In der dritten Phase

Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, das auf interessante Weise von uns in Zeiten von Corona handelt. Der Titel lautet schön verrätselt: Der Wal und das Ende der Welt. Geschrieben hat es John Ironmonger, ein Brite. Auf Deutsch kam es vor einem Jahr heraus. 

Das Buch handelt von einer Pandemie, die der spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges nachempfunden ist. Das Virus rafft die Jungen dahin. Den Ausnahmezustand verschärft eine Krise im Persischen Golf, weshalb Öl ausbleibt und dem Land der Strom ausgeht. Die Versorgung mit Nahrungsmittel versiegt. Jede große  Stadt und jedes keine Dorf ist auf sich allein gestellt. Niemand in London weiß, was im sonstigen England los ist.

Was passiert jetzt mit dem Land? Das Buch ist auch ein Gedankenexperiment, das sich darum dreht, ob Thomas Hobbes recht behält, der britische Geschichtsphilosoph, für den der Mensch des Menschen Wolf ist. Die Konsequenz ist ein autoritärer Staat, der den nackten Egoismus bändigt.

Anders als die Pandemie im Buch rafft das Corona-Virus Alte und Kranke dahin. Auch wissen wir, was anderswo passiert. Deutschland kommt bisher dank rechtzeitiger Maßnahmen einer verantwortungsvollen Regierung mit weniger Infizierten und weniger Toten davon als viele andere Länder. Und dennoch stellt sich die gleiche Frage wie im Buch: Nehmen die inneren Konflikte zu, nimmt der Hass zu, auch die politische Spaltung? Wie wirkt sich die Krankheit gesellschaftlich aus?

Ich glaube, dass der Ausgang noch offen ist. Ich glaube auch, dass der Unmut wächst, die Ungeduld. Die Jagd nach Sündenböcken ist eröffnet, wie man an den Verschwörungstheorien absehen kann und am Hass, der sich im Netz gegen Bill Gates genau so wie gegen die Kanzlerin oder Kommunalpolitiker ergießt. An die Spitze hat sich die „Bild“-Zeitung mit ihrer Verleumdungsarie gegen Christian Drosten gesetzt, den Virologen und Berater der Bundesregierung. 

Wir leben jetzt in der dritten Phase der Corona-Zeit. In der ersten gab es großes Vertrauen in die Ruhe und Kompetenz der Kanzlerin. Weder ging sie soweit wie Frankreich oder Spanien, die Ausgangssperren verhängten, noch unterschätzte sie das Virus ähnlich wie Boris Johnson oder Donald Trump. Im richtigen Augenblick, das war die zweite Phase, ließ die Kanzlerin Lockerungen zu und trat die Verantwortung für die konkrete Umsetzung an die Ministerpräsidenten ab, so dass Bayern restriktiv handeln darf und Baden-Württemberg oder Thüringen weiter gehen können. So finden nun Geisterspiele in der Bundesliga statt, können wir Restaurants besuchen und Motorboot fahren, die kleinen Kinder stundenweise die Kita schicken und Urlaub planen, immerhin.  

In der dritten Phase entscheidet sich, was Deutschland nach der Pandemie für ein Land sein wird. Der Deutungskampf ist schon ausgebrochen, dafür sind die Verschwörungstheoretiker vom Schlage Ken Jebsen oder Attila Hildmann die Vorboten. Ich glaube, dass solche Jahrmarktschreier ihre Stunden haben und danach im schwarzen Loch des Internet verschwinden.

Grundstimmungen ändern sich so schnell nicht, es sei denn den Regierungen unterlaufen schwerwiegende Fehler oder Fehleinschätzungen. Kann passieren, muss aber nicht. Die Rechte hofft darauf, dass sich 2015 wiederholt, als zuerst eine Welle der Solidarität durchs Land ging, bevor die AfD ihre Geburtsstunde als nationalkonservative bis halbfaschistische Partei erlebte. Momentan sieht es nach dem Gegenteil aus, der Wiederauferstehung der CDU/CSU als Volkspartei.

An der Grundstimmung dürfte sich erst einmal nichts ändern. Die Deutschen genießen das Mehr an Beweglichkeit bei schönem Wetter, freuen sich auf ihren Urlaub, der sie vermutlich an andere Orte als gedacht führen wird. Nach den Ferien öffnen Kitas und Schulen. Gesichtsmasken und Abstand bleiben Alltag. Normalität und Ausnahmezustand existieren nebeneinander.

Was wird, entscheidet sich im Herbst. Dann zeichnet sich die Tiefe der Rezession ab und zeigt sich die Wirkung der Milliarden-Programme.  Vieles hängt davon ab, wann es Medikamente für die Infizierten gibt und wann einen Impfstoff für uns alle.

Und wie sieht das Deutschland dann aus? Ich hoffe, im Großen und Ganzen wie zuvor, nur ein bisschen geläutert, vielleicht auch ein bisschen demütiger, sogar dankbar für gute Führung in schwieriger Zeit. Demokratien kommen besser mit unbekannten Krisen klar, das sollte eine Corona-Botschaft sein. Parlamentarismus verdient Respekt, weil aus seiner Mitte das richtige Führungspersonal im richtigen Moment aufsteigt.

Im Buch bekommt Thomas Hobbes mit seinem pessimistischen Menschenbild nicht recht. Die Menschen fallen nicht übereinander her, sondern helfen einander. Sie üben Solidarität und werden mit der schrecklichen Krise besser fertig als befürchtet. Das Buch hat ein versöhnliches Ende.

Das lässt hoffen für uns und unsere Krise. Dann bekommt Immanuel Kant Recht, der deutsche Philosoph mit seinem skeptischen Optimismus. Der Mensch mag aus krummem Holz sein, aber er weiß gutes Regieren zu schätzen und er ist gut beraten, wenn er andere Menschen so behandelt, wie er selber behandelt werden möchte. 

