Was Corona für Celan bedeutete

In den vergangenen Tagen habe ich immer mal wieder in einem Gedichtband geblättert. Ich mag Gedichte. Einige habe ich in einer Phase meines Lebens auswendig gelernt, als ich dachte, ich bräuchte etwas für mich allein, ohne die permanente Ausrichtung auf den Zweck, der damals übermächtig war. Also habe ich nach dem Zufallsprinzip angefangen. Die Bürgschaft übte ungemein, weil sie so lange ist. Rilke wegen der Denkgedichte. Benn und Brecht, Goethe sowieso, natürlich Kästner, Morgenstern etc.

Lange habe ich keines mehr gelernt und das schmerzte mich plötzlich, als ich diese Zeilen las:

Aus der Hand frisst der Herbst mir das Blatt; wir sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie geh’n: /Die Zeit kehrt zurück in die Schale. / Im Spiegel ist Sonntag, / im Traum wird geschlafen, / der Mund redet wahr.

Kenner werden längst wissen, dass wir Celan vor uns haben. Weiter geht es so:

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten: / wir sehen uns an, / wir sagen uns Dunkles, / wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, / wir schlafen wie Wein in den Muscheln, wie das Meer im Blutstrahl des Mondes. / Wir stehen umschlungen im Fenster, / sie sehen uns zu von der Straße: / es ist Zeit, dass man weiß! / Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, dass der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, dass es Zeit wird. / Es ist Zeit.

Das Gedicht gehört in den Zyklus „Mohn und Gedächtnis“ und erschien im Jahr 1952. Die Interpretation überlasse ich anderen. Mich verblüffte der Titel: Corona. In der „Welt“ schrieb Hans-Christian Buch im Frühling dieses Jahres darüber und zitierte aus Petris Fremdwörterbuch von 1889, was unter Corona zu lesen steht: Krone, Kranz, Tonsur, Mannschaft, Sippschaft, syphilitischer Ausschlag. Er schreibt dazu: „Keine dieser Bedeutungen passt zu Celans Gedicht, wohl aber der Hinweis auf die von Perseus verlassene Ariadne, die ihm mit ihrem Wollknäuel zur Flucht aus dem Labyrinth verhalf. Der Weingott Dionysos verliebte sich in Ariadne und versetzte sie nach ihrem Tod an den Nachthimmel, ins Sternbild der Corona.“

Wie tröstlich, dass Corona ein Sternbild ist, von Celan in ein Gedicht verwandelt.

Kleiner Nachtrag zu Löw

Gestern trat Herr Löw vor die Kameras und wirkte genau so, wie man es sich denken kann: Viel Ich und wenig Mannschaft. Viel DFB und wenig Trainer. Viel Denkmal und wenig Ausblick. Ich verdiene Vertrauen, lautete seine Behauptung. Verdient er nicht. Hat er verloren. Er hat sich verloren.

Geschichte schreiben, ohne Worte

Der Tag begann damit, dass die deutsche Delegation einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten niederlegte, um Polens Freiheitskämpfer zu ehren. Guter Brauch bei so ziemlich jedem Staatsbesuch, zumal in einem Land, das unter Hitler-Deutschland beispiellos gelitten hatte. Dann zog der Tross weiter zum Mahnmal, das für die Aufständischen im Warschauer Ghetto errichtet worden war. Ein Historiker erzählte dem deutschen Bundeskanzler, wie die im Ghetto Eingepferchten lieber hier sterben wollten, als zum Ermorden in eines der Vernichtungslager deportiert zu werden. Von den Deutschen, von wem sonst.

Hat Willy Brandt zugehört? Allenfalls flüchtig. Was zog ihm durchs Gemüt, dem deutschen Emigranten, vor Hitler geflohen? Wie sollten wir das wissen. Dann geschah dieses Unerwartete, Ungeheuerliche.

Hinterher sagte Willy Brandt, nein, er habe sich die Geste nicht ausgedacht, nicht vorbereitet, nicht geplant. Aber er habe das Empfinden gehabt, dass hier, an diesem Ort mit dieser Schreckensgeschichte, Worte nicht genügten. Von diesem Empfinden ließ er sich tragen und sank auf die Knie. Verharrte etliche Sekunden, die offenbar niemand zählte. Blickte geradeaus und erhob sich sachte wieder.

