Fabelhafter Fußball

Ich schaue seit Jahren bei großen Turnieren zu, damit ich sehe, welchen Fortschritt der Frauen-Fußball macht. Diesmal handelte es sich um einen Quantensprung, nicht um messbaren Fortschritt. Eine 6 wie Lena Oberdorf habe ich noch nicht gesehen; von ihr kann sich Kimmich einiges abgucken. Die Kombinationen von Gwinn/Huth/Däbritz an der Außenlinie entlang waren vom Feinsten. Die Flankenkäufe, die Flanken, die feinen Tore aus dem Lauf heraus, ich habe Bauklötze gestaunt und mich irrsinnig erfreut an diesem variablen, technisch gekonnten Spiel.

Am Sonntag saßen wir zu viert fiebernd vor dem Fernseher. Ich hatte natürlich auf die Revanche für 1966 gehofft, als Geoff Hursts Lattenknaller als Tor galt. Unverständlich! Hat leider nicht ganz hingehauen, aber was für ein Spiel! Eine Spielerin wie Alessia Russo habe ich überhaupt noch nie gesehen. Eine Brecherin! Eine Dampfwalze! Ein schönes Tor und ein gestochertes, na gut, das war’s eben.

Beim Quantensprung kommen die Schiedsrichterinnen nicht mit. Die Ukrainerin war vom Ganzkörperfußball der Engländerinnen überfordert. Sie hätte den Deutschen einen Elfmeter geben müssen; die Video-Schiedsrichterin muss gerade abwesend gewesen sein. Sie hätte den Engländerinnen einen Elfmeter geben können. Beides hat sie nicht, also ausgleichende Ungerechtigkeit. Ich bin gespannt, wer im nächsten Jahr bei der Weltmeisterschaft pfeifen wird. Da müssen Sonderlehrgänge eingerichtet werden oder Männer sollten pfeifen.

Natürlich war es Pech für die Deutschen (Deutschinnen?), dass Alexandra Popps Muskel zwickte. Lea Schüller hatte noch Corona in den Knochen; ihr fehlte die Leichtigkeit, mit der sie sonst beliebig Tore schießt, schade. Dazu war Klara Bühl infiziert, doppeltes Pech, das hatten aber auch andere Mannschaften. Das deutsche Spiel florierte gegen England nicht so gut, wie in den Spielen zuvor. Sie vermochten sich nicht so leicht zu befreien und verloren zu viele Bälle im Mittelfeld. Na ja, die Gegnerinnen waren eben auch verdammt gut.

Kein Grund zur Klage. Eine phantastische Mannschaft hat den schönsten Fußball gezeigt und die Zuschauer in Begeisterung versetzt, auch uns Vier am Fernseher. Dass müssen die Männer ihnen erst einmal nachmachen. Ich hoffe, dass ihnen die Frauen die Überheblichkeit ausgetrieben haben.

Noch ein paar schöne Tage vor der Doppelkrise

Die meisten Deutschen sind jetzt in Urlaub, die sie an Ost- oder Nordsee, in Italien oder auf einer griechischen Insel verbringen. Glücklicherweise stehen in diesen Wochen daheim Gas- und Stromzähler still, zwei bislang unverdächtige Haushaltsobjekte, die im Herbst wie Feinde unter Dauerbeobachtung sein werden, weil jede Umdrehung viel Geld kostet.

Deutschland erlebt noch ein paar schöne Tage und sollte sie auch genießen. Was auf uns zukommt, wissen wir ja ziemlich genau. Die Doppelkrise aus Krieg und Pandemie wird uns wieder peinigen und diesmal sogar stärker noch als im Jahr zuvor. Das wird nicht lustig, das wird schwer und vielleicht sogar noch folgenreicher, als uns schwant.

Das Prinzip Zögern, das Olaf Scholz fahrlässig vorgeworfen wurde, hat vermutlich seine Ursache darin, dass er schon damals die Konsequenzen im Blick hatte. Demokratie und Wohlstand sind in Deutschland seit 1949 eins. Nicht einmal die irrsinnig hohen Kosten rund um die Wiedervereinigung änderten daran etwas. Auch die Einwanderung der Geflüchteten seit 2015 in unser Sozialsystem schuf keinen Abbruch. Deutschland ist ökonomisch, politisch und sozial stabil und bleibt es hoffentlich.

Natürlich klafft eine Schere zwischen Oben und Unten, doch weniger als in Ländern wie Frankreich oder England, geschweige denn Amerika. Dafür sorgt der Staat, der in der Weltfinanzkrise die irrlichternden Banken rettete und in der Pandemie fiskalisch steuernd eingriff. Und im Herbst müssen nun vor allem diejenigen unterstützt werden, um die sich weder Gewerkschaften noch andere Lobby-Verbände kümmern.

Der untere Mittelstand und die Geringverdiener sind von der doppelten Herbst-Krise fraglos am heftigsten betroffen; am meisten Alleinerziehende und Rentner*innen mit geringem Einkommen. Ihnen muss dabei geholfen werden, den finanziellen Schwund durch Inflation und explodierende Energiekosten so weit wie möglich auszugleichen. Sie brauchen höheres Wohngeld, ihnen sollte Kündigungsschutz gewährt werden; es wäre sinnvoll die Grundsicherung zu erhöhen oder Familien mit kaum ausreichendem Einkommen Pauschalen zu gewähren.

Der Staat ist wieder gefragt, so ist das eben. Ohne seine regulierende Kraft kommt die Gesellschaft in unverschuldeten Notlagen nicht aus. Der Staat muss zusammenhalten, was sonst noch mehr auseinander driftet, als ohnehin schon. Von ihm hängt es ab, wie Deutschland den Herbst und den Winter übersteht.

Der Staat ist die amtierende Regierung, die in diesen Monaten mehr richtig als falsch gemacht hat, was schon eine Leistung ist, die geachtet sein will. Zweifellos wirken sich die Bemühungen um geringere Abhängigkeit von russischem Gas aus, aber eben leider nicht in genügendem Maß. Dabei ist die Freiheit von jeglichem Gralshütertum bemerkenswert. Sie führt sogar zur Diversifizierung der Energieversorgung, die Atomkraft einschließt. Dabei reden wir von insgesamt 15 Prozent der Stromversorgung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Viel wenig ist auch viel.

Beim Versuch, Demokratie und Wohlstand nicht auseinander fallen zu lassen, gibt es einen Feind und das ist Wladimir Putin. Sein Spiel mit dem Gashahn an Nord Stream 1 und den verlogenen Begründungen für die Reduktion mal auf 40, mal auf 20 Prozent, zielt auf Destabilisierung nicht nur unseres Landes. Es ist die Vergeltung für westliche Waffenlieferungen an die Ukraine, was denn sonst. 

