Ein einziger Weckruf

In der Ukraine ist Frieden momentan keine Option. Im Nahen Osten bemüht man sich zwar um Feuerpausen, die aber an der Hamas wie an Israel abprallen. Wie lange noch?

In Amerika haben sie Berechnungen darüber angestellt, wie viele Zivilisten im Gaza innerhalb des nächsten halben Jahres sterben werden, wenn der Krieg in dem Maße weitergehen sollte wie heute. Die Schätzungen belaufen sich auf eine Zahl zwischen 58 260 und 66 720. Nimmt der Krieg an Intensität wieder zu, sterben zwischen 74 290 und 83 750 Menschen.

Natürlich können Zahlen gar nicht ermessen, was der Tod bedeutet.  Aber Zahlen kennzeichnen inzwischen diesen Krieg. Anfangs sollte die Hamas eliminiert werden, was politisch bedeutet, dass sie den Gaza nicht mehr „regieren“ darf – dass sie Waffen unterirdisch hortet, um sie dann wie am 7.Oktober und seither einzusetzen. Daraus ist jedoch ein Krieg gegen Zivilisten geworden und alle Appelle aus den Regierungszentralen und der Uno, doch bitteschön Rücksicht zu nehmen, verhallen ungehört.

Die israelischen Streitkräfte haben die Menschen im Gaza wie eine Viehherde erst dahin und dann dorthin gescheucht. Sie hungern sie aus. Sie schalten Strom und Wasser nach Belieben aus. Den Krankenhäusern fehlt es längst an allem. Auch dieser Krieg ist ein schreckliches Beispiel für den Verlust an Humanität. 

Wie viele Soldaten im Krieg Russlands gegen die Ukraine ums Leben gekommen sind, wird wie ein Geheimnis gehütet. Einigermaßen verlässlich scheinen diese Zahlen zu sein: 120 000  russische und 75 000 ukrainische Soldaten sind in den vergangenen zwei Jahren gestorben. Die Zahl der Verletzten summiert sich angeblich hier auf 400 000 , dort auf 200 000. Dazu kommen 10 000 Zivilisten, gestorben bei Luftangriffen und gemordet in Bachmut oder Cherson.

Zwei Kriege, zweimal Tod, zweimal Leid und egal, wie lange sie andauern, nimmt der Hass nur zu. Die Gebiete liegen weit auseinander, schon wahr, und jeder Krieg hat seine eigene Logik. Aber auch die Gemeinsamkeiten stechen ins Auge: keine Aussicht auf Frieden; Zivilisten als Opfer von Tod, Entführung, Folter, Vergewaltigung; Zerstörung der Infrastruktur; ideologisch ein Krieg gegen den Westen; und Europa ist jeweils mittendrin.

Der renommierte britische Historiker Timothy Garton Ash, ein wahrhaft überzeugter Europäer, führte auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein Experiment durch. Er fragte nach den Kriegsparteien in der Ukraine. Verblüffung erntete er, wenn er seine Meinung kundtat, dass Europa mitten drin steckt.

Stimmt ja auch. Deutschland ist der zweitgrößte Unterstützer militärisch und für den Wiederaufbau. Dänemark liefert, was es an Munition und Kriegsgerät besitzt. Holland und Großbritannien sind alles andere als zurückhaltend, Frankreich, auch wahr, redet mehr als es liefert. Amerikas nächstes milliardenschweres Hilfspaket ist aus innenpolitischen Gründen blockiert. Ohne Amerika mangelt es aber gewaltig an Nachschub, weil die europäische Rüstungsindustrie eher auf dem Papier existiert.

Europa hat jeden Grund, der Ukraine zu helfen, auch aus Eigeninteresse. Welches Land kommt als nächstes dran? Putin spielt auf Zeit. Der Ukraine fehlt es an Munition, schweren Waffen, an Soldaten und mittlerweile auch an der Hoffnung auf den Sieg, nachdem die letzte große Offensive keinen Durchbruch erbracht hatte.

In der Ukraine wie im Nahen Osten steht die Reputation des Westens auf dem Spiel. Putin rechtfertigt den Krieg als Gegenwehr gegen den dekadenten Westen, der Russland angeblich nach 1989 betrogen hat. Der Iran, der wahre Gegenspieler Israels, rechtfertigt den Krieg als Befreiung von der Hegemonialmacht USA, der die Existenz Israels garantiert.

Europa fällt im Nahen Osten eine andere Rolle zu als in der Ukraine. Europa arbeitet sich wie die USA daran ab, Ideen für einen Frieden  zu entwickeln, der dieser Region nach dem Gaza-Krieg mehr Stabilität gewähren kann. Dort ist Europa Kriegspartei, hier Friedenspartei.

Europa ist keine Macht aus eigenem Recht. Amerika ist zwar nicht alles, aber ohne Amerika ist so gut wie alles nichts, sowohl in der Ukraine als auch im Nahen Osten. Dass die Abhängigkeit ein unguter Zustand ist, lässt sich nicht länger leugnen, zumal sich Amerika schon seit Barack Obama dem Fernen Osten zuwenden will – der Rivalität mit China, militärisch, politisch und kulturell.

So lassen sich beide Kriege als ein einziger großer Weckruf verstehen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Je länger sie anhalten, desto mehr Zeit bleibt, endlich die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. 

Zu Beginn des Fastenmonats Ramadan will Israel die länger schon angekündigte Offensive gegen Rafah starten. Die Menschen dort leben in Zeltstädten, da ihre Häuser entweder nur noch Ruinen sind oder sie ihre zerstörten Behausungen im Norden aufgaben, als sie gezwungen waren, in den Süden zu fliehen. Dass eine humanitäre Katastrophe droht, ist fast schon ein müder Allgemeinplatz. Sie droht nicht, sie ist längst da.

In Paris verhandeln die Chefs der Geheimdienste aus der Region ziemlich lange schon über eine Feuerpause für einen Gefangenenaustausch. Benjamin Netanjahu lehnt die Zwei-Staaten-Lösung, die ohnehin nur auf lange Sicht möglich wäre, mit aller Entschiedenheit ab. Man muss ihm zutrauen, dass er nach Gaza militärisch gegen die Hisbollah im Libanon vorgeht. Der Premierminister erweist sich als Problem, weil ihm, wäre der Krieg vorbei, Amtsenthebung bevorstünde.

Auch in der Ukraine ist keine Aussicht auf Frieden. Nach zwei Jahren der Selbstbehauptung unter hohen Opfern käme ein Status-Quo-Friede aus ukrainischer Sicht einer Niederlage gleich. Wladimir Putin hat nicht nur die stärkeren Bataillone, er schert sich auch nicht um die Legionen an Toten. Seine Armee erscheint jetzt besser sortiert und sogar in der Lage, unter hohen Verlusten verlorenes Gebiet zurückzuerobern. Und natürlich hofft Putin auf die Wiederkehr Donald Trumps, dem weder die Ukraine noch die Nato noch Europa einen Pfifferling wert sind.

So geht das große Sterben, das erbarmungswürdige Leiden in der Ukraine und im Gaza weiter. Keine Aussicht nirgends, dass dem Irrsinn Einhalt geboten werden kann.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Zwei Brüder im Geiste

Was Putin schon ist, will Trump bald werden: ein Autokrat, der sein Land nach seinem Willen umformt und seine Macht mit dem Militär absichert.

Welches Land ist für die Welt am gefährlichsten? Auf lange Sicht ist es China. Der neue Mao Xi Jinping erhebt Machtanspruch auf Taiwan und auf Inseln im südchinesischen Meer – auf die Beherrschung des Erdballs in ein paar Jahrzehnten, militärisch und politisch.

Auf kurze Sicht aber gibt es zwei andere Brandstifter, die Unheil über die Welt bringen können und wollen. Amerika und Russland, genauer gesagt Donald Trump und Wladimir Putin. Sie sind wie zwei Brüder im Geiste.

