Was für die Ewigkeit: Amanda Gormans Gedicht

Ihren Namen kannte ich nicht, sie ist 22 Jahre alt, was soll da schon sein. Wer auch immer in Bidens Team auf die Idee verfiel, Amanda Gorman dorthin zu stellen, wo der große Robert Frost bei der Amtseinführung von John F. Kennedy gestanden hatte, tat der Welt einen Gefallen.

Eine zarte junge schwarze Frau im knallgelben Mantel tritt ans Mikrophon und rezitiert ein Gedicht, das sie geschrieben hat. Jeder fragt sich, was kommt jetzt, wir schauen hin, wir hören hin, zuerst gespannt, dann gebannt. Hier kommt noch mal der Text von „The Hill, we climb“, pathetisch und klar, gesprochen und gesungen, in jeder Zeile das Amerika, das ich liebe, und in Lyrik verwandelt, worum es heute geht, worum es Joseph Robinette Biden Junior geht und gehen muss:

Amanda Gorman: (00:00)

Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice President, Mr. Emhoff, Americans and the world:

When day comes we ask ourselves where can we find light in this never-ending shade? The loss we carry a sea we must wade. We’ve braved the belly of the beast. We’ve learned that quiet isn’t always peace. In the norms and notions of what just is isn’t always justice. And yet, the dawn is ours before we knew it. Somehow we do it. Somehow we’ve weathered and witnessed a nation that isn’t broken, but simply unfinished. We, the successors of a country and a time where a skinny black girl descended from slaves and raised by a single mother can dream of becoming president only to find herself reciting for one.

Amanda Gorman: (01:10)

And yes, we are far from polished, far from pristine, but that doesn’t mean we are striving to form a union that is perfect. We are striving to forge our union with purpose. To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man. And so we lift our gazes not to what stands between us, but what stands before us. We close the divide because we know to put our future first, we must first put our differences aside. We lay down our arms so we can reach out our arms to one another. We seek harm to none and harmony for all. Let the globe, if nothing else, say this is true. That even as we grieved, we grew. That even as we hurt, we hoped. That even as we tired, we tried that will forever be tied together victorious. Not because we will never again know defeat, but because we will never again sow division.

Amanda Gorman: (02:22)

Scripture tells us to envision that everyone shall sit under their own vine and fig tree and no one shall make them afraid. If we’re to live up to her own time, then victory won’t lie in the blade, but in all the bridges we’ve made. That is the promise to glade, the hill we climb if only we dare. It’s because being American is more than a pride we inherit. It’s the past we step into and how we repair it. We’ve seen a forest that would shatter our nation rather than share it. Would destroy our country if it meant delaying democracy. This effort very nearly succeeded.

Amanda Gorman: (03:07)

But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated. In this truth, in this faith we trust for while we have our eyes on the future, history has its eyes on us. This is the era of just redemption. We feared it at its inception. We did not feel prepared to be the heirs of such a terrifying hour, but within it, we found the power to author a new chapter, to offer hope and laughter to ourselves so while once we asked, how could we possibly prevail over catastrophe? Now we assert, how could catastrophe possibly prevail over us?

Amanda Gorman: (03:56)

We will not march back to what was, but move to what shall be a country that is bruised, but whole, benevolent, but bold, fierce, and free. We will not be turned around or interrupted by intimidation because we know our inaction and inertia will be the inheritance of the next generation. Our blunders become their burdens. But one thing is certain, if we merge mercy with might and might with right, then love becomes our legacy and change our children’s birthright.

Amanda Gorman: (04:36)

So let us leave behind a country better than one we were left with. Every breath from my bronze-pounded chest we will raise this wounded world into a wondrous one. We will rise from the gold-limbed hills of the West. We will rise from the wind-swept Northeast where our forefathers first realized revolution. We will rise from the Lake Rim cities of the Midwestern states. We will rise from the sun-baked South. We will rebuild, reconcile and recover in every known nook of our nation, in every corner called our country our people diverse and beautiful will emerge battered and beautiful. When day comes, we step out of the shade aflame and unafraid. The new dawn blooms as we free it. For there is always light. If only we’re brave enough to see it. If only we’re brave enough to be it.

Kann er, was er sich zutraut?