Willy Brands konnte dieses steinerne Gesicht aufsetzen. Er wirkte dann ganz in sich gekehrt. Weltabgewandt. Als nähme er die ihn Umgebenden gar nicht wahr. Vermutlich suchte er Zuflucht in diesem Selbstrückzug, wenn er innerlich bewegt war, aufgewühlt. Mit diesem Gesicht drehte er sich um und ging an diesen vielen Regierungspolen und Regierungsdeutschen vorbei, an den Kriegsveteranen, Historikern und Journalisten, die eine Gasse bildeten, im Wissen, dass sie dabei waren, als ein Mann Geschichte ohne Worte schrieb.

An diesem Montag ist der Kniefall genau 50 Jahre her. 50 Jahre sind eine weite Zeitspanne und die Welt war damals eine völlig andere. Deutschland geteilt. Die Welt geteilt. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erst 25 Jahre her. Willy Brandt war seit einem Jahr Bundeskanzler und seine sozial-liberale Regierung suchte Versöhnung mit den Ländern, die unter Hitler-Deutschland am meisten gelitten hatte: voran die Sowjetunion, dann Polen, dann die Tschechoslowakei. Versöhnung geschieht politisch mit Verträgen. Mit Buchstaben und Worten.

Zur Versöhnung gehörte die Anerkennung der Wirklichkeit. Anerkennung bedeutete Verzicht auf 102 958 Quadratkilometer Landes, das zu Deutschland gehört hatte: Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Danzig, Stettin, Breslau, die Hälfte des alten Preußen. Der Verzicht zerriss Deutschland. 

Verzicht ist Verrat, schmähten Konservative aller Schattierungen. Formal existierte dieses Nachkriegsdeutschland in den Grenzen von 1937. Aber wie sollten die Deutschen das Verlorene zurückholen? Durch Krieg? Durch Drohungen? Durch Wortgeklingel? Das Gleiche galt für das andere Deutschland, die DDR, mit der Brandt auch einen Vertrag schließen wollte.

Die Welt dort draußen pries Deutschland für diesen Kanzler und ehrte ihn mit dem Friedensnobelpreis. In der Welt dort drinnen konnte sich Brandt nicht einmal sicher sein, dass er eine Mehrheit für die Ostverträge im Bundestag bekommen würde. Die SPD verließen einige Abgeordnete aus Protest gegen die Entspannungspolitik. Die Regierungsmehrheit schmolz und ging verloren.

Das Land war gespalten, die Zeitungen nahmen Partei, im Bundestag fanden Debatten voller Leidenschaft statt, durchdrungen von infamen Unterstellungen. Dazu die vielen Demonstrationen auf den Straßen für und gegen Brandt. Ein Land in Aufruhr und unerträglicher Spannung.

Am 24. April 1972 stellte die CDU/CSU im Bundestag den Antrag auf ein konstruktives Misstrauensvotum: Abwahl Brandts, Neuwahl eines Nachfolgers aus den Reiher der Opposition. Ein unerhörter Vorgang. Demokratie in höchster Erregung.

Wir waren jung, wir gingen auf die Straße. Wir hingen am Fernsehapparat. Wir dachten: Es ist vorbei. Sie kriegen ihn klein. Die anderen sind stärker. Er kommt zu früh, er will zu viel. Er war unser Willy.

Das Misstrauensvotum scheiterte. Dafür sorgten Intrigen. Absprachen. Dafür sorgten Bestechung und Betrug. Später kam heraus, dass zwei CDU/CSU-Abgeordnete materielle Gründe fanden, gegen den Antrag ihrer Fraktion zu stimmen – für Geld von der Stasi in Ost-Berlin. So stimmten nur 247 Abgeordnete für die Abwahl des Kanzlers, zwei zu wenig, denn 249 wären nötig gewesen.

Das Richtige war ohne Falsches nicht zu haben. Was wäre gewesen, wenn Rainer Barzel, der heute vergessen ist, Willy Brandt abgelöst hätte? Die Geschichte wäre anders verlaufen, so viel ist klar. Die Verträge wären nicht zustande gekommen. Die Entspannungspolitik wäre Makulatur gewesen. Der Kniefall wäre folgenlos geblieben. Besonders populär war er im Dezember 1970 ohnehin nicht. In einer Umfrage fand der „Spiegel“ heraus, dass nur 41 Prozent der Deutschen ihn für angemessen, aber 48 Prozent für übertrieben hielten.

