Kimmich? Lena Oberdorf!

Diese Saison ist seltsam unglücklich zu Ende gegangen. Bei meinem BVB hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich vor dem letzten Spiel gegen Mainz darüber schrieb. Ja, ja, die Nerven, das Gemüt, die Last der Erwartungen, die weichen Knie und dann die Tränen. Jude Bellingham wäre auch dann zu Real Madrid gegangen, wenn Dortmund Meister geworden wäre, so viel scheint klar zu sein. Er ist ein guter Junge, dem man nur Glück wünschen kann. Andererseits: Wann kann der BVB mal die Leute halten, die er aufbaut: Mikhitaryan, Gündogan, Sahin, Haaland, Bellingham, Kagawa, Götze, Lewandowski, Hummels. Ziemlich illustre Reihe, wobei natürlich auffällt, dass Sahin und Götze anderswo nicht glücklich geworden sind und Hummels zurückkam (wie Sahin, gut möglich auch, dass es Sancho wieder nach Dortmund zieht). Auch deshalb ist es eine Katastrophe, dass der BVB im letzten Moment gescheitert ist, an Musiala, genau genommen. Denn irgendwann muss der Verein dazu übergehen, diese tollen Spieler zu halten, die dort reifen, sonst wird as nichts mit der europäischen Spitzenmannschaft, und das wollen wir doch sein, oder?

Mit dem HSV habe ich nur deshalb etwas am Hut, weil ich lange in Hamburg gelebt habe und weil Levin ein Anhänger ist. Levin ist der Freund unserer Tochter und ein ungemein liebenswerter, kluger Junge, mit dem ich gerne Champions League schaue (und heute auf seine Einladung zum bett1open gehe). Also, der HSV ist ein tragischer Verein. Hätte Heidenheim nicht in einer überlangen Verlängerung in Regensburg noch zwei Tore fabriziert, wäre der HSV direkt aufgestiegen. Ob er in der Bundesliga mit dieser Mannschaft überlebt hätte, ist eine andere Frage. Der nahtlose Übergang von Euphorie zu Depression hatte den HSV jedenfalls derart geschwächt, dass er gegen Stuttgart unterging. Der Verein, der vom Schicksal bevorzugt auf ewig in der Bundesliga zu bleiben schien, wird jetzt vom Schicksal bestraft und am Wiederaufstieg gehindert. So sieht es aus.

Der dritte Verein, mit dem ich gebangt habe, ist Viktoria Hamburg und zwar die Frauenmannschaft. Sie spielt in der Regionalliga und einige Bekannte machen sich daran, den Verein zu professionalisieren. Das Ziel ist: 1. Bundesliga innerhalb von fünf Jahren. Ein bemerkenswertes Projekt, dem ich folge. Viktoria war Erster in der Regionalliga Nordost und musste gegen den Ersten in der Regionalliga Nord um den Aufstieg in die 2. Bundesliga spielen. Warum nicht beide Meisterinnen aufsteigen, weiß der Teufel.

Viktoria musste also gegen den HSV spielen und verlor in Hamburg 0:3. Ich war nicht dabei, mir wurde aber gesagt, der HSV sei nicht um drei Tore besser. Dummerweise konnte ich nicht zum Rückspiel in Lichterfelde gehen, schaute mir aber mit Levin die letzte halbe Stunde beim Stande von 1:0 für den HSV auf Sport1 an. Dann Elfmeter, souverän verwandelt, 1:1, noch knapp 30 Minuten Zeit für einige Tore. Chancen nicht genutzt, hinten offen, 1:3 verloren. Macht aber nichts, neuer Anlauf.

Absurderweise gewann die HSV-Frauen mit den gleichen Ergebnissen, mit denen die Männer verloren hatte: 3:0 und 3:1. Da sorgte das Schicksal für ausgleichende Gerechtigkeit.

Heute Abend spielen die Männer Deutschlands gegen Kolumbien. Auch dieses Phänomen, dass Flick kein Händchen für die Nationalmannschaft hat, muss ich unbedingt beobachten. Bei der vermaledeiten WM setzte er auf Bayern und ging, vor allem mit Müller, unter. Die Frage, die es zu klären gilt, lautet: War das Triple mit Bayern schieres Glück oder bekommt er es mit der Nationalelf noch hin? Hätte ich was zu sagen, würde ich Kimmich in den Urlaub schicken. Vielleicht stagniert er ja in seiner Entwicklung, aber vielleicht ist er auch nur überspielt und bräuchte ein Pause.

Mit erheblich größerer Spannung schaue ich der Frauen-WM entgegen. Ich finde Lena Oberdorf sensationell. Sie spielt, wie wir es von Kimmich erwarten. Poppi ist die Mittelstürmerin, die Bayern und Flick verzweifelt suchen. Merle Frohms hält so ruhig und sicher und souverän wie ter Stegen. Und die Abwehr (leider ohne die formidable Giulia Gwinn) steht so stabil, wie es der BVB und gerne hätten. Alles Gute! Viel Glück!

Diese nagende Unzufriedenheit

In einer Volksabstimmung sprach sich eine klare Mehrheit der Schweizer für ein Klimaschutzgesetz aus. Es sieht vor, dass der Verbrauch an Öl und Gas gesenkt und der Umstieg auf regenerative Energie staatlich gefördert wird. Auch Firmen, die in den Klimaschutz investieren, bekommen Subventionen von der Bundesregierung. Kommt uns bekannt vor, oder?

Volksabstimmungen sind in der Schweiz der normale Weg, um politisch hoch umstrittene Probleme zu lösen. Wenn es gut geht, herrscht hinterher die Ruhe nach dem Sturm. Deutschland hat eine andere demokratische Tradition als die Schweiz. Aber ein bisschen neidisch darf man schon sein auf ein Verfahren, das imstande ist, die Gemüter abzukühlen und die Regierung von einer Entscheidung zu entlasten.

In Deutschland wird das entsprechende Gesetz vielleicht noch in den nächsten drei Wochen durch den Bundestag und den Bundesrat gepeitscht. An Abkühlung der Gemüter kann auch hinterher nicht gehofft werden. Die Regierung besteht aus Teilen, die auseinander streben. Die Demoskopen berichten von Vertrauensverlust und Protestbereitschaft, von der die AfD den Nießnutz hat. Da ist ziemlich viel Porzellan zu Bruch gegangen.

Nun gibt es eine Art Gesetz, wonach deutsche Regierungen, egal wer sie anführt, in ihren Frühphasen in schwerwiegende Krisen geraten. Helmut Kohl, Kanzler seit Herbst 1982, trudelte von Krise zu Krise. Gerhard Schröder brauchte auch nicht lange, um als Brioni-Kanzler Furore zu machen und in „Wetten, dass…“ aufzutreten, ehe Oskar Lafontaine den Bettel hinschmiss. Angela Merkel musste zwei Jahre nach Amtsantritt mit der Weltfinanzkrise klar kommen.

Zur halben Ehrenrettung der Ampel-Koalition muss man ihr zugestehen, dass sie auf den Angriff Russlands auf die Ukraine gute Antworte fand. Dass Olaf Scholz keinen Übereifer an den Tag legte, um schwere Waffen nach Gutdünken zu liefern, war in Ordnung. Auch die Umsicht, mit der diese Regierung die Energie umsteuerte und die Preise für Gas und Strom dämpfte, war nicht zu verachten. Selbst die Inflation ebbt jetzt ab, die Preise für Nahrungsmittel fallen sogar. Diese Partien der Bilanz sollte man nicht vernachlässigen.

Was lernt uns das? Niemand hätte geglaubt, dass Helmut Kohl 16 Jahre lang Bundeskanzler bleibt, schon eher, dass Gerhard Schröder knapp 7 Jahre dran bleibt, aber wiederum schien nicht daran zu denken sein, dass Angela Merkel !6 Jahre lang amtiert. Und was sagt das über Olaf Scholz aus?

Mit zwei anderen Fraktionen regieren zu müssen, schließt fast systematisch lange Verweildauern im Kanzleramt aus. Die Fliehkräfte sind enorm, vor allem dann, wenn die FDP Dreh- und Kreisbewegungen ausführt, die von der Rotationsachse nach außen gerichtet sind. Die Zentripetalkraft müsste der Kanzler sein, dem aber die Haltung der leicht amüsierten Entrücktheit besser entspricht. Das Problem ist nur: So wird das ganz bestimmt nix mit längerer Verweildauer.

