Wenn die Kräfte schwinden

Alter zählt. Alter schwächt. Egon Bahr, der mit 93 starb, erzählte davon, dass es meistens bei den Beinen beginnt. Der Kopf mag noch eine Zeitlang solide arbeiten, aber die Gliedmaßen lassen zuerst nach.

An Joe Biden lässt sich der schleichende Verfall ablesen. Groß wie er ist, stakst er mit kleinen Schritten, weil er das Gleichgewicht nicht mehr sicher halten kann. Äußerlich wirkt er maskenhaft, was vermutlich an ästhetischen Korrekturen liegt, die so viele Menschen in fortgeschrittenem Alter an sich vornehmen lassen. Beim Reden verliert er den Faden, fängt irgendwo an und hört stockend anderswo auf.

Nur noch eine Frage von Tagen oder wenigen Wochen dürfte es sein, bis er die Konsequenzen aus seinen schwindenden Kräften zieht. Danach wird Donald Trump der alte Mann sein, der unter Beobachtung steht.

Kein Zweifel, der Wunsch nach Rache hält den Narzissten Trump unter Strom und deshalb wirkt er vital. Sein Problem ist auch nicht die Stringenz der Gedanken, sondern die Flut der Beschimpfungen, die aus seinem Munde quillt, wenn er meint, es geschehe ihm Unrecht. So ist es, wenn in Menschen der solipsistische Glaube vorherrscht, die Welt drehe sich ausschließlich um sie.

Aber was ist das richtige Alter für einen Präsidenten, einen Regierungschef, einen Kandidaten für hohe Staatsämter? Gibt es zu alt, gibt es zu jung?

Barack Obama war erst 55 am Ende seiner Zeit im Weißen Haus. Als er dort eingezogen war, wirkte er nicht nur jung, sondern auch unerfahren. Den Mangel kompensierte er mit Intelligenz und einem Schwarm ergebener, kluger Berater. Emmanuel Macron erreichte mit knapp 39 das Amt, das er mit 49 verlassen wird. Dann wird er ein Präsident gewesen sein, der seiner Neigung zu einsamen Beschlüssen umfassend nachgab. So sind Obama und Macron die größtmöglichen Gegensätze bei ähnlichen Ausgangspunkten.

Das Alter ist wichtig in der Politik, keine Frage. Mehr Gewicht fällt aber dem Gemüt zu, jenem inneren Mittelpunkt eines Menschen, in dem sich der Charakter, das politische Können und der Sinn für das Handeln im richtigen Moment bündelt. Darin unterscheiden sich die Menschen, die in höchste Ämter gelangen.

Keir Starmer ist 61 Jahre alt und seit Freitag Premierminister.

Wenig nur wissen wir über den haushohen Gewinner der britischen Unterhauswahlen. Bisher profitierte er vom Kontrast zu seinem linken Vorgänger Jeremy Corbyn, dessen Gefolgsleute er aus den vorderen Rängen vertrieb. Auch unterscheidet er sich vorteilhaft von Gaudiburschen wie Boris Johnson. Starmer gilt als langweilig, aber das ist momentan noch kein Nachteil, weil Großbritannien von egozentrischen Charismatikern die Nase voll hat.

Wer Keir Starmer ist und was er kann, ob er ein stabiles Gemüt und einen inneren Kompass besitzt, muss er jetzt zeigen. Aus dem Stand, ohne Anlauf. Morgen beginnt der Nato-Jubiläumsgipfel in Washington. Seine neuen Kolleginnen und Kollegen werden ihn freundlich begrüßen und neugierig verfolgen, ob er sich mit Redebeiträgen vordrängelt oder diskret zurückhält.

So stark wie am Tag der Machtübernahme wird Starmer nie wieder sein. Dafür dürfte auch seine Labour Party sorgen, die momentan trunken vor Siegesfreude ist und gerade deshalb Ansprüche an die Umgestaltung der herrschenden Verhältnisse stellen wird, die der Premierminister tunlichst nicht erfüllen sollte. Und wie verhält er sich gegenüber der EU – sucht er Annäherung, auch wenn er an den Brexit nicht rühren will?

Frankreich ist anders. Frankreich hätte fast einen blutjungen Premierminister bekommen, wenn denn die Linke und Macrons Mitte-Partei nicht ein Bündnis gegen die Rechte geschlossen hätten. 28 Jahre alt ist Jordan Bardella und Vorsitzender des Rassemblement National. Seine Altersgenossen mögen lange Wochenstunden in ihren ersten Jobs abreißen und schon gutes Geld verdienen. Bardella aber brach sein Studium ab und warf alles auf die Politik. Von seiner Mentorin Marine LePen lernte er, was ein rechter Anführer auf dem Kasten haben muss. Den Mangel an Erfahrung sucht er mit geschliffener Rhetorik wett zu machen.

Erfahrung kommt mit den Jahren, wie denn sonst. Olaf Scholz zum Beispiel ist vor kurzem 66 Jahre alt geworden. Klein und schlank, diszipliniert und sportlich wie er ist, könnte er eigentlich noch länger Bundeskanzler bleiben. An Erfahrung kommt ihm kaum einer gleich. Seine Schwäche ist diese merkwürdige Arroganz, vieles besser als viele andere zu wissen, und ein gewisser Realitätsverlust. 

Friedrich Merz wiederum wird im November 69. Mit knapp 70 könnte er unser nächster Bundeskanzler sein. Seine Neigung zu flapsiger Arroganz könnte ihn mehr noch als sein Alter in Schwierigkeiten bringen. Eigentlich wäre er die ideale Übergangsfigur. Wenn er nur wollte, könnte er einem jüngeren Christdemokraten den Weg ebnen und somit die Voraussetzung für längeres Regieren seiner Partei schaffen.

Wen sollte er protegieren? Na ja, da gibt es Hendrik Wüst oder Boris Rhein oder Daniel Günther. Es wäre doch ein Akt der Souveränität, wenn Merz einen der Drei ins Kabinett holte, ihn förderte und ihm nach zwei Jahren das Ruder überließe. Aber wer bringt ihn auf diese Idee? Auch bei Merz stellt sich die Frage, ob er sich etwas sagen lässt – nach dem Charakter.

Alter ist schwierig, Alter kann auch eher gemütliche Gemüter zu Starrsinn veranlassen und so ein Drama verursachen, das über das Persönliche weit hinausgeht. In Washington entfaltet es sich gerade. Joe Biden ist noch im Stadium Ich-will-es-nicht-wahrhaben, dass ich mich als Kandidat zurückziehen soll. Eine gewisse Frist bleibt ihm sogar noch, weil ja eine Alternative erst noch gefunden und auf biographische Unangreifbarkeit getestet werden muss. Auch das Unabänderliche will Weile haben.

Tragödie mit Ansage

Joe Biden wird sich zurückziehen, keine Frage. Er überschätzte sich, als er glaubte, er könne noch einmal als Präsident antreten, trotz seines Alters, trotz seiner Aussetzer. Es war aber auch niemand da, der ihm den Rang streitig gemacht hätte. Ein Armutszeugnis für die Demokraten, die viele Eigensinnige und Eigensüchtige in ihren Reihen aufweisen, aber keinen besseren Kandidaten.

Die Frage ist nur, ob seine Frau Jill oder ein Vertrauter Joe Biden nahebringen, dass es vorbei ist. Es könnte auch zum Beispiel Barack Obama gebeten werden, die richtigen Worte finden, um den Präsidenten zur Einsicht zu bekehren. Vielleicht ist es aber auch so, dass Joe Biden inzwischen weiß, was unvermeidlich ist, und selber die Reißleine zieht. Er kann Präsident bleiben, aber nicht über den 20. Januar hinaus, dem Tag der Amtsübergabe.

Donald Trump ist ein pathologischer Lügner. Erstaunlicherweise kam keiner der beiden Moderatoren im TV-Duell auf den Gedanken, seine abwegigen Behauptungen aufzuspießen. Und genauso wenig dürfte irgendein Republikaner darüber sinnieren, ob diese altehrwürdige Partei nicht auch ihren Kandidaten zurückziehen sollte, der eine echte Gefahr für die Demokratie bedeutet, wenn er die Gelegenheit zum Durchregieren bekommt.