Dann hätte die Pandemie sogar ein happy ending.

Veröffentlicht gestern auf t-online

Christos Geschenk

Im Juni 1995 schrieb der „Spiegel“ eine Geschichte darüber, dass der Reichstag verhüllt werden sollte. Ich war Politik-Chef und hatte sie verantwortet. Hinterher dachte ich lässig, das wäre doch ein Grund, mal wieder ein Wochenende nach Berlin zu fahren. Zu Viert bestiegen wir meinen alten VW-Käfer mit Blumenvase und Philipps-Röhrenradio und zuckelten frohgemut los.

Von Christo wusste ich, dass er ganze Stadtviertel und Brücken mit Tuch verhüllte. Das waren Aktionen, denen ich wenig abgewinnen konnte, was auch daran lag, dass es mir schwer fiel, mir die Wirkung vorzustellen. Das änderte sich, als ich nachts den Reichstag zum ersten Mal sah, sorgsam eingehüllt in weißes feuerfestes Tuch wie ein Geschenk. Ich stand staunend da, wie so viele andere Menschen aus vielen Städten und Ländern, die genau so wie wir neugierig gekommen waren, ohne zu wissen, was sie erwartete, und nun beglückt sahen, was Christo und Jeanne-Claude sich für uns ausgedacht hatten.

Der Reichstag war für meine Generation ein finsteres Gebäude. In ihm spiegelte sich das große Scheitern der ersten deutschen Demokratie nach 1918. Hier war den Nazis das Land zum Fraß vorgeworfen worden, hier war Hitler Reichskanzler gewesen und hatte aus den Resten der Demokratie eine Diktatur geschmiedet. Als der Reichstag in der Nacht zum 28. Februar 1933 brannte, machte er daraus ein Fanal zur Unterdrückung der deutschen Linken. 

Dieses machtvolle Bauwerk, beladen mit deutscher Geschichte, zu verhüllen, war ein genialer Gedanke. Es war wie eine Katharsis: Seht her, das ist nur Stein, der nicht verantwortlich für die Geschichte ist. Er trägt die Spuren der Vergangenheit, ist aber nicht schuld an ihr. Diese Wahrheit, um es pathetisch zu sagen, hat Christo uns durch Verhüllung offenbart.

Der Bundestag hatte seine Erlaubnis gegeben, gegen den Willen des Kanzlers Kohl. Das war ein einheitsstiftender Akt, denn die vielen Deutschen, die in jenen Tagen zum verhüllten Reichstag pilgerten, fanden es nicht mehr abwegig, dass Berlin wieder Hauptstadt werden sollte. Und der Umbau des Reichstags samt Kuppel war später dank Christo weitaus weniger umstritten, als er unter anderen Umständen gewesen wäre. Heute ist er ein Monument der deutschen Demokratie, was denn sonst.

Den Reichstag hat uns Christo nahe gebracht. Dafür gebührt ihm mehr als Dank. Nun ist dieser eigensinnige Weltbürger aus Bulgarien gestorben und bleibt doch unsterblich.

Am 31.Mai veröffentlicht auf t-online

Xi und die Zinnsoldaten

Momentan tagt in Peking der Volkskongress, dieses Riesenparlament aus 3000 Delegierten, die mit Maske dicht an dicht stehen, wie die Zinnsoldaten, die sie ja auch tatsächlich sind, der ergebene Chor zum Bejubeln der Führung, die alles richtig macht, grundsätzlich und immerdar.

Den Rechenschaftsbericht verlas der Ministerpräsident Li Keqiang. Immerhin gestand er ein, dass die Zeiten unübersichtlich sind. Damit meinte er die Pandemie und deren Folgen für die Weltwirtschaft, weshalb die Staats- und Parteiführung   auf Wachstumsziele für die kommenden Jahre verzichtet. Ein ungewöhnliches Zugeständnis.

Li ist aber nur eine Nebenfigur in diesem genau abgestimmten System. Die Sonne scheint einzig und allein auf Xi Jinping, den zweiten Mao, für den etliche Gesetze nicht gelten, die für seine Vorgänger galten. Er will länger an der Macht bleiben, als eigentlich zulässig ist. Er erhebt sich zum absoluten Herrscher in einem totalitären System und wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass China in den kommenden Jahrzehnten in den Rang der ersten Weltmacht aufrücken wird.

Corona ist, so gesehen, eine lästige Unterbrechung im Prozess der Geschichte, der auf Chinas Wiederaufstieg abzielt. China denkt ja wie selbstverständlich in langen Etappen und ist wie eh und je auf sich selbst zentriert. Nun ist Corona aber in China entsprungen, vielleicht schon bei den Militärweltspielen Ende Oktober, ganz sicher wenig später auf einem Wildtiermarkt in Wuhan. Von dort ging die Pandemie aus und suchte sämtliche Kontinente heim. Im Ursprung handelt es sich um eine chinesische Krankheit, die von Tieren auf Menschen überging.

Auch darauf kam Xi auf dem Volkskongress zu sprechen, und ich war gespannt, was er sagen würde. Bei den Angehörigen jenes Arztes Li Wenliang, der früh vor dem Virus warnte und dafür bestraft wurde und am Ende traurigerweise an der Krankheit starb, hatte sich die regionale Führung entschuldigt. Und nun, vor den 3000? Kleine Zeichen von Selbstkritik, national oder gar international?

Natürlich nicht. X ging es um anderes. Um Machtdemonstration. Um den Führungsanspruch der KP. Um die Umdeutung der Ereignisse. Er erzählte, wie souverän und schnell und gezielt die KP auf die Krise antwortete. Nicht zögernd, verschleiernd, unsicher. Seine Apologie gipfelte in dem dürftigen Allerweltssatz, dass Krisen große Chancen bieten.