Die Grünen sind im schmerzhaften Prozess der Gewöhnung an Realpolitik begriffen. Realpolitik schließt moralische Ignoranz ein. Deshalb fällt es der Basis so schwer, die härtere Gangart im europäischen Asylrecht hinzunehmen. Diese neue Kälte trifft tiefenscharf ins Herz der Grünen. Die Entfremdung der Minister von ihrer Partei hat die SPD unter Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vorgemacht. Damals profitierten die Grünen vom kalten Pragmatismus der etablierten Parteien. Heute sehen sie sich selber dazu gezwungen und haben den Schaden davon.

Als eigenständige Größe fällt die SPD in der Regierung aus. Einerseits liegt der Grund in der Rücksichtnahme auf den Kanzler, andererseits in der Ratlosigkeit über die eigene Rolle. Und ein Kanzler, der nur ab und zu bei peripheren Veranstaltungen aus der Haut fährt, ansonsten aber die Pferde laufen lässt, gewinnt bestimmt nicht an Autorität.

Das Gebäudeenergiegesetz hat im Vergleich zum ersten Entwurf an moralischem Impetus verloren und an rationaler Anpassung an die herrschenden Verhältnisse gewonnen. Mit dem Ergebnis kann Deutschland leben. Fraglich bleibt, ob das Ziel so erreicht wird, die Erderwärmung auf anderthalb Grad zu begrenzen.

Eigentlich ein passables Gesetz. Eigentlich eine passable Bilanz. Aber niemand glaubt so recht daran, dass Ruhe und Besonnenheit einkehren, weder in der Regierung mit ihren Fliehkräften noch unter den Wählern mit ihrer nagenden Unzufriedenheit über den Lauf der Dinge. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Regieren wie hinter Milchglas

Der Bundeskanzler hat ein paar bedenkenswerte Sätze ausgesprochen, es wurde ja auch Zeit. Aber sie klingen wie in Watte gepackt, merkwürdig unangemessen. Ja, es ist so, der zwangsweise Austausch alter Heizungsanlagen betrifft sehr viele Menschen, wie Olaf Scholz sagt, genauer gesagt sämtliche Besitzer von Wohnungen oder Häusern und dazu jeden Mieter hierzulande, auf die Investitionen im Keller oder auf dem Dach oder am Gebäude abgewälzt werden könnten. Es ist auch wahr, dass dieser Umstand „unmittelbar für Aufregung geeignet ist“, wie er anfügt.

Alles richtig, es gibt nur ein Problem mit diesen Aussagen. Sie wirken merkwürdig lakonisch, fast unernst. Scholz moniert, dass es ab und zu quietsche, wobei alle „ein bisschen Recht“ hätten, aber was sie zu sagen haben, sollten „ein bisschen leiser vortragen“. Ernsthaft jetzt?

Es ist die Stärke dieses Bundeskanzlers, dass er sich nicht andauernd aufregt und Machtworte ausspuckt. Es ist zugleich seine Schwäche, dass er die Dinge laufen lässt,  Abstinenz übt und entrückt wirkt. Seine Sätze, die wie in Watte verpackt daher kommen, hat er in der langen Nacht der „Zeit“ vorgetragen, nicht etwa auf einer Pressekonferenz in Berlin oder in einem offiziellen Interview. Eben so nebenbei bei einer halboffiziellen Gelegenheit, so dass seine Worte zwar zur Kenntnis genommen werden, aber kein übermäßiges Gewicht bekommen.

Die Dinge liegen aber anders. Sie haben die Tendenz zum Drama. Die FDP gefällt sich als Opposition in der Regierung. Der Wirtschaftsminister hat sein schönes Gebäudeenergiegesetz gegen die Wand gefahren. Die SPD schaut interessiert zu. Und der Kanzler hockt wie hinter Milchglas in seinem Kanzleramt und wenn er heraus tritt, tut er so, als kabbelten sich vor seinem Adlerauge junge Hunde miteinander, denen es verständlicherweise an Reife fehlt: Alles halb so wild, liebe Leute, wird schon wieder, ich erziehe sie, keine Sorge.

Den Schaden hat die Regierung und jede der drei Parteien, die sie tragen. Denn Koalitionen gewinnen und verlieren miteinander. Die FDP, die sich vom Sabotieren grüner Vorhaben Zugewinne erhofft, hat nichts davon. Die demoskopischen Erhebungen der letzten Woche sprechen Bände. Nicht die FDP und auch nicht die CDU profitiert von dem Tohuwabohu in der Regierung, sondern die blassen Erben von Alexander Gauland, die für den Verfassungsschutz ein Verdachtsfall sind. 

Olaf Scholz war schon mal weiter mit seinen Einsichten, was unter welchen Umständen passieren kann. Im Wahlkampf sagte er, es dürfe in Deutschland zu keiner Polarisierung zwischen liberal-kosmopolitischen Eliten und sozial-nationalen Populisten kommen. Ihm dienten Frankreich und Polen als abschreckende Beispiele, auch Italien gehört in diese Reihe. Noch ist es hierzulande nicht so weit wie in jenen Ländern, aber die Momentaufnahmen sollten besser zum heilsamen Schock gereichen, damit Deutschland Abstand zu Ländern hält, welche die Demokratie ramponieren.

Deutschland ist eben nicht nur Berlin und München und Hamburg. Metropolen sind die Ausnahme. Deutschland besteht mehrheitlich aus Mittelstädten und Kleinstädten, in denen das Gendern und die Cancel Culture und die Rücksichtnahme auf Minderheiten nicht zu den viel beachteten Problemen gehören. In diesen Kommunen ist es entscheidend, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen, unterbringen und bürokratisch betreuen müssen. Die Überarbeitung des Asylgesetzes ist in Berlin vielleicht ein mechanischer Vorgang, aber nicht in Aschaffenburg oder Darmstadt oder Kaiserslautern oder Hagen. Und natürlich sorgt das baldige Verbot für Öl- und Gasheizungen nicht nur Aufregung, sondern für Protest aus Wut auf und Unverständnis für die Regierung.

Die Eliten in Berlin, die sich in dieser Bundesregierung ein Stelldichein geben, haben in ihren internen Scharmützeln die Wirkung ihrer selbstvergessenen Auseinandersetzungen aus den Augen verloren. Das Habeck-Gesetz betrifft 40 Millionen Haushalte, nicht wenig, oder? Da ist einige Aufklärung nötig, ob die Fernwärmenetze ausgebaut  werden oder die Pelletheizung okay ist und in welcher Höhe die Wärmepumpe staatlich gefördert wird. Kein Hexenwerk, doch dem Selbstreflexionsakrobaten Robert Habeck ist passiert, was ihm nicht hätte passieren dürfen: Er versäumte es bis heute, seine Vorhaben verständlich zu erklären. Und der Kanzler schreitet nicht ein, ruft niemanden zur Ordnung und behält für sich, was er selber über die Klimawende denkt. Warum eigentlich?

Funktional ist unsere Demokratie eine Kanzler-Demokratie, was in den Tagen von Olaf Scholz in Vergessenheit gerät. Gute Kanzler von schlechten Kanzlern unterscheidet der Sinn fürs Timing, fürs Handeln im richtigen Augenblick. Wäre vorteilhaft, wenn er sich darauf besinnen könnte.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Dr. K., der die Macht so sehr liebt

Vor 100 Jahren, am 27. Mai 1923, wurde in Fürth ein Junge namens Heinz- Alfred Kissinger geboren. Vater Louis unterrichtete Erdkunde und Geschichte am Gymnasium. Die Mutter, Tochter aus wohlhabender Familie, erzog die Kinder Heinz und Walter. Später erinnert sich Henry, wie er sich in Amerika nennt, an eine große Bibliothek, in der er schmökerte, wenn er nicht Fußball spielte, was er mit Hingabe tat, als Torwart oder im Mittelfeld.

Im Jahr 1923 stand Deutschland im Bann von Revolution und Gegenrevolution, vom Zusammenbruch der alten Ordnung und der instabilen neuen. Kissinger war kapp 10, als die Nazis an die Macht gerufen wurden, und 15, als seine Familie emigrierte. Seine Vorliebe für Metternich und das systematische Ordnungsdenken erklären sich biographisch aus diesem frühem Leid. Ein starker, zivilisierter, demokratischer Staat erschien ihm unabdingbar, um die Gesellschaft an Exzessen zu hindern, wie er sie erfahren hatte.