Selbst wenn die Demokraten nach dem 5. November noch eine Mehrheit im Senat haben sollten, dürfte sich Trump nicht bändigen lassen. Sein Respekt vor Institutionen ist gleich null. Den Supreme Court muss er nicht fürchten; ihn hat er so konservativ gewendet, dass er ihm nicht in den Arm fallen wird. Amerika aber muss den entfesselten Trump fürchten.

Wenn nicht ein Wunder geschieht, dann ist die Wahl jetzt schon gelaufen. Ein kraftvoller Biden hätte eine echte Chance besessen. Schon einmal besiegte er Trump. Wirtschaft und Renommee Amerikas legten in seiner Präsidentschaft deutlich zu. Eine Tragödie, allerdings eine mit Ansage, dass seine Geisteskräfte schwinden.

Die Demokraten müssen schleunigst einen Ersatzmann oder eine Ersatzfrau finden. Kamala Harris wäre die Ideallösung, hätte sie sich in den vergangenen vier Jahren profiliert. Hat sie aber nicht, und deswegen scheidet sie als Kandidatin aus. Also muss es eine Figur aus dem Reservoir der Gouverneure sein, mit dem Makel fehlender nationaler Reichweite und Bekanntschaft. Sowohl Gavin Newsome (Kalifornien) als auch Gretchen Whitmer (Michigan) leiden unter diesem entscheidenden Nachteil.

Es läuft wohl auf Newsome zu. Er regiert den großen Bundesstaat Kalifornien, hat einen gewissen Bekanntheitsgrad, während Whitmer Gouverneurin im kleinere Michigan ist und außerhalb eine eher unbekannte Größe.

Vielleicht sogar legt Newsome in den nächsten Monaten einen fulminanten Wahlkampf hin. In Amerika ist ja vieles möglich, was sonst undenkbar wäre. Newsome ist vergleichsweise jung, 54 Jahre alt, er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, ehe er in die Politik ging. Der letzte Gouverneur Kaliforniens, der zum Präsident aufstieg, war Ronald Reagan.

Mit Newsome ließe sich endlich auch das Alter des Kandidaten Trump, er ist 78, thematisieren. Voraussetzung dafür wäre eine fast verzweifelte Geschlossenheit der Demokraten, die momentan in viele eifersüchtige Einzel-Egos auseinander fallen.

So schnell, wie es mit der Alternative zu Biden gehen müsste, wird es ohnehin nicht gehen. Zuerst muss die Biographie Newsomes bis ins intimste Detail durchforstet werden, damit die Gegenkampagne nichts ausgraben kann, was ihn schwächen würde. Newsome leidet zum Beispiel unter Dyslexie, einer Schreib- und Leseschwäche, die das Trump-Lager ausschlachten wird, keine Frage.

Am 19. August beginnt der Krönungsparteitag der Demokraten. Womöglich bringt es diese zerfaserte, disparate Partei fertig, bis dahin zu warten, weil sie sich nicht auf einen Kandidaten (oder eine Kandidatin) einigen kann. Wollen wir’s nicht hoffen.

Wenn Amerika einen Präsidenten wählt, schaut die Welt angespannt zu. Amerika besitzt noch immer eminenten Einfluss auf allen Kontinenten, natürlich auch in Europa. Wir sind zwar auch nicht mit einer glänzenden Regierung geschlagen, aber ein Präsident Trump wäre eine verhängnisvolle Last für Frankreich, Deutschland und Großbritannien, für die baltischen Staaten und Polen und vor allem für die Ukraine.

Joe Biden wird womöglich der letzte amerikanische Präsident gewesen sein, auf den sich Europa in West wie Ost verlassen konnte. Ihn prägte der Kalte Krieg und das interventionsbereite Amerika mit all seinen Stärken und Schwächen. Er ist der ultimative amerikanische Patriot und kenntnisreiche Außenpolitiker. Wir werden ihm noch nachtrauern.

Da er zudem ein redlicher Mann ist, wird er in Kürze die Konsequenzen ziehen und aufgeben. Er kann sagen: Mein Alter fordert seinen Tribut, deshalb mache ich einem Jüngeren Platz. Ihn werde ich als Präsident kraftvoll im Wahlkampf unterstützen.

Und dieser jüngere Mensch sollte unbedingt schnellstens auf den Plan treten und sein Möglichstes tun, um Trump wie durch ein Wunder als Präsident zu verhindern.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Er lässt die Konkurrenz erblassen

Wenn es so kommt, wie die meisten Franzosen glauben, dann wird ein junger Mann von 28 Jahren ihr nächster Premierminister. Er heißt Jordan Bardella, tritt stets perfekt gekleidet im Anzug mit fabelhaft geknoteter Krawatte auf und beweist sein rhetorisches Geschick im Fernsehen wie auf dem Marktplatz.

Bardella macht allerdings eine Einschränkung: Er wolle nur Regierungschef werden, wenn seinem rechten Rassemblement National die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung zufällt. Na ja, mal schauen, ob er sich besinnt, falls seine Partei unter 50 Prozent bleibt.

Bardella wirkt wie ein Wiedergänger des Österreichers Sebastian Kurz, der ebenfalls eine derart verblüffende Karriere begonnen hatte, bevor er das 30. Lebensjahr erreichte. In ihm wiederholt sich das Junggeniehafte und Angstfreie, das Glatte und Perfekte. Was daran Überzeugung ist und was flexibler Opportunismus wird sich in Kürze zeigen. Man darf gespannt sein, ob sich für Bardella auch der ikarushafte Absturz wiederholt, den Sebastian Kurz hinter sich brachte.

Bardella ist ein Zögling von Marine LePen. Schon vor zwei Jahren erhob sie ihn zum Vorsitzenden der rechten Partei und sieht jetzt für ihn den Durchbruch in ein hohes Regierungsamt vor. Im rechten Marsch durch die Institutionen wäre dann in zwei Jahren Marine LePen dran, Präsidentin zu werden. Voraussetzung ist natürlich, dass Bardella bei aller Unerfahrenheit einigermaßen über die Runden kommt.

Im Fernsehen maß sich Bardella schon mehrmals mit Gabriel Attal, dem jungenhaftem Premierminister, der 35 Jahre alt ist. Attal ist das Produkt Emmanuel Macrons. Er ist liberal wie sein Präsident. Er legt sich ungern fest und sah deswegen nicht besonders gut aus gegen den kühlen Bardella, der sein Lied vom Frankreich der kleinen Leute singt, die ein hartes Leben führen und deshalb von der hohen Steuer auf Benzin und Energie befreit würden, sobald er Premierminister ist. Dass auf Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst zukommen soll , wiederholt Bardella in dieser Schärfe nicht mehr. Kam nicht gut an, kann weg.

Gestern Abend debattierten Bardella und Attal mit Manuel Bompard im französischen Fernsehen. Bompard gehört zur Linken, die mit Ökologen und Kommunisten ein Bündnis eingingen, das sich „Nouveau Front Populaire“ nennt, neue Volksfront. Eine kühne Namensgebung, denn die alte Volksfront unter Léon Blum war in den Vorkriegsjahren 1936 bis 1938 ziemlich unerfreulich gescheitert.

Bompard, der auch erst 38 Jahre alt ist, wirkt wie das ästhetische Kontrastprogramm zu den beiden wohlgekleideten, wohlrasierten Kunstprodukten. Er trägt Fünf- bis Sechstagebart, legt keinen Wert auf feines Tuch, blickt melancholisch aus müden Augen und trägt streng vor, dass die Rente mit 60 und die Erhöhung des Mindestlohns von 14 auf 16 Euro notwendig seien und Lebensmittel nicht erhöht werden dürften.