Wozu Putin fähig ist, wissen wir inzwischen, nachdem wir es lange nicht hatten glauben wollen. Wie ein Mafia-Boss erteilte er Auftragsmorde auf fremden Schauplätzen, in London wie Berlin. Auf heimischem Boden ließ er Journalisten umbringen, Oppositionelle weg sperren. Ein erschreckendes Beispiel ist Alexej Nawalny, der unter Umständen gestorben ist, die nicht ans Tageslicht kommen sollen; sonst würde der Leichnam den Angehörigen übergeben. 

In der alten Zeit beschrieb Alexander Solschenizyn den „Archipel Gulag“. Gemeint war das Lagersystem als eine über die ganze Sowjetunion verteilte Inselwelt der Unterdrückung und Entmenschlichung. Die heute herrschenden Verhältnisse sind nicht weit davon entfernt.

Das Echo draußen in der Welt interessierte die Herrscher damals genauso wenig wie Putin heute. Er radikalisiert sich von Jahr zu Jahr. Im Oktober wird er 72. Ihm bleibt nicht viel Zeit für die Ordnung der Dinge, wie er sie für geboten hält. Er ist in Eile. Die Welt muss ihn mehr denn je fürchten.

Den Krieg in der Ukraine wird Putin wohl nicht verlieren, so sieht es jetzt aus. Vielleicht gewinnt er ihn auch nicht, aber illusionslos betrachtet, wachsen seine Chancen auf Grund des beliebig großen Nachschubs an Soldaten und wegen der Blockade der Waffenhilfe im Kongress der USA. Die zweite Präsidentschaft Donald Trumps wäre eine Katastrophe für die Ukraine, so viel ist klar.

Putin denkt offensichtlich nicht daran, sich mit der Ukraine zu begnügen. Dass er eine Premierministerin für vogelfrei erklärt, ist seit Hitlers Zeiten in Europa nicht mehr vorgekommen. Putin ließ Kaja Kallas, die estnische Regierungschefin, zur Fahndung ausschreiben, weil sie sowjetische Ehrenmale zerstört habe. Gibt es noch eine Steigerung?

Putin ist ein Revisionist, ein Revanchist. Er will das sowjetische Imperium wiederherstellen; die Gebietsverluste nach 1989 nannte er die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Tschetschenien, das sich absentieren wollte, blieb kraft ungeheurer Brutalität innerhalb der Einflußsphäre des Kreml. Georgien hinderte Putin per Krieg am Weg in den Westen. Und in den baltischen Staaten gibt es russischsprachige Minderheiten, die Putin als Opfer der Nato hinstellen kann, sobald er intervenieren möchte.

Kein Wunder, dass sich Historiker an die 1930er Jahre erinnert fühlen. Damals trieb Deutschland ohne Rücksicht auf die Weltmeinung Revanchismus. Hitler zum Beispiel stellte die Sudetendeutschen als Opfer der Tschechoslowakei dar, ehe er die Wehrmacht einmarschieren ließ und auch Österreich „heim ins Reich“ holte. Beides war das Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg. Ist es übertrieben, Putin als Hitler unserer Zeit zu verstehen?

Donald Trump ist der andere Brandstifter. Ihm ist es eine Genugtuung, Konflikte zu schüren und Menschen wie Länder aufeinander zu hetzen. Die Nato? Ein Haufen von Parasiten, welche die USA ausbeuten. Die Konsequenz? Putin soll sich nehmen, was er verdammt noch mal haben will.

Inzwischen haben wir gequält gelernt, Gesagtes und Geschriebenes ernst zu nehmen. Für den Fall seiner Wiederwahl ließ Trump „Project 2025“ ausarbeiten, einen Plan zur Transformation der USA nach seiner Amtseinführung am 20. Januar 2025.

Zehntausende Trump-Getreuer sollen schon rekrutiert worden sein. Sie könnten an die Stelle der Bundesbeamten in den Ministerien oder Geheimdiensten treten. Der „tiefe Staat“, von dem Rechte aller Nationen fabulieren, soll durch einen Trump-Staat ersetzt werden. Die Übernahme werde gleich nach dem Einzug ins Weiße Haus stattfinden, steht im Logbuch der Machtergreifung.

Autokraten wie Putin und Trump meinen, was sie sagen. Deshalb sollten wir auch das „Project 2025“ als Planspiel einer konservativen Revolution ernst nehmen. Es geht darum, das traditionelle System der Gewaltenteilung zu eliminieren und dem Präsidenten absolute Macht über die Exekutive zu verschaffen.

Um die Gewichte zu verschieben, soll zum Beispiel das Justizministerium minimiert werden. Es führt als Hüterin des Rechtsstaates ein gewisses Eigenleben, weshalb es dem Präsidenten in den Arm fallen kann. Außerdem untersteht diesem Ministerium der einheimische Geheimdienst FBI, der aus dem gleichen Grund zur Bedeutungslosigkeit verurteilt wird.

Natürlich will Trump sämtliche Umweltgesetze aufheben und statt dessen fossile Ressourcen ausbeuten lassen. Dazu steht dem Heimatministerium, nach 9/11 ausgebaut, Minimierung und damit Einflusslosigkeit bevor. Nicht anders soll es den Ministerien für Bildung und Handel ergehen. Überhaupt soll die Rolle der Bundesbehörden und ihrer nachgeordneten Institutionen verdampfen.

Institutionell gibt es, kommt es soweit, wie Trump es will,  nur noch den Präsidenten und den Kongress in Washington. Die Befugnisse der entkernten Ministerien gehen auf die Bundesstaaten über. Die Zwischenebene wird ausradiert. 

Alle Macht dem Präsidenten, dem Donald: Die Krönung dieser Transformation der Demokratie zur Autokratie ist die Berufung auf den „Insurrection Act“ aus dem Jahr 1807. Er erteilt dem Präsidenten ausnahmsweise die Vollmacht, die Nationalgarde und Heeresgruppen oder Marineverbände innerhalb der USA zur Bekämpfung von Aufständen einzusetzen.

Warum der Rückgriff auf ein Gesetz vor fast 270 Jahren? Weil Trumps Machtergreifung Widerstand auslösen könnte, keine Frage. Ihn zu ersticken, trifft das „Project 2025“ Vorsorge. Brechen Unruhen im ganzen Land aus, will Trump alle Register ziehen. Wie man ihn kennt, hält er selbst einen Bürgerkrieg für möglich und wappnet sich dafür. Alles oder nichts, das ist seine Maxime.

Wladimir Putin hat Russland nach seinem Bild geformt. Donald Trump möchte Amerika nach seinem Bild formen. Der Unterschied zwischen beiden ist nicht gewaltig groß. Putin ist schon ein Gewaltherrscher. Trump möchte einer werden.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Nur der Tod konnte ihn zum Schweigen bringen

Die Büttel des Kreml-Herrschers verurteilten Alexej Nawalny in lachhaften Schauprozessen zu monströsen Strafen. Doch zum Schweigen brachten sie ihn damit nicht. Deshalb musste dieser Held, dessen Macht in seiner Ohnmacht bestand, sterben.

Alexej Nawalny war 47 Jahre alt und sie schienen sich damit zu begnügen, ihn für den Rest seines Lebens in Straflagern verschwinden zu lassen, für die es Abstufungen gibt, die von menschenfeindlich bis zu unvorstellbar menschenfeindlich reichen. Zu 30 Jahren Haft hatten sie ihn aus den fadenscheinigsten Gründen verurteilt.

Nur zum Schweigen brachten sie ihn nicht. Nawalny blieb eine feste Größe in Russland. Was er sagte, was er dachte, verbreitete sich bis nach Moskau in den heiligen Gral der Macht. Die Welt mochte ihn vergessen haben, sie drehte sich weiter und immer weiter. Menschenblut fließt in der Ukraine, in Israel, im Gaza. Vor kurzem bekam Mahsa Amini den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments posthum, ermordet im Teheraner Gefängnis, in das sie die Schergen der Mullahs geworfen hatten, weil ihr Kopftuch angeblich nicht vorschriftsmäßig das Haar bedeckte.