Olaf Scholz, Robert Habeck und Christian Lindner werden daran gemessen werden, wie sie das Land ins nächste Frühjahr steuern. Polit-Spielchen der tückischen Art verbieten sich von selbst. Deshalb sollte Lindner schleunigst damit aufhören, die beiden Bündnispartner mit der Laufzeitverlängerung für Atomstrom bis 2024 zu pesten. Die Wahlergebnisse auf Landesebene könnten ihn lehren, was bei den Wählern nicht verfängt. Je ernster die Lage, desto unpassender das klassische Lindnertum.

Erst im September will die Regierung in einer konzentrierten Aktion mit Gewerkschaften und Wirtschaft über Entlastungen bis Ende des Jahres sprechen. Früher wäre besser. Fällt die Vorsorge umfassend aus, müssen nicht ständige Nachsorgen her.

Deutschland ist eine Wirtschaftsnation, die auf Wachstum ausgerichtet ist. Es muss nicht sein, dass es schrumpft oder sogar eine Rezession droht. Was sich aber daraus entwickelt, hängt von externen Faktoren von großer Schlagkraft ab, vom Krieg in der Ukraine und ums Gas.

Nach und nach werden die Urlauber nach Hause kommen und sich bang fragen, wie sie über Herbst und Winter kommen. Sie hoffen darauf, dass die Dreier-Regierung geräuschlos tut, was zu tun ist, und umsichtig hilft, wo es nötig ist. Nur wenn die Bürger das Vertrauen in ihre Regierung verlieren und die Regierung das Vertrauen in sich selber, steht es schlecht um das Land. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Die Sehnsucht nach dem Einfachen

Ich beschäftige mich gerade mit der jüngsten deutschen Vergangenheit: DDR, Wiedervereinigung, Treuhand und den Lesarten, die damit einher gehen. Die Bücher, die ich dafür lese, sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der zahllosen Literatur, die sich über die Jahre angesammelt hat. Herausragend Marcus Böicks Geschichte der Treuhand, eine Dissertation, die ihresgleichen sucht, dazu Detlef Pollacks „Das unzufriedene Volk“, auch Steffen Maus „Lütten Klein“. Auf YouTube stehen viele Dokumentationen über diese Zeit, oftmals mit reißerischem Titel, aber häufig auch sehr gut komponiert.

Die erwähnten Buchtitel haben allesamt den Vorzug der Differenziertheit, des Abwägens, des Bedenkens, der inneren Ruhe beim Abschreiten des Horizonts. Damit sind sie jedoch die Ausnahme, denn natürlich überwiegen die eindimensionalen Betrachtungen, vor allem über die Treuhand, dem herzallerliebsten Beelzebub, der für das Schlimmste steht, was man sich ausdenken kann: Ausverkauf, Raubzug, schwärzestes Kapitel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte etc. Mehr denn je gibt es die aggressive Sehnsucht nach der einfachen Deutung, für das Schwarz-Weiß, für das Eindimensionale.

„The Danger of a Single Story“ nennt das Chimamandah Adichie, eine wunderbare Schriftstellerin, die in Amerika und Lagos lebt und Bücher über ihr Geburtsland Nigeria schreibt. Wohlmeinend betrachtet handelt es sich dabei um Unkenntnis über Menschen oder Länder oder Ereignisse, die zu Fehleinschätzungen, zu Kurzschlüssen im Urteil führen. Weniger wohlmeinend betrachtet handelt es sich dabei um menschlichen Furor, der das Meer peitscht oder Blut sehen will und skrupellos einseitig urteilt. Gegen diese Gefühlsmacht hat das Komplexe keine Chance. Beide Seiten zu ihrem Recht kommen zu lassen, gilt dem biblischen Zorn als Schwäche.

Im Journalismus, den ich gelernt habe, hieß das früher: Don’t care about the facts, push the story. Das sagten die einen im ironischen Tonfall, die anderen meinten es zynisch, beide meinten aber die Ausnahme, den konkreten Artikel, nicht das Prinzip oder die Maxime. Heute scheint die Ausnahme zur Regel geworden zu sein, zur Arbeitsgrundlage des Schreibens, Denkens und Urteilens. Wer ist schuld? Wen kann man in den Schornstein hängen? Wer lässt sich am leichtesten jagen? Wer bietet sich als Opfer an? Verurteilen im Vorweg ohne Beweise wird zum Brauch.

Beispiel Treuhand: Dass sich der Protest der arbeitslos Gewordenen an ihr abarbeiteten, war politisch geschickt eingefädelt. Selbstverständlich erfand sich die Treuhand nicht selber, sondern kam einem Auftrag der Regierung Kohl/Genscher nach. Die Treuhand unterstand dem Finanzministerium, das Theo Waigel führt, der bekanntlich der CSU angehörte. Sie war die Brandmauer, hinter der die eigentlich Handelnden verschwanden. Und so vermochte Helmut Kohl so zu tun, als falle er einer fremden Macht in den Arm, als er 1,1 Milliarden DM in Leuna pumpte und noch ein paar Milliarden mehr in JenOptik. Er griff korrigierend in die Verhältnisse ein, die er schaffen ließ, und stand dennoch wiederum als Held der Einheit dar. Wären in jedem einzelnen der damals neu genannten Bundesländer solche Leuchtturm-Projekte entstanden, nämlich gewollt und gezielt, und nicht zufällig aus der Not geboren, wäre Ostdeutschland vermutlich besser in der Einheitsrepublik angekommen.

Den Todesstoß versetzte Helmut Kohl den DDR-Kombinaten und Volkseigenen Betrieben durch den Umtausch von 1:1 am 1. Juli 1990. Fortan musste die DDR-Wirtschaft Löhne und Gehälter in D-Mark bezahlen. Der alte Umrechnungskurs von rund 1:4 der DDR-Mark zur BRD-Mark war hinfällig. Dazu war auch der Markt in Ost- und Südosteuropa zusammengebrochen, auf den rund 75 % der DDR-Importe ausgeliefert worden waren. Selbst wenn die DDR-Fabriken moderner ausgerüstet gewesen wären, hätte dieser Doppelschlag systematisch vernichtet, was dort vorhanden war.

Müßig auch darauf hinzuweisen, dass es den Demonstrierenden seit dem 9. November gar nicht schnell genug mit der Einheit gehen konnte. Sie trieben die Regierung West vor sich her, die anfangs nicht wusste, wie ihr geschah. Im Februar 1990 legte sich die Regierung Kohl/Genscher auf die Währungsunion fest und gewann damit auch die erste freie Wahl in der DDR am 18. März. Zugleich beruhigte sie Frankreichs Mitterrand, der eigentlich die DDR nicht missen wollte, mit der Aussicht auf die Einführung des Euro in naher Zukunft.