So bleibt Frankreich bleibt die Wahl zwischen verschiedenen Lagern mit fundamentalen Unterschieden. Auch deshalb entwickelte sich die TV-Debatte zur Wortschlacht. Ständig fielen sich die drei Kombattanten ins Wort und erklärten sich gegenseitig zur größten Gefahr fürs Vaterland. Attal verteidigte seine Reformen und nannte die ökonomischen Ideen der anderen völlig abwegig. Bardella betete seine Aversion gegen Immigranten herunter und versprach, er werde für Sicherheit sorgen. Beide echauffierten sich über Bompards Vorstellungen vom noch früheren Ruhestand.

Die Extreme schaukeln sich bei dieser Wahl hoch. Dabei liegt die Rechte in den Umfragen stabil vorn. Auf der Strecke scheint die bürgerlich-liberale Mitte zu bleiben, die Emmanuel Macron anführt. Anstatt einer Wiederauferstehung erlebt seine Partei wohl einen herben Rückschlag.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Jordan Bardella ins Hôtel Matignon einziehen wird, wo der französische Premier residiert – der jüngste Premier aller Zeiten aus einer Partei, von der noch vor kurzem niemand  gedacht hätte, dass sie je regieren würde.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Schlafwandeln ins Aus

Wer studieren möchte, wie sich ein politisches System aufwirbeln lässt, sollte nach Frankreich schauen. Dort hat Emmanuel Macron mit seiner Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, Schock und Chaos ausgelöst. Für das Sortieren bleibt nicht viel Zeit, denn schon am Sonntag wird das neue Parlament gewählt.

Sinn und Zweck der Übung ist eine Korrektur. Bei der Europawahl ging Marine Le Pens Partei als alleinige Siegerin hervor. Dem Präsidenten gefällt das Ergebnis nicht und deshalb gibt er den Franzosen die Gelegenheit zur Berichtigung. So ist er, so kennen wir ihn, das Springteufelchen, und er kann es, da der Staatschef überragende Macht im politischen Gefüge der Republik besitzt.

Ob Macron mit diesem Manöver Erfolg hat? Kaum zu glauben. Macron ist höchst unbeliebt. Seine Bewegung kommt vermutlich nur als dritte Kraft ins Ziel. Die Extreme profitieren von der Zerrüttung der Mitte nach acht Jahren. Die zersplitterte Linke tut sich schnell zusammen und benennt sich bedeutungsvoll „Front Populaire“, also Volksfront. Das ist eine interessante Wahl, denn das linke Bündnis war unter Premier Léon Blum in der Vorkriegszeit von 1936 bis 1938 nur kurz und keineswegs erfolgreich an der Macht.

Wie es aussieht, findet sich das heillos polarisierte Frankreich demnächst mit einem Präsidenten wieder, der mit einer Mehrheit der nationalkonservativen Rassemblement National im Parlament leben muss. Kohabitation nennt sich diese Art von immanenten Antagonismus. In zwei Jahren wählen die Franzosen dann einen neuen Präsidenten. Oder die Präsidentin Marine Le Pen.

Zwei Wahlen stehen in Europa in den nächsten Tagen an. Sie dürften den Kontinent gehörig durchrütteln. Nicht nur im Europäischen Parlament ist die Rechte zu einer unübersehbaren Macht aufgerückt. Frankreich, das Europa politisch beherrscht und beherrschen will, bekommt es mit einer Rechten zu tun, die von Europa nicht viel hält.

Die andere Wahl steht Großbritannien am 4. Juli bevor. Das Land hatte unter dem Einfluss der Rechten die Europäische Union verlassen und fingiert seither das 19. Jahrhundert, als Großbritannien eine Insel für sich war, abgewandt vom Kontinent, ein eigener Kosmos mit Weltmachtgeltung. Heute ist sogar das Sonderverhältnis zur ehemaligen Kolonie USA hinfällig. Dazu leiden England, Wales und Schottland ökonomisch unter dem Brexit, was die konservative Regierung nie zugeben würde. Auch deshalb steht sie vor ihrer Ablösung.

14 Jahre lang durften die Torys regieren. Es begann mit David Cameron, dem Großbritannien den Brexit verdankt. Mit dem Referendum verfolgte er die Absicht, den Verbleib in der EU abzusichern. Nur beging er den Fehler, die Sache laufen zu lassen, ohne zu sagen: Hört her, ich halte diese Europäische Union für sinnvoll und wichtig für uns, also stimmt gefälligst mit Ja. So bekamen die Gegner um Nigel Farage Oberwasser und versammelten eine knappe Mehrheit hinter sich.

Cameron ist übrigens heute Außenminister. Und Nigel Farage tritt am 4. Juli mit einer neuen Partei und den alten tückischen Parolen an.

Nach Cameron kam Theresa May. Sie hatte das Problem, dass sie als Pro-Europäerin die Verhandlungen über die Loslösung von Brüssel aushandeln musste. Diese hochgradige Ambivalenz konnte sie nie abschütteln. Da sie zudem sehr steif auftrat, fiel sie ins Unpopuläre, was ihren innerparteilichen Gegnern das fiese Spiel erleichterte. Also hatte Boris Johnson, der Obergaukler, seinen Auftritt für zwei Jahre. Bei seinen Treffen mit Donald Trump fiel jede Menge Slapstick-Material für einen kommenden Charlie Chaplin an.

Johnson war ein geübter Wahrheitsverdreher. Sein Vater hatte über ihn gesagt, er wird zwar Premierminister, bleibt es aber nicht lange. Er kannte seinen Sohn. Danach wurde es aber nicht besser fürs Vereinte Königreich. Liz Truss kam. Sie hatte hochtrabende Ideen für das neoliberale Wirtschaften, aber leider waren sie nicht nur schräg, sondern abwegig. Sie amtierte vom 6. September 2022 bis zum 24. Oktober 2022, genau sieben Wochen. Ein Minusrekord fürs Guiness-Buch.

Interessant daran ist die Selbstvergessenheit der britischen Konservativen, die das Regieren für ihr Geburtsrecht halten. Nicht einmal der wachsende Vorsprung der Labour Party in den Umfragen konnte sie beeindrucken. Die Torys bekriegten sich untereinander, sie bekämpften den jeweiligen Bewohner von Downing Street 10. Sie frohlockten, wenn es ihnen gelang, den Amtsinhaber oder die Amtsinhaberin abzusägen. Sie waren und sind ebenso machtversessen wie machtvergessen.

Der letzte Mohikaner ist Rishi Sunak. Vermutlich wäre er unter normalen Umständen sogar ein eher passabler Premierminister, aber er ist nun einmal geschlagen mit einer omnipotenten Partei, die in viele Lager zerfällt und sich nach einer unterhaltsamen Figur à la Boris Johnson sehnt. Wie Macron rief Sunak überraschend früh Neuwahlen aus. Aber anders als in Frankreich hängt die Wahl des Regierungschefs in Großbritannien von der Mehrheit im Parlament ab.

Frankreich driftet nach rechts. Großbritannien trudelt nach links. Der nächste Premier dürfte Keir Starmer sein, der Anführer der Labour Party, ein solider Mann, der seine notorisch zerstrittene Partei zusammenhält. 

Aus Deutschland könnten wir uns die Aufregung in den beiden Ländern entspannt anschauen, wenn es Grund zur Entspannung gäbe. Dummerweise sind auch wir mit einer Regierung geschlagen, die ihren Kompass verloren hat. Auch für uns ist die Europawahl ein unerfreuliches Omen. Auch bei uns stehen Konsequenzen an. Welche? Dafür gibt es zwei Optionen.

Option eins: Die Ampel vermag es Anfang Juli nicht, sich auf einen Haushalt zu einigen. Die FDP will keinesfalls die Schuldenbremse lockern, sie SPD will es unbedingt, wagt aber nur halblauten Protest. Die Grünen sind hochgradig verunsichert und wissen nicht mehr, was sie wollen sollen. Also ringen sie die Hände und hoffen auf ein Ende des Sturzes ins Bodenlose. So schlafwandeln diese Drei womöglich ins Aus.