Das Exil für die Familie war Amerika. Für den hochbegabten, blitzschnell studierenden Jungen war es wie eine Traumlandschaft, in der ihm mehr gelang, als er sich vorgenommen hatte. Als Jude in Harvard eine Professur zu bekommen, war in den 1950er Jahren eigentlich nicht vorgesehen. Aber Dr. K., wie sie ihn nannten, war brillant und zog junge begabte Menschen wie ein Magnet an. Um die Teilnahme an seinen internationalen Sommerseminaren rissen sich die zukünftigen Professoren und Chefredakteure aus ganz Europa.

Dr. K. war ein Star. Er wollte nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart verstehen. In der Gegenwart standen sich zwei nuklear hochgerüstete Supermächte feindlich gegenüber und so befaßte er sich mit der Philosophie der Abschreckung zur Vermeidung wechselseitiger Vernichtung. Auch in Helmut Schmidt, seinem späteren Freund, fand er einen begierigen Leser.

Henry Kissinger dachte nicht nur über die Geschichte nach. Ihn drängte es, auch Geschichte zu machen. Wie sich zeigte, liebte er die Macht. Macht war für ihn ein Aphrodisiakum – als Bonmot gemeint, kam es der Wahrheit sehr

nahe. Auch ein demokratischer Staat war zu Exzessen fähig und dafür lieferte Dr. Kissinger als Nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten Richard Nixon ein abschreckendes Beispiel.

Nixon kam 1968 an die Macht. Kissinger, der ihn gerade noch verachtet hatte, wurde sein wichtigster Mitarbeiter mit ungewöhnlichen Befugnissen. 1968 hätte es vielleicht die Möglichkeit gegeben, den Vietnam-Krieg zu beenden. Aber das Duo dachte sich eine erstaunliche Logik aus: Um einen ehrenhaften Frieden zu ermöglich, sollte der Krieg eskaliert werden – mit B-52-Bombern, die nordvietnamesische Dörfer auslöschten; mit Napalm, einer Brandwaffe mit dem Hauptbestandteil Benzin, das Menschen wie Fackeln brennen ließ; mit der Ausweitung des Krieges auf das neutrale Kambodscha, ein Bruch mit dem Völkerrecht.

58 000 US-Soldaten starben in diesem Krieg. 3 Millionen Vietnamesen, darunter 2 Millionen Zivilisten, starben. Und wofür? Im geschichtlichen Ringen der freien Welt mit dem Kommunismus, so sahen es Nixon und Kissinger. Ihn ihrer Paranoia trauten die beiden China und Russland, die hinter Nordvietnam standen, die Welteroberung zu. Was für ein gigantischer Irrtum: Vom ersten asymmetrischen Krieg verstand weder der kluge Professor noch der verklemmte Präsident auch nur das Geringste. Deshalb mutet es wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass Dr. K., der den Krieg barbarisch verschärft hatte, für dessen Beendigung den Friedensnobelpreis 1973 erhielt.

100 Jahre ist Dr. K. heute. Er hat sie alle überlebt, seine Gegner, seine Feinde, auch seine Verächter, die ihn zum Beispiel für den Tod Salvador Allendes in Chile 1973 verantwortlich machten. Er ist noch immer neugierig, er reist durch die Welt, er ist gefragt. Im Herbst kommt er nach Deutschland; seine Heimatstadt will ihn zum 100. ehren. Vor kurzem veröffentlichte er wieder einen dicken Wälzer, den er „Staatskunst“ betitelte. Darin beschreibt und beurteilt er die Großen seiner Zeit, von de Gaulle über Adenauer bis zu Lee Kuan Yew, den Begründer Singapurs.

Dem „Economist“ gab er gerade ein Interview, in dem er dafür plädiert, die Ukraine in die Nato aufzunehmen. Der Grund ist interessant, denn ihm geht es nicht um den Schutz vor dem Aggressor Russland, sondern um den Schutz Europas vor Zumutungen, weil dann nämlich die eingebundene Ukraine keine territorialen Forderungen an Russland erheben kann, zum Beispiel auf Reannexion der Krim. Aus Sicht Kissingers sollte die Ukraine nämlich freiwillig auf die Halbinsel verzichten, denn wenn sie es nicht tue, entstehe ein Gleichgewicht der Unzufriedenheit mit inhärenter Instabilität.

Da ist es wieder, das Metternichsche Ordnungsdenken, dem immer auch Macchiavelli innewohnt, für den Moral keine Kategorie war. Dieses Denken passt in unsere Gegenwart, in Europa, im Nahen Osten und in Asien. Und noch immer liebt Dr. K. die Macht, auf die es ankommt. Auf Einladungen ins Weiße Haus ist er wie eh und je erpicht, egal wer dort residiert, Obama oder Trump oder Biden.

Wer 100 Jahre alt ist, hinter dem liegt viel. Was er war und wo er irrte, verliert an Schärfe. Aber an dem großen Vergessen kann einer historischen Persönlichkeit wie Henry Kissinger nicht gelegen sein. Es nähme ihm die Größe.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Endlich wieder der BVB

Wenn es mit einigermaßen rechten Dingen zugehen sollte, wird der BVB heute deutscher Meister und die Südwand explodiert vor Freude und Hingabe. Ich war am Tag, als der BVB zum letzten Mal Erster wurde, im Stadion. Es war der 29. April 2012, drittletzter Spieltag, der Club (Nürnberg) war zu Gast, es stand schnell 2:0 und dann hörte das Spiel auf dem Rasen so gut wie auf. Alles lauschte nach Köln, wo Leverkusen spielte und verlor und damit war der BVB deutscher Meister. Robert Lewandowski, ein aufblühender Mittelstürmer. und Kevin Großkreutz, Klopps Allzweckwaffe schossen die Tore. Zur Erinnerung die Aufstellung: Weidenfeller/Pisczek/Subotić/Hummels/Schmelzer/Bender/Götze/Großkreutz/Gündogan/Kagawa/Lewandowski.

Heute also wieder ein Heimspiel und der Konkurrent spielt wieder in Köln. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Spiele wieder so ausgingen wie vor 11 Jahren.

Mir geht es um etwas anderes. Heute sind die Bayern in der Krise, nicht alleine die Mannschaft, sondern der gesamte Verein, weil sie einen Trainer unter falschen Begründungen vom Hof gejagt haben und einen Trainer einstellten, der bald gemerkt hat: Huch, ich finde hier eine instabile Mannschaft vor, der es an Selbstbewusstsein, Moral und Kampfkraft mangelt. Thomas Tuchel ist der beste Beweis dafür, dass sich Brazzo und der Titan geirrt haben, als sie den Nagelsmann für die instabile Mannschaft verantwortlich machten und behaupteten, er hätte die Kabine verloren. Die Mannschaft ist das Problem gewesen und noch mehr zum Problem geworden, weil die Vereinsführung die Spieler überschätzte. Von wegen, bester Kader Europas! Ich hoffe, sie haben gesehen, wie ManCity Real im Rückspiel zerlegt hat. Das beste Spiel, das ich seit vielen Jahren gesehen habe.

Aus einem ähnlichen Grund blieb Borussia Dortmund jahrelang Stabilität versagt. Thomas Tuchel war ein junger, unbequemer Trainer. Er kam nach Klopp. Der BVB verlor vor Tuchels Amtsantritt die Achse Hummels/Gündogan/Mikhytarian. Einfach mal so, ohne adäquaten Ersatz. Dennoch schaffte der BVB nicht nur die Qualifikation für die Champions League, sondern wurde auch noch Pokalsieger. Nebenbei galt es, ein Attentat zu verkraften, was ja auch nicht so einfach ist. Die Mannschaft blieb unter diesem Trainer so intakt wie nur irgend möglich. Dennoch gefiel es Aki Watzke, den Trainer zu entlassen. Danach kamen Bosz/Stöger/Favre. Keine Stabilität im Verein. Die talentierte Mannschaft blieb unter ihrem Niveau, weshalb die Trainer gehen mussten. Dann durfte der junge Edin Terzić ran. Die Mannschaft qualifizierte sich für die Champions League und wurde Pokalsieger. Verdammt gut. Aber leider, leider hatte Aki Witzke längst schon Marco Rose verpflichtet.

Dass Tuchel inkompatibel mit Watzke war (geht ins Theater, spielt nicht Skat, ist einfach nicht Klopp), führte zu einem Fehler. Und Fehler in diesem Geschäft, in der die Psyche der Spieler mindestens so viel ausmacht wie die körperliche Ertüchtigung, haben Langzeitwirkung. Wäre Terzić nicht so ein grundtreuer und grundanständiger Trainer, hätte er eines der Angebote angenommen, die auf ihn eingeprasselt waren. So aber hatte Aki Watzke jemanden im Management, der den glücklosen Rose beerben konnte und wollte. Unverdientes Glück.