Alles Entscheidungen von wahrhaft historischem Ausmaß. Alles Entscheidungen von maximal komplexer Art. Don’t care about the facts: Die Schuldigen saßen in der Treuhand. Die Treuhand verscherbelte die DDR an westdeutsche Gauner, die nur ihren Reibach machen wollten. An allem, was schief lief, ist die Treuhand schuld. So aufgeheizt, so aggressiv, so ressentimentgeladen war die Atmosphäre, als plötzlich die Hälfte der DDR-Arbeitnehmer arbeitslos war, einen Zustand, den sie nicht kannten, höchstens aus dem Westfernsehen, wenn Westarbeitnehmer nicht mehr unter Tage fahren durften oder wieder einmal ein Automobilkonzern sein Werk in Bochum geschlossen hatte, aber nicht in der DDR, wo jedermann das Recht auf Arbeit gehabt hatte.

In diesen Wirbel der Geschichte hinein fielen die Schüsse auf Detlev Karsten Rohwedder am Ostermontag 1991. Seither kursieren zwei Versionen über den Mörder. Die eine Version besagt, es müsse sich um einen versierten Schützen handeln, denn die Kugel flog durch Gestrüpp, von unten nach oben abgefeuert, durchschlug zweifach verglaste (aber nicht gepanzerte) Fensterscheiben und tötete Rohwedder, der zwischen einem und drei Meter entfernt vom Fenster im matt erhellten Raum stand. Die Sniper-Theorie zielt auf die Stasi, die damit in den Rang der Rächer der Enterbten von der friedlichen Revolution gehoben wird. Wird ihr gefallen, der Stasi, da bin ich sicher.

Die andere Theorie besagt, es muss kein Kunstschütze gewesen sein, da das Nato-Gewehr, aus belgischer Produktion, dermaßen elaboriert ist, dass sogar ein ungeübter Mann damit ins Schwarze treffen kann. Also war es die RAF, lautet die Schlussfolgerung, die auch ein Bekennerschreiben ausstellte. Allerdings war die RAF bis zu diesem Zeitpunkt bekannt für Sprengfallen, die Autos explodieren lassen (Fall Herrhausen, oder für Attentate mit Maschinenpistolen, die aus nächster Nähe töten (Fall Buback, Fall Schleyer).

Ich breite den Fall Rohwedder hier so aus, weil ein Umstand ausgeblendet bleibt: die Wut auf die Treuhand, die Wut auf Rohwedder, der Mr. Treuhand war, der Wirbel der Geschichte, der sich in diesen Monaten in klassischen Demonstrationen mit klassischen Drohgebärden entlud. Damit will ich nicht sagen, dass Rohwedder ermordet werden musste. Kausalität oder Determination lässt sich selten eindeutig belegen, in geschichtlich aufgewühlten Zeiten schon gar nicht. Aber es fällt auf, wie folgenlos die Schüsse am Ostermontagabend blieben – dass nicht inne gehalten wurde, dass sich keine Stille einstellte, dass es einfach weiterging, weil es weitergehen musste.

Es ging weiter und zwar noch mehr so als vorher. Die Treuhand blieb der Beelzebub, der Bösewicht, die Ausgeburt des liberalen Kapitalismus im Gefolge von Thatcher und Reagan. Sie pervertierte die Wiedervereinigung durch Zerstörung des Vorhandenen.

Siegt eigentlich heute immer die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, nach Schuldigen, nach Schwarz- und-Weiß? Und bekommt sie dauerhaft die Oberhand über das Komplexe, das Menschliche, das Leben?

„Ich bin stinknormal, und das gefällt mir“

Ach Mensch, Uwe ist tot, darf das denn sein? Der Fußballgott hätte schon noch eine Weile warten können, ehe er ihn heimholt, diesen anständigen Menschen, diese treue Seele, diesen unvergleichlichen Mittelstürmer, diesen Leidenden an dem Niedergang des Hamburger Sportvereins, dem er goldene Zeiten geschenkt hatte. Hamburg wird weinen, jedes Fußballerherz, das nicht aus Stein ist, muss gerührt sein, Deutschland trauert um einen seiner Besten, Redlichsten, Schlichtesten.

1958, lang her, habe ich ihn zum ersten Mal spielen sehen. WM in Schweden. Ich war 8 Jahre alt, auf dem Fußballplatz aufgewachsen, ich kann heute noch die Mannschaftsaufstellung hersagen und die Ergebnisse sowieso. Uwe war 22 Jahre alt, einer der Jüngsten, neben ihm der unvergleichliche Spielmacher Fritz Walter, 38 Jahre alt. Und dann das Schandspiel gegen Schweden im Halbfinale, Juskowiak fliegt, von Hamrin getriezt, vom Platz. Aus der Traum von der Titelverteidigung! Was für eine Ungerechtigkeit! Mein Glaube an den lieben Gott muss an diesem Tag zerstoben sein.

Uwe war integer. Uwe wechselte nicht ins Ausland, wo man schon damals gutes Geld verdienen konnte. Er hätte zu einem italienischen Klub gehen können wie Albert Brülls oder Horst Szymaniak, aber nein, er blieb der Hamburger, der er war, bekam eine Tankstelle überschrieben, mehr wollte er nicht, mehr brauchte er nicht. Er blieb bescheiden, lebte mit seiner Ilka ein unaufgeregtes Leben. Er war der ideale Nachkriegsdeutsche, der nicht hoch hinaus wollte, ein Reihenhaus bewohnte, aus dem Versandkatalog bestellte und die Couch auch durchgesessen behielt, sie war ja ein Stück von ihm. Lebenslang war Uwe der größte Anhänger seines Vereins mit der Raute.

Uwe war eben das Gegenteil von Franz Beckenbauer, der sich häutete und veränderte, die Frauen wechselte und etliche Kinder zeugte, weil es der liebe Gott so haben wollte. Aber wie haben diese beiden miteinander gespielt! 1966, Wembley, eine wunderbare Truppe. Dann im Halbfinale dieser Schuss an die Innenkante der Latte, ein Tor, das keines war, ich habe es schon damals genau gewusst. Inzwischen war ich 2 mal 8 Jahre alt, konnte aber immer noch mit der Welt zerfallen, wenn meine Mannschaft am gerechten Sieg gehindert wurde. Vom Schiedsrichter. Vom Fußballgott.