Option zwei: Nach den ostdeutschen Wahlen mit dem Durchbruch der AfD wechselt die SPD den Kanzler aus, wogegen weder die FDP noch die Grünen Einwände erheben. Boris Pistorius darf dann versuchen zu retten, was nur schwerlich zu retten ist.

Für die EU ist die Entwicklung in den drei großen, entscheidenden Ländern besorgniserregend. Ab Juli sind nicht nur Ungarn oder die Slowakei unsichere Kantonisten, sondern auch Frankreich. Und Deutschland stehen demnächst ebenfalls ein paar unerfreuliche Konsequenzen bevor, die einiges verändern.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Herrin des Verfahrens

Malu Dreyer ist eine sympathische, intelligente, menschenfreundliche Frau. Das lässt sich über nicht allzu viele Politiker und Politikerinnen sagen. Sie beherrschte zweifellos ihr Metier, denn sonst wäre sie nicht elf Jahre lang Ministerpräsidentin eines mittelgroßen Landes geblieben. Natürlich hat es auch Versäumnisse und Skandale in dieser Amtszeit gegeben, wobei die Katastrophe im Ahrtal hervorsticht.

Imponiert hat mir, dass sie mit ihrer Krankheit nicht hinter dem Berg hielt. Sie sagte, sie habe Multiple Sklerose und sei mit ihrer Krankheit im Reinen. Mehr ließ sich dazu nicht sagen, es war, wie es war. Sie wollte auch nicht mehr darauf angesprochen werden und erwartete Diskretion. Sie war Ministerpräsidentin, es ging um Politik, nicht um MS.

Es ließ sich aber gar nicht vermeiden, das sie bei jedem öffentlichen Auftritt  unter Beobachtung stand. Sie ließ sich am Arm zum Podium geleiten. Ihr Gehen wandelte sich zum Staksen, da bei MS zuerst die Zehen und Füße taub fallen. Längere Strecken ging sie nicht mehr zu Fuß, sondern ließ sich im Rollstuhl schieben.

MS ist tückisch, weil der Körper nach und nach ausgeknipst wird. Dafür sorgt die Entzündung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst. Die Ursache for diese Krankheit ist unerforscht. Deshalb sprechen Ärzte von komplexen Gründen für den Ausbruch der MS. Es versteht sich, dass diese Krankheit individuell verschieden verläuft.

Selbstverständlich bin ich kein Experte. Nur musste mich in einer bestimmten Lebensphase über diese Krankheit eingehend informieren. Meine Frau erkrankte nach der Scheidung an MS und fast zur selben Zeit bekam auch mein Mit-Ressortleiter beim „Spiegel“ die gleiche niederschmetternde Prognose. Sie hatte die progrediente Variante, die unaufhörlich voranschreitet. Er hatte eine andere Form, in der sich Schübe und Ruhephasen ablösen.

Wer an MS leidet, verändert sich, was denn sonst. Ein Gutteil der Energie richtet sich auf den Umgang mit der Krankheit. Ärzte empfehlen den Patienten, von jetzt an Stress und Hektik möglichst zu vermeiden. Im Normalberuf lässt sich die Anpassung an die neuen Umstände einrichten. Wie weit sie gelingt, hängt vom Temperament und von der Selbstdisziplin ab und auch davon, wie stark das Selbstbewusstsein von der Arbeit determiniert wird.

In der Politik ist es schwieriger, sich mit der Krankheit zu arrangieren. Eine Ministerpräsidentin ist nur bedingt Herrin ihres Terminkalenders. Das Quantum an Reisen durchs Land und die Eröffnung etwa von Feuerwehrfesten lässt sich nicht von heute auf morgen verringern, am wenigsten zu Wahlzeiten. Zudem gehört Malu Dreyer dem Vorstand ihrer Partei an, was zweifellos eine zusätzliche Belastung bedeutete. Sitzungen der SPD ziehen sich gerne in die Nacht hinein, wenn der Weltgeist es verlangt. Politik ist eben eine Lebenskrafträuberin.

Andererseits ist Rheinland-Pfalz ein überschaubares Land und wechselt Regierungen nicht besonders häufig. Malu Dreyer blieb beliebt, so dass ihre Koalitionspartner zwar wechselten, aber die Nummer 1 zuverlässig die Nummer 1 blieb. Sie bewahrte sich ihre Heiterkeit. Sie war die Malu, die Wahlen gewann und sich nicht anmerken ließ, wenn es ihr nicht so gut ging. nwieweit der souveräne Umgang mit ihrer Krankheit bei ihrer Popularität ins Gewicht fiel, lässt sich nicht recht beurteilen.

Die Opposition hat sich gehütet, öffentlich über die geschwächte Ministerpräsidentin herzuziehen. Allenfalls hinter vorgehaltener Hand fielen die leisen, gemeinen Sätze, in Besorgnis gehüllt und stets anonym: Kann sie noch regieren, schaut nur, wie sie geht, wie sie im Rollstuhl sitzen muss – wie lange hält sie durch?

Ziemlich lange. Mehr noch gibt Malu Dreyer ein vorzügliches Beispiel für das richtige Timing beim Rückzug. Sie geht zu ihren Bedingungen. Sie hängt nicht an ihrem Amt, wie so viele an ihren Ämtern hängen. Sie war und ist die Herrin des Verfahrens. Eine große Leistung, zu dem man sie nur beglückwünschen kann.

Ob und in welchem Maße die Krankheit ihre Entscheidung bestimmt und beschleunigt hat, bleibt ihr Geheimnis. Sie sollte es lüften, vielleicht in einem Buch, das sie ja jetzt in Ruhe schreiben kann.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Kleiner Churchill in Camouflage

Wolodymyr Selenskji hat eine Festwoche hinter sich gebracht, mit der er überaus zufrieden sein kann. Kreuz und quer reiste er durch Westeuropa und versicherte sich der Solidarität der Verbündeten. Er dankte und bat um mehr  – um Waffen aller Art, um Hilfe beim Aufbau der zerbombten Infrastruktur.

Im Westen wundert man sich noch immer über diesen schmalen Mann, der als Comedian begann, schon mitten im Prozess der Entzauberung als Präsident stand und sich seit dem 24. Februar 2022 in einen kleinen Churchill in Camouflage verwandelte. Er verkörpert den unbedingten Willen nach nationaler Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Sobald er argwöhnt, dass die internationale Aufmerksamkeit nachlässt, wie etwa durch den Gaza-Krieg, macht er sich auf den Weg nach Amerika oder Europa.

Seine Sorge ist durchaus begründet. Weder in den USA, noch in Frankreich oder Deutschland ist die militärische, finanzielle und moralische Unterstützung unumstritten. Wo die Rechte an Schlagkraft gewinnt, wächst auch die Skepsis, ob das Engagement für die Ukraine noch angemessen ist. Ausgerechnet Italien, das den G-7-Gipfel ausrichtete, wackelt nicht unter der nationalkonservativen Giorgia Meloni.

In Berlin blieben AfD und BSW der Bundestagssitzung mit dem Ehrengast Selenskji fern. Die Absenz war nur konsequent, denn beide Parteien quellen über vor Verständnis für Wladimir Putin, wollen das billige russische Gas wieder nach Deutschland fließen lassen und glauben fest daran, dass ein Deutschland unter ihrem Einfluss von Moskau nichts zu befürchten hätte. Sie sind Beschwichtigungskünstler, Sarah Wagenknecht mehr noch als Alice Weidel. Beide sind zu Appeasement-Freaks geworden. „Wer als Europäer nicht sieht, dass Putins Planspiele nicht im Donbass enden, muss blind sein,“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung. 

Im Krieg sieht es nicht gut aus für die Ukraine. „Der Schlüssel für alles ist die Luftverteidigung,“ sagte Selenskji auf der Berliner Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine. Die russische Luftwaffe zerstört seit März systematisch Kraftwerke, Umspannwerke und das Stromnetz. Die Lebensadern des Landes sind schwer getroffen. Daran ändert auch nichts, dass ukrainische Soldaten jetzt mit westlichen Waffen Ziele auf russischem Territorium angreifen dürfen.

