Vieles wird sich ändern, aber wie viel?

Der Countdown läuft. Am kommenden Sonntag wählt Sachsen-Anhalt. 1,8 Millionen Menschen dürfen wählen. Ziemlich wenige Wähler werden ziemlich viel Wirkung erzielen.

In meinem Berufsleben habe ich jede Menge Landtagswahlen beobachtet und beschrieben. Die wenigsten waren spannend; fast immer ging es um überschaubare Belange ohne erhebliche Auswirkungen auf das große Ganze. Nur selten kam Spannung auf – wie im Jahr 1985 in Hessen, als Joschka Fischer zum ersten grünen Minister ernannt wurde.

Ein historisches Ereignis in Turnschuhen, international beachtet und kommentiert. Das alte politische System war vorbei, eine neue Zeit begann. Übrigens waren damals gerade mal sechs Jahre seit Gründung der Grünen vergangen.

Stellen wir uns kurz mal vor, die AfD, im Jahr 2013 gegründet, wäre sechs Jahre später in Sachsen, wo sie damals schon auf 27,5 Prozent hochschoss, in die Regierung gekommen und hätte Minister gestellt. Was wäre dann aus ihr geworden? Hätte sie sich entrümpelt und hätte sich eine Realo-Mehrheit entwickelt? Wäre die AfD respektabel geworden?

Wie wir wissen, kam es anders. Deshalb steht die AfD nun, 13 Jahre nach ihrer Gründung, vor der historischen Chance, nicht nur zu regieren, sondern sogar den Ministerpräsidenten zu stellen.

Ich kann mich an keine Landtagswahl erinnern, die vergleichbar ausgeleuchtet worden wäre. Ständige Meinungsumfragen schüren die Hysterie, die Sachsen-Anhalt umwabert. Eine Art Bürgerinitiative empfiehlt taktisches Wählen, wobei die Taktik darin bestehen soll, Grüne und SPD zu stärken, damit die AfD nicht mit 42 oder 43 Prozent plötzlich allein regieren kann.

Es stimmt, dass es auf die Wahlbeteiligung ankommt. Sie lag bei den letzten beiden Wahlen um die 60 Prozent, was nicht wenig ist, aber auch nicht viel. Der Durchschnitt aller Landtagswahlen liegt zwischen 65 und 70 Prozent. Sachsen-Anwalt kam 1998 einmal darüber, mit 71,1 Prozent. Und diesmal?

Sechs Tage noch und wir wissen mehr. Aber schon heute wissen wir, dass die AfD der Wahlsieger sein wird. Vielleicht holt die CDU auf den letzten Metern ein wenig auf. Aber sollten die Grünen nicht den Wiedereinzug ins Parlament schaffen, könnte es auch zum Patt kommen – SPD plus Linke plus CDU hätten dann so viele Sitze wie die AfD alleine.

Nichts scheint unmöglich zu sein in Sachsen-Anhalt. Aber wer soll dann mit wem regieren?

Auf jeden Fall ist die AfD auf dem Vormarsch, ob uns das gefällt oder nicht. Sie verändert die politischen Koordinaten, nicht nur im kleinen Sachsen-Anhalt. Die Frage wird am kommenden Sonntag nach der ersten Hochrechnung sein: Kann man einen derart klaren Wahlsieger von der Regierung fern halten?

Das politische System hat die AfD ausgegrenzt, anstatt zu versuchen, sie zu integrieren. Allzu lange herrschte die Illusion vor, die Partei am rechten Rand lasse sich klein halten, klein reden. Friedrich Merz machte sich mit der Kritik an Angela Merkel beliebt und glaubte wohl tatsächlich, dass er durch die Kraft seiner Persönlichkeit die CDU prinzipiell stärken und die AfD schwächen könnte. Irrtum.

Was aber passiert nach dem 6. September in Berlin? Ich möchte fast darauf wetten, dass Markus Söder zu den Ich-hab’s-immer-schon-gesagt-Besserwissern gehören wird. Es ist seine letzte Chance, sich noch einmal als Kanzler ins Spiel zu bringen und testosterongesteuerte Tatkraft zu fingieren, wie es seine Art ist.

Friedrich Merz wird wackeln, aber fällt er auch? Möglich ist es schon, sofern die CDU, wund gescheuert, den Aufstand wagt und Hendrik Wüst Anspruch auf die Kanzlerschaft erhebt. Oder lässt Wüst doch Söder den Vortritt und wartet lieber ab? 

Nach dem 6. September wird vieles anders sein, in Magdeburg wie in Berlin. Aber wie viel?

Veröffentlicht auf t-online.de, heute.