Mindestmaß an Respekt

Reinhold Robbe (SPD) war der erste Zivildienstleistende, der zum Wehrbeauftragten des Bundestages gewählt wurde. Zwischen 2005 und 2010 lag der Schwerpunkt seiner Aufgabe im Norden Afghanistans, wo deutsche Soldaten und Soldatinnen stationiert waren. Er ist bekannt für seinen Freimut, mit dem er Kommandeure wie Verteidigungsminister öffentlich kritisierte. Oft bemängelte Robbe, 66, dass die Deutschen, ihrer Geschichte wegen, die Rolle der Bundeswehr in der Demokratie nicht angemessen achteten.

t-online: Herr Robbe, fast 20 Jahre waren deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Hätten Sie je gedacht, dass der Einsatz so lang dauern würde? 

Robbe: Nie und nimmer! Deshalb kann ich in keiner Weise nachvollziehen, wie klammheimlich dieser Einsatz beendet werden sollte. Aus meiner Sicht muss der Afghanistan-Einsatz zu einer Grundsatzdebatte über die Rolle der Bundeswehr zu führen. Wir brauchen außerdem eine schonungslose Aufarbeitung dieses Einsatzes. Ich werbe deshalb für eine Enquete-Kommission, die der neue Bundestag einsetzen sollte.

Wie oft waren Sie als Wehrbeauftragter dort und wie hat sich die Mission im Laufe der Zeit verändert? 

Mehrmals im Jahr war ich dort, um von Kabul über Masar-e-Scharif, Faizabad bis Kundus mit den Soldatinnen und Soldaten zu reden Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir anfangs im offenen Fahrzeug durchs Land fuhren, was bald darauf undenkbar war.


Die Truppe war in einem fernen, fremden Land stationiert und wusste nicht, wer Freund, wer Feind war. Was machte diese absolute Unsicherheit mit ihnen? 

Beispielsweise sprach ich mit jenen Soldaten, die 2002 unmittelbar nach dem Bundestagsbeschluss in Afghanistan landeten und einer amerikanischen Einheit zugeordnet wurden, allerdings keinen klaren Auftrag hatten, also im Grunde führungs- und orientierungslos waren. Das hat sich dann schnell geändert, als die Bundeswehr klare Aufträge und regionale Zuständigkeit innerhalb der alliierten ISAF-Streitkräfte übernahm. Es gab den „vernetzten Auftrag“, bei dem Bundeswehr, Diplomatie und Entwicklungshilfe scheinbar gleichberechtigt nebeneinander standen. Deshalb waren die Soldaten für die deutsche Öffentlichkeit in erster Linie „Brückenbauer“ und „Brunnenbohrer“, wobei die militärische Komponente bewusst vernachlässigt wurde. 

In der Heimat stritten Politiker semantisch darüber, ob es sich um einen Krieg oder nur um einen Konflikt handelte. Was sagten die Soldaten? 

Vom damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung wurde den Soldatinnen und Soldaten untersagt, den Begriff „Krieg“ zu verwenden. Das nahm obskure Formen an, denn je länger der Einsatz dauerte, desto mehr Taliban-Angriffe gab es auf Bundeswehr-Konvois und Stützpunkte und deshalb nannten die Soldaten es „Krieg“, wenn sie  aus einem schweren Gefecht mit toten und verwundeten Kameraden zurückkamen. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit als Wehrbeauftragter hatte ich deswegen eine harte Auseinandersetzung mit Minister Jung, indem ich ihn öffentlich dazu aufforderte, endlich die Wirklichkeit in Afghanistan beim Namen zu nennen. und er daraufhin entgegnete, er würde „seine Soldaten nicht in einen Krieg schicken“, deshalb verbitte er sich diese Bezeichnung.

Was haben Ihnen die Soldaten über ihre Erlebnisse und ihren Alltag erzählt? 

Durch meine unangemeldeten Truppenbesuche war ich in der Lage zu sehen, was wirklich vor sich ging. Gerade bei den Mannschaftsdienstgraden war es wichtig, dass bei meinen Gesprächen keine Vorgesetzten zugegen waren. So erfuhr ich, was ich wissen musste. Das reichte von fehlenden Nachtsichtgeräten, Schutzwesten oder gepanzerten Fahrzeugen bis hin zu Beschwerden über Verstöße gegen die Prinzipien der Inneren Führung. Zum Beispiel kritisierten etwa 30 Kompaniechefs, dass der Kommandeur eines Einsatzkontingentes nicht mit ihnen direkt kommunizierte; nebenbei bemerkt hat dieser Kommandeur dann trotzdem eine beachtliche Karriere gemacht. Oft konnte ich für Abhilfe sorgen, denn ich durfte die militärische Hierarchie und Bürokratie übergehen. Dies wusste die Truppe zu schätzen, die jeweiligen Verteidigungsminister weniger.

59 deutsche Soldaten starben im Einsatz. In anderen Ländern würde man sagen: im Dienst fürs Vaterland. Denken auch die Soldaten so? 

Nicht nur für 59 Soldaten und ihre Familien endete der Einsatz in einer Katastrophe. Dazu kommen Hunderte Soldaten mit schwersten Verwundungen und nicht zuletzt Tausende posttraumatisch belasteter Soldatinnen und Soldaten, die für den Rest ihres Lebens gezeichnet sind. Das muss man sich vor Augen führen, wenn man versucht, sich in die Lage der Soldaten hineinzuversetzen.