Ohne steten Nachschub aus dem Westen kann die Ukraine nicht standhalten. Mit mehr und schnellerer Hilfe wäre sie in besserer Lage, kein Zweifel. Ihr fehlt es an Panzern, Granaten, Artillerie – eigentlich an allem, auch an Soldaten.

Der Krieg mit seiner grausamen Logik beherrschte das Denken, wo immer Selenskji in der vorigen Woche auftauchte. Der Westen hat ein schlechtes Gewissen, das  ihn fast schon zu einem Übermaß an Solidaritäts-Bekundungen veranlasst. Taurus-Raketen zum Beispiel wären eine große Erleichterung an der Front.

Wo der Krieg dominiert, kann nicht richtig über Frieden nachgedacht werden.  Vor einigen Wochen legte China einen einseitigen Plan vor, der auf Putins Wunschvorstellungen hinauslief, die er nicht zufällig vor der Schweizer Konferenz wieder vorlegte: Anerkennung der annektierten Gebiete, Verzicht auf Nato-Mitgliedschaft. China macht es sich erstaunlich einfach. Und von Putin ist nicht mehr als imperialer Zynismus zu erwarten.

Staatschefs, Regierungschefs, Minister und Diplomaten aus rund 100 Nationen und Organisationen trafen sich in der Schweiz und nannten ihr Stelldichein pathetisch eine Friedenskonferenz. Allenfalls könnte sie ein Prolog dazu gewesen sein, da sie ja eine entscheidende Lücke aufwies. Russland fehlte, war auch gar nicht eingeladen worden. War das klug? Na ja, unter den Umständen war nichts anderes als Abwesenheit denkbar.

Eine Absage erteilte China. China versteht sich als Vermittler, wofür es jedoch die einseitige Parteinahme für Russland aufgeben müsste, um glaubwürdig zu erscheinen. Brasilien, Indien und Südafrika schickten nur untergeordnetes Personal. Saudi-Arabien entsandte überraschend doch noch einen Vertreter.

Der Sinn der Konferenz auf dem Birkenstock war ein erneuter Akt der Solidarität mit der gepeinigten Ukraine. Von hier „kann nur ein Signal an Putin ausgehen, dass er sich einer globalen Unterstützerfront gegenübersieht, die nicht nur aus EU- und Nato-Staaten besteht“, sagte Wolfgang Ischinger, der als als Ex-Diplomat und Sicherheitsexperte erfahren in Krisen und Kriegen ist.

Nicht sämtliche Teilnehmer waren mit der Abschlusserklärung einverstanden, zum Beispiel Indien und Saudi-Arabien. Die Ukraine aber sah ihre Wünsche erfüllt: Übergabe des Atomkraftwerks Saporischschja unter ukrainische Kontrolle; Verzicht auf die Androhung, Atomwaffen einzusetzen; Austausch aller Kriegsgefangener und Rückkehr der verschleppten Kinder.

Wann ernsthaft über Frieden geredet werden kann, steht in den Sternen. Möglich werden Verhandlungen erst dann, wenn sich der Krieg erschöpft hat und die Generäle hier oder dort ihrem Oberbefehlshaber gestehen, dass weiteres Töten und Sterben zu nichts führt. Die Alternative wäre Putins Entfernung von der Macht, da für ihn nur ein Siegfrieden in Frage kommt.

Viel hängt vom 5. November ab, wenn Amerika seinen Präsidenten wählt. Noch vier Jahre Biden wäre für die Ukraine eine Riesenerleichterung. Noch mal vier Jahre Donald Trump würde Putin frohlocken lassen.

Wolodymyr Selenskji hat fürs Erste seine Ziele erreicht. Der Westen bleibt an der Seite der Ukraine. Der kleine Churchill in Camouflage kommt bald schon wieder, diesmal nach Washington. Dort feiert die Nato, vor kurzem 75 geworden, ihren Jubiläumsgipfel.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wie lange noch mit Olaf Scholz?

Es gibt ja schon länger gute Gründe, darüber nachzudenken, ob Olaf Scholz noch der richtige Kanzler ist. Ist er nicht, wenn man bedenkt, dass nur noch 23 Prozent aller Deutschen ihm Vertrauen schenken, was im Umkehrschluss bedeutet, dass 77 Prozent ihm nicht mehr vertrauen. Auf dieser Grundlage kommt das Urteil Sigmar Gabriels zustande, dass die Deutschen mit dieser Regierung durch sind. Ja, schon wahr, kein besonders guter Kronzeuge der Anklage, aber Gabriel dampfplaudert aus, was andere Sozialdemokraten nicht mehr besonders klammheimlich denken.

Auch wenn man mit Prognosen über die Ampel vorsichtig sein muss, lässt sich doch zweierlei feststellen: Die Diskussion über die Tauglichkeit des Olaf Scholz zum Kanzler ist, erstens, eröffnet: zweitens wäre die Änderung des Binnenklimas im Dreier-Bündnis eine Sensation wie Schottland als Fußball-Europameister.

Was Olaf Scholz angeht, muss man der Wahrheit die Ehre geben und ihm zugestehen, dass er mit einer Partei geschlagen ist, die nicht weiß, was sie wollen soll. Die Ambivalenz in geschichtsträchtigen Weltlagen ist ja recht eigentlich der Normalzustand der SPD. Zur Gestalt geworden ist sie in ihrem Vorsitzenden Lars Klingbeil, einem sympathischen Menschen, der so schmerzlich an den vielen Niederlagen leidet, dass man versucht ist, ihm Trost zu spenden.

Das Problem liegt darin, dass Scholz auch nicht weiß, was er wollen soll. Zeitenwende-Kanzler und Friedenskanzler geht eben nicht zusammen. Sozialstaatsausbaukanzler und Bundeswehraufbaukanzler auch nicht. Er ist so vieles und nichts davon richtig. Er ist gut im Ignorieren von öffentlichen Empörungswellen und schlecht darin, Prioritäten nicht nur zu setzen, sondern daran festzuhalten.

Sozialdemokratische Bundeskanzler kamen immer irgendwann in die Notlage, gegen die Parteiräson zu verstoßen, weil es um Größeres ging. Bei Helmut Schmidt war es der Nato-Doppelbeschluss, bei Gerhard Schröder die Agenda 2010. Hätte sich Olaf Scholz darauf konzentriert, die Zeitenwende nicht nur auszurufen, sondern auch durchzusetzen, wäre er zwar mit seiner Partei über Kreuz gekommen, stünde aber heute als der Kanzler da, der seinem richtigen Reden die richtigen Taten folgen lässt.

So aber werden ab jetzt ein paar unangenehme Fragen gestellt werden. Wie lange kann Olaf Scholz Kanzler bleiben? Wer folgt ihm? Von heute an tickt die Uhr. Drei Niederlagen bei den ostdeutschen September-Wahlen dürfte er  kaum im Kanzleramt überleben. 

Eine sinnreiche Episode spielte sich übrigens vor kurzem ab. Da ließ Franz Müntefering, das sozialdemokratische Lebenskunstwerk, wie zufällig die Bemerkung fallen, dass parteiintern „noch nicht beantwortet“ sei, wer als Spitzenkandidat bei der nächsten Bundestagswahl aufgestellt werde. Müntefering ist zugegeben ein älterer Herr, aber auch ein Kenner der Seele seiner Partei. 

Die Reaktion des Kanzlers ließ nicht lange auf sich warten. Nicht zufällig tötete Olaf Scholz kurz darauf wie nebenbei die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Damit machte er Boris Pistorius, der ihm an Beliebtheit enteilt ist und händeringend mehr Soldaten braucht, einen Kopf kürzer. So banal geht es zu, wenn die Macht bröckelt. So viel auch zur Zeitenwende für die Bundeswehr.

Noch mal: Wer ist der Kanzler und was will er? Hält er es für möglich, dass Wladimir Putin in ein paar Jahren zum Beispiel im Baltikum fortsetzt, was er in der Ukraine begonnen hat? Und was folgt für Deutschland und die Nato daraus?