Uwe war auch als junger Mann nicht der Schnellste, besaß aber die Intuition, so dass er wusste, wo er zu lauern hatte. Mit jedem Körperteil schoss er Tore, mit dem Hintern und dem Hinterkopf, mit dem Knie und dem Knöchel, mit dem Gesicht und den Ohren. Er war eine Tormaschine, er war der Kapitän, er war das Vorbild. Bei Niederlagen wie gegen Schweden und England schlich er unvergleichlich vom Platz, den Kopf tief gesenkt, die Schulter hingen durch, die Arme schlackerten, das Gesicht eingefallen. Untröstlich. Aber keine Beschwerden über Schiedsrichter und Fußballgötter. Die Autoritäten stellten Menschen wie er nicht in Frage.

In einem seiner letzten Interviews fasste er sein Leben sehr schön und treffend zusammen: „Ich glaube, ich habe so weit alles richtig gemacht. Das Schönste auf der Welt ist doch, normal zu sein. Es ist für mich normal, geerdet zu sein. Ich kann gar nicht verrückt spielen. Ich bin stinknormal, und das gefällt mir.“

Von Menschen wie ihm sagen wir gerne, sie seien eine Legende oder Ikone oder wer weiß was. Uwe Seeler war immer Uwe Seeler. Ein kleiner Mann mit einem großen Herzen und dem sicheren Wissen, was er konnte und was er wollte. Wie beneidenswert, wie schön, dass er unser Leben begleitet und bereichert hat.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Von Clowns und Regierungschefs

Manchmal ist es ganz lehrreich, wenn man sich in anderen Ländern umschaut, was da so los ist, denn dann lassen sich ein paar Rückschlüsse für uns ziehen. Deutschland und Frankreich haben ja vor noch nicht allzu langer Zeit gewählt, Österreich ist in der Gunst der Normalität, seitdem Sebastian Kurz ins Silicon Valley verschwand. Dagegen geht es gerade  in England und Italien rund.

In England wollen ziemlich viele Politiker*innen das Erbe von Boris Johnson antreten. Jenseits von London sind sie nicht sonderlich bekannt, außer Liz Trust vielleicht, die Boris’ Außenministerin war. Sie galt als Favoritin, ist aber bei den Buchmachern abgerutscht, die auf die Stimmung im Land seismografisch reagieren. Heute fliegt wieder einer oder eine vom Karussell, wahrscheinlich Tom Tugendhat, der den Vorteil hatte, dass er nur im Parlament sitzt und nicht der Regierung angehörte. Na ja, so richtig schade wäre es nicht um ihn. Anfang September soll England endlich einen neuen Parteichef haben, der automatisch Premierminister ist.

Wir kennen solche Wettbewerbe innerhalb der Parteien ja aus leidvoller Erfahrung. Die SPD bescherte uns Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die klug genug waren, Olaf Scholz den Vortritt zu lassen, anstatt sich selber zu überschätzen. Die CDU schenkte uns zuerst Armin Laschet und dann Friedrich Merz, der sein Flugzeug selber fliegt, wie wir jetzt wissen, na gut. Was lernen wir daraus? Innerparteiliche Demokratie ist im Prinzip gut, aber in der Praxis eher unbefriedigend.

Auch in England geht es derzeit um Kleinkram geht und nicht ums große Ganze, so ist das bei diesem Ausscheidungsverfahren nun einmal. Der Kleinkram kreist um die Frage, ob die Steuern jetzt gleich erhöht werden sollen oder erst später, etwa wenn die Inflation gesunken ist, was auf absehbare Zeit nicht der Fall sein dürfte., siehe Putins Krieg und die Auswirkungen.

Sämtliche Mitbewerber sind Anhänger des Brexit und ideologische Abkömmlinge von Margaret Thatcher – so wenig Staat wie möglich, ein Halleluja für den freien Markt. Auch sie werden Geflüchtete nach Ruanda abschieben, was eine aberwitzige Idee ist. In der Sache sind sie also noch ganz bei Boris Johnson, sie wollen aber ganz anders sein als er, denn die konservative Mehrheit im Lande hat von ihm die Schnauze voll, so viel ist klar. Bei dieser internen Wahl geht es um Vertrauen, um Zuverlässigkeit, um sachlichen Umgang mit den Fakten – um das Gegenteil von Boris Johnson. Mr. oder Mrs. Anständig soll es sein, so wünscht man sich das.

Am Ende wird es in England entweder eine Premierministerin geben oder einen ethnisch diversen Premierminister: Rishi Sunak, geboren in Wimbledon als Spross einer indischen Familie, die aus Südafrika eingewandert war, haben die Buchmacher momentan ganz vorne. Schau mer mal.

Italien hingegen hat Mr. Zuverlässig und könnte ihn schon wieder verlieren. Mario Draghi hat so gar nichts mit der Tragikomödie zu schaffen, die vor allem männliche Politiker seit vielen Jahren aufführen. Berlusconi. Salvini. Beppo Grillo. Draghi mit seinem ernsten, melancholischen Gesichtsausdruck wird in den Zeitungen wahlweise als Brite bezeichnet oder als Deutscher, weil ihm das Buffohafte außerordentlich fremd ist. Er genießt das Vertrauen der Italiener und Brüssels, Von der EU bekam das Land 191 Milliarden Euro aus dem Wiederaufbaufonds und damit hat er Sinnvolles angestellt.

Nun ist seine Regierungsmehrheit allerdings zusammengebrochen, weil die Fünf-Sterne-Bewegung, das Irrlicht unter den Parteien, es so haben wollte. Draghi wollte deshalb zurücktreten, aber der Staatspräsident Sergio Mattarella lehnte das Ansinnen zur Erleichterung der meisten Italiener ab. Gestern beschworen mehr als 1000 Bürgermeister Mr. Zuverlässig, doch bitte im Amt zu bleiben. Mehr Wertschätzung, mehr Achtung geht nicht.

Am Mittwoch wissen wir, ob Draghi eine andere Mehrheit im Parlament findet, oder ob die Fünf-Sterne von ihrem Ego-Trip zurückkehren – wie es weiter geht in Italien.

In Deutschland, jetzt kommt’s, regiert Mr. Zuverlässig ohne Bedrängnis in seiner Koalition. Olaf Scholz weiß, wovon er redet. Er denkt die Dinge zu Ende, bevor er sie anspricht. Ihm fehlt jeder Sinn für Theatralik, und das ist auch gut so. Wie Draghi deutet er gelegentlich an, dass er manches besser weiß als andere, was wiederum manchen ärgert. Na und? Inzwischen tritt er auch öfter unter Normalbürgern auf und erklärt ihnen, was er macht und was ihm Sorgen bereitet. Das Lakonische, das seiner Hamburger Nüchternheit anhaftet, versucht er auszugleichen. Seither verstummt das Mantra von dem ewigen Zuwenig an Kommunikation. Scholz fliegt nicht im Privatjet ein und hat sicherlich weniger glamourös geheiratet als Christian Lindner.