Groß ist die Enttäuschung, weil die Soldatinnen und Soldaten bis heute die gesellschaftliche Anerkennung vermissen, die sie mit Fug und Recht erwarten dürfen. Für alle anderen Länder der freien westlichen Welt ist dieses Mindestmaß an Würdigung und Respekt selbstverständlich. Bei uns hingegen trifft nach wie vor das Wort vom Bundespräsidenten Horst Köhler zu, der von einem „freundlichen Desinteresse“ der Deutschen am Dienst der Soldaten sprach. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Auch hier erwarte ich von einer neuen Bundesregierung endlich konkrete Vorschläge für einen anderen Umgang mit der Truppe..

Ein Verteidigungsminister sagte einmal, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Hatte er Recht? 

Es war Peter Struck, der versuchte, diesem ebenso komplexen wie widersprüchlichen Einsatz in Afghanistan einen Sinn zu geben. Damit stellte er die Kausalität her zwischen 9/11und der militärischen Antwort auf den Terror von Osama Bin Laden im Schutz der Taliban. Die Formel fand in weiten Teilen der Bundeswehr Akzeptanz. Richtig ist aber auch, dass sie mit den Misserfolgen weniger plausibel wirkte. Heute beruft sich kaum noch jemand darauf.

Im Gedächtnis bleibt natürlich Kundus. Die Taliban hatten zwei Tanklaster entführt. Ein Oberst der Bundeswehreinheit sorgte am 4. September 2009 dafür, dass zwei US-Flugzeuge Bomben darauf abwarfen. 100 Menschen starben, fast durchwegs Zivilisten, auch Kinder waren darunter – die größte Zahl an Opfern im gesamten Nato-Einsatz. Was bedeutete diese Katastrophe für die dort stationierten Soldaten? 

Nach allem, was wir heute wissen, handelte der verantwortliche Oberst Georg Klein nach bestem Wissen und Gewissen. Ihm konnte kein schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden, wenngleich er selber immer wieder betonte, wie sehr ihn diese Entscheidung sein Leben lang belasten wird. Bei allen dem Oberst unterstellten Soldaten gab es Verständnis und Respekt dafür, wie der Oberst mit dieser Katastrophe umging.

Die Gegner waren ja keine Soldaten in Uniform, sondern Taliban-Kämpfer, die sich als harmlose Zivilisten oder mit Burkas tarnten. Sie töteten insgesamt fast 3 600 westliche Soldatinnen und Soldaten und dazu mehrere Zehntausend Zivilisten. Deshalb wird Kundus von den Soldaten vollkommen anders betrachtet als von den meisten Mitteleuropäern, die vermutlich nicht genau wissen, wo Afghanistan auf der Landkarte zu finden ist.

Ganz anders fiel die Reaktion in Deutschland aus. Was lässt sich daraus für das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Bundeswehr ableiten? 

Es gab viele wohlfeile Kommentare, aber es gab auch seriöse Dokumentationen und einen Spielfilm zu Kundus. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Eine kritische Grundhaltung gegenüber allem Militärischen ist nicht nur nachvollziehbar aufgrund unserer Geschichte, sondern auch angemessen und richtig. Das entbindet uns aber als deutsche Zivilgesellschaft nicht von der Notwendigkeit, bewaffnete Streitkräften als Verteidigungselement einer starken Demokratie anzuerkennen. Und die Menschen, die Gesundheit und Leben einsetzen, haben ein Mindestmaß an moralischer Unterstützung und Achtung verdient – und zwar unabhängig von der politischen Bewertung einzelner Einsätze. 

Nach dem Abzug der Deutschen rücken die Taliban im Norden vor. Der Abzug des Westens bedeutet Freiheit für die Taliban zur Rückkehr an die Macht über das Land. War es so viele Milliarden Dollar und so viele Tote wert? 

Diese Frage wird nach jedem Einsatz und nach jedem Krieg gestellt. Hinterher ist man immer klüger. Es gab anfangs offensichtlich vollkommen unterschiedliche Einschätzungen und Erwartungen innerhalb der Nato und der Uno. In diesen 20 Jahren hat sich Afghanistan ja auch durchaus verändert. Der Wiederaufbau ist in Teilen gelungen, Frauen spielen heute eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, Mädchen können Schulen besuchen. Das kann sich jedoch alles schnell wieder ändern, wenn es den Taliban gelingt, die Macht an sich zu reißen, und danach sieht es leider aus. Deshalb muss die beabsichtigte Friedenserzwingung und Friedenssicherung als gescheitert betrachtet werden.

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Wäre es nicht angemessen, das Ende des Einsatzes im Bundestag zu begehen? 

Es ist sogar absolut notwendig, die Beendigung des Afghanistan-Einsatzes angemessen zu würdigen, der Opfer zu gedenken und vor allem den Soldatinnen und Soldaten Dank zu sagen. Der Ort dafür ist der Bundestag, denn er entscheidet über die Einsätze die Bundeswehr, nicht die Kanzlerin. Deshalb darf der Große Zapfenstreich vor dem Reichstag nicht alles sein. Dazu muss eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages kommen, in der die Bildung der Enquetekommission beschlossen werden sollte.


Und wie gedenkt die Bundeswehr der Gefallenen?