Zufällig gibt es einen Sozialdemokraten, der diese Fragen stellt und und sich um Antworten bemüht. Das ist Boris Pistorius. Wahrscheinlich hat er sich überlegt, ob er zurück treten sollte, als ihn der Kanzler brüskierte. Seit gestern gibt es mindestens einen Grund weniger.

Friedrich Merz fordert die Bundesregierung erstaunlich milde dazu auf, den Kurs zu wechseln. Geht das überhaupt noch? Ich finde, wer noch nicht den Glauben verloren hat, dass sich Scholz samt Christian Lindner und Robert Habeck zur Abwechslung zusammenraufen, so dass eine Regierung regiert, die den Namen verdient, ist für sein Durchhaltevermögen zu bewundern. 

Vielleicht ist es für eine Veränderung des Binnenverhältnisses ohnehin schon zu spät. Die Grünen sind offenbar verhasst, wie sich an der Europa-Wahl ablesen lässt. Die FDP sackt ab in die Bedeutungslosigkeit und die SPD marginalisiert sich. Die Stärke der AfD ist die Schwäche der Ampel. Und die CDU hat nur scheinbar ein gutes Wahlergebnis erreicht.

Das ist der machtvolle Trend, für den diese Bundesregierung mit verantwortlich ist. Der Sog, der so entsteht, dürfte den Kanzler mit sich reißen, wenn nicht die ganze Ampel.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ende mit Schrecken?

Der amerikanische Präsident unterbreitet einen Vorschlag, wie der Krieg beendet werden und die Geiseln endlich befreit werden könnten. Die israelische Regierung stimmt zu und die Hamas läßt verlauten, sie stehe einem Waffenstillstand „positiv“ gegenüber.

Das ist nun auch schon wieder einige Tage her, ohne dass der Plan in kraft getreten wäre. Optimisten werden sagen: Gemach, Geduld, wenn ein amerikanischer Präsident einen derart weitgehenden Vorschlag öffentlich vorträgt, ist dessen Annahme gesichert, von Benjamin Netanjahu wie von der Hamas-Führung.

Pessimisten können einwenden: Joe Biden ist schon so oft von Netanjahu brüskiert worden, dass er ihn auch diesmal ins Leere laufen lässt. Weder der israelische Premier noch Yahya Sinwar, der militärische Hamas-Führer zeigen auch nur ein Jota Interesse daran, den Krieg zu beenden oder auch nur eine Waffenpause einzulegen.

In dieser Region, die an Orgien von Blut und Tod, Terror und Gewalt gewöhnt ist, wäre ein Innehalten ein Segen. Die Voraussetzungen für mehr Frieden sind ja ohnehin getroffen, indem Saudi-Arabien seinen Frieden mit Israel schließen will. Beider gemeinsamer Feind, Iran, ist nach dem Tod seines Präsidenten beim Absturz eines Hubschraubers mit sich selber beschäftigt, so dass die allzeit mögliche Ausweitung des Krieges minimal zu sein scheint.

Kein Zweifel auch, dass die Hamas entscheidend geschwächt ist, sonst würde sich Ismail Haniyya, der politische Führer im Exil in Katar, nicht für einen permanenten Waffenstillstand einsetzen. In der Konkurrenz mit dem militärischen Flügel im Gaza entscheidet sich, ob die Hamas den Vorschlag annimmt oder verschleppt oder ablehnt.

Ein maximales israelisches Kriegsziel besteht darin, die Hamas vollständig zu liquidieren. Kann man sich wünschen, ist aber bei näherem Betracht unrealistisch. Ein eher pragmatisches Kriegsziel besteht darin, die Hamas auf Dauer so zu schwächen, dass ihre Herrschaft über zwei Millionen Einwohner des Küstenstreifens am Mittelmeer unmöglich wird. Aber wer soll danach dort die Regierung übernehmen? Die Schwäche des amerikanischen Plans liegt darin, dass er diese entscheidende Frage für die Zeit nach dem Krieg unbeantwortet lässt.

Die Stärke des Biden-Plans aber besteht darin, dass die Geiseln freikommen, sobald die israelische Armee ihren Rückzug aus Gaza antritt. Wie viele von ihnen noch leben, weiß so gut wie niemand ganz genau. Angeblich sind noch 134 Menschen in der Gewalt der Hamas. Ihr Schicksal ist durch das martialische Gerede über eine Großinvasion im Süden und durch das Handeln der Regierung Netanjahu aus dem Blick geraten, auch wenn fast Tag für Tag Demonstranten in Tel Aviv und anderen Städten mit steigender Verzweiflung an sie erinnern.

Seit langer Zeit kennt der Nahe Osten nur eine Richtung: nach unten. Israels Armee ist zu stark, als dass ein großer Krieg wie 1967 oder 1973 anstünde. Einige Gegner von damals schlossen Frieden, zum Beispiel Jordanien oder Ägypten. Die Feinde von heute ziehen einen asymmetrischen Krieg vor, zum Beispiel die Hamas am 7. Oktober 2023 und die Hisbollah mit ihren Raketenangriffen; dazu kommen die Houthi-Rebellen aus dem Jemen mit ihren Angriffen auf den Welthandel zu Schiff.

Gegen solche Überfälle kann sich Israel nur durch Liquidation schützen, das ist die Logik. Sobald die Hamas ausgeschaltet wäre, käme die Hisbollah dran, die den Libanon beherrscht wie die Hamas den Gaza. Diese asymmetrischen Kriege würden nur durch Kapitulation enden. Im Fall der Hamas ist es sogar theoretisch denkbar, dass sie aufgibt. Die Hisbollah aber hat ein größeres Land im Würgegriff und Iran als Schutzmacht, die im benachbarten Syrien und dem Irak Bastionen aufbaute.

In Israel treten die Nationalreligiösen in der Regierung Netanjahu gegen jeden Kompromiss ein. Sie kündigen vorsorglich das Ende der Koalition an, sollte sich Netanjahu dem amerikanischen Präsidenten fügen. Ginge es nach Finanzminister Bezalel Smotrich, würde Rafah im Süden des Gaza vollkommen zerstört. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir schrieb über den Vorschlag des US-Präsidenten: „Hamas liebt Biden“. In diesen Zirkeln der Macht kursiert die Idee, die zwei Millionen Menschen aus Gaza zu vertreiben und durch israelische Siedler zu ersetzen – nach dem Vorbild der (völkerrechtlich illegalen) Besetzung des Westjordanlandes.

Benjamin Netanjahu ist der ultimative Machtpolitiker, für den sein Land mit seinen eigenen Interessen identisch ist. Endet der Krieg, endet seine Macht. Für Israel könnte darin durchaus eine Befreiung liegen. Ein Neuanfang, zum Beispiel mit Verteidigungsminister Yoav Galant, ist denkbar. Den Geiseln kann man nur von Herzen wünschen, dass ihr Alptraum bald vorbei gehen wird und ihnen die Rückkehr ins bürgerliche Leben gelingt.

Joe Biden beweist mit seiner Initiative Mut, Geschick und Risikobereitschaft im Nahen Osten. So einen Präsidenten im Weißen Haus zu wissen ist gut für Amerika und den Rest der Welt.

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Meine Mutter

In diesen Tagen wäre meine Mutter 100 Jahre alt geworden. Sie war eine klassische Nachkriegsmutter, die immer Frieden stiften wollte und für die das Telefon eine segensreiche Erfindung war. So blieb sie mit allen in Kontakt, an denen ihr lag. So konnte sie umsichtig Neuigkeiten und einschneidende Ereignisse bereden und verteilen. Manchmal schrieb sie auch Briefe in einer makellos schönen Schrift, in Sütterlin geübt. Mein Sohn Vincent hat ihren Schreibstil geerbt. Das gefällt mir, denn meine Mutter mochte ihren Enkel sehr.