Den Preis hatte Nawalny vor zwei Jahren bekommen und er muß ihm viel bedeutet haben. Andrej Sacharow war ein Wissenschaftler gewesen, der in jungen Jahren am Bau der ersten russischen Wasserstoffbombe entscheidend beteiligt war. Ein Held, der ein privilegiertes Leben hätte genießen können. Doch ihm kamen Zweifel und allmählich verwandelte er sich in einen Menschenrechtler, der gegen Willkür und Unfreiheit, gegen Unterdrückung und Zensur Manifeste schrieb. 

Sacharow wird zum Vorbild für Nawalny. Auch er ist berühmt. Sein Lebensthema ist die Korruption der Mächtigen. Aus dem Juristen wird ein Politiker, und Journalist. der zugleich Dokumentarfilme dreht. Sacharows Gegner war das kommunistische Unrechtssystem. Nawalnys Gegner trägt einen Namen und hat ein Gesicht: das von Wladimir Putin. Sacharow wurde nach Gorki verbannt. Nawalny verschwand zuerst in Straflagern und jetzt ist er tot, ermordet auf Geheiß des Diktators im Kreml, der Wert darauf legt, dass nichts von Belang und Bedeutung ohne ihn geschehen darf.

Warum setzt ein Mensch sein Leben gegen einen Diktator ein? Weil ihm eine Sache wichtiger ist als sein Leben. Weil die Welt Anteil an seinem Schicksal nimmt. Weil Kompromisslosigkeit seinem Wesen entspricht. Und weil er der Welt ein Beispiel geben will.

Auch Alexej Nawalny schlug ein feines Leben aus. Ihm stand es frei, in Amerika zu bleiben, als er ein Stipendium für die wunderbare Universität Yale bekam. Unbekannt war er damals noch, keine Figur der Zeitgeschichte, nur ein junger Mensch, der lieber die Entscheidung für ein schwieriges Leben traf.

Er hätte auch in Deutschland bleiben können, als sie versucht hatten, ihn mit Nervengift umzubringen. Schon damals wäre er auf dem Flug von Tomsk nach Moskau gestorben, wären nicht Ärzte an Bord gewesen, die erkannten, was Nawalny angetan worden war. Sie mussten ihn in die Berliner Charité ausfliegen lassen, wo er sich erholte.

Es war seine zweite Chance, die Freiheit des Westens gegen die Unfreiheit Russlands zu tauschen. Niemand hätte es ihm verübelt. Er war Mitte Vierzig, seine Frau war bei ihm, die Tochter studiert in Stanford. Warum gab er seinen Kampf gegen Putin nicht auf?

Weil er sich treu bleiben wollte. Weil er dem Herrscher im Kreml den Triumph nicht gönnte. Weil er durchziehen wollte, was er angefangen hatte.

Er flog zurück nach Russland. Sie verhafteten ihn noch am Flughafen, verurteilten ihn in lachhaften Schauprozessen. Aber sogar in der Strafkolonie, 260 Kilometer von Moskau entfernt, übte er die Macht der Ohnmacht aus gegen die ohnmächtige Macht. Bis es ihnen zu viel wurde und sie vollendeten, was ihnen in Tomsk verwehrt worden war.

Niemand kann in Putins Hirn schauen und Kreml-Astrologie ist Humbug. Der Mann will in diesem Jahr wiedergewählt werden und wird es natürlich auch. Ein Mensch wie Nawalny, der nicht Ruhe gab, der die Selbstbedienung der Nomenklatura anprangerte und die sozialen Medien dazu nutzte, zu einer nationalen Größe aus eigenem Recht aufzusteigen, war der Staatsfeind Nummer 1 und wäre es geblieben, solange er lebte.

Deshalb musste Alexej Nawalny sterben – ein bemerkenswerter Mensch, der wusste, was er tat, ein exemplarischer Held, den wir nicht vergessen dürfen.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Im schaurigen Wahlkampf

Alter? Ein Problem für Joe Biden, nicht für Donald Trump, auch wenn er dem Präsidenten in peinlichen Irrtümern keineswegs nachsteht. Die Welt muss sich auf seine Wiederkehr einstellen, auch wenn die Wirtschaft floriert und das Ansehen Amerikas gerade wieder gestiegen ist.

Zwei alte weiße Männer wollen Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Der eine verwechselt Mexiko mit Ägypten. Der andere preist Viktor Orbán für seine Führungskraft in der Türkei. Das Gedächtnis oder das Wissen oder die Konzentrationsfähigkeit der beiden Herren ist anscheinend nicht ganz wasserdicht.

Wenn es nicht todernst wäre, wer am 5. November gewählt wird, könnten wir uns zwanglos über die Fehlleistungen von Joe Biden und Donald Trump amüsieren. Sie sind eben alt und Alter verzeiht man eigentlich Nachlässigkeit. Aber da beide das wichtigste Staatsamt der westlichen Welt anstreben, bleibt uns das Lachen im Halse stecken.

Der amerikanische Wahlkampf, der ohnehin ein erschreckendes Drama ist, hat gerade eine Zäsur erlebt. Die republikanische Partei, die Trump ergeben ist wie die Todesser ihrem Lord Voldemort in den Harry-Potter-Romanen, ließ einen ungemein wichtigen Kompromiss platzen. So bleiben die 60 Milliarden Dollar an Militärhilfe weiterhin blockiert, auf welche die Ukraine existentiell angewiesen ist. Donald Trump gab dazu einen seiner unnachahmlichen Kommentare ab: Er hätte schon damals, als er Präsident war, zu den Nato-Staaten gesagt, er werde Wladimir Putin „ermutigen, zu tun, was er verdammt noch mal tun wolle“, weil sie dem Bündnis Geld schuldeten.

Was er damit sagen will? Die Europäer sind selber schuld, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Und außerdem konnte der russische Präsident es nur deshalb wagen, weil ihn Donald Trump dazu animiert hatte.

Was sich derzeit in Amerika abspielt ist ein ultimatives Trauerspiel. Um die Ukraine weiterhin zu unterstützen, müsste sich die Demokratische Partei auf noch härtere Maßnahmen an der Grenze zu Mexiko einlassen. Dort am Rio Grande herrscht Ausnahmezustand aus mehreren Gründen. An der Südgrenze wurden im Jahr 2023 rund 2,5 Millionen Menschen ohne nötige Papiere gezählt. Sie kommen meistens aus Lateinamerika, aber auch Chinesen, Russen oder Menschen aus Afrika versuchten sich nach Amerika durchzuschlagen.

Grenzschutz auf den 3200 Kilometern zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pazifik ist eigentlich Sache der Washingtoner Regierung. Aber der texanische Gouverneur, ein Trump-Groupie, hat trotzdem die Nationalgarde und regionale Polizei-Einheiten dorthin entsandt. Das ist illegal, aber in der Trump-Welt egal. Aus Mexiko kämen Vergewaltiger und Irre,Terroristen und Mörder, behaupten die Trumpisten – und Biden wolle die Grenzen nach seiner Wiederwahl für alle Emigranten öffnen.

Nichts davon stimmt, aber auch das ist egal. Die Logik ist: Wir müssen unsere eigenen Grenzen schützen und was schert uns die Ukraine. Was Biden schadet, ist gut für Trump und damit für Amerika. Fuck you, Joe Biden! 

Amerika ist schon länger ein schwieriges, unberechenbares, gespaltenes Land. Vielleicht begann mit den Lügen der Regierung Bush, die im Jahr 2003 zur Invasion im Irak führten, die Entfesselung und Enthemmung. Wahrscheinlich hat das weiße Amerika nicht ertragen, dass Barack Obama Präsident wurde. Warum sich aber die stolze republikanische Partei diesem Trump so unterworfen hat, dass er sie wie eine Marionette tanzen lassen kann, bleibt ein Rätsel.