Die Umstände sind im Laufe der 50 Jahre nebensächlich geworden, so ist das eben. Geblieben ist diese spontane Geste, dieses Niedersinken auf die Knie, eine eigentlich religiöse Handlung, die sich ein Agnostiker einfallen ließ, der mit der Hitlerei nichts zu tun gehabt hatte, der selber vor den Nazis fliehen musste, und der auf sich nahm, wofür er keine Verantwortung trug.

So wurde am 7. Dezember 1970 aus Willy Brandt ein großer Deutscher und ein großer Kanzler.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.

Mit dem beleidigten Schweiger leben

Eigentlich wollte ich nie wieder über den Fußballbundestrainer schreiben. Eigentlich ist alles gesagt, inklusive der Unfähigkeit des Deutschen Fußballverbandes, ihn los zu werden oder wenigstens darauf zu verpflichten, nach der Europameisterschaft zurück zu treten. Dieser Mann ist dermaßen wirklichkeitsfern, dass er sich nicht einmal darauf einzulassen gedenkt.

Wer berät Jogi Löw? Wem hört er zu? Was ist mit ihm passiert? Seit wann ist das Weinerliche in dieses Stoische umgeschlagen? Wie kommt jemand dazu, nur immer den Weltmeister in sich zu sehen, egal wie die Spiele ausgehen?

In meiner Kindheit habe ich schon mal so etwas erlebt, ich meine natürlich: in meiner Fußballkindheit. Der Bundestrainer hieß Sepp Herberger und war ein Philosoph, wie ihn nur der Fußball hervorbringt. Von ihm stammen tiefgründigen Sätze wie: Der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten und das nächste Spiel ist immer das schwerste, und die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht.

Herberger ist unsterblich, weil seine Mannschaft im Jahr 1954 Weltmeister wurde. Schon in der Vorrunde (es gab 16 Mannschaften, wie gut!) spielte Deutschland gegen Ungarn und verlor 3:8. Katastrophe! Mindestens so schlimm wie das 0:6 gegen Spanien heute! Ungarn war die Übermannschaft, die goldene Elf. Gyula Grosicś, der Torwart, erzählte später, dass eine Abordnung der KP ins Trainingslager gekommen war, die Spieler zusammenrief und sie beruhigte, dass sie keine Konsequenzen befürchten müssten, falls sie das Turnier nicht gewännen. Da wussten wir, sagte der Torwart, was uns bevorstand, als wir das Endspiel verloren.

Herberger war ein Fuchs. Er wiegte die Ungarn in Siegessicherheit. Auf den Platz schickte er eine B-Mannschaft, die folgerichtig auseinandergenommen wurde. Im zweiten Spiel gewann Ungarn gegen Südkorea mit 9:0. Deutschland schlug die Türkei 4:1. Da der Modus damals nur jeweils zwei Spiele für jede Mannschaft in der Vorrunde in den Vierer-Gruppen vorsah, musste Deutschland noch einmal gegen die punktgleiche Türkei antreten und gewann 7:2.

Im Viertelfinale gewann Deutschland gegen das starke Jugoslawien 2:0, im Halbfinale 6:1 gegen die mindestens genauso starken Österreicher. Dann das 3:2 gegen Ungarn mit der A-Mannschaft. Die Sensation. Dieses Glück. König Herberger. Alles richtig gemacht.

Vier Jahre später machte er noch einmal alles richtig. Fritz Walter war 38, kapp doppelt so alt wie Uwe Seeler, der Jungstar. Dann ein Heimschiedsrichter (dies ist eine subjektive Einschätzung), der Schweden beim 3:1 zur Seite steht. Wir werden Vierter. Und wieder hatte Sepp Herberger alles richtig gemacht.

Dann Chile 1962. Deutschland scheidet im Viertelfinale gegen Jugoslawien aus. Herberger wird abgelöst. Er wehrt sich. Er will nicht. Er ist wie Adenauer, alt und störrisch. Er ist der Jogi Löw jener Tage: Ich habe aber doch meine Verdienste! Ich will bleiben! Ich erreiche die Mannschaft! Ich brenne noch!

Gute Spieler gibt es immer. Aber das Glück ist eine knappe Resource. Verdienste zählen, sind aber keine Ausrede. Die innere Kraft reicht eine Weile, kleckert dahin, versiegt irgendwann, was niemand gerne wahrhaben will. Wahrscheinlich ist die Einsicht in das Notwendigste das Schwerste überhaupt.

