Bürgerliche Selbstvernichtung

Christoph Metzelder war mal ein richtig guter Fußballspieler mit einem Körper, der sich ihm durch ständige Verletzungen entzog, so dass ihm die ganz große Karriere versagt blieb. Er war intelligent, damit fiel er damals auf. Mehr noch ist er aber ein trostloses Beispiel dafür, dass die wenigsten Menschen an ihrer Intelligenz scheitern – sie scheitern an ihrem Charakter.

Wer bekannt ist und mit Kinderpornographie auffällig wird, begeht bürgerliche Selbstvernichtung. Metzelder geriet nicht in Verdacht pädophiler oder gar päderastischer Neigungen. Was er besaß, diente der sexuellen Stimulierung, so viel scheint klar zu sein. Nach zwei Jahren des Schweigens fand Metzelder vor Gericht ein paar Zerknirschungssätze, die ebenso überfällig wie zweckgerichtet waren. Mit seiner Reue verschaffte er sich eine Bewährungsstrafe. Das ist ebenso legitim wie schal.

Bei Kindern hört es auf. Solche Fotos, die Metzelder auf seinem I-Phone stapelte, entstehen durch Missbrauch, durch Vergewaltigung. Die Erwachsenen, die sie dazu zwingen, zielen auf einen Markt aus gestörten Voyeueren, der viel größer zu sein scheint, als man denkt. Die Kinder, denen das angetan wird, sind fürs Leben gezeichnet und deshalb ist es in unserer Gesellschaft, die sich gelegentlich im Übermaß liberal gibt, nur folgerichtig, wenn Menschen wie Metzelder geächtet werden.

Es gab einmal, nicht lange ist es her, einen Bundestagsabgeordneten namens Sebastian Edathy. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, er habe Material im „Grenzbereich zu dem, was Justiz unter Kinderpornografie versteht“, über das Internet bestellt. Edathy räumte ein, dass der Vorwurf zutraf, beharrte jedoch darauf, dass er damit keine Schuld eingestand, bezahlte 5 000 Euro, woraufhin das Gerichtsverfahren im März 2015 eingestellt wurde.

Offenbar war Edathy der Typus des stillen Konsumenten. Metzelder schickte offenbar Frauen Screenshots von obszönen Bildern mit Kindern und Jugendlichen. Eine Frau erzählte anonym in der „Zeit“, dass er ihr Fotos geschickt habe, bevor sie eine Nacht in Hamburg verbracht hätten. Sie gab vor, sie hätte Metzelder entlarven wollen. Gegen diese Frau, die als Hauptbelastungszeugin gilt, ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen „motivierender Handlungen“.

Metzelder hat sich öffentlich entschuldigt. Was ihm in seiner Eigenschaft als unvollendeter Fußballer an Ehren zuteil geworden war, gibt er zurück. Aus seiner Stiftung, die auch noch „Zukunft Jugend“ heißt, zog er sich zurück, was denn sonst. Kein TV-Sender wird ihn noch als Experten einladen. In seinem Heimatverein TUS Haltern hat er weder als Vorsitzender noch als Mentor noch als Großfußballer eine Zukunft. Aus der Welt, in der er ein Star war, hat er sich herauskatapultiert.

Was wird aus solchen Leuten? Metzelder ist 40 Jahre alt. Was kann er noch aus seinem Leben machen?

Normalerweise gibt eine Gesellschaft Menschen, die gefehlt haben, eine zweite Chance: Wenn sie eine Pleite hingelegt haben oder im Gefängnis saßen oder sonst irgendwie Mist gebaut haben, für den sie büßen mussten. Sie können von neuem anfangen. Sie bleiben nicht geächtet.

Kinderpornographie ist etwas anderes. Sie lässt sich nicht vergessen. Das Unrecht, das diesen Kindern angetan wurde, damit sich Erwachsene daran delektieren können, lässt sich mit Reue nicht mindern.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.

Sleepy Joe? Ein Feuerwerk

Da wir in letzter Zeit ziemlich viel mit uns selber beschäftigt waren, mit Corona und Armin und Annalena, haben wir nur im Augenwinkel wahrgenommen, was sich in Amerika tut. Dieses Versäumnis wollen wir heute wettmachen und Joe Biden gebührende Aufmerksamkeit zollen.