Auch verfiel Amerika im Lauf seiner Geschichte immer mal wieder seiner eigenen Paranoia. Aber es raffte sich nach Joseph McCarthys Kommunisten-Verfolgungswahn in den 1950er Jahren oder Richard Nixons kriminellem Handeln oder auch nach dem Vietnam-Krieg wieder auf. Nun aber ist Trumps zweite Amtszeit eine reale Möglichkeit – trotz des Sturms auf das Kapitol, trotz der anhängigen Prozesse, trotz der Erfahrungen mit ihm im Weißen Haus.

Amerika scheint bereit zu sein, Donald Trump freie Hand zu geben, denn von Pragmatikern und Realisten wird er sich diesmal nicht einmauern lassen. Wird er gewählt, werden wir Trump in Reinkultur erleben.

Trumps Gebote lassen sich so zusammenfassen. Erstens: Demokratie ist was für Weicheier. Denn Demokratie bedeutet Kompromisse und Trump ist ein Extremist, dessen Wort zu gelten hat und damit basta. Zweitens: Trump verfügt über ein jubelbereites Publikum, das er wie ein Entertainer bei Stimmung hält, wobei er sein eigener Anheizer ist. Drittens: Vergesst die Welt dort draußen, dieses Europa/EU/Nato-Gesocks, auf uns kommt es an, auf Amerika, das ist die Botschaft. Viertens: Lügen ist wie Wahrheit, Lügen verwandeln sich in Wahrheit, wenn Trump sie ausspricht, und sie werden durch andere Lügen abgelöst, die wiederum zur Wahrheit werden.

Zur wirklichen Wahrheit gehört, dass Amerika gerade eine seiner größten Wachstumsperioden erlebt. Dafür sorgen Gesetze der Regierung Biden, zum Beispiel der Inflation Reduction Act über 433 Milliarden Dollar für Investitionen auf dem heimischen Markt. Außenpolitisch handelt die Supermacht in der Ukraine wie in Israel auf vernünftige und traditionelle Weise. Sie tritt sowohl militärisch als auch politisch entschlossen auf. Diese Aktionen auf der Weltbühne sind mit Joe Biden aufs Engste verbunden. Ohne ihn sähe die Welt anders aus, keine Frage.

Nichts davon wirkt sich zu Hause positiv für den Präsidenten aus. Seine Beliebtheitswerte sind unterirdisch. Dass ein Untersuchungsbericht ihn als wohlwollenden älteren Herren mit einem löcherigen Gedächtnis charakterisiert, bekräftigt viele Vorurteile, die ihm anhängen. Es ist ja auch wahr, kurz nach der Wahl wird Joe Biden 82, kein Alter für einen Präsidenten.

Donald Trump wird im Juni 78, auch kein Alter für einen Präsidenten. Ronald Reagan war übrigens 77 Jahre alt, als er aus dem Amt schied. Aber Trump ist nach wie vor ein Großmaul und ein Lügenbold und eben ein Entertainer, bei dem das Alter Nebensache ist, jedenfalls für seine Jünger (Frauen kommen in diesem Orbit nur als Sexualobjekt vor). Das Alter ist ein Problem für Biden, nicht für Trump.

Amerika ist wie im Fieberrausch und schaut zu, wie sich zwei betagte Herren mit schwankendem Erinnerungsvermögen einen schaurigen Wahlkampf liefern. Und der Rest der Welt, also wir, wartet apathisch ab, was sich dieses seltsame Land ins Weiße Haus wählen wird.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Nepp bei Viagogo

Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren mein Enkel und ich im Zirkus Roncalli. Wir erlebten, was wir erleben wollten: hochklassige Akrobatik, beste Unterhaltung mit angehaltenem Atem, zwei Stunden großen Vergnügens unter Mitbangen mit den Artisten. Wir hatten uns bestens auf diesen Nachmittag vorbereitet. Ich hatte ihm Artistik der Sonderklasse auf „America’s Got Talent“ auf YouTube gezeigt. Und wie es der Zufall wollte, ging auch bei „Roncalli“ ein Artist mit dem anderen Artisten auf dem Kopf von einer Platform drei Stufen hinunter und dann auch noch, das war die Zugabe, die drei Stufen wieder auf die Platform hoch. Riesiger Beifall. Auf dem Video, das ich davon habe, rufe ich Theo zu: „Und jetzt geht er sogar mit dem auf dem Kopf wieder hoch!“

Wir saßen gut. Die Karten kosteten zusammen 144 Euro. Stolzer Preis, aber okay für ein verspätetes Geschenk zum 8. Geburtstag. Die Karten hatte ich über Viagogo gekauft und das werde ich nie wieder tun. Viagogo ist nach meiner Erfahrung Nepp.

Als ich die Karten online bestellte, konnte ich nicht absehen, was sie kosten würden. Ich musste 344 Euro überweisen. Als die Karten da waren, konnte ich ersehen, dass sie zusammen 144 Euro kosteten, 72 Euro pro Karte. Viagogo steckte also 200 Euro für die Vermittlung ein. Auf meine Beschwerde, wie solch eine stolze Summe zusammenkomme, erhielt ich die erwartbare Nachricht, dass es Viagogo freistehe, eine Vermittlungsgebühr zu erheben. Das hatte ich weiß Gott nicht bestritten; die Höhe war das Ärgernis. Auf meine Nachfrage kam noch so eine Auskunft, deren Sinn im Abschmettern jedweden Anspruchs besteht: Halt die Klappe, du hast bezahlt, selber schuld!

Viagogo wurde im Jahr 2006 in London gegründet. Investoren sind Bernhard Arnault (LVMH = Louis Vitton, Möet Hennessy = französisches Konglomerat für Luxusgüter), Herbert Kloiber (österreichischer Sportrechtehändler) und Steffi Graf samt Andre Agassi (ehemalige Tenniscracks). Bunte Mischung, internationales Kapital, hoher Anspruch. Viagogo wirbt so für sich: „Wir sind der weltweit größte Sekundärmarktplatz für den Verkauf von Live-Event-Tickets. Die Preise werden von den Verkäufern festgelegt und können unter oder über dem Originalpreis liegen.“ Im englischen Text ist von „Ticket to Freedom“ die Rede. Toll, nicht? Nirgends werden Gebühren erwähnt, das ist nicht weiter verwunderlich; dass sie erhoben werden, versteht sich ja von selber. Die Höhe ist absurd, jedenfalls in meinem Fall.

Ich war naiv. Ich wollte Karten für „Roncalli“. Ich habe mich nicht erkundigt, bei wem ich sie bestelle. Ich bin in die Falle gelaufen. Macht es mir nicht nach!

Das könnte Biden den Wahlsieg kosten

Wieder reist der amerikanische Außenminister Tony Blinken quer durch den Nahen Osten, von Katar nach Saudi-Arabien, von Israel nach Ägypten. Es ist seine fünfte Tour in kurzer Zeit, eine ungeheure Anstrengung, die ihn zeichnet. Das schmale Gesicht ist wie ausgezehrt, die Augen noch melancholischer als sonst, die schlaksige Gestalt gebeugt. Wenn man jemandem beim Altern zuschauen möchte, ist Blinken ein geeignetes Objekt.

Seine Reisen sind unvermeidlich, weil Amerika viel tief mit dieser Region verwoben ist. Rund 40 000 Soldaten sind hier noch stationiert: 2 500 im Irak; 2 000 in Jordanien; 13 500 in Kuweit; dazu viele Tausende in Bahrain, wo die 5. Flotte der US-Marine liegt, und in Katar, wo ein Luftwaffenstützpunkt für das Central Command steht.