Terzić hat vieles richtig gemacht. Can (den ich nicht leiden kann, weil er gerne einen haarsträubenden Fehler pro Spiel macht) reaktiviert. Wolf zum Verteidiger gemacht. Einen meiner Lieblingsspieler, Guerrero, ins Mittelfeld gestellt. Adeyemi und Malen gestärkt. Haller Zeit gegeben. Reus zum Auswechselspieler überredet. Gute Trainer machen gute Spieler besser. Gute Trainer können eine Mannschaft zusammenstellen. Gute Trainer üben sich in Bescheidenheit.

Und gute Geschäftsführer wissen, wo sie warum geirrt haben.

Die Königin unserer Seelen

Die Königin ist tot. Lasst uns trauern und eine Scheibe auflegen oder eine CD reinschieben und dann tobt sie noch einmal über die Bühne, wie sie immer über die Bühne getobt ist, bis in ihr siebtes Lebensjahrzehnt hinein. Diese Explosion an Energie, diese kraftvolle Stimme, die wirbelnden Beine, die fliegenden Haare. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib. Sie gab immer alles und dafür liebte ihr Publikum sie bedingungslos.

Die Texte ihrer Lieder waren reines Leben, hartes Leben. „Private Dancer“ erzählt von einer Frau, die für Geld für geile Männer tanzt, die alle gleich aussehen und keinen Namen haben  – „du denkst an das Geld und du schaust die Wand an“, singt sie um Lakonik bemüht, aber eigentlich ist sie todtraurig. Auch „Proud Mary“ erzählt im Kern die Geschichte einer Frau, die miese Gelegenheitsjobs erledigt und erst die schönen Viertel der Stadt vom Fluss aus sieht, den sie im Dampfer herunterfährt.

Oder „Steamy Windows“: Angeschlagen sind die Fenster im Auto wegen der Körperhitze, die das Pärchen auf dem Rücksitz beim Sex erzeugt. Es ist, wie es ist, sie beschwert sich nicht. Der Mann, ihr Baby, hat kein Gesicht, keinen Namen. Nur seine Körperausdünstung ist erwähnenswert.

„Nice and easy“ ist in diesem Leben gar nichts, allenfalls „nice and rough“. Tina Turners Texte sind einem harten Leben abgerungen und natürlich singt sie Geschichten mit dem Erfahrungsschatz einer schwarzen Frau. 1939 ist sie in der Kleinstadt Brownsville geboren, im tiefsten Tennessee. Der Süden der Vereinigten Staaten vor 83 Jahren: Rassismus pur. Segregation in Schwarz und Weiß. Tina Turner war Mitte 20, als der Präsident, er hieß Lyndon B. Johnson, die Nationalgarde in den obstinaten Süden schickte, damit Frauen und Männer mit ihrer Hautfarbe in weiße Schulen gehen durften, im Bus nicht mehr hinten sitzen mussten usw.

Aus dieser bipolaren Welt rettete sie die Musik. Ein Mann namens Ike Turner hatte seit Jahren eine populäre Band und Anna Mae Bullock, das war Tinas Taufname, durfte zuerst Background singen und dann vorne am Mikrophon Leadsängerin sein. Aus zwei Autobiographien, die unter dem Namen Tina Turner erschienen, wissen wir zur Genüge über Ike Bescheid. Ein Schläger war er. Ein Tyrann.

Mit Ike & Tina Turner ist ein herrliches, bewegendes, aufwühlendes Lied untrennbar verbunden: River deep, mountain high. Die witzige Entstehungsgeschichte ist erzählenswert: Der Produzent Phil Specter, damals eine Größe in Los Angeles (und viele Jahre später als Mörder verurteilt) gab Ike 20 000 Doller, damit er dem Studio fern blieb. 5 Sitzungen brauchte es, 21 profilierte Studiomusiker machten mit, 21 Background-Sängerinnen halfen. Außerdem sprangen im Studio Dennis Hopper und Mick Jagger herum. Es wurde gemischt und gesampelt, bis einer der größten Songs der jüngeren Musikgeschichte auf Platte gepresst war.

Von da an ging es musikalisch bergauf mit Ike & Tina Turner. Sie wurden als Vorgruppe der Rolling Stones gebucht. Sie kamen in die Charts. Sie hatten Erfolg. Aber Tina war zu unglücklich, um den Triumph zu genießen. So unglücklich, dass sie 1976 die Steuerschulden des Gatten übernahm und sich scheiden ließ.

Nun war sie frei, 37 Jahre alt, hatte mehrere Kinder und musste wieder von ganz unten anfangen. Sie spielte vor wenigen Leuten in kleinen Klitschen. Ihre Alben verkauften sich schlecht. Andere wären daran zerbrochen. Frauen hatten es im Geschäft, das Männer beherrschten, ohnehin verdammt schwer. Tina Turner gab aber nicht auf. Und sie traf auf den Manager Roger Davies, der ihr Talent erkannte und aus ihr den umwerfenden Bühnenstar machte, die Königin unserer Seelen.

Erst einmal verschaffte ihr Davies Gastauftritte bei Tom Jones, Rod Stewart, David Bowie. Dann stand sie endlich auf ihrer eigenen Bühne. Knapp zehn Jahre hatte sie von unten nach ganz oben gebraucht. „What’s love got to do with it?“, singt sie jetzt, das Liebeslied einer Frau, die aus Erfahrung vorsichtig ist, denn „who needs a heart, when a heart can be broken“. Der Ton ist neu, die Geschichte ist anders, die Frau, von der Tina singt, denkt über die Liebe nach. Das Lied hat jetzt eine Metaebene. Tina Turner ist nun, eine Frau in ihren Vierzigern, auf dem Höhepunkt ihres Könnens.

Sie geht auf Touren. Füllt große Häuser, große Arenen. Sie geht ins Guiness’ Buch der Rekorde ein, als sie das Maracaña-Stadion in Rio mit 188 000 Zuschauern füllt. Fans hat sie weltweit. Ihre Platten und CD verkaufen sich. Sie trifft einen Mann, Erwin Bach aus Köln, Musikmanager ihrer Plattenfirma, 16 Jahre jünger, aber was soll’s.  In einer buddhistischen Zeremonie heiraten die beiden. Ein Musical über ihr Leben kommt heraus, von ihr autorisiert.

Sie lebt in der Schweiz, sie wird sogar Schweizerin. Aber die Krankheiten nehmen zu. Kurz nach der Hochzeit hat sie einen Schlaganfall. Sie ist nierenkrank; Erwin Bach lässt ihr seine Niere implantieren. An Auftritte ist nicht mehr zu denken.

Heute Abend ist sie gestorben. Wir denken an sie. An das Bühnengewitter! Die Alterslosigkeit! Ihre Stimme! An dieses Leben, das erst spät nicht mehr rough war. Sie bleibt die Königin aus Brownsville, eine große Kämpferin, vor der man sich nur verneigen kann.

Nachschub für den Fleischwolf

Bachmut ist gefallen. Bachmut ist nicht gefallen. Vielleicht fällt die Stadt, die nur noch eine einzige Ruine ist, in den nächsten Tagen, aber wer weiß das schon. 

Den Krieg politisch und/oder historisch einzuordnen, ist einigermaßen seriös möglich. Militärisch ernsthafte Prognosen zu fällen, ist dagegen verdammt schwierig. Bachmut ist erst zum Begriff geworden, seit dort tonnenweise gestorben wird. „Fleischwolf“ sagen die Experten dazu, ein grauenhafter Ausdruck, der aber leider der Wahrheit ziemlich nahe kommt. Bachmut, sagt man uns aber auch, sei strategisch von keinem besonderen Interesse. Warum also wird dort dermaßen erbittert gekämpft, als ginge es um viel mehr als nur um diese in Trümmer gelegte Stadt, in der im Frieden Salz gewonnen wird und vor kurzem noch 74 000 Menschen lebten und jetzt nur noch 5 000? 

Weil Russland unbedingt einen Erfolg braucht, egal was es an Menschenleben kostet, weil Menschenleben dem Kriegsherrn im Kreml  ohnehin gleichgültig sind. Weil damit der Weg nach Kramatorsk frei würde, die 160 000-Einwohner-Stadt, die allerdings gut gesichert sein soll. Was soll man da glauben?

