„Du hast wohl den Verstand verloren“

Es waren einmal zwei Buddies, die sich prächtig verstanden. Der eine war der Einflüsterer, der den anderen wie eine Handpuppe behandelte. Der andere war der mächtigste Mann auf dem Erdenrund, der sich noch größer fühlt, als er ist, und darin schwelgte, jetzt auch noch einen schnellen Krieg zu gewinnen.

Die Buddies sind keine Buddies mehr. Donald Trump und Benjamin Netanyahu, der sich Bibi nennen lässt, trauen sich nichts Gutes mehr zu. Gestern sprach sich in Washington herum, dass Israel Telefongespräche abhörte, die US-Unterhändler mit iranischen Unterhändlern führte. Mehrere amerikanische Geheimdienste schrieben Berichte darüber, dass zum Beispiel Telefonate, die Steve Witkoff, Trumps diplomatischer Tausendsassa, mit Teheran führte, auf Netanyahus Schreibtisch landeten.

Nun ist es offenbar üblich, dass auch unter Freunden und Verbündeten jeder jeden abhört. Amerikanische Geheimdienste hören so ziemlich überall rein, wo in Hauptstädten Regierungschefs miteinander plaudern, sei es in Asien oder Europa. Barack Obama musste sich mal bei Angela Merkel fürs Belauschen entschuldigen.

Ob die Kanzlerin ernsthaft davon überrascht war oder sich in ihrem Misstrauen bestätigt fühlte, ist ihr Geheimnis geblieben. Im Gegenzug möchte man sich wünschen, dass der BND ähnliche Fertigkeiten besitzt. Wäre ja wichtig, etwa bei Wladimir Putin mitzuhören oder auch bei Donald Trump – oder am besten, wenn der eine den anderen anruft.

Dass Israel außerordentlich gute Geheimdienste hat, bewies er im Libanon, als er Pager und Walkie-Talkies der Hisbollah anzapfte und detonieren ließ. Und er wusste Bescheid, welcher Würdenträger sich wann an welchem Ort in Teheran aufhalten würde, um dann Bomben auf das Haus zu werfen. Dem Mossad muss man nach aller Erfahrung viel zutrauen.

Eine andere Qualität hat es natürlich, das Weiße Haus anzuzapfen. Eine Stellungnahme des Präsidenten, etwa auf X, steht noch aus. Aber man kann sich vorstellen, dass wieder ein Telefonat stattfindet, in dem der eine Buddie den anderen Buddie anbrüllt.

So ist es offenbar neulich zugegangen, als The Donald den Bibi zusammenfaltete, weil der nicht wollte, was Trump wollte. Davon wissen wir, weil dieser Präsident liebend gerne von seinen Großtaten erzählt. „You are fucking crazy“ habe er zu Bibi gesagt, ließ er uns wissen – „Du hat ja wohl den Verstand verloren.“

Das Buddiehafte ist im Gefolge des Iran-Krieges zerbrochen. Die Interessen laufen seit der Waffenpause, die am 8. April eintrat, nicht mehr synchron. Trump will unbedingt ein Abkommen mit den Mullahs abschließen und Netanyahu will unbedingt den Krieg fortsetzen, weil das Kriegsziel – Regimewechsel in Teheran – nicht erreicht ist.

Der Zynismus, der historisch dem Nahen Osten eigen ist, will es, dass keiner von beiden bekommt, was er anstrebt. Iran stellt Bedingungen, die Trump nicht erfüllen will – erst Ende der Sanktionen und dann später irgendwann Verhandlungen über das Atomprogramm. Trump sagt auf seine typische Weise, das wochenlange Hin und Her langweile ihn, was aber nur seine Frustration signalisiert, dass nichts so vorangeht, wie er es haben möchte.

Um die Schwäche zu überspielen, greifen US-Kampfflugzeuge gelegentlich Radarstationen oder auch Ziele auf iranischen Inseln im Golf an, woraufhin iranische Drohnen in Bahrain oder Kuweit einschlagen. Das ist kein Krieg mehr, das sind Scharmützel, aber ein verhandelbarer Frieden ist weit entfernt.

Indessen geht Israel auf einem Umweg gegen Iran vor. Seine Armee besetzt systematisch libanesisches Territorium im Süden, ebnet Dörfer ein, vertreibt eine Million Menschen und bombardiert Teile Beiruts. Die Besatzung dient dem Ziel, die Hisbollah als Machtfaktor im Libanon auszuschalten.

Das wäre gut für Israel, denn die Raketensalven auf seinen Norden blieben dann aus. Eigentlich wäre das auch für die zivile Regierung des Libanon gut, die um Einfluss kämpft. Die Hisbollah mag zwar erheblich geschwächt sein, aber eliminieren lässt sich sich genauso wenig wie die Hamas. 

Wie im Gaza lässt sich der politische Beweggrund für das militärische Vorgehen Israels im Libanon gut verstehen. Allein das Ausmaß der Angriffe und die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung spricht gegen Benjamin Netanyahu.

Das berühmte Telefonat, in dem er sich „fucking crazy“ beschimpfen ließ, ging darum, dass die israelische Armee nun auch Stellungen der Hisbollah mitten in Beirut angreifen sollte. Iran drohte damit, dann Israel direkt anzugreifen. Gestern Abend machten die Mullahs ihre Drohung wahr und feuerten Salven ballistischer Raketen los. Die Waffenpause ist zur Farce geworden.

Donald Trump will den Krieg los haben. Israel führt Krieg im Gaza, den Netanyahu gerade wieder bombardieren ließ, und im Libanon und würde am liebsten den Krieg gegen die iranische Theokratie konsequent weiterführen. Iran schlägt am Golf zu und nimmt den Krieg gegen wieder Israel auf.

Die USA verstanden sich mal als Ordnungsmacht im Nahen Osten und waren es auch. Das ist vorbei und Trumps Versuch, sie im Zusammenspiel mit Netanyahu wiederherzustellen, ist so gut wie gescheitert. Aber wo endet der Irrsinn und wozu führt er? 

So wie die entscheidenden Figuren in dieser Region vorgehen, lässt sich nichts Gutes erwarten.

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.