im Jahr 1980 war er zum ersten Mal dabei, zuletzt kam er  2019. Die Dialog-Plattform schätzt er, wie ich finde: zurecht, und er vertraut meinem Team und mir.

Wie läuft das ab – der Präsident hält eine Rede und danach stellen Sie ihm Fragen?

Wir werden eine Mischung aus Reden, Diskussionen und Frage-Antwort-Segmenten erleben. Präsident Biden hat sich für eine viertelstündige Rede entschieden.

Also auch keine Diskussion mit der Kanzlerin oder Emmanuel Macron? 

Nach der aktuellen Planung treten Biden, Merkel und Macron direkt nacheinander, aber getrennt auf.

Im letzten Moment hat sich auch noch Boris Johnson dazu entschlossen, bei der Videokonferenz mitzumachen. Erstaunlich, da sich die Briten in den letzten Jahren in München doch eher rar machten.

Ich freue mich darüber, dass wir in letzter Minute den Premierminister auch noch für unsere Konferenz gewinnen konnten. Er hat ja recht, wenn er denkt, dass er da nicht fehlen sollte!

Diese Sicherheitskonferenz komplettieren Ursula von der Leyen und Uno-Generalsekretär Ańtonio Guterres. Konnten Sie die Teilnehmer bestimmen?

Ja, das konnte ich. Aber natürlich steht und fällt dieses Projekt mit dem amerikanischen Präsidenten. Er ist ja grade mal seit einem Monat im Amt. Bei den anderen Rednern war klar, dass ich neben der Kanzlerin vor allem die Vereinen Nationen, die Europäische Union und die Nato zu Wort kommen lassen wollte. Wunderbar, dass wir Emmanuel Macron und Boris Johnson überzeugen konnten, zwei zentral wichtige außenpolitische Partner in diesen Institutionen, erst recht jetzt nach nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU!

Der Westen bleibt unter sich, das fällt auf. Es fehlen Vertreter aus China oder Russland, aus Nahost oder Afrika. Natürlich ist eine virtuelle Konferenz limitiert, aber warum ist der Kreis der Beteiligten westlich eng gefasst?

Ursprünglich hatten wir zwei Stunden für die Konferenz vorgesehen. In dieser Zeitspann lassen sich nicht sämtliche aktuellen Krisen behandeln wie bei der fast dreitägigen Sicherheitskonferenz unter normalen Umständen. Deshalb mussten wir ein oder zwei Themen auswählen – und dass jetzt sich jetzt durch Joe Biden große und neue transatlantische Chancen bieten, dürfte jedem klar sein. Das hat die Priorität Nummer Eins. Sobald wir wieder eine normale Konferenz organisieren können, werden China, Russland und viele andere Länder wie üblich zu Wort kommen. Das habe ich ausdrücklich auch dem russischen Botschafter versichert. 

Für Sie ist es ein Coup, dass Joe Biden seine erste Rede auf der Sicherheitskonferenz hält und nicht in London oder Paris oder vor der Uno. Welche Botschaft wird er senden?

Ich bin ziemlich sicher, dass er sagen wird, dass die Kraft Amerikas auch auf seinen Partnerschaften und Allianzen aufbaut und vor allem auf gegenseitigem Vertrauen. Da gibt ja etliches zu reparieren nach den letzten vier Jahren.

In dieser ersten Phase geht es um Beruhigung der Gemüter und Bekräftigung der Bündnisse und Abkommen. Aber ist es nicht eine Illusion zu glauben, dass nun Harmonie ausbricht? Dass die Nato- Mitgliedsstaaten zum Beispiel das Versprechen erfüllen sollten, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes einzuzahlen, dürfte auch Biden erwarten.

Keine Frage, die Friktionspunkte – beispielsweise Nord Stream 2, Lastenteilung im Bündnis, Exportzölle –  werden nicht weggezaubert. Aber nun kann man vertrauensvoll versuchen, Kompromisse auszuloten. Jedenfalls dürfen wir jetzt nicht die Hände in den Schoß legen und davon ausgehen, dass Joe Biden es schon richten wird. Die EU und auch Deutschland sollten mit eigenen konstruktiven Ideen auf Amerika zugehen. 