Kriege sind Fleischwölfe. Kriege fressen ihre Kinder. Kriege kennen keine Moral. Kriegen unterscheiden nicht Wahrheit von Propaganda. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Russland an der Seite Baschar al-Assads steht, der seit vielen Jahren einen Krieg gegen seine eigenen Bürger führt. Ohne Russland und Iran wäre Assad längst irgendwo im Exil, so aber nahm ihn die Bruderschaft der arabischen Länder am Golf gerade wieder huldvoll in ihren Kreis auf. Seit 12 Jahren währt dieser Krieg, an dem noch die Türkei, Saudi-Arabien, Katar, die libanesische Hisbollah beteiligt sind und Israels Luftwaffe periodisch Angriffe fliegt.

Im März 2011 begann dieser Krieg. Jetzt neigt er sich dem Ende zu, weil sich die Interessen zweier Staaten verändert haben. Iran und Saudi-Arabien stellen ihre Feindschaft erst einmal ein. Und so könnte nebenbei auch der Krieg in Jemen ausklingen, woran neuerdings Saudi-Arabien gelegen ist.

Verglichen mit dem Nahen Osten ist der Krieg in der Ukraine überschaubar. Hier Russland, versorgt mit iranischen Drohnen und mit Belarus als zweitem Frontstaat. Dort die Ukraine, aufgerüstet vom Westen. Daraus folgt keineswegs, dass der Krieg nicht lange andauern wird. Russland sieht auf absehbare Zeit keinerlei Notwendigkeit, über ein Ende auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Wladimir Putin hat Geduld und kann noch viele neue Rekruten in den Fleischwolf schicken, in welcher Stadt auch immer der Fleischwolf stehen mag. Die Ukraine kämpft mit enormen Beharrungsvermögen um ihre Existenz als Staat. So schnell wird sich an dieser Grundkonstellation nichts ändern.

Wie viele Menschen in diesem Krieg schon gestorben sind, wie viele Kriegsversehrte es gibt, weiß niemand genau. Vielleicht haben die Geheimdienste in Amerika und England dank ihrer Satelliten so exakte Einblicke, wie sie nur haben können. Ansonsten sind Radio, Fernsehen und Zeitungen überall im Westen voller Mutmaßungen, ausgesprochen von militärischen Experten, von denen man den Eindruck gewinnt, dass gelegentlich die Meinung umgekehrt proportional zum verfügbaren Wissen ist. Journalisten sagen dazu: Kenntnis schwach, Stimme heben.

Von der bevorstehenden Offensive sagen die einen: Davon hängt vieles ab, womöglich das Ende des Krieges. Die anderen sagen. Die Offensive kann ja gar nicht die gesamte Front von 1 000 Kilometern Länge betreffen. Deshalb sind vielleicht Durchbrüche da und dort möglich, welche die Moral stärken, die aber nicht kriegsentscheidend sein werden. Beiderlei Prognosen sind schiere Glaubenssache. Ich schlage mich notorisch auf die Seite der Skeptiker.

Präsident Selenskij war auf Beutezug nach neuen Waffen in Berlin, Paris, London, Hiroshima. „Kampfjet-Allianz“ taufte er seinen Wunsch nach F-16-Jets aus amerikanischen Rüstungsfabriken. Die US-Luftwaffe wird nun ukrainische Piloten ausbilden, während europäische Verbündete, vorneweg Großbritannien und die Niederlande, das Allwetter-Mehrzweckkampfflugzeug liefern wollen. So schnell kommen die Jets allerdings nicht zum Einsatz. Die Frühjahrs-Offensive muss wohl noch ohne sie auskommen,

Militär-Experten sagen uns, dass die Gegenoffensive der Ukraine aus westlicher Sicht die lang ersehnte Entscheidung bringen muss. Warum? Weil der Angriff der letzte große Versuch sein dürfte, die territoriale Integrität der Ukraine wiederherzustellen. Und was, wenn der Versuch scheitert? Das wäre verhängnisvoll, heißt es, da im kommenden Jahr aus dem Westen keine Waffen in großer Zahl mehr geliefert werden könnten. Warum nicht? Weil ohne einen großen militärischen Erfolg der Glaube daran fehlen wird, dass die Ukraine irgendwann doch noch siegen könnte.

Tja, nicht ganz einfach, in dieser Kaskade der Vermutungen die Ruhe zu bewahren. Manchmal hilft am ehesten der gesunde Menschenverstand, der uns sagt, wir sollten die Ukraine nicht mit Erwartungen überfrachten. Denn die entscheidende Frage lautet: Kann es sich der Westen erlauben, die Ukraine fallen zu lassen? Die schlichte Antwort lautet: Kann er nicht.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

 „Der beste Treiber ist der eigene Geldbeutel“

Michael Geißler, 61, ist Geschäftsführer der Berliner Energieagentur und auch Vorstandsvorsitzender des Branchenverbandes. Seine Agentur berät Unternehmen und Privatleute darin, was sie auf dem Weg zur Klimaneutralität tun können. Privat ist Geißler ein überzeugter Anhänger von Alba Berlin.

t-online: Herr Geißler, welche Frage wird Ihnen momentan am häufigsten gestellt?

Geißler: Was kommt auf uns zu und welche Möglichkeiten haben wir? Denn die meisten Unternehmen und Gebäude-Eigentümer*innen wollen gerne in mehr Klimaschutz investieren. Jedoch treibt sie oft die Sorge, ob sie die Kosten am Ende nicht überfordern werden. Mit immer kürzeren Regelungsintervallen und -änderungen nimmt die Unsicherheit zwangsläufig zu und führt dann womöglich zu Verdruss und Resignation. Viele Menschen schreckt auch die Komplexität der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Förderung ab. Deshalb brauchen sie vor allem Planungs- und Investitionssicherheit.

65 Prozent an erneuerbarer Energie soll Pflicht werden, wahrscheinlich schon ab nächstem Jahr. Sind solche strikten Vorgaben eigentlich sinnvoll?

Es muss der Politik in erster Linie gelingen, die Bürger:innen vom Mehrwert der Energiewende zu überzeugen. Denn natürlich müssen wir alles daran setzen, von fossiler Energie wegzukommen. Die Extremwetter-Ereignisse der letzten Jahre machen mehr als deutlich, dass die Folgen des Klimawandels auch bei uns angekommen sind und uns die Zeit zum Handeln zwischen den Fingern verrinnt. Eine Verschiebung auf später macht am Ende alles nur noch viel teurer, auch für jeden Einzelnen.

Umgekehrt könnte man argumentieren, dass in den Privathaushalten eben zu wenig gegen den Klimawandel passiert, wenn nicht der Staat gesetzliche Vorschriften erlässt.

Für die Transformation zur Klimaneutralität braucht es selbstverständlich gesetzliche Regelungen, wie wir sie aus allen anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen und akzeptieren. Grundsätzlich sollte es dabei immer ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Fordern und Fördern geben. Der beste Treiber ist dabei meistens der eigene Geldbeutel.

Als Allheilmittel für den Klimawandel gilt die Wärmepumpe. Ist diese Konzentration verständlich?

Grundsätzlich sollten wir uns alle Optionen offenhalten. Denn wenn wir uns aus den Fesseln der fossilen Energie-Abhängigkeit befreien wollen, dann sind vor allem dezentrale Ansätze sinnvoll. Dazu kann die Wärmepumpe einen wichtigen Anteil leisten, wenn auch weniger in den Städten, da hier die Besiedlung dann doch zu dicht ist. Gleichzeitig müssen wir aber auch verstärkt auf Abwärmenutzung und auf Nah- und Fernwärmenetze setzen, die dann zukünftig erneuerbar versorgt werden müssen.

Nehmen wir an, in ein älteres Haus mit betagtem Gaskessel soll im Jahr 2024 eine Wärmepumpe eingebaut werden. Was muss der Besitzer beachten?

Wichtig ist, dass zunächst für Effizienz im Haus gesorgt wird – dass zum Beispiel das Verteilungssystem der Heizung gut eingestellt ist und auch die technischen Voraussetzungen für die Wärmepumpe erfüllt sind. Die einzelnen Bestandteile müssen dann aufeinander abgestimmt und richtig dimensioniert sein.

Wenn die Pumpe mit Luft arbeitet und es ist draußen kalt, wird die Pumpe zur Elektroheizung. Ein entscheidender Nachteil?