Der amerikanische Präsident, dem niemand viel zutraute, brennt seit seinem ersten Amtstag ein wahres Feuerwerk ab. Er redet nicht viel, er ist kein Menschenfänger wie Barack Obama oder Bill Clinton und schon gar nicht ein ichsüchtiger Blender wie sein Vorgänger. Er macht nicht viele Worte, sondern handelt und dabei verstößt er beständig gegen den Ruf, der ihm anhängt. Donald Trump nannte ihn „Sleepy Joe“. Barack Obama bemerkte mokant, man sollte Bidens Talent nicht unterschätzen, alles zu versauen.

Ginge es mit rechten Dingen zu, müsste wenigstens Obama öffentlich  Abbitte leisten. Joe Biden macht ziemlich viel ziemlich richtig und das im Akkord.

In der vorigen Woche lud der Präsident zu einem digitalen Klimagipfel ein. 40 Länder schalteten sich zu, auch China und Russland fehlten nicht. Dabei kündigte der Präsident an, die USA würden den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 2005 halbieren. Daraufhin sagte Xi Jinping zu, den Kohleverbrauch ab 2025 zu mindern. Wladimir Putin versicherte, wie tief sein Land „die mit dem Klimawandel verbundene Besorgnis“ teile.

Ja, Skepsis ist legitim, selbst Zynismus. Versprechungen von Staats- und Regierungschefs waren nur zu oft schon Schall und Rauch. Aber wahr ist auch, dass keine größere Macht auf dem Erdball noch so tun kann, als wäre die Erderwärmung jenseits der 1,5 Grad kein monströses Problem für die Menschheit. Und niemand kann übersehen, dass Amerika wieder als Weltmacht mit Autorität auftritt und nach vier Jahren der Ignoranz Führung ausübt.

Wie nebenbei nannte der amerikanische Präsident, ebenfalls in der vorigen Woche, das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs einen Völkermord. Nicht Obama, nicht Bill Clinton waren so weit gegangen – aus Sorge vor der Reaktion der Türkei, welche die Verantwortung für das Massaker pompös von sich weist. Wie nebenbei bezeichnete Biden den russischen Präsidenten als Mörder, verlängerte den New-Start-Atomvertrag und lud ihn zu einem Staatsbesuch ein. 

Nicht schlecht. Nicht getwittert, ins Gesicht gesagt. Bidens Stil verbindet Freimut mit Angeboten. Er sagt, was ist und macht Vorschläge für die Verbesserung der Verhältnisse. Das kann eine Gratwanderung sein, aber noch ist er nicht abgestürzt. Endlich ist Amerika wieder auf einer Umlaufbahn mit Europa. Endlich führt die Supermacht wieder auf den Feldern, auf die es ankommt – dieser Kombination aus Klimapolitik, Sicherheitspolitik, Außenpolitik und Wirtschaftspolitik. Von der Handhabung dieser historisch herausragenden Probleme hängt ab, was sich in den nächsten Jahrzehnten auf der Welt ereignen wird.

Joe ist nicht verpennt, er ist hellwach. Hager wie er ist, sieht er aus, wie der ältere Herr, der er ist. Was er nicht gut kann, meidet er, zum Beispiel große Reden zu halten, bei denen er sich gerne verhaspelt. Was er nicht ist, fällt wohltuend auf. Weder bespiegelt er sich andauernd, noch lobt er sich ermüdend selber. Weder macht er große Versprechungen noch schielt er auf den Friedensnobelpreis. In amerikanischen Filmen spielt Harrison Ford häufig solche Mr. Durchschnittsamerikaner, die in der Stunde der Gefahr über sich hinaus wachsen. So ein Mensch, in dem wider Erwarten viel mehr steckt, als die anderen ihm je zugetraut hätten, scheint Joe Biden zu sein.

Als er seinen Amtseid ablegte, sagt er, er wolle Amerika mit sich selber versöhnen. Wie macht man das? Durch Handeln. Gegen die Pandemie ging er brachial vor: Impfen, Impfen, Impfen überall dort, wo Autos vorfahren können. Sollte dieses Riesenland tatsächlich in den nächsten Wochen Herdenimmunität erreichen, wäre das ein beispielhafter Erfolg, der Europäern zu denken geben müsste.