Vorschlag: Seien wir mit unserem Bundeskanzler zufrieden. Deutschland hat ihm eine Chance gegeben und er meistert sie unter schwierigsten historischen Umständen. Hoffentlich bleibt ihm Mario Draghi erhalten und vielleicht trifft er demnächst auf einen/eine britische Premierminister/-in, der oder die weniger Faxen macht als Boris Johnson. Europa hätte was davon.

Die feindseligen Staaten von Amerika

Die Reise Joe Bidens nach Elmau und Brüssel führte uns noch mal vor, wie ungemein wichtig die Immer-Noch-Supermacht USA für Europa sein kann. Sie ist der Patron, sie garantiert mit ihrem nuklearen Schirm die Existenz des Kontinents, sie sichert uns militärische Unterstützung zu, falls Russland zum Beispiel Litauen angreifen sollte, womit Wladimir Putin ja schon drohte. Die Botschaft Bidens lautete: Ihr könnt euch auf uns verlassen, wir stehen an eurer Seite, komme, was wolle.

Können wir? Joe Biden wird im November 80 Jahre. Er ist ein Relikt aus der Zeit, als sich die USA im Kalten Krieg nach Europa orientierten, weil sich dort der Systemkonflikt mit der Sowjetunion abspielte, ein Zustand, der sich dank Putins Kolonialismus heute wiederholt. Aber schon Barack Obama wollte sein Land auf die Auseinandersetzung mit China vorbereiten und darauf einstellen. Und so liegt der Gedanke nahe, dass der nächste amerikanische Präsident Europa vernachlässigen wird, weil nun einmal Asien der Kontinent des 21. Jahrhunderts ist, auf dem sich die historische Rivalität mit China entscheidet.

Amerika war noch nie gut darin, auf zwei Klavieren zu spielen. Und Amerika ist seit geraumer Zeit besonders effizient darin, Kulturkriege zu führen und  von innen heraus zu erodieren.

Am heutigen Montag werden die Vereinigten Staaten von Amerika 246 Jahre alt. Acht Männer unterzeichneten am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung, die mit diesen schönen Worten beginnt: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

Glückwunsch. Aber wem wünschen wir Glück? Den Demokraten, die sich in Gruppen zerlegt haben, wobei jede einzelne Gruppe sich für das Zentrum hält, das es nicht gibt? Den Republikanern, die den Sturm aufs Kapitol für ein Stürmchen erklären? Der Ostküste und Kalifornien, wo am ehesten liberale Amerikaner zu finden sind?

Amerika, das wunderschöne, wie es in der Nationalhymne heißt, ist ein seltsames Land geworden. Gespalten im Grunde seit Ronald Reagan. Wiederbelebt durch Bill Clinton, der allerdings die Finanzmärkten entfesselte, eine Freiheit, die sie derart schamlos nutzten, dass 2008 die Märkte zusammenbrachen. Ausgerechnet Barack Obama musste dieses Wall-Street-Amerika retten, um Schlimmeres zu verhindern. Nicht aber rettete er die 4,3 Millionen Familien, die ihre Häuser verloren und dazu ihr Vertrauen in die Eliten, so dass sie zur Wahl Donald Trumps beitrugen, der wiederum den Reichen und den Konzernen hübsche Steuergesetze gönnte. Ein böser Kreislauf, der sich in die Pandemie ausdehnte.

Das Ergebnis sind die feindseligen Staaten von Amerika. Wut und Hass auf der Rechten. Hass und Wut auf der Linken. Keine Chance für Mainstream-Politik, mit der Joe Biden groß geworden war und die er heute noch verkörpert. Das System von Checks und Balances funktioniert schon lange nicht mehr. Der Kongress ist ein Gehäuse der Ohnmacht. Ein Symptom dafür ist der Ausschuss, der den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 untersuchen soll. An diesem Tag wollte Donald Trump unbedingt seinen White-Trash-Anhängern in der Staatskarosse hinterherfahren, das weiß man seit voriger Woche; der Secret Service hielt ihn davon ab. Es wareneben  seine Leute, er wollte zu ihnen, er wollte, dass sie Mike Pence dazu zwingen, ihm die Präsidentschaft zu sichern.

Muss man mehr wissen? Braucht man mehr zur Anklage? Eigentlich nicht. Kommt es dazu? Wohl kaum. Da seien die Republikaner vor, die sich von Trump zur Geisel machen lassen.

In dieses Vakuum stößt nun der Supreme Court. Er ist zum Zertrümmerer des liberalen Amerika geworden; dafür sorgte Donald Trump mit der Berufung dreier konservativer Richter. Egal was mit ihm passiert, dort sitzen die Vollstrecker der Wende zum Konservativen. Immerhin haben sie sich der Zumutung versagt und Trump die politisch verlorene Wahl nicht auch noch juristisch geschenkt, das war’s aber schon.

Die Urteile des Supreme Court haben die Tendenz, die Zentrale zu schwächen und die Bundesstaaten zu stärken. Die sollen von nun an über das Recht auf Abtreibung entscheiden. Damit ist der Kulturkampf entschieden, der seit 49 Jahren anhält, als der Supreme Court urteilte, dass die Verfassung die Freiheit zur Abtreibung schützt. Normalerweise geht das Oberste Gericht pfleglich mit Rechtsetzungen seiner Vorgänger um. Die Umkehrung der Logik ist selten, bestätigt jetzt aber den Verdacht, dass diese Richter darauf aus sind, Amerika nach ihren konservativen Vorstellungen zu verändern. 

Ab jetzt darf die Umweltschutzbehörde keine nationalen Verordnungen gegen die Vergiftung der Atmosphäre erlassen. Auch Waffengesetze sind mehr denn je das Monopol der Bundesstaaten, was dazu führt, dass Lehrer in den Klassenzimmern Waffen tragen dürfen. Davon hat noch nicht mal die Waffenlobby zu träumen gewagt. Ihr Argument war ja bei jedem Amoklauf, dass mehr Waffen zu weniger Toten in Klassenzimmern und Schulen führen. Die Mehrheit der neun Richter geben ihr recht.

Es wird nicht lange dauern, bis der Supreme Court über das Recht auf Heirat für Homosexuelle neu urteilt. Im Jahr 2015 erklärte der Supreme Court die gleichgeschlechtliche Ehe in den Bundesstaaten für zulässig. Der konservativen Mehrheit des Gerichts darf man Konsequenz zutrauen und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die liberale Rechtsfindung aufgehoben wird. In diesem illiberalen Klima muss die ganze LBGT-Community mit erneuter Ächtung und Diffamierung rechnen, sofern sie nicht in Kalifornien beheimatet ist.