Bei Herberger war 1954 der Höhepunkt, der 1958 fast wiederholt worden wäre und Chile die große Enttäuschung. Bei Löw ging es gut los, 2014 war der Höhepunkt, musste es aber auch sein, nach jahrelangem Anlauf. Seither geht es bergab. Obwohl es gute Spieler gibt. Junge und alte. Auf die Mischung kommt es an. Auf die Phantasie und die Intuition. Auf das vergängliche Glück. Diesem Trainer aber ist die innere Kraft ausgegangen, von der alles andere abhängt. Dieser Umstand erklärt seine Sonderlichkeit, seine Weltabgewandtheit.

Damals bei Herberger handelten die Verantwortlichen. Sie konnten es, weil der Nachfolger bereit stand. Er hieß Helmut Schön und blieb es 14 Jahre lang. Diesmal fehlt der gottgegebene Nachfolger. Ich wette, der DFB hätte niemals den Mut gehabt, Hansi Flick eine Chance zu geben. Ich weiß nicht, ob Gespräche mit Ralf Rangnick statt fanden; vielleicht fragt einer mal bei ihm nach.

Also müssen wir mit der Pilzfrisur leben, dem Stoiker, dem Schweiger. Wir trauen ihm nichts mehr zu, wir wollen aber auch nicht schon wieder ein trostloses Turnier über uns ergehen lassen. Also wäre es schön, wenn die Mannschaft die Sache in die Hand nähme, so wie Beckenbauer et altera in der Spätphase Schön.

Ein Pragmatiker, elegant und gern auch mal arrogant

Valéry Giscard d’Estaing war der Inbegriff des eleganten Mannes als Politiker, wie man ihn in Frankreich zuverlässiger findet als in Deutschland. Hoch gewachsen mit einem schmalen Intellektuellenschädel, gekleidet in bestem Zwirn, bewegte er sich siegessicher auf internationalem Parkett. Stets hatte er ein Auge auf die schönen Frauen, was wie selbstverständlich für Seinesgleichen dazugehörte. Auch deshalb fühlte er sich den braven Teutonen, den verklemmten Briten und den vierschrötigen Amerikanern an Selbstvertrauen und Stil meilenweit überlegen.

Paris war zu Giscards Zeit, mehr noch als heute, die Metropole der Politiker und der Intellektuellen, wobei die Grenzen fließend waren. Giscard bewegte sich wie selbstverständlich unter den Klugen und Schönen. Immer war er der Jüngste, der Schnellste, der Moderne. Der Adelstitel gab ihm eine eigene Aura unter diesen Bürgerlichen. Das „de“ kam allerdings nicht aus alter Zeit. Sein Vater hatte den Titel im Jahr 1922 gekauft, vier Jahre vor der Geburt seines Sohnes Valéry.

Giscards Leben war mit Deutschland aufs Engste verbunden, damals schon, als Frankreich wieder einmal der Erbfeind war. Geboren wurde er in Koblenz, da war das Rheinland französisch besetzt, eine Folge des verlorenen Krieges und des Versailles Vertrags. Sein Vater war Oberfinanzinspektor der französischen Rheinarmee. Dann kam der Zweite Weltkrieg, die Deutschen besetzten Paris und sonderten französische Juden für die Todeslager aus. Giscard hatte gerade Abitur gemacht, schloss sich mit 18 der Résistance an und half Paris befreien. Kurz darauf saß er im ersten Panzer, der im April 1945 in Konstanz einrollte.

Was lernt ein junger Franzose, 19 Jahre alt und ein mutiger Patriot, aus diesen Kriegserfahrungen? Dass es damit aufhören muss. Dass es Zeit ist, aus der Erbfeindschaft Versöhnung erwachsen zu lassen. Dass gemeinsam ein Europa begründet werden muss. Giscard gehörte zu der Generation der überzeugten Europäer, die für Frankreich wie selbstverständlich einen Führungsanspruch auf dem Weg zur wirtschaftlichen Integration beanspruchten. Dieses Europa war ja darauf ausgerichtet, die Deutschen einzubinden, damit sie nicht noch einmal einen Krieg anzetteln konnten.