Zudem stürzt sich Amerika unter Biden in ungeheure Schulden, um das Land von innen wieder aufzubauen. Riesige Summen sollen zum Beispiel in die marode Infrastruktur fließen. Darin liegt ein gewaltiger Paradigmenwechsel, denn jahrzehntelang galt die Religion, dass der Privatsektor besser als der Staat weiß, was der Gesellschaft gut tut. Jetzt ist es der Staat, der sich um die öffentlichen Güter kümmern muss, die sträflich vernachlässigt wurden. 

Außerdem bekamen Millionen Amerikaner Geld aus einem 1,9-Billionen-Paket, deren Arbeitslosenhilfe sonst ausgelaufen wäre, genauso wie geringverdienende Familien mit Kindern. Andere Familien bekamen Steuererleichterungen, weitere Millionen Amerikaner erhielten Schecks über 1400 Dollar, um die Pandemie zu überstehen. Diese Verteilung war sozial dringend notwendig und politisch zielte sie auf die weiße Unterschicht, die zu Trump übergelaufen war, weil die Demokraten sie ignorierten.

Natürlich kann viel schief gehen, muss aber nicht. In diesen Projekten steckt gesunder Menschenverstand, der Gutes für die Armada der Vernachlässigten in Amerika erreichen möchte. Ob sich das Land, das in zwei Lager zerfällt, die sich hassen, entspannen lässt, werden wir so schnell nicht wissen. Jedenfalls wird der Hass aus dem Weißen Haus nicht noch geschürt.

In Washington zeigt seit dem 20. Januar, wozu Mr. Durchschnittsamerikaner fähig ist. Er formuliert keine Doktrin, aber ironischerweise versucht er, was Trump versuchte, Amerika wieder groß zu machen: Einerseits als ein Land, das beweist, dass Demokratien sich grunderneuern können, sozial wie ökonomisch. Andererseits als eine Weltmacht, mit der weiterhin zu rechnen ist und die vielleicht sogar ein Beispiel setzen kann.

Und was lernen wir für uns daraus? Na ja, dass sich auch hierzulande ein stets Unterschätzter, ein Unglamouröser wider Erwarten zu Großem aufschwingt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute. 

Trauer muss der Robert tragen

In der „Zeit“ hat Robert Habeck sein Herz ausgeschüttet. Er findet es ungerecht, dass er nicht der erste Kanzlerkandidat der Grünen sein darf. Er beklagt, dass seine politische Erfahrung nicht zählt und er sagt, dass der Tag der Nominierung für ihn „der schmerzhafteste Tag in meiner politischen Laufbahn“ war. Kann man verstehen. Kann man?

Das Interview begann am Montag zwei Stunden nach der öffentlichen Verkündigung, dass Annalena Baerbock sein darf, was er nicht sein darf. Robert Habeck stellte sie vor, führte sie ein, überließ ihr dann die Bühne. Ich dachte noch, das fällt ihm bestimmt nicht leicht, aber er macht es gut, souverän und heiter. Was ihn wirklich tief innen bewegte, erzählte er gleich darauf den beiden „Zeit“-Journalisten. Trauer muss der Robert tragen und wir alle sollen wissen, was ihm entgeht und damit auch uns.

Das Interview ist für mich der schlagende Beweis dafür, warum es richtig war, Annalena Baerbock zur historischen Figur der Grünen zu erheben. Robert Habeck ist zweifellos ein bemerkenswerter Politiker, aber er wirkt auf mich oft so, als sei er im Übermaß mit sich selbst beschäftigt, als beobachtete er sich selber dabei, wie er redet und argumentiert und in Talkshows neben anderen Politikern aus anderen Parteien sitzt und sich von ihnen unterscheidet. Nicht zufällig unterliefen ihm Fehler, offenbarte er Wissenslücken und fiel im Rennen mit Annalena Baerbock zurück.