Wirklich souverän wäre es gewesen, wenn Xi sich zu einem anderen Satz verstanden hätte: Tut uns leid, Welt dort draußen, dass hier bei uns diese furchtbare Pandemie zuerst ausbrach und dann sich ausbreitete,  überall die Volkswirtschaft lahmlegte, die Bürger zu Hause isolierte und hiermit historisch beispiellose Konsequenzen verursachte. Wir werden die Wildtiermärkte nicht nur vorübergehend schließen, sondern für immer. Für das, was uns allen widerfuhr, übernehmen wir die Verantwortung.

Totalitäre Herrscher reden so nicht. Sie würden das Gesicht verlieren. Sie würden zugeben, dass sie sterblich sind, menschlich, dass ihnen Fehler unterlaufen, Irrtümer auch, Dummheiten, ja selbst die. Sie würden ihre Absolutheitsanspruch in Frage stellen. Und sie haben ja die Machtmittel, mit denen sich die Dinge auf den Kopf stellen lassen. Der chinesische Propaganda-Apparat läuft momentan auf Hochtouren, damit kein Zweifel an der Umsicht und dem Überblick aufkommt, den die KP angeblich jederzeit und immer wieder behält und somit die Geschicke des Volkes zu Wohlstand und Sicherheit lenkt und leitet.

Im nächsten Jahr wird die KP Chinas 100 Jahre alt, und sie wird den 23. Juli als welthistorisches Ereignis feiern und den imperialen Anspruch gegenüber dem Westen und der niedergehenden Supermacht USA untermauern. Im Jahr darauf finden die olympischen Winterspiele im Land statt. Noch eine Gelegenheit der Welt zu zeigen, was China kann, was China will.

Was China kann, ist imposant: Fast eine Milliarde Menschen aus der Armut befreien. Was es will, ist bedrohlich: Hongkong übernehmen, Taiwan einverleiben.

Noch aber lebt das Riesenreich im Bann von Corona wie der Rest der Welt. Erst ein Impfstoff wird das Infizieren und Sterben beenden. Erst dann verliert die Pandemie ihren Schrecken und wird Vergangenheit. Und am Vergessen hat China, das uns die Krankheit schickte, das allergrößte Interesse.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

MJ und die Schatztruhe

Fünf Montage lang war ich gespannt, aufgeregt, fieberte ich „The Last Dance“ entgegen. Netflix hatte sich darauf kapriziert, die zehnteilige Serie über Michael Jordan und die Chicago Bulls im Zweierpack anzubieten, anstatt wie sonst alle Folgen auf einmal anzubieten. Dafür gibt es einen Grund. Die Rechte liegen beim amerikanischen Sportsender ESPN, der die Serie in Amerika ausstrahlte. Keine andere Sportdokumentation hatte je so viele Zuschauer.

„The Last Dance“ nannte Phil Jackson die Saison 1997/98. Noch einmal spielten sie zusammen, Michael Jordan und Scottie Pippen, Dennis Roman, Toni Kukoc und Steve Kerr und die anderen. Danach würde es vorbei sein, wie es Jerry Krause, der kleine, runde, gemeine Generalmanager der Bulls Anfang der Saison ankündigte. Egal, ob sie zum sechsten Mal die Meisterschaft gewännen oder nicht, die Mannschaft würde zerschlagen werden. Die Drohung galt in erster Linie Phil Jackson, dem Trainer.

Für diesen Tanz eröffnete Michael Jordan einem Fernsehteam exklusiven Zugang. 10 000 Stunden an Material entstanden, dazu kommt Ungesehenes aus den Jahren zuvor, eine Schatztruhe an Aufnahmen aus dem innersten Zirkel, aus dem Training, kleine Biographien über Pippen, Rodman, Kerr und Jackson. Und immer wieder wilde Szenen unter dem Korb und immer wieder Michael Jordans heraushängende Zunge, wenn er in die Luft steigt, stehen bleibt, während sich sein Gegenspieler schon wieder dem Boden nähert und dann verlässt der Ball seine Hand und swutsch, zischt er durchs Netz. Im Mittelpunkt des ganzen Kunstwerks steht er, der Größte aller Großen, der grandiose Hüter seines Erbes und seines Rufs, bekannt auf der ganzen Welt und nie in Vergessenheit geraten. Jordan behielt sich vor, und durfte es ganz selbstverständlich, dass das Öffnen der Schatztruhe von seiner Zustimmung abhing. Von seiner und von sonst niemandens.

Er erteilte sie im Sommer 2016. Gerade hatten die Cleveland Cavaliers den NBA-Titel geholt, der in amerikanischer Bescheidenheit Weltmeisterschaft heißt. LeBron James holte seinen dritten Ring. Er gilt als der Beste seiner Generation, er hat von Anfang an die Nummer 23 getragen , die Nummer, die MJ gehörte. Er suchte den Vergleich mit MJ, er ließ sich davon anspornen und vorantreiben, er misst sich an ihm. So halten es die Großen, sie definieren ihre eigenen Herausforderungen, sie erfüllen sich ihre eigenen Träume.

Zu unserem Glück fühlte sich Michael Jordan herausgefordert. Die Gefahr, dass James ihn einholt, ist zwar gering. Jordan gewann 6 Ringe, James wechselte in der Saison 2016/17 nach Los Angeles zu den Lakers, um ihn wurde eine neue Mannschaft aufgebaut, die in dieser Corona-Saison beste Chancen auf den Titel gehabt hätte, aber er wird 36, allzu viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. MJ jedenfalls muss sich gedacht haben: Wird Zeit, dass ich mich in Erinnerung bringe. Er erteilte sein Placet und aus dem Irrsinnsmaterial entstand ein Meisterwerk der Sportdokumentation, eine Hagiographie, das auch, aber vor allem die Geschichte des Basketballs von einer peripheren Sportart zu einem Milliardengeschäft.