Für eine Weltmacht, die im Nahen Osten ihre Interessen vertreten wissen will, ist eine Streitmacht von 40 000 Soldaten und Soldatinnen nicht besonders viel. Allerdings sind die Erfahrungen in Syrien und dem Irak derart niederschmetternd gewesen, dass sich schon Joe Bidens Vorgänger aus dieser völlig unberechenbaren Gegend stärker zurückziehen wollten. Da die USA aber Israels Existenz sichert, bleibt militärische Präsenz ein Gebot.

Wer aber da ist, bietet auch ein Ziel. An der syrisch-jordanischen Grenze liegt eine Garnison, in der sich 350 US-Soldaten aufhalten. Eine Drohne tötete vor ein paar Tagen drei von ihnen, offenbar gestartet von einer Miliz, die unter dem Einfluss der iranischen Revolutionsgarden steht. Die Vergeltung ließ nicht lange auf sich warten. B-1-Bomber, die aus den USA anflogen, führte sie auf Ziele der Revolutionsgarden  in Syrien und dem Irak aus.

Momentan bietet es sich an, in dieser Region des immer noch steigerungsfähigen Hasses und der asymmetrischen Kriege ein Zentrum von einer Peripherie zu unterscheiden. Das Zentrum ist Gaza, der schmale Küstenstreifen, in dem die israelische Armee im Süden nun gegen die Stadt Rafa am Grenzübergang zu Ägypten mit größter Härte vorgeht. Die Peripherie liegt im Libanon, der Heimstatt der Hisbollah, auch im Jemen, von wo aus die Huthi die Schifffahrt im Roten Meer stören, und eben im Irak und in Syrien, wo sich der Iran Einfluss gesichert hat.

Tony Blinkens Aufgabe liegt darin, sich um Peripherie und Zentrum gleichermaßen zu kümmern.  In Paris arbeiten seine Diplomaten mit Abgesandten aus der Region eine Lösung aus, die eine Waffenpause im Gaza mit dem Austausch der Geiseln verbindet. Seine fünfte Tour durch die Region dient auch dazu, eine politische Initiative für die Zeit nach dem Krieg zu lancieren, die Israels Sicherheit auf Dauer garantieren könnte. Und natürlich müssen Fäden nach Teheran gesponnen werden, damit aus der Peripherie nicht ein zweites, erheblich größeres Zentrum entsteht, in dem sich dann Iran und Amerika direkt gegenüberstehen würden.

Möglich ist im Nahen Osten immer alles. Eigentlich wird es seit geraumer Zeit immer schlimmer und deshalb scheint eine Ausdehnung des Krieges auf die gesamte Region keineswegs ausgeschlossen zu sein. Krieg liegt hier allemal näher als Frieden. An Ausgleich oder  Abflauen der Rache ist auch vier Monate nach dem 7. Oktober nicht zu denken.

Was Tony Blinken oder auch Joe Biden monieren oder empfehlen, stößt bei Benjamin Netanjahu auf taube Ohren. Im Westjordanland dürfen radikale Siedler weiterhin arabische Nachbarn ungestraft drangsalieren. Appelle, damit aufzuhören oder gar den Siedlungsausbau einzustellen, verhallen ungehört. Appelle, Rücksicht auf die Zivilbevölkerung im Gaza zu nehmen, verhallen ebenfalls ungehört.

Wie es aussieht, schwebt dem israelischen Ministerpräsidenten anderes vor, zum Beispiel einen Korridor durch Gaza zu ziehen, wofür ganze Häuserzeilen im Süden gesprengt werden. Außenminister Blinken lehnt allerdings jede Verkleinerung des Gaza-Streifens ab. Denn damit wäre der Konflikt auf viele Jahre eingefroren und das heißt, dass auch israelische Soldaten ein Ziel für die nächste Hamas-Generation wäre, die dieser Krieg vermutlich herausbildet.

Noch immer sind mehr als Hundert Geiseln in der Hand der Hamas. 27 der Entführten sollen tot sein – vielleicht bei Angriffen getötet, vielleicht auf der Flucht erschossen oder in irgendeinem Tunnel-Verlies eines natürlichen Todes gestorben. In Paris handelten die Blinkens Diplomaten mit ihren Kollegen aus der Region Folgendes aus: Während einer sechswöchigen Waffenpause sollen Frauen, Kinder, Alte aus der Geiselhaft freikommen und dafür im Verhältnis 1:3 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen werden. 

Wie die Reaktion ausfällt? Die Hamas will mehr – eine Ende des Krieges anstatt nur einer vorübergehenden Einstellung. Benjamin Netanjahu will anderes, denn seine Priorität liegt in der Zerstörung der Hamas und der Tötung ihrer Anführer. Pausen passen nicht in diese militärische Logik. Auch denkt Netanjahu nicht daran, Gefangene in hoher Zahl freizulassen, weil sie dann den Kampf gegen Israel aufnehmen könnten.

Unter diesen Umständen dürfen Bemühungen um Vermittlung erneut scheitern. Tony Blinken wird trotzdem nicht nachlassen und noch öfter in den Nahen Osten reisen, das ist sein Job. Die Zeit läuft ihm allerdings aus einem anderen Grund langsam aus: In Amerika ist Wahlkampf und der Krieg im Nahen Osten ist nicht besonders populär. Kostet Gaza Joe Biden am Ende die Präsidentschaft?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Der deprimierendste Wahlkampf aller Zeiten

Zwei Länder, zwei Wege: In Polen versucht die neue Regierung, die liberale Demokratie zu rehabilitieren. In Frankreich missbraucht Präsident Macron das Verfassungsgericht aus politischen Gründen. Und über allem schwebt Donald Trump wie ein Verhängnis.

Momentan ist Polen das angespannteste Land in Europa. Die neue Regierung unter Donald Tusk bemüht sich darum, den Rechtsstaat und die Öffentlichkeit wieder zu entpolitisieren. Der katholisch-nationalkonservative Vorgänger hatte das Verfassungsgericht und die Medien mit willfährigen Leuten besetzt. Die Veränderungen, die sie in acht Jahren über Polen brachte, lassen sich nicht so schnell revidieren, zumal der überaus einflussreiche Präsident Andrzej Duda dem alten Regime angehört und das neue Regime blockiert, wo er nur kann. In achtzehn Monaten läuft seine Amtszeit ab. Erst dann wird der Weg frei.

An Polen lässt sich in diesen Tagen ablesen, was auch andere Länder aus anderen Gründen zerreißt. Soziologen haben dafür einen besonderen Begriff gewählt: Trilemma. Damit ist gemeint, dass die drei Faktoren Macht, Rechtsstaat und Öffentlichkeit im Widerstreit liegen. Polen befindet sich in einem Kulturkampf zwischen Pro- und Anti-Europäern, Abtreibungsbefürwortern und Abtreibungsgegnern. Er wird ausgetragen über Gerichte, deren Neutralität Lech Kacziński, der Pate des klerikalen Konservatismus, aushebeln ließ. Der Kulturkampf spiegelt sich wieder in der politischen Öffentlichkeit, wobei das Fernsehen als wichtigstes Medium zum Propaganda-Instrument verkam.

Frankreich ist von je her speziell unter den europäischen Nachbarn. Emmanuel Macron verfügt als Präsident über sehr viel Macht, hat aber keine Mehrheit im Parlament. Ein neues Einwanderungsgesetz kam nur durch Zustimmung der Rechten unter Marine LePen zustande und fiel entsprechend scharf aus. Prompt verwarf das Verfassungsgericht große Teile des neuen Gesetzes und zwar vor allem jene Artikel, die LePen am Herzen lagen. Das war keine große Überraschung.