Natürlich hat sich Robert Habeck mit seinem Interview einen Bärendienst erwiesen. Er hätte besser geschwiegen, anstatt der „Zeit“ sein Herz auszuschütten. Die Grünen werden es ihm übel nehmen und Annalena Baerbock weiß spätestens jetzt, wo seine Loyalität endet. Ich liebe Was-wäre-gewesen-Fragen: Also, was wäre gewesen, hätte Annalena Baerbock verzichten müssen? Ich glaube nicht, dass sie ihren Jammer zu Markte getragen hätte. Geweint wird daheim, nicht vor anderen.

Interessanterweise haben sich bei den Grünen und in der Union in dieser Woche zwei Protagonisten ähnlichen Typus durchgesetzt. Annalena Baerbock wie Armin Laschet zeichnet Beständigkeit und Hartnäckigkeit aus. Sie nehmen nicht alles persönlich, sonst hätte Laschet die kleine Höllentour, die mehr als eine Woche andauerte, keinesfalls überstanden. Was er über sich lesen und von Söder hören musste, grenzte durchaus an Körperverletzung, aber so sind Machtkämpfe nun einmal.

Menschen dieses Schlags lassen sich nicht unterkriegen, auch wenn Robert Habeck lange Zeit als smarter Schriftsteller mit Hang zum Philosophieren faszinierte. Sie haben einen langen Atem und schießen auf den letzten Metern nach vorne. Beharrlichkeit, ein starkes Selbstbewusstsein und eine Prise Demut begründen einen stabilen Charakter.

Auch die beiden Unterlegenen haben das Entscheidende gemeinsam. Bei Robert Habeck und Markus Söder dreht sich vieles ums Ich. Wenn Söder sagt, die Union müsse „sexy und solide“ zugleich sein, dann verstehen wir ihn richtig, wenn wir denken, dass er sexy und solide sei; würde Armin Laschet das Wort sexy in den Mund nehmen, würden wir uns kringeln. Robert Habeck war lange damit beschäftigt, uns zu versichern, dass er nicht so wie andere Politiker ist und dass er schon gar nicht ein Berufspolitiker. Ist er nicht ganz, das stimmt schon, aber weit davon entfernt ist er inzwischen auch nicht mehr.

Habeck und Söder sind Individualisten und nehmen sich als Person wichtiger als die Sache, die sie vertreten. Damit soll nicht gesagt sein, dass sie schlechte Kanzlerkandidaten gewesen wäre, aber sie sind eben nicht zufällig unterwegs auf Grund gelaufen.

Natürlich braucht ein Land beide Charaktertypen, die Leisen und die Lauten, die Beherrschten und die Selbstbespiegler. Treffen sie aufeinander und treten sie gegeneinander an, fordern sie sich ihr Möglichstes ab und wir erleben ein Drama, das dankbare Gewinner und trauernde Verlierer hinterlässt.

Annalena, geh du voran

Da alles so ruhig und wie selbstverständlich verlief, könnte man leicht übersehen, dass die Grünen heute Geschichte geschrieben haben. Erstmals nominieren sie jemanden aus ihrer Reihe für das Kanzleramt. Erstmals haben sie, von heute aus gesehen, sogar Aussichten darauf, dass Annalena Baerbock Nachfolgerin von Angela Merkel wird. Erstmals haben sie die Chance, eine Regierung zu bilden. 

Der Kellner wird zum Koch. Die Grünen sind, wenn nicht Grundstürzendes bis zum 26. September passiert, in der besten aller Lagen. An ihnen führt dann wohl kein Weg vorbei. Selbst wenn sie nicht die stärkste Fraktion stellen sollten, bleiben sie die Königsmacher. Aller Voraussicht nach können sie sich aussuchen, mit wem sie eine Koalition bilden wollen. Voraussetzung dafür bleibt, dass sie gehörig über 20 Prozent liegen, sagen wir bei 23/24. Dann geht nichts an ihnen vorbei. Dann können sie sich aussuchen, ob sie mit der Union regieren oder besser mit SPD und FDP. 