Meine Mutter hatte ein bewegtes Gemüt. Sie war kultiviert, aber auch jähzornig. Irgendwann, als ich längst erwachsen war, entschuldigte sie sich für die Prügel mit dem Teppichklopfer, die sie mir angedeihen ließ. Sie sagte, sie hätte es nicht besser gewußt. War wohl so, aber Kinder im Zorn zu schlagen, sollte auch für diese Generation verboten gewesen sein, das wäre das Mindeste.

Was mir an ihr imponierte, war diese Klarheit und Schnörkellosigkeit, wenn es ernst wurde.. Ich kam mal in Finanznot, weil die Kreditrate für mein Haus nach Ablauf der Zinsfrist fast verdoppelt wurde. Ich rief an und weinte aus Demütigung, weil ich auf Hilfe angewiesen war. Meine Eltern berieten kurz und halfen mir dann anderthalb Jahre aus. Sie sagten, aus Gerechtigkeit müssten sie meinem Bruder ebenso viel Geld zukommen lassen. Das Prinzip Gerechtigkeit habe ich übernommen.

Kinder, egal welchen Alters, können sich ihre Eltern nicht als Menschen vorstellen, die sie waren, bevor sie Eltern wurden. Ich kenne Fragmente aus den Leben meiner Eltern. Der Bauernsohn aus Lichtenberg, der nur mittlere Reife ablegen kann, weil das Geld für das Gymnasium fehlt. Mit 18 fährt er auf dem Motorrad nach Schweden. Was wäre aus ihm geworden, wenn er dort geblieben wäre, anstatt nach Hause zu fahren, eingezogen zu werden, als Soldat in Frankreich und dann in Russland zu kämpfen, verwundet und amputiert zu werden?

Meine Mutter war Tochter aus bürgerlicher Familie. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine kleine Fabrik Geschäfte in Kusel, eine großzügige Wohnung, Pferde, Klavierunterricht. Damit war es 1918 vorbei, weil die Familie Harth Kriegsanleihen gezeichnet hatte. Zwei der Unglücklichen begingen daraufhin Selbstmord. Von der Zwischenzeit, bis sie meinen Vater kennenlernte, hat sie nur bruchstückhaft erzählt. Jahrgang 1924, Mittlere Reife 1940. BdM, kein Entkommen. Zu jung, um zu verstehen, was da in Deutschland passierte. Ich erinnere mich an eine Bemerkung meines Vaters, dass da ein Leutnant gewesen sei, den die jugendliche Luise Karoline Elisabeth Harth geliebt haben soll. Ob er sie verließ, ob er „fiel“ (was für ein lächerlich beschwichtigender Ausdruck: als sei er hingefallen), ob der Leutnant im Krieg das Schreiben einstellte, aus Gründen, die sie nicht kannte: Ich weiß es nicht. Zwei ihrer drei Brüder kamen im Krieg ums Leben. War sie verzweifelt oder taub, weil so viele starben? Raubten ihr der Krieg Mut und Energie? Kein fröhlicher Mensch, aber zur Fröhlichkeit fähig. Die Klarheit, wenn es darauf ankam, kam aus dem Lebensernst, den sie in sich trug.

Eigentlich ist es absurd, dass ich als Journalist mich so wenig für die Zeit meiner Eltern vor der Zeit, als sie Eltern waren, interessiert habe. Heute empfinde ich diese Ignoranz als Makel. Warum habe ich nicht ausführliche Fragen gestellt? Was hat mich daran gehindert? Ich glaube schon, dass sie mir beide geantwortet hätten, warum denn auch nicht? Von sich aus über das Schwere zu reden und uns damit zu belasten, kamen ihnen nicht innen Sinn. Über die Großeltern meiner Frau habe ich ein Buch geschrieben. Als Kronzeuge diente mein Schwiegervater, den ich nach Strich und Faden ausgequetscht habe. Anfangs antwortete er zögernd. Ein gewisses Unbehagen an der Erinnerung war ja auch verständlich. Aber dann kam er in Fahrt. Es bereitete ihm allmählich sogar Vergnügen, im Gedächtnis zu graben. Seine Eltern waren bemerkenswerte Menschen gewesen und er glich seinem Vater. Er lieferte die Fakten und ich schrieb einen historischen Roman über Grete und Artur.

Die Brüche im Leben meiner Eltern hätten natürlich auch einen Roman ergeben. Mein Vater ist 19, als sein erstes Leben endet. Sein zweites Leben beginnt nach dem 3. Februar 1942, als er bei Charkow angeschossen wird. Wundbrand. Amputation beider Beine unterhalb der Knie. Lazarett in Franzensbad. Als die Stümpfe verheilt sind, Anpassung der Prothesen. Am 2. September 1944 Heirat mit Carola, wie der Rufname meiner Mutter lautete. Hans und Carola Spörl. Carola ist noch 20, als mein Bruder am 12. März 1945 geboren wird.

Sie hätten sich ja kaum gekannt, erzählte mir meine Mutter, als mein Vater 2008 gestorben war. Sie hätte großes Mitleid mit ihm gehabt. Er sei jemand gewesen, auf den sie sich hätte verlassen können. 1945 ging es weniger um Romantik und mehr ums Überleben. Das Baby wollte durchgebracht werden, was schwer genug war. Sie lebten in einer heruntergekommenen Villa, in der sie mit Adeligen einquartiert worden waren. Die Verachtung meines Vaters für die Aristokratie geht auf diese Erfahrung im ungewollten Zusammenleben zurück. Endlich bekam die junge Familie eine eigene Wohnung zugewiesen. Hügelstraße 16. Drei Zimmer, Küche, Bad. Toilette auf der halben Treppe. Der Vater meiner Mutter lebte kurze Zeit bei ihnen. Die Mutter meiner Mutter war gerade jung gestorben. Mit 58. Das Herz.Ihr Vater blieb nicht lange allein, was sie ihm nie verzieh. Er zog mit einer Frau zusammen, die auch noch katholisch war, was für stolze Protestanten eine Zumutung war, zumal diese Frau auch noch fromm war, also bigott.

Was hat der Tod ihrer Mutter für meine Mutter bedeutet? Wie schlug ihr die Entfremdung vom Vater aufs Gemüt? Auch der Vater meines Vaters war früh gestorben, 1953. War wohl ein harter Mann. Bauer tagsüber, abends Gastwirt. Zähes Leben. Nicht arm, nicht reich. Angesehen in Lichtenberg, das auf jeden Fall.

In einem der seltenen Gesprächen mit meiner Mutter über die letzten Kriegstage erzählte meine Mutter über ihre Schreckenseindrücke, die sie nie verlassen hätten: Junge Deserteure, die von Laternen hingen, Kinder noch, 16 oder 17 Jahre alt. Die SS, die bis zuletzt wütete und Menschen erschossen, die Rahe liegende Bemerkungen über den Führer machten, der sich durch Selbstmord davon gemacht hatte und schnell noch Nero-Befehle ausgab, die seine Schergen ausführten, bevor sie ihre Uniform verbrannten und behaupteten, sie seien Verführte gewesen, Opfer Hitlers, keinesfalls Täter.

Meine Mutter sagte auch, dass sie wie taub gewesen sei, als der Krieg endlich vorbei war. Taub und angsterfüllt, was die Alliierten jetzt mit ihnen machen würde, mit Deutschland. Die Zukunftsangst muss ungeheuer gewesen sein. Die Angst vor Vergewaltigung, vor Vergeltung, vor Rache, vor Hunger, vor Not, vor dem Tod nach dem Krieg, der sie im Krieg verschont hatte. Die Sorge, das Baby würde nicht überleben.