Von 1974 bis 1981 war Giscard Staatspräsident. Seine Amtszeit fiel zusammen mit Helmut Schmidts Kanzlerschaft. So fern sich die beiden nach Herkunft und Habitus auch waren, so nah waren sie sich doch in den großen Fragen ihrer Zeit. Beide Pragmatiker. Beide Fachmänner für Finanz- und Wirtschaftspolitik. Beide illusionsfreie Europäer. Beide skeptische Atlantiker und noch skeptischere Entspannungspolitiker. Und Schmidt akzeptierte das politische Primat für Frankreich, auch wenn sein Land mittlerweile ökonomisch weitaus stärker und moderner war.

Die beiden trafen sich, sie mochten sich und sie wurden Freunde. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in der Beurteilung anderer Staats- und Regierungschefs übereinstimmten. Ronald Reagan: Schauspieler, B-Ware, eine gefährliche Witzfigur. Margaret Thatcher: Frau mit Eiern, sozusagen (durfte man damals noch so sagen). Leonid Breschnjew: viel Alkohol, ansonsten Obervolta mit Atomwaffen. Helmut und Valéry waren eben auch Verbündete in Arroganz, die ihnen ganz natürlich erschien.

Vom Trauerakt im Michel für Helmut Schmidt gibt es ein bewegendes Foto: Giscard steht im schwarzen Mantel, zweireihig geknöpft, und schaut sich suchend um, als könne er gar nicht fassen, dass sein alter Weggefährte nicht in der Reihe neben ihm sitzt, sondern dort vorne im Sarg liegt.

Die Rede im Michel hielt damals vor fünf Jahren Henry Kissinger. Der gehört nun, neben Jimmy Carter, zu den wenigen Überlebenden, die in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Geschichte schrieben. Kissinger ist drei Jahre älter als Valéry Marie René Georges Giscard d’Estaing, der nun auf Wolke 7 mit seinem Freund Helmut über diese nichtsnutzigen Nachfolger dort unten lästern kann. Es sei ihnen gegönnt.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute morgen.

Kronzeuge gegen die AfD

Auf dem AfD-Parteitag fiel ein Wort, das ich viele Jahre lang vermissen durfte. Bisher dachte ich, es sei ein Monopol der Linken, die sich mit diesem Schimpfwort von je her frenetisch überzog. Als Leute wie Jürgen Trittin noch in linken Splittergruppenvon von der Revolution träumten, als sich Maoisten mit Stalinisten bis aufs Messer um die reine Lehre stritten, da spieen sie es so verächtlich aus, wie es einige AfDler am Wochenende ausspieen.

Das ominöse Wort heißt: spalterisch. Ästhetisch gesehen ist es eher eine Peinlichkeit. Weder spricht es sich flüssig aus noch wird es jenseits des Politischen benutzt. Aber so, wie Alexander Gauland und die anderen das Wort ins Mikrophon spuckten, im Ton höchster Verachtung, war es mit Wut aufgeladen und der nächste Schritt müsste konsequenterweise körperliche Gewalt sein.

Die Tiraden galten Jörg Meuthen, der ja kein Sonderling oder notorischer Aufrührer ist, sondern eher das Gegenteil, ein bürgerlicher Rechter mit anständigem Beruf und unhetzerischer Rhetorik. Er ist auch kein Außenseiter, vielmehr ist er einer von zwei Vorsitzenden dieser Partei. Richtig am Vorwurf ist allerdings, dass er seit einiger Zeit die AfD neu ordnen will, wobei er ein Intimfeind der völkischen Rechten ist, die in Björn Höcke ihren Propheten verehrt.

Man kann sich darüber streiten, wie viel Erfolg Meuthen beschieden ist. Nun gut, offiziell löste sich der „Flügel“ (auch so ein komisches Wort) auf, aber natürlich existiert er weiterhin, weil ja nun einmal Höcke & Co noch da sind und ungebrochen Einfluss ausüben, wie sich in Kalkar zeigte. Stimmt schon, Andreas Kalbitz ist aus der AfD ausgeschlossen worden, doch was soll’s, Tino Chrupalla etwa, Meuthens Co-Vorsitzender, unterscheidet sich nur unwesentlich vom abgespaltenen Kalbitz.

Ironischerweise müssen wir Meuthen Glück wünschen beim Versuch, Ballast abzuwerfen. Ihm schwebt anscheinend eine rechte CDU vor, die dann eines Tages mit der richtigen CDU eine Koalitionsregierung eingehen könnte. Ganz rechts bliebe somit ein völkischer Landsknechtshaufen übrig, der auf dem Kyffhäuser von der konservativen Revolution träumen dürfte.