Was für eine Ironie der Geschichte: Die Grünen als staatstragende Partei, deren Wahlkampfslogan lauten könnte: Wir wollen wieder stolz sein auf unser Land. Sie gebärden sich als Garanten politischer Stabilität im Lande sein, während CDU/CSU, eigentlich die Inkarnation der Berechenbarkeit, aus dem Ruder läuft. So machtversessen, wie sie üblicherweise ist, so machtvergessen führen sich ihre Spitzenleute derzeit auf. Darin liegt das Verdienst der Herren Laschet und Söder, die sich einen Zweikampf liefern, was natürlich demokratisch in Ordnung ist, aber destruktiv ausfällt, weil sie vergessen haben, Regeln für die Auswahl der Nummer Eins aufzustellen. Hätten sie mal besser von den Grünen gelernt.

So zieht sich das Duell hin. Die Herren Laschet und Söder fliegen in Berlin ein, reden stundenlang miteinander, fliegen ergebnislos wieder weg. Notorisch zweitrangige Gremien wie Frauenunion oder Kreisvorsitzende geraten mit ihren Bedenken und Vorlieben in die Schlagzeilen, da das Zentrum brach liegt. Die Welt, soweit Berlin die Welt ist, steht auf dem Kopf. 

Annalena Baerbock also. Keine Überraschung. Jung, Intelligent und beherrscht. Schnell im Kopf und stark im Lernen. Kompetent und zielstrebig. In den vergangenen Monaten hat sie sich mit Wissen vollgesaugt, vorzugsweise in der Außenpolitik. Vermutlich ahnt sie, was in den nächsten Wochen auf sie zukommen wird. Die Journalisten, die sie halb amüsiert, halb respektvoll, jedenfalls wohlwollend beschrieben und begleitet haben, dürften sie ab jetzt weniger freundlich auf Schwächen abklopfen, wobei ihr Mangel an Verwaltungs- und Regierungserfahrung an erster Stelle stehen werden.

Ist ja auch so. Joschka Fischer war vorher Landesminister gewesen, ähnlich wie Robert Habeck besaß er eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Apparaten. Annalena Baerbock besitzt Willensstärke wie die beiden, mindestens genauso viel Selbstvertrauen wie sie. Ja, sie fängt von vorne an und das ausgerechnet in einer Bundesregierung, wenn es im September so kommt, wie es sich heute abzeichnet. Zweifellos geht sie persönlich ein enormes Risiko ein und ihre Partei lässt sich fast freudig darauf ein.

Das ist gut so und spannend ohnehin. Auch Angela Merkel war nicht von vornherein die Angela Merkel, zu der sie geworden ist. Vielleicht können sich Frauen wie Merkel oder Baerbock aus Mangel an Eitelkeit stärker auf die Sache konzentrieren und begehen deshalb weniger Fehler. Nicht zufällig fiel Robert Habeck wegen seiner Wissenslücken zurück.

Ich persönlich freue mich über die Metamorphose der Grünen zur staatstragenden Partei und auch darüber, dass eine Frau in die Runde der Herren kommt. Die Konstellation hat sich mit der Ausrufung der grünen Kandidatin verändert. Sofern sich bei der Union ein paar unabhängige Köpfe finden sollten, könnten sie die Frage Laschet öder Söder neu stellen: Wer kann Annalena Baerbock besser neutralisieren/ausbooten/einschränken – der väterlich-gütige Armin Laschet oder der Rocker-Macho Markus Söder?

Heute beginnt der Bundestagswahlkampf. Die Grünen eröffnen haben ihn entspannt und geschmeidig begonnen. Sie hatten einen Zeitplan und halten ihn ein. Und von jetzt an ist jeder entscheidungslose Tag für die Union ein doppelt verlorener. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Ziemlich beste Freunde, wie lange?

Wer hätte gedacht, dass der Armin und der Markus vor die Presse treten und mit freundlichem Respekt übereinander reden, obwohl sie doch das Gleiche wollen? Jeder sagt vom jeweils anderen, dass er zum Kanzler geeignet ist und dass er, wird er es nicht, den anderen, der es wird, aus vollem Herzen und mit voller Kraft unterstützen wird. So viele gute Vorsätze hat man selten.