Es gibt in einer Ecke des Verteidigungsministeriums eine Gedenkstätte für die in Einsätzen getöteten Soldatinnen und Soldaten. Ich halte den Standort dieser Gedenkstätte für falsch und habe diese Auffassung auch öffentlich vertreten. Für die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr wäre ein prominenter und allgemein zugänglicher Standort in der Nähe des Parlaments richtig gewesen. Und dann gibt es noch den „Wald der Erinnerung“ beim Einsatzführungskommando in Potsdam – ebenfalls an einem abgelegenen Ort weit außerhalb der Stadt. Dieser Wald ist den Angehörigen und Kameraden gefallener Soldaten gewidmet. Eine kritische Bestandsaufnahme des Afghanistan-Einsatzes sollte deshalb Anlass sein, auch über Versäumnisse in der Erinnerungskultur der Bundeswehr nachzudenken. 

Herr Robbe, danke für dieses Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Was zum Hören und Lesen: Things have changed

Für Curtis Hanson schrieb Bob Dylan dieses Lied, das er „Things have changed“ nannte. Ein langer Monolog, der sich auf den Film bezieht, den Hanson drehte: „Wonder Boys“, eine komplizierte Geschichte voller komplizierter Menschen mit komplizierten Gemütern. Dylans Text sprengt wie so oft jede Form und mich fasziniert er genau aus diesem Grund. Ich lerne gerne Gedichte auswendig, aber bei diesen kapituliere ich. Es sind Gesänge aus der Nacht. Irgendeinem Ich rast vieles durch den Kopf und vieles wird zur Bedrohung, wie die Frau auf seinem Schoß mit ihren Mordaugen. Er ist über das Meiste, was das Leben lebenswert macht, längst hinaus: I used to care, but things have changed. Und erwartet nichts Gutes mehr: If the bible is right, the world will explode / I’ve been trying to get as far away from myself as I can.

Natürlich klingt im Titel „Things have changed“ die Hymne der Protestbewegung an: „The times they are a-changing“, die Dylan in Zuversicht enden ließ: „You better start swimming or you sink like a stone, because the times they are a-changing.“ Kennedy war Präsident, in Amerika herrschte Aufbruch und Optimismus, Vietnam war noch nicht im öffentlichen Bewusstsein, die Bürgerrechtsbewegung unterstützte das Ende der Segregation im Süden. Dylan schrieb in dieser Zeit „Only a Pawn in the Game“, in dem er Rassismus als System beschreibt, und auch „Masters of War“ gegen die Betreiber eines Atomkriegs, der in der Kuba-Krise möglich schien. Ihm lag daran, die Stimmung seiner Zeit prototypisch in Lieder zu fassen, er wollte die Stimme seiner Generation sein. Wut lag in diesen Balladen, aber auch die Botschaft: Wir kennen euch, wir verstehen, was ihr macht, wir legen euch das Handwerk. Dann haben sie Kennedy im Süden ermordet, in Texas, dem Herzland der weißen Suprematie. Vorbei war es mit der Zuversicht, mit dem Glauben an eine bessere Zukunft. Dylan sagte später, nun schien alles möglich zu sein, jederzeit konnte jeder ermordet werden, auch jemand wie er. Deshalb wandelte er sich, deshalb weigerte er sich von nun an, die Stimme der Protestbewegung zu sein, wie es ihm Joan Baez, seine neue Freundin, auferlegen wollte. Er ging auf seine eigene Umlaufbahn, nur noch sich selber verpflichtet. Aus dieser Sicht waren die Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King nur die trostlose Bestätigung, dass Amerika ein Land von Gewalt und Unrecht war und blieb.

In der mächtigen Spätballade über den Mord an Kennedy „Murder Most Foul“ erzählt Dylan von der Infamie dieses Novembertages, als die Hoffnung starb, als seine Generation den Glauben an Amerika verlor, Jahre bevor der Vietnam-Krieg das Land zerriss.

A worried man with a worried mind
No one in front of me and nothing behind
There’s a woman on my lap and she’s drinking champagne
Got white skin, got assassin’s eyes
I’m looking up into the sapphire tinted skies
I’m well dressed, waiting on the last train
Standing on the gallows with my head in a noose
Any minute now I’m expecting all hell to break loose
People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed
This place ain’t doing me any good
I’m in the wrong town, I should be in Hollywood
Just for a second there I thought I saw something move
Gonna take dancing lessons do the jitterbug rag
Ain’t no shortcuts, gonna dress in drag
Only a fool in here would think he’s got anything to prove
Lotta water under the bridge, lotta other stuff too
Don’t get up gentlemen, I’m only passing through
People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed
I’ve been walking forty miles of bad road
If the bible is right, the world will explode
I’ve been trying to get as far away from myself as I can
Some things are too hot to touch
The human mind can only stand so much
You can’t win with a losing hand
Feel like falling in love with the first woman I meet
Putting her in a wheel barrow and wheeling her down the street
People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed
I hurt easy, I just don’t show it
You can hurt someone and not even know it
The next sixty seconds could be like an eternity
Gonna get lowdown, gonna fly high
All the truth in the world adds up to one big lie
I’m love with a woman who don’t even appeal to me
Mr. Jinx and Miss Lucy, they jumped in the lake
I’m not that eager to make a mistake
People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed

Source: Musixmatch Songwriter: Bob Dylan Things Have Changed lyrics © Universal Tunes

Bubenhafter Unernst

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, wie sehr sich viele Bilder der letzten Tage in unser Gedächtnis einbrennen werden. Die reißenden Fluten, die Krater, die weggeschwemmten Häuser, die Schlammlawinen, die vielen Toten, die selbstlosen Helfer, aber auch die Gaffer mit ihren Handys, die Rettungskräfte behindern, man glaubt es nicht. Und dann diese herzzerreißenden Geschichten über verlorene Fotoalben und zerstörte Lebensträume, und dabei immer wieder diese demütige Einsicht: Egal, was weg ist, das Haus und das Gut, wenigstens leben wir noch, wo doch so viele Menschen starben und andere noch vermisst werden.