Die Regierung (oder die Macht) muss mit ansehen, wie das oberste Gericht (der Rechtsstaat) ihm in den Arm fällt. Ein Armutszeugnis, eine Demütigung, oder? Genau auf diese Intervention aber hat Emmanuel Macron insgeheim spekuliert. Er missbrauchte also das Gericht zu politischen Zwecken. Er überließ es ihm, das unpopuläre Gesetz zu entschärfen. War das ein kluger Schachzug? Natürlich nicht, da dieses Manöver aus Schwäche erfolgte – aus dem Mangel an Mehrheit im Parlament und der Abhängigkeit von der rechten Opposition. Die Medien (die Öffentlichkeit) verurteilen ziemlich einhellig sowohl das Gesetz als auch den Hintersinn des Präsidenten. Wenn seine Unpopularität noch zu steigern war, dann hat er sie jetzt gesteigert.

Aus Polen möchte die neue Regierung wieder eine Demokratie mit klassischer Gewaltenteilung machen; ohne massive Eingriffe geht das nicht vonstatten. In Frankreich manipuliert der Präsident die Judikative politisch und fliegt damit auf. Aus unterschiedlichen Gründen sind beide Länder innerlich zerrissen, ohne Aussicht auf Heilung in mittlerer Sicht.

Wie aus einem Riss die tiefstmögliche Spaltung entstehen kann, lässt sich an den USA absehen. Früher hat man immer gesagt, was sich dort abspielt, erreicht Europa spätestens in zehn Jahren. Wäre schön, wenn die Kontaktübertragung ausnahmsweise ausbliebe.

Rechtsstaat: Donald Trump hat das Oberste Gericht in seiner Präsidentschaft mit konservativen Richtern bestückt. Das Maß an Neutralität, zu dem es noch fähig ist, wird sich bald ermessen lassen. Trump hat es nämlich vor kurzem angerufen, weil ihn die Bundesstaaten Colorado und Maine wegen seiner Rolle beim Sturm aufs Capitol von den Vorwahlen ausschlossen. Dagegen geht er jetzt juristisch vor. Man darf wirklich gespannt sein, welches Urteil der Supreme Court mit welcher Begründung fällen wird.

Öffentlichkeit: Der Niedergang der Medien ist in Amerika beispiellos. Bei Fox News (Trump ist der Größte) oder MSNBC (Trump als Präsident wäre jetzt endgültig ein Diktator) sammeln sich die Gläubigen wie in feindlichen Kirchen. Verlässliche Informationen über den Gang der Dinge in Amerika und draußen in der Welt erhält man nur noch in Spartenprogrammen und in wenigen Tageszeitungen.

Macht: Zwischen Demokraten und Republikanern herrscht tiefe Abneigung, um nicht zu sagen: Hass. Der heraufziehende Wahlkampf dürfte zum Unerfreulichsten, Verabscheuungswürdigsten, Deprimierendsten aller Zeiten gehören. Von Harry Truman stammt der Satz: Wenn du die Hitze in der Küche nicht aushältst, dann bleib draußen. Die Devise gilt für Normalzeiten. Darf Donald Trump antreten und bleibt Joe Biden sein Gegenspieler, dann kann die Küche auch explodieren.

Amerika ist das abschreckende Beispiel einer Demokratie, in der der Kulturkampf zum Kulturkrieg geraten ist und sämtliche Teilgewalten missbraucht werden. Ob daraus irgendwann mal wieder ein entspanntes Land mit solider Gewaltenteilung samt funktionstüchtiger Öffentlichkeit wird, kann heute niemand vorhersagen.

Unter den Europäern ist natürlich Deutschland das am meisten vom Amerika geprägte Land. Manchmal hilft es ja, wenn man sich umschaut und überlegt, wie Macht, Rechtsstaat und Öffentlichkeit zueinander stehen sollten. Wie Schlafwandler in Krisen hinein zu treiben, die den Staat ramponieren, ist keine Alternative. Aber momentan macht jeder seins, egal ob in Polen oder Frankreich oder eben bei uns, und jeder schaut jedem dabei zu und hofft darauf, dass es nicht so wird wie in Amerika. Nicht besonders klug, oder?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Nicht etwa eine deutsche Besonderheit

Überall in Deutschland gehen Menschen im Protest gegen die Rechtsextremen auf die Straße. Sie wollen verhindern, dass es ihrem Land ergeht wie Italien, Holland, England oder Schweden.

Am Wochenende fanden erneut Demonstrationen gegen die AfD in etlichen Städten statt. Plötzlich ist eine Massenbewegung entstanden, die sich für die liberale Demokratie einsetzt. Sie formiert sich vor allem in westdeutschen Großstädten wie Köln und Hamburg, Dortmund und Berlin, aber immerhin sind in Ostdeutschland auch Jena, Stralsund und Potsdam dabei. Die große Frage ist nun, ob sich in den nächsten Wochen Leipzig oder Magdeburg, Erfurt oder Frankfurt/Oder im Protest gegen die AfD einreihen – denn in Brandenburg, Thüringen und Sachsen wird im September gewählt.

Ein Phänomen gibt es zu besichtigen, denn als Auslöser diente ein Coup des Rechercheverbundes Correctiv. Die Reporter hatten heimlich ein Treffen in einem Potsdamer Hotel gefilmt, in dem einschlägige Herren einschlägige Vorschläge über die Remigration unliebsamer Ausländer mit und ohne deutschen Pass machten. Der Coup zeigt enorme politische Wirkung. Seither strömen die Menschen auf die Straßen, seither bekommt die AfD endlich starken Gegenwind.

Interessant ist die Reaktion der Rechten auf die unverhofften Proteste. Nachlesen kann man sie zum Beispiel im Blog „Sezession“, auf dem sich rechte Intellektuelle über die Lage der Dinge austauschen. Am 16. Januar schreibt Götz Kubitschek über das Potsdamer Treffen. Aus seiner Sicht handelt es sich um eine private Versammlung zum Gedankenaustausch an einem öffentlichen Ort. Kubitschek wundert sich über die Aufregung und insbesondere darüber, dass Alice Weidel es notwendig fand, ihren Mitarbeiter Roland Hartwig, der in Potsdam dabei war, zu entlassen. Damit habe die AfD „die Tür geöffnet für Forderungen von außen und für den daraus entstehenden Rechtfertigungs- und Erklärungsdruck“.

Aus dieser Perspektive ist Alice Weidel windelweich, anfällig für Kritik aus dem „Regime“, wie in diesen Kreisen demokratische Regierungen heißen. Dagegen zitiert Kubitschek beifällig die Erklärung der fünf ostdeutschen AfD-Fraktionschefs zum Potsdamer Ereignis. Darin heißt es: „Remigration ist nicht verboten oder anstößig, sondern im nationalen Interesse Deutschlands. Remigration meint die Umkehr der Migrationsströme, die gegenwärtig ungehemmt in Richtung Deutschland fließen. Das Resultat: Ende 2022 lebten rund 13,4 Millionen Ausländer in Deutschland. Remigration ist das Gebot der Stunde. Dafür werden wir nach der Regierungsübernahme sorgen.“

Götz Kubitschek gilt als der wichtigste Intellektuelle der Neuen Rechten. Bei ihm laufen viele Fäden zusammen. Auf seinem Gut in Sachsen-Anhalt betreibt er einen Verlag, eine Zeitschrift und eine Denkfabrik. Dort gehen Björn Höcke und andere AfD-Matadore aus Ost wie West ein und aus. Auch der Österreicher Martin Sellner mit seiner identitären Ideologie gehört diesem Kosmos an. Er war es, der im Potsdamer Hotel über Remigration referierte und damit die Anhänger der bestehenden Demokratie mobilisierte.

Die intellektuelle Rechte ist aber keineswegs eine deutsche Besonderheit. Sie gehört einem weit verzweigten europaweiten Netzwerk an. Der Großmeister rechten Denkens lebt in Frankreich und heißt Alain de Benoist. Von ihm stammt der entscheidende Satz: „Die alte Rechte ist tot – sie hat es wohl verdient.“ Diese alte Rechte, von Jean-Marie LePen über Jörg Haider oder Franz Schönhuber, hing noch im Nationalsozialismus fest. Die neue Rechte aber soll ohne Hitler und ohne Holocaust-Leugner auskommen. Sie spielt den Staat gegen das Volk aus, das homogen sein soll und deshalb Ausländer ablehnt. Sie lehnt auch Amerika mit seinem Materialismus und seiner kulturellen Übermacht ab. Von Donald Trump allerdings haben sie alle gelernt: Sie wollen ihr Land wieder groß machen.