Sinnvoll ist ja das Experiment, das der Armin und der Markus ausgeheckt haben. Die Lage ist ernst, das Land steckt in der dritten Phase der Pandemie. Viele Menschen infizieren sich, zu viele Menschen sterben. Das Impfen schleppt sich dahin. Die Stimmung grenzt wahlweise ans Depressive oder Aggressive. Da passen die üblichen miesen Spielchen nicht, rund fünf Monate vor der Bundestagswahl. Der Nimbus der Politik ist ohnehin im Keller. Deshalb ist der Ernst, mit dem Armin Laschet und Markus Söder den Wettbewerb um die Nachfolge der Kanzlerin am Sonntag förmlich ausgerufen haben, nur angemessen.

Dabei eifern sie natürlich einem Vorbild nach, das friedliche Koexistenz zur Kunstform erhoben hat: den Grünen. Der Robert und die Annalena dürfen selber darüber entscheiden, wer von ihnen die Nummer Eins sein soll. Kein Parteigremium mischt sich ein, die Grünen warten ab, was passiert, was ja nun eigentlich seltsam in einer Parteiendemokratie ist. An diesem Mittwoch ist es soweit, dann wird Rauch aufsteigen, dann ist sie oder er gewählt und somit auch ein Kanzlerkandidat/eine Kanzlerkandidatin.

Die Grünen sind am Ende eines langen Prozesses angelangt, während die Union an einem späten Anfang steht, der schnell ein Ende finden wird. Die Dinge dürften sich in den nächsten Tagen überschlagen, so ist das eben, wenn eine Dynamik entfaltet wird, die schnell außer Kontrolle gerät. Die CDU wird Laschet stützen, die CSU wird Söder stützen. Ein paar Hintersassen und ein paar prominente Einzelgänger wie Norbert Röttgen werden sich gerne zu ihrer Meinung befragen lassen, vielleicht sagt die Bundestagsfraktion am Dienstag noch, wen sie bevorzugt. Geordnete Verfahren haben die Eigenschaft, schnell ins Unordentliche überzugehen, so dass alsbald der Ruf erschallen wird: Entscheidet euch gefälligst, damit nicht noch mehr Wechselstimmung in Deutschland aufkommt.

So wird wohl die Union auf den letzten Metern noch die Grünen überholen und ihren Kanzlerkandidaten vor dem Mittwoch küren. Wen? Doch wohl eher den Armin.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Wer wird’s? Mit wem müssen wir rechnen?

Timing ist nicht alles im Leben oder in der Politik, aber ohne das Glück des gelungenen Augenblicks ist alles nichts. Die Pandemie verschärft die Unberechenbarkeit noch und was sie uns in nächster Zeit an neuen Überraschungen bietet, dürfte die Stimmung bestimmen, in der die Union und die Grünen ihre Entscheidung fällen – und am Ende wir bei der Bundestagswahl.

Wie schlechtes Timing sich auswirken kann, lässt sich am Beispiel des unglückseligen Martin Schulz von der SPD studieren. Früh gestartet. Überhäuft mit Weihrauch und Myrrhe. Die glänzenden Umfragen inhaliert wie Marihuana. Daran geglaubt, dass es bleibt, wie es gerade ist. Eigenen und fremden Illusionen aufgesessen. Abgestürzt und nicht mehr aufgestanden. Gefleddert zur geradezu lächerlichen Figur und seither fast schon wieder vergessen. Mit 20,5 Prozent das schlechteste Wahlergebnis eingefahren, das die SPD seit 1949 je bekam. Und trotzdem kann Olaf Scholz heute von einer 2 vorne dran nur träumen.

Die Grünen sind das Gegenbeispiel. Seit drei Jahren laufen Annalena Baerbock und Robert Habeck gemeinsam durchs Land und gehen freundlich miteinander um. So staatstragend und vernünftig muss man erst einmal sein wollen. Oft genug den richtigen Ton getroffen. Nichts für garantiert gehalten, erst recht nicht steigende Umfragen. Skepsis als Grundhaltung macht sich gut. Die Grünen haben den größtmöglichen Nutzen durch ihre beiden Vorsitzenden.

Der Robert hat stark begonnen und die Annalena stark aufgeholt. Wie man aus dem inneren Kosmos hören kann, neigt der Robert neuerdings zu Anflügen von Melancholie, weil Annalena nicht nur richtig gut ist, sondern eben auch unübersehbar eine Frau, was bei den Grünen ins Gewicht fällt. Somit bleibt es ihr überlassen, ob sie die Nummer 1 und damit die Kanzlerkandidatin sein will oder nicht. Und da sie es jedem Anschein nach sein will, ist es nur eine Frage des Timings, wann sie den Anspruch förmlich erhebt.