Alexander Gauland hat auch mal so angefangen wie Jörg Meuthen. Aus der CDU ausgetreten, wollte er sie von rechts aufmischen. Seine AfD trug anfangs die Insignien der früheren CDU: national, weiß, deutsch, schwarzrotgolden die Seele. Irgendwie muss den Melancholiker aber der Altersradikalismus überkommen sein, so dass er die Orientierung verlor. So ergeht es Menschen, die Zeitlebens im Hintergrund blieben und dann plötzlich zu umjubelten Anführern aufsteigen. Weil Meuthen ihn an seinen Ursprung erinnert, geht Gauland besonders ehrabschneiderisch mit ihm um.

Die Rede in Kalkar lässt sich als Zwiegespräch zwischen Meuthen und Gauland zu verstehen. Meuthen mokiert sich über den Bismarckkult, den Gauland zelebriert. Meuthen hält es für völlig unangemessen, dass im Bundestag von der „Corona-Diktatur“ herum schwadroniert wird, und meint auch Gauland damit, wobei der Parteitag in Kalkar als Dementi gegen die blödsinnige Polemik dient. 

Von jetzt an dürfen wir Meuthen als Kronzeugen seine eigene Partei zitieren. Er polemisiert gegen die Vorliebe für durchgeknallte Querdenker, „deren skurrile, zum Teil auch offen systemfeindlichen Positionen und Ansichten den Verdacht nahelegen, dass bei ihnen noch nicht einmal das Geradeausdenken richtig funktioniert, geschweige denn echtes Querdenken“. Gut gebrüllt, oder? 

Oder die Rüge für AfD-Bundestagsabgeordnete, die das Infektionsschutzgesetz mit Hitlers Ermächtigungsgesetz verglichen hatten. Meuthen fragt, ganz Staatsmann, ob sich solche Vergleiche wegen „der allgemein bekannten Monstrosität und in dieser Dimension auch Singularität der Nazi-Barbarei nicht selbst verbieten?“ Gauland nannte die 12 Jahre Hitler bekanntlich einen „Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte. 

In Kalkar beschloss Meuthen seine Rede mit dieser Alternative: „Entweder wir kriegen hier die Kurve, und zwar sehr entschlossen und sehr bald, oder wir werden als Partei in keineswegs ferner Zukunft ein grandioses Scheitern erleben:“

Ja, da will jemand eine andere Partei, als die AfD geworden ist. Jörg Meuthen möchte das Bürgerliche retten und das Völkische ausscheiden. Die Lämmer von den Wölfen trennen, so sieht er das. Das CDU-hafte von den Systemsprengern. Der Vorwurf, Meuthen sei spalterisch, trifft schon zu, jedenfalls dann, wenn man Gauland, Höcke oder Chrupalla heißt.

So wie es aussieht, steht Meuthen zwar nicht allein, hat aber keine Mehrheit hinter sich. Vielleicht ändert sich das. Seine Gegner laufen der Querdenker-Bewegung hinterher und öffnen ihnen Tor und Tür. Die Quittung ist das Absinken der AfD bundesweit auf 7 Prozent. Darüber dürften einige unsichere Gemüter ins Grübeln geraten.

Die Rechte jenseits von CDU und CSU hat sich schon früher am liebsten selber zerlegt. Wäre ganz schön, wenn die AfD dieser Tradition treu bliebe.

Die Rechte jenseits von CDU und CSU hat sich schon früher am liebsten selber zerlegt. Wäre ganz schön, wenn die AfD dieser Tradition treu bliebe.

Veröffentlicht auf t-online, heute.

Das ewige Kind und die Hand Gottes

Wenn es einen Fussballgott gäbe, dann würde er Jungs wie Diego Armando Maradona Franco ein ewiges Fußballerleben schenken. Er würde ihn nicht langsamer werden lassen, nicht dicker, verfallen dem Kokain, nicht scharf auf die Groupies, er würde ihn nicht am Ende seiner wunderbaren Karriere bei den Newell’s Old Boys in der argentinische Provinz verkommen lassen.

Argentinische Fußballspieler beschwören ihren Gott immer wieder im Stadion, als wären sie allein mit ihm. Sie bekreuzigen sich vor dem Spiel, küssen ihr Amulett, schauen gen Himmel, bedanken sich bei Gott für das Tor aus vollem Lauf oder mit per Kopfball. Diego Maradona aber hat den Katholizismus seines Landes auf die Spitze getrieben.