Jordan kam 1984 in die NBA. Damals war Basketball verschrieen als Sport der Schwarzen (so hieß das nun mal in jenen Tagen), die gerne koksten und von Groupies umgeben waren, die sich Kinder machen ließen, weil sie damit ausgesorgt hatten. So unvorteilhaft war der Ruf, so vernichtend das Image, zumindest für die Weißen (so hieß das nun mal in jenen Tagen), die Baseball oder Football vorzogen, eben den Sport, den Weiße dominierten. Bei Basketballspielen waren die Hallen selten ausverkauft, Fernsehübertragungen eine Seltenheit. Das begann sich schon mit Magic Johnson und Larry Bird zu ändern, vor allem aber mit MJ.

Drei Dinge kamen zusammen, damit sich der Basketball rehabilitieren und zu einem typisch amerikanischen Geschäft werden konnte:

  1. Eine kleine, ehrgeizige Klitsche in Kalifornien strebte damals auf den Markt und suchte dafür eine Galionsfigur. Sie lud den jungen Jordan ein, der keine Lust hatte und lieber einen Vertrag mit Adidas eingegangen wäre, aber sein Vater sagte ihm, lass uns hinfahren und ihnen eine Chance geben. So unterschrieb der unwillige junge Herr Jordan mit Nike einen Vertrag, der zur Grundlage für sein Vermögen geworden ist, mit dem Gehalt der Bulls als Beigabe. Das erste Paar „Nike Air Jordan 1S“ ging vor ein paar Tagen bei Sotheby’s für eine halbe Million Dollar an einen Bieter, dem Fünffachen des Schätzpreises.
  2. Ein kleiner Spartensender in Connecticut drängte damals ins nationale Geschäft. Ein NBC-Reporter namens Bill Rasmussen gründete ihn und nannte ihn kurz ESPN; Ghetty Oil kaufte sich noch vor dem Start ein. Der Sender war gedacht als private Konkurrenz für die traditionellen Kanäle und die Sportseiten der Tageszeitungen. ESPN erwarb unter anderem die Rechte zur Übertragung von Basketballspielen. Übrigens gab der Sender für den neuesten Vertrag 24 Milliarden Dollar aus.
  3. 1984 trat ein neuer Geschäftsführer sein Amt bei der NBA an: David Stern, ein fintenreicher, kluger, umsichtiger Mann, der dafür sorgte, dass die 23 Mannschaften auf 30 aufgestockt wurden und sich das Geschäft professionalisierte. Dazu fügte sich, dass Michael Jordan, der aus North Carolina stammt, bei der Lotterie 1984 von den Chicago Bulls gezogen wurde.

Jordan war nie so untadelig, wie ihn die Legende haben wollte. Glaubwürdig ist aber, dass er nicht kokste und von außerehelichen Kindern weiß ich auch nichts. Er wollte immer nur eines: gewinnen, gewinnen, gewinnen; so viele Ringe wie möglich; der Größte aller Zeiten werden. Eine Offenbarung war er schon als Rookie, als Anfänger. Allerdings dauerte es einige Jahre lang, bis eine konkurrenzfähige Mannschaft entstanden war. Es dauerte auch, bis die Bulls 1991 zum ersten Mal die Detroit Pistons schlugen, die überragende Mannschaft, die Nemesis, die den Bulls zweimal die Grenzen aufzeigten, eine Mannschaft, die mit allen Wassern gewaschen war, mit vielen Tricks und noch mehr Tücke und Willenskraft andere Teams weniger besiegte, als in den Wahnsinn trieb. Isiah Thomas war ihr Star und die Inkarnation des schmutzigen Basketballs, den seine Mannschaft aus Mangel an überragendem Talent bevorzugte. Erst als die Bulls Dennis Rodman den Pistons wegnahmen, den überragenden Verteidiger, waren sie komplett – die vielleicht beste Mannschaft aller Zeiten, auch wenn solche Superlative immer ebenso falsch wie richtig sind.

Ohne Scottie Pippen wäre MJ nicht MJ geworden. Ohne Dennis Rodman hätten sie wichtige Spiele verloren. Ohne John Parsons und Steve Kerrs Dreier wären sie nicht in Endspiele gekommen. Jordan war klug genug, seinen Mitspielern in entscheidenen Momenten zu vertrauen. Er zog zwei Gegenspieler auf sich und bediente Paxson und Kerr, die frei standen und in aller Ruhe warfen. Die Mannschaft gewann als Mannschaft.

Nein, nicht die Mannschaft, die Organisation, der Klub, die Bulls gewannen, sagte Jerry Krause, der Generalmanager. Und noch einmal, damit es auch alle verstanden, sagte er laut und deutlich, nicht Mannschaften gewinnen, Organisationen gewinnen. Er war klein, dick und größenwahnsinnig und zog viel Häme auf sich. Aber Recht hatte er doch. Krause machte Phil Jackson zum Trainer, einen ehemaligen Spieler der New York Knicks, der bis dahin nichts vorzuweisen hatte. Er holte Scottie Pippen und die anderen Rollenspieler. Er formte die Mannschaft. MJ musste nicht mehr wie früher jeden Ball haben und jeden Wurf nehmen und dann doch verlieren, obwohl er 40, 50, 60 Punkte machte. Er konnte beweisen, dass er eine Mannschaft besser machen konnte wie Magic Johnson, dass er eine Mannschaft führen konnte wie Larry Bird. Erst unter diesen glücklichen Umständen wurde aus Michael Jordan der König des Basketballs, weltweit verehrt und weltweit gekauft. Der ungeliebte, auftrumpfende, verkannte Jerry Krause krönte den geliebten, genialen Michael Jordan.