Entscheidend ist die Jahresarbeitszahl. Sie gibt an, wieviele Einheiten Wärme in einer Kilowattstunde Strom erzeugt werden können. Je mehr der Energiebedarf des Gebäudes bereits durch Sanierung gesenkt worden ist, desto besser kann die Wärmepumpe ihre Wirkung entfalten. Auch bei einer Außentemperatur von -12°C liefert die Wärmepumpe bei 50°C Vorlauftemperatur noch eine Arbeitszahl von über 2 – es wird doppelt so viel Wärme erzeugt wie beim Heizen mit Strom. In älteren Gebäuden ist das oft schwierig umzusetzen, daher wird sicherlich der Einsatz von Hybridheizungen sinnvoll sein – beispielsweise eine Gasbrennwertheizung in Kombination mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe. Dann kann die Gasheizung einspringen, wenn es draußen besonders kalt ist.

Gehört ein Garten zum besagten Haus, könnte die Wärmepumpe mit Erdwärme arbeiten. Wie groß muss ein Garten sein und wie tief sollten die Sonden liegen?

Üblich sind knapp 100 Meter tief gebohrte Erdsonden. In Berlin muss dafür ein Abstand von 10 Metern zu Sonden der Nachbarn eingehalten werden. Für rund 30 Kilowatt an Heizleistung benötigt man 6 Bohrungen in 100 Meter Tiefe, die auf einer Fläche von circa 400 Quadratmetern angebracht werden sollten. Ein gut gedämmtes Einfamilienhaus kommt hingegen mit 100 Quadratmetern aus.

Lohnt sich die Solaranlage als Ergänzung auf dem Dach?

Im Sommer sowie in den Übergangszeiten auf das Frühjahr und den Herbst lässt sich der Wärmebedarf mit zusätzlicher Photovoltaik decken. Daher würde ich empfehlen, das Dach für den Einsatz einer PV-Anlage prüfen zu lassen.

Das Gesetz heißt ja Gebäudeenergiegesetz. Es geht also nicht nur um den Keller, sondern um das ganze Haus. Wo überall kann ein Haus gedämmt werden – an der Fassade, an den Fenstern?

Man muss ein Gebäude als einen Gesamtorganismus verstehen, bei dem die einzelnen Teile zusammenspielen. Daher ist es immer richtig zu prüfen, was kann ich energetisch verbessern und vor allem in welcher Reihenfolge. Dabei kann ein individueller Sanierungsfahrplan helfen, der genau aufzeigt, in welchen Schritten man vorgehen kann, um sein Haus fit zu machen. Dann weiß man auch, ob es sinnvoll ist, die Fenster auszutauschen, die Kellerdecke zu dämmen oder sogar die Fassade. Dabei sollte man natürlich auch die staatliche Förderung im Auge behalten. Übrigens wird sogar die Beratung bei einem Sanierungsplan vom Gesetzgeber gefördert.

Experten unterbreiten den Vorschlag, nicht immer nur von einzelnen Gebäuden auszugehen, sondern ein Quartier zu sanieren, dessen Häuser zum Beispiel in kommunaler Hand sind. Überzeugt Sie diese Idee?

Das Quartier ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung der Wärmewende. Daher begrüße ich es sehr, dass der Bundesrat sich dafür ausgesprochen, diesen Ansatz im Gesetz zu verankern. Das fordern wir Agenturen übrigens schon seit vielen Jahren. Denn nicht jedes einzelne Gebäude und nicht jede Immobilie kann die Klimaziele alleine erreichen. Es

ist oftmals leichter und wirtschaftlicher, eine Lösung für eine Gruppe von Gebäuden zu finden.

Wer Fernwärme bezieht, ist fein heraus. Lässt sich das Netz unschwer ausbauen?

Der Ausbau hängt von örtlichen Gegebenheiten und dem zukünftigen Energiebedarf der Häuser ab. Ein Ausbau kostet natürlich Geld, daher ist eine genaue Planung wichtig – und hier sind wir beim Punkt der kommunalen Wärmeplanung. Sie muss und wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob wir die Wärmewende umfassend und vor allem sozialverträglich umsetzen können. Denn die kommunalen Wärmepläne zeigen auf der Grundlage von Bestands- und Potenzialanalysen, wie das Netz bestmöglich ausgebaut werden kann. Sie schaffen damit eine belastbare Grundlage für die Planung und geben Planungssicherheit für die an der Wärmewende beteiligten Akteure. In Baden-Württemberg zum Beispiel ist das jetzt schon Pflicht. Eine bundesweite Regelung, die bereits bestehende Länderregelungen berücksichtigt, wäre wichtig.

Horrende Zahlen über die Kosten der Gebäudesanierung schwirren umher. Der bayerische Ministerpräsident, der bekanntermaßen im Wahlkampfmodus steckt, hat behauptet, auf Hausbesitzer kämen Kosten in Höhe von 300 000 Euro zu. Ist das mehr als Angstmache?

Die aktuelle Diskussion hat einfach zu großer Verunsicherung geführt. Da wird sicherlich auch mit Zahlen hantiert, die unpräzise sind. Denn jedes Gebäude muss individuell betrachtet werden. Entscheidend ist, wie die Förderung zum Gebäudeeenergiegesetz ausfallen wird. Und dabei ist auf eine Staffelung nach Einkommen zu achten, die finanziell schwache Haushalte besser unterstützt als stärkere. Niemand sollte über Gebühr belastet werden.

Momentan gibt es eine Jagd nach Gas- und Erdölbrennern. Ist das ein Kollateralschaden der hastigen Ankündigungen aus dem Wirtschaftsministerium?

Das ist eine Reaktion, wie sie oft im Zuge neuer Gesetze zu beobachten ist. Die Menschen wollen in erster Linie Planungssicherheit. Ihnen liegt daran, abschätzen zu können, welche Belastungen auf sie zukommen. Das geht beim Altbewährten oft einfacher als beim noch neuen Unbekannten. Vor diesem Hintergrund sehen viele Menschen den Einbau einer neuen fossilen Heizungsanlage als vermutlich sicheren Weg. Angesichts der perspektivisch steigenden Kosten für fossile Energie und der anwachsenden CO2-Preise

sind solche Vorsichtsmaßnahmen jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn steigt der CO2-Preis – wie von vielen Experten erwartet – auf über 100 Euro pro Tonne in den nächsten Jahren, dann kann es sein, dass über die Laufzeit einer neuen fossilen Heizung von 20 bis 25 Jahren eine fünfstellige Summe zusammen kommt. Solche Schnellkäufe sind eben ein Beleg dafür, dass wir mehr Zeit und Aufklärung benötigen.

Wenn in einigen Jahren Millionen Wärmepumpen laufen, viele Elektroautos fahren und die Industrie hohen Bedarf an grünem Strom hat, so dass dann ungefähr die vierfache Menge an Strom gebraucht wird: Muss dann der Stromverbrauch reguliert werden?

Sicher ist, dass der Strombedarf stark zunehmen wird. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien von derzeit knapp 240 Terrawattstunden auf 600 im Jahr 2030 gesteigert werden muss. Das setzt einen massiven Ausbau und vor allem einen effektiveren Einsatz voraus. Hierfür müssen zum Beispiel intelligente Steuerungssysteme die Voraussetzungen schaffen. Denn es geht vor allem um Steuerung, nicht um Regulierung. Dafür brauchen wir neben Speichern vor allem ein besseres Management, das auf die erneuerbaren Potentiale abgestimmt ist.

Also könnte eventuell dann vorgeschrieben werden, dass E-Autos nur nachts aufladen dürfen und Waschmaschinen, Trockner, Spülmaschinen nur zwischen 10 und 16 Uhr laufen dürfen?

Mit dem vor Kurzem verabschiedeten Gesetz zur Beschleunigung der Di- gitalisierung der Energiewende ist man hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen. Wir brauchen in der Breite intelligente Mess- und Steuerungselemente für unsere Strom- und Wärmeversorgung, die es einfach und unkompliziert ermöglicht, flexible Stromtarife zu nutzen. Bei den hohen Strommengen ist das unbedingt wichtig. Ich glaube nicht, dass man dann Strom nur zu bestimmten Zeiten nutzen darf, sondern dass über die variablen Strompreise die Nutzer*innen den für sie passenderen Tarif wählen werden.

An Robert Habecks Gesetzesvorlagen irritiert die Eindimensionalität. Dabei könnte die Lehre aus der einseitigen Abhängigkeit von russischem Gas sein, dass Optionen besser sind. Lassen Sie uns einige durchgehen. Ist Biogas eine Alternative?

