Wahrscheinlich folgen die meisten von uns diesem Rhythmus: Der letzten Phase des Kaufrauschs folgt die Erschöpfung, die spätestens am Weihnachtsabend in Nachdenklichkeit übergeht. Manchmal im Stillen, manchmal in vertrauter Runde kommen ein paar wesentliche Fragen auf: Bin ich in der richtigen Lebensspur? Was darf ich mir erhoffen und was muss ich befürchten?
Vom römischen Philosophen-Kaiser Marc Aurel, der von 121 bis 180 lebte, stammt der schöne Satz: Die Kunst des Lebens besteht mehr im Ringen als im Tanzen. Ja, viele von uns kämpfen sich mehr oder weniger mühsam durchs Leben, privat wie politisch. Nichts fällt momentan so richtig leicht, wenn wir an die Weltläufte denken.
Offenbar ist es die Geschichtsetappe der Ruchlosen, der Trumps, der Xis, der Putins, der Netanyahus. Sie geben den Ton an, lenken die Geschicke, nehmen sich, was sie wollen und erkennen nur das Recht des Stärkeren an. Moral? Völkerrecht? Sind die rhetorischen Waffen der Schwachen.
Vielleicht sagt der eine oder andere in Ihrem Freundeskreis, er beginne nicht mehr den Tag mit den Nachrichten im Radio oder Fernsehen, um nicht schon kurz nach dem Aufwachen von den neuesten schlechten Nachrichten bestürmt zu werden. Attentat hier, Anschlag dort. Ukraine. Gaza. Venezuela. Sudan. Drohnen, hier, Drohnen dort.
Wer denkt da schon ans Tanzen? Vielleicht Donald Trump in seinem neuen Ballsaal. Aber sonst?
Geschichte verläuft nicht linear, sondern im Auf und Ab. Das ist einer meiner ehernen Sätze. Aber gilt er noch? Man kann schon irre werden, wenn vieles plötzlich nicht mehr stimmt und das Gegenteil zuzutreffen scheint. Auf den Charakter kommt es an, heißt es – aber was ist, wenn ein Regierungschef keinen Charakter hat? Auch der andere könnte recht haben – aber unterbreite diesen humanen Satz einmal einem Präsidenten, der vernichten will, wer ihm widerspricht.
Was tun? Man kann sich aufs Private zurückziehen und dort das Glück suchen, schon wahr. Diese Bewegung nach Innen ist verständlich, weil man ja ohnehin keinen Einfluß auf das große Ganze besitzt. Also Bescheidenheit und Vorsicht als Mittel des Überlebens in finsterer Zeit. So lässt sich Luft schöpfen und man kann aus dieser Binnenwelt ja auch irgendwann wann mal wieder auftauchen. Also kein Risiko in dieser bedrohlichen Unübersichtlichkeit.
Man kann aber auch versuchen zu verstehen, was da in der Welt los ist, weil Wissen die Illusion verschafft, dass sich das Geschehen kontrollieren lässt. Wissen kann Macht sein und führt wenigstens aus der Ohnmacht, die bestimmt kein Spaß ist, ins gedanklich Freie. Gut möglich ist jedoch dabei, dass man sich vorkommt wie das Kaninchen vor der Schlange.
Was sich Donald Trump morgen einfallen lässt, können wir heute so gut wie gar nicht ahnen. Übernimmt er Venezuela und befreit Kuba und/oder schenkt er Russland die Ukraine und welchen Schurken amnestiert er heute? Die Börsen scheinen von den Gesetzen des Marktes, an die wir uns gewöhnt haben, so gut wie befreit zu sein – oder doch nicht ganz? Europa ist und bleibt ein ängstlicher Riese – oder rafft er sich gerade noch auf, zum Beispiel militärisch, wenn auch vielleicht zu spät oder doch gerade noch rechtzeitig, bevor die Einschläge näher kommen?
Wenn man sich in der Welt umsieht, ist man mit dem eigenen Land versöhnt. An Friedrich Merz lässt sich herummäkeln, na klar, aber er macht auch ziemlich viel richtig. Wie Keir Starmer und Emmanuel Macron erinnert er an Sisyphos, der immer wieder den Stein den Berg hochschiebt, der dann wieder herunterholt. Der Stein ist Donald Trump, der vorübergehend Wirklichkeitssinn erkennen lässt, ehe er wieder die Ukraine dem Kriegstreiber Putin überlassen will.
Wie geht das weiter und wie schauen wir heute in einem Jahr zurück auf 2026? Ist Trump noch der gefährlichste Mann der Welt oder hat es sich ausgetrumpt? Dass wir keine plausiblen Prognosen abgeben können, und es nicht einmal wagen, beschreibt unsere unangenehme Lage am besten.
Veröffentlicht auf t-online.de, heute.