Knapp zweieinhalb Jahre hat Joe Biden noch vor sich. So lange kann Europa auf ihn zählen und die Nato zugleich für einen Krieg im Baltikum rüsten, der Putins Russland zuzutrauen ist. Diese Zeit bleibt den europäischen Verbündeten zur Emanzipation vom entzweiten Amerika für den Fall der Fälle, dass der nächste Präsident kein Interesse mehr am alten Kontinent hegt. 

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Bereichert und beglückt

Durch schiere Zufälle bin ich auf zwei Autorinnen aufmerksam geworden, von denen ich niemals zuvor gehört hatte. Die eine schreibt erstaunliche Romane von wunderbarer Tiefe in schöner Sprache, die andere schreibt in völlig unaufgeregter Sprache philosophisch Tiefsinniges, als wäre es für uns und für heute gedacht. Die eine stammt aus Nigeria und lebt mittlerweile teils in Amerika und teils in Nigeria; sie heißt Chimamanda Ngozi Adachie und ist Jahrgang 1977.

Die andere stammt aus einer deutsch sprechenden Familie in Riga, flog rechtzeitig vor Hitler über Japan und Amerika nach Kanada und lehrte als Schülerin und Nachfolgerin des ungemein berühmten Staats- und Verfassungstheoretikers Carl Joachim Friedrich. Sie war die erste Frau mit einer Professur auf Lebenszeit in Harvard und man muss hinzufügen, dass Harvard verdammt spät dran war, einer Frau jüdischer Herkunft diese Ehre angedeihen zu lassen. Judith Nisse Shklar ist Jahrgang 1928 und starb im Jahr 1980.

Na klar stellt sich die Frage was beide miteinander zu tun haben, sind sie doch nicht mal Generationsgenossinen, kommen aus anderen Welten, die eine lebt noch, die Philosophin starb, als die Romanautorin drei Jahre alt war. Illusionslose Humanität zeichnet beide aus. Jede von ihnen schaut genau hin, auch erbarmungslos, nimmt die Schwächen der Menschen wahr, ihre Fähigkeit, sich was einzureden, sich was vorzumachen, sich zu überhöhen, auch zu lügen und zu trügen, wenn es das Leben verlangt. Die Geschichte, in die sie gestellt sind, zwingt sie einerseits das, aber andererseits ist es natürlich ihre Freiheit, sich so oder anders zu verhalten.

Von dieser negativen Anthropologie gehen beide aus. Judith Nisse Shklar hat das Europa der beiden Weltkriege und deren Menschheitsverbrechen vor Augen und im Sinn. Ihr Denken beginnt bei dem Geschichtsprinzip Ungerechtigkeit und verweilt bei der Ungerechtigkeit, anstatt schnell zu Gerechtigkeit überzugehen, nach pflichtschuldiger Abhandlung der Ungerechtigkeit. Mehr will ich gar nicht über sie sagen, sondern nur dazu anregen, selber drin zu lesen. Ihre Bücher sind erst spät ins Deutsche übersetzt worden, sehr verdienstvoll. Hätte ich nicht den Artikel von Michael Hampe, der Philosophie in Zürich lehrt, in der „Süddeutschen Zeitung“ gelesen, wäre ich nie auf diese wunderbare Frau gestoßen und das wäre ein wahrhafter Verlust gewesen.

Auf Chimamanda Adichie machte mich eine Freundin aufmerksam. Sie hat einerseits Nigeria und andererseits Amerika vor Augen und im Sinn. In wenigen Wochen habe ich alles gelesen und gehört, was ich finden konnte. „Hibiskus“ ist der Roman einer wohlhabenden Familie mit einem großzügigen Vater, der viel Geld an Bedürftige verteilt, aber seine beiden Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, mit seiner Erziehung terrorisiert, die auf einem harten, unsinnlichen Katholizismus mit animistischen Grundzügen beruht. „Die Hälfte der Sonne“ ist die politische Geschichte Nigerias, dieses reichen, großen Landes, das von seinen Eliten ausgebeutet wird und von Ethnien geplagt werden, die sich gegenseitig umbringen. Im Mittelpunkt steht der Biafra-Krieg, der Bürgerkrieg im Inneren. „Americanah“ spielt in Amerika und wer sich für die Vergangenheit und Gegenwart der Rassenkonflikte im Alltag interessiert, findet in diesem Roman Sätze von Kristallklarheit, die sich ins Gedächtnis brennen.

Ich habe mit zwei TED-Talks angefangen, die auf YouTube gespeichert sind. Sie heißen: „The danger of a Single Story“ und „We should all be feminists“. Dazu gibt es ein Büchlein mit dem wunderbaren Titel: „Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.“ Adichie hielt auch die Rede zur Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin.

Lasst euch auf das Lesen ein und ihr werdet beglückt werden.

Von Pragmatikern und Moralisten

Vor wenigen Tagen besuchte Wolodmir Selenskij die Front im Donbass und sagte dabei: „Wir werden den Süden niemandem überlassen, wir werden alles zurückholen, was unser ist, und das Meer wird ukrainisch sein.“ Ein Kriegspräsident darf das sagen, er muss es sogar, um die Moral seiner Soldaten zu stärken. Daran wird er gemessen, egal ob es den Tatsachen oder den Möglichkeiten entspricht.

Die russische Armee ist materiell zehnfach überlegen, allein mit seiner Artillerie. Tag für Tag sterben 200 bis 500 ukrainische Soldaten, noch mehr verletzen sich teils schwer, teils nicht so schwer. Diese Zahlen und Fakten wurden rund um Selenskjis Aufenthalt in Odessa und Mykolayiv bekannt. Schreckliche Zahlen sind das, die eine gegenläufige Geschichte über den wirklichen Krieg erzählen. Dass es unter diesen Umständen wirklich gelingen kann, den Donbass und auch die Krim zurück zu erobern, kann man sich wünschen, darauf lässt sich hoffen, aber Skepsis drängt sich förmlich auf.

Nachschub an schweren Waffen braucht die Ukraine, damit sie die numerische Unterlegenheit einigermaßen kompensieren kann, was denn sonst. Die USA schicken denn auch weitere 18 Haubitzen, Sie können bis zu sechs Schuss auf einmal abgeben, die allesamt im selben Ziel einschlagen. Dazu kommen Anti-Schiffs-Raketen vom Typ Harpoon und, gemeinsam mit Deutschland und England, Mehrfachfachraketenwerfer und Artilleriesysteme vom Typ Mars, das sind Abschussbatterien aus gelenkten Raketen mit GPS-System auf Kettenfahrzeugen, die bis zu 50 km/h schnell fahren.