Weltmeisterschaft in Mexico 1986, Viertelfinale, 114 580 Zuschauer im Aztekenstadion, Argentinien spielt gegen England, 51. Minute. Diego Maradona und Jorge Valdarno spielen einen Doppelpass, der misslingt, ein englischer Verteidiger will klären, schlägt aber eine Kerze. Diego Maradona, 165 cm klein, springt mit dem Torwart Peter Shilton, 185 cm groß, hoch und der Ball liegt im Tor. Der tunesische Schiedsrichter sieht die zu Hilfe genommene linke Hand nicht, es steht 1:0. Maradona hat ein Tor für de Ewigkeit geschossen; später wurde es zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt.

Hat sich Maradona hinterher geschämt oder wenigstens so getan, als ob? Natürlich nicht. Er bemühte seinen Glauben oder tat wenigstens so. Er sagte, bei diesem Tor sei sein Kopf und Gottes Hand im Spiel gewesen. Somit ist Gott dafür verantwortlich, dass Argentinien 1986 mit einem Betrug Weltmeister werden durfte.

Diese Szene vor 34 Jahren werden sie jetzt immer wieder im Fernsehen zeigen, jetzt, da der Nationalheilige, der ein großer Sünder war, mit 60 Jahren gestorben ist. Es ist auch pietätvoll, an den genialen Fußballspieler zu erinnern und den Mantel des Schweigens gnädig über die Zeit danach auszubreiten.

Argentinien bringt mit erstaunlicher Regelmäßigkeit unfassbar gute Fußballspieler heraus. Alfredo di Stefano habe ich noch spielen sehen: ein Genuss, eine Erleuchtung. Natürlich ragt Messi heraus, aber auch Carlos Tevez oder Gabriel Batistuta oder Angel di Maria oder Jorge Valdano, der Doppelpas-Spieler mit Maradona.

Für Maradona war der Zwang zum Aufhören mit 37 eine Katastrophe.
Fußball war sein Leben. Als das Ende beim FC Neapel näherrückte, war er aus dem Gleichgewicht geraten. Damals fing er wohl mit dem Koksen an. Mit den Jahren kamen der Alkohol und die Tabletten dazu, die Antidepressiva und die Schlafmittel. In seinen besten Jahren sah Maradona wie ein Rockstar aus und wie einem Rockstar entglitt ihm das Leben und begann der stetige Niedergang und das lange Sterben.

Auf dem Platz sind Fußballspieler nicht Millionäre, sondern große Jungs, die sich nach einem Tor übereinander werfen und immer wieder den Thrill suchen, diese Explosion des Glücks und den ekstatischen Jubel der Zuschauer. Der Übergang in ein wenig aufregendes Leben ist hart, wenn nicht brutal. Das Leben danach ist im Normalfall nichts im Vergleich zum Leben davor.

Es gibt Ausnahmen, natürlich. Der Mann, mit dem Maradona damals den Doppelpass spielte, fällt aus dem Rahmen. Jorge Valdano war Stürmer, spielte zuletzt für Real Madrid und bildete mit Hugo Sanchez ein tolles Gespann. Nahtlos gelang ihm der Übergang in den Trainerberuf und bald darauf zum Sportdirektor und zwar bei Real Madrid, wo er Figo, Ronaldo, David Beckham und Zidane verpflichtete, das beste Real, das je spielte. Dann studierte Jorge Valdano Jura und arbeitete als Unternehmensberater. So klug wie er können wenige über die unumgängliche Kommerzialisierung des Fußballs reden. Wenn es außer Césare Menotti und Arsène Wenger noch einen Fußball-Philosophen gibt, dann ist es Jorge Valdano.

Das ewige Kind und der Philosoph bleiben für immer durch ein Tor verbunden. Ihre Biographie zeigt die extremen Möglichkeiten auf, die das Leben nach einer unvergleichlichen Karriere nehmen kann. Maradona blieb Maradona. Valdarno häutete sich und erfand sich neu. Maradonas zweites Leben war eine wachsende Tragödie, an der nicht nur Argentinien trauernden Anteil nahm.

Nun ist er tot. Möge ihn der Fußballgott aufnehmen, damit Maradona sich für die Hilfe beim 1:0 gegen England bedanken kann.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.