Gewonnen hat der Kandidat, der die beste Rede hielt, ein Plädoyer für die liberale Demokratie, welche die CDU inzwischen verkörpert, was nicht selbstverständlich ist, betrachtet man ihre Geschichte. Gewonnen hat Armin Laschet, weil er Integration mit Abgrenzung verbindet, Bonhomie mit Bestimmtheit. Ob das mehr ist als das Weiter-so-wie-Angela-Merkel wird sich bald schon abzeichnen.

Wahlen werden in Demokratien gemeinhin in der Mitte gewonnen, auch deshalb bevorzugt die CDU ihren Laschet. Sie allein ist annähernd noch eine Volkspartei. Volksparteien definieren sich mathematisch, sie müssen mehr als 40 Prozent haben. So hoch kam die CDU nicht mit der amtierenden Bundeskanzlerin und so viel wird sie auch im September nicht erreichen, egal ob Armin Laschet oder Markus Söder Bundeskanzler wird. Das neue 40 plus ist 30 plus.

Armin Laschet ist nun Bundesvorsitzender der CDU. Den Anspruch auf die Kanzlerschaft hat er nicht verbal erhoben, aber er hat den größten Bogen geschlagen, zu Trump und dem Sturm aufs Kapitol, und das will etwas bedeuten. Laschet ist ein Mann, den man nicht unterschätzen sollte. Er ist gewitzt und erfahren. Er hat einen langen Atem. Er holt im letzten Moment auf. Diese Erfahrung hat Friedrich Merz jetzt hinter sich und Markus Söder vor sich.

Laschet oder Söder also. Die Union befindet sich ab jetzt im Wahlkampf mit sich selbst, bevor sie in den Bundestagswahlkampf zieht. Was für einen Kanzler aber braucht das Land?

Am besten einen, der Unterschiedliches miteinander verbindet. Tatkraft mit sozialem Sinn. Entschiedenheit mit der Fähigkeit, die Entscheidungen zu erklären, zu kommunizieren. Kalte Sachlichkeit mit Empathie. Ernst mit Humor, denn sonst ginge er in den Mühlen unter, die unentwegt mahlen. Dazu muss er eine enorme Standfestigkeit besitzen und auch ungerechte Behandlung durch Presse und Parteifreunde ertragen. In digitalen Zeiten, in denen Hass und Hetze gedeihen, ist ein Panzer wichtiger denn je.

Das ist ziemlich viel von einem einzelnen Menschen verlangt, denn am Ende kommt es auf den Kanzler an, so trivial das auch klingen mag. Die Anforderungen kommen einerseits von den Wählern, aber mehr noch vom Amt. Ein Berater von Willy Brandt sagte mal, er würde es seinem Hund nicht wünschen, das auszuhalten, was ein Kanzler aushalten muss.

Dabei hat die Nachkriegsrepublik ausgesprochenes Glück mit seinen Kanzlern gehabt. Die meisten von ihnen haben nicht aus Zufall lange regiert. Sie wollten nicht nur unbedingt Kanzler sein, sie füllten das Amt auch aus und prägten das Land, bis hin zu Angela Merkel, die so lange Kanzlerin gewesen sein wird wie Helmut Kohl, den sie ins Abseits schickte.

Große Schuhe stehen bereit, egal ob für Laschet oder Söder. Wer auch immer es wird, muss die AfD bekämpfen und die Wirtschaft nach Corona aufrichten. Dazu kommt die Entfremdung von der Schutzmacht Amerika, die Joe Biden mindern mag, aber der Schwerpunkt der Weltpolitik hat sich längst nach Asien verlagert. Europa sollte mehr sein, als es ist, das weiß jeder, und dem nächsten  Bundeskanzler wächst die Aufgabe zu, Europa zu definieren, weil Deutschland nun einmal Führungsmacht ist, nicht nur ökonomisch.

Der nächste Kanzler muss Amerika umwerben und eine Haltung gegenüber China entwickeln, die Export aus deutschem Interesse und Distanz wegen der Menschenrechte verbindet. Keine Minute Ruhe wird er haben, Stress ohne Ende, denn immer steht die nächste Krise schon bevor, auch die nächste Landtagswahl und dazu finden sich beständig Neider, Nörgler und Brunnenvergifter, auch in der eigenen Partei.