Wir werden nur vorwärts kommen, wenn wir alle Optionen im Blick behalten. Das betrifft alle erneuerbaren Ansätze, also auch Holz, Biomasse und klimaneutrale Gase. Dafür muss das Gesetz Möglichkeiten eröffnen, denn

gerade im ländlichen Raum kann darin eine Alternative beim gleichzeitigen Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten liegen.

Solarthermie, aus der Wärme entsteht, lässt sich sogar speichern. Warum ist davon so wenig die Rede?

Zu den Optionen gehört auch ein breiter Einsatz der Solarthermie, idealerweise ebenfalls im Quartier und vor allem zur Nutzung für die Erzeugung von Warmwasser. Die Solarthermie reduziert im Sommer den Energiebedarf für die Warmwassererzeugung und kann im Winter die Wärmeerzeugung effektiv unterstützen. Hierfür gibt es schon viele gute Beispiele aus der Praxis wie in Freiburg, wo im Quartier Gutleutmatten 500 Wohneinheiten, bestehend aus 39 Mehrfamilien- und zehn Reihenhäusern mit rund 1.300 Personen, von der nachhaltigen Energieversorgung profitieren.

Oder die Abwärme vom Warmwasser, das jetzt in der Kanalisation verschwindet. Wie ließe sich die Abwärme besser verwerten?

Auch hier kann der Quartiersansatz eine entscheidende Rolle spielen, denn es ist oft praktikabler, die Abwärme im unmittelbaren Umfeld direkt zu nutzen. Dabei geht es um sämtliche Formen der Abwärme, die etwa auch bei Produktionsprozessen anfällt. Die Wärme aus einem Rechenzentrum kann dann direkt für das Heizen der umliegenden Wohngebäude genutzt werden. Diese Potentiale sind riesig. In Frankfurt am Main gibt es zum Beispiel rund 60 Rechenzentren, die zusammen 1,6 Terrawattstunden Strom verbrauchen. Bei einer kompletten Nutzung der Abwärme bis 2030 können rein rechnerisch sämtliche Wohn- und Büroräume der Mainmetropole CO2- neutral geheizt werden. Auch in Berlin sind wir hier bereits intensiv unterwegs, denn hier kann die Abwasserwärme langfristig einen Beitrag von bis zu 5 Prozent des gesamten Wärmebedarfes decken.

Schließlich Wasserstoff. Ab wann könnte darin eine Alternative liegen?

Das kann heute niemand seriös sagen. Die Produktion von Wasserstoff ist aktuell noch sehr kostspielig und wird es auch in den kommenden Jahren bleiben. Zugleich ist es nach wie vor fraglich, wie groß die tatsächlich produzierbaren Mengen dann sein werden. Perspektivisch sehe ich eher die Schwerindustrie als Abnehmer. Wir sollten daher nicht allein auf denkbare Lösungen setzen, die wohl, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren in Frage kommen. Wir müssen jetzt direkt ins Umsetzen kommen. Energieeffizienz und Energieeinsparung sind das beste Mittel zum Zweck.

Herr Geissler, danke für das Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, am Sonntag.

Vorbereitungen für das große Sterben

Vielleicht wird man später einmal sagen, dass dieser Krieg in der Ukraine Anfang Mai in einer ungewöhnlichen Phase steckte. Dazu tragen ein paar Ereignisse bei, die sich in Russland abspielen.

Drohnen wurden auf den Kreml abgefeuert – genauer gesagt, sollen auf Wladimir Putins Heiligtum abgefeuert worden sein, denn die Quelle der Behauptung ist russisch. Wilde Flüche spien daraufhin die Propagandisten im Fernsehen und forderten mal wieder dazu auf, Selenskyi umzubringen. Na ja, das wollen sie schon lange, eigentlich von Anfang an, ist also nichts Neues und gelingt ihnen hoffentlich auch nicht. Was aber  am Echo auf  diesen seltsamen Vorfall auffällt, ist eine merkwürdige Nervosität, die bis in höchste Ränge hinein zu reichen scheint. Und dazu wird die Ukraine neuerdings ernst genommen, so ernst, dass man ihr das Beschießen des Kreml mit Drohnen zutraut. 

Jewgenij Prigoschin ist ein russischer Oligarch, der die Wagner Gruppe finanziert und steuert. Bemerkenswert häufig meldet er sich mit exzentrischen Kommentaren zu den Ereignissen des Krieges zu Wort. Weil der Blutzoll hoch ist und die Ausrüstung schlecht, drohte er  damit, seine Soldateska aus Bachmut herauszuziehen. Davon ist er jedoch wieder abgerückt, da ihm Nachschub an Munition und Gerät samt Flankenschutz zugesagt worden sei, wie er behauptet. Erwähnenswert ist das Geplänkel, weil Prigoschin militärische Probleme unverblümt anspricht. Er nimmt sich Freimut heraus und kritisiert die russische Militärführung. Was sagt eigentlich Putin dazu?

Indes bereitet das ukrainische Militär die Offensive im Süden und Südosten vor, von der schon seit geraumer Zeit die Rede ist. Es dauert, weil der April verregnet war und die Wege daher verschlammt sind. Erst wenn die Frühlingssonne  für Trockenheit gesorgt hat, kann es los gehen. Bis zu 100 000 Soldaten sollen in die Gefechte ziehen. Die westlichen Partner haben, wie es heißt, so ziemlich alle versprochenen Waffen und Munition geliefert. Dazu gehören, so sagt es der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, 230 Panzer und 1 550 gepanzerte Feuerzeuge. Darunter sind auch 18 Leopard-2-Panzer aus Deutschland.

So viel man weiß, hat die russische Armee an möglichen Angriffspunkten Panzergräben und Schützengräben ausgehoben und Artilleriestellungen aufgebaut. Vor allem die Landbrücke auf die Krim ist eminent geschützt. Für die Vorsichtsmaßnahme gibt es Gründe. Ukrainische Drohnen hatten Treibstofftanks auf der Halbinsel in Brand gesetzt und angeblich einen Raketentransport auf Bahngleisen teilweise zerstört. Die Befreiung der Krim gehört zu den ukrainischen Kriegszielen.

Es ist alles gerichtet für den Start der Offensive, die ein großes Sterben auslösen wird. Leid und Kummer sind die unvermeidlichen Begleiter auch gerechter Kriege, denn in diese Kategorie gehört der Kampf der Ukraine um ihre Existenz als Staat. Wie viele Soldaten auf beiden Seiten schon gestorben sind, weiß niemand im Westen ganz genau. Die Zahlen sind  manipuliert und damit entweder übertrieben oder untertrieben. Vermutlich werden die Toten in der Ukraine auch nach dem Krieg in ehrenvoller Erinnerung bleiben. Und die Toten in Russland?

Heute ist es 78 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation gegenüber England und Amerika endete. Tags darauf holte die Sowjetunion die Unterzeichnung in Karlshorst nach. Die Siegesparade in Moskau findet morgen wiederum ohne ausländische Gäste statt und anscheinend mit weniger militärischem Gepränge als sonst üblich. Natürlich wird Wladimir Putin eine Rede halten und überall auf der Welt aufmerksame Zuhörer finden.

Am Ende dieser Woche will Wolodymyr Selenskyi in Deutschland sein. Ein schwatzhafter Berliner Polizist hat es jedoch der „B.Z.“ verraten; nach ihm wird nun intern gefahndet. Der ukrainische Präsident möchte kurz in Berlin vorbeischauen und dann in Aachen den Karlspreis entgegennehmen. Der Bundeskanzler hat ihn eingeladen. Ich nehme an, er wird kommen, sonst wäre es ein Treppenwitz, dass ein Berliner Polizist die Reise sabotieren konnte.

Der Krieg geht weiter. Das große Sterben geht weiter. Die Unsicherheit nimmt zu, sogar in Moskau, das offenbart sich in diesem Mai, in dem die Ukraine eine Offensive vorbereitet, von der sie sich viel erhofft.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wie eine Selbstauslöschung

Felix Schmidt , 89, gehörte zu den herausragenden Journalisten seiner Generation. Er war Ressortleiter beim „Spiegel“ und Programmdirektor beim SWR gewesen, bevor er einer von drei Chefredakteuren beim „Stern“ wurde. Er musste für die gefälschten Hitler-Tagebücher geradestehen, obwohl der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr im Glauben an eine Weltsensation den Rechercheur Gerd Heidemann mit Millionen für die Beschaffung der 62 Kladden versorgt hatte. Schmidt und Heidemann,91, sind die letzten Überleben der Katastrophe, die den „Stern“ um seinen Ruf brachte.

t-online: Vor 40 Jahren, am 28. April 1983, erschien der „Stern“ mit dem sensationellen Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Sie waren damals einer von drei Chefredakteuren. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an diese Tage denken, als Ihr Blatt die Welt in ungläubiges Staunen versetzte?