Das größte Problem zwischen Deutschland und Amerika ist Nord Stream 2, die Gasleitung von Wyborg nach Lubmin über 1200 Kilometer. Sie ist fast fertig, aber die Vollendung hat der US-Kongress, sogar überparteilich, mit Sanktionen für die beteiligten Firmen belegt und auch die baltischen Länder wie auch Polen sind entschieden gegen das Projekt. Biden ist vielleicht kulanter im Ton als sein Vorgänger, aber doch wohl kaum nachgiebig in der Sache.

Auf beiden Seiten gibt es Signale für Verhandlungen. Reden ist allemal besser als die besten Partner mit Sanktionen zu überziehen.

Die Bundesregierung stellt sich auf den Standpunkt, es handle sich um ein wirtschaftliches Projekt. Das überzeugt niemanden.

In der Tat ist es so, dass überall die geostrategische Bedeutung solcher energiepolitischer Projekte erkannt wird, bloß bei uns wischt man das gerne vom Tisch. Energieaußenpolitik muss integraler Bestandteil einer kohärenten EU-Außenpolitik werden! 

Der Umgang mit Alexey Nawalny ist zum Symbol für Putins Unrechtsregime geworden, vergleichbar für den Umgang früher mit Alexander Solschenizyn. Macron und Merkel haben dagegen Protest eingelegt. Wie lässt sich politisch darauf reagieren?

Russland igelt sich zur Zeit ein, was sich auch beim Besuch von Josep Borrell, dem EU-Außenbeauftragten, im Kreml zeigte, als zeitgleich drei westliche Diplomaten ohne jede Vorwarnung ausgewiesen wurden. Hier hilft nur langfristiges Denken und geduldiges Beharren. Steter Tropfen höhlt den Stein. Holzhammermethoden würden im Kreml vermutlich nur zu weiterer Verhärtung führen, woran wir kein Interesse haben sollten. 

Was würden Sie der Bundesregierung bei Nord Stream 2 raten – zu Ende bauen, aber nicht anschalten?

Vom Erzwingen eines Baustops durch Sanktionsandrohung und von einer Milliarden-Bauruine in der Ostsee halte ich nichts. Aber die Bundesregierung könnte den Schwarzen Peter nach Russland zurückspielen. Etwa, indem sie dem Kreml streng vertraulich mitteilt, dass der außenpolitische und innenpolitische Druck auf sie so stark gewachsen ist, dass sie sich nicht imstande sieht, die Gasleitung in Betrieb zu nehmen, solange die Atmosphäre sich nicht entkrampft, und das liege doch ganz in russischen Händen. Zum Beispiel könnte Putin Nawalny nicht erst 2023 oder sogar noch später freilassen, sondern schon im nächsten Jahr. Oder Moskau könnte proaktiv dabei helfen, den Mord im Tiergarten aufklären. Oder Moskau könnte russische Soldaten aus dem Donbass abziehen.

Welchen Kurs gegenüber Russland wird Präsident Biden einschlagen? 

Er wird mit Wladimir Putin Klartext reden, aber nicht nur Konfrontation suchen. Im Gegenteil haben beide ja schon konstruktive Schritte unternommen, als sie kürzlich das New-Start-Abkommen verlängerten, den letzten großen Abrüstungsvertrag über strategische Nuklearwaffen. Da gibt es noch viele andere Möglichkeiten–- man denke nur an das Atomabkommen mit Iran. 

Barack Obama sagte mal wenig diplomatisch über Russland, das sei nur noch eine Regionalmacht. Sieht Biden die Dinge ähnlich?

Es war nicht hilfreich, das öffentlich so zu formulieren. 

Amerika war seit dem 6. Januar mit sich selber beschäftigt, was sich mit dem Impeachment fortsetzte. Wie wirken diese Ereignisse wohl auf Wladimir Putin und Xi Jinping?

