Hochschätzung des Mittagsschläfchens

Im Ohr noch das Gejammer von Autoren und Verlegern bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie sich die Büchertische in meiner Buchhandlung unter Neuerscheinungen biegen. Ein Meer an Romanen und Sachbüchern, unüberschaubar und anscheinend unversiegbar.

Ich behelfe mir damit, dass ich jeden neuen Krimi von John Grisham und  jeden neuen Roman von Ian McEwan kaufe. Dazu das eine oder andere Geschichtswerk, das ist es. Nebenbei schaue in die Feuilletons und ins Netz, damit mir nichts entgeht. Aber das ziellose Geschnatter bringt mich nur selten weiter.

Zu unserem Glück gibt es eine zusätzliche Gattung Mensch: die Literaturkritiker. Sie müssen Lotsen sein, dürfen gerne mal den Scharfrichter geben und altväterliche Milde sollte die Ausnahme sein. Nur Langeweile ist verboten.

Ich erinnere mich an Marcel Reich-Ranicki, für den Literatur eine extrem ernste Sache war, eine Überlebensstrategie. Für ihn hatten Bücher Fanal-Charakter und unter den Autoren hatte er Freunde. Einer von ihnen, Martin Walser, wurde zu einem Todfeind, als er abschätzige Bemerkungen über sein letztes Buch in einem neuen Buch bösartig heimzahlte, indem er es„Tod eines Kritikers“ betitelte. So ging es damals zu.

Für uns Heutige ist nun Denis Scheck eine Instanz. Er besitzt sogar fast ein Monopol, wobei Monopole immer problematisch sind. Wer bei ihm Lob erfährt und dann von Giovanni di Lorenzo oder Hubertus Meyer-Burkhardt wohlwollend im TV interviewt wird, hat gute Chancen, auf die „Spiegel“-Bestsellerliste zu kommen.

Obwohl Denis Scheck erst spät am Abend im Fernsehen auftreten darf, hat er seine Gemeinde. Weil es nicht viele seiner Art gibt, nimmt jeder, der mit dem Buchwesen verbunden ist, seine Urteile gespannt wahr. Dass er Missliebiges in die Tonne tritt, ist ein Akt, den man nicht gut finden muss. Das Geckenhafte seiner Erscheinung ist auch nicht nach  jedermanns Geschmack. Na ja.

Denis Scheck mag die erfolgreiche B-Ware nicht, so viel ist klar. Er verwarf Sebastian Fitzek („stupider und voyeuristischer Gewaltporono“) genauso wie Sophie Passmann und Elke Heidenreich. Und jetzt ist Ildiko von Kürthy dran. Bei ihrem Buch handle es sich um Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette, sagte er im Ton größtmöglicher Abscheu.

Peinlich wäre es für Denis Scheck gewesen, wenn sich niemand darüber aufgeregt hätte. So aber ist das Absehbare geschehen. Große, große Solidarität der Frauen, dazu teilt Ildiko von Kürthy Denis Scheck über „Die Zeit“ mit, dass sie ihn nicht mehr leiden mag und bedankt sich bei den Freundinnen für Wärme und Beistand. Wie lieb.

Ich bin Ildiko von Kürthy ein paarmal flüchtig begegnet. Ich habe auch keines ihrer Bücher gelesen. Aber das professionelle Marketing, das sie Buch für Buch aufzieht, ist nicht zu übersehen. Diesmal habe ich ein offenherziges Interview gelesen, in dem sie über die Seligkeit des Mittagsschläfchens und die Entspannung durch heraufziehende Altersmilde im 50. Lebensjahr sehr beredt Auskunft erteilt. Besser kann man ein Buch nicht promoten.

Nun ist der Terminus Geschnatter auf der Damentoilette Beleidigung auf das Feinste und Gemeinste. Männer sollten ja noch nicht mal heimlich so über Frauen denken, wie sie früher über sie geredet haben. Im nationalen Diskurs sollten wir besser unsere lernstarke Gender-Könnerschaft unter Beweis stellen.

Die öffentliche Schmähung einer Autorin in dieser No-Go-Qualität ist eigentlich nicht vorgesehen. Sie ist in diesem Fall natürlich unter dem Gesichtspunkt der allmählichen Verfertigung einer möglichst kampfstarken Provokation zu verstehen.

Beim Nachdenken über das Prinzip Geschnatter auf der Toilette fiel mir eine Episode aus der „Zeit“ ein, lange ist sie her. Damals war Helmut Schmidt Weltendeuter der Nation und tauschte sich gerne mit Ralf Dahrendorf aus, der ein herausragender Soziologe war. Sie redeten und redeten, wandelten über den Redaktionsflur und wollten sogar auf dem Ort menschlicher Erleichterung nicht auf den Austausch brillanter Gedanken verzichten. Das ging ungefähr so: China ächzt und wankt, die USA sind überbeschäftigt mit sich selbst und Europa ist das Weltkind in der Mitten – was meinen Sie, Helmut?

Das Geschnatter auf der Toilette kann also durchaus kulturvoll sein, soll damit gesagt werden. Worüber Autorinnen und ihre Geschlechtsgenossinnen dort reden, wissen nur sie. Vielleicht über die Kaltstellung von Hamas und Hisbollah? Vielleicht über die Gemeinheiten des Denis Scheck, den unsere Ildiko nicht mehr leiden mag? Wer weiß.

Ildiko von Kürthy ist beneidenswert, weil sie in ihren Bücher ihre Zeitgenossinen an ihrem Leben so teilhaben lässt, dass sie sich darin erkennen. Der rauschende Verkaufserfolg gibt ihr recht, weil im Kapitalismus nun mal Zahlen zählen. Dass sie ihre Neider hat, ist kein Wunder.

Männer werden in der öffentlichen Auseinandersetzung über das Geschnatter der Autorin weiterhin die Ausnahme bleiben. Sie fragt keiner. Ihre Meinung ist noch nicht mal Nebensache. Ihnen hängt der Schwefelgeruch des Maskulinen an. Die Freundinnen im Kürthy-Orbit ignorieren sie nicht einmal. Insgeheim könnten diese Männer deshalb zwei Gedanken befallen, wie eine kleine Umfrage ergibt. Beide haben mit dem Mann-Frau-Ding zu tun, sehr vorsichtig, versteht sich.

Erstens ist der Literaturbetrieb ohnehin in Frauenhand. Frauen lesen Manuskripte in den Verlagen, senken oder heben den Daumen. Sie bevorzugen Frauen, zumal unter den Käufern die Käuferinnen überwiegen. Ein selbstreferentieller Betrieb also. Muss nicht stimmen, kann aber. Und ist ein eigenes Instrument in der polaren Geschlechterwelt.

Zweitens fehlt ein Genre unter den Büchern, die sich auf den Büchertischen biegen. Es handelt sich um den Selbsterfahrungsbericht alternder Männer, die noch einmal Kinder zeugen, also etwa Peter Maffay oder Mick Jagger oder auch Konstantin Wecker. Womöglich finden sich da geschlechterübergreifende Gemeinsamkeiten, vielleicht treffen sie sich ja sogar mit ildiko von Kürthy in der Hochschätzung des Mittagsschläfchens.

Veröffentlicht auf t-online.de, gestern.