Heute darf Armin Laschet, der nette Mann aus Aachen, der es in seiner Rede schaffte, von seinem Vater zu erzählen und zugleich die liberale Demokratie in angemessenen Farben zu zeichnen, ein bisschen feiern, coronamäßig eben. Ab morgen wird er vermessen, kommen die berechtigten Fragen auf, ob er kann, was er sich zutraut, und wie er sich mit Markus Söder arrangieren wird und ob er das überhaupt kann.

Wer sich in die Küche wagt, muss die Hitze aushalten.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern

Die Tücken des Impeachments

Ich höre gerade der Debatte über das zweite Impeachment im Repräsentantenhaus zu. Das Argument der Republikaner lautet: Hat doch keinen Sinn mehr, in einer Woche ist er eh weg, was soll jetzt noch ein Impeachment! Das Argument der Demokraten lautet: Trump leugnet beharrlich, dass er verloren hat, er lügt noch immer und hetzte seine Anhänger auf, so dass sie das Capitol stürmten, dafür muss er amtsenthoben werden, im Zweifelsfall nach dem 20. Januar!

Beide haben recht. Es ist zu spät, das Impeachment-Verfahren überschattet die Amtseinführung Joe Bidens und vertieft den Hass und die Rachegelüste im Land. Und die grellen Lügen und die systematische Hetze dieses Präsidenten müssen bestraft werden.

Die Frage ist nun: Wer bekommt recht? Falls sich im Senat nicht 17 Republikaner finden sollten, die dem Impeachment zustimmen, ist Trump Gerechtigkeit widerfahren und er darf niemals wieder ein staatliches Amt innehaben. Falls sich aber diese 17 nicht finden sollten, wovon man ausgehen muss, dann gehen die Demokraten in die Geschichte ein, weil sie sage und schreibe zwei Impeachments gegen einen Präsidenten vergeblich anstrengten.

Beim ersten Mal liefen sie sehenden Auges in die Niederlage. Niederlagen schwächen. Niederlagen, ohne Aussicht auf Erfolg erlitten, sind eine Katastrophe. Aus der Depression befreite Donald J. Trump die Demokraten mit seinem unglaublichen Verhalten, erstens mit seiner Gleichgültigkeit in der Pandemie und zweitens durch sein We-love-you und You-are-very-special an seine Anhänger aus Q-Anon, Proud Boys etc., die in aller Ruhe das Capitol gestürmt und eingenommen hatten.

Die Republikaner haben einen Kompromiss angeboten: Rüge für Trump, aber kein Impeachment. Mit einer Rüge war Bill Clinton davon gekommen, als ihn die Republikaner impeachen wollten. Clinton hatte die Lüge zur Kunstform erhoben und somit den Grundstein für Trump gelegt: I didn’t have sex with this woman, Ms. Lewinski. Die Ejakulationsflecken auf ihrem Rock erzählten eine andere Geschichte.

Die Alternative der Demokraten lautete hiermit so: Begnügt euch mit einer Rüge, überlasst Trump den Gerichten oder geht das Risiko ein, noch mal mit einem Impeachment am Senat zu scheitern. Sie zogen es vor, das Risiko einzugehen. Ich befürchte, das war nicht sehr weise und wird Joe Biden daran hindern zu tun, was er sich vorgenommen hat, nämlich den Hass und die Zwietracht in Amerika abzubauen, was dringend notwendig wäre.

Aus dem Kulturkampf ist ein latenter Bürgerkrieg geworden. Donald Trump hat ihn gewonnen, wenn er wieder nicht amtsenthoben wird. Die Demokraten, die den Kongress beherrschen, sind dann empörungsgeneigte Moralisten, die den Umgang mit Macht erst wieder lernen müssen, aber bitte möglichst nicht von den Clintons.

Der eine ist ein Risiko, der andere reißt niemanden vom Hocker

Seit elf Monaten ist die CDU eine führungslose Partei. Dieser Umstand fiel einerseits nicht besonders ins Gewicht, weil da ja noch die Bundeskanzlerin war, die in der Pandemie eine Wiederauferstehung feierte. Andererseits ist der Kontrast zwischen den drei Kandidaten und Angela Merkel riesengroß und wird nicht kleiner, so lange Deutschland im Bann des Virus steht – also ungefähr bis zur Bundestagswahl am 26. September.