Man wird versuchen, den neuen Präsidenten Biden zu testen. Hat er Amerika hinter sich? Tritt er als Weltmacht auf? Daraus könnten gefährliche Missverständnisse entstehen. 

In einer zweiten Phase dürfte Joe Biden daran gehen, Amerika auf der Weltbühne zu rehabilitieren. Genügen dazu Verlässlichkeit und Berechenbarkeit als Goodwill-Maximen?

Amerika muss unter Beweis stellen, dass es trotz innenpolitischer Polarisierung die Energie und Entschlossenheit aufbringt, die eine Weltmacht ausmachen. 

Gehört dazu Entspannung im Handelskrieg mit China?

Dazu gehört eine realpolitische Abwägung und Ausbalancierung der eigenen Interessen, auch der kommerziellen. Einen Handelskrieg allein aus dem Grund zu führen, um Stärke zu zeigen und dafür auf Konfrontation zu gehen, bringt auf Dauer nichts.

Gehört dazu, den Abzug der Soldaten aus Afghanistan zu verzögern? Die Taliban drohen in diesem Fall damit, die Anschläge auf die US- Truppen wieder aufzunehmen.

Ja, denn der Abzug aller US-Truppen würde 20 Jahre zunichte machen. Biden wird einen Mittelweg anstreben.

Gehört dazu der Versuch, das Atomabkommen mit Iran wieder zu beleben?

Ja, wobei dieses Problem ebenso komplex wie wichtig ist. Ich hoffe, dass Joe Biden in seiner Rede heute auf der Sicherheitskonferenz dazu etwas sagt. Wir brauchen eine rationale Verhandlungsatmosphäre mit Iran. 

Die kleine, feine Sicherheitskonferenz wird heute etwas mehr als drei Stunden dauern. Gibt es in diesem Jahr dann noch eine regelrechte Konferenz in München, falls die Pandemie abgeklungen ist?

Unbedingt wollen wir das. Die virtuelle Konferenz ist jetzt der erste Schritt auf dem Weg zu einer normalen Konferenz in München. 

Herr Ischinger, vielen Dank für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, vorgestern.

Nur noch ein Papiertiger?

Amerika hat das zweite gescheiterte Impeachment gegen Donald Trump hinter sich und ist mehr denn je klaftertief gespalten, schlimm genug. Nebenbei ist Amerika aber auch immer noch eine unverzichtbare Supermacht, und deshalb sollten wir uns jetzt mal eine entscheidende Frage stellen: Was bedeutet der 6. Januar für den Einfluss der USA auf die Weltereignisse?

1.) Joe Biden will Vertrauen zurückgewinnen und damit die Vorherrschaft in sämtlichen Bündnissen die Westens stabilisieren. Nato und Europäische Union, die Uno wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds oder die WHO atmeten nach seiner Wahl auf und freuten sich auf einen Neustart. Aber nur das halbe Amerika folgt dem neuen Präsidenten auf diesen Spuren. So fragil, so unberechenbar wie dieses Land nun einmal ist, kann in vier Jahren ein republikanischer Präsident den umgelegten Schalter wieder umlegen. Und dann?

Vertrauen verlangt Dauer. Vertrauen braucht Zuverlässigkeit. Beides lässt sich von Amerika nur bedingt erhoffen. 

2.) Dass die Projektion der Macht, die Amerika durchaus selbstherrlich einsetzte, an Kraft verloren hat, ist seit dem Irak-Krieg nicht mehr zu übersehen. Der Bürgerkrieg in Syrien und der damit verbundene Krieg um Hegemonie in der Region ziehen sich quälend dahin, ohne dass die Supermacht Amerika Einfluss darauf nehmen könnte. Das neue Bündnis, das Israel mit den Golfstaaten eingegangen ist, verdankt sich paradoxerweise Donald Trump und schon einmal deswegen berichtigt Biden den veränderten Status quo, indem er auf Distanz zu Saudi-Arabien geht, so lange der Krieg im Jemen anhält. Aber ist das wirklich klug? Saudi-Arabien ist ja eigentlich der wichtigste Verbündete im Konflikt mit Iran.