Natürlich geht das Leben immer weiter, und das ist ja auch gut so. Deshalb räumen sie die Häuser auf, schieben Räumpanzer der Bundeswehr Lastwagen aus Gräben, stellen die Menschen Fragen, ob sie wohl die richtigen Versicherung abgeschlossen haben und ob sie wirklich schnell und unbürokratisch etwas von den Millionenhilfen abbekommen, die der Landrat, der Ministerpräsident und der Finanzminister versprechen.

Es gibt auch Trost und menschlichen Zuspruch von Politikerinnen wie Angela Merkel und Malu Dreyer, welche die richtigen Worte finden und denen die richtigen Gesten gelingen. Ähnliches ist ja auch zuverlässig vom Bundespräsidenten zu erwarten, dem der richtige Ton fast immer glückt. So wäre es auch diesmal gewesen, wenn er nicht kurz nach seiner Ich-fühle-euern-Schmerz-Ansprache in Erftstadt beim unpassenden Geplänkel im Hintergrund ertappt worden wäre.

Die weitaus größere Peinlichkeit aber erlaubte sich Armin Laschet, der beim Feixen mit der Zunge zwischen den Zähnen von der Kamera eingefangen wurde. Na klar hat er sich sofort entschuldigt, wie denn auch nicht, aber aus der Welt lässt sich dieser bubenhafte Unernst nicht mehr schaffen. Er wird Laschet durch die Wochen bis zum 26. September wie ein böser Schatten folgen.

Sicherlich sind schon Lippenleser damit beschäftigt, die Konversation zwischen dem Kanzlerkandidaten, dem Landrat und der Unbekannten zu rekonstruieren. Vermutlich waren es harmlose Bemerkungen, einfach so dahingesagt, nichts Zynisches. Was aber haften bleibt, ist das Unprofessionelle, das Unangemessene, das Unernste. 

Krisen bringen keine neuen Politiker hervor. Sie verstärken Eindrücke, die wir ohnehin schon von ihnen haben, die sich nun in Freizeitkluft, in Gummistiefeln mit gefurchter Stirn das biblische Ausmaß einer Sintflut begutachten und Informationen aufsaugen, die sie dann in national übertragenen Pressekonferenzen kommentieren. Helmut Schmidt galt schon vor der großen Sturmflut als hanseatischer Macher. Ähnlich Gerhard Schröder damals an der Oder.

Armin Laschet ist nicht als überzeugender Krisenbewältiger in Erscheinung getreten, weder in der Pandemie noch in dieser Sintflut. Er neigt zum Hin- und Herspringen, zum Meinungswechsel. Das kann produktiv sein, war es aber nicht vor Monaten und ist es jetzt erst recht nicht.

Insofern ist Armin Laschet die kongeniale Ergänzung zu Annalena Baerbock, die seit Wochen mit Selbstkorrektur ausgelastet ist. Beide haben die Gabe, einen guten Lauf durch erstaunliche Schwächen zu unterbrechen. Baerbock schoss höher, als ihr gut tat und als sie verdiente. Laschet  beruhigte die Wogen durch Passivität und in der Konsequenz kletterte die Union in den Meinungsumfragen hoch.

Beide hätten nur festhalten müssen, was ihnen wie Goldtaler unverdient in den Schoß fiel. Doch der Kandidat wie die Kandidatin neigen zur Unstetigkeit. Kontinuität ist nicht ihr Ding. Deshalb sind sie abhängig von den Fehlern, die der jeweils andere begeht. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit, die sich gerade noch unnachsichtig auf Baerbock Ergüssen zwischen Buchdeckeln zielte, wie ein Laserstrahl auf das Lachen des Herrn Laschet in Erftstadt.

Was wir nicht mehr haben, wissen wir ziemlich gut: eine Kanzlerin, die in Krisen wuchs. Weltfinanzkrise. Eurokrise. Pandemie. Was wir bekommen, ist das große Weniger. In Laschet haben wir jemanden, der Sicherheit in Krisen haben sollte, schließlich regiert er das größte Bundesland nicht erst seit heute. Hat er aber nicht. In Baerbock haben wir jemanden, die nicht einmal in kleinen selbstproduzierten Krisen eine glückliche Figur abgibt.

Immerhin hat der Wahlkampf jetzt ein tiefenscharfes Thema gefunden. Die richtigen Worte dafür hat ausgerechnet der fürs Irrlichtern bekannte Horst Seehofer gefunden. Im Interview mit dem „Spiegel“ sagte er: „Niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass diese Katastrophe mit dem Klimawandel zusammenhängt. In der Gesamtbetrachtung müsste doch jeder vernünftige Mensch kapieren, dass Wetterkapriolen in dieser Dichte und Heftigkeit kein normales Phänomen in unseren Gefilden sind, sondern Folgen der menschengemachten Erderwärmung.“

Was wir vorher schon wussten, wissen wir nun genauer. Die Phänomene sind auch menschengemacht. Das kleine kanadische Dorf Lytton geht mit sage und schreibe 50 Grad Celsius in die Geschichtsbücher ein. Ahr und Erft erlangen Ruhm mit ihrer destruktiven Kraft. Nimmt man Belgien und die Niederlande hinzu, dann wird klar, dass fortgeschrittene Industriestaaten in Nordamerika und Europa  weder den Klimawandel ernsthaft eindämmen wollen noch mit den Folgen leben können. 