Natürlich wäre es zu viel verlangt, wenn Michael Jordan zur Rehabilitation Jerry Krauses beitrüge, der 2017 starb und posthum in die Hall of Fame aufgenommen wurde, immerhin. Mit so viel Souveränität hätte MJ seinen Ruhm allerdings auch mehren können.

„The Last Dance“ ist eine wunderbare Dokumentation, über die sich noch viel mehr schreiben ließe, über Jordan und seinen Vater, über den Jordan, der 2001 sein drittes Comeback für die Washington Wizards feierte, natürlich wenig glücklich, über die Reagan-Jahre, in denen er aufstieg, über seine Abstinenz von jeder Politik, über seine wilde Zockerei. Aber, Freunde, schaut euch einfach die zehn Folgen an, sie sind jetzt alle auf einmal zu haben.

Tief in der ostdeutschen Ackerfurche

Die AfD hat sich ermannt, Andreas Kalbitz die Mitgliedschaft zu entziehen. Er hatte der Partei verschwiegen, dass er bei seinem Rundgang durch  neonazistische Kleingruppen auch der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ angehört hatte. Sie organisierte Zeltlager für Kinder und Jugendliche, die sie militärisch drillte und ideologisch schulte, womit sie nicht zufällig an die Hitler-Jugend erinnerte. Selbst der AfD war das zu anrüchig. Die Partei erließ einen Unvereinbarkeitsbeschluss.

Nun könnte man ja sagen: Jugendsünden, was soll’s, oder auch: Da war einer auf der Suche, hatte eine Vorliebe fürs Militärische, war dann ja auch in der Bundeswehr, und ist heute ein tragendes Mitglieder dieser aufstrebenden rechten Partei, wiederum mit einer Vorliebe für völkische Romantik, weshalb er zugleich ein prominentes Mitglied im „Flügel“ ist. Interessanterweise aber gibt es genügend einflussreiche Leute in der AfD, die Kalbitz los haben möchten.

Klare Kante, oder? Na ja, es begibt sich aber, dass der Antrag nicht aufzufinden ist, mit dem Kalbitz im Jahr 2013 seinem Wunsch nach Aufnahme Ausdruck verlieh. Und was verloren gegangen ist, kann auch kein Beweis sei, ist einfach so. Außerdem müsste die brandenburgische AfD-Fraktion ihren Vorsitzenden abwählen, der  nicht mehr der AfD angehören darf. Müsste.

Denn natürlich ist Kalbitz keineswegs isoliert. Er ist einer aus der Mitte seiner Partei, beliebt und erfolgreich. Er steckt tief in der ostdeutschen Ackerfurche, in der die AfD die zweitstärkste Partei ist. Sie könnte den Erfolg genießen, sich stabilisieren und sich im Parlament hervortun. Stattdessen ist sie ruhelos und unbefriedet. Warum?

Corona ist der Grund. Corona drängt die AfD ins Abseits. Die Stunde der Exekutive verursacht die Wiederauferstehung der CDU und die Wiederbelebung der Kanzlerin. Der Staat ist so stark, wie ihn die AfD haben möchte. Von der Einschränkung der liberalen Demokratie träumt sie sonst ausgiebig, kann jedoch heute schlecht sagen: gut so, wollen wir ohnehin. Deshalb verliert sie an Boden, an Opferstatus, den sie braucht wie der Fisch das Wasser, an der Feindseligkeit der politischen Konkurrenz.

Ich dachte eigentlich, dass die Aufmärsche der Verschwörungsliebhaber in vielen Städten die AfD beleben würde. Die Corona-Demonstranten bejubeln aber nicht Höcke oder Gauland oder Weidel, sondern Figuren wie Ken Jebsen oder Attila Hildmann oder Michael Ballweg oder Bodo Schiffmann. Das sind Einzelgänger, um es freundlich zu sagen, die auf ihren Ruhm bedacht sind. Sie phantasieren sich Verschwörungen zurecht, in denen es um die Weltherrschaft geht, um Impfintrigen, um Handy-Strahlungen, um die Vorbereitung einer Diktatur in Deutschland.

Für solche Hirngespinste gibt es nahe liegende Erklärungen. Historisch außergewöhnliche Ereignisse sind Erweckungserlebnisse für die Bänkelsänger der Apokalypse. Nach 9/11 machten sie wahlweise die amerikanischen Regierung, die CIA oder die Juden für die Anschläge auf Amerika verantwortlich. An der Weltfinanzkrise im Jahr 2007 waren sowohl ein Marderbiss als auch das Finanzjudentum schuld. 

Eine Pandemie als Auslöser einer weltweiten Großkrise kannten wir noch nicht. Kein Wunder, dass sie Angst auslöst, dass Unsicherheit grassiert, weil niemand weiß, wie lange der Impfstoff auf sich warten lässt und welche Folgen das lange Warten auslöst, gesellschaftlich wie privat. Das Bedürfnis nach ureinfachen Erklärungen und identifizierbaren Schuldigen tobt sich aus und nimmt für eine Zeitlang eher zu als ab. So lange haben die Wanderprediger ihren Auftritt.

Verglichen mit dem Irrsinn, der sich an den Wochenenden in die Städte ergießt, ist die AfD eine phantasiearme Partei. Selbstverständlich versucht sie sich an den Protest anzuhängen, was ihr jedoch nicht gelingt.

Die AfD steht am Rande. Nichts Schlimmeres gibt es für sie als Nichtbeachtung. Sie steht unter Quarantäne und wie bei einer unfriedlichen Familie in einer kleinen Wohnung brechen lange schwelende Konflikte auf.