Interessante Konstellation: Sie kann sagen, was sie haben möchte. Spricht er zuerst, kann er nur sagen: Ich will nicht.

Markus Söder erweckt zuverlässig den Eindruck, dass er der Herr des Geschehens ist und dass er sich vieles zutraut, wenn nicht alles. Zugleich dürfte er genau studiert haben, woran es eigentlich gelegen haben mag, dass weder der Riesenstaatsmann Franz Josef Strauß noch der nicht ganz so omnipotente Edmund Stoiber geworden sind, was sie unbedingt werden wollten. Mehrere Grunde bieten sich an: Deutschland will nicht von einem Bayern regiert werden. Oder dem CSU-Vorsitzenden, auf Alleinherrschertum getrimmt, mangelt es an der Fähigkeit, Loyalität zu begründen. Oder die CSU als Anhängsel der CDU ist konstitutionell zu klein und auch zu fern der Hauptstadt, um zu reüssieren.

Armin Laschet ist noch nicht lange CDU-Vorsitzender. Inzwischen finden sich Hinterbänkler im Bundestag, die sich gerne damit zitieren lassen, dass derjenige Kanzlerkandidat sein soll, der die größere Chancen bei den Wählern hat. Ja, wenn man das immer so genau wüsste, wäre vieles einfacher.  Die momentanen Umfragen sind nichts als Momentaufnahmen und mehr von Covid-19 bestimmt als dem Charisma der Konkurrenten. Deshalb gilt der schöne alte Spruch: Ich glaube nur den Umfragen, die ich selber in Auftrag gegeben habe.

Zuletzt hatte Armin Laschet keine gute Strähne, schon wahr. Aber ihm ist es bisher immer gut bekommen, wenn man ihn schon abgeschrieben hatte. Er ist gut im Endspurt. Daher muss ihm daran gelegen sein, so spät wie möglich die Entscheidung zu treffen, ob er antreten will oder nicht. Denn das Erstgeburtsrecht steht ihm als dem Vorsitzenden der CDU zu. Nur wenn er merken sollte, dass ihm die eigene Partei die Gefolgschaft verweigert, müsste er von sich aus klein beigeben – wie Helmut Kohl im Jahr 1980 und Angela Merkel im Jahr 2002.

Gehen wir mal davon aus, dass bis Mitte Mai geklärt ist, ob es Armin Laschet sein darf oder Markus Söder und wer von den beiden netten, kompetenten Grünen die Nummer 1 trägt, die Annalena oder der Robert. Dann sind noch rund sechs Wochen bis zu den Sommerferien, wo wir sie auch immer verbringen dürfen, der Pandemie sei es geschuldet. In dieser Zeit werden die Medien die beiden Übriggeblieben durchleuchten und Schwachstellen/Widersprüche/Geheimnisse offenlegen. Wer gute Nerven hat, wissen wir dann. Denn niemand kann sich auf die Hitze in der Küche so vorbereiten, dass er nicht davon überrascht würde. 

Bayern und Baden-Würrttemberg kommen erst Anfang September aus den Ferien zurück. Deshalb wird der eigentliche Wahlkampf nur kurz und scharf ausfallen. Bei aller fundamentalen Ungewissheit, ob wir bis dahin Herdenimmunität haben oder die Pandemie uns mit neuen Mutanten in neue Lockdowns jagt, sind die Voraussetzungen für den Wahlkampf ziemlich günstig. Je kürzer, desto politisch. Oder anders gesagt: Je kürzer, desto weniger langweilig.

Dass Annalena Baerbock das Experiment auf sich nimmt, als grüne Kanzlerkandidatin anzutreten, ist aus meiner Sicht so gut wie sicher. Dass Armin Laschet, obwohl er will, am Ende doch für Markus Söder zurückziehen muss, erscheint mir wenig wahrscheinlich, wenn es auch nicht ganz ausgeschlossen ist. 

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.