Armin Laschet hat gestern etwas Richtiges gesagt, nicht so drastisch wie Seehofer, aber immerhin: „Die Häufigkeit und die Wucht solcher Katastrophen sind auch eine Folge des Klimawandels. Den müssen wir hier und weltweit schneller und konsequenter bekämpfen. Das Klima gewährt keinen Aufschub.“

Klingt bürokratisch, stimmt aber trotzdem. Und das ist der Maßstab von jetzt an für die nächste Regierung, egal wer sie stellt. Armin Laschet, ramponiert wie er ist, sollte seine neuen Einsichten nicht so schnell wieder vergessen oder relativieren.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

„Die Taliban wollen die absolute Macht über Afghanistan“

Ahmed Rashid gilt als der beste Kenner Afghanistans. Zwei Jahre vor 9/11 schrieb er ein Buch über die Taliban und ihren kompromisslosen, fundamentalen Islamismus. Sein Buch fand nach 9/11 reißenden Absatz, das Weiße Haus allein bestellte 30 Exemplare und Rashid wurde zu einer international gefragten Koryphäe. Seither schrieb er mehrere Bestseller über das zerrissene Afghanistans und den Einfluss, den Pakistan, sein Land, dort notorisch nimmt. Rashid, 73, lebt in Lahore.

t-online: Joe Biden will die amerikanischen Truppen bis Ende August abziehen. Was bedeutet der Rückzug für Afghanistan?

Rashid: Die Amerikaner hatten nie vor, 20 Jahre lang in Afghanistan zu bleiben. Und es bedeutet Elend für die Afghanen, für ihre Zivilgesellschaft, für ihre Frauen, für die Kinder, die in die Schule gehen wollen. Ein Rückschlag um Jahrzehnte, zumal die Kämpfe weitergehen.

Vor mehr als 30 Jahren waren sie dabei, als die Rote Armee aus Kabul abzog. Nach 20 Jahren verlassen nun die Amerikaner das Land. Was ist der Unterschied?

Die Russen ließen eine Regierung zurück, die sich drei Jahre lang hielt, bevor  die Mudschaheddin sie vertrieb. Amerika lässt keine Regierung zurück, die den Taliban auch nur ansatzweise widerstehen kann. Der Rückzug der Russen führte zu einem blutigen Bürgerkrieg und der Rückzug der Amerikaner wird zu einem blutigen Bürgerkrieg führen. Damals wollten die Mudschaheddin und heute wollen die Taliban die komplette Kontrolle über Afghanistan.

Haben die Amerikaner die gleichen Fehler wie die Russen gemacht?

Ja, denn beide ignorierten, dass Afghanistan in Volksstämme zerfällt, die ihre Unabhängigkeit mit allen Mitteln verteidigen. Beide versuchten, Afghanistan zu modernisieren – die Russen mit einer kommunistischen Landreform und die Amerikaner mit Bildung, was erfolgreich war, und Demokratisierung. Beide verstanden es nicht, eine vernünftige Führungsschicht zu etablieren und auch nicht den Drogenhandel zu stoppen, der den Stämmen illegales Einkommen sichert, so dass normales Wirtschaften ausbleibt.

Viele Milliarden Dollar sind seit 2001 nach Afghanistan geflossen, Tausende starben. War alles vergeblich?

Nein, weil beide immerhin als Erbe eine gewisse Modernisierung hinterlassen. Ältere Afghanen erinnern sich noch an die Rote Armee und sprechen Russisch. Auch gründeten die Russen Universitäten und andere Bildungseinrichtungen. Die Amerikaner lassen ebenfalls eine Generation gebildeter Afghanen zurück, aber ob sie unter dem nächsten Taliban-Regime überleben, ist die große Frage. 

Wenn Sie auf 20 Jahre Amerika in Afghanistan zurückblicken: Wie lange waren Sie optimistisch und was war der Wendepunkt?

Mein wichtigstes Buch hieß: „Abstieg ins Chaos“. Es kam im Jahr 2008 heraus und listete sämtliche Übel der US-Besatzung auf: der misslungene Aufbau Afghanistans, das Wiederauferstehen der Taliban – also war ich ein früherer Pessimist. Für mich persönlich war der Wendepunkt der Entschluss des amerikanischen Präsidenten, in den Irak einzumarschieren, weil Truppen, Geheimdienste, Geld und die internationale Aufmerksamkeit nur noch auf den Irak konzentriert waren. Deshalb konnten sich die Taliban neu formieren und in die Offensive gehen.

Wie sieht Ihre Bilanz der US-Außenpolitik in Afghanistan und im Irak aus?

Sie war in beiden Fällen ein Desaster. Die Regierung wollte unbedingt einmarschieren, bereitete sich aber nicht auf die Zeit danach vor, wenn die Taliban und Saddam besiegt waren. Was sie wollten, wussten sie nicht – beide Länder politisch und wirtschaftlich neu aufbauen oder demokratisieren oder einfach wieder heimgehen?

Erwarten Sie, dass die USA diesen Teil der Welt sich selber überlasst, um sich ganz auf die nahende Konfrontation mit China zu konzentrieren?

Ohne jeden Zweifel wollten die Amerikaner unbedingt die afghanische Expedition hinter sich lassen, um sich China zu widmen. Und zweifellos ist die Konsequenz, dass Südasien noch mehr ins Chaos abrutscht, da Pakistan und Indien sich feindselig gegenüberstehen und Zentralasien ein Pulverfass ist.

Sie schrieben das erste Buch über die Taliban, die Amerika im Herbst 2001 aus Kabul vertrieb. Wie waren die Taliban damals?