Im Nahen Osten ist Amerika keine Ordnungsmacht mehr. Gut möglich, dass Irans Neigung, an das Atomabkommen, das Trump einseitig kündigte, wieder anzuknüpfen, nicht besonders groß ist. Und das wäre ein schwerer Schlag für Biden.

3.) Amerika verstand sich immer als Leuchtturm der Freiheit, als Fackel der Demokratie, von der Geschichte dazu berufen, sein Modell hinaus in die Welt zu tragen. Diese Selbstermächtigung hatte von Anfang an messianische Züge und wirkte spätestens seit Vietnam als groteske Anmaßung. Am 6. Januar 2021 aber zerplatzte das Selbstideal in tausend Stücke. Dafür sorgte die Trump-Soldateska, die in aller Ruhe ins Kapitol eindrang, Jagd auf Abgeordnete machten und geruhsam die Büros zerlegte, als ihr weder Mike Pence noch Nancy Pelosi in die Hände fielen. Und das Land der vielen Geheimdienste, des hochmächtigen Militärs, der Nationalgarde, der vielen Sondereinheiten und der vielen Polizeitruppen ließ sie stundenlang gewähren. Lächerlicher kann sich eine Demokratie, die so groß von sich denkt wie Amerika, gar nicht machen. Und zur Krönung vermag sie es nicht einmal, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, für den der Mob zu Felde zog.

Demut wäre angemessen, schon wahr. Aber Weltmacht und Demut gehen nicht zusammen, sie sind ein innerer Widerspruch. Und die Welt braucht eigentlich eine selbstbewusste, unmessianische Weltmacht Amerika.

4.) Wie schaut wohl zum Beispiel die chinesische Führung auf das amerikanische Drama? Nur als Schwäche kann sie den Sturm auf das Kapitol verstehen, als die Unfähigkeit der Demokratie, mit ihren Feinden fertig zu werden. Was für Amerika der 6. Januar 2021 ist, das war für China der 4. Juni 1989. Auf dem Tiananmen-Platz versammelten sich (aus KP-Sicht) zahlreiche Staatsfeinde, die nach Demokratie verlangten, ein beispielloser Vorgang. Es dauerte ein paar Tage lang und dann rollten die Panzer. Nach einer kurzen Zeit der Schwäche eine Demonstration brutaler Stärke mit jahrzehntelangem Nachhall.

Die chinesische Führung hat einen langen Atem und kein Problem, Gewalt anzuwenden, innen wie außen. In ihrem Anspruch, Amerika auf der Weltbühne abzulösen, wird sie sich weniger denn je irritieren lassen. Amerika ist nur noch ein Papiertiger, so dürften sie in Peking die Ereignisse deuten und Konsequenzen daraus ziehen.

5.) Europa ist einerseits erleichtert darüber, dass ein vernünftiger, verständnisvoller Mann wie Joe Biden im Weißen Haus sitzt, eine bekannte Größe. Andererseits ist Selbstberuhigung und Passivität unangebracht. Amerika bleibt verletzlich, beschäftigt mit sich selber, das ist unvermeidlich. Amerika braucht aber auch Unterstützung für politische und ökonomische  Konflikte mit China, die sich in nächster Zeit häufen dürften. Deshalb hat Europa noch mehr Gründe, eine stabile Rolle draußen in der Welt anzustreben – zum Selbstschutz und als solider Bündnispartner Amerikas. Emmanuel Macron schwebt ein souveränes, einiges Europa vor. Daran jetzt zu arbeiten, drängt sich geradezu auf.

Was aus Amerika wird, ob es sich selbst lähmt oder neu erfindet, geht uns alle an. An Amerika hängt aber nicht mehr so viel wie gerade eben noch. Wäre doch nur konsequent, wenn Europa selbständiger und wichtiger würde.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.