Eigentlich stand die CDU immer im Verdacht der Machtversessenheit. In der Mehrzahl der Jahre stellte sie den Kanzler seit 1949. Darin sah sie selber so etwas wie ein Naturrecht und die drei  SPD-Kanzler als Irrtümer der Geschichte. Immer war da jemand in der CDU, der unbedingt regieren wollte. Jetzt aber sagte Armin Laschet im Interview mit „Bild am Sonntag“, es sei „nicht gottgegeben, dass die CDU auch den nächsten Kanzler stellt“.

Das ist ein hübsch vieldeutiger Satz. Er stimmt insofern, als sowohl Helmut Kohl als auch Angela Merkel einem CSU-Machtmenschen den Vortritt lassen mussten, Strauß und Stoiber, ehe beide 16 Jahre regieren durften. Er kann auch als Einsicht verstanden werden, dass der Höhenflug der CDU in der Pandemie der Kanzlerin zu verdanken ist. Die Konsequenz daraus kann sein, dass die CDU ohne Angela Merkel allenfalls bei 30 Prozent liegt und damit in Reichweite der lieben, netten Grünen, die gut im Wind liegen, weil die Deutschen Harmonie zu schätzen wissen.

Tückischer ist der tiefere Sinn des Satzes, der ungefähr so zu verstehen ist: Wenn ihr, liebe Parteifreunde, auf die Idee verfallen solltet, mir den Friedrich Merz vorzuziehen, dann gefährdet ihr unsere Kanzlerschaft. Gemeint ist damit, dass der Kanzlerkandidat Merz der Lieblingsgegner von Grünen wie SPD wäre, denn er bedeutet Polarisierung, die ihnen vermutlich zugute käme. In diesem Zusammenhang ist die erstaunliche Proklamation zu verstehen, die Olaf Scholz in der vorigen Woche einfach mal so von sich gab: Ich will Kanzler werden, sagte er mit der nonchalanten Selbstverständlichkeit, mit der er sonst Corona-Hilfen in Aussicht stellt. Denn er glaubt, dass Merz die SPD auf 25 Prozent hochtreibt.

Na ja, darf Scholz so wagemutig sagen, müssen wir nicht glauben, aber das Prinzip stimmt: Merz inspiriert nach innen und spaltet nach außen, was der Demokratie nicht schaden muss, aber der CDU schaden kann.

Friedrich Merz wird dem CDU-Imperativ nach Machtversessenheit als Voraussetzung für Machtgewinn gerecht, das ist sein Vorteil. Er will Kanzler werden. Er argumentiert weltläufig und angstfrei, was ihn immer wieder anecken lässt, aber sei’s drum. Konsens ist gut, Konflikt kann zur Klärung beitragen. Wer unter den CDU-Delegierten so denkt, wählt in dieser Woche Merz. Dann gibt es einen Parteivorsitzenden, der umstandslos die Kanzlerschaft anstrebt. Basta!

Natürlich gibt es noch einige andere Überlegungen, welche die 1001 Delegierten anstellen mögen. Zum Beispiel diese: Kann Merz am 26. September die CDU auf 33, 34 oder gar 35 Prozent hieven? Und mit wem will er regieren – mit den Grünen? Wohl kaum, machen sie nicht. Mit der FDP? Reicht allein bestimmt nicht. Gemeinsam mit FDP und SPD? Doch wohl kaum.

Gut möglich aber, dass sich gegen die Merz-CDU eine andere Regierung bilden ließe – zum Beispiel aus SPD, Grünen und FDP, wobei dann ein Grüner oder eine Grüne ins Kanzleramt einziehen würde, nach jetzigem Stand der Dinge. Ist jedenfalls wahrscheinlicher als die lauen Merz-Optionen. Weniger wahrscheinlich wäre das andere Modell: SPD plus Linke plus Grüne – rechnerisch vielleicht möglich, politisch aber unerwünscht.

So gesehen stellt die Wahl von Friedrich Merz für die CDU ein Risiko dar. Und deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass sich die 1001 Delegierten am Ende auf Armin Laschet einigen. Leidenschaftslos. Illusionslos. Das Weiter-So, das er bedeutet, reißt niemanden vom Hocker. Aber immerhin hat Laschet als einziger der Drei schon mal eine Wahl gewonnen. Er verbindet Härte mit Wärme und ist ein Integrationskünstler. Am wichtigsten aber: Er bedeutet kein Risiko und bietet die Option, mit den Grünen zu regieren, die Merz nicht hat.