Nichts geht ganz schnell. Die ersten 15 Flugabwehrpanzer Gepard aus deutscher Produktion, die schon länger in Rede stehen, sollen im Juli ausgeliefert werden, wobei es an Munition mangelt, denn nur 60 000 Schuss hat die Bundeswehr noch auf Lager. Ohnehin wäre es besser, in Etappen zu denken und vorwegzunehmen, was die Ukraine in vier Wochen oder vier Monaten benötigt. Müsste möglich sein und würde deutsche Talk-Runden von kleinkrämerischen Diskussionen entlasten.

Natürlich weist die Wunschliste  die Selenskji dem Quartett Scholz/Macron/Draghi und Johannes unterbreitete, noch mehr Posten auf. Sie wird umso mehr anwachsen, je länger dieser Krieg andauert. Die Ukraine kämpft mit allen Mitteln um ihre Existenz. Wladimir Putin kann sich eine moralische Niederlage leisten, aber keine Kriegsschmach, weshalb er im Zweifelsfall für noch mehr verbrannte Erde wie in Tschetschenien sorgen wird, wenn er es für nötig erachtet. 

Groß ist die moralische Unterstützung im Westen für dieses überfallene Land, und das ist auch gut so. Und dennoch bleibt der Westen militärisch vorsichtiger, als er es zu zugibt. Die Mehrfachraketenwerfer aus Amerika haben nur bedingte Reichweite. So können sich nicht weit nach Russland hinein treffen. Damit sendet die Supermacht eine Botschaft: Die Ukraine muss sich verteidigen können, soll aber das russische Hinterland nicht erreichen.

Emmanuel Macron zeigte fahrlässige Unverblümtheit, als er davor warnte, Russland zu demütigen. Er sagt laut aus politischen Gründen, was Joe Biden leise militärisch berücksichtigt. Der französische Präsident, ansonsten zum Visionären allzeit bereit, kann also auch pragmatisch kaltherzig vorgehen. Olaf Scholz hat prominente Gesinnungsfreunde für seine prinzipielle Zurückhaltung, die er jedoch mal um mal aufgeben muss. 

Übrigens fällt auf, wie wenig momentan von Annalena Baerbock zu hören ist. In der Bundesregierung ist sie zuständig für eine moralisch begründete Außenpolitik. Kann gut sein, dass ihr Pathos mittlerweile von ihrem Wirklichkeitssinn gestört wird. Kann auch sein, dass sie sich nicht länger gegen den Kanzler ausspielen lassen will. Kann genauso gut sein, dass es ein klärendes und/oder herbes Gespräch zwischen beiden gab.

Mit der Zeit dürfte sich der Scholz-Satz durchsetzen, wonach die Ukraine nicht verlieren darf. Aus gutem Grund hat er sich gegen die Zumutung gewehrt, er solle gefälligst sagen, dass die Ukraine den Krieg gewinnen muss. Gewinnen hieße zum Beispiel: Krim und Donbass zurück. Nicht verlieren heißt: Die Ukraine muss als souveräner Staat überleben, der dann in die Europäische Union aufgenommen wird.

Es passiert ja trotz aller Vorsicht Undenkbares in Europa. Man kann sich vorstellen, wie Putin bei der Aussicht tobt, dass Moldau, die Ukraine und auch Georgien vom Westen aufgenommen werden wollen. Dazu gibt sich die Nato Ende Juni eine neue Doktrin und verlegt stärkere multinationale Gefechtsverbände in die baltischen Staaten, direkt an der Grenze zu Russland. Was Putin unterbinden wollte, wird sukzessive Wirklichkeit. Darin hätte Marx die Dialektik der Geschichte erblickt, wonach die Mächtigen in ihrer Verblendung das Gegenteil ihrer Absichten erreichen.

Bei Lichte besehen rüstet der Westen die Ukraine auf, um Russland strategisch so zu schwächen, dass es von weiteren Überfallen, zum Beispiel auf Litauen, absehen muss. Zugleich bietet der Westen potentiellen Opfern wie Moldau und aktuellen Opfern wie der Ukraine die Hand, was nun bestimmt nicht gering zu achten ist, geschweige denn ohne Risiko ist.

Noch einige Zeit wird das Widersprüchliche nebeneinander herlaufen – die Vorsicht der Realpolitiker und das Herzklopfen für die Ukraine. Beides hat seine Berechtigung. Denn die Realpolitiker stärken ja zugleich die Nato und erweitern militärisch den Schutzraum für gefährdete Länder. Und die Moralisten sollen gerne unseren Sinn für das fundamentale Unrecht wach halten, das der Ukraine widerfährt.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern

Was zum Hören: Blind Willie McTell

In jedes Bob-Dylan-Memory-Hörbuch gehört das Lied vom blinden Willie McTell, einem Bluessänger und Gitarristen, der von 1998 bis 1959 lebte und auch Hot Shot Willie oder Blind Sammie genannt wurde. Er prägte eine eigene Fingertechnik an der Gitarre aus, die Spezialisten besser erklären können als ich. Natürlich macht Bob Dylan daraus keine Biographie, sondern er beschreibt die Welt des Südens in Willies Welt. Man muss wissen, was er meint, aber schwer ist das nicht. Wer sich ein besonderes Erlebnis gönnen möchte, sollte auf YouTube Bob Dylans Auftritt mit diesem Lied zu Ehren von Martin Scorsese im Hollywood Palladium am 12. Januar 2012.

Hier kommt der Text:

Seen the arrow on the doorpost
Saying this land is condemned
All the way from New Orleans
To Jerusalem travel through east Texas
Where many martyrs fell
And I dont know one can sing the blues
Like blind Wille McTellWell

I heard that hoo-dove singing
As they were taking down the tent
The stars above the barren trees
Was his only audiance

Them charcoal gypsy maidens
Can strut their feathers well
But nobody can sing the blues
Like blind Wille McTell

Seen them big plantations burning
Hear the cracking of the whips
Smell that sweet magnolia blooming
See the ghost of slarvery ship

I can hear them tribes moaning
Hear the undertakers bell
Nobody can sing the blues
Like blind Wille McTell

There’s a woman by the river
With some fine young handsome man
He’s dressed up like a squier
Bootlegged whiskey in his hand

There’s a chain gang on the highway
I can hear them rebells yell
And I know no one can sing the blues
Like blind Wille McTellWell

God is in his heaven
And we are what was his
But power and greed and corruptible seed
Seem to be all that there is

I’m gazing out the window
Of the St. James Hotel
And I dont know no one that can sing the blues
Like blind Wille McTell

Putins zweite Front

Die Militärregierung im Tschad, einem Staat in Zentralafrika, hat den Notstand ausgerufen. Die Uno schätzt, dass dort 5,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Der Präsident von Senegal, Micky Sall, flog nach Sotschi, um Wladimir Putin zu bitten, er möge doch die in vielen Ländern Afrikas dringend benötigten Weizenlieferungen freigeben. Der russische Präsident tat so, als seien ihm die Hände gebunden. Vom Westen, versteht sich.