Im Wesentlichen so wie heute. Sie haben an Raffinesse gewonnen und verbreiten ihre Ansichten über die Medien, was sie früher nie taten. Aber ihr Glaube ist nach wie vor ein sektiererischer Islam und sie werden die Afghanen wieder dazu zwingen, ihn zu befolgen.

Wer ist ihr Kopf und gibt es einen politischen neben dem militärischen Flügel?

Kein Kopf, an ihrer kollektiven Führung und Entscheidung hat sich nichts geändert und darin liegt ihre Stärke gegenüber der Regierung mit ihren ethnischen Konflikten und ihren rivalisierenden Stämmen. Der militärische Flügel der Taliban steht unter der Kontrolle der politischen Shura, dem gemeinsamen Rat, der die Entscheidungen fällt. Die Taliban verehren ihre politischen Führer. Wenn sich brillante Kommandeure im Krieg hervortun, müssen sie irgendwann die Normen anerkennen oder sie werden ausgesondert.

Militärisch sind die Taliban auf dem Vormarsch. Nehmen sie einen Bürgerkrieg in kauf, um die Macht an sich zu ziehen?

Sie wollen die absolute Macht und der Bürgerkrieg ist der Weg dorthin. An Kompromissen sind sie nicht interessiert und moderate Figuren sind schon abserviert worden.

Deutschland hat seine Soldaten bereits abgezogen. Wie wichtig war ihr Beitrag in Mazar-i-Sharif und Kundus?

Deutschland hat viele Jahre lang eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Nordregion gespielt und ihr Abzug hat ganz schnell zum Kollaps im Norden geführt. Es ist den Deutschen eben auch nicht geglückt, politische Strukturen dauerhaft zu etablieren. Die Taliban stießen hier auf kaum auf Widerstand.

Lassen Sie uns zum Schluss nach vorne schauen. Wie sieht das Verhältnis zwischen Amerika und China in zehn Jahren aus?

Ich hoffe, dass dann China und Amerika ein Arbeitsverhältnis eingegangen sind und gemeinsam die wirklichen Probleme angehen – Hunger, Armut, Klimawandel, wirtschaftliche Disparität.

Und Afghanistan?

Die Taliban werden die wenigen Fortschritte der Amerikaner zunichte machen und verbieten. Das Land wird im Krieg sein. Die Nachbarstaaten werden weiterhin nach Belieben eingreifen. Der Drogenepidemie bleibt bestehen. Sehr viele gebildete Afghaninnen und Afghanen werden fliehen. Und vielleicht, vielleicht findet sich irgendwann eine aufgeschlossene Führung, die das Land beruhigt.

Mr. Rashid, danke für das Gespräch.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Annalenas Fehler

Die erste Phase des Wahlkampfes ist vorbei, die Deutschen fahren im Urlaub und nehmen sich eine Auszeit vom Dröhnen der Politik. Dass Ende September die Wahl ansteht, ist weise, denn so fällt die zweite Phase nur kurz und schmerzhaft aus. Und wenn wir Glück haben, debattieren wir dann sogar über wirklich wichtige Probleme, die uns alle betreffen.

An der Hauptfigur wird sich nichts ändern. Das ist Annalena Baerbock als Person und Inbegriff der grünen Sache. Zuerst hat sie vieles richtig gemacht, dann aber zwei Fehler begangen. Der eine lässt sich beheben, der andere nicht.

Im Tennis gibt es den Ausdruck „unforced error“. Gemeint ist, dass ein Spieler unnötige Fehler begeht, weil er entweder nachlässig ist oder übermotiviert. Auf Annalena Baerbock trifft beides zu.

Jeder einzelne Vorwurf, der ihre Biographie anbelangt oder auch das Buch, das sie geschrieben hat, ist nicht weiter erheblich. Was aber haften bleibt, ist ein Mangel an Professionalität. Offenbar hat Annalena Baerbock nicht daran gedacht, jemanden mit kühlem Kopf nach Schwachstellen in ihrer öffentlichen Erscheinung suchen zu lassen. Das Versäumnis führt nun dazu, dass ein schlagkräftiger Medienanwalt dem Treiben des „Plagiatjägers“, der ihr Buch dramatisch zerpflückt hat, ein Ende setzen soll. So ernst schätzt Annalena Baerbock die Lage ein, dass sie diesen Weg geht.

Nebenbei gefragt: Wer hat den Plagiatsjäger beauftragt und bezahlt?

Dieses Buch ist natürlich kein organisch Ganzes, wohlformuliert und wohldurchdacht, sondern zusammengestöpselt wie so ziemlich jedes Politiker-Buch. Sinnvoller wäre es gewesen, mit irgendeinem der sympathisierenden Journalisten, die es in allen Blättern gibt, längere Gespräche zu führen, die in längere Porträts eingeflossen wären.

Den entscheidenden Fehler haben die Grünen gemeinsam begangen, Annalena Baerbock und Robert Habeck. Ich wüsste gerne, wer auf die Idee mit der Kanzlerkandidatur gekommen ist. Sie war charmant, sie war mutig. Was aber fehlt, ist die Absicherung.

Wer Kanzlerin werden will, hat zwei Fragen zu beantworten. Die erste lautet: Hat sie Aussichten darauf, mit der stärksten Fraktion aus der Wahl hervorzugehen? Haben die Grünen wohl nur in ihren kühnsten Träumen. Beim letzten Mal holten sie 8,9 Prozent, und das war damals ein gutes Ergebnis. Diesmal müssten es mindestens 30 Prozent sein, um vor der Union zu liegen. Danach sah es flüchtig aus. Flüchtig. Und jetzt nicht mehr, was keine Überraschung sein sollte.