Soweit man Umfragen trauen darf, liegen Laschet und Röttgen und Merz  noch nahe beieinander. Röttgen ist ein achtbarer Kandidat, der dafür sorgen wird, dass keiner der Drei im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. Also treten die beiden Kandidaten, die vorne liegen, gegeneinander an. Ziemlich spannend, dauert ziemlich lange, weil ja Briefwahl herrscht. 

Die fiebrige Hitze eines normalen Parteitages fehlt diesmal. Kandidatenreden aus dem Off können kaum eine Wende bringen. Die Umstände entemotionalisieren die Wahl, machen daraus eine Geisterabstimmung oder eben einen rationalen Akt. Und damit kommt diese Wahl eines Parteivorsitzenden, ungewohnt wie sie ist, dem Idealbild einer demokratischen Wahl nahe, bei der ja der Verstand die Entscheidung fällen soll.

Es gibt noch einen wichtigen Unterschied zwischen Merz und Laschet. Merz würde sofort den Kanzler spielen, der er noch nicht ist. Er würde in Konkurrenz zur Kanzlerin treten, die ihn vor vielen Jahren in die Wüste schickte, was er nicht vergessen kann. Da Merz kein Amt hat, muss er die Kanzlerin zwangsläufig zur Seite drängen, was ihm aber wohl kaum gelingen sollte. Folglich würde er sich mit seiner Ungeduld selber schwächen.

Laschet ist Ministerpräsident und hat eine Bühne. Also muss er nicht mit den Hufen scharren. Sein Problem liegt woanders: Gewinnt er im zweiten Wahlgang, fehlt es ihm an Autorität, folglich fällt ihm die Kanzlerschaft nicht zu.

Schauen wir uns mal die Lage aus der Sicht von Markus Söder an. Merz bedeutet: Das war’s dann, ich bleibe in Bayern und bin ansonsten weiterhin 12 Jahre jünger als Merz, mal schauen, ob der mit dann über 70 noch mal antreten wird. Laschet bedeutet: Die CDU soll mir mal den roten Teppich ausrollen, damit ich Kanzler werden kann, anders als Strauß und Stoiber.

Die CDU wählt einen Vorsitzenden und das ganze Land muss darauf hoffen, dass sie die richtige Wahl trifft. Denn auf den Kanzler kommt es an, wenn die Kanzlerin, auf die wir uns in Krisen verlassen konnten, ihren Abschied nimmt.

Veröffentlicht auf t-online, heute.

Isch over! Isch over?

Auf Netflix gibt es die Serie „Designated Survivor“, den Kiefer Southerland spielt. Er ist ein netter Kerl, anständig und zu wenig machtbewusst, um mehr als ein unbedeutendes Mitglied im Kabinett des Präsidenten zu sein. Austauschbar. Zweitrangig. Während alle wichtigen Menschen im Weißen Haus und in den Ministerien im Capitol versammelt sind, harrt er aus im Weißen Haus für den Fall, dass etwas passiert – organisiert als Überlebender, wie es die Verfassung vorsieht. Und es passiert etwas, ein Anschlag, eine mörderische Explosion, ein Akt des Terrorismus, dem das gesamte Establishment zum Opfer fällt. Worauf der nette Kerl Präsident sein muss und das Machtbewusstsein in sich entdeckt, selbstverständlich nur aus Redlichkeit, aus Patriotismus.

So etwas Schlichtes, so etwas Plattes wie einen Sturm aufs Kapitol von Amerikanern mit Flagge und Trump-Plakaten wäre keinem der phantastischen Drehbuchschreibern eingefallen, die wunderbare Serien aus sentimentaler Phantasie schreiben. Jungs, die Fassaden hochklettern und Fenster einschlagen. Abgeordnete, die sich im Sitzungssaal verbarrikadieren. Leibwächter mit gezogener Waffe an der Tür. Ein Vizepräsident, der von Sicherheitsleuten in Sicherheit bugsiert wird. Stundenlange Belagerung drinnen und draußen.

Das FBI untersteht dem Justizminister. Die Nationalgarde untersteht dem Präsidenten. Die Capitol Police untersteht dem Kongress. Die Metropolitan Police darf nur Hilfsdienste leisten. Das Kapitol ist Bundesgebiet. Der Präsident tätschelt die Belagerer: We love you, you are very special. Der Verteidigungsminister kontaktiert den Vizepräsidenten im Versteck und dann endlich wird die Nationalgarde alarmiert. Und stundenlang diese Fernsehbilder von den Stufen des Kapitals, auf denen Trump-Anhänger in aller Ruhe stehen und sich unterhalten und die Macht genießen, die sie sich unter dem Beifall des Präsidenten genommen haben.