In Wahrheit ist die AfD immer noch der „gärige Haufen“, von dem Alexander Gauland redete. In ihr mischen sich alte und neue Rechte. Höcke zum Beispiel darf man laut Gerichtsurteil einen Faschisten nennen. Auch in anderen Teilen Europas finden sich solche gärige Haufen, die allerdings schon dort angelangt sind, wohin die AfD noch will.

In Finnland sitzen sie in der Regierung, in Schweden dulden sie die Minderheitsregierung. In den Niederlanden erreichte Gerd Wilders eine relative Mehrheit, darf aber wohl nicht regieren. In Italien ist Giorgia Melone schon seit einem Jahr Ministerpräsidentin, obwohl ihre Partei keineswegs Abstand zu Benito Mussolini hält, dem Duce, der das Vorbild für Hitler war. In Frankreich unternahm Emmanuel Macron gerade einen heftigen Rechtsschwenk, um der nationalistischen Rechten das Wasser abzugraben. Marine LePen könnte nach heutigem Stand im Jahr 2027 Präsidentin werden. In Österreich ist die fremdenfeindliche FPÖ eine etablierte Größe, die bald wieder in der Regierung sitzen könnte. England dürfte bei der Wahl in einem Jahr die Ausnahme bilden, da die Labour Party wohl die xenophoben Torys ablösen wird, sofern die Demoskopen nicht völlig daneben liegen.

Die Rechte gedeiht überall dort in Europa, wo die Einwanderung als ungelöstes Problem gilt. Auch die Bundesregierung versucht verspätet, Stärke und Entschlossenheit zu zeigen, indem sie die Gesetze verschärft. Ob sie damit noch Erfolg hat? Im September wissen wir mehr.

Ich bin gespannt, wie lange die Demonstrationen in deutschen Städten anhalten werden. Vielleicht sind sie ein sich selbst verstärkender Prozess – je mehr heute auf die Straße gehen, desto mehr gehen morgen los, um gegen die AfD zu protestieren; in je mehr Städten Demonstrationen stattfinden, desto mehr Städte schließen sich an. Gut so, denn die Kubitscheks, Höckes und Weidels  hatten sich schon schon im Glauben gewiegt, dass sie auf direktem Weg an die Macht sind.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Die Unermüdlichen im Reich des Irrsinns

Der Krieg im Gaza zieht Amerika tiefer hinein, als Joe Biden je wollte. Noch scheitern Bemühungen um Waffenruhe und  politische Lösungen an Premier Netanjahu. Aber wie lange noch?

Ich habe schon immer Diplomaten bewundert, die nicht damit nachlassen, immer wieder Vorschläge für mehr Frieden im Nahen Osten zu unterbreiten. Anthony Blinken ist so ein Unermüdlicher. Er fliegt von Amman nach Kairo, von Jerusalem nach Riad und lotet mit einem Höchstmaß an Disziplin und Geduld aus, was sich zum weniger Schlechten verändern lässt. Eigentlich ist er ein flotter Zeitgenosse, der Sportwagen liebt und ziemlich gut Gitarre spielt, so habe ich ihn vor 20 Jahren kennengelernt, aber inzwischen gleicht er eher einem Schmerzensmann, gezeichnet von Erschöpfung und Frustration.

Amerika ist noch immer eine entscheidende Macht in dieser Weltgegend, das zeigt sich jetzt. Der Gaza-Krieg zieht Joe Biden sogar weit tiefer hinein in den vorherrschenden Irrsinn, als er je wollte. Seit vorigen Donnerstag heben Kampfjets vom Flugzeugträger „Dwight D. Eisenhower“ ab und zielen auf Stützpunkt der Huthi im Jemen. Großbritannien macht wieder mit, denn darin liegt eine Gelegenheit, das Sonderverhältnis zu den USA herauszustellen. Die Niederlande, Australien und Kanada leisten – neben Bahrain –Unterstützung, logistisch und bei der Aufklärung. Da ist reichlich viel Nato dabei, um die Huthi daran zu hindern, den globalen Handelsverkehr aus dem Roten Meer zu vertreiben.

Das Risiko auf diesem Nebenkriegsschauplatz, mit dem nicht jeder Experte gerechnet hatte, ist kaum zu unterschätzen. Dass die Hisbollah aus dem Libanon den Norden Israels unter Raketen setzen würde, lag nahe. Aber die Huthi, die so etwas wie die Taliban im bitter armen Jemen sind? Iran hat eben etliche Eisen im Feuer und wird es mit grimmiger Freude beobachten, wie die USA, der „große Satan“, dazu gezwungen wird, dem „kleinen Satan“ Israel beizuspringen.

Iran ist der Marionettenspieler im Hintergrund. Allzu amüsiert können die schiitischen Mullahs aber nun auch wieder nicht die Entwicklung der Ereignisse beobachten, wie mehrere Attentate der letzten Wochen belegen, zuletzt bei der Totenfeier für eine Regime-Ikone. Auch ist die Aussöhnung mit dem sunnitischen Erzfeind Saudi-Arabien, ausgerechnet von China orchestriert, im Gaza-Krieg verblichen. Mohammed Bin Salam, der Herrscher, hält es momentan mit den westlichen Freunden Israels. Auch seine Luftabwehr holt Huthi-Drohnen und -Raketen vom Himmel. Dafür bekommt Bin Salam nun Lenkflugkörper aus Deutschland geliefert.

Saudi-Arabien ist ein wichtiger Faktor für jede politische Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Gaza-Krieg. Mit Zuversicht muss man natürlich in dieser Region sparsam umgehen, wie die Erfahrung lehrt. Aber immerhin zeigt der Krieg eine politische Dynamik, die vor dem 7. Oktober nicht am Horizont lag.

Amerika ist die Schutzmacht Israels und auch deren größter Kritiker. Amerika hat schmerzhaft in ihrer Geschichte erfahren, dass man wissen muss, was hinterher sein soll, wenn man in einem Land militärisch interveniert. Auf Netanjahu haben Biden wie Blinken mit Engelszungen eingeredet, eine politische Lösung anzubieten, vergeblich. Netanjahus Karriere gründet darauf, die Siedlungen im Westjordanland auszubauen, egal was das Völkerrecht dazu sagt, und die Zwei-Staaten-Lösung für tot zu erklären, egal welche Hauptstadt anders darüber denkt. Nur ohne ihn ist an eine Alternative zum Krieg denkbar.

Deutschland macht seine eigene Erfahrungen mit Israel. Deutschland bewegt sich vielleicht auch deshalb jetzt im Gleichklang mit Amerika. Außenministerin Annalena Baerbock tourte parallel zu Anthony Blinken durch die Hauptstädte. Nach längerem Schweigen hat sie den Ton gegenüber Israel verschärft. Wie Blinken drängt sie auf mehr Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, auf ein entschiedenes Einschreiten gegenüber militanten Siedlern im Westjordanland, zeigt sich entsetzt über die Zahl der palästinensischen Opfer und über die humanitäre Katastrophe im Gaza.

Die Veränderung der Tonlage fällt Annalena Baerbock sicherlich nicht leicht. Vor genau 9 Jahren verknüpfte Angela Merkel Israels Existenz mit der deutschen Staatsraison. Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, ist seither beschwiegen worden. Reicht moralische Unterstützung, wie nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober? Müsste die Bundeswehr in einen großen Nahost-Krieg, der ja jederzeit möglich ist, mit eigenen Truppen eingreifen? Genügt Teilnahme an einer Uno-Friedensmission im Gaza nach dem Krieg?