Zum Glück gab es ja die Schwiegereltern auf dem Land. Wer familiäre Verbindungen dorthin besaß, hatte Chancen zu überleben. Bis tief in die 1950er Jahre fuhren meine Eltern an jedem Wochenende die 30 Kilometer von Hof nach Lichtenberg und halfen der Mutter meines Vaters im Gasthaus. Auch sie war eine harte Frau. Zwei Söhne hatte sie geboren. Mein Vater war der ältere. Der Lieblingssohn war Paul, der jüngere. Als er „fiel“ oder vermisst war und mein Vater doppelbeinamputiert überlebte hatte, sagte sie zu ihm „Das ist die Sündenschuld“. Meine Mutter erzählte mir diese Geschichte. Ich habe nie gefragt, was seine Mutter damit gemeint hatte, mit dieser Sündenschuld. Worauf spielte sie an? Gab es da einen Vorfall? Machte sie den großen Bruder für den Tod des kleinen Bruders verantwortlich? Oder war sie nur gemein und böse?

Mir wird noch immer komisch zumute, wenn ich mir diesen Satz ins Gedächtnis rufe: „Das ist die Sündenschuld.“ Vielleicht ist er vor diesen verständnislosen Eltern 1938 nach Schweden geflohen. Wollte weg, weit weg. Hätte er eine blonde Schwedin getroffen, sich ins sie verliebt und sie sich in ihn, wäre er womöglich geblieben. Soviel wäre ihm erspart geblieben. Der Krieg. Die Amputation. Der Satz seiner Mutter. Was hat er in ihm ausgelöst? Warum hat er sich nicht umgedreht und ist gegangen?

Die richtigen Fragen fallen mir zu spät ein. Nur ein Tagebuch habe ich, das der junge Soldat Hans Spörl in Frankreich geführt hat. Von Krieg ist nicht die Rede. Oft ist er ins Bordell gegangen, das war so vorgesehen für diese 19, 20jährigen. Die Wehrmacht empfahl es so. Unbeschwerte Zeilen, ein junger Mensch schrieb sie, bevor er im Juni 1941 an die Ostfront versetzt wurde. Bevor er Wundbrand erlitt. Bevor er im Lazarett darauf warten musste, bis diese Stümpfe für die Prothesen bereit waren. Bevor diese grausame Mutter diesen furchtbaren Satz ausstieß.

Tage beklommener Erwartung

75 Jahre alt ist das demokratische Land, in dem wir leben. Glückwunsch! Zu Recht wird ein paar Tage lang gefeiert, denn hinter uns liegt ja einiges. Die Teilung in zwei Deutschlands und der Kalte Krieg. Die RAF und der NSU. Die Liste der Gefährdungen ist lange und könnte beliebig fortgesetzt werden. Aber da Deutschland im Wesentlichen Glück mit seinen Kanzlern hatte, ist die Geschichte seit 1949 im Rückblick eine Erfolgsgeschichte.

Nicht zufällig reiste Emmanuel Macron an. Die Versöhnung mit Frankreich war die Grundlage für das Ende des Revanchismus und die deutsche Westbindung. Dabei legten die französischen Präsidenten immer Wert darauf, in Europa politisch den Ton vorzugeben, auch wenn Deutschland ökonomisch stärker da stand. Momentan könnte der charakterliche Gegensatz zwischen Präsident und Bundeskanzler nicht größer sein: hier das Feuerwerk, dort das laue Lüftchen; hier der Springteufel mit stets neuen Ideen und Thesen, dort der halblaute Pragmatiker.

Wenn ein Land sich selber feiert, blitzen Stolz und Selbstgefälligkeit durch, was sonst. Zugleich liegt diesmal aber auch Beklommenheit in der Luft. Können wir auf Kontinuität der liberalen Demokratie bauen, die dem Land gut getan hat? Sie setzte sich ja erst seit den 1970er Jahren durch und hat die beste Zeit hinter sich, kein Zweifel. Denn es ist nicht zu übersehen, wie sich die Verächter des politischen, sozialen und kulturellen Fortschritts vermehren. Es sind nun wahrlich nicht nur Verlierer der Moderne, sondern auch Gewinner, die in ihren Clubs und Zirkeln über das Land herziehen, dem sie ihren Wohlstand verdanken.

Kein Zweifel, der Zeitgeist denkt und steht rechts. Die Rechte hat das Momentum, wie man so schön sagt. Anders gesagt liefern sich Liberalismus  und Autoritarismus die zentrale Auseinandersetzung weltweit. Liberale glauben an demokratische Werte. Autoritäre Populisten hingegen wie Narendra Modi oder Viktor Orban oder Recep Tayyip Erdogan, dazu Diktatoren wie Wladimir Putin und Xi Jinping halten absolut nichts von Rücksicht auf Minderheiten, wenn sie nicht rundheraus darauf spucken.

In gewisser Hinsicht ist die liberale Demokratie ein Opfer ihres Erfolgs. Mehr und mehr lernte sie es zu respektieren, dass Menschen ihre eigene Wahl treffen, wie sie sein und wie sie leben wollen. Liberalismus gibt nicht vor zu wissen, was richtig und falsch für seine Bürger ist und begnügt sich mit neutralen Regeln. Weltanschauung ist eine private Wahl und entsprechend gibt es diverse Weltanschauungen in dieser hochdifferenzierten Gesellschaft, die dazu noch sozial auseinander driftet.

Liberale Demokratien haben aber auch blinde Flecken. Sie geben keine Antworten auf ein paar Fragen nach Sinn und Zweck, die Menschen eben auch bewegen. Denn etliche Institutionen, die Halt und Integration boten, sind im Lauf der liberalen Erfolgsgeschichte erodiert: von der Kirche über Gewerkschaften und Parteiorganisationen zu großen und kleinen Vereinen, in denen sich Menschen trafen, miteinander redeten und stritten, aber immer auch einen festen Ort zu einer festen Zeit fanden. Ein berühmtes Buch, das den Prozess der Vereinzelung in Amerika schildert, wo ja früher anfängt, was dann auf Europa durchschlägt, trägt den Titel: „Bowling Alone. Collapse and Revival of American Community.“

Kegeln war mal ein gemeinschaftsbildender Volkssport, lang ist’s her, wobei Kegeln in diesem Standardwerk nur symbolisch gemeint ist für viele Vorgänge der Vereinzelung, die sich in allen gesellschaftlichen Schichten auswirken.

Autoritäre Figuren wie Donald Trump oder Populisten wie Giorgia Meloni, Marine LePen oder Alice Weidel machen die liberale Demokratie für alles verantwortlich, was im Land und in der Welt schief läuft. Sie nähren die Illusion, dass es möglich ist, das Verlorene zurückzuholen – das Land, eingebunden in den Welthandel und internationalen Organisationen wie EU und Nato, natürlich auch die konstitutive Familie aus Mann und Frau, dazu die Flagge und die stolze Geschichte der Nation, die sich nicht auf Irak oder Mussolini, auf Vichy oder Hitler reduzieren lässt – auf Fliegenschisse der Geschichte, wie es Alexander Gauland idealtypisch für die Rechte formulierte, die das Vietnam-Memorial in Washington genauso wie das Holocaust-Denkmal in Berlin für einen Gedenk-Ort nationaler Schande hält.

Die liberale Demokratie erlebt eine rechte Gegenrevolution. Ihre Anhänger fühlen sich verloren, abgehängt und missachtet. Die Rechte gibt ihnen, was sie vermissen: Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Bedeutung. Was die Rechte unter Politik versteht, macht aus der prosaischen Kompromissbildung einen Kreuzzug gegen alles, was liberal, modern und progressiv anmutet.

Autokraten wie Orban und Populisten wie Meloni oder Weidel oder Gauland oder Björn Höcke füllen einerseits die Leerstelle der liberalen Demokratie mit Althergebrachtem und ziehen andererseits die Mittelschicht an, die unzufrieden mit den deutschen Verhältnissen sind. Die Gegenrevolution regiert in Italien und vielleicht auch bald in Frankreich. Und Deutschland?

Die Selbstfeier der liberalen Demokratie am 75. Geburtstag dürfte nahtlos in Katzenjammer übergehen, wenn Europa in zwei Wochen gewählt hat. Dann bleiben noch wenige Monate bis zur Klärung der wirklichen Verhältnisse bei den drei ostdeutschen Wahlen im September. Und zur Gegenwehr gegen die Gegenrevolution.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.