Was nun?

  1. Pence macht ernst und sorgt dafür, dass der Präsident abgesetzt wird, da er den Mob aufgewiegelt hat, vors Kapitol geschickt hat und damit politisch für den Irrsinn verantwortlich ist.
  2. Es gibt einen Massenexodus aus dem Weißen Haus, weil Trumps Mitarbeiter befürchten müssen: mitgefangen mitgehangen.
  3. Trump verlässt das Weiße Haus, weil ihm nur noch Figuren wie Rudy Giuliani bleiben, während das republikanische Establishment, gedemütigt bis auf die Knochen, sich nun doch tatsächlich in Scharen von ihm lossagt. Wenn Lindsay Graham und Mitch McConnell markige Worte über die Vorgänge am Mittwochnachmittag finden, selbstverständliche ohne Nennung des Verantwortlichen, ist Ende angesagt. Isch over.
  4. Trump wird wegen Aufwiegelung und Anstiftung zum Sturm aufs Kapitol verhaftet. Im Land brechen überall Folgeunruhen aus, weil der tiefe Staat, von dem Trump gefaselt hat, dem Wahnsinn ein Ende macht.
  5. Die Belagerer landen reihenweise vor Gericht, weil sie dumm genug waren, ihr Gesicht in die Handys zu halten.
  6. Es passiert gar nichts. Trump röhrt weiter, eben nicht mehr auf Twitter, sondern auf anderen Kanälen. Am 19. Januar verlässt er unter Absingen hässlicher Lieder das Weiße Haus, in das Joseph Biden jr. ohne den üblichen Pomp und Circumstances einzieht.
  7. Nach dem 20. Januar, nicht mehr immuner Präsident, kommt Donald Trump vor Gericht: wegen Aufwiegelung, wegen Steuerhinterziehung, wegen Behinderung der Justiz etc. Mit ihm Rudy Guiliani et altera.

Schau mer mal.

Es reicht noch nicht, mehr muss sein – härter, schärfer

Immer wieder stellt uns diese verdammte Pandemie vor Fragen, die niemand richtig beantworten kann. Uns bleiben nur vorläufige Antworten. Das ist unbefriedigend, nervt, bringt vieles durcheinander, macht den Spaß an der Planung des nächsten Urlaubs, macht die Freude auf die nächste Feier mit Freunden zunichte.

Warum lassen sich die Zahlen an Infizierten (insgesamt 1,8 Millionen bis heute) und Toten (mehr als 35 000 bis heute) nicht eindämmen? Im Oktober wollte die Kanzlerin stärkere Einschränkungen und die Ministerpräsidenten wollten schlauer sein und waren es nicht. Wer kann aber behaupten, dass härtere Einschnitte damals für geringere Zahlen heute gesorgt hätten? Länder wie Österreich oder Frankreich haben früher und entschiedener als Deutschland reagiert und sind keineswegs besser dran.

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow ist der einzige, der scharfe Selbstkritik übt. Er gibt zu, dass er sich geirrt hat. Er sieht ein, dass mehr sein muss. Er schwenkt um und ging mit dem Vorsatz in die Videokonferenz mit der Kanzlerin, er werde für Maßnahmen plädieren, die „noch viel schärfer und viel härter“ ausfallen. Präzisiert hat er seine Wünsche nicht.

Die Kanzlerin war da genauer. Sie schlug vor, dass Kreise mit einem Inzidenzwert von mehr als 100 Ausgangssperren einführen sollten – wenn sich also innerhalb der letzten sieben Tage mehr als 100 von 100 000 Menschen infiziert haben. Den SPD-geführten Länder ging dieser Vorschlag zu weit. Aber war es nicht schön häufiger so? Wollte die Kanzlerin nicht immer mal wieder weitergehen als die Ministerpräsidenten? Und wem gab die Entwicklung recht?

Der Kompromiss lautet so: Nun dürfen sich die Menschen, die in einem Gebiet mit einer Inzidenz von 200 leben, nur noch in einem Radius von 15 Kilometern bewegen. 