2015 regierte wie heute auch Benjamin Netanjahu. Anders als damals gehören aber heute seiner Regierung zwei wichtige Minister an, die öffentlich über die Vertreibung der Palästinenser aus dem Gaza phantasieren und ernsthaft vorschlagen, dass Israelis sich dort ansiedeln. Das verändert die Sachlage und deshalb sind offene Worte nur angemessen.

Südafrika ist weiter gegangen. Südafrika klagt vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Israel wegen Völkermords an und zwar seit 1948, der Staatsgründung. Das ist der schwerst mögliche Vorwurf für ein Land, das auch zur Heimstätte der Holocaust-Überlebenden wurde. Nun ist Südafrika nicht gerade ein Musterbeispiel für eine stabile und prosperierende Demokratie, um es milde auszudrücken. Aber die innewohnende Symbolik ist gar nicht zu übersehen: Hier klagt der globale Süden das Land an, das unter dem Schutz des Westens steht – und zwar   vor einem Gerichtshof der Uno.

Auch deshalb kann man nur hoffen, dass die Unermüdlichen weiterhin an mehr Frieden in dieser friedlosen Region arbeiten. Der Krieg zieht sich hin, das schon, aber vielleicht ja weniger lange als befürchtet. Denn der Druck auf den obstinaten Premier Netanjahu dürfte bald schon aus einem besonderen Grund zunehmen. Wenn Joe Biden wiedergewählt werden will, tut er gut daran, als Friedensstifter in Erscheinung zu treten, spätestens im Sommer.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Unser Franz, unser Kaiser

Mit ihm begann der moderne Fußball, der nicht nur Arbeit war, sondern auch Ästhetik. Die Deutschen verdanken ihm viel: als Spieler, als Trainer, als Organisator. War es gerecht, ihn ins Bodenlose fallen zu lassen?

Wenn Franz Beckenbauer den Rasen betrat, leuchtete die Sonne heller, mit ihm wurde die Welt reicher. Wer ihn zum ersten Mal sah, konnte es kaum fassen, Zeuge des Unerhörten, Ungesehenen zu sein. So geht es zu, wenn ein Genie geboren wird. Bis dahin war Fußball vor allem Arbeit und die Grätsche die Kunstform des äußersten körperlichen Einsatzes. Mit ihm aber hielten Eleganz, Ästhetik und Anmut Einzug in unser Herz. Was für ein Glück!

Franz Beckenbauer war der erste Spieler, der nicht auf den Ball starrte, wenn er ihn am Fuß führte. Er sah sich in aller Ruhe um, wohin der Paul (Breitner) oder Gerd (Müller) liefen und zirkelte dann, zumeist mit dem Außenrist, den Ball exakt in ihren Lauf. Wen er nicht leiden konnte, den spielte er so fies an, dass dieser arme Mensch glaubte, er könne es noch schaffen, den Ball vor der Außenlinie zu erreichen, schaffte es aber nicht  und sah wie ein tumber Tor aus.

Beckenbauer war 19 Jahre alt, als er mit Bayern München aufstieg. Der große Münchner Verein war damals der TSV 1860, der in dieser Saison 1964/65 Deutscher Meister wurde. Beckenbauer war 20 Jahre alt, als sich am 30. Juli 1966 das große Drama im Endspiel Deutschland gegen England ereignete. Ich kann heute noch die Mannschaftsausstellung im Schlaf herunterbeten. Ich verachte heute noch Tefik Bachramov, diesen Linienrichter aus der Sowjetunion, der von der Seitenlinie und nicht auf Torhöhe, gesehen haben wollte, dass der Schuss an die Latte von Geoff Hurst hinter der Linie heruntergefallen war. Nie und nimmer! 

Es ging ungerecht zu, im Leben sowieso, also auch im Fußball. Alle Spieler, von Hans Tilkowski über Wolfgang Weber und Horst-Dieter Höttges bis zu Uwe Seeler, prägte dieses Spiel. Die Rache für 1966 waren jahrzehntelange Niederlagen der Engländer gegen uns, vorzugsweise im Elfmeterschießen.

Franz Beckenbauer war 1966 noch nicht der beispielhafte Libero, sondern der Jungspund im defensiven Mittelfeld, dem die wichtige Aufgabe zugeteilt worden war, den Spielmacher Bobby Charlton zu neutralisieren, was ihm auch ziemlich gut gelang, aber eben nicht über 120 Minuten, dafür war Charlton einfach zu gut. Der Franz verstand sich blendend mit Helmut Haller, dem Spielmacher mit Italien-Erfahrung, und natürlich auch mit Wolfgang Overath. Er schoss im Turnier 4 Tore, nein, er schlenzte sie. Er spielte ja ökonomisch, das Hämmern war nicht seine Sache. Noch war er nicht die alles überragende Figur im deutschen Spiel, aber jedermann wusste: Bald war es so weit und die Overaths und Günther Netzers erkannten sein Genie mehr oder weniger neidlos an.

1974 war es soweit. Franz Beckenbauer war 28 Jahre alt. Nun war er der Kaiser, der Feldherr, der sich seine Mannschaft zusammen suchte, die der Bundestrainer (Helmut Schön hieß er) dann auch brav aufstellte. Es war eine Freude und ein Glück, ihn spielen zu sehen. Er war nicht mein Lieblingsspieler, das war Wolfgang Overath. Beckenbauer habe ich bewundert. Bewunderung schafft Distanz, so ist das nun einmal.

Im Endspiel waren die Niederlande die bessere Mannschaft und Johan Cruyff stand an Eleganz und Weitblick und Phantasie unserem Franz nicht nach. Wieder ging es nicht gerecht im Fußball zu, aber diesmal traf es die anderen. Ausgleichende Ungerechtigkeit, mehr nicht.

Beckenbauer war Avantgarde auch jenseits des Stadions. Er sah blendend aus, die Werbewirtschaft riss sich um ihn, er besuchte die Wagner-Festspiele in Bayreuth, er häutete sich mit den Frauen, die er heiratete. Er ging nach New York (mit der Fotografin Diane Sandmann), spielte mit Pelé für Cosmos, ein Weltereignis spät im Leben. Er kam zurück nach Deutschland und der Hamburger SV schmückte sich noch  zwei Jahre mit ihm.

Zufällig lebte ich damals in Hamburg und ging ins Volksparkstadion, um den Franz zu sehen. Es war, wie es immer für mich war. Ich schaute ihm atemlos und verzückt zu, wie er sich bewegte, wie er den Ball nicht zu beachten schien, der wie ein Magnet an seinen Füßen klebte. Es war ein Genuss, ihn dabei zu beobachten, wie er Räume mit seinen Pässen öffnete, die außer ihm niemand im Stadion gesehen hatte. Wer den Fußball liebte, musste ihn lieben, den Franz, den Kaiser, auch noch mit 36. Ja, er war nicht mehr der Schnellste, aber das war er nie gewesen. Allein seine Anwesenheit trieb die Mitspieler zu besseren Leistungen an und zog die Zuschauer ins Stadion.

Was hat er uns nicht alles geschenkt. Als Trainer nochmals Weltmeister mit einer durchschnittlichen Mannschaft, der er erst einmal beibrachte, wieder die Nationalhymne zu singen. Nur Mario Zagallo, der zwei Tage vor dem Franz starb, und Didier Deschamps gehören in dieses Pantheon. Dann das Sommermärchen 2006. Ja, da war was, da floss Geld, und aus war es mit der Lichtgestalt, dem Glückskind – dem Überirdischen, das die Deutschen in ihm sahen. Wie sehr er unter dem Sturz ins Bodenlose litt, wird irgendwann irgendjemand erzählen. Ob es gerecht war, ihn fallen zu lassen, wird vielleicht in anderen Nachrufen verhandelt.

Nun ist er nicht mehr unter uns. Gibt es einen Gott, dann versteht er was von Fußball und nimmt ihn zu sich, unseren Franz. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern Abend.