Die AfD ist noch immer ein gäriger Haufen, in dem es keine sicheren Mehrheiten gibt und die Matadore wechseln. Am ehesten lassen sich zwei Grundtendenzen unterscheiden: Die einen wollen die AfD in eine rechte CDU verwandeln, die auf mittlere Sicht regierungsfähig wird. Die anderen streben eine Art Antiparteienpartei an, die zwar in Parlamenten sitzt, aber auf die Herrschaft der Straße zielt – mehr Pegida und weniger AfD. Wenn schon Machtergreifung, dann wie 1933.

Der Matador der einen ist Jörg Meuthen, der Matador der anderen Björn Höcke.

Meuthen, der Professor für Volkswirtschaftslehre, überhob sich damit, den halbfaschistischen „Flügel“ auszuschließen und begnügte sich jetzt mit Andreas Kalbitz. Kalbitz bot sich mit seiner Heimlichtuerei über seine Vergangenheit geradezu als Ersatzhandlung an. Zugleich ist er ein Gefolgsmann Höckes und somit ein Symbol dafür, dass der Kampf um die Seele der Partei erst begonnen hat. 

Nun dürfen wir gespannt sein, was folgt. Kalbitz könnte einfach bleiben, was er ist, Fraktionsvorsitzender und Flügelfreund. Beschlüssen des Bundesvorstandes muss Brandenburg nicht unbedingt nachkommen. Die AfD ist vor allem in Ostdeutschland immer für Überraschungen gut. Gut möglich, dass seine Fraktion ihren Kalbitz als Vorsitzenden behalten will, selbst wenn er parteilos ist. Dann aber wäre Meuthen nur eine Pappfigur, das bürgerliche Aushängeschild einer antibürgerlichen Partei.

Die Suche nach dem Mitgliedsantrag geht weiter, keine Frage, genau so wie der Machtkampf. Björn Höcke spricht von „Verrat“ und will die „Zerstörung unserer Partei“ verhindern. 

Am Ende dürfte ein Rücktritt fällig sein. Kalbitz oder Meuthen, das ist die Frage. Ich tippe auf: Meuthen.

Veröffentlicht auf t-online, gestern

Ein paar Goldtaler für die SPD

Wenn ich Sozialdemokrat wäre, würde ich mich auch über die Ungerechtigkeit der Welt beschweren. Schließlich regiert die SPD in Berlin in der Corona-Krise mit der Union, bekommt aber von den Goldtalern nichts ab, die auf den Koalitionspartner niederregnen.

Olaf Scholz verteilt Milliarden Euro, wie es nur ein Finanzminister kann. In den Talkshows, in denen er viel Lebenszeit verbringt, argumentiert er ruhig in hanseatischer Sprödigkeit. Markus Heil hat das Kurzarbeitergeld noch einmal aufgestockt und ist ebenfalls ein Ausbund an wacher Sachlichkeit. Und der Außenminister Heiko Maas hat 240 000 Deutsche unbürokratisch aus der ganzen Welt nach Hause fliegen lassen.

Drei SPD-Minister gehen ihrer Arbeit umsichtig und energisch nach. Sind ständig in den Nachrichten, sitzen häufig in Talkshows, tragen das Ihre zur Bewältigung der Corona-Krise bei, machen keinen Heckmeck, stehen in Übereinstimmung mit der Kanzlerin, und was hat die SPD davon?

Wenig. Bei den allfälligen Umfragen geht die Union durch die Decke, bewegt sich im Umkreis von 40 Prozent, wo sie sich lange nicht mehr bewegt hat, ist somit formell wieder eine Volkspartei. Die SPD hingegen dümpelt weiterhin bei 15 bis 16 Prozent, als wäre nichts gewesen, als stünde ihr kein ein einziger Goldtaler zu. Sie verharrt im Niemandsland, eingequetscht zwischen AfD und Grünen.

Gerecht ist das nicht, das stimmt schon. Im Beklagen der Ungerechtigkeit ist die SPD aber ohnehin eingeübt. Allerdings wäre es besser, wenn sich ihre Klage auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bezöge, zum Beispiel auf den Gegensatz zwischen Arm und Reich, der sich in Krisenzeiten gewöhnlich sogar verschärft. Daraus könnte sie Lebenselixier für Reformen schöpfen. Leider aber verwandte sie zuletzt viel Herzblut darauf, Reformen zu reformieren, die ihr letzter Bundeskanzler eingeführt hatte, und das ist ziemlich lange her. Und die intensive Selbstbeschäftigung ist die momentan einzige Kunstform, welche die SPD virtuos beherrscht.

Stellen wir uns mal kurz vor, Olaf Scholz wäre nicht gescheitert, sondern Vorsitzender der ältesten deutschen Partei geworden und säße in dieser Eigenschaft neben Markus Söder und Angela Merkel auf dem Podium und würde den Deutschen die neuesten Maßgaben für die milde Wiedereröffnung von Geschäften und Restaurants mitteilen. Genauso wenig wie die Kanzlerin müsste er für seine Partei trommeln, da ohnehin jeder Zuschauer und jede Zuschauerin genau wüsste, um wen es sich handelt: um den Vorsitzenden der SPD.

Ich vermute, seine Partei stünde dann um einiges besser da, sagen wir: bei 20 Prozent. Das wäre nicht berauschend, aber ein solider Fortschritt und die SPD läge mal wieder vor den Grünen.

Als Wortführer der SPD-Länder sitzt statt dessen der Hamburger Bürgermeister Peter Tschenscher auf dem Podium, ein ebenfalls angenehm sachlicher Mann mit Vorkenntnissen als Arzt. Er komplettiert die Riege hochkompetenter Sozialdemokraten in herausgehobenen Ämtern, denen man gerne zuhört und in dieser Krise Vertrauen schenken kann.