Schmidt: Ich habe mitgestaunt und gehofft, dass alles gut geht. Denn in Wahrheit hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache, hatte aber nicht den Mut Zweifel zu äußern. Die immer wieder übermäßig bekundete Gewissheit der Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen in die Echtheit der Tagebücher ließ keine Zweifel mehr zu.

Und die unfassbare Schmach, als sich herausstellte: 62 Kladden mit schwarzer Tinte – gefälscht?

Meinem Freund Thomas Schröder habe ich kurz vor Drucklegung der Tagebücher meine Zweifel mit dem Satz anvertraut: „Wenn wir einer Fälschung aufgesessen sind, ist die tiefste Stelle der Alster nicht tief genug uns aufzunehmen“. Als die Tagesschau am Samstag, dem 7. Mai, den Rücktritt der beiden Chefredakteure Koch und Schmidt meldete, klang das in meinen Ohren wie eine Selbstauslöschung.

Skurril war ja, dass Gerd Heidemann an der Chefredaktion vorbei mit dem Verlag den Ankauf der Tagebücher abgesprochen hatte. Sie und Ihre beiden Kollegen wurden erst nach geraumer Zeit eingeweiht. Das muss Sie doch fürchterlich geärgert haben.

Ich wollte zurücktreten, aber mein Co-Chefredakteur Peter Koch bat mich um der Loyalität willen zu bleiben. Er sagte: „Wenn die Sache für den ‚Stern‘ ein Erfolg wird, dann ist doch gleichgültig wie wir dazu gekommen sind.“

War der kollektive Wahn, die tollste Geschichte auf dem Erdkreis zu haben, so stark, dass auch Sie Heidemann auf den Leim gingen?

 Offensichtlich ja.

Heidemann bekam die Tagebücher angeblich über einen General der DDR-Volksarmee auf abenteuerlichen Wegen, versteckt in transportierten Klavieren für den Westen. Warum glaubte die gesamte „Stern“-Führung diese wilde Geschichte?

Die Fundgeschichte in der DDR-Gemeinde Börnersdorf, wo im April 1945 tatsächlich ein Flugzeug mit Gegenständen aus dem Besitz Hitlers, darunter angeblich die Tagebücher, auf dem Weg nach Salzburg abgestürzt war, klang glaubwürdig. Denn der Absturz ist nachprüfbar richtig. Die Tagebücher und den Volksarmee-General, der die von Bauern aus den Trümmern geborgenen Kladden im Verwahr habe, wurde von Heidemann in die Geschichte hineingeschmuggelt. Ich kann seinen Namen nicht nennen, sagte Heidemann immer wieder, denn der Mann ist doch hochgefährdet, wenn ich mehr über ihn preisgebe, dann fliegt alles auf. Das war immer schon die Methode Heidemann, seine Stories zu verkaufen. Ein Teil war wahr, ein anderer dazu fantasiert.

Waren Sie zu vertrauensselig? Haben Sie gedacht, wer so viele Millionen ausgibt, wird schon für hinreichende Prüfung sorgen?

Ich habe mich nicht dem Argument verschlossen, dass der Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr doch erst nach reiflicher Prüfung einem derart riskanten und teuren Ankauf der Tagebücher zugestimmt habe.

Waren Sie informiert darüber, mit welchen Schrift- und Papiersachverständigen und welchen Historikern der „Stern“ die Tagebücher prüfen ließ? 

Peter Koch war der für Politik und Zeitgeschichte zuständige Chefredakteur, ich war für Unterhaltung und Kultur im weitesten Sinne verantwortlich. Im Groben war ich jedoch über die überaus positiven Ergebnisse der einzelnen Prüfungen der Tagebücher informiert. In der „heißen Phase“ war es Koch, der das Verfahren dann bestimmte.

Ihr Kollege Peter Koch, ein studierter Historiker, riss die Geschichte an sich, reiste nach Amerika für die Weltrechte und trat in der berühmten Pressekonferenz als omnipotenter Mr. „Stern“ auf. Wie war Ihre Rolle in diesem Prozess, der sich über zweieinhalb Jahre zog? 

Zum Prozess gegen Kujau und Heidemann wurde ich als Zeuge nicht zugelassen. Das Gericht glaubte, mich meinem Anwalt gegenüber als „kleines Licht in der Angelegenheit Hitler-Tagebücher“ einstufen zu müssen. 

Pünktlich zum 40. Jubiläum erschien eine dreiteilige Dokumentation des SWR, in der Gerd Heidemann im Mittelpunk steht, der Mann, der 9,3 Millionen Mark für die Fälschungen ausgab. Erklären Sie uns diesen Mann in seiner Sonderrolle im „Stern“.

Heidemann, der einst ein Star beim „Stern“ war, ist für die Hitler-Tagebuch-Geschichte kräftig geprügelt und wegen Betrugs verurteilt worden. Ich habe keinen Anlass die Keule erneut herauszuholen. Nur soviel:  Dem Bekunden seines Ressortleiters Thomas Walde zufolge, hatte Heidemann Angst, mit einem höllischen Gelächter abgefertigt zu werden, wenn er mit so einer brisanten Nazi-Geschichte bei den Chefredakteuren auftauche.

Heidemann weigerte sich beharrlich, den Namen seines Kontaktmannes zu nennen. Das ist ungewöhnlich, im Normalfall erfährt zumindest die Chefredaktion, wer die Quelle ist. Warum musste er den Namen Ihnen nicht herausrücken?

Heidemann hat immer wieder bekundet, dass er Menschenleben in Gefahr bringe, wenn er Namen nennen würde. Das wiederholte er auch immer wieder, bis er unter dem Druck der aufgedeckten Fälschung am Samstag, dem  7.Mai, um fünf Uhr morgens mit dem Namen des Fälschers herausrückte: Dr. Konrad Fischer aus Bietigheim-Bissingen. Nach drei Stunden haben wir herausbekommen, dass Dr. Fischer identisch ist mit Konrad Kujau. Später wird zutage gefördert, dass Thomas Walde den Namen Fischer frühzeitig gekannt hat.

Was ein Welterfolg werden sollte, entpuppte sich als Räuberpistole. Wie lange hat es gedauert, bis Sie nicht mehr auf die Selbsthypnose einer ganzen Gruppe von Führungsfiguren unter dem Einfluss eines Rechercheurs mit Nazi-Sentimentalität angesprochen wurden?

Wie dieses Interview zeigt: bis auf den heutigen Tag. Diese Geschichte hängt den Beteiligten ein Leben lang an. Die meisten von ihnen haben den Vorzug, schon tot zu sein.

Die Verlagsführung trug eigentlich die Verantwortung, weil sie die Hitler-Tagebücher zur geheimen Kommandosache erklärt hatte. Aber keiner aus diesem Kreis verlor seinen Job, wohl aber die Chefredakteure, also auch Sie. Löst das in Ihnen heute noch Bitterkeit aus?

 Ja. Über m

ich. Noch wenige Stunden vorher hatte ich in einem selbsthypnotischen Anfall in einer Konferenz verkündet: „Ich war nie sicherer, dass die Tagebücher echt sind.“ Wenn ich auf diese Worte angesprochen werde, möchte ich so schnell wie möglich im Boden versinken.

In der Dokumentation ist immer wieder Gerd Heidemann, 91, in seinem Archiv inmitten von Nazi-Memorabilia zu sehen. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf? 

Was für ein großartiger Museumswärter!

Am 28. April 1983 erschien der „Stern“ in einer Auflage von 2,4 Millionen mit einer Geschichte, in die er 9,3 Millionen Mark investiert hatte. Es waren die goldenen Zeiten des „Stern“, der danach abstürzte. Lässt sich heute jüngeren Menschen erklären, was sich damals ereignete?

Ich kann es nicht. Denn ich müsste erklären, wie leicht Wahn, Mystifikation und Geld die Vernunft erwachsener, halbwegs gebildeter Menschen außer Kraft gesetzt hat. Und ich müsste über meine unverzeihliche Mutlosigkeit gegenüber übergriffigen Vorgesetzten sprechen.

Herr Schmidt, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.