Ab und zu müssen wir uns sagen, dass wir alle in dieser Pandemie dazulernen, die einen mehr, die anderen weniger. Nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen. Pandemien sind eben so, sie machen aus Gesellschaften Lerngemeinschaften, aus Regierungen epidemiologische Oberseminare.

Was haben wir nicht schon alles gelernt. Das Virus greift die Alten an, das war Phase 1 im Frühjahr. Die Urlauber verbreiten das Virus, das war Phase 2 im Sommer. Die  Corona-Partys im Park und Clan-Hochzeiten sind Superstreader, das war Phase 3 im Frühherbst. Das Virus mutiert und verbreitet sich so noch schneller, das ist Phase 4 seit Dezember. Und woran liegt es, dass die Zahlen so hoch bleiben?

Was tun? Bei der Pressekonferenz mit der Kanzlerin, Markus Söder und Michael Müller war von Rücksicht auf den Wirtschaftskreislauf und das Grundrecht auf Freiheit wenig zu hören, zumal die Horrorzahlen vom Arbeitsmarkt ausbleiben. Auch mit der Erörterung von Gründen für die neuen Einschränkungen im Privaten hielten sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten nicht lange auf. Die Zahlen sprechen für sich. Die Zahlen verlangen nach härter und schärfer.

Am schwersten fiel der Kanzlerin und den Länderchefs die Regelung für Kitas und Schulen. Kinder gelten als ideale Überträger, da sie selber vom Virus verschont bleiben, ihn aber weitergeben. Morgens und nachmittags sind sie unterwegs, fahren Bus und Bahn, fangen womöglich Aerosole ein und geben sie weiter. Darüber reden sie in Berlin oder München intern, aber nicht extern und schon gar nicht laut..

Dass die Schulen zu bleiben, dass die Kitas nur Notbetreuung anbieten, spricht für die These von den Kindern als einer Quelle der Virus-Verbreitung. Für die Verlängerung dieses Lockwoods waren sämtliche Ministerpräsidenten zu haben, ausnahmsweise, das kommt ja nicht häufig vor. Dafür nehmen sie vieles in kauf: das Stöhnen der Eltern, die den Kleinbetrieb Familie organisieren müssen; das Stöhnen der Arbeitnehmer, die wieder mehr Heimarbeit der Angestellten zulassen müssen; das Stöhnen der Kinder, die genug vom digitalen Lernen haben.

In Etappen zu denken, auf Sicht zu beschließen, lässt sich gar nicht vermeiden. Also ist der 31. Januar der nächste Fixpunkt. Also müssen wir mit dem paradoxen Zustand zurecht gekommen, dass weiterhin viele Menschen erkranken und sterben, während es mit dem Impfen allmählich los geht, hoffentlich bald in höheren Mengen als in den ersten Tagen. 

Dass es nicht zügiger geht, ist schade und irritiert vor allem alte Menschen, die zuerst dran kommen. Wer ist schuld daran? Wahlweise der Gesundheitsminister, die Kanzlerin, die Europäische Union. Sagen die SPD, sagen Experten, sagen die üblichen Verdächtigen.

Ja, die Kanzlerin bevorzugte die europäische Lösung, weil sie europäisch denkt. Die EU hat schon im Sommer bei mehreren Firmen insgesamt zwei Milliarden Impfdosen bestellt, das war weitsichtig, das wird reichen. Damals schien das Tübinger Unternehmen Curevac am schnellsten zu sein, war es dann aber nicht, bis zur Zulassung seines Impfstoffs werden noch Wochen vergehen. Damals war von Biontech wenig Spektakuläres zu hören, von Moderna auch nicht viel, genauso wenig wie von AstraZeneca. Also lag es nahe, bei allen zu bestellen. Diversifizieren war sinnvoll. Hat die EU gemacht.

Im Nachhinein wissen wir vieles besser. Mehr Impfstoff hätte schneller bereit stehen müssen. Mehr Impfstoff müsste schneller produziert werden. Der Weg über die EU kostet Zeit. Alles richtig. Aber immerhin hat der Wettlauf mit dem Virus begonnen.

Noch wird infiziert und an Corona gestorben. Zugleich wird geimpft und bald schon schneller geimpft als in der stillen Zeit. Und irgendwann im Lauf des Jahres werden wir den Wendepunkt erreichen, an dem so viele Menschen geimpft sind, dass die Pandemie ihren Schrecken verliert. 

Veröffentlicht auf t-onlinde.de, heute.