Die SPD hat nun aber zwei Vorsitzende, die keinerlei Regierungsfunktion innehaben und in dieser Krise keinerlei Rolle spielen. Sie könnten unsichtbar und unhörbar bleiben, da sie nun einmal nichts beizutragen haben. Wäre konsequent. Saskia Esken lässt auch dankenswerterweise kaum etwas vernehmen. Norbert Walter-Borjans vermag das Wasser allerdings weniger gut zu halten.

Vor ein paar Tagen erinnerte er sich plötzlich daran, dass immer noch Nuklearwaffen auf deutschem Boden lagern. Schien er vergessen zu haben. Offenbar erschrak er darüber, als es ihm wieder einfiel. Dafür sorgte ein Parteifreund, der momentan auch nicht besonders gefragt ist, nämlich der Fraktionsvorsitzende im Bundestag Ralf Mützenich, der meinte, die Atomwaffen müssten weg, da unter Präsident Trump das Eskalationsrisiko unüberschaubar geworden sei. Walter-Borjans sprang ihm heftig bei und sagte markant, er sei gegen den Einsatz von Atomwaffen.

Wer wäre das nicht. Ich kenne niemanden, der dafür ist. Ich kenne auch niemanden, der darin gerade jetzt ein brennendes Problem sähe. Im übrigen hat Sicherheitspolitik zwar mit Moral zu tun, aber nicht so ausschließlich, wie es die beiden Weltstaatsmänner Mützenich und Walter-Borjans darstellen. Zur Klarstellung müssten sie sich nur mal in den baltischen Ländern oder in Polen umhören.

Man wird den Eindruck nicht los, dass da zwei unausgelastete Sozialdemokraten nach einem Thema suchten, damit sich die Welt mal wieder um sie dreht. Sie versuchten es mit Populismus und schielten auf Beifall. Ihr Vorstoß wurde sogar wahrgenommen, schaffte es auf die Nachrichtenseiten in den Tageszeitungen, aber das war’s auch.

Corona verschlingt alles andere. Hätte man wissen können. Ist einfach so. Wird sich auch wieder ändern, aber nicht so schnell.

Stellen wir uns kurz mal vor, die beiden SPD-Vorsitzenden samt dem Fraktionsvorsitzenden hätten es sich einfallen lassen, ihre Minister in der Bundesregierung ausgiebig für ihre gute Arbeit zu loben. Das wäre nicht nur angemessen, sondern vielleicht sogar hilfreich. Sie könnten sich in den Dienst der Sache stellen, was ohnehin zu ihrem Job gehört, und dazu beitragen, dass der Anteil der SPD am guten Regieren in schwierigen Zeiten angemessen gewürdigt wird.

Dafür könnten sie aus der Versenkung auftauchen und in den Talkshows sitzen oder den Tageszeitungen Interviews geben. Sie müssten nur so auftreten wie Scholz oder Heil: sachlich, kompetent, unaufgeregt. Die SPD würde als schlagkräftige Einheit wahrgenommen, als eine Partei, welche die üblichen Konkurrenzkämpfe und Eifersüchteleien zurückstellt, weil es die Krise verlangt.

Dann fänden die Wähler womöglich einen Grund, nicht nur die Union, sondern auch die SPD mit ein paar Goldtalern zu bedenken.

Natürlich verlangt der Dienst an der Sache eine gewisse Selbstlosigkeit. Nicht jedem ist Ego-Kontrolle gegeben. Nicht jeder eignet sich dafür. Aber man kann es ja damit zur Abwechslung mal probieren. Rollenwechsel zahlen sich fast immer aus. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt es sich in diesen Tagen, Markus Söder zu betrachten.

Es fällt ja auf, dass niemand das Loblied auf die Kanzlerin schöner singt als der bayerische Ministerpräsident. Niemand profitiert davon mehr als eben dieser bayerische Ministerpräsident, der an Popularität mächtig zugelegt hat und wie zufällig in der Gunst der Union weit vor den anderen Kandidaten auf die Merkel-Nachfolge liegt.

Ja, der Söder Markus weiß genau, was er tut. Besondere Zeiten bedürfen besonderer Charaktere. Darauf hat er sich schneller als andere eingestellt. Er wird sich auch wieder zur Kenntlichkeit zurück verändern, keine Sorge, aber in der Zwischenzeit bewegt er sich in seiner eigenen Komfortzone.

Anstatt über die Ungerechtigkeit der Welt zu klagen, könnten Sozialdemokraten davon lernen, was andere richtig machen.

Veröffentlicht heute auf t-online

Meine Eltern im Mai 1945

Eigentlich müsste heute in Berlin der Feiertag sein, der an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Denn erst am 9. Mai 1945 unterzeichneten Deutsche und Russen im Hauptquartier der 5. Sowjetischen Stoßarmee in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation. Darauf hatte Stalin bestanden, nachdem das Deutsche Reich schon zweimal im Westen kapituliert hatte. Der Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg besiegelte an diesen beiden Tagen dreimal mit seiner Unterschrift das Ende des Dritten Reiches.

Mein Vater war 25 Jahre und schwer kriegsversehrt. Für den Gefreiten Johann Paul Spörl war der Krieg am 3. Februar 1942 bei Charkow vorbei gewesen: Wundbrand nach Treffern in beiden Beinen. Davon erholte er sich in den nächsten drei Jahre bis zur Kapitulation in einem Lazarett in Franzensbad, wo seine beiden Beinstümpfe, 10 cm unterhalb der Knie, soweit heilten, bis ihnen Prothesen angepasst werden konnten, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2007 tragen würde.