Zur Professionalität gehört ein Blick in die Statistik. Am 26. September dürfen 60,4 Millionen Deutsche wählen. 2,8 Millionen sind Erstwähler, von denen viele bei den Grünen ein dickes Kreuz machen dürften, keine Frage. Aber das Gros der Wähler ist viel älter: von 60 an aufwärts. Sie bilden mit 38,2 Prozent den stärksten Wählerblock. Auf sie kommt es an. Und der Verdacht liegt nahe, dass sie nicht unbedingt grünlastig wählen.

Nimmt man noch die Kohorte zwischen 50 und 60 hinzu, das sind 19,6 Prozent, stößt man auf den Umstand, dass eine große Mehrheit älterer Mitbürger den Wahlausgang bestimmen wird.

Ja, es stimmt, dass die Grünen gut im Wind liegen. Ja, es stimmt, dass Wechsel in der Luft liegt. Es stimmt aber auch, dass der Wechsel wieder moderat ausfallen wird. Warum das so ist, lässt sich aus dem Aufbau der Wählerschaft besser ablesen als aus demoskopischen Erhebungen, die an den Augenblick gebunden sind und nur falsche Illusionen erzeugen.

Der Fehler besteht darin, dass die Kanzlerkandidatur nicht mit einer Koalition verbunden ist. Wenn es kommen sollte, wie es der gesunde Menschenverstand nahelegt, und die Grünen ein tolles Ergebnis erzielen, im Vergleich zu 2017, dann liegen sie an zweiter Stelle mit sagen wir: 20,21 Prozent. Mit wem wollen sie dann so regieren, dass Annalena Baerbock trotzdem Kanzlerin werden kann? Nach Lage der Dinge bleiben nur SPD und FDP.

Das Entscheidende haben die Grünen entweder unterschätzt oder vernachlässigt. Denn die FDP hat sich schon darauf festgelegt, dass sie Annalena Baerbock nicht ins Kanzleramt hieven wird. Und die SPD, die nach einer Wahlniederlage Kevin Kühnert zum Parteivorsitzenden wählen dürfte, sehnt sich dermaßen nach einer Katharsis durch Opposition, dass sie auch nicht zur Verfügung stehen wird.

Im Jahr 1998 war klar, dass die Fischer-Grünen mit der Schröder-SPD regieren wollten. Damals hatte diese Koalition ein klar umrissenes Projekt, in dem der Ausstieg aus der Kernenergie im Zentrum stand. Wie genau sieht das Baerbock-Projekt aus, was steht konkret im Zentrum und mit wem will sie es in welcher Regierung durchsetzen? 

Die Baerbocksche Kanzlerkandidatur ist auf dem Prinzip Hoffnung aufgebaut. Hoffnung ist immer gut, aber selten in einem Wahlkampf. Ein kühles Herz hilft weiter und vermeidet Enttäuschungen. Vielleicht kommt ja Annalena Baerbock Zeit noch, aber nicht schon jetzt.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Don und Dick

Donald Rumsfeld war bissig wie kein anderer und liebte Konflikte wie kein anderer. Sein Kampfgeist machte vor niemandem halt, weder vor den beiden Präsidenten, denen er diente, noch vor Kabinettskollegen wie Colin Powell, den er verachtete, weil der seine Streitkräfte so sehr liebte, dass er sie nie einsetzen wollte. 

Dabei sah Rumsfeld mit seiner Nickelbrille wie ein Intellektueller aus und gab sich auch so. Wie ein kleiner Kant philosophierte er über das, was Menschen wissen können, im Unterschied zu dem, was sie nicht wissen können – das nannte er das unbekannte Unbekannte. Das klang gut, das klang gedankenschwer, damit imponierte er, aber es war letztlich nur Larifari. Nichts hielt ihn davon ab, eine Entscheidung zu treffen, die Amerikas Ruf in der Welt zerstörte: die Invasion im Irak 2003.

Der Präsident hieß damals George W. Bush und war nicht der Hellste unter der Sonne. Deshalb umgab er sich mit zwei erfahrenen Großmeistern der Washingtoner Staatskunst: Donald Rumsfeld und Richard Cheney, bekannter als Don und Dick. Verteidigungsminister der eine, Vizepräsident der andere. Zwei Brüder im Geiste des Nationalismus, der nach den Anschlägen auf Amerika am 11. September 2001 zu später Blüte reifte. Ihnen ging es um Rache, ums Büßen, um Demonstrationen militärischer Größe und Gewalt. 

Die Invasion in Afghanistan verstand sich von selber. Die Taliban hatten Osama Bin Laden eine Heimstatt gegeben und mussten dafür bestraft werden. Was aber schon Alexander dem Großen, den Briten und den Russen in dieser Weltgegend widerfahren war, widerfährt in diesen Tagen den Amerikanern: ein ehrloser Abzug, nach 20 Jahren und Billionen Dollar und Zehntausenden Toten. Und die Taliban, die bis vor 20 Jahren Kabul beherrschten, werden es bald wieder beherrschen. Ein sinnloser Zirkel der Gewalt, die Gewalt erzeugt und in Krieg mündet. Geht es trostloser? Geht es schlimmer?