Der Hunger in Afrika ist die zweite Front, an der Putin leichter Erfolge erzielt als im Donbass. Er argumentiert, dass die russischen Frachtschiffe nicht ausfahren können, weil sie vom Westen unter Sanktionen gestellt sind. Das stimmt zwar nicht, kommt aber gut an, weil die ehemaligen Kolonialstaaten England und Frankreich in Afrika nicht zufällig unter dem Verdacht stehen, stets ihren  selbstsüchtigen Interessen zu folgen. In Wirklichkeit dürfen die russischen Frachtschiffe keine Häfen der Europäischen Union anlaufen, was aber bei gutem Willen kein größeres Problem wäre.

Russland ist der zweitgrößte Getreideproduzent weltweit. Die Ukraine ist auch ein wichtiger Exporteur und würde gerne liefern wie eh und je. Kann sie aber nicht. Den Hafen von Odessa blockiert die russische Marine. Kein Schiff, kein Frachter vermag auszulaufen. Weder Getreide noch Sonnenblumenöl (da ist die Ukraine führend) können verschifft werden. Dafür sorgt Russland, niemand sonst.

„Politik in Mafia-Manier“ nennt die „Süddeutsche Zeitung“ Putins zynisches Jonglieren mit den Lebensmitteln – den Mitteln zum Überleben. Hungersnöte sind abzusehen im Jemen, in Äthiopien, in Ägypten und Tunesien usw. Nach der ehernen Regel des Kapitalismus führt die gezielte Minderung des Angebots zur Verteuerung der Nachfrage. Der Weizen-Preis geht durch die Decke und je mehr Bedarf arme Länder haben, desto größer ist ihre Verzweiflung. 

Diese Afrika-Strategie ist wirkungsvoll, keine Frage. Als die Uno vor kurzem über die Resolution abstimmte, mit der Russland zum Abzug seiner Truppen aufgefordert wurde, enthielten sich 16 afrikanische Länder, acht glänzten durch Abwesenheit und Eritrea stimmte dagegen. Ein Triumph für Putin, aber was für ein trostloser, was für ein widerwärtiger.

Das Vorgehen ist wie in Syrien parasitär. Wo immer sich eine Lücke auftut, stößt Putin hinein. Aus Mali zum Beispiel zog sich Frankreich zurück; seither führt die berühmt-berüchtigte Wagner-Gruppe, eine russische Söldner-Miliz, den Kampf gegen den IS. Auch in Afrika, ganz wie in Sowjet-Zeiten, sucht Russland den Wettbewerb mit dem Westen um Einfluss. Was aber hat Putin zu bieten? Waffen. Als mangelte es daran, als gäbe es nicht Wichtigeres.

An der ersten Front versucht die russische Artillerie weiterhin, sich den Weg frei zu schießen, inzwischen unterstützt von der Luftwaffe. Es ist ein langsamer Krieg, der sich noch lange hinziehen wird. Viele Kampfpanzer und anderes schwere Gerät hat die russische Armee verloren. Wie viele Soldaten gestorben sind, kann nur geschätzt werden., wahrscheinlich zwischen 20 000 und 30 000, jedenfalls enorm viele. Soeben sind offenbar neue Rekrutenjahrgänge an die Front geschickt worden. Der Krieg geht weiter, immer weiter.

Die entscheidende Frage lautet: Kann die Ukraine den Krieg gewinnen? Ihre militärische Taktik läuft darauf hinaus, dass sich die Russen möglichst langsam und unter enormen Verlusten durch den Donbass kämpfen müssen. Aus dieser Sicht birgt ein Abnutzungskrieg Chancen auf Erfolg. Der britische Militärexperte Philips Payson O’Brien sagt dazu Einleuchtendes im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“:  „Es kommt darauf an, welche Verluste sie den Ukrainern zufügen im Vergleich zu den Verlusten, die ihnen zugefügt werden. Die Städte sind nicht entscheidend, entscheidend sind die Verluste.“

Irgendwann im Sommer will die Ukraine eine Gegenoffensive starten. Mit den schweren Waffen aus dem Westen, inklusive Deutschland. Solange der Nachschub rollt, bleibt vermutlich auch die Moral hoch. Und danach lässt sich vermutlich absehen, welcher Spielraum der Ukraine bleibt.

Dass man ein Herz aus Stein haben muss, um nicht mit der Ukraine zu bangen, versteht sich von selber. Dass man nicht leichtfertige Prognosen über den Kriegsausgang abgeben sollte, liegt auch auf der Hand. Die deutsche Außenministerin lässt ihr heißes Herz für die Ukraine schlagen. Der deutsche Bundeskanzler übt Zurückhaltung, gut so. In einer  guten Regierung gehören unterschiedliche Stimmen zur selbstverständlichen Arbeitsteilung. Könnte man mal in Betracht ziehen, anstatt der Versuchung nachzugeben, Annalena Baerbock gegen Olaf Scholz ausspielen zu wollen. 

Zu den Absurditäten dieser Tage gehört auch die Kritik daran, dass der Kanzler, und dazu Emmanuel Macron, gelegentlich mit dem Kriegsherrn im Kreml telefonieren. Geht’s noch? Zu hören, ob sich an Putins Einschätzung der Lage etwas geändert hat, gehört zum Vernunfthandeln, das man sich von Regierungschefs erwarten sollte. 

Macron ist wie immer auf eigener Umlaufbahn. Er warnt davor, Putin zu demütigen. Da stellt sich sofort die Frage: Was heißt demütigen? Die größtmögliche Demütigung wäre den Krieg zu verlieren, nicht nur moralisch, sondern auch militärisch. Oder meint der französische Präsident, die Lieferung schwerer Waffen, vor allem Luftabwehrraketen, ginge zu weit? Und wo endet die Demütigung Russlands und wann beginnt die Demütigung der Ukraine?

An der ersten Front steht der Westen noch ziemlich einträchtig auf der Seite der überfallenen Ukraine. An der zweiten Front müssen sich Europa und Amerika etwas einfallen lassen, damit sie den Kollateralschaden des Krieges, den Russland in Afrika verursacht, schnell und wirksam mindern.