Meine Mutter war damals im Mai noch ein paar Tage lang 20 Jahre alt und Mutter eines winzigen Sohnes, der am 12. März geboren worden war. Als BdM-Mädchen hatte sie dem Landser Hans Spörl Briefe schreiben müssen. Aufmunterungsbriefe, damit er wusste, dass da jemand in der Heimat an ihn dachte, während er an der Ostfront Krieg führte. Durchhalteappelle, damit er seine Beine für das Vaterland hinhielt. Trostbriefe, denn was hatte ein Bauernsohn aus dem fränkisch-thüringischen Grenzgebiet schon außer seinem nackten Leben, woraus er in der Angst Hoffnung auf eine irgendwie geartete Zukunft schöpfen konnte?

Da war nun immerhin diese Luise Karoline Elisabeth Harth, die sich Carola nannte, wohnhaft zuerst in Kusel, dann in Saarbrücken, dann in Metz, die ihm Briefe zukommen ließ. Und als sie dann aus dem Westen in den Osten des Reiches fliehen musste und nichts hatte und nicht wusste, wohin sie fliehen sollte, da erinnerte sie sich an ihren Brieffreund und machte sich auf den langen, mühsamen Weg nach Franzensbad, um diesen Hans Spörl aufzusuchen, den sie jetzt kennenlernen wollte. Jetzt brauchte sie ihn genau so, wie er sie gebraucht hatte, ohne dass sich beide gekannt hätten.

Bald war sie schwanger. Bald heirateten sie, am 2. September 1944. Bald lebten sie in diesen schönen Maitagen des Jahres 1945 in einer kriegsgeschädigten Villa in Hof, einquartiert mit aus Schlesien geflohenen Adeligen, die Mitleid mit dieser jungen Frau und ihrem Kind hatten und meiner Mutter rieten, den Wurm doch sterben zu lassen, so mickerig wie er war, lohnte sich doch nicht, hatte keinen Sinn. Ihr Verhältnis zur deutschen Aristokratie blieb von solchen Gesprächen getrübt, wie man sich denken kann.

Was haben meine Eltern gefühlt, gedacht, als der Krieg vorbei war, als keine Deserteure mehr an den Laternen hingen, als die amerikanischen Panzer durch Hof rollten und es keine Nazis mehr gab, sondern nur noch innere Widerstandskämpfer? Meine Mutter sagte, das Schlimmste sei die absolute Unsicherheit gewesen, diese grauenhafte Ungewissheit, wie es weiter geht, wovon sie leben sollten, ob mein Vater eine Anstellung finden würde, ob ihr Kind überleben würde, ob sie sich auf den Vater ihres Sohnes Hans-Friedrich würde verlassen können, den sie viel zu wenig kannte, um zu wissen, was er für einer war, ob sie eine Wohnung finden würden, denn in der Villa wollten sie nicht bleiben, und alles hing ja ohnehin davon ab, was die Amerikaner mit ihnen vorhatten, mit ihnen machen würden, mit Deutschland machen würden.

Die Eltern meines Vaters hatten 24 Kilometer entfernt von Hof in Lichtenberg ein Gasthaus und besaßen auch Land, das sie bewirtschafteten. Von den beiden Söhnen, die sie Johann Paul und Paul Johann tauften, war aus Sicht der Mutter der Falsche wieder gekommen, nicht der jüngere, sondern der ältere. Dass er auf Prothesen laufen musste, nannte sie denkwürdigerweise „den Grund für seine Sündenschuld“. Vielleicht meinte sie damit die Schuld dafür, dass er die Sünde begangen hatte, nicht zu sterben wie sein Bruder, oder dass er wenigstens zu Recht seine Beine eingebüßt hatte, wo doch sein Bruder das ganze Leben verlor. Vielleicht stellte sich diese harte Mutter es sich so vor, dass die beiden gewürfelt hatten, wer überleben darf , und was der andere, der starb, dem Überlebenden an Leiden auferlegen durfte, damit der das Glück, am Leben zu bleiben, wenigstens durch Verlust der Beine bezahlen musste. So machte sie den Sohn, der heimkehrte, für den Tod des Sohnes verantwortlich, der nicht heimkehrte.

Seine Eltern sucht man sich nicht aus. Man findet sie vor. Mein Vater fuhr fortan immer wieder nach Lichtenberg und versorgte Frau und Kind mit Brot und Wurst und Eiern und allem Lebenswichtigem. Er fand bald eine Anstellung bei der Alten Volksfürsorge und bekam eine Versehrtenrente. Bald durfte die kleine Familie in eine Wohnung mit Toilette auf dem Flur einziehen. Bald besaßen wir einen VW mit dem Kennzeichen HO – C 204 und fuhren nach Italien in den Urlaub. Bald ging auch meine Mutter arbeiten. Bald bauten meine Eltern ein Haus in der Hügelstraße 33. Ihre Kinder gingen aufs Gymnasium und nahmen das Studium auf, denn ihnen sollte es besser ergehen als den Eltern. Wir waren die Spörls, eine deutsche Nachkriegsvorzeigefamilie.

Als die Mauer fiel, als die Welt zusammenbrach, die im Mai 1945 entstanden war, fragte ich meinen Vater, ob ich mit ihm nach Charkow fahren sollte, dorthin, wo er verwundet worden war. Er wollte nicht. Er war froh, dass er überlebt hatte, im Gegensatz zu seinem Bruder und den vielen andere Kameraden im Krieg.

Als mein Vater starb und ich mit meiner Mutter über die frühen Jahre redete, den Krieg und ihre Anfänge, da sagte sie, er habe ihr damals in Franzensbad wahnsinnig leid getan. Nichts sei einfach gewesen, die Frage, ob Befreiung oder Niederlage, hätte sie nicht gestellt. Es war eine Niederlage und der Rest Glück. Mit meinem Vater sei es später leichter geworden, als sie erst einmal wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. 64 Jahre lang waren meine Eltern Carola und Hans Spörl verheiratet.