Wichtiger für Don und Dick als Afghanistan war aber der Irak. In Saddam Hussein sahen sie ihren wahren Widersacher. Er sollte weg. Sein Regime war fällig. Sie fingierten Beweise, die dann auch noch der verhaßte Colin Powell vor den Vereinten Nationen als gesicherte Beweise vortragen musste. Nichts stimmte. Alles Lug und Trug. Weder war Saddam Hussein der König des internationalen Terrorismus noch besaß er die ihm angedichteten Massenvernichtungswaffen. Am Ende zogen ihn Soldaten aus einem Erdloch, in dem er sich versteckt hatte.

Der Rest ist bekannt. Irak als Vakuum. Syrien als Folgekrieg. Amerika verlor an Einfluss, an Autorität, an Macht. Don und Dick scheiterten, weil sie Rache wollten und und keinen Millimeter weiter dachten. Sie richteten Chaos an, zuckten die Achseln und gingen nach Hause. So begann der Niedergang Amerikas, den Joe Biden heute aufzuhalten versucht.

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Donald Rumsfeld, Jahrgang 1932, und Richard Cheney, Jahrgang 1941, wuchsen als Kriegskinder auf und glaubten an die historische Mission Amerikas. 9/11 lieferte ihnen die Rechtfertigung zu einer neuerlichen Projektion der Macht, trotz Korea, trotz Vietnam. 10 Jahre danach veröffentlichte Rumsfeld seine Memoiren, die er „Known and Unknown“ taufte, und vollbrachte Erstaunliches: kein Wort der Selbstkritik, der Einsicht, im Gegenteil alles notwendig gewesen, alles richtig gemacht, alles bestens.

George W. Bush ist unter die Maler gegangen. Cheney hat ein schwaches Herz und lebt zurückgezogen. Und Donald Rumsfeld, der gerne mit dem Zeigefinger wedelte, erinnert im Tod Amerika an eine seiner dunklen Stunden.

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Der Trainer, ratlos

Gestern habe ich mir in einem italienischen Restaurant um die Ecke das Spiel gegen Ungarn angeschaut. Aus dem Staunen kam ich kaum heraus. So beherzt und geschickt wie die Ungarn hat vor ein paar Jahren Island gespielt. Und so ideenlos und ineffektiv wie diesmal spielte Deutschland in den letzten Jahren oft.

Dieses Turnier ist wie jedes große Turnier die Arena der Trainer. Roberto Mancini formt aus Nicht-Stars eine hochwertige Mannschaft. Gareth Southgate lässt sich nicht beirren, stärkt die Defensive und bringt Sanchez und Bellingham in den letzten 10, 15 Minuten. Kasper Hjulmand hat wahre Wunder an Einfühlungsvermögen und Motivation vollbracht. Roberto Martinez bleut de Bruyne etc. ein, dass sie diesmal den Titel gewinnen oder als trphäenlose goldener Jahrgang in die Geschichte eingehen werden.

Womit wir bei Jogi Löw sind. Das Angriffsspiel gegen Ungarn lief einseitig über rechts, wo Kimmich und Ginter sich den Ball zuschoben, ehe Ginter ihn auf Hummels zurückspielte, der ihn Ginter gab und der wieder Kimmich. Und hin, und her. Gosens verkümmerte auf links, was erstaunlich war, denn über ihn war das Spiel gegen Portugal gefährlich geworden. Daran änderte sich über 90 Minuten nichts. Gnabry und Sané wuselten und wuselten und waren selten dort, wo es hätte gefährlich werden können. Kam Havertz an den Ball, keimte Hoffnung. Toni Kroos suchte und suchte und fand keinen Anspielpartner in aussichtsreicher Position. Bis ihm die Hutschnur platzte und er selbst in den Strafraum stürmte, einen Doppelpass mit Gosens spielte und fast ein Tor geschossen hätte.

So also ging es, so also wäre es gegangen. Wenn der Trainer unfähig oder unwillig ist, die Taktik zu ändern, dann hilft nur Eigeninitiative. Was schief lief, konnte jedermann sehen. Wie es besser werden konnte, wusste der Trainer dort draußen nicht. Jogi Löw kann nur Auswechslung und das massiv. Warum er Havertz gleich nach dem Tor herausnahm, bleibt sein Geheimnis. Wollte er ihn persönlich beglückwünschen? Müller, Musiala und Volland reinzuwerfen, entsprang Verzweiflung, nichts sonst. Irgendwie werden sie einen reinkriegen, irgendwie: Das ist die Logik. Und irgendwie brachten sie einen Schuss rein, mit schierer Gewalt, dank Goretzka.

Wenn die Mannschaft vieles richtig macht, muss der Trainer nichts ändern. Wenn die Mannschaft vieles falsch macht, sollte der Trainer was ändern. Wenn der Trainer aber keine Einfälle hat, läuft vieles bis zur 90. Minute ungebrochen falsch weiter. Und wenn schon Auswechslung der Weisheit letzter Schluss sein soll, dann wäre Sané der ideale Kandidat gewesen. Als drei Deutsche nur noch zwei Ungarn ausspielen mussten und das dritte Tor praktisch schon gefallen war, gelang ihm eine Flanke an allen vorbei. Als er eine Ecke schießen musste oder durfte oder wie auch immer, landete sie im Nirgendwo. Als er zurückeilte, beging er Hand knapp vor dem Strafraum. Alle Anzeichen standen darauf, dass ihm an diesem Tag nichts glückte. Es gibt solche Tage, aber warum wurde Sané nicht erlöst?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland England schlagen wird und dann zumindest ins Halbfinale vordringt. Zum Mangel an Stabilität kommt ja Glück in der Auslosung hinzu. Dann aber, im Halbfinale, wird es wieder auf die Trainer ankommen und dann wird die deutsche Mannschaft wieder arm dran sein.